Tag-Archiv | Geburt

OH_MEIN_GOTT! Oder: man lernt doch niemals aus…

…frau auch nicht!

Gestern bin ich über DIESEN LINK *KLICK* gestolpert: ACHTUNG!!! Hier werden Bilder einer Wassergeburt gezeigt. Nicht, dass jemand jetzt versehentlich auf meiner Homepage gelandet ist und vielleicht kein Wasser sehen kann oder so… ;)

Aber zurück zum Link und oben genannter Seite – ich gebe zu, ich war ein bisschen baff. Und habe beim anschauen der Bilder gemerkt, wie sich mir in wohligem Grusel die Nackenhaare stellen. Nicht, weil ich das Gesehene nicht gut finde – DAS weiss ich noch gar nicht genau, wie ich es finde. Nein – weil ich mir vorstelle, wie es ist, bei solch einer Zwillings-Beckenendlagen-Geburt der verantwortliche Arzt zu sein. Verzeihung: Zwillings-Beckenendlagen-HAUSgeburt! Also zwei Babys, beide falsch herum, mit dem Po zuerst, und in der heimischen Badewanne.

OKAY – ich HABE es mir überlegt. Ich hätte Angst. Was sage ich da – Panik hätte ich! Panik in Großbuchstaben. Denn mir würden permanent Horrorfilme vor meinem inneren Auge herunterlaufen – Kopf von Baby 1 bleibt stecken. Kopf von Baby 2 bleibt stecken. Babys verhaken sich ineinander und keines wird geboren. Frau blutet. Nicht nur ein bisschen – Frau blutet viel. Uaaaaaaaah…. *InPanikWegrenn*

Versteht mich nicht falsch – ich finde es TOLL, die Bilder und wie sanft und schön alles aussieht. Und die gute Frau sitzt da ja jetzt auch nicht allein herum – eine Hebamme war dabei, eine Hebammen-Assistentin, eine Hebammenschülerin, eine Doula UND ein Arzt. In der Badewanne dann noch der Mann und hinter der Linse der Fotograf.

Aber wenn ich jetzt NOCH mal drüber nachdenke… *UAAAAAAAAH* – ich renn dann lieber. Solche Sachen sind nichts für konservativ erzogene, deutsche Gynäkologen-Schisshasen. Die meisten Chefs bekommen hierzulande ja schon Schnappatmung bei ganz normalen Einlings-Beckenendlagen-Entbindungen IM Krankenhaus. Aber zwei! daheim! in der Badewanne!!!…

Whatever. Was ich Euch damit sagen wollte?

Mein Name ist Josephine und ICH bin ein Schisshase :)

P.S.: Die Familie ist übrigens extra von Florida nach North Carolina gezogen, um diese Geburt so durchziehen zu können. Hat man auch selten, dass eine Schwangere so 1000% weiss, was sie will…!

Rutschen sie um Gottes Willen NICHT auf ihrem Erbrochenen aus…!!!

Ja, okay, ich gestehe: ich habe eine heimliche Schwäche für diese Videos. Denn unter all ihrer Monotonie sind sie einfach nur wahr. Real life! So und nicht anders läuft es tagein, tagaus in den Ambulanzen und Kreißsälen dieser Welt. Und wer es nicht glaubt, der soll gerne einmal eine Nacht lang mit mir oder dem Mediziner seines Vertrauens Dienst schieben. Dann werdet Ihr schon sehen… :-D

Dieses Video (siehe gaaaaaaanz unten – aber erst den Blog-Eintrag lesen, gell? ;)) hat mir gestern snusnu verlinkt (danke dafür! I Love It!) – und es ist unfassbar, dass Frauen WELTWEIT (oder zumindest auf dem nordamerikanischen Teil unserer Welt) mit exakt denselben Gründen und auf alle Fälle IMMER sonntagsmorgens um 3 Uhr in den Ambulanzen auflaufen um… – aber lest selbst

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Sonntagmorgen, irgendwann gegen drei Uhr, Dienstzimmer

*RIIIIIING*

Ich (völlig verpennt): “Hmmm????”

Notfall: “Josie – Arbeit!”

Ich (mit einem Bein immer noch im Traumland): “Hm?”

Notfall: “Schwanger. 38. Woche!”

Ich: “Komme!”

*RIIIIIING*

Ich (jetzt immerhin mit einem geöffneten Auge): “HM???”

Notfall: “Du bist wieder eingeschlafen!”

Ich (zu verschlafen, um empört zu klingen): “Komme!”

Notfall: “Ich bleib dran! Los – raus mit dir!”

Ich (jetzt endlich wach): “Alles klar, Schwester, bin wach. Gib mir zwei Minuten!”

Nachdem ich aufgelegt habe, torkel ich aus dem Bett zum Stuhl gegenüber, steige in meine Hose und zieh den Kittel über. Dann gurgel ich schlaftrunken mit Mundwasser, werfe einen halben Blick in den Spiegel, steige aus der Hose aus und ziehe sie richtig herum an. Anschließend verlasse ich mein Dienstzimmer und stiefel hinunter in die Ambulanz, wo mich eine adrette Mittdreissigerin mit gerunzelter Stirn und wippendem Fuss auf der Liege sitzend schon erwartet. Ambulanzschwester Notfall reicht mir den rosa Einweisungszettel, den der niedergelassene Kollege freundlicherweise schon vor einer Woche ausgestellt hat. “Zur Geburt” steht da.

