Tag-Archiv | Emergency Room

Es wird mir fehlen, das Leben…

Ich weiß es noch wie heute, es war eines schönen Frühsommertages, irgendwann Ende der 90er Jahre, und ich war (mal wieder) schwanger, somit bis zur Halskrause hormonverseucht, als mir Ruth Picardie´s Quasi-Nachruf in die Hände fiel. Ich las es damals – in einer langen, nur von den üblichen Schwangeren-Pinkel-Pausen unterbrochenen Nacht – in einem Rutsch aus und hab mir so dermaßen die Augen vor den Kopf geheult, daß ich drei Tage lang aussah, als hätte ich eine schlimme Allergie durchgemacht. Mindestens!

Ruth Picardie ist jung, schön, klug und erfolgreich sowie frisch gebackene Mutter eines nervenaufreibenden Zwillingspärchens, als Brustkrebs diagnostiziert wird. Das, was über Wochen und Monate hinweg mit Schwangerschaft und Stillzeit erklärt wurde, bedeutet schlußendlich das Todesurteil für diese wunderbare Frau mit ihrem unverwechselbaren Schreibstil. Denn Ruth ist außerdem noch Journalistin und betreibt im bekannten englischen “Observer” eine gut und gern gelesene Kolumne über ihren ganz persönlichen Wahnsinn. Und wie es nunmal so ist, wenn man einigermaßen mit Worten und Sprache umgehen kann – verarbeitet Picardie auf ganz unnachahmliche Art und Weise ihre Sorgen und Nöte, Ängste und die Schrecken der Krankheit in den Zeilen, die sie ihren Lesern weiterhin wöchentlich vorsetzt – und läßt sie so teilhaben: an ihrem Leben, ihrer Krankheit und diesem unverwechselbaren, unbezahlbaren Trotz, mit dem sie ihrem Widersacher Krebs entgegentritt.

Und bleibt dabei – trotz gelegentlichen jammerns und haderns – so erschreckend normal in ihrer Liebe zu Clooney und Emergency Room (Schwester im Geiste) sowie Pret A Manger´s unverwechselbaren Ceasar´s Sandwiches – das ich fast meinte, sie schon lange gekannt zu haben.

Und auch wenn die permanente Vorstellung, ich müsste MEINE (damals noch sehr kleinen) Kinder im Leben zurück lassen, weil mich so eine verfluchte Krankheit mal eben hinwegrafft, mir einen Rekord im Dauerheulen und drei Tage lang Tränensäcke wie Derrick beschert hatte – dieses Buch ist es so etwas von Wert gelesen zu werden, daß ich es heute endlich einmal fertig gebracht habe, meine Rezension einzustellen. Und das, obwohl ich Buchbeschreibungen seit der Oberstufenzeit wie Vaginalpilz hasse.

Das ist für dich, Ruth, du großartige Frau. Ich hätte dich gerne einmal kennen gelernt!!!

Google sucht Heldin II…

Schlafentzug macht glücklich – Jo mei, wer´s glaubt wird Arzt!

Wie stecke ich die ganze Hand in die Scheide? – Weia, warum zum Geier sollte Frau das (tun) wollen???

Bin seit 4 Wochen in der Klinik - Macht nix – ich bin schon gefühlt mein halbes Leben dort…!

Wie schaut eine hintere Scheidenplastik aus? – Kommt ganz drauf an, wer sie gemacht hat… *HUST*

Atherom stinkt?JAAAAAAAAA DOCH!!!! *würg*

Wie liegt man richtig bei einer Gyn-OP? – Keine Ahnung? Auf dem Rücken?

Ich liebe Emergency Room! – Baby – ICH AUCH!!!

Trapper John Stanley findet Gonzo! – Okay, Jungs, ihr könnt aufhören zu suchen, er hat ihn!!!

Autounfall und hinterher Vaginale Blutung – Autsch – wie ist das Auto denn da hin gekommen???

Hobby Gyn Doc Sex Geschichten - Bäh, watte ´ne fiese Charakter…. *tse*

Anästhesiebogen für Kaiserschnitt – Biste bei mir falsch, mußte zu Herrn Hell-Im-Hals!

