Tag-Archiv | Gloria-Victoria

Lassen sich mich Arzt – ich bin durch…!

“Ich warte im übrigen immer noch auf meine Malucci-liebt-Gloria-Exklusiv-Geschichte – nur, damit du bescheid weisst!”

Gelangweilt lümmel ich auf der Kreißsaal-Aquariums-Couch herum, stilecht im Chirurgenpyjama und allem drum-und-dran, während ich Gloria-Victoria dabei beobachte, wie sich sich gepflegt an ihrem Latte Macchiato  verschluckt.

“Sach ma – SPINNST DU, Josephine? Schau mal wie ich jetzt aussehe!?”

Fluchend wischt sich meine Lieblingshebamme den Kaffeeschaum vom Leibchen, während zartes Rot sich auf den sommersprossigen Bäckchen breit macht.

“Und was kann ICH dafür, dass du deinen Kaffee nur mit Sabberlatz trinken kannst, hm? Hey – HEY! LASS DAS!”

Noch während ich hinter der Couch Schutz vor Glorias Gummibärenbombardement suche, geht mein Handy los. Auf dem Display: Das Bambi!”

Ich: “Bambi? Was gibt´s?”

Bambi *whisper*: “(unverständliches Zeug)”

Ich: “Liebelein – sprich lauter!”

Bambi *WhispertUnwesendlichLauter*: “*******”

Ich: “BAMBI! SPRICH_LAUTER!”

Gloria (leidlich genervt): “Sie ist im Vierer-Kreißsaal. Vorzeitiger Blasensprung, Wehentätigkeit. Nur, falls es irgendjemanden interessiert!” Sprichts und schmeisst eine weitere Handvoll Gummigedöns nach mir.

Ich: “Okay! Bleib wo du bist – ich komme!” Und leg auf. Dann, an die Hebamme gewandt: “Sag – was ist da drin los?”

Gloria zuckt ratlos die Schultern: “Ich hab keine Ahnung – ist FrauVonSinnens Patientin. Mehrgebärende. Sind schon ein paar Stunden zu Gange.”

Ich rappel mich also hinter der Couch hervor und stiefel nach Kreißsaal IV (lindgrün). Kaum die Tür herein, bin ich auch schon mittendrin im Geschehen.

“ICH_BIN_ARZT!”

Verblüfft schüttel ich die Hand des Mannes, der sich aus dem Nichts heraus vor mir aufgebaut hat. Ein großer Kerl, Mitte Vierzig vielleicht, gepflegt und adrett gekleidet, mit Goldrandbrille und Charlie-Sheen-Frisur. Für letztere hat er hoffentlich seinen Friseur verklagt – geht gar nicht. Aber das ist gerade ein anderes Problem…

“Ich bin Arzt!” wiederholt er jetzt erneut, während er ausdauernd meine Hand schüttelt. Ich bin verwirrt – was WILL der bloss von mir?

“Das trifft sich gut,” antworte ich vage “ich bin nämlich auch Ärztin, wissen sie!”

Beruhigend lächel ich ihn an, was ihn nur veranlasst, stärker zu schütteln. Ich habe jetzt echte Sorge, er könnte mir den Arm auskugeln.

“Herr….- Kollege? Vielleicht könnten sie mich loslassen, dann sag ich ihrer Frau auch mal guten Tag?”

“Oh – ja…äh, sicher! Natürlich!” Folgsam lässt er die Hand endlich los und tritt einen Schritt beiseite. Dann beugt er sich noch einmal zu mir herüber und flüstert eindringlich “Ich.Bin.Arzt!”

Nee, is´ klar. JETZT hab ich es kapiert. Arzt! Super!

Der Kerl ist durch. Jetzt schon. Alter Schwede – das kann noch lustig werden. Gottlob macht Frau Arzt einen ganz zauberhaft normalen Eindruck. Laut schnaufend und prustend hängt sie gerade in das von der Decke baumelnde Tuch gekrallt, während der Wehenschreiber beeindruckende Berge aufs durchlaufende Papier krakelt.

Ich schaue mich suchend um – und da, in der hintersten Ecke des weitläufigen Raumes, zwischen Kreißbett und Badewanne versteckt, winkt Bambi verschüchtert zu mir herüber. Ich sage “Hallo” zu Frau Arzt, die mir zwischen zwei Wehen freundlich zunickt und gehe dann zu meiner Baby-Kollegin hinüber.

“Bambi? Was ist los? Wo ist Frau Von Sinnen? Und warum sprichst du nicht ins Telefon, wenn du schon anrufst?”

In Bambis großen Rehaugen herrscht Hochwasser und die Unterlippe zittert verdächtig. Das Rehlein ist offensichtlich am Ende mit den Nerven.

“Es…ist….weil…also, wegen…der Mann…Arzt…ich weiss nicht….!”

Unverständliches Zeug. Mein Gesicht ist ein einziges Fragezeichen, so viel ist mal klar!

“Bambi – grammatikalisch korrekte Sätze. Ich versteh gerade nur Hauptbahnhof!”

Die kleine Frau holt tief Luft und schluckt trocken. Ein Tränchen verlässt das linke Auge und rollt malerisch die Backe entlang bevor es auf Bambis Kinderdekollete klatscht. Frau Arzt schraubt sich gerade die Tonleiter entlang zum zweigestrichenen ‘C’ hinauf, während nun auch des Gatten Mantra von der Tür zunehmend lauter herüber schallt: “Ich bin Arzt! Wissen sie! ARZT! Ich bin AAAAHAAARZT”

“Whow – ich wette, der hat ein prätraumatisches Belastungssyndrom. Was ist der Kerl bloss? Dermatologe?”

Bambi schüttelt in atemberaubender Frequenz den Kopf. Wenn ich ehrlich bin, sieht sie gerade nicht weniger traumatisiert aus…

“Er ist…” flüstert sie kaum hörbar “RECHTSMEDIZINER….!”

……………????……………….

Das Fragezeichen auf meiner Stirn wird sekündlich größer. Wo ist denn die Pointe bei der ganzen Nummer? Versteh nur ich das nicht?

Das Bambi kollabiert jetzt gleich. Oder schaut es nur so grün aus, weil die Farbe der Wand sich im weiss der Gesichtsfarbe spiegelt? Herrjeh – egal! Ich nehm die Kleine bei den Schultern und schüttel ein bisschen:

“DU. BIST. AUCH. ARZT! Comprende? Verstanden? Alles klar?”

In dem Moment zupft mich jemand am Kittel

“Vielleicht kann mal jemand meiner Frau helfen?”

