Tag-Archiv | House Of God

Tage zum In-Die-Tonne-Kloppen…

Es gibt solche und solche Tage. Heute war solch einer.

Alles ist eigentlich schei**e – und dann willst du zur Morgen-Übergabe, und unmittelbar nach Öffnen der Kreißsaaltür brüllt es dir in solcher Eindringlichkeit entgegen, daß noch nicht einmal Zeit zum Umziehen bleibt. Die Frau auf der Seite liegend, der dunkle Schopf bereits deutlich auf Scheidenausgang. Und Adrenalin – in rauhen Mengen. Schlechte Laune? Weg – weg – weg!!! Atmen, pressen, ein erster Blick auf´s CTG (UUUaaaaaaah…………..) und schon ist das Köpfchen da. Der kleine Schmollmund versucht ein erstes, zartes Schmatzen und dreht KEIN noch so kleines Stück. Blick zur Hebamme, gemeinschaftliches Nicken, Schwangere auf den Rücken geworfen – es sieht immer SO UNECHT AUS, das (noch) ungeborene Köpfchen aus dem Scheidenausgang ragend – und McRoberts die erste: Beine gestreckt, Beine gebeugt – NICHTS! McRoberts die zweite: NICHTS! Und zum dritten: JETZT der erlösende Satz der Hebamme “Okay – dreht sich!!!!”

Keine zwei Sekunden später flutscht der kleine Körper heraus, beide Hände wie zum Trotz vor der Brust verschränkt: KIND!!! WIE soll DAS denn auch gehen???? *seufz*

Mir geht´s ein bisschen besser – auf Geburten ist eben verlass! Leider fehlen noch zwei bis drei weitere (Geburten), um den Tag endgültig zu retten – aber gut, House-Of-God-like geht es auch mit einer großen Nadel in einem alten Körper: sage und schreibe drei Mädels laufen an diesem Tag mit prall gefüllten Tumorbäuchen auf meiner Station auf, und es macht mir fast ein wenig schlechtes Gewissen, als ich – beinah euphorisch – dreimal schaschlikspießdicke, 10 cm lange Nadeln peilrecht in drei Bauchdecken versenke und dem Bernstein-gelb bis brackwassertrübem Aszites beim Ablaufen zusehe.

Und dann noch eine Magensonde. UND ein ZVK!!! (hab ich seit ner halben Ewigkeit nicht mehr gelegt – geht aber immer noch….). Endorphine bringen gute Laune zurück – dies und nichts anderes ist der Grund dafür, daß überhaupt irgendjemand freiwillig operativ tätig sein will. Denn egal ob Skalpell, Nadel oder Was-Auch-Immer – solange man irgendetwas irgendwo  hineinbohren kann, werden genug Gute-Laune-Hormone frei gesetzt, welche auch der miesesten Stimmung trotzen. Hurray! Morgen mehr…

Die Qual der Wahl…

Im Gegensatz zu früher (also gaaaaaaaanz früher, so Anno 1850) gibt es in der Medizin ja mittlerweile dutzende, ach was, hunderte verschiedener Fachrichtungen. Somit kann jeder Spleen ausgelebt, alle Interessen, Neigungen und Wünsche adäquat bedient werden!

Für die “höheren Töchter”, welche keine Lust auf zahlreiche (kraftraubende) Dienste haben, obendrein vielleicht nicht wirklich die Klassenbesten oder sonstwie nur zufällig im medizinischen Studium gelandet sind, hat der liebe Gott die