Hysterektomie müde – Und ICH erst!!! Also – Vag-HE müde!!!…

Schlechte Laune schwangere Frau 5. Woche - Mei, armer Kerl, da haste noch einen weiten Weg vor dir, wenn sie JETZT schon schlecht gelaunt ist…

Langzeitfolgen von Nutella – Gibbett keine! Ich schwöre (Dauergebrauch seit über 30 Jahren – das kann kaum ein Medikament bieten… *ggg*)…!

“Keine Dienste” Assistenzarzt Innere - Träum weiter!!!

Vaginale Folter – Frage: Was ist Geburt???

Kreißsaalführung Mops – Ähm – Hunde haben keinen Zutritt!!!

Erdanziehungskraft – Jepp – mal schwächer, mal stärker… *ggg*

Schweinchen Gyn – Es heißt “Schweinchen Babe”!

Wie nennt man Frauenärzte noch? - Helden!!!…. *renn*



Grey´s Anatomy, Dr. House, Private Practice & Co KG….

Seit ich denken kann, habe ich Arztserien geliebt. Angefangen bei den Klassikern wie “Chefarzt Dr. Westphall”, in der z.B. David Morse im Anbeginn seiner Schauspiel-Laufbahn noch den gestressten, unglaublich jungen aber zeitgleich auch unglaublich sympathischen Assistenzarzt Dr. Morisson gibt. Schade nur, daß Morse dann später komplett ins Bösewicht-Lager gewechselt ist – ich persönlich mochte ihn lieber als “Good Guy” – war so etwas, wie der Dr. Mark Greene der 80er Jahre… Was viele nicht mehr wissen: Auch Denzel Washington wurde erst durch durch seine Rolle als Dr. Phillip Chandler wirklich bekannt!

Durch diese Serie zeigt sich übrigens mal wieder, daß die für das eindeutschen ausländischer Film- und Fernsehtitel zuständige Gesellschaft (wer verbockt das eigentlich genau???) absolut sinn- und spaßbefreit ans Werk geht – wie sonst könnte man von “St. Elsewhere” (= Sankt Irgendwo) auf den drögen  und wenig ansprechenden Titel “Chefarzt Dr. Westphal” kommen? Geht es auch noch langweiliger? Aber gut – dieses Thema ist eigentlich schon wieder einen eigenen Eintrag wert – bleiben wir bei den Arztserien:

Da gab es zum Beispiel Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre die geballte Alles-Wird-Gut-Alles-Ist-Kunterbunt-Und-Blumig-Schön Schnulzfraktion:

- Dr. Marcus Welby etwa, ein ewig senil lächelnder Niedergelassener, der mit seinem Jungassistenten James Brolin (später bärtiger Manager des HOTEL-Hotels, noch später Ehemann von Barbra Streisand! Anm. d. Red.) die großen und kleinen Weh-Wehchen der schnieken California-High-Society gemanaged hat, oder

- Trapper John M.D., ehemaliger Kriegsveteran mit seinem in einem abgewrackten Wohmobil hausenden Lieblings-Assistenten “Gonzo”, außerdem

- der ewig schüffelnde, in einem wunderschön heimelig anmutenden Sectionssaal hantierende Gerichtsmediziner Quincy, oder

- der Dreikäsehoch im Arztkittel: Dr. Doogie Howser!

Bis weit in die 90er Jahre hinein immer wieder vor die Glotze gezogen hat mich die Kult- und Antikriegs-Serie M*A*S*H- mit dem ewig zynischen Alan Alda alias Hawkeye und seinem besten Kumpel Trapper, die sich Folge um Folge mit einer großen Portion schwarzen Humors und nie enden wollender Improvisation durch die Grausamkeiten des Krieges operiert haben.

Aus deutscher Feder dann Anfang der 80er Jahre die Schwarzwald Klinik!!! Was soll ich sagen… – denn sie wußten nicht, was sie tun?! *ggg* “Ich war doch noch ein Kind” läßt es wohl am ehesten durchgehen :)

Danach war lange Zeit Ruhe – bis 1994 mit Emergency Room ein neues Kapitel aufgeschlagen wurde: Hätte ich damals nicht schon den unbedingten Willen gehabt, eines Tages ins Mediziner-Business einzusteigen, spätestens mit dem Pilotfilm wäre es um mich geschehen gewesen. Details diese meine absolute Laib- und Magen-Serie betreffend bitte an folgender Stelle nachzulesen!