Unbemerkt im Treiben und Geschrei hat sich der Kollege von hinten angeschlichen und hängt mir nun ein wenig verstört am Kittelsaum, während seine Frau frenetisch brüllend von der Decke hängt. Also – irgendwie…

“Wo ist eigentlich Frau Von Sinnen?” suchend blicke ich mich nach der Hebamme um, die aber leider nirgendwo zu sehen ist.

“Kaffee holen” flüstert Bambi mir ins Ohr “Ich sollte so lange aufpassen. Aber er ist doch Aaaaarzt….!”

Ein zweites Tränchen kullert über die Backe. Ist aber gerade sowas von egal, denn jetzt steht Frau Arzt auch noch neben mir, packt mich am Arm und sagt – jedes einzelne Wort betonend: “ICH MUSS PRESSEN!”

Supi! Pressen muss sie. Nun denn!

“Bambi – geh Von Sinnen holen! STAT!”

Und zu meiner Patientin gewandt: “Sitzen? Stehen? Liegen?”

“STEEEEEEEEHEEEEEEEEEN!!!!!!” brüllt sie – und schmeisst sich zurück ans Seil, dass ich befürchte, sie könnte den Karabiner aus der Decke reissen.

Diese Frau ist der OberKracher! Ächt jetzt! Wie ein Sumoringer vor dem entscheidenden Angriff hängt sie in ihr Tuch geklammert, während sie presst, als gäbe es kein Morgen mehr. Ich liege auf den Knien vor ihr und sehe den dunklen Schopf deutlich tiefer treten, tiefer, TIIIIIEEEEEFER….

“Wo ist die VERDAMMTE Hebamme???” – denk ich mir und kann mich gerade noch auf den Rücken vor die Frau schmeissen, als mir auch schon mit einem satten Platscher Baby-Arzt auf den Bauch klatscht. DAS nennt man dann wohl Sturzgeburt….

Frau Von Sinnen erscheint – herrlich nach Kaffee duftend – just in dem Moment, als Kollege Arzt die Gesichtsfarbe von dunkelrot nach weiss nach aschgrau wechselt und gepflegt vom Höckerchen fällt, auf das ich ihn kurz zuvor plaziert hatte, um der Frau ein wenig Halt beim Pressen zu geben…

Die Kopfwunde hat ihm Nancy The Fancy anschließend mit süffisantem Grinsen souverän vernäht, während Frau Arzt glücklich ihr FÜNFTES Baby abgenabelt, gewaschen und angezogen hat, um es anschließend – zusammen mit  ihrem lädierten Mann, ins Auto zu packen und nach Hause zu fahren.

Bambi hat sich immer noch nicht von ihrem “Ich-muss-eine-Kollegen-Gattin-entbinden”-Trauma erholt und muss frühzeitig nach Hause geschickt werden.

Und ich – ich muss dann nochmal genau nachfragen, WIE das jetzt ist – mit meiner Lieblingshebamme und dem kleinen Italiener… :)

Der Pate – Teil II

Nachtschlaf im allgemeinen und Dienstschlaf im speziellen wird generell völlig überbewertet. Und so bin ich selbstredend hellwach und sofort da, als um 3.43 Uhr das olle Diensthandy sein immergleiches Lied anstimmt…

*RIIIIIIIIIIIINNNNNG*

What the f****…

Ich: “Hallo?”

Gloria: “Es sieht NICHT schön aus!”

Reden wird auch überbewertet. Wer sieht nicht schön aus? Und warum? Wollen wir etwas dagegen tun? Ernsthaft – jetzt, mittig in der Nacht? Ich brauche geschätzte 30 Sekunden, bevor die Bedeutung von Glorias Worten das Licht in meiner Großhirnrinde angeknippst und ein wenig hell ins Dunkel gebracht haben: Frau Wanne! Das CTG! Alles klar, ich komme jetzt!”

Als mein Bewusstsein das Wort “jetzt” formuliert, stehe ich bereits im Kreißsaal, denn wenn du als Arzt erst mal ein paar Jahre heruntergerissen und so um die 500 Dienste durchgemacht hast, läuft der Notfallplan völlig autark. Abgelegt unter “Reflex” im Hirnstamm oder so. Heisst im Klartext: Dein Körper rennt schon mal los, bevor dein Hirn überhaupt weiss, das es wach ist. Tolle Sache, das.

Frisch erwacht, wie Dornröschen, nachdem der Prinz es eine Runde in die Dornenhecke geschubst hat, stehe ich nun also im CTG-Überwachungsraum vor meine blonden Lieblingshebamme, die ihrerseits mit gerunzelter Stirn und unheilvollem Kopfwiegen die Eskapaden betrachtet, die BabyWanne gerade so produziert.

Gloria: “Es reagiert mit!”

Ich: “Nee, is´klar! Gibt es auch ein paar Neuigkeiten?”

Gloria: “Wir sind vollständig!”

Ich: “Werden wir denn auch spontan entbinden?”

Gloria: “Das ist noch nicht ganz klar!”

Es ist zum in die Tischkante beissen: Da sind wir nun so kurz vor fertig, und dieses vermaledeite CTG sieht aus, wie der Himalaya.

Ich: “Okay – lass uns ein bisschen MBU machen und dann Napoli anrufen.”

Gloria: “Du willst die Exekution noch etwas hinausziehen, hm?”

In der Tat. Napoli – ganz abgesehen von seinem aktuellen Brass auf mich – ist kein Freund von Nachtarbeit. Aber Nachtarbeit UND schlechtes CTG UND Brass auf die diensthabende Assistentin fällt eigentlich direkt in die Rubrik “Naturkatastrophe”. Und der kleine Italiener kann sowas von Tsunami sein, ich sach euch…

Also zapf ich dem Kindelein erstmal ein bisschen Blut am Kopf und stelle fest: datt Baby muss ein Kerl sein, es MARKIERT nämlich! Malt eine Badewanne nach der anderen aufs CTG und dabei geht es ihm SUPER! Alles palletti, wir haben Zeit. Zum schlafen beispielsweise. Und weil der Weg zu meinem Dienstzimmer (4. Stock, hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen) so verdammt weit weg ist, schleiche ich mich klammheimlich in Kreißsaal Nummero V (uterusrot), den sowieso nie jemand benutzt, weil die Farbe der Wände einen nach spätestens 10 Minuten hochgradig aggressiv macht. Da hat der Innenarchitekt mal toll mitgedacht.

Mein Kopf hat kaum das Stillkissen berührt, als Graham Bells Erfindung schon wieder nervtötend vor sich hin rappelt. Ein Blick auf das Display verursacht augenblickliches Sodbrennen – Nachtschwester Clementine, eine der 7 Plagen, wünscht ärztliche Unterstützung.

Ich (jetzt schon genervt): “JA???”

