Tag-Archiv | FrauVonSinnen

Lassen sich mich Arzt – ich bin durch…!

“Ich warte im übrigen immer noch auf meine Malucci-liebt-Gloria-Exklusiv-Geschichte – nur, damit du bescheid weisst!”

Gelangweilt lümmel ich auf der Kreißsaal-Aquariums-Couch herum, stilecht im Chirurgenpyjama und allem drum-und-dran, während ich Gloria-Victoria dabei beobachte, wie sich sich gepflegt an ihrem Latte Macchiato  verschluckt.

“Sach ma – SPINNST DU, Josephine? Schau mal wie ich jetzt aussehe!?”

Fluchend wischt sich meine Lieblingshebamme den Kaffeeschaum vom Leibchen, während zartes Rot sich auf den sommersprossigen Bäckchen breit macht.

“Und was kann ICH dafür, dass du deinen Kaffee nur mit Sabberlatz trinken kannst, hm? Hey – HEY! LASS DAS!”

Noch während ich hinter der Couch Schutz vor Glorias Gummibärenbombardement suche, geht mein Handy los. Auf dem Display: Das Bambi!”

Ich: “Bambi? Was gibt´s?”

Bambi *whisper*: “(unverständliches Zeug)”

Ich: “Liebelein – sprich lauter!”

Bambi *WhispertUnwesendlichLauter*: “*******”

Ich: “BAMBI! SPRICH_LAUTER!”

Gloria (leidlich genervt): “Sie ist im Vierer-Kreißsaal. Vorzeitiger Blasensprung, Wehentätigkeit. Nur, falls es irgendjemanden interessiert!” Sprichts und schmeisst eine weitere Handvoll Gummigedöns nach mir.

Ich: “Okay! Bleib wo du bist – ich komme!” Und leg auf. Dann, an die Hebamme gewandt: “Sag – was ist da drin los?”

Gloria zuckt ratlos die Schultern: “Ich hab keine Ahnung – ist FrauVonSinnens Patientin. Mehrgebärende. Sind schon ein paar Stunden zu Gange.”

Ich rappel mich also hinter der Couch hervor und stiefel nach Kreißsaal IV (lindgrün). Kaum die Tür herein, bin ich auch schon mittendrin im Geschehen.

“ICH_BIN_ARZT!”

Verblüfft schüttel ich die Hand des Mannes, der sich aus dem Nichts heraus vor mir aufgebaut hat. Ein großer Kerl, Mitte Vierzig vielleicht, gepflegt und adrett gekleidet, mit Goldrandbrille und Charlie-Sheen-Frisur. Für letztere hat er hoffentlich seinen Friseur verklagt – geht gar nicht. Aber das ist gerade ein anderes Problem…

“Ich bin Arzt!” wiederholt er jetzt erneut, während er ausdauernd meine Hand schüttelt. Ich bin verwirrt – was WILL der bloss von mir?

“Das trifft sich gut,” antworte ich vage “ich bin nämlich auch Ärztin, wissen sie!”

Beruhigend lächel ich ihn an, was ihn nur veranlasst, stärker zu schütteln. Ich habe jetzt echte Sorge, er könnte mir den Arm auskugeln.

“Herr….- Kollege? Vielleicht könnten sie mich loslassen, dann sag ich ihrer Frau auch mal guten Tag?”

“Oh – ja…äh, sicher! Natürlich!” Folgsam lässt er die Hand endlich los und tritt einen Schritt beiseite. Dann beugt er sich noch einmal zu mir herüber und flüstert eindringlich “Ich.Bin.Arzt!”

Nee, is´ klar. JETZT hab ich es kapiert. Arzt! Super!

Der Kerl ist durch. Jetzt schon. Alter Schwede – das kann noch lustig werden. Gottlob macht Frau Arzt einen ganz zauberhaft normalen Eindruck. Laut schnaufend und prustend hängt sie gerade in das von der Decke baumelnde Tuch gekrallt, während der Wehenschreiber beeindruckende Berge aufs durchlaufende Papier krakelt.

Ich schaue mich suchend um – und da, in der hintersten Ecke des weitläufigen Raumes, zwischen Kreißbett und Badewanne versteckt, winkt Bambi verschüchtert zu mir herüber. Ich sage “Hallo” zu Frau Arzt, die mir zwischen zwei Wehen freundlich zunickt und gehe dann zu meiner Baby-Kollegin hinüber.

“Bambi? Was ist los? Wo ist Frau Von Sinnen? Und warum sprichst du nicht ins Telefon, wenn du schon anrufst?”

In Bambis großen Rehaugen herrscht Hochwasser und die Unterlippe zittert verdächtig. Das Rehlein ist offensichtlich am Ende mit den Nerven.

“Es…ist….weil…also, wegen…der Mann…Arzt…ich weiss nicht….!”

Unverständliches Zeug. Mein Gesicht ist ein einziges Fragezeichen, so viel ist mal klar!

“Bambi – grammatikalisch korrekte Sätze. Ich versteh gerade nur Hauptbahnhof!”

Die kleine Frau holt tief Luft und schluckt trocken. Ein Tränchen verlässt das linke Auge und rollt malerisch die Backe entlang bevor es auf Bambis Kinderdekollete klatscht. Frau Arzt schraubt sich gerade die Tonleiter entlang zum zweigestrichenen ‘C’ hinauf, während nun auch des Gatten Mantra von der Tür zunehmend lauter herüber schallt: “Ich bin Arzt! Wissen sie! ARZT! Ich bin AAAAHAAARZT”

“Whow – ich wette, der hat ein prätraumatisches Belastungssyndrom. Was ist der Kerl bloss? Dermatologe?”

Bambi schüttelt in atemberaubender Frequenz den Kopf. Wenn ich ehrlich bin, sieht sie gerade nicht weniger traumatisiert aus…

“Er ist…” flüstert sie kaum hörbar “RECHTSMEDIZINER….!”

……………????……………….

Das Fragezeichen auf meiner Stirn wird sekündlich größer. Wo ist denn die Pointe bei der ganzen Nummer? Versteh nur ich das nicht?

Das Bambi kollabiert jetzt gleich. Oder schaut es nur so grün aus, weil die Farbe der Wand sich im weiss der Gesichtsfarbe spiegelt? Herrjeh – egal! Ich nehm die Kleine bei den Schultern und schüttel ein bisschen:

“DU. BIST. AUCH. ARZT! Comprende? Verstanden? Alles klar?”

In dem Moment zupft mich jemand am Kittel

“Vielleicht kann mal jemand meiner Frau helfen?”

Unbemerkt im Treiben und Geschrei hat sich der Kollege von hinten angeschlichen und hängt mir nun ein wenig verstört am Kittelsaum, während seine Frau frenetisch brüllend von der Decke hängt. Also – irgendwie…

“Wo ist eigentlich Frau Von Sinnen?” suchend blicke ich mich nach der Hebamme um, die aber leider nirgendwo zu sehen ist.

“Kaffee holen” flüstert Bambi mir ins Ohr “Ich sollte so lange aufpassen. Aber er ist doch Aaaaarzt….!”

Ein zweites Tränchen kullert über die Backe. Ist aber gerade sowas von egal, denn jetzt steht Frau Arzt auch noch neben mir, packt mich am Arm und sagt – jedes einzelne Wort betonend: “ICH MUSS PRESSEN!”

Supi! Pressen muss sie. Nun denn!

“Bambi – geh Von Sinnen holen! STAT!”

Und zu meiner Patientin gewandt: “Sitzen? Stehen? Liegen?”

“STEEEEEEEEHEEEEEEEEEN!!!!!!” brüllt sie – und schmeisst sich zurück ans Seil, dass ich befürchte, sie könnte den Karabiner aus der Decke reissen.

Diese Frau ist der OberKracher! Ächt jetzt! Wie ein Sumoringer vor dem entscheidenden Angriff hängt sie in ihr Tuch geklammert, während sie presst, als gäbe es kein Morgen mehr. Ich liege auf den Knien vor ihr und sehe den dunklen Schopf deutlich tiefer treten, tiefer, TIIIIIEEEEEFER….

“Wo ist die VERDAMMTE Hebamme???” – denk ich mir und kann mich gerade noch auf den Rücken vor die Frau schmeissen, als mir auch schon mit einem satten Platscher Baby-Arzt auf den Bauch klatscht. DAS nennt man dann wohl Sturzgeburt….