Der Vorteil an Emergency Room war – zumindest was die ersten 10-12 Staffeln betrifft – die absolut zuverlässig recherchierten medizinischen Fakten, und zwar in solch einem Umfang, daß ganze Folgen tatsächlich zu Fortbildungs- und Lehrzwecken hinzugezogen wurden. An unzähligen medizinischen Fakultäten wurde Emergency Room in Vorlesungen gezeigt oder zur Veranschaulichung praktischen Handelns an Krankenhäusern und Kliniken vorgeführt. Leider hat dieses hohe Niveau gegen Ende hin rapide abgenommen – die letzten Folgen waren in der Tat nur noch ein schwacher Schatten dessen, was der geniale Michael Chrichton einst erschaffen hatte.

Das neue Jahrtausend brachte dann – neben Scrubs und Private Practice vor allem

Grey´s Anatomy hervor. Mies recherchiert, aber mit unglaublich gut aussehenden Menschen und formschön verpackten Geschichten DAS Highlight nach dem Ableben von Dr. Greene und Co-Kg.

Und hier auch mein höchstpersönliches, im Laufe der Jahre wirklich ins unermessliche gesteigerte Problem: Ich bin überqualifiziert! Überqualifiziert für meine persönliche Macke Arztserien! Denn wenn Dr. Addison Montgomery, die wunderschöne Rothaarige aus “Private Practice” neben dem Bett der schwangeren Frau steht und mit leidvollem Blick “Wir müssen einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen – die Mutter stirbt, wenn sie kein neues Herz bekommt, und das Baby ist in der 30. Schwangerschaftswoche (!!!!) NICHT überlebensfähig!” sagt – dann krisch isch Plack! Auf die Zähne, auf die Augen, auf die Ohren – überall hin. Denn das ist SCHWACHFUG!!! MÜLL!!! Michael Crichton würde ventilatorgleich im Grab routieren, wenn es SEINE Sendung wäre…

Und dabei ist dieser Fauxpas nichtmal ein spezieller Mediziner-Insider! Jede halbwegs lesetüchtige (Ex-)Schwangere WEISS, daß Kinder in der 30. SSW durchaus lebensfähig sind. Und zwar nicht “gerade mal so”, sondern richtig!!! Wollen die uns veräppeln? Wollen die???

Ich bekomme auch akute Übelkeits-Attacken, wenn selbige Montgomery (die ich als Schauspielerin wirklich grossartig finde – ächt jetzt) mitfühlend aber bestimmt zu der gerade gebärenden Frau sagt: “Ihr Kind steckt mit der Schulter fest – wir müssen in die Klinik fahren und einen Kaiserschnitt machen!” – da würde ich sie dann doch ganz gerne aus dem Kasten ziehen, und ein bisschen schütteln! Denn das ist GANZ GROSSER BOCKMIST!!!  *grrrrrr*

Leider, leider, leider geht es mit den meisten anderen Sendungen nicht wirklich besser – bei Grey´s Anatomy trösten mich nur die Herren McDreamy und -Sexy, sowie mein ewig zynisch-trockener Lieblingscharakter Cristina Yang über die Tatsache hinweg, das permanent Dummzeug verbreitet wird. Über die meisten Dinge kann ich ja auch locker hinweg hören, und da die Serie an sich eher weniger Gynäkologie-lastig ist, läßt es sich für mich garantiert auch besser aushalten, als z.B. für die chirurgischen oder notfallmedizinischen Kollegen. Aber schade ist es trotzdem. Es verleidet mir den halben Spaß, dabei kann es doch nicht so schwer sein, mithilfe eines medizinisch ausgebildeten Beraters den ein oder anderen Klopper von vorne herein auszulassen. Oder? ODER????