Ich lausche in den Höhrer und vernehme nichts als schmatzendes Kauen. Dann schlucken. Und schlürfen. Ein Königreich für ein Stück Tischkante – ich bin nur noch nicht sicher, ob ich lieber mein oder doch eher Clementines Hirn dagegen schlagen möchte…

Ich (schwer genervt): “CLEMENTINE?! Ich bin DRAAAAAAAN!!!”

Am entgegengesetzten Ende der Leitung hustet es krümelig – die verfressene Schwester hat sich ganz offensichtlich akut an ihrem Nachtmahl verschluckt. Das wird heute nix mehr mit Nachtschlaf, Josephine, das seh ich jetzt schon kommen…

Clementine (hustend und prustend): “Josephine? Bist du es?”

Nee – es ist der Osterhase. Ich fass es nicht…

Ich: “Wen hast du denn wohl angerufen?”

Clementine: “Na – DICH? Wieso?”

Einatmen, Josephine, und ausatmen. Deine Stirn ist kühl und trocken – alles wird gut!

Ich: “Clementine – WAS LOS???”

Clementine: “Weisst du – Frau Ober-Untermeier wird doch morgen operiert…”

Ich: “Isses wahr…”

Clementine: “Laparoskopie! Weisst du?”

Ich: “Nee, keinen Schimmer. Ist aber auch egal – was WILLST DU?”

Clementine: “Nein, warte – ich war ganz falsch. Frau Ober-Untermeier bekommt gar keine Laparoskopie. Das ist ja Frau Döderlein. Kennst du Frau Döderlein?”

SO müssen sich Hitzewallungen bei beginnender Wechseljahressymptomatik anfühlen. Die Hitze beginnt unterhalb meines Brustbeines als mieses Brennen, breitet sich über Dekolleté und Unterkiefer gleichmässig nach rechts und links bis zu den Ohren aus und findet den finalen Höhepunkt im miesen Ganzkörperschwitzen. Nur das MEINE Hitze nichts anderes ist, als unterdrückte Wut, gepaart mit einem ordentlichen Schuss Schlaf-Entzugs-Verzweifelung.

Ich (verzweifelt): “CLEMENTIIIIIINE!!! Komm zu Potte!!!”

Clementine (schon wieder auf beiden Backen kauend): “Hat sich schon erledigt – Frau Ober-Untermeier ist zur Gebärmutterentfernung aufgeklärt!”

Ich: “Ja – UND???”

Clementine: “Das ist richtig so. Die Laparoskopie bekommt ja Frau Döderlein. Tschüüüs, Josephine, schlaf gut!”

Sprichts und legt den Hörer auf.

Ich bette mein Haupt müde aufs augenkrebsverdächtige Glücksschweinchen-Stillkissen und werfe einen letzten Blick auf die Kreißsaaluhr, welche tausendstelsekundengenau die Zeit ins dämmrige Dunkel von Kreissaal Nummero V (uterusrot) wirft: 4.32 Uhr! Unter idealsten Bedingungen wären das somit noch gute zwei Stunden Schlaf, wenn nicht….

RIIIIIIIIIIIIIIING

Ich schwöre, wäre Mr. Bell nicht schon lange tot, den heutigen Tag hätte er keinesfalls überlebt.

Ich: “JA?”

Gloria: ” Das CTG….!”

Ich: “War klar! Ich bin schon nebenan!”

Zweieinhalb Sekunden später starren wir zum wiederholten Male müde auf die endlos scheinende, grünkarierte CTG-Schlange, die malerisch zu unseren Füssen wallt.

Ich stirnrunzelnd: “Richtig schön ist anders…!”

Gloria: “Richtig schlecht auch…!”

Ich: “Das wird Napoli kaum gelten lassen, wenn wir ihn um diese Uhrzeit aus dem Bett schmeißen!”

Gloria: “Der wird dich sowieso ans Nordtor nageln wollen, selbst wenn du heute Nacht Vierlinge mit einwandfreien Apgar und pHs spontan und ganz allein entbinden würdest!”

Da hat sie Recht….

Ich: “Wann war die letzte MBU?”

Gloria: “Vor dreißig Minuten!”

Ich: “Gut – dann machen wir jetzt eine Kontrolle und DANN rufen wir ihn an. Dann gibt es wenigstens einen aktuellen Zwischenstand!”

Fünfzehn Minuten später….

Gloria (gerade zur Tür herein stürmend): “Was tust du da?”

Verblüfft starrt sie auf das Diensthandy, welches wütend scheppernd auf dem Schreibtisch liegt, während ich – Gummitiere kauend – auf der Couch herumlümmel.

Ich: “Ich brauche Nervennahrung – du auch was?” einladend halte ich der blonden Hebamme die Tüte vor die Nase, während es weiter blechern aus dem Hörer dröhnt. “FRECHHEIT” höre ich Napolis verzerrten Bass und “ENTLASSUNG”. Zweimal hat er sich vor lauter Schreierei schon so verschluckt, dass die Stimme nur noch kaum hörbares Quietschen war.

Fassungslos starrt Gloria erst mich, dann das wütende, schreiende Handy und schliesslich wieder mich an, schüttelt den Kopf samt blondem, fluffigen Pony und meint dann: “Und was tut er da drin?”

Ich schüttel achselzuckend den Kopf und schiebe mehr Fruchtgummi nach. “Keine Ahnung. Hat sich erst wach gebrüllt und hält sich nun selbst bei Laune. Er hat mich sogar explizit wissen lassen, welches Kleidungsstück er gerade anziehen muss, nur weil ich zu doof bin, um alleine zu entbinden.

JETZT zieh ich meine Hose an. DANN muss ich meine Schuhe suchen. Und JETZT hab ich meine Kinder geweckt – alles wegen IHNEN!” – Ächt jetzt, ich schwöre, hat er gesagt!

“Das heisst, er ist jetzt gerade unterwegs hierher und brüllt dich derweil durchs Telefon an?”
“Völlig korrekt! Du hast es verstanden!”
“Und DAS lässt du dir bieten?”
“Mitnichten – deshalb liegt das Telefon ja auf dem Tisch. Eigentlich wollte ich ja gerne auflegen, aber er hat mich nicht zu Wort kommen lassen!”

Ich werfe einen traurigen Blick in meine Tüte – leer! Dann zur Hebamme: “Hast du irgendwo noch mehr Gummizeug?”

“Nein, leider – aber ich habe etwas viel besseres für dich!” verschwörerisch blinzelt sie mir zu und zieht mich dann euphorisch von der Couch und hinter sich her nach Kreissal IV, hoffnungsgrün, wo wir nur kurze Zeit später Frau Wanne entbinden. Damm intakt, Apgar und pH lehrbuchmässig. Napoli wird mich in meine atomaren Bestandteile zerlegen.

