Meine Lieblings-Blog-Pädiatrie-KollegIN (=weiblich – damit der KinderDoc sich nicht zurückgesetzt fühlt… *ggg*) Sophie veröffentlichte gestern einen sehr interessanten Post über den “richtigen” Entbindungsort. Sprich: WO sollte Frau nach fachfrauischer Ansicht am besten entbinden? Uniklinik mit angeschlossener, maximalversorgender Kinderklinik? Kleinkrankenhaus mit-ohne Kinderklinik, dafür inklusive heimeliger Atmosphäre? Oder gar Geburtshaus, bzw. gleich ganz im trauten Heim?
Verdammt gute Frage, würde ich mal sagen…
Bis auf die Hausgeburt habe ich eigentlich alle o.g. Örtlichkeiten schon einmal durchexerziert. Also – nicht selbst, aber in meiner Tätigkeit als Ärztin. Und wie Sophie schon sagt, hat alles seine Vor- und Nachteile, wobei meine Präferenzen durchaus anders gelagert sind, als die der Kinderheilkundler… *ggg*
Fangen wir ganz oben an, auf dem Berg des Olymp, geheiligte, universitäre Hallen mit Perinatalversorung vom Feinsten. Hier steht per Dekret gerne mal eine ganze Armada Pädiater unterschiedlichster Ranghöhe Gewehr bei Fuss, um ein Kind im Empfang zu nehmen, das dann erst einmal in einem Wust aus Instrumentarien quasi “verloren” geht. Nicht böse sein, liebe Kollegen aus der Kinderabteilung, ich weiss ja, dass ihr es auch nur gut meint, aber oft habe ich gedacht, dass wenig manchmal durchaus MEHR sein kann!
Muss man wirklich jedes Kind bis zum Anus absaugen, obwohl das arme Ding noch gar nicht ganz entwickelt ist , nur weil das Fruchtwasser mal grün oder das Köpfchen ein bisschen blau war? Und muss es dann – endlich geboren – wirklich binnen 3 Hundertsteln von der Nabelschnur losgestöpseln sein, danach direktamente – und ganz ohne Umwege über Mamas Bauch – ersteinmal unter die Wärmelampe geworfen, mit dem Stethoskop auf der Brust herumgehört, Sauger in Körperöffnungen versenkt oder gar Pizzateig-gleich durch die Luft geschleudert werden? Mal ehrlich – muss es wirklich nicht! Oder?
Universitätskliniken neigen ja – egal welche Fachrichtung – immer dazu, erst einmal an Zebras zu denken, wenn Hufgetrappel vor dem Fenster laut wird. Man verlässt sich viel mehr auf Maschinen-Gepiepse, Hygiene-Abstriche und das “English-Journal-Of-Medicin”, denn auf Erfahrung und gesunden Menschenverstand.
Beispiel gefällig?
Kommt ein Baby zur Welt, 41+2te SSW, etwas verlängerter Geburtsverlauf, grünes Fruchtwasser, da der kleine Mops zwischendrin ein wenig Stress hatte, zur Geburt dann ein dem CTG und Verlauf entsprechender pH-Wert (7,24, BE -7 – nicht grottenschlecht aber eben auch nicht sauschön…) bei guten Apgar-Werten (8-9-10).
An der Uniklinik wird (bzw. wurde – zu meiner Zeit) das Kind der Mutter umgehend von der Nabelschnur gepflückt, im Nebenzimmer ausführlich untersucht, anschließend eingepackt und “zur engmaschigen Kontrolle” 48h auf der Neugeborenen-Intensiv eingedost. Gerne auch Verbunden mit Blutabnahme, Zugang, Infusion und allem sonstigen Schnick-Schnack. Mama + Papa dürfen ihr Neugeborenes dann später (oder sehr viel später) im Wärmebettchen besuchen kommen. Was ist eigentlich Bonding…?! *hust*
Im Provinzkrankenhaus wird dasselbe Kind der Mama erstmal auf den Bauch gepackt, denn Apgar und pH bescheinigen, dass JETZT, trotz stressiger Geburt, alles gut ist! Anschließend darf es dann mit ins mütterliche Zimmer, wo in den ersten 24h regelmässig die Stationsschwester bzw. eine der Hebammen ein Auge darauf hat. Und nach 3 Tagen werden beide Kinder nach Hause entlassen. Welches ist wohl für alle Beteiligten die bessere Variante…?!
