Im Gegensatz zu früher (also gaaaaaaaanz früher, so Anno 1850) gibt es in der Medizin ja mittlerweile dutzende, ach was, hunderte verschiedener Fachrichtungen. Somit kann jeder Spleen ausgelebt, alle Interessen, Neigungen und Wünsche adäquat bedient werden!
Für die “höheren Töchter”, welche keine Lust auf zahlreiche (kraftraubende) Dienste haben, obendrein vielleicht nicht wirklich die Klassenbesten oder sonstwie nur zufällig im medizinischen Studium gelandet sind, hat der liebe Gott die
Dermatologie (= Lehre von der Haut) geschaffen. Dermatologen machen den lieben langen Tag nichts anderes, als Cortison zu verteilen – und dabei ist es völlig wurscht in welcher Aggregatform, ob als Salbe, Tablette, Infusion oder Zäpfchen, Hauptsache drauf und rein, es wird dann schon irgendwie helfen! Dienste gibt es eigentlich keine – wie sollte auch ein akuter dermatologischer Notfall aussehen? Ausschlag bei Kindern macht der KinderDoc, erwachsene Männer werden erstmal zum Internisten geschickt, die Frauen wahlweise ebenso oder über den Gynäkologen zwischen geparkt. Die allergischen Geschichten bekommen ebenfalls die Internisten (arme Schweine – hätten auch besser mal was anständiges gelernt) und alles andere hat Zeit bis zum nächsten Morgen oder Wahlweise dem kommenden Arbeitstag. Wer also beim Anblick eines Ganzkörperausschlags nicht ebenfalls akuten Juckreiz bekommt und obendrein ohne mit der Wimper zu zucken 1000e Salbenverbände pro Tag zaubern kann, der ist hier genau richtig aufgehoben! Ein weiterer, nicht zu unterschätzender Vorteil: erst einmal niedergelassen kann man sich hervorragend auf Anti-Aging spezialisieren, einen ZweitKühlschrank (neben dem CortisonTresor) für Botox anschaffen und mit dem Wegspritzen fortgeschrittener Mimik Millionen scheffeln. Gar kein ganz dummer Lebensplan, wenn man mal genauer drüber nachdenkt! Und tot arbeiten muß man sich auch nicht…
Ebenfalls gern genommene Nebenfächer mit geringem Dienstaufwand und hoher PraxisRentabilität sind z.B. die
Augenheilkunde (wertvolle Praxisanlage! Früher oder später brauchen wir – Alterssichtigkeit sei dank – alle eine Brille!) und ganz toll
Radiologie!!! Dies ist die Paradedisziplin für alle ambitionierten Mediziner, welche von Natur aus mit zwei linken Händen und/oder einem wenig empathischen Wesen gesegnet sind, desweiteren Einzelgänger, Einsidler und lichtscheues Volk – hier könnt ihr so sein wie ihr wirklich seit! Der Patientenkontakt ist minimalst, keiner muß operieren, Braunülen und Zugänge jedweder Art übernimmt die gut geschulte MTRA, und wann immer ein kritischer Patient die geheiligten Hallen betritt ist vorab dafür Sorge getragen worden, daß er einen “richtigen” Arzt im Schlepptau hat – welcher dann solche Kleinigkeiten wie Intubation, Reanimation und andere -ationen regeln kann. Dienste werden im Zuge des High-Tech-Zeitalters über den heimischen Computer bedient – die Röntgenassistentin schmeißt vor Ort die Gerätschaft an und bugsiert den Patienten vorschriftsmäßig durch CT, MRT und Röntgenstrahlen, schickt das fertige Bildchen hübsch verpixelt durchs WWW, und der Radiologe am anderen Ende der Leitung sagt, was er zu sagen hat. Danach geht´s schnurstracks zurück ins Bettchen – mei, schöne neue Welt!!!