Dermatologie (= Lehre von der Haut) geschaffen. Dermatologen machen den lieben langen Tag nichts anderes, als Cortison zu verteilen – und dabei ist es völlig wurscht in welcher Aggregatform, ob als Salbe, Tablette, Infusion oder Zäpfchen, Hauptsache drauf und rein, es wird dann schon irgendwie helfen! Dienste gibt es eigentlich keine – wie sollte auch ein akuter dermatologischer Notfall aussehen? Ausschlag bei Kindern macht der KinderDoc, erwachsene Männer werden erstmal zum Internisten geschickt, die Frauen wahlweise ebenso oder über den Gynäkologen zwischen geparkt. Die allergischen Geschichten bekommen ebenfalls die Internisten (arme Schweine – hätten auch besser mal was anständiges gelernt) und alles andere hat Zeit bis zum nächsten Morgen oder Wahlweise dem kommenden Arbeitstag. Wer also beim Anblick eines Ganzkörperausschlags nicht ebenfalls akuten Juckreiz bekommt und obendrein ohne mit der Wimper zu zucken 1000e Salbenverbände pro Tag zaubern kann, der ist hier genau richtig aufgehoben! Ein weiterer, nicht zu unterschätzender Vorteil: erst einmal niedergelassen kann man sich hervorragend auf Anti-Aging spezialisieren, einen ZweitKühlschrank (neben dem CortisonTresor) für Botox anschaffen und mit dem Wegspritzen fortgeschrittener Mimik Millionen scheffeln. Gar kein ganz dummer Lebensplan, wenn man mal genauer drüber nachdenkt! Und tot arbeiten muß man sich auch nicht…

Ebenfalls gern genommene Nebenfächer mit geringem Dienstaufwand und hoher PraxisRentabilität sind z.B. die

Augenheilkunde (wertvolle Praxisanlage! Früher oder später brauchen wir – Alterssichtigkeit sei dank – alle eine Brille!) und ganz toll

Radiologie!!! Dies ist die Paradedisziplin für alle ambitionierten Mediziner, welche von Natur aus mit zwei linken Händen und/oder einem wenig empathischen Wesen gesegnet sind, desweiteren Einzelgänger, Einsidler und lichtscheues Volk – hier könnt ihr so sein wie ihr wirklich seit! Der Patientenkontakt ist minimalst, keiner muß operieren, Braunülen und Zugänge jedweder Art übernimmt die gut geschulte MTRA, und wann immer ein kritischer Patient die geheiligten Hallen betritt ist vorab dafür Sorge getragen worden, daß er einen “richtigen” Arzt im Schlepptau hat – welcher dann solche Kleinigkeiten wie Intubation, Reanimation und andere -ationen regeln kann. Dienste werden im Zuge des High-Tech-Zeitalters über den heimischen Computer bedient – die Röntgenassistentin schmeißt vor Ort die Gerätschaft an und bugsiert den Patienten vorschriftsmäßig durch CT, MRT und Röntgenstrahlen, schickt das fertige Bildchen hübsch verpixelt durchs WWW, und der Radiologe am anderen Ende der Leitung sagt, was er zu sagen hat. Danach geht´s schnurstracks zurück ins Bettchen – mei, schöne neue Welt!!!

Eines meiner ewiges Lieblingsthemen: Immer und immer wieder die Freudianer:

Psychiater nicken stets freundlich die Macken ihrer Patienten ab, verschreiben einen hübschen Haufen Pillen mit so klangvollen Namen wie Non Selective Monoamino Reuptake Inhibitors oder Monoaminooxidase Hemmer, und schreiben für jedes andere, noch so kleine medizinische Problem ein Konsil beim entsprechenden Fachkollegen. Wirklich cool – eigentlich hätten sie sich 2/3 des Studiums auch direkt sparen können… (Boah, ich werd irgendwann noch sowas von auf die Fre**e kriegen für meine große Klappe, ich weiß es… ;)). Lustig, daß sie mit dem richtigen Ansatz (große, schöne PrivatPraxis in gehobener Lage – Hollywood for Example) auch ähnlich viel Geld scheffeln können, wie die Geld-verwöhnten Dermatologen. Ich gestehe, ein Teil meiner offensichtlichen Bosheit ist neidbedingt… *ggg*

Lustig sind auch Fachgebiete wie Arbeitsmedizin (ich hab bis heute nicht wirklich verstanden, wozu DIESE Richtung überhaupt gut sein soll….) oder Sozialmedizin (siehe Klammer zu Arbeitsmedizin!) – offensichtlich verdient man auch damit sein Geld, nur wie genau müßt ihr dann mal bei Wikipedia nachlesen!