Und ich schaffe es gerade noch rechtzeitig im Nachbarkreissaal zu verschwinden, als das Unwetter in Form eines kleinen, entfesselten Italieners durch die Kreissaal-Doppel-Schnappschlosstür bricht…

Der Pate – Teil I

Schon mit dem Öffnen der Doppel-Schnappschloss-Tür schlägt mir der wunderbar heimelige Duft von frisch gebrühtem Kaffee entgegen.
Ein kurzer Blick ins ‘Aquarium’, unserem futuristisch anmutenden Zentral-Überwachungsraum, zeigt lediglich ein einziges, lehrbuchgerecht vor sich hin tuckerndes CTG ohne die kleinste Pathologie.

Ich trotte weiter zur Küche, wo Gloria-Victoria gerade, zeitgleich in einem riesigen Pott Kaffee herum rührend, wie festgenagelt auf ihr Handy starrt. Ihre sommersprossigen Bäckchen glühen zart roséfarben und ein zufriedenes Lächeln umspielt ihre Lippen.

Als sie meiner Ansichtig wird, weiten die seegrünen Augen sich vor Schreck auf doppelte Größe:
“Josephine – um Gottes Willen, du siehst furchtbar aus!”

Dieser Tag fängt ja mal ganz großartig an…

“Oh, ja, danke, liebe Ex-Freundin, ich freu mich auch wie Schnitzel, dich zu sehen!”
Glorias freundliche Hebammenbäckchen stehen nun in flammendem Rot während sie hektisch Kaffee in meine Lieblingstasse schüttet.
“Es tut mir alles so leid!” jammert sie durchaus glaubhaft beschämt und schiebt mir den liebevoll angerichteten Kaffee zu. “Konntest du ein bisschen schlafen heute Nacht – armes Ding du?”

Jetzt tut sie mir doch wieder leid in ihrer offensichtlichen Not und großmütig entschließe ich mich, sie nicht länger hinzuhalten.
GEORGE ist gestern Abend gestorben!”
“Ach sooooo!” erleichtert bläst GV sich eine blonde Ponysträhne aus dem Auge “Gekocht oder Chinesisch?”
“Chinesisch!”
“Fussmassage?”
“Jepp!”
“Du Glückliche!”
“Hah – glücklich aber abgemahnt sowie arbeits- und OP-los! Und obendrein muss ich die nächsten Wochen permanent aufpassen, dass mich Napoli nicht doch noch mit einem hübschen Betonklotz an den Füssen im See versenken lässt….!”

“OH MEIN GOTT! Glaubst du wirklich, Napoli hat Kontakte zur Mafia?!” Mit schneeweißem Gesichtchen, die Kaffeepad-großen, schwarzen Augen im krassen Kontrast dazu, steht mit einem Mal Bambi im Raum, das ‘Mafia’ nur noch ein zartes, atemloses Hauchen.
Still und unauffällig wie immer hat sie sich in die Szenerie geschlichen und gerade noch die letzten Fetzen der Unterhaltung aufgeschnappt. Eines Tages wird sie mit dieser Nummer noch jemanden zu Tode erschrecken!

“Ja, klar doch. ‘Der Pate’ wurde nach dem Vorbild von Napolis Großvater gedreht!”
ECHT jetzt?”
Bambi sieht aus als würde es gleich der Schlag treffen. Wie um alles in der Welt ist dieses Baby nur lebensfähig?!”
“Josephine!” streng pufft Gloria mir in die Seite “Mach ihr keine Angst – sie glaubt doch immer alles!”
“Aber wie geht das, bitte? Glaubt sie etwa auch noch an den Weihnachtsmann? Klapperstorch?” ich bin ernsthaft kurz vor verzweifelt. Die Frau ist erwachsen! UND hat studiert! Wie kann man da noch alles glauben, was einem erzählt wird? Selbst Chaos-Kind-Klein hätte mir diese Nummer mit dem Paten nicht mehr abgekauft!

Die Diskussion endet so abrupt wie sie begonnen hat mit dem Erscheinen des fraglichen Mafiosi-Sprösslings und Bambi zieht es vor, sich auf den am weitesten entfernten Platz nieder zu lassen. Sicher ist sicher.
Wenn man ehrlich ist – bei dem Riesen-Berg Unwetterwolken, die sich schwarz und bedrohlich über Napolis Kopf türmen, bin selbst ich mir nicht mehr ganz sicher, ob da nicht doch ein Funke Mordlust im Mienenspiel des kleinen Italieners zu sehen war.

Den Rest des Tages verbringe ich fast ausschliesslich mit langweiliger Stationsarbeit und damit, meinem Oberarzt aus dem Weg zu gehen. Was schwierig werden könnte, da wir zusammen Dienst schieben müssen.

Doch erst einmal funktioniert alles ganz prima. Ich nehme Patienten auf, gehe mit Bambi, Luigi und dem Sandmann gemütlich Mittag essen, und absolviere drei Kurzsprints zum Kreissaal: 33jährige Erstgebärende, Einleitung bei Terminüberschreitung. Schätzgewicht 3300 g, gut eingestellter Schwangerschaftsdiabetes.
Der Anruf zum ersten Sprint erfolgt 20 Minuten nach Einleitung – riiiiiiiieeeesen Badewanne auf dem CTG. Als ich keuchend und schnaufend im Kreissaal eintreffe, befinden wir uns Herztonmässig immer noch weit unterhalb von ‘schön’
“Bolus ist drin” nickt Gloria mit kurz zu. ‘Bolus’ bedeutet umgangssprachlich Wehenhemmer direkt in die Vene. Und tatsächlich – der Bauch der Schwangeren tastet sich bretthart. Den sogenannten “Wehensturm” gibt es bei Einleitungen immer mal wieder. Meist bekommt man das Drama mit einer ordentlichen Portion Wehenhemmer zügig wieder in den Griff. Manchmal nicht.

“Mehr Bolus?” Gloria schaut mich an, die Spritze im Ansatz

“Ja, hau rein!” Die Herztonkurve wackelt immer noch bedenklich tief übers Grünkariert, mir deucht jedoch, ich hätte da gerade einen minikleinen Anstieg ausgemacht.

“Ist drin!”

Die Hände auf dem brettharten Bauch meiner Patientin stiere ich wie ein hypnotisiertes Kaninchen auf den CTG-Streifen, während mir das “TockTock” des Wehenschreibers dumpf in den Ohren tönt. Ich muss da eigentlich gar nicht drauf schauen – anhand des Rhythmus ist völlig klar, dass wir uns immer noch weit entfernt von schön und gut befinden.

“Wie lange?”

“5 Minuten!”