Sicher ist es toll, wenn im Notfall ein Kinderarzt zur Stelle ist. Aber sind wir doch mal ehrlich – ein erfahrener Geburtshelfer (egal ob Arzt oder Hebamme) WEISS in 98% der Fälle im Vorhinein, ob es einem Kind schlecht gehen wird, oder nicht. Oder kann es sich zumindest vorstellen. Und dann wird die Frau entweder schon vor Entbindung an ein entsprechendes Zentrum verwiesen, ODER eben der Kinderarzt vorab informiert. Denn in der Medizin gilt nun einmal der Spruch: seltenes ist selten! Die meisten Babys KOMMEN gesund zur Welt und die Problemkinder (Mütter mit Diabetes oder Bluthochdruck oder vorzeitiger Wehentätigkeit/Blasensprung bzw. sonstigen gesundheitlichen Beschwerden) werden zuvor aussortiert und entsprechend verlegt.
Was ist denn nun mit Geburtshäusern und Hausgeburten?
Nun – ich habe schon sehr viele Frauen mit unauffälligem Schwangerschafts- und komplikationslosem Geburtsverlauf entbunden und ich kann mich an keine erinnern, die anschließend notfallmässig einen Kinderarzt gebraucht hätte. Die Geburtshäuser sind in der Regel ja auch nicht wahnsinnig – die wollen AUCH gesunde Kinder bekommen und achten demzufolge schon darauf, dass das Klientel entsprechend “passend” ist. Und selbstverständlich wird jede verantwortungsvolle Hebamme jederzeit die Entbindung vom Geburtshaus in eine Klinik verlegen, wenn es auch nur annähernd nach Katastrophe riecht. Verantwortungsvoll hätte ich gerne dick unterstrichen, denn wie überall im Leben gibt es auch in der Geburtshilfe schwarze Schafe, die sich einfach hemmungslos selbst überschätzen und ohne Rücksicht auf Verluste ihr Ding durchziehen – selbst wenn das dann auf Kosten von Mutter und Kind geht. Und widersinniger Weise gibt es auch immer wieder Eltern, die dieses Risiko aus mir unerfindlichen Gründen in Kauf nehmen. Und Entbindungen in Geburtshäuser hinlegen wollen, die selbst ich, olle Spontan-Gyn, lieber im OP einer Uniklinik sehen würde.
Das einzige, womit ich wirklich ein Problem habe, sind Hausgeburten. Aber nicht, weil ich die für besonders gefährlich halte, sondern weil ich weiss, wieviel Dreck bei solch einer Geburt entstehen kann. Dreck, den ich nicht wirklich in meiner Badewanne, dem Wohnzimmer und hinterher der Mülltonne haben möchte. Weil ich weiss, wie laut es oftmals wird und ich mir nicht vorstellen könnte, ungehemmt herum zu brüllen, während Herr Müller drei Türen weiter sein Feierabendbier schlürft. Andere Menschen sehen das sicher anders :)
In jedem Fall ist ein großes, medizinisch voll ausgestattetes Haus meiner Meinung nach gerne mal “gefährlicher”, als ein kleiner, überschaubarer Laden. Für Mutter UND Kind. Denn hier wird man schon mal reaktiv invasiv: Schneiden, stechen, ziehen, absaugen, ansaugen… Bei der großen Anzahl risikoschwangerer Patienten, sowie bekannt kranken Säuglingen und generell komplizierten Verläufen verliert man doch recht schnell aus den Augen, dass es auch die ganz normalen Frauen gibt, die völlig unkompliziert gesunde Kinder gebären!
Aber das ist nur meine Meinung und darf gerne widerlegt werden… :)