Kommen wir nun zu den “großen, anerkannten” Fachgebieten! Über

Chirurgie und Innere muß ich wohl nicht mehr allzuviel schreiben – das kann sich auch jeder medizinische Laie einigermaßen herleiten: die Chirurgen sind die fingerfertigen Porschefahrer, die schon als Kind wenig kommunikativ waren (und lieber gleich mal ordentlich hin gelangt haben), in den Ferien auf der Skipiste von Kitzbühl oder am Pool von Miami zu finden sind und selten in Gruppen kleiner 15 Mann auftauchen. Patientengespräche werden ausschließlich in der Muttersprache aller Mediziner (Latein) und nur über den Kopf des Patienten hinweg geführt, und zur Erlangung der Facharztqualifikation muß auch der Rest Kollegialität und Mitgefühl beim amtierenden Chefarzt abgegeben werden. Chirurgen sind im übrigen bis zum heutigen Tag ein patriarchisch geführter Zweig – die paar Frauen, die es in leitende Positionen geschafft haben, kann man an einer Hand abzählen!

Die Internisten sind eigentlich haargenau wie die Chirurgen – nur, daß sie nicht operieren können. Nicht operieren wollen lautet die Antwort, wenn man den betroffenen Kollegen selbst fragt – nee, ist klar, die Trauben da oben sind aber auch zu sauer… *ggg*. Internisten sind außerdem Quasselstrippen. Wer schonmal versucht war, einer 5-Stunden-Kurvenvisite über eine 30-Betten-Station zu folgen, der weiß, wovon ich rede! Da lobe ich mir wiederum die Aufschneider – die würden selbst die komplette Charité (3.500 Betten…!!!) binnen 20 Minuten durchvisitiert haben!

Weiter zu den beiden IntimMedizinischen Zweigen: Gynäkologie und Urologie – beide Fachrichtungen stellen in aller Regel ein ganz nettes Kollegium (wobei ich die Urologen in der Tat noch einen Tacken cooler finde…) – die Gynäkolgen werden ja von je her von den “wahren” *SehrHust* Aufschneidern immer hämisch belächelt, da das OP-Gebiet an sich ein – in der Tat – recht beschränktes ist. AAAAAAAAAAaaaaaber – wir können was anderes cooles: ENTBINDEN!!! Und das kann ohne Probleme auch gegen transplantierte Lebern und ausgedehnte Herz-OPs anstinken – sogar gestandene Notärzte bekommen rezidivierend weiche Knie und verlangen nach ihrer Mama, wenn sie sich allein einer pressenden Schwangeren gegenüber sehen! Nachteil – männliche Gynäkologen werden auch gerne mal als “Weicheier” oder “MöchtegernChirurgen” tituliert, die es nicht bis in die Oberliga der schneidenden Gilde geschafft haben – den meisten Frauen spricht man ja die Fähigkeit ordentlich operieren zu können sowieso weitestgehend ab. Vielleicht ist ersteres auch mit ein Grund dafür, daß der Anteil männlicher Gynäkologen in den vergangenen Jahren rapide gesunken ist…?! Der gemeine Urologe ist ähnlich gepolt wie das frauenbehandelte Fach, mit dem nicht zu vernachlässigenden Vorteil beide Geschlechter als Patientengut zu vereinen. Wer mal länger als eine Woche ausschließlich mit Frauen zu tun hatte, WEISS, wovon ich rede…

