Tag-Archiv | Kaiserschnitt

Willkommen im Leben, Tscheremy-Marlboro

“Du hättest mich ruhig mal einweihen können! Ich hab geschaut wie Hein Blöd als Schwester Bildzeitung dich geoutet hat!”
Wütend funkel ich zu Gloria hinüber, die verschämt ihr Goldköpfchen senkt.
“ich habe keine Ahnung, woher sie das weiß! Wir waren immer so vorsichtig!” murmelt es undeutlich zurück.
Immer?!
“Wie jetzt – immer? Seit wann geht das denn schon mit dir und Mr. Lover-Lover?”
Ich bin entsetzt. Die Lieblingshebamme enthält mir vorsätzlich wichtige Informationen vor? Das glaub ich ja nicht…!
“Nuschel”
“Ich hätte schwören können, du hast gerade “halbes Jahr” genuschelt. Aber da habe ich mich ganz sicher verhört! Stimmt doch, Gloria? Ich muss mich verhört haben?!”
“Ich muss dann jetzt mal pressen.!”
Frau Schmidt auf dem Kreissbett zwischen uns wartet das Ende unserer Diskussion erst gar nicht ab, sondern presst gleich mal ordentlich durch. Interessiert und einträchtig senken die Hebamme und ich den Kopf um den Effekt des Pressversuches zu beurteilen. Gloria hebt anerkennend die Linke Augenbraue.
“Nicht schlecht, Frau Schmidt – ich kann schon Haare sehen!”
Frau Schmidt ist ein echtes Phänomen – neunte Schwangerschaft, achtmal völlig unproblatisch spontan geboren. Und das, obwohl sie klein und dürr wie ein Geierjunges ist. Und locker fünfzehn Jahre vorgealtert, was sie wohl den zwei Päckchen Zigaretten pro Tag zu verdanken hat, die sie während der Schwangerschaften immerhin auf zwanzig Fluppen täglich reduzieren konnte.
Frau Schmidt ist obendrein ein recht seltenes Phänomen: gleichwohl mit der Figur eines präpupertären Teenager gesegnet ist sie eindeutig Vollprofi im Fachbereich Kinder gebären. Drei ihrer bisherigen acht Geburten hatte ich schon persönlich miterlebt und alle liefen immer nach demselben Schema F ab: im Raucherhof eine Zigarette nach der anderen – “Die Aufregung, Frau Dokta, is’ klar, nä?” – dann, pünktlich zu Muttermund vollständig ab in den Kreissaal und rauf aufs Bett, zweimal gepresst, Kind da. So einfach geht das! Und alles ohne Geschrei und Gejammer, selbstverständlich ohne PDA, denn mit der darf man nicht zum Rauchen in den Hof, und kaum ist die Plazenta draußen, zieht sie mit ihren Marlboro schon wieder weiter.
“Nächste Wehe!”
Völlig konzentriert presst Frau Schmidt ihr neuntes, winzigkleines Raucherbaby an schlaffen Beckenbodenmuskeln vorbei in die Welt und mit einem böse grollenden, nikotininduziertem Husten folgt auch gleich die noch winzigere, völlig verkalkte Plazenta nach.
“Junge? Heißt Tscheremy-Marlboro. Tscheremy mit T-S-C-H. Marlboro wie die hier!” sprichts und hält mir die Zigarettenpackung unter die Nase. Dann schlurft sie breitbeinig zur Tür hinaus, das OP-Hemdchen mit einer Hand über dem dünnen Hintern zusammen haltend.
“Na, du armer Wurm!” murmel ich besänftigend den schreienden Säugling an, dessen Nikotinentzug bereits in vollem Gange ist “Dann mal herzlich Willkommen im Leben!”
Gerade will ich mich nach Gloria umschauen um unser Gespräch über sie und Malucci und überhaupt zu beenden, als Ludmilla, kleine, dicke Russenhebamme den Kopf zur Tür herein steckt: “Josephine – komm! Frau Blume- Sonne tut schreien!”
Wer?
“Frau Hühner-Wanne!”
HÄH?!
“Blümel-Wonne” hilft Gloria jetzt aus.
“Und was schreit sie, bitte?”
“Kaiserschnitt!”
Isses wahr…!

Menschen treten in unser Leben…

…und bringen uns etwas bei. Und wenn sie es gut getan haben, vergißt man es nie wieder.