Frau Von Sinnen erscheint – herrlich nach Kaffee duftend – just in dem Moment, als Kollege Arzt die Gesichtsfarbe von dunkelrot nach weiss nach aschgrau wechselt und gepflegt vom Höckerchen fällt, auf das ich ihn kurz zuvor plaziert hatte, um der Frau ein wenig Halt beim Pressen zu geben…

Die Kopfwunde hat ihm Nancy The Fancy anschließend mit süffisantem Grinsen souverän vernäht, während Frau Arzt glücklich ihr FÜNFTES Baby abgenabelt, gewaschen und angezogen hat, um es anschließend – zusammen mit  ihrem lädierten Mann, ins Auto zu packen und nach Hause zu fahren.

Bambi hat sich immer noch nicht von ihrem “Ich-muss-eine-Kollegen-Gattin-entbinden”-Trauma erholt und muss frühzeitig nach Hause geschickt werden.

Und ich – ich muss dann nochmal genau nachfragen, WIE das jetzt ist – mit meiner Lieblingshebamme und dem kleinen Italiener… :)

Bambi, sag: Poppen!

“NEIN!!! Das glaub ich nicht!” Bambi hält sich entsetzt die Hand vor den Mund,die rehbraunen Augen so weit aufgerissen, dass ich ernsthaft Sorge habe, sie könnten mir gleich aus den Höhlen heraus entgegen fallen.
“Wilma UND Fred?!”
Das kleine Waldtier bekommt sich gar nicht mehr ein. FrauVonSinnen, die gerade am Übergabezimmer vorbei läuft, streckt neugierig den Kopf zur Tür herein.
“Was ist denn mit Wilma und Fred?” die Augen hinter ihrer Eulenbrille blinzeln
heftig interessiert.
“Josephine hat Fred und Wilma beim…ähm, also beide zusammen…hm- kompromittierend, verstehst du..!”
“Nee – wenn ich ehrlich bin, kein Wort!”
Bambi schnappt verzweifelt nach Luft, die Ohren tiefrot in die Ferne leuchtend.
“Ich habe die beiden heute Morgen auf frischer Tat beim Poppen erwischt!” fahre ich kurzerhand dazwischen. “Bambi – sag POPPEN!”
“Ich kaaaaann nicht!” quietscht es zurück
“Du bist GYNÄKOLOGIN! Also nenn die Dinge gefälligst auch beim Namen: sag Poppen!”
“Ich möchte da aber nicht so gerne drüber reden…!” Das Rehlein gleicht jetzt eher einer Fuchsstute, denn hellrot leuchten ihre Bäckchen durchs morgendliche Dämmerlicht.
“Lass das arme Ding in Ruhe” rügt FvS und setzt sich resolut auf die Übergabezimmercouch “Was ist jetzt mit Wilma und Fred, um Himmels Willen!”
“Die Zwei treiben es wie die Karnickel, das weiß doch mittlerweile sogar die Küchenhilfe! Guten Morgen!”
In einer Duftwolke aus teurem Parfüm und jeder Menge Haarspray stolziert Jeannie auf nagelneuen 12cm-Leoparden-Highheels zur Tür herein. Ich bekomme allein vom Anblick der Schuhe Arthrose ins Sprunggelenk, doch Jeannie könnte in diesen Dingern wahrscheinlich sogar den ersten Platz beim New York Marathon belegen.
“Sag, Jeannie – kannst du in den Schuhen joggen?!” sinniere ich laut vor mich hin?
“Josephine – hast du getrunken?” Frau von Sinnen schüttelt erstaunt den Kopf, während Miss SuperHighheels nur wissend grinst “wer weiß…?!”
“Okay, Leute, wir kommen jetzt mal alle zur Ruhe und gehen kurz in uns. Und dann erzählt ihr der lieben Frau von Sinnen ALLES, was ihr über Freds und Wilmas Krankenhaus-Sexualleben berichten könnt! – Und? Warum glotzt ihr mich alle so an?”
Verzweifelt versuche ich noch die redselige Hebamme durch versteckte Zeichen zum Schweigen zu bringen, da ist es schon geschehen!
“Diese Geschichte würde mich jetzt aber auch mal brennend interessieren!”
Sanft wie immer brummt des Chefs tiefe Stimme von der Tür her durch den kleinen Raum, doch über seiner Stirn ziehen eindeutig die ersten Gewitterwolken heran…

I. The Storm – Part I

“Josephine – komm schnell, wir vergeben gerade Stehplatzkarten vor´m Kreißsaal!”

Im Halbschlaf presse ich mein Diensthandy ans Kopfkissen gewärmte Ohr und reibe mir mit der anderen Hand die paar Minuten Schlaf aus den Augen, die seit meinem Zwischenstop im Bereitschaftsbett vergangen sind.

“Komme” murmel ich komatös in die Sprechmuschel. Die Erdanziehungskraft muss heute doppelt so hoch sein, wie sonst, denn nur unter Mobilisation aller um diese Uhrzeit vorhanden Kräfte gelingt es mir, mich von Matratze und Bettdecke zu trennen. Es ist Sonntagmorgen, 3 Uhr früh und seit nunmehr 19 Stunden hält mich der schlimmste Vollmonddienst ever fest in seinen Klauen.

Im Überwachungsraum des Kreißsaales sitzt Gloria-Victoria, das Kinn in die Hand gestützt, mit irrem Blick vorm lindgrünen CTG-Monitor und starrt auf sage und schreibe fünf unterschiedliche Herztonableitungen, was für fünf Mütter in fünf Kreißsälen und somit jede Menge Arbeit spricht.

“Gloria?! – was machen die Frauen vor unserer Tür?” – auf meinem Weg vom Dienstzimmer zum Kreißsaal bin ich gerade peilrecht in zwei schwanger bis hochschwanger aussehende Mädels gerannt, die dort lustig schnaufend Pfädchen ins Linoleum laufen.

“HMPF!!!” Tönt es dumpf unter Glorias goldblonden Pony hervor “HMPF!!!” nochmal, sonst nichts.

“Würdest du mir HMPF liebenswürdigerweise ins Verständliche übersetzen – ich kann dir nicht ganz folgen…?!” Ein wenig unwirsch tippel ich von einem Bein aufs andere – denn zwei der fünf CTGs schauen nicht schön aus und ich fürchte, dass eine Hinauszögerung des Problems dasselbe nur noch größer machen könnte.

“Wir sind voll bis unters Dach und die Zwei da draussen haben sich bis jetzt nur für einen Stehplatz vorm Kreißsaal qualifizieren können!” tönt eine wohlbekannte Stimme aus dem Off – Auftritt FrauVonSinnen über links ins Set.

“Whow – zwei Hebammen mittig in der Nacht – ihr macht mir gerade ein bisschen Angst!”

“Aller Guten Dinge sind ja bekanntlich drei…!” – tönt es nunmehr von rechts! Ruckartige Kopfbewegung nach der anderen Seite und ich traue meinen verschlafenen Augen nicht, denn

“SOLI??? Du AUCH hier? Ist heute Walpurgisnacht? Wollt ihr vielleicht gleich noch eine Runde um den Bloxberg fliegen, ja?”

Zwei Hebammen in einer Nacht sind eine Seltenheit, drei spricht für Chaos, gottlob…

“Josephine – meine Patientin presst!” Ohe, die OberHebamme, streckt den Kopf durch Kreißsaaltür 3 und rollt wild mit den Augen, während ich erfolglos versuche, meine Gesichtszüge unter Kontrolle zu halten…

“Vier Hebammen in einer Nacht in meinem Kreißsaal!” flüstere ich schockiert vor mich hin, während der Kittel in die nächste Ecke fliegt und ich ergeben die sterilen Handschuhe greife, die mir OsoleMia hilfsbereit entgegen streckt.

Ohe ist eine Hebamme wie man sie sich schöner in keinem Bilderbuch ausmalen könnte mit ihrem grauen Haar und der Goldbrille. Typ Clementine aus der Dash-Werbung der 80er Jahre (kann sich noch irgendwer erinnern?) – und mit einer Stimme wie ein Drill-Seargent im Marine-Camp.

Frau Drei (für Kreißsaal Nummer 3) liegt gerade auf sechs Uhr im Bett, was mich erneut daran hindert, richtig in Fahrt zu kommen – Patientinnen liegen in dem kreisrunden Kreißbett nämlich üblicherweise nicht auf 6, sondern auf 12 Uhr, also mit dem Kopf nach OBEN, von Hebamme und Arzt weg gerichtet. Diese Frau indes hat es sich mal eben verkehrt herum bequem gemacht, und deshalb blicke ich nun – statt auf weit geöffneten MUTTERmund nur auf Mund. Also – richtigen Mund, mit Zähnen und so. Und da Drei gerade wie abgerissen brüllt, kann ich in der Tiefe sogar Epiglottis sehen. Und Mageneingang. Magenausgang…

“Josephine – schläfst du noch??? Mach jetzt mal hinne hier, datt Kind is´ gleich durch!”