Die Nächsten im Bunde wären die Versorger der oberen Homo-Sapiens-Region: Neurologen und Neurochirurgen. Auch hier wieder die Ähnlichkeit zu den großen Disziplinen Chirurgie & Innere: Der Neurologe ist cleverer Bewegungslegastheniker, der Neurochirurg kann besser werkeln als denken. Echt, ist wahr – ich hab mal ein paar Monate in der Neurochirurgie gearbeitet – unglaubliches Volk (klar – wenn man in Bereichen herumschnippelt, die andere Menschen dazu nutzen, so phantastisches Zeug wie die Mona Lisa, “Krieg & Frieden” oder das Empire State Building zu erschaffen…), dann kann man schon mal die coole S** raushängen lassen. Machen die Meisten dann auch…! Mir ewig in Erinnerung geblieben ist ein Professor, der während diversester Gehirn-OP solange verbal auf seine Assistentin eingedroschen hat, bis diese das Weinen anfing, um sie dann mit dem Satz “Gehen sie – sie heulen in mein OP-Feld” aus dem Saal zu werfen. Hatte sie sich beruhigt und kam wieder, ging das Spiel von vorne los.

Nun zu einer meiner absoluten Lieblingsdisziplinen: Pädiatrie! Lustigerweise auch hier immer noch absolute Männderdomäne, obwohl sich die Frauen verschärft auf dem Vormarsch befinden. Über dieses Gebiet ist in der Tat nicht(s) (viel) schlechtes zu sagen – selten hab ich so viele wirklich NETTE Leute auf einem Haufen getroffen. Das könnte daran liegen, daß auf dem Weg zum Facharzt Pädiatrie durchaus hilfreich ist, Kind zu mögen, und Menschen die Kinder mögen sind in aller Regel nicht komplett daneben. Die paar, die es doch sind, werden dann ganz fix schon von unter Dreijährigen identifiziert und in den Wahnsinn getrieben. Das nennt sich dann natürliche Selektion…

Okay, hier bin ich, alles klar, Herr Hell-Im-Hals – ist halt schon spät am Abend: Anästhesie!!!!! Der Anästhesist ist in der Regel tiefenentspannt. Böse Zungen sagen faul und unfunktional, wobei zumindest zweiteres NICHT stimmt, denn wer schonmal versucht hat, einen Tubus in einen Mensch mit dickem Hals und keinen Nacken zu frickeln, der weiß, das die Jungs und Mädels motorisch nicht gerade Voll-Nullen sein dürfen. Auch hat bis jetzt noch jede anästhesistisch angeforderte Viggo ihren Weg in IRGENDEINE gottverdammte Vene gefunden *niederknie*. Dennoch werden die Betäuber den Witz mit den Flecken auf dem Kittel nicht los – welche Farbe haben die Flecken auf den OP-Kitteln der Chirurgen? Rot (= Blut)! Und die der Urologen? Gelb (= Urin)! Und die der Anästhesisten? Braun (= Kaffee….)! *Duck* Und wenn ich sehe, wie meine Anästhesistin entspannt in ihrem Harry-Potter blättert, während ich schwitzend schon die zweite Stunde in Folge in wildester Verrenkung Vaginale-Hysterektomie-Haken halte, dann bin ich manchmal schon ein ganz kleines bisschen neidisch….! Ach ja – und einmal mit Blaulicht und TatütTata über rote Ampeln fahren – DAS muß ich unbedingt noch auf meiner Bucket-List nachtragen *gggg* Aber sonst – nee, ich mag euch! Ehrlich :)

Ganz zum Schluß zur, laut House Of God, Königsdisziplin im Medizinerland: Pathologie und Gerichtsmedizin! Nicht zu unterschätzender Vorteil: kein direkter Patientenkontakt (also – Patienten hat es schon, aber die treiben einen in der Regel nicht mehr in den Wahnsinn…), keine Dienst, kleinstmögliche Versagensgefahr (zumindest in der Rechtsmedizin sind die Leute halt einfach schon tot – in der Pathologie ist es in Teilbereichen schon ein wenig anders gelagert…), annehmbares Gehalt. Nachteil: Niedriges Ansehen bei Kollegen und/oder Mitmenschen, kein direkter Patientenkontakt, hohe Depressionsgefahr (wer will schon tagtäglich vor Augen haben, wieviel Millionen unterschiedliche Möglichkeiten des Ablebens es gibt…?!).