Ich hatte einmal einen Oberarzt, der bis zum heutigen Tage nichts geringeres als Kultstatus bei mir innehat. Nicht viel älter als ich kam er just in dem Moment  an “mein” Haus, als ich endlich, endlich in den Kreißsaal routieren sollte, und mischte vom ersten Tag an die stockkonservative, sehr angestaubte Vorkriegsentbindung auf höchst erfrischende Art und Weise auf – und hat ganz nebenbei mich und meine Einstellung zu Geburt und gebären nachhaltig beeinflußt.

Punkt eins: Vor Geburtshilfe muß man auf alle Fälle Respekt haben – aber keinesfalls Angst. Punkt zwei: Ich kann Epis median schneiden – denn ich weiß, wie man den Sphinkter näht. Punkt drei: Immer_schön_ruhig bleiben!!!

K. hat mir meine erste, meine allererste höchsteigene Sectio caesarea assistiert. In einer Klinik, wo dir jeden Tag das Grauen in Form eines überaus explosiven, patriarchisch angehauchten, jähzornigen Chefs im Nacken sitzt, der Frauen in der Medizin generell als lästiges Übel – in einem operativen Fach jedoch als gänzlichst Fehl am Platz betrachtet – unter solch einer Herrschaft darfst du nicht mal eben selbst operieren! Oh nein! Da mußt du betteln. Und warten. Und auf ein Wunder hoffen. Mein Wunder hieß K. und ich konnte mein Glück wochenlang nicht fassen. Nichts desto Trotz hatte ich Angst. Vor dem Chef, den OP-Schwestern (die einen ohne mit der Wimper zu zucken derart auflaufen lassen konnte, daß man sich wünschte, nie wieder einen OP-Saal von innen sehen zu müssen), vor der Verantwortung und der eigenen Courage.

Kleinere Eingriffe hatte ich bereits hinter mir – aber da lagen zumindest die Patientinnen tief anästhesiert und somit schweigend auf dem Tisch, und es war wurscht, wenn es denn mal fünf Minuten länger dauerte oder man einen üblen Anpfiff von irgendwo her kassierte. Bei einer Sectio ist das ganz anders: das Kind soll raus, und dieses Prozedere sollte so wenig Zeit wie möglich in Anspruch nehmen. Die Mutter wartet ungeduldig, der Vater, der Anästhesist und die Hebamme, die Pädiater tippeln unwirsch dreinschauend zwischen Säuglingseinheit und OP-Saal hin und her – und jede Manöverkritik kommt direkt dort an, wo man sie garantiert nicht hören will: bei den Eltern des ungeborenen Kindes. Hat man sich denn schonmal schwitzend an Muskelfaszien, Harnblasen und Darmschlingen vorbei laviert, ohne größeren Schaden anzurichten, kommt die Hauptsache quasi zum Ende: 1. Uterusinzision OHNE das Kind zu verletzen!!! 2. Erweiterung der Inzision ohne durch zu weites Dehnen die Arteria uterina mal eben vom Uterus abzureißen und 3. das Kind packen, Köpfchen aus dem kleinen Becken der Mutter puhlen (von Schräg- oder Beckenendlagen will ich gar nicht erst anfangen…) und tutti completti aus einer ungefähr handtellergroßen Öffnung zerren. Großartig. Wir fassen zusammen: ich hatte UNGLAUBLICHE Panik vor meiner ersten Sectio. Und das sagte ich K. Und er antwortete: Keine Panik, Josephine, du assistierst mir jetzt einfach mal ein paar Schnittchen, und eines schönen Tages stell ich mich einfach LINKS vom Tisch – DANN bist du dran. Und dann schaffst du das auch.

Tja, und so lief er dann auch, unser kleiner Deal. Ich assistierte, bis ich den Ablauf mit links und im Tiefschlaf runteroperieren konnte – und eines schönen morgens stand K. freundlich lächelnd auf Position der ersten Assistenz – und assistierte mir ganz großartig und wunderbar meinen ersten Kaiserschnitt. Ich weiß noch, wie ich an jenem Tag quasi heim geflogen bin – auf einer großen Wolke Glückseligkeit.