Mit strengem Blick, die Handschuhe bis zum Ellenbogen hoch gezogen, hängt Ohe über dem im 45° Winkel fixierte Kopfteil des Entbindungsbettes, welches ja nun das FUSSteil darstellt und versucht – das Geburtssieb mit dem Ellenbogen festhaltend – gleichzeitig Damm und durchschneidendes Köpfchen zu schützen.

“Was zum Teufel…!” entfleucht es mir, bevor ich über das Seitenteil des Bettes kletternd zum eigentlichen Ort des Geschehens gelange. Gerade noch rechtzeitig, um das Geburtssieb vor dem Absturz zu retten, denn just in dem Moment fängt Frau Drei das Pressen an und mit einem einzigen Flutsch ploppt ein schwarzhaariges, winziges Etwas in Ohe´s vorsorglich zum Fangen bereite Hebammenhände. Mit einer geschickten Bewegung hat sie den kleinen FlugSäugling auch schon in warme Mullwindeln geschlagen und der Sechs-Uhr-Mutter auf den Bauch gepackt. Ich reiche gerade Klemme und Nabelschere zum Durchschneiden der Nabelschnur an, als hinter mir die Tür auffliegt und Soli herein stürmt:

“Josephine – Zugang! Schnell!”

“Himmel – A – und Zwirn – wollt ihr mich eigentlich verschaukeln? Wer hat die Leute bloß alle bestellt? ICH NICHT, hört ihr? ICH hatte beim Universum einen ruhigen Dienst geordert. Das hier hat wer anders verbrochen!!!”

Laut fluchend klettre ich über Mutter Drei und Baby Eins Richtung Kreißsaaltür und betrete den Flur gerade noch rechtzeitig, um mit anzusehen wie Soli die vordere Schulter eines laut schreienden Babys entwickelt, während Gloria-Victoria ächzend das linke Bein der dazugehörigen und wie Schippe acht im Krankenhausrollstuhl hängenden Mutter hält. Ich eile Soli zu Hilfe, die das Kindelein schon geschickt im Schoss der Mutter positioniert hat und nun ebenfalls nach Nabelklemme und Schere verlangt.

Just in jenem Moment klingelt das Telefon – ein kurzer Blick auf die Uhrzeit: 03.14 morgens.

“Wenn das die Pforte ist – wir haben nichts mehr frei!” schnauft OsoleMia. “Schwangere und Kinder bitte ins Krankenhaus am anderen Ende der Stadt – sonst muss ich Feldbetten besorgen!”

“Hallo – hier Kreißsaal, wer da?”

“Hier ist die Innere Notaufnahme. Ich habe hier eine Patientin, die gerade von einer afrikanischen Safari kommt und nun eine gynäkologische Untersuchung wünscht!”

Einatmen, Josephine und ausatmen. Immer schön ein- und ausatmen….

“Wie passend!” kontere ich nur minimal gereizt “und ich bin eine gynäkologische Ärztin, die sich gerade auf afrikanischer Safari wünscht…!” Frau Dr. Pille scheint das wenig witzig zu finden, sie grinst nicht einmal durchs Telefon, sondern wartet lediglich mit eisigem Schweigen auf meine Antwort!”

“Okay, Schwester – Butter bei die Fische – was HAT die Frau denn?!” – “Die Frau” kommt es tiefkühltemperiert zurück “ist in der 5. Schwangerschaftswoche mit Verdacht auf Malaria bei uns eingeliefert worden und macht sich nun Sorgen um ihr Kind!”

Ächt jetzt? Ich persönlich würde mir ja gerade mehr Sorgen um die Malaria machen. Denk ich mir. “Also, wissen sie, ICH würde mir ja mehr Sorgen um die Malaria machen!” sage ich. Und stosse bei der spassbefreiten Kollegin auf wenig bis gar keine Gegenliebe.

“Die Patientin ist in wirklich großer Sorge und möchte augenblicklich wissen, wie es ihrem Kind geht!” giftet sie mir jetzt durchs Telefon entgegen und ich spüre, wie mein Blutdruck zu steigen beginnt.

“Okay, Kollegin, Lauscher auf und zugehört: hier im Kreißsaal ist gerade Holland in Not! Land unter! Völliges Chaos! Sollte ich diesen Dienst überstehen, ohne mich oder irgendjemand anderen umgebracht zu haben, dann werde ich Frau Malarias Fall gerne an meinen Tagdienst übergeben, der dann – VIELLEICHT! – zwischen 150 ambulanten Notfallpatienten und einem halben Dutzend anderer Entbindungen zwei Minuten Zeit findet, um nach der hoch aufgebauten Schleimhaut deiner Patientin zu schauen. Comprende?!?!”

“Ich kann auch gerne ihren Hintergrund informieren…!” Temperaturtechnisch befinden wir uns jetzt im Bereich flüssigen Stickstoffes, während mein Blutdruck gerade in den reanimationspflichtigen Bereich driftet.

“Okay – DAS ist Kindergartenniveau. Aber wenn sie mich tatsächlich wegen so etwas bei meinem Oberarzt verpfeifen wollen, kommen sie gerne in den Kreißsaal und rufen ihn persönlich an. Ich bin mir sicher, sie könnten ein gemütliches Pläuschchen mit ihm halten, frühmorgens um Viertel nach Drei, während ich…!”

“JOOOOOOSEEEEEEPHIIIIIIIINEEEEEEE!!!!”

*BLING* – Mein Blutdruck hat gerade die 300er Schallmauer durchbrochen…

“…muss auflegen!” Das Echo von Ohes Schrei hallt noch durch die Weiten des Kreißsaalflures, als ich auch schon an Frau Dreis Bett stehe.

———————TO BE CONTINUED————————————

Duplizität der Ereignisse…

Kennt ihr das? Bestimmte Ereignisse geschehen gerne mal doppelt oder mehrfach – leider handelt es sich bei diesen duplizierten Geschehnissen jedoch eher seltener um Lottogewinne, reduzierte Markenjeans oder Lohnerhöhungen. Doppelt kommt die Schwiegermutter zu Besuch (Ostern UND Pfingsten), die Nebenkostennachzahlung (2008 UND 2009) sowie der Lippenherpes (rechts UND links).

Im Kreißsaal ist dieses Phänomen ebenfalls bekannt – immer zwei Blasensprünge, zwei Kaiserschnitten, zwei Nachblutungen. Oder mehr.

So auch hier – in (m)einem Dienst long, long time from now kommen um exakt 19 Uhr zwei Schwangere in meinen Kreißsaal gestiefelt, beides FrauVonSinnen-Patientinnen, beide am Termin und exakt beide im Zustand nach stattgehabtem Blasensprung. So weit, so unspektakulär.

FvS parkt die Damen in unterschiedlichen Kreißsälen am CTG, und erhebt (nacheinander versteht sich) den jeweiligen Muttermundsbefund: ihr werdet es erahnen: Gebärmutterhals (=Cervix) weich, 2 cm, Muttermund 2 Fi-du (=Fingerdurchgängig), Kopf schwer abschiebbar auf Beckeneingang. Bei BEIDEN Frauen…

23 Uhr, Josephine in der (Dienst)Kiste – Auftritt Diensthandy (Ring und so…)

FvS: “Kannst du mal kommen…?!”

Ich (total verstrahlt): “Kannnisch noch Hose anziehn…?”

FvS: “Sagen wir mal – zügig…!”

Wer mit morgendlichen Anlaufproblemen zu kämpfen hat, sollte es mal mit Adrenalin im Kaffee versuchen – nichts macht SO schnell SO wach. Sollte man eigentlich als Dosenmilch oder Brotaufstrich verbreiten – damit könnten Millionen gemacht werden! Note to self – Adrenalinmilch…

9,8 Sekunden später steh ich schwer atmend vor zwei leuchtendgrünen CTG-Streifen, auf denen dieselben unschönen Wehentäler verzeichnet sind, während mich FvS mit verschränkten Armen und ungeduldig wippendem Fuß vorwurfsvoll anstarrt.