Ich schüttel der Frau, welche sich als “Frau Hupf-Doldenbach” vorstellt, die Hand und betrachte sie dabei kritisch von oben bis unten. Na – nach Geburt sieht das hier aber noch lange nicht aus…

Ich: “Hallo! Chaos mein Name. Ich bin die diensthabende Ärztin. Was führt sie denn heute Nacht hierher?”

Frau H-D schaut mich an, als hätte ich sie nach der heutigen Sternenkonstellation gefragt und antwortet minimal angezickt: “Na – mein Baby kommt jetzt. Ich habe Schmerzen – da unten!”

Mit “da unten” ist ganz offensichtlich die Scheide gemeint. Oder ein Ort innerhalb der Scheide, wer weiss das schon. Lustigerweise sieht Frau H-D aber kein bisschen nach Schmerzen aus. Notfall hüstelt ein bisschen und vor meinem imaginären Auge sehe ich sie wild Augen rollend auf dem Stuhl in der Ecke sitzen.

Ich: “Okay, Frau Hupf-Doldenbach – und seit wann haben sie diese Schmerzen?”

Frau H-D: “Seit zwei Wochen”

Das kam wie aus der Pistole geschossen. Notfall hüstelt lauter.

Ich (zu müde, um mich aufzuregen): “Seit zwei Wochen – waren Sie denn zwischenzeitlich mal bei Ihrem Arzt gewesen?”

Die Frau nickt jetzt eifrig mit dem Kopf: “Ja, sicher war ich das. Wir haben doch über die Geburtsplanung geredet. Weil mein Frauenarzt ja auch Beleger ist und zur Geburt kommen wird…”

Uuuuh – too much information…

Ich: “Sie waren also bei ihrem Frauenarzt – und haben sie ihm von den Schmerzen erzählt?”

Frau H-D scheint jetzt ein wenig beleidigt, dass ich sie in ihrem Redefluss so dreist unterbrochen habe. “Nein!” blafft sie mich an “das habe ich nicht”

Notfall ist jetzt von hüsteln auf laut atmen umgestiegen, was die Konversation mit der brässigen Patientin nicht wirklich einfacher macht.

Ich: “Sie wissen aber schon, dass ihr Gynäkologe in diesem Krankenhaus gar nicht entbindet?”

“SICHER WEISS ICH DAS! Aber bis ins Krankenhaus “zur schönen Geburt” hätte ich es keinesfalls mehr geschafft! Ich bekomme jetzt mein Kind – also TUN sie endlich irgendetwas!”

Erster Grundsatz der Geburtshilfe: Diskutiere NIE mit einer schwangeren Frau. Bringt nichts. Ausser Ärger und manchmal tieffliegende Nierenschalen. Ich heisse die Frau also seufzend sich frei zu machen um uns auf den aktuellsten Stand zu bringen. Dann…

Ich (zur Abwechslung auch mal mittelbrässig): “Frau Hupf-Doldenbach. Das ist ihr erstes Kind. Der Muttermund ist geschlossen, der Gebärmutterhals erhalten. Sie haben keinerlei Kontraktionen. Und deshalb können sie in aller Ruhe dorthin gehen, wo ihr Gynäkologe Belegarzt ist.”

Die Patientin ist ganz offensichtlich nicht glücklich über das, was ich sage. Nicht glücklich…

Frau H-D (böse): “Aber ich habe SCHMERZEN!”

Ich (erschöpft): “Haben sie ihrem Arzt denn vergangene Woche von den Schmerzen erzählt?”

Frau H-D (sehr böse): “NEIN! Das habe ich nicht!”

Ich (sehr erschöpft): “Sie haben also seit zwei Wochen Schmerzen, von denen sie ihrem behandelnden Arzt aber nichts erzählt haben. Warum ist das dann jetzt, um drei Uhr früh am Sonntagmorgen, ein Notfall?”

Ich höre, wie Notfall sich interessiert auf ihrem Stühlchen zurecht rückt.

Frau Hupf-Doldenbach hingegen denkt kurz über meinen Einwand nach, um dann mal eben flott die Taktik zu wechseln:

“Hören sie” sagt sie, nun schon fast ein wenig versöhnlich “Ich brauche Schmerzmedikamente! Ich halte diese Schmerzen nicht mehr länger aus. Es zieht da unten…” Irgendwo in der Scheide, oder darüber, dahinter, wer weiss das schon genau… “…und mein Rücken schmerzt auch! Alles tut weh! Ich bin es leid, schwanger zu sein – wissen sie?! Ich will, dass dieses Kind da raus kommt. Und ich will etwas gegen die Schmerzen! SOFORT!”

Aaaaah – jetzt kommen wir zu des Pudels Kern….

Ich (immer schön ein- und aus-atmend): “Hören Sie, Frau Hupf-Doldenbach. Ich kann ihnen nicht einfach so Schmerzmedikamente geben. Dazu muss ich sie aufnehmen. Und verschiedene Untersuchungen machen. Dann muss ich es mit meinem Oberarzt besprechen…”

Meine Patientin zieht jetzt ein Gesicht wie mein Jüngster, wenn es keine dritte Portion Nachtisch mehr gibt…

“Aber es schmerzt! Überall!

Ich seufze ein wenig – das hier wird eine lange, eine verdammt lange Nacht werden…

“Ihr Muttermund ist geschlossen, der Gebärmutterhals erhalten und sie sehen wahrhaftig nicht aus, als befänden sie sich unter Geburt…” Warum erzähl ich das alles? Sie wird es nicht verstehen wollen!