Und K. lehrte weiter – wie entbinde ich Gemini? Wie mach ich eine MBU? Wie nähe ich am schönsten eine Epi? Einen Dammriss? Ersten, zweiten, dritten Grades? Kein Problem – er konnte ALLES. Und ich staunte und lernte und war dankbar über all die Ruhe und jede Menge Verständnis – für große und kleine Wunder. Angewandte Medizin eben. Und auch wenn ich ihn schon lange nicht mehr gesehen habe, so gibt es doch immer wieder Situationen, die ich nur deshalb sicher und ohne groß nachzudenken bewältigen kann – weil ER mir etwas beigebracht hat. Und das hat er gut gemacht :)

HEUTE Nacht im Kreißsaal…

Den kompletten (Dienst-)Tag bin ich – gemeinsam mit der diensthabenden Hebamme – um eine Schwangere herum geschlichen, die im Zustand völliger EntscheidungsUNfähigkeit am Tag 14 über Termin vor der qualvollen Frage: “Sectio oder Einleitung” zu kapitulieren drohte. Frau X. (hoch differenziert, fortgeschrittenen Alters) hatte bereits in den Tagen zuvor mehrmals sämtliche Alternativen erwogen, überdacht und verworfen, war nun, kurz vor “es wird jetzt wirklich ernst” nervlich völlig am Ende und bereit, jeden mit in ihr persönliches, psychologisches Tief zu ziehen, der nicht bei drei auf dem Baum saß.

Bereits am morgen hatte ich, gemeinsam mit A., der Hebamme, eine geschlagene Stunde lang die Vorzüge der oralen Einleitung mittels Medikament XY (Off-Label-Use) gegen die sonstigen Alternativen erörtert und beleuchtet. Auch die zeitnahe Verabreichung einer KPDA, sowie die zügige Entbindung via Sectio beim Versagen aller anderen Möglichkeiten waren in Aussicht gestellt und detailliert erklärt worden. Frau X. erbat sich Bedenkzeit. Gegen 11 Uhr dann setzte sie endlich ihren Karl-Friedricht unter die XY-Aufklärung und wir verabreichten die erste Gabe der Nummer oral. Laßt die Spiele beginnen…

Der Tag schleppte sich zäh von Gabe zu Gabe, vierstündig eine halbe Tablette, bitteschön, brav schlucken. Wunderschöne Kontroll-CTGs waren die Folge – herrliche Wehenhügel auf grün-karierter Dauerblattlandschaft – von denen Frau X. nur leider keine einzige verspürte, der Muttermund weiterhin bombenfest, weit sakral und gerade mal mäusefaustdurchgängig. Das kann ja eine verdammt lange Nacht werden… Um 20 Uhr dann Anruf der Hebamme, Frau X. würde gerne über das weitere Prozedere in Kenntnis gesetzt werden – is´ nich´ wahr – leidet meine Akademikerin unter einem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom? Ich hatte den weiteren Ablauf der Einleitung, sowie alle Alternativen, Alternativen der Alternative UND Ausweichoptionen so oft an diesem Montag erläutert, daß meine Studentin, die allen Gesprächen beigewohnt hatte, jetzt ihre Doktorarbeit über “Die übertragene Schwangerschaft – Einleitung mittels XY versus herkömmliches Procedere versus Entbindung mittels Sectio caesarea – ein Überblick”  schreiben kann…

Also stehe ich wieder im Wehenzimmer, vor mir die (nicht wirklich unsympathische – aber völlig entscheidungsbefreite) Patientin, die sich mit großen Kuhaugen erneut hingebungsvoll meinen widerwillig fließenden Monolog anhört. Das Schema sieht vor, die Einleitung alle 4 Stunden mit einer 1/2 Tablette bis zum Ablauf von 24 h weiter zu führen, dann – bei weiterhin unreifem Geburtsbefund – entweder 24 h Pause einzulegen, um der Frau ein wenig Verschnaufpause zu gönnen, oder die Geburt anderweitig zu beenden.

Nein, NOCHMAL 24 h kann sie auf gar keinem Fall warten, sie möchte dann doch bitte – danke morgen entbinden, zur Not auch mittels Kaiserschnitt. Okay, ich – größter Anhänger des klassischen Spontanpartus vor dem Herrn – bin jetzt in der Tat weich gekocht und durchaus gewillt, Frau X. stante pede auf den OP-Plan des morgigen Tages zu schreiben. Ich gebe an, noch kurz Rücksprache mit der Oberärztin halten zu wollen – die ist heute meine Hintergrund und möchte immer gerne auf dem Laufenden gehalten werden – und verschwinde zum Telefon. Die Oberärztin (große Anhängerin des ungestörten Nachtschlafes – macht sie mir doch deutlich sympathisch) rät, von der letzten (nächtlichen) Gabe Wehenmittel abzusehen, wenn denn nun schon alle Weichen auf “Sectio” stünden. Okay, seh ich ein. Find ich gut. Zurück zu Frau X., verkünden der frohen Botschaft: JETZT schlafen, MORGEN Baby.