Ich: “Waaaas???? ICH hab das CTG nicht gemalt!” menno

Die Hebamme wischt meinen Einwand mit einer ungeduldigen Handbewegung weg und schleift mich am Arm in den ersten Kreißsaal, wo Frau X gerade PDA-sei-dank-entspannt eine sinnbefreite Fernsehsendung anschaut. “Da – Du!” schnauzt FvS, während sie mir ungeduldig einen durchsichtigen Handschuh hinhält. Ich habe keine Ahnung, warum SIE jetzt schlechte Laune hat, immerhin bin ich aus schönstem REM-Schlaf geklingelt worden.?! Trotzdem tu ich, wie mir geheißen wird.

*** 23.04 Uhr *** Cervix verstrichen *** MM 6 cm *** Kopf fest auf Beckeneingang***

Muss ich es erzählen? Ja, sicher, Frau Y bietet EXAKT denselben Befund. Es ist zum in die Tischkante beißen…. Okay, hilft ja alles nichts – eine MBU muß her. Aber pronto. Die Frage ist nur – bei welchem Kind zuerst? Ich beschließe, dass es kein Luxus ist, meinen Hintergrund zu informieren – hier sind 4 Hände einfach zu wenig. Dr. O, meine allzeit bestens *huuuuust* gelaunte Oberärztin ranzt ein wenig einladendes “WAAAAAAAAAAS?!?!” in den Telefonhörer, kaum das es zum ersten Mal geklingelt hat. Darf das Telefon etwa IM Bett schlafen…?!

Ich berichte von meinem duplizierten Chaos – und ernte Unverständnis. Warum ich angerufen hätte? Nur um dich zu ärgern… Warum ich keine MBU gemacht habe und das sie derzeit keinesfalls zu kommen gedenke. Bitte-Danke-Aufgelegt.

Gerade noch sinniere ich ernsthaft über einen zweiten Anrufversuch nach, als FvS aus dem Kreißsaal brüllt: “JOSEPHINE – DER HAUSDIENST!!!!!!”

(Hausdienst ist die Hebamme im Hintergrund, die immer dann kommt, wenn es brennt. Und DIE kommt dann auch gleich, ohne diskutieren. DIE haben es gut, die Hebammen….! Anm.d.Red.)

HÄÄÄÄÄÄH? Frau Chaos auf der Leitung. Was macht der Hausdienst im Kreißsaal…??? Als ich fragend den Kopf zur Tür herausstrecke, sehe ich die Hebamme – schwer schnaufend – Frau Y IM Bett über den Gang schieben, während selbige (Frau Y nämlich) – völlig unbeteiligt, weil gut-sitzende-PDA-intus – wild auf ihrem Handy herum klöppelt.

Ich komplett verwirrt: “Frau von S – WAS machst du da, bitte?”

FvS schwitzend und schnaufend: “Frau Y ist VOLLSTÄNDIG – BECKENBODEN!!! Rate wer NOCH????”….

To make a long story short – der Hausdienst hat es dann nur noch zum Umbetten von Mutter UND Baby X geschafft – entbunden haben wir (FvS und ich) in Stereo und alleine – eine Frau auf dem Kreißbett, eine im normalen Bett daneben. Baby 1 geboren um 23.22, Nummero 2 um 23.23 Uhr!!!

Und hier endet die Duplizität nun endlich – 1 ist ein kerngesunder Junge, 2 ein nicht minder fittes Mädel. Hurra! Vorbei! Heldin und Hebamme nass geschwitzt aber glücklich. Bis zum nächsten Mal…

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(Okay, ich habe voraus gesetzt, dass ihr unsere Räumlichkeiten kennt – wir haben neben jedem Kreissaal einen Raum, wo die Frauen mit Familie nach der Geburt noch ein bisschen einkehren können. Dort wurde Baby Nummer 2 geboren. NATÜRLICH mit frischen Handschuhen und eigenem Zubehör…:))

The Return Of Chaos…

Ich schäm mich ja fast ein bisschen, dass ich wieder hier bin. Bzw. schäm ich mich, zum ZWEITEN MAL wieder hier zu sein, denn man könnte ja meinen, ich schließe dieses Blog alle paar Monate mal, nur um hinterher lesen zu können, WER mich alles vermisst hat…

Ächt jetzt: ICH FREU MICH wie Schokokuchen euch alle wieder zu haben und muß gestehen, dass es mich im vergangenen Jahr doch das ein oder andere Mal gejuckt hat, neues über all die HäsChen, Blümeleins und OsoleMias dieser Welt zu schreiben! Und ihr werdet nicht glauben, in wieviele Tischkanten ich gebissen habe, respektive wie oft mein Kopf auf eben selbiger gelandet ist *headshot*

Okay, genug der warmen Worte gewechselt und direkt hinein ins Klinikgetümmel, es gibt nämlich zwei neue Kollegen, die ihr UNBEDINGT kennen lernen müßt:

Da ist zum einen Rehlein. Klein, zart, lieb und keinen Tag älter als 12! Maximal 13. Rehlein kommt frisch von der Uni und ist HÖCHST motiviert. Doch – ganz ehrlich. Es gibt nur EIN Problem – sie will, das JEDER sie lieb hat. So geht das aber nicht nicht, denn Kliniken sind keine Wellness-Farmen, hier wird per se keiner lieb gehabt. Hier geht es eher zu wie auf Guantanamo – ihr erinnerte euch? Das Gefangenenlager mit Jack Nicholson vor der Tür? Aber Rehlein versteht das nicht und schaut z.B. mit großen, verständnislosen Augen dem wütenden Anästhesisten hinterher, der nicht wirklich einsehen will, warum er mitten in der Nacht aus dem Schlaf heraus in den Kreißsaal gerufen wurde, nur weil dieser Gyn-Zwerg meint, es könne “vielleicht demnächst eine Sectio” anstehen…

Ich: “Rehlein, du darfst den Sandmann erst anrufen, wenn du auch wirklich sectionieren WILLST!!!”

Rehlein (fast weinend): “Aber – aber ich dachte, dann kann er sich schonmal mental drauf einstellen und muß nicht so Hals-über-Kopf aus dem Bett fallen…?”

Ich: “Keiner will sich nachts im Dienst auf irgendetwas EINSTELLEN. Und schon gar nicht mental. Da will man schlafen und fertig!”

Rehlein: “Also ich fänd es schon sehr schön, wenn man mich nachts mental vorwarnen…!”

Rehlein findet ganz viele Sachen sehr schön – wenn man “ganz doll viel auf die Gebärende eingeht” z.B. Was ja prinzipiell tatsächlich gut und löblich ist. Kommt aber auch immer irgendwie auf die Situation an:

——- Kreißsaal, Erstgebärende in der Pressphase, Muttermund vollständig, Kopf auf Beckeneingang. CTG – na, geht so ———

Die Frau auf dem Bett kreischt und wütet, schreit nach Mama, Papa und dem Papst (Italienerin – die sind mit dem Mann in Rom irgendwie soooo dick….) und hat vor lauter Schreierei leider keine Zeit, ein bisschen zum Kind hin zu atmen. Während FrauVonSinnen verzweifelt versucht, stimmlich gegen diese italienische Fortissima anzukommen und ich schon die Kiwi (Hand-Saugglocke) aufs Bett geschmissen habe, macht Rehlein erstmal einen Balint-Real-Versuch: sie REDET mit der Frau! Wie das Kind den heißen soll??? – “Maaaaammmmaaaaaaaa!!!!!” – ob es wohl auch so schöne Haare wie die Mama hat, dass gebären irgendwie voll wild und anstrengend und das Wetter gerade so toll ist.

FvS schaut mich ein wenig spärlich an – ich kanns verstehen, denn bei all dem Gesabbel kommt in der Tat nichts mehr von dem bei der Patientin an, was ihr die Hebamme eigentlich dringend verklickern möchte.

Ich: “Rehlein – sei jetzt einfach mal still!”

Verdutzt unterbricht diese ihren Sermon, starrt mich erschrocken an – und fängt an zu weinen. Och nöööööö jetzt, Mensch, so GEHT DAS NICHT! So KANN ich nicht arbeiten!!! Während Rehlein mit rotgeränderten Augen tapfer schluckend in der Ecke steht, setze ich dann doch vorsichtig den Pümpel am Köpfchen des kleinen Verweigerers an und ziehe vorsichtig mit der Wehe am Plastikgriff. Ganz leicht und ohne Kraftanstrengung folgt mir der kleine Italiener nach draußen ins Licht der Kreißsaallampe, wo er sofort klar stellt, WER in Zukunft die Schreierei nach Mama, Papa und dem Papst übernehmen wird.

Mit Rehlein bin ich heute Nachmittag noch verabredet – wir wollen ihr einen dickeres Fell besorgen – bei Ebay oder so.

