Tag-Archiv | Klinik

Friede und Schwachsinn…

Ein beliebtes Instrument medizinischer Fachabteilungen ist das “Konsil”. Wikipedia sagt dazu, ein Konsil sei “die patientenbezogene Beratung von Ärzten (…) durch einen entsprechenden Facharzt.

Auf gut deutsch: Ich habe da eine Patientin auf der Gyn liegen, mit – sagen wir mal – FUSSPILZ. Jetzt fühle ich mich nicht in der Lage zu sagen, ob Frau Hammerzeh tatsächlich Fusspilz hat, oder doch eher diabetische Füsse. Oder Nagelpilz. Oder ganz was anderes (leckeres…).

Also schreibe ich auf einen (extra dafür vorgesehenen) Konsil-Zettel, um welche Frau es sich handelt, was ich meine an der Patientin diagnostiziert zu haben, dass ich mir aber nicht sicher bin, ob meine Diagnose stimmt, und der dermatologische Kollege sich die ganze Nummer doch bitte mal selbst anschauen soll. Der kommt dann auch irgendwann zwischen jetzt gleich und drei Tage nach Entlassung der Frau mit seiner Notfall-Ration Kortison… – Verzeihung: Pilzsalbe vorbei, und schreibt auf denselben Zettel, ob ich Recht hatte, oder nicht. Und wie man weiter therapieren soll.

DAS ist eine konsiliarische Vorstellung. Und die kann man für jede nur denkbare medizinische Fachrichtung durchführen. Wobei z.B. rechtsmedizinische Konsiliare nur sehr selten gefordert werden, aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Die Großmeister der konsiliarischen Anforderungen sind in fast allen Kliniken dieser Welt die Psychiater. Das mag zwei Gründe haben: psychiatrische Patienten sollen, bzw. wollen gerne beschäftigt sein. Und zwischen Morgengespräch, Mittagssitzkreis und Abend-Ergo ist eben immer noch genug Leerlauf, den es zu überbrücken gilt. Der zweite Grund – und das behaupten jetzt nur böse Zungen, ich würde mich nie soweit aus dem Fenster lehen wollen *hust*: Die Kollegen der Psychiatrie haben in den Jahren ihrer therapeutischen Tätigkeit – nun, sagen wir es einmal so: die Grundsätze klinischer Medizin ein wenig aus den Augen verloren. Anamnese erheben (klinische Anamnese, wohlgemerkt! Nicht die Frage nach dem aktuellen Gemütszustand oder so etwas), körperliche Untersuchung – die Basics eben.

Und so treibt das konsiliarische Wesen in diesen Abteilungen schonmal seeeeeehr seltsame Blüten. Wie jener Schein, der kürzlich im Konsilfach unserer Abteilung lag:

Konsilanforderung für Frau Jungblut, 33 Jahre alt, psychiatrisch stationär wegen akuten Schubes ihrer bekannten Depression

Patientin nimmt seit drei Jahren regelmässig die Pille ein. Blutung damit regelmässig alle 28 Tage. Keine Schmerzen, Pille wird gut vertragen.  Zur Zeit kein Kinderwunsch. Letzte gynäkologische Untersuchung vor 3 Monaten beim Frauenarzt: alles in Ordnung. Erbitten gynäkologisches Konsil!

Ich (am Telefon): “Hallo? Kollegin Bleuler? Ich habe gerade den Konsilschein für Frau Jungblut gefunden…!”

Bleuler (offensichtlich hoch erfreut, mich zu hören): “Ja. JA! Frau Jungblut. Depressive Patientin. Schön! Wann kann sie denn kommen?”

Ich (bemüht freundlich): “Warum soll die Frau denn überhaupt kommen? Sie schreiben doch: Keine Beschwerden, keine Schmerzen – letzte Untersuchung beim Frauenarzt vor 3 Monaten okay?”

Bleuler (liebenswürdig): “Nun – ich habe ihr gesagt, dass das gar nicht sein kann, dass man als Frau in ihrem Alter MIT Pille völlig beschwerdefrei ist. Und nachdem wir da ausführlich drüber gesprochen haben fiel ihr ein, dass sie vor Jahren immer so Bauchschmerzen hatte, wenn sie ihre Tage bekam. Vielleicht können Sie mal nachschauen, ob alles in Ordnung ist!”

Kopf -> Tischkante!!!

Same shit – different day….