Patientin (jetzt mittelbrächtig aufgebracht): “Das ist mir EGAL! Ich brauche Medikamente! Und ich brauche einen Ultraschall!”

Ich (verwirrt): “Aber – wozu brauchen sie einen Ultraschall?”

Patientin (völlig aufgebracht): “Damit ich endlich weiss, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird! Wie soll man sich denn auf sein Kind vorbereiten, wenn man noch nicht einmal das Geschlecht kennt? Hm????”

Okay – von dieser Seite habe ich es auch noch nie betrachtet…

Patientin (jetzt komplett ausser Rand und Band): “Ich will Schmerzmedikamente! Und einen Ultraschall! Ich will, dass dieses Kind jetzt kommt! Mir ist schlecht!”

Übergibt sich….

Ich (völlig baff): “Notfall – würdest du liebenswürdigerweise Eimer und Lappen holen?”

Notfall sprachlos zu sehen ist in etwa so häufig, wie eine totale Sonnenfinsternis über Nordeuropa. Dennoch wackelt sie gehorsam los auf der Suche nach dem gewünschten Gerät, während ich mich erneut meiner Patientin zuwende, die sich jetzt ein wenig beruhigt zu haben scheint.

“Seit wann erbrechen sie sich denn?”

Aufmüpfig schaut mir die Frau in die Augen und meint dann, langsam und nachdrücklich: “Ich erbreche, wenn der Schmerz zu arg wird. Geben.Sie.Mir.Schmerzmedikamente! Oder ich erbreche wieder!”

Und als wolle sie das Gesagte nochmals extra unterstreichen, stösst sie ein klein wenig auf. Dann, quasi im selben Atemzug:

“Ich habe Hunger. Könnte ich etwas zu Essen haben? Und dicke Socken? Saft? Ausserdem ein paar Snacks für meine Cousine, Schwester und den Vater des Kindes?”

Ho-ho-ho! JETZT wird es lustig hier…

Ich (streng): “Nein! NEIN! Sie hingen jetzt eine Stunde lang am CTG – und da war nicht die kleinste Wehe nachweisbar! Ihr Muttermund ist geschlossen, der Gebärmutterhals erhalten. Sie befinden sich definitiv NICHT unter Geburt! Alles klar?”

Menno – das kann doch nicht so schwer zu verstehen sein???

Aus den Augenwinkeln sehe ich Notfall unauffällig winkend im Flur stehen. Ich entschuldige mich kurz und lasse meine Patientin samt dem heimeligen Geruch von frisch Erbrochenem im Untersuchungszimmer zurück. Draussen zieht die Ambulanzschwester mich verschwörerisch beiseite und schliesst leise die Tür.

“Josie” flüstert sie, als könnte Frau H-D uns durch die geschlossene Tür hindurch belauschen “Ich habe gerade mit den Kollegen von der “schönen Geburt” telefoniert – dort ist sie nächste Woche zur Einleitung vorgemerkt! Los – schick sie heim!” Und mit einem aufmunternden Klapps auf die Schulter, schiebt sie mich zurück zu meiner Patientin, die jetzt schmollend auf dem Stuhl neben der Tür hockt.

Ich hole tief Luft und zähle innerlich bis zehn. Was es irgendwie auch nicht besser macht. Dann:

“Also – wir haben jetzt mit ihrem Krankenhaus telefoniert und man sagte mir, dass sie dort einen Einleitungstermin haben, der schon NÄCHSTE Woche ist!” Hurra! Wir freuen uns! Freuen wir uns?…

“Ich habe Schmerzen!”

Nein, irgendwie scheine nur ich mich zu freuen. Und das gleich nicht mehr, ich merk das schon.

Ich (mässig euphorisch): “Und deshalb gehen sie jetzt schön nach Hause, machen sich noch ein paar nette Tage, und wenn die Wehen einsetzen, begeben sie sich DIREKT und OHNE UMWEGE…”

Frau H-D (sehr, sehr böse): “Meine Fruchtblase wird platzen! SIE bringen meine Fruchtblase zum platzen!”

DAS ist neu – das hat mir auch noch keiner nachgesagt…

Frau H-D (völlig aus dem Häuschen): “Sehen sie! SEHEN SIE! Sie ist geplatzt. Die Fruchtblase ist geplatzt! Da läuft Fruchtwasser aus…!”

Zu dem idyllischen Geruch von antrocknendem Erbrochenen mischt sich nun noch das zarte Aroma hochkonzentrierten Morgenurins, während meine Schwangere zu Höchstform aufläuft:

“Oh, es geht los. Es geht loohoooos! Ich muss zur Toilette, ich brauche meine PDA. SOFOOOORT!!!”

Ich fühle mich erschöpft, müde und ausgelaugt.

“Frau Hupf-Doldenbach – ihre Fruchtblase ist NICHT geplatzt! Das ist KEIN Fruchtwasser, sondern Urin! Ihr Kind wird keinesfalls jetzt geboren werden. Hören sie? HÖREN SIE?”

Ich bin mir sicher, die Kollegen im 8. Stock hören mich ganz hervorragend. Bei Frau Hupf-Doldenbach bin ich mir hingegen nicht so sicher…

“Aaaber” greint die Frau jetzt in den höchsten Tönen “ich will das es JETZT kommt! Tun sie etwas! Machen sie etwas! GEBEN.SIE.MIR.ETWAS!!!”

Während Notfall aufgetaucht ist und mit bösem Gesicht beginnt, den Urin und das Erbrochene vom Boden zu wischen, setze ich mich schwach auf einen Stuhl. Ein Blick auf die Uhr verrät, dass es mittlerweile 4.30 Uhr morgens ist.