Und demnächst erzähl ich euch dann etwas über Fred vom Jupiter – meinen anderen, neuen Kollegen. Der im besten Fall ganz schön seltsam ist… :)

Geburtseinleitung zum ersten, zweiten – UUUUUND dritten!!! – Teil I

Gestern hatte ich einen klassischen Hattrick-Dienst. Dreimal Einleitung, dreimal miese CTGs, dreimal doch noch gut gegangen.

Es ist 10 Uhr als die ersten beiden Mädels den Kreißsaal betreten. “Datt HäsSchen” ist unglaubliche 16 Jahre alt (okay – jung!), sieht aus wie Mitte dreißig und hat ein schlecht erzogenes Großmaul in fleckiger Ballonseide im Schlepptau, mit dem sie erstmal eine Rauchen gehen will. Es kostet mich eine halbe Stunde Zeit und jede Menge Überredungskunst, datt HäsSchen von seinem Vorhaben abzubringen, aber schlußendlich zieht meine autoritäre Muttervorstellung ganz gut, und Ballonseiden-Proll schlurft allein mit seiner Schachtel Marlboro in den Raucherhof davon. Mal schauen, ob wir den heute noch einmal zu Gesicht bekommen…

HäsSchen ist ein ziemlich großes, ganz schön überproportioniertes Mädchen, hat die Vorsorgen beim Frauenarzt eher sportlich locker genommen und ist infolgedessen spärlich bis garnicht dort aufgetaucht, was heißt, daß ich jetzt erstmal den kompletten Rundumschlag machen darf – Ultraschall, Anamnese, Aufklärung, etc. pp. Die kleine Wuchtbrumme treibt mich dabei fast in den Wahnsinn – mit gelangweiltem, völlig ausdruckslosen Gesicht flätzt sie auf ihrem Bett herum, kaut gelangweilt an ihren 4cm-grellpinken-Kunstfingernägeln und meint auf mein abschließendes “hast du denn noch irgendwelche Fragen?!” nur lapidar “Ich muss pissen!”

Oooooookayyyyy – DAS wird garantiert lustig!

Nachdem HäsSchen ihrem Grundbedürfnis nachgekommen und von OsoleMia ans CTG gepackt worden ist (“sonne Schei**e – jetzt kannisch garnisch zu meine Alde rauchen gehn, Schei**e, ey…!”) werf ich ihr die erste Dosis Einleitung für Einsteiger ein und wander erleichtert ins nächste Zimmer, wo Olga O., still und schüchtern, schon auf mich wartet.

Olga O. bekommt das dritte Kind mit FrauVonSinnen, ist bis jetzt noch immer über Termin gegangen und wird deshalb – heute genau eine Woche drüber – standesgemäß eingeleitet. Ich bin mir sicher, daß sie die wenigsten Probleme bieten wird – sie ist typisch russisch: ruhig (fast stoisch), geduldig und willig. Nach dem üblichen Aufklärungs-Blabla und Tablette legen kommen wir dann auch schon zu Nummer 3 – IchWillEigentlichEineSectioUndBinNurZufälligHierGelandet – kurz: SectioSuse.

SectioSuse ist eine 25jährige Erstgebärende, die eigentlich gerne spontan entbinden möchte, aber schon jetzt mehr Angst als Vaterlandsliebe hat. Infolgedessen liegt sie nun mit weit aufgerissenen, tränengefüllten Augen vor mir und ich habe ernsthaft Sorge, sie könnte schon dekompensieren, BEVOR ich überhaupt zur Tat geschritten bin. Also setz ich mich ein bisschen zu ihr, tätschel die eiskalte, angstschweißige Hand, laß sie eine Runde weinen, klär stundenlang hin und her und hoch und runter auf, und erst, als ich das Gefühl habe, SectioSuse ist EINIGERMASSEN rekompensiert, werf ich die Einleitungstablette ein.

Leider wird Suse auch die erste sein, die mir quasi um die Ohren fliegt, aber davon später!

Erste Einleitung um 10 Uhr - alles gut, zweite Runde um 14 Uhr - Olga O. weiterhin stoisch, datt HäsSchen hatte Zeit, zwei bis zwanzig Kippen weg zu ziehen und gibt sich vorerst zurückhaltend bis geduldig und selbst SectioSuse hält sich erstaunlich tapfer. Alle Frauen sind noch weitgehend wehenfrei, aber das ist nach der ersten Gabe nicht wirklich außergewöhnlich.

18 Uhr - das dritte Priming muß leider ausfallen, HäsSchen liegt – fluchend wie ein Kanalarbeiter – am CTG und schreit bei jeder (nun doch recht zahlreich auf grün-kariertem Papier erscheinenden) Wehe ihren BallonseideMacker voll:

HäsSchen *schnaufend*: “Du Ar***Gesicht, dämmlackisches, isch heb solsche Schmerze, du kanscht dich die näxte Male voll selber fi**en, datt schwör isch dir!”… *schnauf*

Doch Ar***Gesicht wendet den Blick noch nicht einmal für den Bruchteil einer Sekunde vom Fernseher, sondern grunzt nur unmotiviert irgendetwas unverständliches und präsentiert seiner Liebsten dafür einen nikotingelben, hoch erhobenen Mittelfinger. Es geht doch nichts über eine harmonische Beziehung… *Headshot*

Dagegen das komplette Kontrastprogramm in Olga O.s Zimmer – die junge Frau schaut mich mit den Augen eines angeschossenen Rehs hoffnungslos an. Auf dem CTG-Streifen eine Wehe nach der anderen, bei relativ unverändertem Muttermundsbefund.

Und SectioSuse? Die schreit. Das hohe C im Dauerton. Wahnsinn!!! Sie schreit nach ihrer Mutter, dem lieben Gott, einem Kaiserschnitt und außerdem 1000 anderen Dingen, an die ich mich schon nicht mehr erinnern kann. SectioSuse außer Rand und Band. Ein kurzer Blick zu Soli und die Richtung ist klar – 3 x PDA, bitte, danke – HEUTE ist kein Tag für langes Warten, heute gibt es Anästhesie mit Mengenrabatt.

Keine 10 Minuten später taucht Dr. AnästhesieÖhi auf, ein ewig verschwitzt riechender Öko-Arzt, der rein äußerlich viel besser in einen alten, österreichischen Naturfilm gepasst hätte, jedoch vor ewiger Zeit auf wundersame Weise als Gasmann in unserer Klinik aufgetaucht ist. AnästhesieÖhi ist berüchtigt für sein sonniges Gemüt und die HauWeg-PDAs, welche er den Frauen verpaßt und nach denen sie nichts mehr tun können, als – zugegebenermaßen schmerzfrei – Platsch auf dem Rücken zu liegen. DAS kann ja noch heiter werden…!

Gegen 19 Uhr ist endlich Ruhe eingekehrt, alle Frauen liegen, rhythmisch untermalt vom ständigen “TockTock” der kindlichen Herztöne, in ihren Zimmern und tun, was man so tut, wenn man auf die Geburt seines Kindes wartet: Datt HäsSchen beschimpft via Handy unflätig irgendeine arme Person, Olga O. betrachtet mit traurigem Blick das Bild an der Wand vor ihrem Bett und SectioSuse spielt frohgelaunt “4 gewinnt” mit ihrem Mann. Von Sectio keine Rede mehr – alles ist gut!

Bis gegen 20 Uhr das erste CTG schlecht wird. Also – nicht richtig schlecht, aber schon nicht wirklich schön. Irgendwie komisch. Irgendwie riecht das nach Eintritts-CTG. Zur Erklärung an alle nicht-Gynäkologen: Wenn das Köpfchen sich ins Becken einstellt und langsam tiefer rutscht, verändert sich die Herztonfrequenz auf eine ganz bestimmte Art und Weise. Man kann es noch nichtmal wirklich immer beschreiben, d.h. die CTGs sehen jetzt nicht bei allen Frauen GENAU_GLEICH aus, aber wenn man schon ein paar von den Teilen befundet hat, bekommt man den Dreh irgendwann raus. Als auch das zweite und dritte CTG komisch werden, schreite ich zum äußersten – und untersuche einfach mal todesmutig alle Frauen durch. Und sieh an – es ist fast wie im Märchen – ALLE DREI haben exakt denselben Befund: Muttermund 6-7cm, Cervix dickwulstig, vorangehender Teil tief auf Beckeneingang. Whow – DAS ging jetzt ja zackig :) Hat die frühe PDA also doch mal etwas gebracht.

