Es sind immer drei. Drei Patienten, die dir im Dienst sterben, dreimal vaginaler Herpes (nachdem du jahrelang keinen einzigen zu Gesicht bekommen hast…), drei EUGs (= Extrauterin Graviditäten. Nicht in der Gebärmutter angesiedelte Schwangerschaften) und: drei völlig bekloppte Dienste! Dabei tat der Letzte bis kurz vor 21 Uhr völlig harmlos. Pah, plöder Dienst du!
Goldstück (GS) hat eine Erstgebärende im Orbit, 10 Tage über Termin, mit beginnender Wehentätigkeit. Eine ganz stille, bisschen einfach strukturierte Person, die die halbe Zeit wie Espenlaub zitternd in ihrem Bett liegt und irgendwie den Eindruck vermittelte, daß sie jetzt gerne irgendwo anders wäre. Irgendwo GANZ anders. Aber gut, sie hält sich, jammert nicht, lagert den nur mäßig gewölbten Bauch wie verlangt von rechts nach links und wieder zurück, watschelt zwischendurch mit großen Augen zur Toilette und ganz flott wieder zurück, so als traue sie ihren Beinen nicht mehr, sie zuverlässig zu tragen.
Gegen 20 Uhr informiert mich GS übers Diensthandy, das sie PDA bestellt hat, um 20.05 Uhr erneuter Anruf: das mit der Anästhesie habe sich erledigt, nach spontantem Blasensprung hat die Frau zügig auf Vollständig eröffnet, Köpfchen bereits auf Beckenboden, ob ich mich auf den Weg machen wolle…?!
So ein braves Kind – kommt noch vor dem Abendessen, das hab ich gern. Und tatsächlich – kaum den Kreißsaal betreten, schon blitzt mir schwarzes Wuschelhaar aus 2-Fingerbreit geöffnetem Scheideneingang entgegen. Völlig entspannt sehe ich die folgenden Minuten dabei zu, wie die Mutter, hoch konzentriert und ohne einen Laut, in Zeitlupe Haaransatz, Stirn, kleine vorwitzige Nase und schließlich Mund und Kinn über weit gespannten Damm presst, grinse ein bisschen in mich hinein über das – wie von Zauberhand und ohne weiteres Zutun – zur Seite drehende Köpfchen – und atme zufrieden durch, als der kleine Wicht mit sanftem Schmatzgeräusch in die Arme der Hebamme rutscht.
Vorschriftsmäßig reißt er auch gleich erschrocken und mäßig angetan die Arme in die Höhe, holt tief Luft – und schreit seinen Unmut über die kalte, helle Welt in selbige hinaus. Willkommen im Leben!
Ich warte bis der frischgebackene Vater mit bleichem Gesicht und zitternden Fingern die Nabelschnur durchgesäbelt hat, schnapp mir dann die Blutröhrchen mit dem Nabelblut und tiger zu unserem Astrupgerät, welches im hinteren Anteil des Kreißsaals auf Arbeit wartet. Mit eben dieser Maschine wird der pH-Gehalt des kindlichen Blutes bestimmt, das Ergebnis zeigt dann, ob das Kind die vergangenen Stunden eher gestresst oder leidlich zufrieden durchgestanden hat, und stelle fest: Baby Neu liegt mit einem pH von 7,30, 7,38 und einem BaseExcess von -4 im oberen Durchschnittsbereich und darf den Stempel “sehr schön gemacht” mit nach Hause nehmen ;)
Dann zurück in den Kreißsaal – schauen, ob die Plazenta schon da ist, wenn ja, gratulieren (CAVE! NIEMALS gratulieren solange sich der Mutterkuchen noch IN der Mutter befindet! Bringt Unglück… :)) und nachsehen, ob genäht werden muß. Goldstück ist gerade damit beschäftigt, eine Infusion fertig zu machen und ruft mir über die Schulter nur “es blutet etwas verstärkt nach!” zu, also schnapp ich mir schonmal Handschuhe, laufe zum Fußende der Mutter – und *TATAAAAA* – so eine Schei**e….
Unter der Frau bildet sich gerade eine – aus kleinfingerdickem Strahl gespeiste – sekündlich größer werdende Blutlache. Na Bravo!!!
Ich packe auf den Uterus, welcher weich, aber nicht butterweich ist, und reibe vorsichtig ein bisschen den Fundus, in der Hoffnung, ihn dadurch zum kontrahieren (=zusammenziehen) bringen zu können. Gleichzeitig versuche ich den Scheideneingang so weit eingestellt zu bekommen, das ich einen Dammriß als Ursache der Blutung ein- oder ausschließen kann – was aber alleine nicht gelingt. Also Tücher rein und erst mal komprimieren, bis GS mit ihrer Infusion fertig ist, und mir zwei weitere Hände zur Verfügung stellt.
30 Sekunden später läuft das kontraktionsfördernde Medikament im Schuß in meine Frau hinein, wir haben Vater samt Baby an OsoleMia weiter gegeben, welche zufällig im Kreißsaal aufgeschlagen ist, und nach Umlagerung der Frau und mit Hilfe zweier Speculae (das sind die Dinger, mit denen Frau beim Gyn immer untersucht wird – nur in dreimal so groß für “direkt nach Geburt”) versuche ich erneut, mir ein Bild vom “Unten” dieser Frau zu machen. Ergebnis: Keine Chance! Sobald ich den ersten Spiegel eingeführt und mit dem zweiten nur minimal gespreizt habe, spritzt mir die Suppe quasi ins Gesicht. Das da geht gar nicht.
Plan B ist der Notfallplan – Hintergrund, Anästhesie, OP, SCHNELL!!!
Derweil wird weiter Uterus gehalten, die Schwester bringt eine Eisblase, die Anästhesie kommt und legt noch einen Zugang – und dann denke ich: CYTOTEC!!!
Cytotec ist ein Medikament, welches eigentlich zur Behandlung von Magen- und Darmgeschwüren benutzt wird, und irgendwann fiel irgendeinem cleveren Kopf auf, daß es obendrein Wehen macht. Cool! Und außerdem kann es den Uterus dazu bringen, sich zu kontrahieren, obwohl er das aktuell gar nicht vor hat! Doppelt Cool! Und man braucht noch nichtmal einen Zugang oder ähnliches – Tabletten (4 Stück an der Zahl) einfach rectal eingeführt (wie ein Zäpfchen in den Anus) und *TATAAAA* – Blutung steht.
So auch in diesem Fall. Keine 5 Minuten nach Gabe dieses Wundermittels kann man zusehen, wie die Blutung weniger wird und schließlich fast zum Stillstand kommt, der Chef betritt den Kreißsaal dann gerade noch rechtzeitig um die Situation abzunicken, freundlich zu grüßen und in Bundfaltenshorts und kurzärmeligen Hemd wieder zu verschwinden, und die Anästhesie bläst ihr Gefolge zum Rückzug.
1 1/2 Stunden später sitze ich in der Ambulanz vor meinem dritten Vaginal-Herpes in diesem Jahr und muß ein wenig den Kopf schütteln – über das Gesetz der Serie…