“Frau H-D…”

Ich fühle mich ausgelaugt. AUFGESAUGT

“…Niemand – und damit meine ich absolut überhaupt garniemand – wird sie völlig ohne Grund einleiten. Nicht hier. Nicht irgendwo! Schon gar nicht mitten in der Nacht. Sie müssen morgen zu ihrem behandelnden Arzt gehen und mit IHM alles weitere besprechen. Verstehen sie? Ich kann hier leider absolut NICHTS für sie tun!”

Frau H-D beugt sich zu mir herüber und starrt mich lange und böse an. Dann:

“Ich will ein Rezept. Und Socken. Ich will Saft und etwas zu essen. Einen Ultraschall will ich! Und wenn ich keinen bekomme, sage ich JEDEM, dass SIE mir eine lebensnotwendige Untersuchung verweigert haben. Ich werde sie verklagen! Ich werde das ganze Haus verklagen!!!”

Ich (mit dem Kopf auf der Tischplatte liegend): “Bitte – gehen sie. Und rutschen sie um Gottes willen NICHT auf ihrem Erbrochenen aus…!”

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Männer mit nachgemachten Wehen…- ein Experiment

Leute, eigentlich wollte ich heute die Geschichte “Josephine gegen Chaos” fertig erzählen, doch jetzt MUSS ich Euch erst dieses YouTube-Video zeigen (vielen Dank an M., die es im Kommentar auf mein letztes Post verlinkt hatte!).

Für alle nicht-holländischen Muttersprachler (mich zum Beispiel… ;)) – das Video kommt mit englischen Untertiteln. Für alle, die weder der englischen NOCH der holländischen Sprache mächtig sind, hier ein kurzer Abriss des Geschehens: zwei Kollegen des niederländischen Fernsehens haben sich wohl bereit erklärt, sich mithilfe eines muskelstimulierenden Gerätes wehenartige Schmerzen zufügen zu lassen, und zwar in zunehmender Intensität für die Dauer von 2 Stunden (was – Hand aufs Herz – schon fast einer Sturzgeburt entspricht. Die meisten Frauen haben deutlich länger zu tun, bis ihre Kinder geboren sind!).

Betreut werden die beiden durchaus sympathischen Jungs von zwei durchaus motivierten Hebammen, die das komplette Geburts-Unterstützungsprogramm abspulen (Lagerung, Fokussierung, Lachgas, Massage, Stellungswechsel), bis es nach 2 h endlich für einen der Jungs zur “Geburt” kommt.

Ich stelle das Video jetzt mal völlig wertfrei hier ein und bin auf Eure Reaktionen gespannt!

P.S.: Männer, die versucht sind, dieses Experiment an sich selbst durchführen zu lassen, sollten ggf. davon Abstand nehmen, sich diesen Film anzusehen… :)

Duplizität der Ereignisse…

Kennt ihr das? Bestimmte Ereignisse geschehen gerne mal doppelt oder mehrfach – leider handelt es sich bei diesen duplizierten Geschehnissen jedoch eher seltener um Lottogewinne, reduzierte Markenjeans oder Lohnerhöhungen. Doppelt kommt die Schwiegermutter zu Besuch (Ostern UND Pfingsten), die Nebenkostennachzahlung (2008 UND 2009) sowie der Lippenherpes (rechts UND links).

Im Kreißsaal ist dieses Phänomen ebenfalls bekannt – immer zwei Blasensprünge, zwei Kaiserschnitten, zwei Nachblutungen. Oder mehr.

So auch hier – in (m)einem Dienst long, long time from now kommen um exakt 19 Uhr zwei Schwangere in meinen Kreißsaal gestiefelt, beides FrauVonSinnen-Patientinnen, beide am Termin und exakt beide im Zustand nach stattgehabtem Blasensprung. So weit, so unspektakulär.

FvS parkt die Damen in unterschiedlichen Kreißsälen am CTG, und erhebt (nacheinander versteht sich) den jeweiligen Muttermundsbefund: ihr werdet es erahnen: Gebärmutterhals (=Cervix) weich, 2 cm, Muttermund 2 Fi-du (=Fingerdurchgängig), Kopf schwer abschiebbar auf Beckeneingang. Bei BEIDEN Frauen…

23 Uhr, Josephine in der (Dienst)Kiste – Auftritt Diensthandy (Ring und so…)

FvS: “Kannst du mal kommen…?!”

Ich (total verstrahlt): “Kannnisch noch Hose anziehn…?”

FvS: “Sagen wir mal – zügig…!”

Wer mit morgendlichen Anlaufproblemen zu kämpfen hat, sollte es mal mit Adrenalin im Kaffee versuchen – nichts macht SO schnell SO wach. Sollte man eigentlich als Dosenmilch oder Brotaufstrich verbreiten – damit könnten Millionen gemacht werden! Note to self – Adrenalinmilch…

9,8 Sekunden später steh ich schwer atmend vor zwei leuchtendgrünen CTG-Streifen, auf denen dieselben unschönen Wehentäler verzeichnet sind, während mich FvS mit verschränkten Armen und ungeduldig wippendem Fuß vorwurfsvoll anstarrt.