Das Problem ist nur – so richtig schöööön sind die CTGs auch mit diesem Befund nicht. Zumindest kontrollbedürftig. Und was DAS heißt, dürfte mittlerweile auch der letzte Dermatologe wissen: MBU!!! Mikroblutuntersuchung. Man sollte wirklich meinen, ich werde dafür bezahlt, diese Untersuchung permanent anzupreisen. Und vielleicht sollte ich dem alten Saling ja mal die URL zu meinem Blog schicken? Jedenfalls ließ ich alle Mädels in den Kreißsaal umziehen, und begann das Spiel um den richtigen Tropfen kindlichen Blutes. Beim HäsSchen alles prima – komplikationslose Durchführung (trotz unterirdischen Gemeckers seitens der Mutter) und auch Olga O.s ungeborenes Kind konnte problemlos mit dem Siegel “besonders guter pH-Wert” versehen werden.

Doch dann kam SectioSuse….

——————- To Be Continued ———————–

Esst mehr Chips…!!!

Saublöde Überschrift – sollte eigentlich heißen: Leute, redet mehr miteinander – aber ihr wißt, ich stehe auf reißerische Aufmacher (Note to self: “Dringend noch der Bluna-Liste anfügen!” … *ggg*), die “Esst mehr Chips”-Geschichte ist eine ganz andere und soll deshalb auch ein andermal erzählt werden.

Dies ist die Story, bei der FrauVonSinnen und ich einander näher gekommen sind (NEIN!!! Nicht so wie MANCHE jetzt denken! Pfui, watt für´ne fiese Charakter… ;)) und unsere kleinen Reibereien nach einem reinigenden Morgengewitter (5 Uhr in der Früh, um genau zu sein) beigelegt haben. Und bevor ich von meinem heutigen, ersten Arbeitstag nach dem Urlaub berichte (ja, auch Helden brauchen Auszeit – deshalb auch die ganzen OffTopicThemen) muß ich diesen Part noch kurz vorweg schicken:

Es begab sich also vor nicht allzu langer Zeit, daß ich des abends im Kreißsaal meine Runden drehte und just in eine schwer schnaufende, offensichtlich hoch schwangere Frau lief, die mit Mann, Köfferchen und Krankenschwester im Schlepptau den Kreißsaalflur entlang gewatschelt kam.

Schwester: “Dr. Josephine, daß ist Frau XY, 39. SSW mit Wehen, Frau Von Sinnen ist die Hebamme, weiß Bescheid, steckt noch auf der Autobahn fest und kommt sobald sie kann!”

Ich: “Alles klar, Herzlichen Willkommen, wir kümmern uns um sie!”

Frau ans CTG gepackt, bisschen Small Talk, alles gut.

Jetzt ist es ja mit Hebammen so eine Sache – die eine mag es gerne, wenn man die Frauen MIT-untersucht (zwei mal zwei Finger haben einen besseren Überblick als einmal zwei), der anderen ist es grundsätzlich hoch wie breit und die Dritte macht immer alles selbst. Fehlt noch, daß sie einen Stacheldrahtzaun um ihre Schwangere zieht, mit Selbstschussanlage und allem Drum und Dran – nur für den Fall der Fälle.

Frau Von Sinnen gehört zur letzteren Kategorie. Was mir prinzipiell egal ist – soll jede machen, wie sie will. Aber diese Frau hier liegt nun einmal japsend und schnaufend vor mir, ihr Körper weiß obendrein nach 3 vorangegangenen Geburten ganz genau, was zu tun ist (und in der Regel fackeln gebärfreudige Frauen ab dem zweiten Spontanpartus auch nicht mehr soooo lange mit dem Niederkommen), sodaß ich trotz aller Vorgaben todesmutig zum Äußersten schreite – und vaginal untersuche. Bevor ich das Kind unvorbereitet UND ohne Hebamme VORM Kreißsaal bekomme. Doch siehe an – alles noch im grünen Bereich, 2 cm MM – wir haben Zeit.

Ich mach es mir gerade im Kreißsaalstützpunkt gemütlich, als FvS übellaunig und wortkarg einfällt und - nachdem sie sich von allem unnötigen Ballast befreit hat – auch schon wieder hinaus stürtzt. Stirnrunzelnd wende ich mich erneut “Plants vs. Zombies” (=Lieblings-iPhoneApp) zu und habe gerade die erste Reihe Sonnenblumen gepflanzt, als die Hebamme – wutschnaubend und Feuer spuckend – erneut vor mir steht und drohend knurrt:

DU hast meine Frau untersucht!?!?”

Ich: “Ist das eine Frage oder eine Feststellung?”

Sie: “Und warum sagst du mir das nicht????”

Okay, Feststellung!

Ich: “Ich hatte nicht einmal Zeit, Guten Abend zu sagen, wie hätte ich da noch “Die Frau hat 2 cm Muttermund, Cervix erhalten, weit sakral, Fruchtblase steht” unterbringen sollen???”

Ächt jetzt, oder?

Es entspann sich ein kleiner, kindergartenniveauähnlicher Wortwechsel, den ich hier nun wirklich niemanden zumuten will, und aufgrund dessen ich recht flott beschloss, meine Zombies für den Rest des abends im Dienstzimmer zu meucheln – was sich als so ermüdend erwies, daß ich mich bereits gegen 0.00 Uhr in komaähnlichem Tiefschlaf wiederfand.

01.25 UhrTELEFON!!!!

Ich (völlig verstrahlt): “Ja????? Es ist Nacht????”

FvS (immer noch SEHR sparsam): “Können wir eine PDA machen?”

Ich (schlaf immer noch): “Nee, ich zumindest nicht – aber frag doch mal die Anästhesisten…?!”

FvS hat aufgelegt…?!

02.30 UhrTELEFON!!!

Ich: “Grmpf?!”

FvS: “Kannst du mal kommen? Das CTG ist nicht so schön?”

Ich (aber sowas von über die Uhr): “Wie hoch hast du denn das Oxi laufen (=Wehentropf)???”

FvS (ehrlich empört): “WIE? Wehentropf??? Die Frau HAT GAR KEINEN Wehentropf???….”

Autsch….

Zu meiner Ehrrettung sei gesagt, das FvS bekannt dafür ist, nachts um 3 Uhr am anderen Ende des Diensthandys zu erscheinen und in den blumigsten Tönen von “nicht ganz schönen CTGs” zu flöten, welche sich als – nun ja: nicht wirklich schöne CTGs entpuppen, und wenn man mal genauer hinschaut, läuft halt schon der Wehentropf, damit “da mal ein bisschen mehr Druck drauf kommt!” SOOOO unberechtigt war meine Frage also gar nicht.

Ich reiß mich dennoch am Riemen, stelle mein Großhirn zwangsmäßig auf WachModus um und eiere in den Kreißsaal, wo Frau XY in der Tat spontan und ohne weiteres Zutun ein höchst unschönes CTG hingelegt hat. Schöne Schei**e aber auch!

Also – was machen wir bei schlechtem CTG und fortgeschrittenem Muttermundsbefund? Sie dahinten in der dritten Reihe mit dem weißen Kittel? RICHTIG: MBU!!!

Mach mal bitte mitten in der Nacht, frisch aus dem Bett gerupft mit keinem Kaffee weit und breit, eine Untersuchung, bei der du in 15 cm Tiefe und unter miesesten Sichtverhältnissen mit einer 2 mm – Kapillare einen Blutstropfen von der Größe eines Stecknadelkopfes finden UND aufsaugen mußt, und das während das stark behaarte Köpfchen permanent wie eine Unruh von rechts nach links routiert und einer übelst gelaunten Hebamme im Kreuz – SUPER SCHAUSPIEL, ich sach es euch!!!

To make a long story short – wir haben die ganze Nummer noch dreimal hingelegt, immer mit TipTop-Werten, das Kindele wollte dann gegen 4.45 Uhr doch noch geboren werden, und um 5 Uhr saß ich bräsig wie Horst auf der höchsten Palme überhaupt im Kreißsaalstützpunkt und hätte am liebsten mit Sachen um mich geworfen. Und dann kam FvS. Und fragte, was um alles in der Welt mir einfalle, sie nach einem Tropf zu fragen, den sie gar nicht angehängt hatte – und DANN kam eins zum anderen und in keiner Zeit hatten wir uns so derartig in der Wolle, das die Nachtschwester schnellen Schrittes um die Ecke gerannt kam, um zu sehen, was da wohl los sei…?!

Und dann fragte sie (=FvS) plötzlich mit großen Augen, erschrecktem Blick und völlig aus dem Zusammenhang gerissen: “Meinst du denn, ich mache schlechte Geburtshilfe?”