So – das mußte mal gesagt werden! Jetzt gehe ich zurück zu Bügelwäsche und Addison Montgomery M.D., und schau mir an, wie sie ihr Problem mit der 30. Woche in den Griff bekommt. Danke fürs Zuhören :)

P.S.: komplett vergessen: Dr. House! Auch der läßt mir hin und wieder die Haare senkrecht zu Berge stehen – fairerweise muß ich aber gestehen, daß ich es nicht immer rechtzeitig bemerke, denn seine (Hypo-)Thesen sind teilweise so abgedreht, daß ich einen Auffrischungskurs in theoretischer Medizin belegen müßte, um auch nur ansatzweise folgen zu können. Zusammenfassend ist zu dieser Serie somit nur eines zu sagen: “It´s NOT LUPUS…!!!” *ggg*

 

Somewhere Over The Rainbow

Manchmal frage ich mich, wie es sein wird, das Sterben? So wie Schlafen? Vollnarkose? Ohnmacht? Werde ich denn Engel singen hören oder mich gar Horrorszenarien begleiten, auf dem Weg gen Hölle? Was ist mit diesem Licht? Wird es da sein? Vielleicht am Ende eines Tunnels (hat man alles schon gehört…)? Oder ist es schlußendlich doch nur Halluzination – das letzte, große Endorphin-Feuerwerk, körpergesteuert vor dem Gesamtausfall des Hauptmotors? Ein finales Aufbäumen der Synapsen, bevor das Hirn seine Arbeit einstellt?

Wenn ich denn schon sterben muß, dann aber bitte-danke Dr.-Marc-Greene-Emergency-Room-Like auf einer kleinen, hawaiianischen Insel, in einer netten, sonnendurchfluteten Strandvilla, wo der Pazifikwind sacht durch die Vorhänge streicht und vor dem Fenster die Palmen rauschen (können Palmen rauschen???…). Dort möchte ich dann – in ein Meer von Hibiskusblüten gebettet und sanft untermalt durch Israel Kamakawiwo’Ole`s “Somewhere over the Rainbow” das machen, was man so macht, wenn man stirbt: hollywoodlike und ästhetisch Abschied nehmen, milde lächeln, beruhigende Worte mit auf den Weg geben – ohne all den unnützen Schnickschnack wie Schnappatmung, Stöhnen und letztes Aufbäumen. Die Filmfabriken wissen, wie das geht! SO soll sterben sein. Basta! Und wenn ich denn gestorben bin, können meine Menschen sich ein bisschen am Strand dieser schönen, kleinen Hawaii-Insel versammeln, Cocktails schlürfen, surfen, Sonnenuntergang bewundern. So was eben. Denn ganz ehrlich – WENN es einem schon schei**e geht, dann doch wenigstens an einem schönen Ort mit schönem Wetter und schönem Ozean.

Zynisch? Nein, ich bin nicht zynisch. Traurig. Denn SO sollte sterben nicht sein: Nacht und Nebel mittig im Winter, ohne ein einziges Palmenrauschen weit und breit und kein bisschen Ozean – noch nicht mal ein klein wenig Musik… – SO NICHT!!!

EMERGENCY ROOM – Vollmond-Folge…

Der gestrige Dienst wäre in meiner Lieblings-Laib-und-Magen-TV-Serie “Emergency Room” ganz klar als “Vollmond”- oder “Halloween”-Folge ausgestrahlt worden – das Grauen kannte kein Ende…

Dienstag

Ich soll um 17 Uhr zum Dienst kommen (weil ich ja heute und morgen und Donnerstag Drippelschicht schiebe, und im Sonntag-Dienst auch schon nicht wirklich zum schlafen gekommen bin) – steh aber schon um 10 Uhr auf der Matte, weil mir die tausend Entlassungen, Aufnahmen, Briefe und sonstige Späßchen im Kopf herum schwirren, die heute auf mich und meine wackere Studentin warten. In der Klinik ist der Teufel los – meine kleine Famuli ist schon seit Stunden mit der Oberärztin im OP versackt, Schnegge im Dienstfrei, Dr. Klitschko im Urlaub – dafür Arbeit in rauhen Mengen.

Um 17.30 Uhr ist zumindest das Tageswerk erledigt, alles, was noch laufen kann, nach Hause entschwunden, und ich will gerade meine Abendrunde durch den Kreißsaal drehen, als mir eine ziemlich blaß aussehende Schwangere in rasantem Tempo über die Wöchnerinnen-Station entgegen kommt. Ohne ein Wort läuft sie an mir vorbei, wie das Karnickel aus “Alice im Wunderland” und ich starre ihr im Laufen noch hinterher, als mir der Grund ihrer Panikattacke holzhammermäßig aufs Innenohr prallt: Aus den Untiefen des Kreißsaales tönt ein durchdringliches Stöhnen, welches binnen kürzester Zeit zu orkanartigem Brüllen und schließlich wolfsähnlichem Heulen anschwillt, für gute 60 Sekunden anhält, um dann – alle Schritte rückwärts nehmend – zum Ausgangspunkt zurückkehrt. Ich bin beeindruckt – solche Geräusche hab ich an einem lebenden Menschen nicht für möglich gehalten – und ich habe schon einige Leute schreien hören! Aber das hier hat eine ganz andere Qualität als normales Brüllen – da ist von Wut über Wahn alles drin, was die menschliche Stimme so zu bieten hat.