“Wieviel Bolus?”

“6ml”

Okay – der Worte sind genug gewechselt, jetzt machen wir mal ein bisschen hinne…

“Frau Wanne – das ist leider ein bisschen viel Wehe für das Baby, wir gehen jetzt mal eben in den OP und holen den Knirps raus, okay? Alles wird gut!”

Frau Wanne sieht eher nach “mir wird schlecht” aus, was ich super nachempfinden kann, während Herr Wanne wiederum, ebenfalls kaninchengleich, auf den länger werdenden CTG-Streifen starrt. Dann, von jetzt auf gleich…

Tock…….Tock……Tock…..Tock….Tock…Tock..TockTockTockTockTockTock

Whow – sofortige CTG-normalisierung unter angedrohter Notsectio! Was für ein unglaublich kooperatives Kind! Und so clever!

“Yeah – Baby hat scheinbar keine Lust auf Kaiserschnitt!” Gloria strahlt euphorisch. Mit angehaltenem Atem schauen wir alle dabei zu, wie der Herzschlag sich auf gesunde und rhythmisch wohltönende 140 Schläge pro Minute einpendelt. Der Bauch unter meinen Händen tastet sich jetzt wieder prall und elastisch und ein Hauch Wangenrot kehrt ins Gesicht meiner Patientin zurück.

“Okay – dann hau mal ein bisschen die Bremse rein. So eine Nummer möchte ich heute nicht noch einmal haben! Ich schau dann später wieder vorbei!”

Mit “später” meine ich irgendwann gegen Abend und am allerliebsten mit solch hübschen Begleitkriterien wie “Muttermund vollständig” und Kopf auf Beckenausgang. Das wäre toll! Tatsächlich sind beim nächsten Notruf aus dem Kreißsaal gerade mal 40 Minuten vergangen, wobei die Badewanne freundlicherweise schon wieder am abklingen ist, als ich schwer keuchend und heftig transpirierend vorm Kreißbett stehe. Ich bin offensichtlich ein wenig aus dem Training – was sich schleunigst ändern muss, sonst bekomme ich nächstens vom Spurt zum Patientenbett noch einen Herzinfarkt.

“GLORIA! Was SOLL das? Ich sagte doch SPÄTER!”

“Ich WEISS!”

“Hast du die Wehenhemmung drin?”

“Klar!” Gloria blitzt mich beleidigt an. “Ich mache IMMER, was du mir sagst!”

“Naja – bis auf die Nummer mit Malucci…!”

Gloria zieht Luft durch die Nase – böse Retourkutsche! Aber die Diskussion über den italienischen Loverboy muss jetzt erst einmal warten, bis wir die Badewannen-Nummer im Griff haben.

“Frau Wanne, sie sollten mal ein ernstes Wörtchen mit ihrem Nachwuchs reden – das hier ist kein schöner Zug von ihm! Das muss es unbedingt abstellen, sonst landen wir heute wirklich noch irgendwann im OP. Ächt jetzt!”

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….To Be Continued…</em

Willkommen im Leben, Tscheremy-Marlboro

“Du hättest mich ruhig mal einweihen können! Ich hab geschaut wie Hein Blöd als Schwester Bildzeitung dich geoutet hat!”
Wütend funkel ich zu Gloria hinüber, die verschämt ihr Goldköpfchen senkt.
“ich habe keine Ahnung, woher sie das weiß! Wir waren immer so vorsichtig!” murmelt es undeutlich zurück.
Immer?!
“Wie jetzt – immer? Seit wann geht das denn schon mit dir und Mr. Lover-Lover?”
Ich bin entsetzt. Die Lieblingshebamme enthält mir vorsätzlich wichtige Informationen vor? Das glaub ich ja nicht…!
“Nuschel”
“Ich hätte schwören können, du hast gerade “halbes Jahr” genuschelt. Aber da habe ich mich ganz sicher verhört! Stimmt doch, Gloria? Ich muss mich verhört haben?!”
“Ich muss dann jetzt mal pressen.!”
Frau Schmidt auf dem Kreissbett zwischen uns wartet das Ende unserer Diskussion erst gar nicht ab, sondern presst gleich mal ordentlich durch. Interessiert und einträchtig senken die Hebamme und ich den Kopf um den Effekt des Pressversuches zu beurteilen. Gloria hebt anerkennend die Linke Augenbraue.
“Nicht schlecht, Frau Schmidt – ich kann schon Haare sehen!”
Frau Schmidt ist ein echtes Phänomen – neunte Schwangerschaft, achtmal völlig unproblatisch spontan geboren. Und das, obwohl sie klein und dürr wie ein Geierjunges ist. Und locker fünfzehn Jahre vorgealtert, was sie wohl den zwei Päckchen Zigaretten pro Tag zu verdanken hat, die sie während der Schwangerschaften immerhin auf zwanzig Fluppen täglich reduzieren konnte.
Frau Schmidt ist obendrein ein recht seltenes Phänomen: gleichwohl mit der Figur eines präpupertären Teenager gesegnet ist sie eindeutig Vollprofi im Fachbereich Kinder gebären. Drei ihrer bisherigen acht Geburten hatte ich schon persönlich miterlebt und alle liefen immer nach demselben Schema F ab: im Raucherhof eine Zigarette nach der anderen – “Die Aufregung, Frau Dokta, is’ klar, nä?” – dann, pünktlich zu Muttermund vollständig ab in den Kreissaal und rauf aufs Bett, zweimal gepresst, Kind da. So einfach geht das! Und alles ohne Geschrei und Gejammer, selbstverständlich ohne PDA, denn mit der darf man nicht zum Rauchen in den Hof, und kaum ist die Plazenta draußen, zieht sie mit ihren Marlboro schon wieder weiter.
“Nächste Wehe!”
Völlig konzentriert presst Frau Schmidt ihr neuntes, winzigkleines Raucherbaby an schlaffen Beckenbodenmuskeln vorbei in die Welt und mit einem böse grollenden, nikotininduziertem Husten folgt auch gleich die noch winzigere, völlig verkalkte Plazenta nach.
“Junge? Heißt Tscheremy-Marlboro. Tscheremy mit T-S-C-H. Marlboro wie die hier!” sprichts und hält mir die Zigarettenpackung unter die Nase. Dann schlurft sie breitbeinig zur Tür hinaus, das OP-Hemdchen mit einer Hand über dem dünnen Hintern zusammen haltend.
“Na, du armer Wurm!” murmel ich besänftigend den schreienden Säugling an, dessen Nikotinentzug bereits in vollem Gange ist “Dann mal herzlich Willkommen im Leben!”
Gerade will ich mich nach Gloria umschauen um unser Gespräch über sie und Malucci und überhaupt zu beenden, als Ludmilla, kleine, dicke Russenhebamme den Kopf zur Tür herein steckt: “Josephine – komm! Frau Blume- Sonne tut schreien!”
Wer?
“Frau Hühner-Wanne!”
HÄH?!
“Blümel-Wonne” hilft Gloria jetzt aus.
“Und was schreit sie, bitte?”
“Kaiserschnitt!”
Isses wahr…!