Ich: “Waaaas???? ICH hab das CTG nicht gemalt!” menno

Die Hebamme wischt meinen Einwand mit einer ungeduldigen Handbewegung weg und schleift mich am Arm in den ersten Kreißsaal, wo Frau X gerade PDA-sei-dank-entspannt eine sinnbefreite Fernsehsendung anschaut. “Da – Du!” schnauzt FvS, während sie mir ungeduldig einen durchsichtigen Handschuh hinhält. Ich habe keine Ahnung, warum SIE jetzt schlechte Laune hat, immerhin bin ich aus schönstem REM-Schlaf geklingelt worden.?! Trotzdem tu ich, wie mir geheißen wird.

*** 23.04 Uhr *** Cervix verstrichen *** MM 6 cm *** Kopf fest auf Beckeneingang***

Muss ich es erzählen? Ja, sicher, Frau Y bietet EXAKT denselben Befund. Es ist zum in die Tischkante beißen…. Okay, hilft ja alles nichts – eine MBU muß her. Aber pronto. Die Frage ist nur – bei welchem Kind zuerst? Ich beschließe, dass es kein Luxus ist, meinen Hintergrund zu informieren – hier sind 4 Hände einfach zu wenig. Dr. O, meine allzeit bestens *huuuuust* gelaunte Oberärztin ranzt ein wenig einladendes “WAAAAAAAAAAS?!?!” in den Telefonhörer, kaum das es zum ersten Mal geklingelt hat. Darf das Telefon etwa IM Bett schlafen…?!

Ich berichte von meinem duplizierten Chaos – und ernte Unverständnis. Warum ich angerufen hätte? Nur um dich zu ärgern… Warum ich keine MBU gemacht habe und das sie derzeit keinesfalls zu kommen gedenke. Bitte-Danke-Aufgelegt.

Gerade noch sinniere ich ernsthaft über einen zweiten Anrufversuch nach, als FvS aus dem Kreißsaal brüllt: “JOSEPHINE – DER HAUSDIENST!!!!!!”

(Hausdienst ist die Hebamme im Hintergrund, die immer dann kommt, wenn es brennt. Und DIE kommt dann auch gleich, ohne diskutieren. DIE haben es gut, die Hebammen….! Anm.d.Red.)

HÄÄÄÄÄÄH? Frau Chaos auf der Leitung. Was macht der Hausdienst im Kreißsaal…??? Als ich fragend den Kopf zur Tür herausstrecke, sehe ich die Hebamme – schwer schnaufend – Frau Y IM Bett über den Gang schieben, während selbige (Frau Y nämlich) – völlig unbeteiligt, weil gut-sitzende-PDA-intus – wild auf ihrem Handy herum klöppelt.

Ich komplett verwirrt: “Frau von S – WAS machst du da, bitte?”

FvS schwitzend und schnaufend: “Frau Y ist VOLLSTÄNDIG – BECKENBODEN!!! Rate wer NOCH????”….

To make a long story short – der Hausdienst hat es dann nur noch zum Umbetten von Mutter UND Baby X geschafft – entbunden haben wir (FvS und ich) in Stereo und alleine – eine Frau auf dem Kreißbett, eine im normalen Bett daneben. Baby 1 geboren um 23.22, Nummero 2 um 23.23 Uhr!!!

Und hier endet die Duplizität nun endlich – 1 ist ein kerngesunder Junge, 2 ein nicht minder fittes Mädel. Hurra! Vorbei! Heldin und Hebamme nass geschwitzt aber glücklich. Bis zum nächsten Mal…

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(Okay, ich habe voraus gesetzt, dass ihr unsere Räumlichkeiten kennt – wir haben neben jedem Kreissaal einen Raum, wo die Frauen mit Familie nach der Geburt noch ein bisschen einkehren können. Dort wurde Baby Nummer 2 geboren. NATÜRLICH mit frischen Handschuhen und eigenem Zubehör…:))

Dr. Jekyll und Mrs. Hyde

Kreißsaal, 2.57 AM

Hätte alles irgendwie ganz schön sein können – junge Frau, drittes Kind, Zustand nach zweimal Spontangeburt, mit regelmäßiger Wehentätigkeit und einem sagenhaften Aufnahmebefund: 8-9cm, Köpfchen tief auf Beckeneingang. Soli fährt schonmal den schnellen Brüter (BabyWärmeLampe im Kreißsaal) hoch, damit die Schwangere während der letzten Phase nicht alleine schwitzen muß, und ich pfeiff mir noch fix ein paar Haribo auf SchokoKeks rein. Es entbindend sich morgens um 3 einfach angenehmer, wenn zwischen zwei Presswehen nicht ständig der Magen reinknurrt…

Kreißsaal, 3.45 AM

Hmmmmmmm – irgendwie könnte jetzt mal langsam etwas passieren…?! Das CTG krakelt malerische Herztongebirge und sanfte Wehenhügel über unendliches GrünKariert, während das leichtfüßige Herztongetrappel immer häufiger von flotten 160 auf mäßige unter-Hundert Schläge pro Minute herunterbremst – in der Endphase der Geburt stets ein gutes Zeichen für “jetzt wird´s gleich spannend” – doch es bleibt langweilig! Eigentlich hätte dieses Kind schon dreimal quer rausgefallen sein müssen, die vorhergehenden Geburten lagen beide unter 4 Stunden, doch Nummero drei macht es spannend.

Kreißsaal, 4.20 AM

Ein langgezogener, unmenschlicher Schrei hallt durch die Weiten des Kreißsaalbereichs und trifft mich völlig unvorbereitet – im Affekt hab ich mal eben zwei Haribo-Dinger am Stück verschluckt, herzlichen Dank auch! Ein wilder Hustenreiz befördert die Gummiteile gerade noch so an der weitgeöffneten Pforte zum Hauptbronchus vorbei Richtung Magen (wo sie auch hin gehören), und während ich noch schwitzend und würgend mit Sympathikus und Parasympathikus kämpfe, renne ich bereits los Richtung Kreißsaal.