Eines meiner ewiges Lieblingsthemen: Immer und immer wieder die Freudianer:
Psychiater nicken stets freundlich die Macken ihrer Patienten ab, verschreiben einen hübschen Haufen Pillen mit so klangvollen Namen wie Non Selective Monoamino Reuptake Inhibitors oder Monoaminooxidase Hemmer, und schreiben für jedes andere, noch so kleine medizinische Problem ein Konsil beim entsprechenden Fachkollegen. Wirklich cool – eigentlich hätten sie sich 2/3 des Studiums auch direkt sparen können… (Boah, ich werd irgendwann noch sowas von auf die Fre**e kriegen für meine große Klappe, ich weiß es… ;)). Lustig, daß sie mit dem richtigen Ansatz (große, schöne PrivatPraxis in gehobener Lage – Hollywood for Example) auch ähnlich viel Geld scheffeln können, wie die Geld-verwöhnten Dermatologen. Ich gestehe, ein Teil meiner offensichtlichen Bosheit ist neidbedingt… *ggg*
Lustig sind auch Fachgebiete wie Arbeitsmedizin (ich hab bis heute nicht wirklich verstanden, wozu DIESE Richtung überhaupt gut sein soll….) oder Sozialmedizin (siehe Klammer zu Arbeitsmedizin!) – offensichtlich verdient man auch damit sein Geld, nur wie genau müßt ihr dann mal bei Wikipedia nachlesen!
Kommen wir nun zu den “großen, anerkannten” Fachgebieten! Über
Chirurgie und Innere muß ich wohl nicht mehr allzuviel schreiben – das kann sich auch jeder medizinische Laie einigermaßen herleiten: die Chirurgen sind die fingerfertigen Porschefahrer, die schon als Kind wenig kommunikativ waren (und lieber gleich mal ordentlich hin gelangt haben), in den Ferien auf der Skipiste von Kitzbühl oder am Pool von Miami zu finden sind und selten in Gruppen kleiner 15 Mann auftauchen. Patientengespräche werden ausschließlich in der Muttersprache aller Mediziner (Latein) und nur über den Kopf des Patienten hinweg geführt, und zur Erlangung der Facharztqualifikation muß auch der Rest Kollegialität und Mitgefühl beim amtierenden Chefarzt abgegeben werden. Chirurgen sind im übrigen bis zum heutigen Tag ein patriarchisch geführter Zweig – die paar Frauen, die es in leitende Positionen geschafft haben, kann man an einer Hand abzählen!
Die Internisten sind eigentlich haargenau wie die Chirurgen – nur, daß sie nicht operieren können. Nicht operieren wollen lautet die Antwort, wenn man den betroffenen Kollegen selbst fragt – nee, ist klar, die Trauben da oben sind aber auch zu sauer… *ggg*. Internisten sind außerdem Quasselstrippen. Wer schonmal versucht war, einer 5-Stunden-Kurvenvisite über eine 30-Betten-Station zu folgen, der weiß, wovon ich rede! Da lobe ich mir wiederum die Aufschneider – die würden selbst die komplette Charité (3.500 Betten…!!!) binnen 20 Minuten durchvisitiert haben!
Weiter zu den beiden IntimMedizinischen Zweigen: Gynäkologie und Urologie – beide Fachrichtungen stellen in aller Regel ein ganz nettes Kollegium (wobei ich die Urologen in der Tat noch einen Tacken cooler finde…) – die Gynäkolgen werden ja von je her von den “wahren” *SehrHust* Aufschneidern immer hämisch belächelt, da das OP-Gebiet an sich ein – in der Tat – recht beschränktes ist. AAAAAAAAAAaaaaaber – wir können was anderes cooles: ENTBINDEN!!! Und das kann ohne Probleme auch gegen transplantierte Lebern und ausgedehnte Herz-OPs anstinken – sogar gestandene Notärzte bekommen rezidivierend weiche Knie und verlangen nach ihrer Mama, wenn sie sich allein einer pressenden Schwangeren gegenüber sehen! Nachteil – männliche Gynäkologen werden auch gerne mal als “Weicheier” oder “MöchtegernChirurgen” tituliert, die es nicht bis in die Oberliga der schneidenden Gilde geschafft haben – den meisten Frauen spricht man ja die Fähigkeit ordentlich operieren zu können sowieso weitestgehend ab. Vielleicht ist ersteres auch mit ein Grund dafür, daß der Anteil männlicher Gynäkologen in den vergangenen Jahren rapide gesunken ist…?! Der gemeine Urologe ist ähnlich gepolt wie das frauenbehandelte Fach, mit dem nicht zu vernachlässigenden Vorteil beide Geschlechter als Patientengut zu vereinen. Wer mal länger als eine Woche ausschließlich mit Frauen zu tun hatte, WEISS, wovon ich rede…
Die Nächsten im Bunde wären die Versorger der oberen Homo-Sapiens-Region: Neurologen und Neurochirurgen. Auch hier wieder die Ähnlichkeit zu den großen Disziplinen Chirurgie & Innere: Der Neurologe ist cleverer Bewegungslegastheniker, der Neurochirurg kann besser werkeln als denken. Echt, ist wahr – ich hab mal ein paar Monate in der Neurochirurgie gearbeitet – unglaubliches Volk (klar – wenn man in Bereichen herumschnippelt, die andere Menschen dazu nutzen, so phantastisches Zeug wie die Mona Lisa, “Krieg & Frieden” oder das Empire State Building zu erschaffen…), dann kann man schon mal die coole S** raushängen lassen. Machen die Meisten dann auch…! Mir ewig in Erinnerung geblieben ist ein Professor, der während diversester Gehirn-OP solange verbal auf seine Assistentin eingedroschen hat, bis diese das Weinen anfing, um sie dann mit dem Satz “Gehen sie – sie heulen in mein OP-Feld” aus dem Saal zu werfen. Hatte sie sich beruhigt und kam wieder, ging das Spiel von vorne los.