Der nationale Notstand wird ausgerufen…

“Aber mein Mann hat doch JETZT Urlaub…!”
Greinend wie eine Zweijährige, der man das geforderte Eis verweigert hat, sitzt Frau Blümel-Wonne vor mir und schafft es sogar, zwei Tränchen aus dem linken Auge zu quetschen.
“Sie sehen doch, das sie am Ende ist. Jetzt tun sie doch etwas!”
Herr Wonne tätschelt seiner Frau beschwichtigend die Hand und schaut gewollt vorwurfsvoll drein. Wie mein golden Retriever, wenn ich keine Leckerli rauszurücken gedenke. Böses Frauchen! Wie schade, dass dieser Blick mich kein bisschen beeindruckt. Weder an verfressenen Hunden und gleich gar nicht bei fremden Ehemännern.
“Sie sind gerade mal in der 37. SSW angekommen und es gibt keinen Grund die Geburt JETZT einzuleiten!”
Es gibt eigentlich gar keinen Grund, die Geburt überhaupt einzuleiten. Denn mit Frau Blümel-Wonnes Schwangerschaft ist alles in bester Ordnung. Allein die Geduld des wonnigen Ehepaares lässt doch arg zu Wünschen übrig.
“Frau Dr. Knall-Tüte hat aber gesagt, das der Gebärmutterhals schon verkürzt ist!” mault Frau Blümel wenig wonnig. Note to Self: Die Kollegin Knall-Tüte anrufen und zur Minna machen. Was soll das ewig mit diesem Gebärmutterhals-Orakeln? Es gibt Millionen Schwangere die mit verstrichenem Gebärmutterhals zwei Wochen über Termin eingeleitet werden müssen, weil das Kindelein nämlich mitnichten vorher schon herausgefallen ist. Ällebätsch! Aber solche Geschichten hat die Niedergelassene unserer Patientin nicht erzählt. Wollte die auch garantiert nicht hören.
“Hören sie, Frau Doktor – meine Frau hat Schmerzen…”
Gott, ja, die hab ich gerade auch…
“…und wenn das Kind sich doch schon auf den Weg gemacht hat…”
Hat es einen Telegramm geschickt? Ankunftsbestätigung?
“…und ich doch jetzt schon Urlaub genommen habe…!”
“Frau Dr. Knall-Tüte sagt, es kann jeden Moment soweit sein!” hängt sich jetzt auch die Gattin mit ins Zeug.

Die Schlacht ist verloren, ich weiß es. Von Anfang an hatte ich nicht den Hauch einer Chance, denn wenn Eltern schon auf Einleitung gepolt und mit dem Köfferchen samt Urlaub im Kreissaal aufschlagen, dann gibt es nur noch die Wahl zwischen Einleitung und Sectio. Meistens in dieser Reihenfolge.

“Ich hole ihnen dann mal den Oberarzt, der muss alles weitere entscheiden!”
Zufriedenes Grinsen bei den jetzt wieder wonnigen Blümels. So grinst mein Retriever Dr. Shepherd auch immer, wenn er sein Leckerli doch noch irgendwie ergaunert hat. Sei es drum. Im gläsernen Überwachungszimmer sitzt Gloria-Victoria mit mürrischem Gesicht vorm CTG-Monitor und murmelt wütend vor sich hin.
“Die Wonnigs wollen partout die Einleitung – hast du den OA irgendwo gesehen?!”
“Seh ich aus wie die Information?”
“Hat dir jemand ins Frühstück gespuckt?” Schlechte Laune ist so gar nicht Glorias Markenzeichen. Und irgendwie hängt der blonde Pony heute auch ein wenig windschief über den seewassergrünen Augen meiner Lieblingshebamme.
“Alles gut! Ich Ruf Napoli an!”
“G-V, sprich schnell – WAS ist los!”
“Ach, Josephine, es ist…”

RING

Diensttelefon!
“Dr. Josephine – könnten sie mir im OP assistieren?”
“Äh, klar, Chef! Sicher doch. Bin schon unterwegs!”

Au weia – das hat sich ganz klar nach einer Einladung zum Verhör angehört.
Schweren Herzens lasse ich Gloria im Kreissaal zurücke und mach mich auf den Weg nach OP 5, wo Chefarzt Böhnlein gerade mit grimmigem Blick das OP-Feld desinfiziert.