Donnerstag. Vollmond. Alles irre…

Der Tag beginnt mit einem laut weinenden Kind männlich (MEINEM laut weinenden Kind männlich), der mich kurzfristig darüber nachdenken läßt, ihn mit in die Klinik zu schleifen um ihn dort dem chirurgischen Chefarzt vorzustellen. Grund: der Kerl  hat Bauchweh, linksseitig, punktuell, und Übelkeit, “daaaaaaaa” *wildüberdenhalswedel* und blass ist er auch. So. Mein Problem: bei meinen Notfallpatientinnen dauert es mittlerweile geschätze 30 Sekunden, bis ich einigermaßen zuverlässig beurteilen kann, ob sie ein akutes Abdomen, eine Magen-Darm-Grippe, Mittelschmerz oder einfach nicht mehr alle Latten am Zaun haben. Mein Mittelkind ist aber erstens männlich (wie war das nochmal bei denen so unterhalb der Gürtellinie?!…), zweitens auch jetzt schon ein echter Kerl (Stichwort: gemeingefährlicher Männerschnupfen… !) und drittens mein Kind, will sagen – auch nach einer halben Stunde Untersuchung, drücken hier und palpieren da, hab ich nicht die leiseste Ahnung, was Sache ist. Und das, obwohl ich HIER die komplette Anamnese schon intus habe. Es könnte alles so einfach sein…

Und wie immer, wenn es sich um ein pädiatrisches Konsil für meinen Nachwuchs handelt, frage ich den einzigen Menschen, dessen Urteil ich ungesehen und uneingeschränkt vertraue: MEINEN MANN. Den IT-MANAGER…*hust*!!! Mädels, ich sag euch, wenn ihr Mutter seid könnt ihr euer medizinisches Wissen jeden Tag getrost in der Klinik lassen, packt es hübsch zu euren Kitteln und Fachbüchern, ihr werdet es Zuhause nicht brauchen, denn ihr könnt es an eurer eigenen Brut ja sowieso nicht anwenden!!! Ätschibätsch! Und wenn es ganz dumm läuft, auch nicht an euren Männern, Geschwistern, besten Freunden, Eltern, Großeltern. Ist so. Plöde Geschichte.

Aber zurück zum Thema: nachdem der Vater das Kind als nicht lebensgefährlich erkrankt eingestuft und  mich sanft aber energisch vor die eigene Haustür gesetzt hat, setz ich mich tapfer ins Auto und fahre zur Arbeit. Hätt ich nicht machen sollen. Ist nicht gut für die Nerven…

Es beginnt mit unserem Dienstzimmer, welches schon seit Wochen renoviert werden soll, zu diesem Zweck schon vergangene Woche von uns leer geräumt wurde, und seitdem in trostlosem Stillstand vor sich hin dämmert. Der Chef will neues Mobiliar für uns, wir wollen neue Farbe an den Wänden, aber beides ist noch nicht genehmigt. Da aber die Genehmigung erst eingeholt werden konnte, nachdem das Zimmer leer geräumt war, sitzen wir jetzt wie die Nonnen im Kloster mit Bett, Stuhl und Tisch auf kargen 15 qm Abstellraum. Und weil das so gehörig auf die Stimmung schlägt, trägt jeder klammheimlich sein Lieblingsstück zurück ins Zimmerchen, mit dem Ergebnis, das es hier jetzt aussieht, wie auf der Baustelle: Mikrowelle, Fernseher, und Computer geben sich ein Stelldichein mit Kaffeemaschine, zwei paar Schuhen (getragen), einem Spekulum (UNBENUTZT) und einem angebissenen Stück Kuchen (unbekannter Herkunft). Und das alles auf zwei Quadratmetern Schreibtisch. Das Bett steht quer in der Zimmermitte, HINTER dem Schreibtisch, sodaß man Nachts schon arg aufpassen muß, im Tran nicht gegen das Tischchaos oder alternativ: den Schrank zu rennen.

Und weil es ja sowieso so übel aussieht, hält es auch keiner mehr für nötig, seinen Kram noch irgendwo hin  zu räumen – und lädt weiter fleißig alles auf dem sich biegenden Schreibtisch ab. Somit hängt mein Arm gerade in Schnegges Krümelteller, während ich mit der Maus Kreise um Mallucis Bananenschale ziehe. Eklisch…

Aber das war erst der Anfang – auf der Entbindungsstation hat meine *achtungironie* Lieblingsschwester Clementine Dienst – 63 Jahre geballtes Kinderkrankenschwesterwissen, und immer noch von Tuten und Blasen keine Ahnung! Clementinen eine Lieblingsbeschäftigung ist Essen, die Zweite: Telefonieren. Und so bringt sie einen jeden diensthabenden Arzt mit zweiminütigen, unverständlichen (weil mit vollem Mund vorgebrachten) Lapidaranrufen zur Strecke. SO zum Beispiel:

“Frau Doktor, Patientin XY kommt jetzt bald in den OP – geben sie ihr den Aufklärungsbogen, oder ich????”