So – dies war nun ein grober Überblick der Differenzierungsmöglichkeiten, welche uns Ärzten heutzutage gegeben sind. Und da sind die ganzen Subspezies (wie z.B. der Facharzt für Endokrinologie, Gastroenterologie, Pathoradiologie und was-weiß-ich-noch-alles) gar nicht mit drin!

Wie gut hatten es doch unsere Vor-Väter und -Mütter Anno 1850, als es nur eine einzige Fachrichtung gab: Halbgott in Weiß!!! :)

HOUSE OF GOD – zum dritten…

Okay, ich muß mich jetzt doch mal ausführlich zu diesem Buch äußern. Vorweg – ich bezweifel, daß irgendein Nicht-Mediziner auch nur annähernd etwas mit Samuel Shem und seinem Werk anfangen kann. Nicht, daß es zu kompliziert wäre, zu anspruchsvoll (wobei ich tatsächlich finde, daß er einen ganz ausgezeichneten Stil hat – aber das nur am Rande…) – es ist schlichtweg viel zu abgedreht, um nicht zu sagen ABSTOSSEND für all diejenigen, die aus anderen Berufssparten kommen.

Die Hauptfigur des Romans ist Roy Basch, ein junger Assistenzarzt (=Intern), der in einem fiktiven, amerikanischen Haus die Hölle seiner Facharztausbildung durchläuft. Zu Beginn der Ausbildung noch voller Ideale und Glauben an die Medizin und ihre Wunder, sowie an die die Wunder ausführenden Führungskräfte, wird den jungen Ärzten bald klar, daß es in dieser knallharten Zeit der Day-on-Day-off-Dienste nur um eines geht: das nackte Überleben! Und ganz schnell reduziert sich Engagement und Empathie auf Sarkasmus und schlußendlich beinah stoische Selbstaufgabe.

Ich habe das “House” erstmals während meiner PJ-Zeit gelesen, und ganz ehrlich – es hat mich mehr als einmal davon abgehalten, den ganzen Krempel einfach hinzuschmeißen. Oder durchzudrehen. Denn erschreckend schnell wird dir als Jungmediziner klar, was auch Roy Basch quasi als erste Lektion lernt: Wenn es brennt, weißt du anfangs nicht wirklich, was du zuerst machen sollst: vor Angst ko**en oder dir in die Hose machen. Und egal, wieviel du weißt, und was du alles lernst und kannst – Menschen werden krank und Menschen sterben, und gerade dieses Sterben können wir wenn überhaupt nur hinausschieben – aber keinesfalls auf Dauer verhindern. Und ironischerweise sind es immer die jungen, eigentlich gesunden Menschen – Väter, Mütter, Kinder, Nachbarn, Freunde – die von heute auf morgen im Park tot umfallen oder vom Auto überfahren werden. Während andererseits am Ende ihres Lebens Angekommene gerne sterben würden, aber einfach nicht können! Trotz multibelster Erkrankungen – und eigentlich bereit, zu gehen.

Auch das du dich auf niemanden verlassen kannst, als dich selbst – und den Kerl, der neben dir im Boot sitzt. Und auf ein, zwei gute Jungs (und Mädels ;)), die es auch ohne böse Seelen und Steinherz in die oberen Etagen geschafft haben. DIE wiederum sind jedoch so rar gesät, wie Rosengärten in der Wüste…

Bis zum heutigen Tag habe ich das “House” bestimmt ein Dutzend Mal gelesen – das Querlesen besonders beliebter Stellen nicht mitgezählt, was alle Nase lang immer noch regelmäßig vorkommt! Ein Exemplar liegt somit eine Armentfernung von meinem jetzigen Sitzplatz entfernt, ein Zweites befindet sich in meinem Klinik-Spind. Und wann immer ich einen schlimmen Tag in der Klinik habe oder hatte, schafft Sam es über kurz oder lang doch wieder, mich aus allen Löchern herauszufischen und erneut aufzustellen. Für den nächsten Tag.

Danke, Samuel!

GOMER – Get Out Of My Emergency Room…

…daran mußte ich just heute morgen denken, als ich eine demente Dame Jahrgang 27 in meiner Ambulanz liegen hatte. Einweisungsdiagnose: Demenz, Diabetes, Z.n. multiplen apoplektischen Insult(i???), Hypertonus – FLOUR VAGINALIS!!!