“Was ist denn mit dem los? Der hat ja unterirdisch schlechte Laune heute?” OP-Schwester Hermine nickt fragend zu Böhnlein hinüber, der nun verbissen mit einem Mini-Tupfer im Bauchnabel der Patientin herum fuhrwerkt.
“Warum muss da so viel Dreck drin sein? Kann man seinen Bauchnabel nicht sauber halten? Muss das so aussehen? MUSS das WIRKLICH so aussehen?”
Empört hält Böhnlein die Kornzange mit dem dreckigen Tupfer so nah vor Igors Nase, dass der bullige, russische Pfleger vorsorglich einen Schritt rückwärts geht.
“Vorrrsicht, Scheff, ist nix gut zu chabe diese Dreck in die Auge!”. Dann entwindet er dem aufgebrachten Böhnlein vorsichtig das Arbeitsgerät und bugsiert ihn freundlich aber bestimmt in Kittel und Handschuhe.
Zehn Minuten später ist die OP dann in vollem Gange und ich habe meine liebe Mühe, den ausufernden Bewegungen des Chefarztes zu entgehen, ohne die Kamera allzu sehr zu bewegen.
“Dr. Böhnlein – sie hätten mir beinah die Nase zu Brei geschlagen!”
Vorsichtig trete ich erneut einen Schritt an den Tisch heran, halte meine Kopf jedoch weiterhin respektvoll auf Abstand.
“Verzeihung. FRECHHEIT!”
Die dichten Augenbrauen stehen wie eine weiße Wolkenwand, aus der es gleich zu regnen droht, über Chefs wasserblauen Augen.
“FRECHHEIT!” wütet er jetzt erneut und wirft Hermine die Laparoskopie-Schere hin “Es BLUTET!”
“Ja, Chef” antwortet Hermine freundlich hinter der Maske lächelnd “Da kann ich aber nicht für – SIE sind doch der Operateur!”
Eins zu Null für die Instrumenten-Tante. Und in den Augen des Chefs meine ich ein kleines Blitzen gesehen zu haben.
“Strom!” brummt er jetzt eine Spur milder. Zwei Sekunden später ist die kleine Blutung unter Kontrolle und wir machen uns weiter daran, die exorbitant große Zyste der friedlich schlafenden Patientin zu entfernen. Während ich die Prozedur durchführen darf, beugt Böhnlein sich verschwörerisch von seinen 2,03 m zu mir herunter und flüstert:
“Das von heute morgen – wie war das jetzt genau!”
Beinahe hätte ich die Zystenwand, die schon so gut wie sicher in den Bergebeutel gefrickelt war, doch noch daneben geschmissen.
“CHEF! Ächt jetzt – sie wollen, das ich petze? Hier und jetzt? Das find ich nicht gut!”
“Ich schon…!” brummelt es von der nördlichen Seite des OP-Tuches herüber und Dr. Sandmann taucht interessiert aus der Versenkung auf.
“Mensch, Sandmann. Schlaf weiter, das hier geht dich nichts an. Gynäkologie-Interna!”
Wütend versuche ich den störrischen Bergebeutel in den Griff und dann aus dem Bauch der Patientin bugsiert zu bekommen.
Wie soll man denn so bitteschön operieren…?!
“Dr. Josephine – ich dulde keine Geheimnisse in meiner Abteilung!”
Die Wolken über Böhnleins Kopf haben erneut Unwetterausmaße angenommen, der Bass seiner Stimme dröhnt wie Donnergrollen.
“Geheimnisse – das ich nicht lache!” Oberschwester Ottilie, die gerade hereingekommen ist und noch die letzten Fetzen Unterhaltung mitbekommen hat, grunzt höhnisch auf. “Welches Geheimnis darfs denn geute sein? Nancy und Oberarzt Überzwerg? Wilma und Fred vom Jupiter? Oder doch lieber unser italienischer Macho Dr. Malucci und diese Hebamme? Wie heißt sie noch gleich? Blonder Pony, grüne Augen?”
Fassungslos starre ich Schwester Ottie an und dann geht mir plötzlich ein Licht, ach was, ein Kronleuchter, ein ganzes Feuerwerk auf:
“Gloria-Victoria?!” fast verschluck ich mich an der Luft zum Atmen.
“Ja! Genau! Gloria!” zufrieden nickend verlässt die böse, kleine Oberschwester den Saal dorthin, wo heute noch keiner Unruhe gestiftet hat, während über des Chefarztes Kopf der nationale Notstand ausgerufen wird…

II. The Storm – Part II

18 Stunden zuvor…

“Ich habe seit drei Wochen einen Pickel am Po – der stört mich jetzt. Können sie mal schauen…?!”

“Es brennt beim Pinkeln – gibt es da nicht etwas von BlaBlaPharm?!”

“Meine Brustwarzen schielen – kann man das operieren?”

“Ich bekomme einfach keinen Orgasmus – was soll ich tun?”

Dies nur ein kurzer Abriss der ambulanten “Notfälle”, die sich seit Dienstbeginn um Null-Achthundert in meiner kleinen, heimeligen Ambulanz eingefunden haben. Schwester Notfall schüttet gerade entnervt den vierten Pott Kaffee hinunter und ich frage mich ernsthaft, ob sie irgendwo eine Externe Blase installiert hat, denn bei dieser Menge Plörre käm ich gar nicht mehr von der Schüssel runter.

“Notfall – du solltest auf Wasser umsteigen. Soviel Koffein beisst sich mit deinem Adrenalin-Überschuss!”

“Pffff” bekomme ich nur abfällig zur Antwort “Ohne Koffein käm hier ab 9 Uhr keiner mehr lebend rein. Oder raus!”

Notfall ist eigentlich die Ruhe in Person, aber der fünfte Dienst in Folge hinterlässt auch an ihr, der alten, erfahrenen Ambulanzschwester, Spuren. Drei Tage vor Vollmond und zwei danach spielen die Leute monatlich verrückt. Dann spült der große, weisse Himmelskörper Wahnsinnige, Verrückte und wahnsinnig Verrückte in die Notaufnahmen dieser Welt, mit Krankheitsbildern, die  so schräg sind, das man es kaum glauben mag.

Ich durchwühle den mittlerweile auf beachtliche Größe angewachsenen Aktenberg nach einer Patientin mit echten Beschwerden – und fördere statt dessen nur weitere Kuriositäten zutage.

“ÄCHT JETZT??? Kann meine letzten fünf Tampons nicht mehr finden!” Entgeistert starre ich erst auf den säuberlich in Kleinmädchenschrift ausgefüllten Ambulanz-Aufnahme-Zettel und dann hinüber zur Schwester, die mich nur – mitleidig mit dem Kaffeepott zuprostend – angrient. “Du wirst es nicht glauben” meint sie “das Mädel ist vorneweg Mitte Zwanzig. Entweder hat sie die Tampons jetzt erst für sich entdeckt, aber das Prinzip nicht so ganz verstanden – oder sie ist nicht das hellste Licht im Leuchter!”

Ich würde die ganze Sache ja wirklich gerne vertiefen, als justamente das Diensthandy den Kreißsaal ankündigt – Gloria-Victoria, geliebte Hebamme und wonniger Sonnenschein, eröffnet die heutige Runde mit dem ersten Überraschungsei – Frau mit-ohne Geburtstermin in unbekannter Schwangerschaftswoche. Das ist ja lustig.

Zwei Minuten später sitze ich einer 42jährigen Frau im wallenden Batikkleidchen gegenüber, deren Achselhaar frei und lockig bis fast auf die Hüfte fällt und dezent nach Schweiß und keinem Duschzeug riecht. Wie gut, dass das willkürliche Ein- und Ausschalten des Riechnerven Grundvoraussetzung für die gynäkologische Facharztprüfung ist…

“Frau Öko, wie kommt es, dass sie in all den Wochen ihrer Schwangerschaft gerade zwei mal beim Frauenarzt aufgetaucht sind?!” Ich gebe zu, ich bin ein wenig angefressen – Riechbelästigung hin oder her – wegen der nicht statt gehabten Vorstellungen. Macht einem das Leben recht schwer, wenn man nicht weiss, ob das Kind, das man demnächst in Empfang nehmen soll, schon reif für diese Welt, oder eben viel zu früh, vielleicht noch unterzuckert oder gar komplett unterversorgt ist. Whatever! Ich meine – klar kann jede Frau machen, wie sie will. Keine Vorsorge – BITTE! Kein Ultraschall – KEIN Problem! Aber dann soll sie doch gerne WOANDERS entbinden, denn hier bin ICH für die kleinen Rüben zuständig und wenn es denen nach Geburt dreckig geht, nehme ich das persönlich. SO ist das nämlich!