Da liegt sie – völlig entfesselt und mit starrem Blick – Mrs. Hyde!!!

Ich quietschend und keuchend zu Soli: ” WAS-IST-LOS?!?!”

Soli achselzuckend: “Mrs. Hyde wünscht eine Sectio!”

Ich muss schon wieder husten: “BITÄÄÄÄÄÄ????” und – zwischen zwei Krächzern – an die schreiende Frau auf dem Bett gewandt: “Mrs. Hyde, das Kind ist fast da – ich konnte gerade schon Haare sehen. Das geht jetzt nimmer mit dem Kaiserschnitt, da müßten wir es ja wieder rein stecken?!”

Ich schwöre – ich war lieb! Zugequollen vom Kampf gegen die Gummitiere -JA! Hustend und Quietschend durch reaktiv verengte Luftwege – AUCH DAS! Bisschen übermüdet, weil morgens halb fünf – SCHULDIG im Sinne der Anklage. ABER ich war LIEB!!!

Mrs. Hyde war das hoch wie breit. Aber sowas von!

Zwischen zwei komplett veratmeten Wehen “Isch presse nisch mehr – isch will JETZT einen Kaiserschnitt, abba sofoooort!!!” wirft sie mir eine Batterie Schimpfwörter an den Kopf, deren Bedeutung ich erst noch googeln muß, bevor sie – und JETZT wird es lustig – vom Kreißbett aufsteht und davon stürmt!!!

Völlig verdattert glotze ich Mrs. Hyde nach, die sich – nur in rückenfreies KlinikDessous gewandtet und die Kabel des CTG-Gerätes luftschlangengleich hinter sich her ziehend – in beeindruckender Geschwindigkeit aus dem Staub macht… -

“Ich glaube, wir haben ein Problem, Soli…?!”

Doch OsoleMia ist auch schon weg. So schnell ihre kleinen, stämmigen Beine sie tragen flitzt sie hinter Mrs. Hyde her, lauthals beruhigende Dinge über den KlinikGang brüllend (oder zumindest DAS, was sie für beruhigend hält)

“Mrs. Hyyyyyyyde – alles wird guuhuuut. Aber sie müssen jetzt schön wiiiiieder kommen!”

Es ist wie im schlechten, amerikanischen Slapstick – eine entfesselte Schwangere rennt laut fluchend und wütend durch die Gegend, dahinter eine muckelige Hebamme im Schweinsgalopp mit fliegenden Löckchen und eine – immer noch – japsende, röchelnde Josephine mit wehendem Kittel.

Das ist ein Traum! Das MUSS ein Traum sein. Alptraum? DrogenTraum? Ich weiß es nicht – aber ich bin definitiv falsch hier…

KlinikFlur, 4.24 AM

AnästhesiePfleger Horst steht wie in Stein gemeißelt mittig im Aufzugsvorraum und hält vorsichtig ein sich windenden, spuckendes, schreiendes Bündel Frau in seinen Bärenpranken. Horst ist 2 m groß, breit wie ein Grizzly und Mrs. Hyde stellt kein wirkliches Problem für ihn dar: vorsichtig packt er die immer noch wild um sich schlagende Frau unter und trägt sie behutsam zurück nach Kreißsaal drei. Dort wird nach einer einzigen weiteren Presswehe klein Karlchen geboren, ein freundlich drein schauendes 4800g-Baby, dem der JoggingAusflug mit Mama Hyde kein bisschen geschadet hat. Ein wahrhaft sonniges Gemüt, der Kleine…

DienstZimmer, 4.45 AM

Mrs. Hyde hat sich wieder in Dr. Jekyll zurück verwandelt, ist nun mächtig froh, doch keine Sectio bekommen zu haben, schämt sich ein bisschen wegend des kleinen Dauerlaufs durchs Haus und schaukelt glücklich ihr zauberhaftes, dickes Wonne-Baby im Arm. Der Damm hatte noch nicht einmal ´nen Kratzer, sodaß ich jetzt doch endlich noch für ein, zwei Stündchen an meiner Matratze horchen kann…. :)

Tage zum In-Die-Tonne-Kloppen…

Es gibt solche und solche Tage. Heute war solch einer.

Alles ist eigentlich schei**e – und dann willst du zur Morgen-Übergabe, und unmittelbar nach Öffnen der Kreißsaaltür brüllt es dir in solcher Eindringlichkeit entgegen, daß noch nicht einmal Zeit zum Umziehen bleibt. Die Frau auf der Seite liegend, der dunkle Schopf bereits deutlich auf Scheidenausgang. Und Adrenalin – in rauhen Mengen. Schlechte Laune? Weg – weg – weg!!! Atmen, pressen, ein erster Blick auf´s CTG (UUUaaaaaaah…………..) und schon ist das Köpfchen da. Der kleine Schmollmund versucht ein erstes, zartes Schmatzen und dreht KEIN noch so kleines Stück. Blick zur Hebamme, gemeinschaftliches Nicken, Schwangere auf den Rücken geworfen – es sieht immer SO UNECHT AUS, das (noch) ungeborene Köpfchen aus dem Scheidenausgang ragend – und McRoberts die erste: Beine gestreckt, Beine gebeugt – NICHTS! McRoberts die zweite: NICHTS! Und zum dritten: JETZT der erlösende Satz der Hebamme “Okay – dreht sich!!!!”