Letzteres ist dann wohl mein Stichwort… – Die alte Lady liegt mit eiskalten Händen und schlotternd vor Kälte auf ihrer Sani-Liege, und auch die dicke Wolldecke wärmt sie nicht wirklich.

“Guten Morgen, Frau XY!”

“GUUUUUTEN MOORRRRRRRRRGEN!!!!”

Cool – Kommunikation möglich!

“Wie geht es ihnen heute? Haben sie irgendwo Schmerzen?”

“GUUUUUTEN MOORRRRRRRRRGEN!!!!”

Äh – ja….

Frau XY ist laut Samuel Shem´s “HOUSE OF GOD” ein Gomer – aufdröselung der Abkürzung siehe oben. Und ja, es mag sich für Außenstehende gemein und respektlos anhören, aber dem ist nicht wirklich so. Fakt ist ganz einfach – die Patientin ist 83 Jahre alt, multimorbide und gaaaaaaaaaanz weit weg von Gut und Böse. Sie sollte in ihrem gemütlichen, warmen Pflegeheimbett liegen, ein bisschen Griesbrei zum Frühstück schlürfen, ein langes Nickerchen machen und den Blick aus dem Fenster genießen (sofern sie weiß, was die Welt da draußen überhaupt ist!), und nicht mitten im immer noch frostig-kalten Früh-Frühling durch die Weltgeschichte gekarrt werden, nur damit ein gynäkologischer Assistenzarzt ihr eine Vaginalsonde in die welke, alte Scheide stopft, vorbei an Erwachsenenpampers und hemiplegiebedingten Beinkontrakturen.

KLAR hat die Frau Ausfluß aus der Scheide – sie könnte auch aus der Scheide bluten – es hätte aber keine Konsequenz! Selbst wenn es ein Gebärmutterkrebs wäre – WAS sollten wir tun? Operieren??? Sicher nicht… – Bestrahlen? Auch kein guter Gedanke!

Fakt ist – die Frau hat ein uraltes Uterusmyom, dem es jetzt (nach bestimmt 40 Jahren oder länger) auch nicht mehr so richtig gut in seiner morbiden Wirtin gefällt, und welches just entschieden hat, sich in Wohlgefallen (=vaginalen, übelriechenden Ausfluss) aufzulösen. Das mag unangenehm sein (vor allem für das pflegende Personal), aber nicht gefährlich. Ich schreibe ein Rezept für antiseptische Zäpfchen, telefoniere kurz mit der (wirklich sehr kooperativen – KEIN SCHERZ!!!) Schwester im Pflegeheim, und verabschiede Frau XY nach Hause!

“GUUUUUTEN MOORRRRRRRRRGEN!!!!”

Es ist nicht nett, an GOMERS zu denken, wenn man solch eine Patientin vor sich hat – aber ich kann nicht anders. Und parallel dazu fallen mir selbstverständlich die Regeln des “House of God” ein, welche da wären:

  1. Gomers sterben nicht.
  2. Gomers gehen zu Boden.
  3. Bei Herzstillstand zuerst den eigenen Puls fühlen.
  4. Der Patient ist derjenige, der krank ist.
  5. Zuerst an Verlegung denken.
  6. Es gibt keine Körperhöhle, die nicht mit einer 14er Kanüle und einem sicheren, starken Arm erreicht werden kann.
  7. Alter + Serum-Harnstoff = Lasixdosis.
  8. Sie können Dich immer noch mehr quälen.
  9. *zensiert*
  10. Wenn Du keine Temperatur misst, stellst Du auch kein Fieber fest.
  11. Zeige mir einen PJler, der meine Arbeit nur verdreifacht, und ich werde ihm die Füße küssen.
  12. Wenn der Radiologe und ein PJler auf einer Thoraxaufnahme etwas Auffälliges sehen, kann dort nichts Auffälliges sein.
  13. Die beste ärztliche Betreuung besteht darin, so wenig wie möglich zu tun, davon aber reichlich.