Da mußte ich dann doch erstmal nachdenken….-  Schlechte Geburtshilfe? Definitiv NEIN! Ich bin mir sicher, das Frau von Sinnen eine der wenigen, berufenen Hebammen ist, die die Welt noch hat. Aber ihre Umsetzung und das Timing sind manchmal einfach Schei**e – vorsichtig formuliert. Es läuft nämlich immer nach demselben Schema F: Frau kommt, Wehen mäßig, PDA rein, Tropf drauf, CTG mässig, bisschen rumgeömmelt, Kind kommt, alles gut aber irgendwie ist das Gesamtgefühl nur “Naja”… – und genau so hab ich es ihr auch gesagt. Danach bin ich vorsichtshalber auf Tauchstation gegangen, denn das, was jetzt kommen mußte, konnte nur ein mittelprächtiger Hurrikan werden. Als ich nach 2 Minuten Totenstille vorsichtig aus meinem Versteck lugte, sah ich aber erstaunlicherweise nur eines: fassungslose Einsicht!

Meine Kritik war an FvSs sonst so rauher Schale nicht einfach abgeprallt sondern offensichtlich eingedrungen, und hatte dort – ganz im Gegensatz zum Großteil der Menschheit (mich im übrigen eingeschlossen) -  mitnichten Wut und Trotz aktiviert, sondern war auf dem wundersamen Weg des Verstehens direktemang ins Zentrum der Erkenntnis gedriftet. Frau von Sinnen hatte es Verstanden. WHOW! Was für eine Frau! Was für eine Größe, Kritik anzuhören UND vor allem anzuNEHMEN – noch dazu von jemanden mit deutlich weniger Berufserfahrung als man selbst. Hätte ich einen Hut gehabt, ich hätte ihn an diesem Morgen gerne gezogen.

Mit frischem Kaffee und einer halben Packung Merci haben wir unser Kriegsbeil dann mittig im Kreißsaal begraben, Frieden und mittlerweile beinah Freundschaft geschlossen. Die Frau Von Sinnen und ich. Und DAS sind Geschichten, die das Leben schreibt. So schön!

Days of Terror, Nights of Horror…

Es gibt Dinge, die braucht man und solche, die kriegt man, ob gewollt oder nicht. Punkt. Meine letzten drei Dienste bestanden im wesentlich aus ebendiesen ungewollten, aber vor allem schlafraubenden Ereignisssen und brachten immer mal wieder die Frage auf, WARUM man sich SO ETWAS als mündiger, erwachsener Mensch überhaupt noch antun muß…?

Dienst 1 beginnt schon mit altbekannter Migräne-Vorahnung hinter dem rechten Auge, welche sich durch den OP-Tag hindurch leidlich in Schach hält, um dann kurz nach Dienstübergabe vor der Kloschüssel zu enden. Supi. Und ja, ich hör schon die Kritiker rufen: Was geht sie nicht heim, die armen Patienten, so kann man doch nicht arbeiten, Sicherheit vor Arbeitswille – nee, is´ klar. Fakt allein: keiner sonst verfügbar, der meinen Dienst hätte übernehmen können. Weswegen ich an dieser Stelle aus der Diskussion auszusteigen gedenke.

Also hänge ich da über der, streng nach KrankenhausDesinfektion riechenden, leicht angegammelten Schüssel, und lasse mir mein Abendessen durch den Kopf gehen, als das geliebte Handy mit rücksichtslosem Gebimmel ein weiteres Loch in meinen Parietallappen reisst – FrauVonSinnen – Herr! Was hab ich getan?!…

Ich *würg*

Sie: “Was los – du hörst dich an, als wärst du am ko**en”

Okay, Ferndiagnosen hat sie voll drauf!

Ich: “Hab Migräne, muß ein bisschen brechen – sag, daß du nur zum Spaß auf meinem Handy anrufst…!”

Sie: “Sorry – Erstgebärende mit Wehen, CTG so mittelprächtig – kannst du mal drauf schauen?!”

Klar kann ich. Falls mein Kopf noch durch die Badezimmertür passt gerne auch sofort – ich probiere es und siehe da, Kopfumfang noch unter einem Meter, alles wird gut. Im Kreißsaal lauf ich dann auch stehenden Fußes in FvS, die mich mit großen Augen mitleidig anschaut und kurz die Fakten durchgibt: 3 cm Muttermund, immer wieder Dezelerationen, mäßige Wehentätigkeit, groß geschätztes Kind.

In der Tat – über 4000 g hat der niedergelassene Kollege geschätzt und sorgfältig im Mutterpaß vermerkt – ich kläre die Frau also über das erhöhte Risiko einer Schulterdystokie (= stecken bleiben der kindlichen Schulter unter Entbindung mit möglichen Folgeschäden für den betroffenen Arm) auf, werfe einen Blick auf das CTG, welches jetzt passabel anständig ist und verbleibe nach Rücksprache bei “angestrebter Geburtsmodus: Spontan!”.

Anschließend parke ich mich erschöpft und mit weiterhin anhaltendem Brechreiz im leeren Kreißsaal I aufs Bett und schließe seufzend die Augen. Kurz. Dann Auftritt FvS, das BlutentnahmeTablett in der Einen, eine 1000er Stero (1l Infusionslösung) in der anderen Hand und spricht: “Du braucht Flüssigkeit!” Widerspruch sinnlos – das sieht man ihr an der Nasenspitze an. Mir ist aber gerade sowieso alles egal, also halt ich ihr brav meine Hand mit den wunderschönen, fetten, hervorragend zu punktierenden Venen hin und schließe erneut die Augen. Zwei Minuten später tropft munter kristallklare, eiskalte Flüssigkeit in mein Kreißlaufsystem, und während das Gewitter im Schädel weiterhin sein Unwesen treibt, merke ich gerade noch, wie ich sachte mit einer Wolldecke zugedeckt werde, bevor ich sanft ins Nirvana davontreibe.

2 Stunden später bin ich leidlich wiederhergestellt, zupfe mir die Braunüle aus der Hand und betrete – den letzten Schlaf aus den Augen wischend – den Überwachungsraum.

FvS: “Du siehst VIEL besser aus!!!”

Ich: “Jepp – fühl mich auch besser. Danke! Auch fürs mütterliche zudecken…!”

FvS *grinst*

Ich: “Und – wie sieht das CTG aus?”

Frau von Sinnen hält mir den gut zwei Meter langen, grünkarierten Papierlauf unter die Nase und ich seufze mäßig begeistert. Es ist – okay! Nicht dramatisch, weit entfernt von traumhaft – irgendwie nicht Fisch noch Fleisch. Immer dann, wenn man denkt “Jetzt ist´s richtig Schei**e” berappelt es sich für 10, 15 Minuten, um dann wieder undefiniert rumzuspirenzen. Für meine Lieblings-MBU ist der Muttermund noch nicht weit genug geöffnet, Wehen hat´s auch, die Mutter will unbedingt spontan entbinden – bleibt also nur abwarten und Tee trinken.

CTGs sind ein Teufelszeug – gib 5 unabhängigen Geburtshelfern mit jahrelanger Erfahrung das ein und selbe CTG in die Hand, laß sie unabhängig voneinander die Situation des Kindes nach streng definierten Kriterien beurteilen, und ich schwöre euch das von “Sectio eilig” bis “Alles wird gut” jeder etwas anderes voraussagen wird.

Ich habe CTGs gesehen, da wurde mir noch im Nachhinein schlecht vom nur drauf schauen – und die Kinder sind putzmunter aus ihren Müttern herausgepurzelt und haben sich – bei blendendem pH versteht sich – erst mal 10 Punkte auf der 10-punktigen APGAR-Scala abgeholt. Andere wiederum präsentieren über Stunden ein ganz passables CTG-Bild und müssen dann – dunkelblau und mächtig sauer, mittels Not-Sectio raus gefischt werden. Ich steh nicht auf Kaffeesatzleserei, echt nicht. Und CTG ist manchmal Kaffeesatz vom Feinsten *grrrr*

So verbringe ich also die Nacht mit meiner RestMigräne auf Kreißbett Nummero I, hübsch eingepackt in weiße Krankenhauswolldecke und tigere immer mal wieder um besagte Frau samt CTG herum – und dann, gegen 4.30 Uhr am morgen sind wir genau da, wo ich uns am Abend zuvor schon gesehen hatte: Geburtsstillstand bei fraglichem Missverhältnis, 8 cm Muttermund und beginnend pathologisches (=schlechtes) CTG. Dankeschön!