Keine zwei Sekunden später flutscht der kleine Körper heraus, beide Hände wie zum Trotz vor der Brust verschränkt: KIND!!! WIE soll DAS denn auch gehen???? *seufz*

Mir geht´s ein bisschen besser – auf Geburten ist eben verlass! Leider fehlen noch zwei bis drei weitere (Geburten), um den Tag endgültig zu retten – aber gut, House-Of-God-like geht es auch mit einer großen Nadel in einem alten Körper: sage und schreibe drei Mädels laufen an diesem Tag mit prall gefüllten Tumorbäuchen auf meiner Station auf, und es macht mir fast ein wenig schlechtes Gewissen, als ich – beinah euphorisch – dreimal schaschlikspießdicke, 10 cm lange Nadeln peilrecht in drei Bauchdecken versenke und dem Bernstein-gelb bis brackwassertrübem Aszites beim Ablaufen zusehe.

Und dann noch eine Magensonde. UND ein ZVK!!! (hab ich seit ner halben Ewigkeit nicht mehr gelegt – geht aber immer noch….). Endorphine bringen gute Laune zurück – dies und nichts anderes ist der Grund dafür, daß überhaupt irgendjemand freiwillig operativ tätig sein will. Denn egal ob Skalpell, Nadel oder Was-Auch-Immer – solange man irgendetwas irgendwo  hineinbohren kann, werden genug Gute-Laune-Hormone frei gesetzt, welche auch der miesesten Stimmung trotzen. Hurray! Morgen mehr…

Last Action Hero

Es war, als hätte sich die Welt vor Antritt meines Urlaubes gemeinschaftlich gegen mich verschworen – 3 Dienste, dreimal geballtes Chaos. Bitteschön – DAS muss für die nächsten 2 Wochen ausreichen…:

Freitag

der Dienst beginnt angenehm ruhig – und so verbringe ich die ersten Stunden des Tages mit oSoleMia und deren neuestem Spielzeug – dem iPhone! Soli ist zwar eine töffte Hebamme, aber von Technik-Eiern und kompatibler Software hat sie soviel Ahnung, wie der Psychosomatiker vom operieren. Und so zieht der Nachmittag vorüber mit dem Einrichten von iTunes-Konten, dem verballern von MasterGoldCard-Nummern (warum bin ICH eigentlich nicht Hebamme geworden???…) und auf der ersten Suche nach den neuesten Apps.

Währenddessen weht Solis Ertgebärende zwei Zimmer weiter friedlich von 3 auf 8 Zentimeter. Braves Mädchen.

Gegen 18 Uhr wird es eng im kleinen Besprechungszimmer – Frau von Sinnen stapft – mit grimmiger Miene und allen von-Sinnen-üblichen Überlebensutensilien bewaffnet – zur Tür herein, eine Schwangere mit Blasensprung im Schlepptau – die Nacht verspricht eine Kurze zu werden. Nachdem die Ambulanz dann doch noch voll läuft, ist es schließlich 0.30 Uhr, als mein Dienstbett und ich endlich zusammen finden. DOCH: zu früh gefreut, keine halbe Stunde später ein bimmelndes Telefon mit einer kleinlauten oSoleMia – das CTG sei schlecht, der Geburtsbefund seit zwei Stunden gleichbleibend, ob ich denn mal schauen könnte…?!

Nee, eigentlich gerade gar nicht, meine Augen sind müd und würden gerne nichts anderes mehr sehen, als die Augenlider von innen – aber wen interessiert das schon??? Im Kreißsaal liegt eine sich windende, schnaufende, heulende Frau elendsgleich auf dem ausladenden Kreis(s)bett, und ich denke wehmütig, wie gut es sich DA drauf wohl gerade schlafen ließe…?! Okay, zurück zum Tatort – Frau Z. ist eine durchaus hübsch anzusehende, barock gebaute Rothaarige, mit sympathischem Lächeln und myriaden von Sommersprossen, und sie lächelt immer noch, als sie mir zwischen zwei Wehen ein durchaus freundliches, aber geradezu gnadenlos endgültiges “Ich will jetzt einen Kaiserschnitt!!!” entgegen knallt. Ääääh – wie jetzt?? – Ja, sie hält es nicht mehr aus, die Schmerzen und so (Frau Z. hat quasi mit Aufnahme in den Kreißsaal die PDA verpaßt bekommen – auf höchstdringlich eigenen Wunsch wohl gemerkt – hätt ich sie doch nur gleich sektioniert…), und deshalb wolle sie jetzt und hier GLEICH einen Kaiserschnitt haben.

Okay, 1 Uhr morgens, Muttermund vollständig – schöne Nummer das. Soli steht mit verschränkten Armen und “SiehstDU!!!”-Blick neben mir, bescheinigt auf Nachfrage den fehlenden Geburtsfortschritt und ist leider in keiner Weise gewillt, mir zur Seite zu stehen. Wozu auch? Frau Z.s Entschluss steht bombenfest, und es gibt nichts frustraneres, als eine (wohlgemerkt: schmerzfreie!!!) Frau zur spontanen Entbindung zu zwingen. Geht hierbei auch nur die kleinste Kleinigkeit schief, steht man augenblicklich mit beiden Beinen in Teufels Küche. Und da will ich nicht hin. Nicht mitten in der Nacht, keinesfalls 4 Tage vor meinem wohlverdienten Urlaub! Also trommel ich “das Team” zusammen – Chef, Anästhesie, OP – den üblichen Verdächtigen eben, und keine Stunde später ist Frau Z. mittels “sanftem” *HUST* Kaiserschnitt von einer wirklich entzückenden, kleinen Tochter entbunden.