Ihr Nicht-Mediziner mögt es glauben oder nicht, aber viele dieser 13 Punkte haben mir schon das ein oder andere Mal den Verstand gerettet. Oder das Leben. Oder mich vor weiteren Dummheiten bewahrt. Ist einfach so… :)

Ausflug in die Pädiatrie und bestes Buch ever: HOUSE OF GOD!!!

Gestern las ich bei KinderDoc DIESEN Artikel über den besorgten Vater eines fiebernden Kindes, und mußte schmunzelnderweise an ein Ereignis im letzten Jahr zurückdenken, das gut zum Thema “besorgte Eltern” passt.

Mein Mann und ich sind sehr gut mit einem benachbarten Ehepaar befreundet, deren Söhne 1 und 3 Jahre alt sind. Das jüngere der Kinder war nun also in irgendeinem Herbst erkältungstechnisch angeschlagen (typisch erster Kindergartenwinter eben), und fieberte schon seit Tagen mal mehr mal weniger hoch durch die Gegend. Donnerstagabend klingelt dann mein Telefon, Freundin dran – ob ich denn mal geschwind rüber kommen könnte, der kleine Jan-Hugo-Alexander hätte fürchterlich hohes Fieber, sie wisse nicht, was sie machen solle…?! Dazu sei gesagt, daß I., die Freundin, zwar unglaublich lieb, außerdem hoch gebildet und vollumfänglich kompatibel, aber leider (im Bezug auf ihre Kinder) nicht die Nervenstärkste ist. Typ überbesorgte Panik-Mutter.

Ich also ins Nachbarhaus gepilgert, wo mich ein hochrot-backiges, sonst aber durchaus quietschfideles Kind empfängt, die das Thermometer sorgenvoll schwenkende Mutter im Schlepptau. Temperatur: 39,5°C. Ich empfehle lauwarme Waschungen in der Badewanne nebst Paracetamol rectal, und rate sonst zu Abwarten und Tee trinken. “Ob man denn nicht doch lieber den Notdienst verständigen solle…?” Ein weiterer Blick auf den munter im halbhohen Wasser planschenden Jungen läßt mich kopfschüttelnd verneinen. “Das wird schon wieder!!!! Ich schwöre…!!!” –  vergebe noch ein paar freundliche, aufmunternde Worte und gehe heim ins Bett, zufrieden, geholfen zu haben.

Tags drauf – ich sitze um 6.10 Uhr komatös vor meiner ersten Tasse Kaffee, fragt der Mann: “Was heute Nacht wohl bei I. & N. los war?”

Ich: “….” (=Erst Kaffee – dann reden!)

Er: “Da stand gegen halb Vier in der Früh der Krankenwagen vor der Tür…?!”

Ich *PRUUUUUUUUUUUUUUST*

Mir wird heiß und kalt gleichzeitig und in meinem Kopf fährt das Gedankenkarussell langsam in die erste Runde: “Hast du etwas übersehen? Vergessen? Hat das Kindele gar gefieberkrampft? War es eine Laryngitis? Meningitis? Andere -itis? Hätte man den Kinderarzt rufen oder Mutter und Kind mit knapp 40 Fieber in die Klinik schicken sollen???”

Ich versuche, I. auf dem Handy zu erreichen – ohne Erfolg. Danach N.s Nummer: die Mailbox geht ran. Waaaaaaah – auf Kinderintensiv sind Handys ja verboten. Mir ist schlecht…

Auf dem Weg zur Arbeit komme ich am Haus der Nachbarn vorbei, das in gespenstiger Stille einsam da liegt… – die Tatsache, daß kein Licht brennt konnte nur bedeuten, daß N. (der Vater des Kindes) EBENFALLS mit in die Klinik gefahren war. Und das kleine Kind hatten sie dann mitten in der Nacht AUCH NOCH mitgenommen – großer Gott, dann mußte ja wirklich etwas ganz furchtbares passiert sein…?! Mein schlechtes Gewissen macht mich völlig fertig und ich schwöre innerlich, NIE WIEDER den Aushilfspädiater für irgendwen zu geben. In der Klinik dann die Anweisung an meine Lieblingsambulanzschwester im 5-Minuten-Takt auf besagte Handynummer anzurufen. Gegen 11 Uhr endlich der erlösende Rückruf auf dem Diensthandy: “I. ist in der Leitung – ich verbinde!”