Frau Öko kann weder meine Wut noch Sorge nachvollziehen – sie hätte jetzt bitte-danke ihre ambulante Entbindung und das war´s. Kein Ultraschall, keine Braunüle und schon gar keinen Arzt, bitte-sehr. Gloria tätschelt mir vorsichtig die Schulter während ich einfach nur einatme und ausatme. Immer nur ein- und ausatme…

“Ich hänge Frau Öko mal ans CTG und dann sehen wir schon weiter!” säuselt sie – verschwörerisches, heftiges Augenzwinkern in meine Richtung – zur Patientin hin und schiebt mich energisch zur Kreißsaaltür hinaus.

“Ich mach das schon – schau du mal nach der Vier!” *Peng* – Zu der Kreißsaal!

Kreißsaal Nummero Vier malt gerade wunderschöne Herztonkurven über noch schöneren Wehenhügeln – sollte dies der Lichtblick meines trögen Dienst-Tages werden? Frau Viers Akte hingegen zerschlägt meine Hoffnung augenblicklich mit dem dem lapidaren Satz:

Zweitgebärende mit Verdacht auf makrosomen Fetus und Zustand nach Sectio bei Geburtsstillstand

Auf deutsch: Kaiserschnitt beim ersten Kind weil es nicht voran ging, jetzt wohl dickes Baby. Herzlichen Glückwunsch! Frau Vier ist – wie ich kurz darauf feststellen muss, zu allem Unglück auch noch mikroskopisch klein, ihr Mann hingegen ein Berg von einem Kerl – und das Baby im monströsen Bauch scheint leider ganz nach der väterlichen Seite zu schlagen.

Nichts desto Trotz ist Familie Vier unglaublich sympathisch, unfassbar motiviert und gottlob unwissend, was meine Bedenken hinsichtlich dieser Geburt betrifft! Und obendrein wollen sie dieses Mal eine spontane Entbindung. Auf alle Fälle!

Ich will ganz sicher nicht der Spielverderber sein, aber meine Hoffnung auf normales Entbinden ist extrem niedrig. Um nicht zu sagen: geht gegen Null. Aber probieren kann man ja mal. Ich kläre die zwei Vierer also auf – über einen erneuten Geburtsstillstand mit nachfolgendem Kaiserschnitt (selbes Procedere wie letztes Mal!), das Steckenbleiben der Schulter und alle möglichen anderen Komplikationen. Das Paar ist aufmerksam, hoch differenziert – und in jedem Fall bereit, die Sache anzugehen. Okay, so lasst die Spiele denn beginnen. Ausgangsbefund: Finger durchgängig, Gebärmutterhals erhalten. Uhrenvergleich: Null-Neunhundertdreißig!

In der Ambulanz wartet besagtes menschliches Tampon-Depot immer noch auf adäquate Behandlung – die Wasserstoffperoxid gebleichte Hochglanz-Blondine sitzt bereits – lässig drapiert, den gürtelbreiten Stretchmini bis zum Bauchnabel hochgezogen und in glänzenden Kunstleder-Overknees – auf meinem Untersuchungsstuhl. Fasziniert betrachte ich die ausladende Oberweite der Frau, die nur mühsam von einem Hauch Nichts einer Bluse zusammen gehalten wird. Der oberste Knopf, welcher nur noch am berühmt seidenen Fädchen hängt, scheint sich sekündlich verabschieden zu wollen, und ich befürchte ernsthaft, während der Untersuchung unter der Masse des Cup H-Silikon-Busens begraben zu werden.

“Hallo – ich bin Dr. Josephine. Sie hätten aber noch gar nicht auf dem Stuhl Platz nehmen müssen. Sitzen sie schon lange da?”

Auf dem sorgfältig zurecht gemachten, 4mm-Make-Up-Gesicht macht sich greifbare Enttäuschung breit. Der Knopf an Blondies Blusen-Nichts vibriert bedenklich an seinem Fadenrest, als die Kleine nach kurzer Schreckpause ihrer Empörung freien Lauf läßt: “Sie sind ja gar kein Doktor!!!”

“Verzeihung, aber ich bin sehr wohl ein Doktor. Mit Brief und Siegel und zwar nicht erst seit gestern!” Das wird ja immer schöner – muss ich jetzt schon in aller Herrgottsfrühe meine Approbationsurkunde vorlegen? “Womit kann ich ihnen denn jetzt helfen?!”

“SIE” schnippt Blondie mit verächtlich gekräuselten, grellrot geschminkten Lippen “SIE können mir gar nicht helfen! Ich brauch diesen Doktor. Fred! Doktor Fred, DEN will ich haben!”

Ächt jetzt – Blondie zieht Vollpfosten-Fred meiner Person vor. Unfassbar das! “Dr. JU_PI_TER” schmolle ich gekränkt zurück, jede einzelne Silbe nachdrücklich betonend “Dr. Jupiter ist heute nicht im Haus – sie müssen schon mit mir Vorlieb nehmen!”

Doch das muss diese Frau mitnichten. Erstaunlich gelenkig springt sie mitsamt XXL-Oberweite auf ihre 20-Zentimeter-Highheels und schiebt das Gürtelröckchen minimal Richtung Oberschenkel – gerade weit genug, um den Ansatz ihrer großen Schamlippen zu verdecken. Dann zieht sie – hoch erhobenen Hauptes und ohne ein weiteres Wort – an mir vorbei gen Ausgang. Sprachlos blicke ich ihr hinterher, wie sie – wild die Hüften schwingend – über das Krankenhauslinoleum davon hämmert. Notfall hängt derweil quiekend und japsend über dem Verbandswägelchen und wischt sich die Lachtränen aus dem Gesicht. “Du müsstest dein Gesicht sehen, Josephine! Ächt jetzt – du schaust wie ´ne Kuh wenn´s blitzt!”

Und genau so fühl ich mich auch. Doch lange Zeit bleibt mir nicht, meine akute Befindlichkeit zu überdenken, denn zum gefühlt tausendsten Mal an diesem unsäglichen Morgen, klingelt das Telefon und kündigt – mal wieder – den Kreißsaal an.

“Josephine – Zugang!”

“Notfall” jammere ich selbstmitleidig “ich will nach Hause!” – “Aber sicher, Josephine! Kannst du ja auch – in gerade mal…” kurzer Blick auf ihre am Krankenschwesterrevers baumelnde Uhr “…22 Stunden und 3 Minuten!”

“Du kannst so unfassbar motivierend sein” grummle ich vor mich hin, während ich den Weg zurück zum Kreißsaal nehme.

————————– Stay tuned – Coming back soon ———————————-