Nun zu einer meiner absoluten Lieblingsdisziplinen: Pädiatrie! Lustigerweise auch hier immer noch absolute Männderdomäne, obwohl sich die Frauen verschärft auf dem Vormarsch befinden. Über dieses Gebiet ist in der Tat nicht(s) (viel) schlechtes zu sagen – selten hab ich so viele wirklich NETTE Leute auf einem Haufen getroffen. Das könnte daran liegen, daß auf dem Weg zum Facharzt Pädiatrie durchaus hilfreich ist, Kind zu mögen, und Menschen die Kinder mögen sind in aller Regel nicht komplett daneben. Die paar, die es doch sind, werden dann ganz fix schon von unter Dreijährigen identifiziert und in den Wahnsinn getrieben. Das nennt sich dann natürliche Selektion…
Okay, hier bin ich, alles klar, Herr Hell-Im-Hals – ist halt schon spät am Abend: Anästhesie!!!!! Der Anästhesist ist in der Regel tiefenentspannt. Böse Zungen sagen faul und unfunktional, wobei zumindest zweiteres NICHT stimmt, denn wer schonmal versucht hat, einen Tubus in einen Mensch mit dickem Hals und keinen Nacken zu frickeln, der weiß, das die Jungs und Mädels motorisch nicht gerade Voll-Nullen sein dürfen. Auch hat bis jetzt noch jede anästhesistisch angeforderte Viggo ihren Weg in IRGENDEINE gottverdammte Vene gefunden *niederknie*. Dennoch werden die Betäuber den Witz mit den Flecken auf dem Kittel nicht los – welche Farbe haben die Flecken auf den OP-Kitteln der Chirurgen? Rot (= Blut)! Und die der Urologen? Gelb (= Urin)! Und die der Anästhesisten? Braun (= Kaffee….)! *Duck* Und wenn ich sehe, wie meine Anästhesistin entspannt in ihrem Harry-Potter blättert, während ich schwitzend schon die zweite Stunde in Folge in wildester Verrenkung Vaginale-Hysterektomie-Haken halte, dann bin ich manchmal schon ein ganz kleines bisschen neidisch….! Ach ja – und einmal mit Blaulicht und TatütTata über rote Ampeln fahren – DAS muß ich unbedingt noch auf meiner Bucket-List nachtragen *gggg* Aber sonst – nee, ich mag euch! Ehrlich :)
Ganz zum Schluß zur, laut House Of God, Königsdisziplin im Medizinerland: Pathologie und Gerichtsmedizin! Nicht zu unterschätzender Vorteil: kein direkter Patientenkontakt (also – Patienten hat es schon, aber die treiben einen in der Regel nicht mehr in den Wahnsinn…), keine Dienst, kleinstmögliche Versagensgefahr (zumindest in der Rechtsmedizin sind die Leute halt einfach schon tot – in der Pathologie ist es in Teilbereichen schon ein wenig anders gelagert…), annehmbares Gehalt. Nachteil: Niedriges Ansehen bei Kollegen und/oder Mitmenschen, kein direkter Patientenkontakt, hohe Depressionsgefahr (wer will schon tagtäglich vor Augen haben, wieviel Millionen unterschiedliche Möglichkeiten des Ablebens es gibt…?!).
So – dies war nun ein grober Überblick der Differenzierungsmöglichkeiten, welche uns Ärzten heutzutage gegeben sind. Und da sind die ganzen Subspezies (wie z.B. der Facharzt für Endokrinologie, Gastroenterologie, Pathoradiologie und was-weiß-ich-noch-alles) gar nicht mit drin!
Wie gut hatten es doch unsere Vor-Väter und -Mütter Anno 1850, als es nur eine einzige Fachrichtung gab: Halbgott in Weiß!!! :)