Das ich das Kind dabei quasi von Scheidenausgang wieder zurück in den Bauch ziehen mußte, macht mich wirklich wütend. Noch eine halbe, dreiviertel Stunde Mitarbeit und bisschen pressen – dann hätten wir Mutter und Kind dieses Rumgeschnippel ersparen können. Der Chef meint nur lapidar, ich solle mich nicht ärgern – so wäre es nunmal, und außer mir seien doch alle glücklich…?! Ich will aber AUCH glücklich sein *mitdemfußaufstampf*

Hätte ich zu diesem Zeitpunkt gewußt, WIE der Abend – nein, das ganze Wochenende noch weiter gehen würde, ich wäre augenblicklich SOWAS von glücklich gewesen… – aber so war ich zu jenem Zeitpunkt nur missmutig und müde.

Selber Tag, 4 Uhr morgens.

Ich hab kaum Geburt und Sectio eingegeben, und mein müdes Haupt auf weiches Kissen gebettet – Telefon!!! Kennt jemand den Film “Und täglich grüßt das Murmeltier”??? Dies ist mein ganz persönlicher Groundhog Day, ich schwöre!!!

Am Telefon Frau-von-Sinnen, im Hintergrund hör ich das metallische Schnorcheln des Sauerstoffgerätes – und Frau von S. muß schon gar nichts mehr sagen, im blinden Galopp schmeiß ich mich in Schuhe und Kittel, jage den Gang hinunter und die Station hinauf. Frau I. ist eine kleine, muckelige Frau, der riesige Bauch wippt mit jeder Wehe bedrohlich auf und ab, und scheint noch immer bis zur Klavicular zu reichen, obwohl das Köpfchen schon fast geboren ist. Frau I. schiebt wie der Teufel, die Skleren schimmern bereits in allen erdenklichen Rottönen (deshalb AUGEN ZU, Kopf auf die Brust uuuuuuuuund….), aber noch steht das Köpfchen wie festzementiert auf Beckenausgang.

Frau von S.´ Blick ignorierend schnapp ich mir die Dammschere und stell mich schonmal in Position. Nein, ich bin sicher kein Freund der prophylaktischen Episiotomie (=Dammschnitt), aber der hier sieht schon arg stramm aus…

Als hätten die Frau und Von Sinnen einen Pakt geschlossen, drückt Frau I. das Kind in der nächsten Wehe völlig schnittlos, dafür mit mächtig Karacho über den Damm und… – Fertig!!!! Nee, nicht so, wie ihr denkt. Turtlephänomen!!! Oder zu deutsch: Schulter steckt.

Der Alptraum eines jeden Geburtshelfers, wenn der Kopf nach Geburt nicht brav routierend das Nachdrehen der Schultern anzeigt, sondern wie festzementiert im Scheidenausgang pfropft und in jeder neuen Wehe scheinbar ins Innere der Scheide zurück gesaugt wird. Gruselig das, echt gruselig!!!

Es gibt extra Standards, wie man sich im Falle einer solch eingeklemmten Schulter zu verhalten hat, und dieses Programm beginnen wir jetzt gerade abzuspulen: Zuerst MacRoberts-Manöver: Die gestreckten Beine der Patientin werden einmal – übers Kreißbett hinaus – gen Boden geführt, und dann – gemeinschaftlich und parallel in einem Zug – bis quasi zu den Ohren gezogen. Schwangerschaftsgymnastik für Fortgeschrittene sozusagen – ich schwitze, was das Zeug hält, und dreiviertel davon ist der nackte Angstschweiß.

Nichts. Das immer blauer werdende Köpfchen steckt nach wie vor korkenähnlich in der Mutter, der Blick zur Uhr – wir haben 10 Minuten. Plus – Minus.

Zweites MacRoberts – selbes Procedere. “Bitte-bitte-bitte” kreist in meinem Kopf “bitte lass ihn drehen”…

Wir halten inne – und da – dreht er. Einmal um 180 ° von 9 auf 3 Uhr. Und propft weiter. Also auf ein drittes…! Dieses Mal scheint die Schulter gelöst, ein leichtes Absenken entwickelt die vordere Schulter, nach Anheben folgt die hintere ein wenig widerwillig – und dann ist er da. Und blau. Und schnauft nicht.

Wie heißt es schon so schön bei “House of God”? Wenn jemand einen Herzstillstand hat – erst einmal den eigenen Puls fühlen. Ich schnaufe selber mal tief und lege los. Wie im Film läuft das Schema durch – Neugeborene brauchen Wärme – frische Decke, Wärmebett – sie haben keine Probleme mit dem Herzen, sondern mit der Atmung – also Schnüffelstellung und Maske drauf. Schön abdichten – und parallel Anästhesie informieren.

Der kleine Wurm liegt schlappi vor mir als der Brustkorb sich unter meiner Beatmung zu heben und senken beginnt. 30 Sekunden, dann muß sich etwas getan haben – sonst folgt der nächste Punkt auf der Liste: Druckmassage. Doch so weit müssen wir gottlob gar nicht gehen – das Kindelein wird rosig, alles doch noch gut. Der erste Schrei macht mich jetzt wirklich glücklich. Ich bin klatschnass geschwitzt – und frage mich mal wieder, ob ich nicht doch langsam zu alt bin für das Spiel…?!

To be continued….