In froher Erwartung einer zufriedenen Patientin trifft mich der geschockte Blick eben jener doppelt heftig – NEIN, DAS finde sie jetzt auch nicht gut! – WIE JETZT???? Nein, jetzt, wo sie sich doch all den Streß mit der Einleiterei gehabt habe, und doch immerhin schon einige Wehenhügel auf dem laaaangen CTG-Streifen zu finden seien, JETZT wolle sie das Ding dann doch mal durchziehen. So. Ätschibätsch. Und ob sie eine Sectio wolle, wüßte sie jetzt grad auch nicht mehr. Nee – is´ klar. Während die Hebamme neben mir heimlich in die Tischkante des CTG-Wägelchens beißt, beschließe ich, daß ich der irregeleiteten, hormonell indizierten Fehlfunktion von Frau X.s Entscheidungsfindung nichts mehr entgegen zu setzen habe und verlasse das Theater an dieser Stelle. In der Hoffnung, wenigstens noch ein paar Stündchen Schlaf zu bekommen, wandere ich gen Dienstzimmer – und laufe direkt in die nächste Hebamme (FrauVonSinnen)  samt laut schnaufender, offensichtlich hochschwangerer Patientin. Okay, dann eben nur ein bißchen dösen und fernsehen. Man kann nicht immer schlafen…

Gegen 22 Uhr klingelt das Telefon – FvS informiert mich in gewohnt lässiger Art, daß ihre Patientin ein wenig Probleme mit dem Blutdruck hätte und das CTG hin und wieder Dip 1 (aber alle mit guten Zusatzkriterien!!! Nee, is´ klar) bieten würde. Wenn VonSinnen lässig klingt, bekomm ich Kopfschmerzen. Sie ist ein wahres Wunder an Multifunktionalität, kann – mit einer Hand den Damm haltend, gleichzeitig der Frau den Sauerstoff reichend, parallel die Zange auspackend  – bei dir anrufen und fröhlich-lässig ins Telefon singen, das “CTG wäre ein wenig unschön”, ob man nicht mal einen Blick drauf werfen könnte…?!  Spätestens in diesem Moment beginnt mein Adrenalin im Schwall einzuschießen – und ich lege regelmäßig weltrekordverdächtige Kreißsaal-Sprints hin…

Ich verlasse also mein kuscheliges Dienstbett und die Vibrator-Mikrowelle, hetze mit flauem Gefühl im Magen in den Kreißsaal, wo das CTG gerade TIIIIIIIIIIIIIIIIIIEEEEEEEEFE Dezelerationen malt, während der Blutdruck der werdenden Mutter zwischen 180/100 und knapp 200/120 pendelt. Nachdem ich vorsichtshalber Beißkeil und Valium in Griffweite gelegt habe, telefoniere ich SCHON wieder mit der Oberärztin. Die ist von meiner dringenden Bitte, SOFORT ihr Bett gegen den Platz an meiner Seite zu tauschen nur wenig begeistert, verspricht aber trotzdem recht glaubwürdig, sich auf den Weg zu machen. Das CTG malt immer noch eine negative Spitze neben die andere, das Lehrbuch schreibt in diesen Fällen die MBU vor – ich schreite zur Tat. Der kindliche pH ist erschreckend gut, und mein Puls verläßt zur Abwechslung mal wieder den dreistelligen Bereich. Die Oberärztin trifft pünktlich zur Entbindung mit den Worten “was wollen sie denn – ist doch alles prima” ein, um gleich wieder zu verschwinden, und während ich fluchend die Epi versorge, frage ich mich wiederholt, ob ich nicht endlich zu alt für diesen Zirkus bin.

Meine eingeleitete Patientin ist dann heute doch noch sectioniert worden – nachdem sie sich noch gefühlte 2000 mal hin- und herentschieden hatte… ICH bin heute morgen erst mal ein paar Runden reiten gegangen – entspannt tierisch. Im wahrsten Sinne des Wortes… :)