Um 5 Uhr ist die Frau via Sectio von einem 4600 g schweren Mädchen entbunden, guter Apgar und pH, um 6 Uhr pfeiff ich mir – gemeinsam mit FvS, die heute massiv Pluspunkte gesammelt hat – bei lauen Außentemperaturen und Vogelgezwitscher den ersten Kaffee auf dem kreißsaaleigenen Balkon rein, um dann gegen 8 Uhr schwer gerädert und immer noch nicht gänzlichst migränefrei den Heimweg anzutreten. Mehr dann morgen. Oder übermorgen. Diese Woche hat es in sich… *schnauf*

Nachtrag 23.40 Uhr: Der Osterhase hat uns auch etwas gebracht…

…vier wunderschöne, knuffelige kleine OsterKinder!!!

Frau Ei macht um 19.15 Uhr den Anfang – völlig unspektakulär und mit hervorragend sitzender PDA bringt sie ein sehr kleines, sehr zartes Mädchen zur Welt – bisschen Damm genäht, alles gut.

Kaum habe ich die Wunde versorgt und das Kind angeschaut, kommt Soli (mittlerweile wieder deutlich besser gelaunt – Essen ist ohne sie gelaufen – Leben ist kein Ponyschlecken!) mit Frau Cross im Schlepptau in den Kreißsaal getingelt – Wehentätigkeit am Termin, 2. Kind, säääääääääääääääääääähr groß geschätzt – 7cm Muttermund. Super – läuft ja wie am Schnürchen hier.

Und auch Frau Heier-Weiermann – Privatpatientin der Oberärztin, ihr erinnert euch – hat knapp 5 Minuten nach “uns” ihr kleines Osterei fertig gebrütet! Frau von Sinnen macht sich nach zwei Stunden Überwachungsaufenthalt um 21.30 Uhr glücklich und beseelt vom Acker – nur um keine 10 Minuten später erneut im inneren Orbit aufzuschlagen!

Ich: Frau Von Sinnen – du machst mir Angst! Was WILLST du hier?

FvS (schaut betröppelt und winkt ab): “Drittgebärende mit Wehentätigkeit, Zustand nach zweimal Spontanentbindung – ich WUSSTE, daß die mir irgendwann um die Ohren fliegt!”

Tut sie dann nicht wirklich - um die Ohren fliegen - denn nachdem Frau Heier-Weiermann (s.o.!) um 22.11 Uhr ihrem “Riesenbaby” (4200 g) ebenfalls völlig easy-peasy und Damm intakt den Sonntagskind-Status inklusive hohem Feiertagstatus verpaßt hat, bekommt das gegnerische Duo OÄ Dr.O – FrauVonSinnen das Ausgleichskind in der spielerisch 23sten Minute.

Somit steht es jetzt 2:2 unentschieden, mit leichtem Vorteil für Dr.Josephine – OsoleMia: einmal Dammriss I. Grades sowie Damm intakt gegen zweimal geschnitten – Yeah, klatsch ein, Baby!!!

Jetzt haben wir 23.53 Uhr – mein Dienst neigt sich hoffentlich seinem Ende entgegen *DreimalAufHolzKlopf* und ich bin durch zwei wirklich schön anzusehende, unkomplizierte Geburten sowie Vier glückliche Neu-Familien ausgesöhnt mit diesem DienstTag!

Danke, lieber Osterhase :)

OsterSonntag(sDienst)….

Es ist Ostern und im Kreißsaal sitzt OsoleMia bei fast gleich geartet schlechter Laune mit einem vorzeitigen Blasensprung am Termin fest, während Zuhause ihre Familie um den nicht fertig bekommenen Braten hockt – das Leid der Hebamme kann ich da nur sagen. Sag ich aber nur euch – Soli würde mich heute für solche Sprüche auf altitalienische Weise mit Beton an den Füßen in der nächstbesten Pfütze ertränken. Frau Ei bekommt das erste Kind und weht sich stetig aber zeitintensiv durch ihre Eröffnungsperiode – dies jedoch wenigstens bei vorzeigbarem CTG!

Auf Station dümpelt eine vorzeitige Wehentätigkeit, eine Vielgebärende mit Hypertonus und ein fraglich beginnendes HELLP im Wochenbett vor sich hin. Letzteres leider derart sinnbefreit, daß es mich nun schon geschlagene zwei Stunden beschäftigt – kein Ende absehbar! Frau Brot ist ungelogen so hell wie ein Kilo Dunkelbrot und möchte partout nicht verstehen, daß ich ihren 180 zu 115- Blutdruck nicht so richtig lustig finde. Das sie obendrein nur ihre eigenen Nepresol-Tabletten nehmen mag (und kein Schwein weiß, ob sie die auch tatsächlich nimmt) ist nochmal eine andere Wurst – aber nein, lustig ist das kein Stück!!!

Frau Brot möchte von mir wissen, wo denn das Problem überhaupt sei?! Ich erkläre ihr, daß die größtmögliche Komplikation bei solch einer Konstellation ein akuter Krampf-Anfall sein könnte.

*FragenderBlick*

Sie: “Äh – Krampfanfall? Wo? In der Wade?????…….

*Kopf -> Tischkante*

Okay, ich erkläre also weitschweifig, welche Sorte Kramfanfall ich gemeint habe – und werde unwirsch mittig in der schönsten Ausführung unterbrochen:

“Nee, nee, das kann so nicht sein! Meine Omma hat auch schon immer Blutdruck, abba die hat noch niiiiiiiiiiiiiiiieeeeeee ´n Krampf inner Wade gehabt!!!”

Is´ nicht wahr….

Nach einem weiteren Exkurs in die PhysioPathologie des schwangerschaftsassoziierten Hypertonus klärt mich Frau Brot ihrerseits über das Brot-sche Bluthochdruck-Management auf: KNOBLAUCH!!!!

Ich: “BITTÄÄÄÄÄ?????”

Sie: “Knoblauch hilft gegen Blutdruck – aber ich hab schon 8 Zehen gegessen – hat NIX geholfen…!!!”

*HUST*

*AtemschutzAuspack*

Das erklärt jetzt immerhin die enorm schlechte Luft im Patientenzimmer…

Nachdem ich Frau Brot mit ihrem Gestank allein und in Richtung o.g. Dienstzimmer verlassen habe, dort dann gerade dabei bin, genüßlich in mein korallenrotes Osterei-chen zu beißen, bimmelt wie auf Stichtwort das olle Diensthandy:

Ich (kauend und Eigelb prustend ins Telefon nuschelnd): “Josephine – beim Essen! Wer stört????!”

FvS: “ICH!!!!”

Ich (erstaunt auf die Uhr blickend): “FrauVonSinnen – hast du jetzt wirklich den Verstand verloren – es ist TAG!!! Was willst du schon hier????”

FrauVonSinnen, Lieblings*hust*hebamme, entbindet in der Regel nie vor 2.30 Uhr morgens und läutet dann aber gerne mal kurz vorher durch, um den diensthabenden Arzt mit einem abgedrehten, weil hochpathologischen CTG aus dem Bett zu jagen…!

 Ich versuche mich vergeblich zu erinnern, ob und wenn ja wann ich Frau von Sinnen jemals bei Tageslicht zu Gesicht bekommen habe…?! – Wie schon gesagt: vergeblich!!!

FvS ist nun also mit einer privaten Erstgebärenden am Termin in “meinem” Kreißsaal aufgeschlagen, was ich absolut unhöflich finde – “Privat” ist nämlich gleichbedeutend mit “der Hintergrund kommt” und das wäre am heutigen SuperSonntag meine Lieblings*hust*Oberärztin. Womit hab ich DAS verdient????

OÄ Dr. O HASST es, an Sonn- und Feiertagen in der Klinik aufschlagen zu müssen. Außerdem nachts und nach (offiziellem) Dienst-Ende. Das es anderen Menschen ähnlich geht und diese DENNOCH ohne viele Worte ihrer Pflicht nachkommen ist hier mal nebensächlich - für Dr. O gibt es nur einen Nabel der Welt, und das ist sie selbst, des weiteren passieren alle Ungerechtigkeiten auch immer nur dem ärmsten Schäfchen vor dem Herrn: IHR SELBST!

Bedeutet für mich: ich darf mir nachher beim Eingeben der Geburt stundenlange, vor Selbstmitleid triefende  Monologe über das Seelenheil meiner Oberärztin anhören – vielleicht sollte ich doch die “OsoleMia-mit-Beton-an-den-Füßen-Nummer” nochmal aufgreifen…?!

——————————————————-Cut——————————————————–

To be continued….