WAS WAR GESCHEHEN?!?!

Kurzfassung:

I. – auch nach meinem Verlassen des Hauses nicht gänzlichst beruhigte Gluckenmutter – hat dem armen (irgendwann tief und fest schlafenden) Kind im Stundenrythmus das Fieberthermometer sonstwohin gehalten, und von Stunde zu Stunde ging dessen Körpertemperatur immer weiter RUNTER…!!! Um drei Uhr dann 35,8°C (wohl gemerkt: mitten im Winter, mitten in der Nacht und außerdem mittig im REM-losen Tiefschlaf angekommen) hielt sie es nicht mehr aus und verständigte den Rettungsdienst (-> Sie dachte ernsthaft, daß Kind käme jetzt – Paracetamol-kühle-Waschungen bedingt – in die krankhafte Untertemperatur….!!!! )Die Sanitäter-Jungs rückten kurze Zeit später auch brav an, und nachdem sie sich am Kopf kratzend davon überzeugt hatten, daß es sich bei diesem Notruf keineswegs um einen Dumme-Jungen-Streich sondern vielmehr um eine hochbesorgte Jungmutter handelte, packten sie Mutter und Kind in den Wagen und verfrachteten beide in die nahe gelegene Kinderklinik – sollten die sich dort doch mit ausschweifenden Erklärungen herum schlagen.

Und N., Vater des Bengels? Der war weder mit in die Klinik gefahren, noch hatte er es für nötig gehalten, sich sorgengeplagt den Rest der Nacht schlaflos um die Ohren zu schlagen, sondern war – die Gunst der Stunde nutzend – mit seinem kleinen Kind zurück ins Nest gefallen, und hatte dort friedlich bis zum kommenden Morgen gepennt.

Ehrlich – wenn I. nicht so ein herzensguter Kerl wäre, und ich sie nicht so sagenhaft gut leiden könnte – an diesem morgen hätt ich sie gerne ein klitzekleines bisschen durchgeschüttelt! Zu ihrer Ehrrettung sei jedoch abschließend gesagt, daß sie (bei Tageslicht gesehen) die Sinnlosigkeit dieser nächtlichen Aktion durchaus selbständig eingesehen, deshalb ihr putzmunteres, nun völlig fieberfreies Kind eingepackt und wieder nach Hause verfrachtet hatte. Dies jetzt aber nur gegen Unterschrift und ausdrücklich ärztlichen Rat, denn der (ca. 12-jährige, frisch von der Uni kommende) Stationsarzt hatte nach reiflicher Überlegung und Durchsicht aller vorhandenen Parameter auf einer Ganzkörper-Untersuchung nebst Röntgen-Thorax-Aufnahme UND Schlaf-EEG bestanden….

Zurück in die Gegenwart:

Es ist Diens(t)Tag, und ich hab einen wirklich wunderschönen, hoch befriedigenden Tag hinter mir: Ich durfte nämlich OPERIEREN!!! Eine abdominale Hysterektomie ohne Adnexen! Traumhaft!!!  Und zum wiederholten Mal ist mir aufgegangen, daß ich wohl definitiv zu den Spätgeborenen gehöre: laparoskopieren mag ja super schonend, fortschrittlich und was-noch-alles sein, aber so ein ordentlich aufgeschnittener Bauch, in dem man nach Herzenslust absetzen, schneiden, koagulieren und nähen kann – DA macht Chirurgie doch erst richtig Spaß!!! Bin ich eben altmodisch!… ;)

Zum House of God erzähl ich euch morgen was – heute bin ich einfach zu müd dafür…!