“Frau Doktor, Patientin AB soll nach dem Frühstück in die Ambulanz kommen – sie hat jetzt gefrühstückt – soll sie jetzt kommen????”

auch gerne genommen – Nachts um halb drei:

“Frau Doktor, Frau CD kann nicht schlafen, kann ich ihr eine halbe Schlaftablette geben?” – “Clementine, das steht doch schon in der Kurve, daß sie die haben darf!!!” – “Nee, da steht, sie darf eine GANZE haben, sie will aber nur eine halbe….?!” *indietischkantebeiss*

Echt wahr – die Frau macht mich fertig. Klassisch ergänzt wird sie heute von Frau Planlos, einer sehr netten, aber leider völlig kopflos arbeitenden Ambulanzschwester, die vor allem Angst hat, was medizinisch ist: Spritzen, Blutentnahmen, Wundspülungen, Verbandswechseln. Und so greift sie jederzeit sofort zum Telefon, wenn eine drohende Konfrontation mit einem der o.g. Dinge am Horizont erscheint. Mit dem Ergebnis, das wir Ärzte zum Stationsalltag auch noch die Ambulanzroutine übernehmen dürfen. Ich möchte bitte-danke ein bisschen weinen.

Nach einem halben Tag proppevoller Ambulanz, 6 stationären Aufnahmen, einer Entbindung, einem gynäkologischen Konsil um 18.15 (Blutung aus der Scheide bei Frau ohne Gebärmutter – und die Internisten haben sich ernsthaft gewundert, daß es eben KEINE Blutung aus der Scheide war… *seufz*) sitz ich nun hier in meiner kleinen, trostlosen Ramschkammer, muß noch mindestens 20 Bürokratiebögen (von Hand!!!!!) ausfüllen, zwei OP-Berichte und 5 Entlassungen diktieren, hab immer noch nichts gegessen – und bin EXTREM SCHLECHT GELAUNT!!! Und was passiert? Das Telefon klingelt! Und nein, es sind weder Frau Planlos noch Schwester Clementine, es ist der Nicht-Medizinergatte, das Kind hätte jetzt, nach einem Tag voller Zwieback, Tee und Harry-Potter-Hörbuch, wieder vermehrt Bauchweh, er gibt es jetzt auf, und bringt die Primadonna vorbei.

Darf ich bitte, bitte einen neuen Tag haben????….

Nachtrag 20.30: der Gatte und Kind Männlich sind wieder wohl behalten Zuhause – mein Lieblingschirurg hat zweimal den Bauch abgetastet, mir einen wissenden “Mütter-ich-versteh-schon-Blick” zugeworfen, und meine Männer mit Schmerzmitteln sowie Anweisung für Bananenzwieback und Wärmflasche nach Hause geschickt. Hatte Dr. IT heute morgen auch schon so ähnlich ordiniert… – naja, Hauptsache alles gut… *ggg*

Nachtrag Freitag, 2.35 morgens: Das Telefon klingelt und reißt mich unsanft aus meinem Nachtschlaf: Clementines “kleine Schwester” (will heißen: selber Typ aber 20 Jahre jünger), heute im Nachtdienst, gibt mir weiter, “Frau H., die Frau mit Kaiserschnitt von vor-vorgestern hat gaaaaaaanz schlimme Schmerzen an der Naht” – ob ich mal dringend schauen kommen könnte?!… Also schäl ich mich aus meinem warmen Bettchen und trabe los zur Entbindungsstation, wo in Zimmer 4, munter und gesprächig, eine junge Frau das komplette Bett ausfüllt, mich freundlich begrüßt, und mir ihren (immer noch) riesigen Bauch schonmal ausgepackt hat. Ich begutachte die Narbe – und die sieht gut aus! Ich taste –  und es tastet sich gut.  Ich frage die Frau, wo genau sie Schmerzen habe – und was bekomme ich zu hören?! – Schmerzen seien es eigentlich keine, es sei nur UNANGENEHM beim Aufstehen…

Mit der strikten Anweisung, heute Nacht NICHT MEHR aufzustehen, verlasse ich Frau H.s Zimmer und begebe mich ohne Umwege zurück in mein Dienstzimmer. Denn wenn ich jetzt Klein-Clementine über den Weg laufe, dann kann ich wirklich für nichts mehr garantieren….