Im Kreißsaal lerne ich die Besitzerin dieses Crescendo-Decrescendo-Gebrülls dann gleich persönlich kennen – W. (nur Vorname!), bekommt ihr erstes Kind – ja, hört man. Jetzt, um 18 Uhr, ist sie schon mitten drin im Lärm-Terror, dabei ist der Muttermund gerade mal “bis auf Saum vollständig”! Na, denke ich – mal schauen, wie lange sie das aushält…?!

Im Wehenzimmer nebenan liegt Frau C. – Südosteuropäerin (somit prädestiniert für den IC’D-10-Code “mediterraner Ganzkörperschmerz”), am Termin, noch ohne PDA, und aufgrund der Stimmgewalt ihrer Nachbarin völlig am Ende mit den Nerven. Frau von Sinnen – Hebamme von Frau C. – berichtet beiläufig, die Rückenmarksnarkose sei schon geordert und nuschelt auf meine Frage nach der Muttermundsweite lediglich ein unverständliches “shfeiwse Zentimeter…!” – BITTÄ???

“schwei Zentimeter!”….

“Hast du ZWEI gesagt?!” – Kopf einziehen, nicken – weg. SUPER!!! Das wird wieder so ein PDA-Wehen-weg-Tropf-drauf-Herztöne-schlecht-Schauspiel werden – ich will hier RAUS!!!

20.30 Uhr – im dritten Kreißsaal gibt W. weiterhin alles. Zu meiner Überraschung hält sie das Pavarotti-Programm auch jetzt noch  fachmännisch durch – alle zwei bis fünf Minuten läßt sie das Krankenhaus erdbebengleich erzittern, bis sie zum Luft holen kurzzeitig das Brüllen einstellt.

21.50 Uhr – ich werde ein wenig unruhig – das Brüllen geht weiter, jeden Moment erwarte ich, zur Geburt gerufen zu werden, doch Patachon, die Hebamme, berichtet bei einer kurzen Stipvisite außerhalb des Kreißsaals lediglich “Herztöne okay, dauert nimmer lang…!” – okay, dann ist ja gut. Um 22.10 mischt sich plötzlich kräftiges Babyweinen zum nun abschwellenden Gebrüll der Mutter, und ich bin ein wenig erstaunt, daß keiner gerufen hat. Aber gut, in Deutschland darf die Hebamme ja bekanntlich auch ohne Arzt entbinden. Ich verschwinde in die Ambulanz, wo ein Pille-danach-Rezept auf mich wartet, und bin gerade fertig, als das Handy bimmelt und Patachon meint, “am Damm ist ein bisschen was” – ob ich mal schauen könnte. Klar, kann ich.

Ich schaue – und werd knatschig. Das sieht nicht schön aus! Pat, die nettere, zurückhaltendere der beiden Hebammen, schaut ein wenig geknickt drein und hält mir einen Stapel Kompressen hin, doch eigentlich ist es auch so ersichtlich – DR III, Riss durchs Dammgewebe in den Schließmuskel. Das muß ein Facharzt nähen. Ich ruf also meinen Hintergrund an – Frau Dr. Omeprazol steht nicht wirklich auf DR III, schon gar nicht, wenn man bei einer Erstgebärenden mit protrahierter Austreibungsperiode nicht versucht hat, eine Episiotomie (=Dammschnitt) zu setzen. Und wie erwartet – kassier ich gleich am Telefon den ersten Rüffel ein. ‘Doch dann – kommt sie ganz willig, versorgt fachgerecht und lehrbuchmäßig den Muskel, und verläßt friedlich den Ort geschehens – jedoch nicht, ohne mir vorher mitgeteilt zu haben, daß sich bereits eine weitere Schwangere auf dem Weg zum Kreißsaal befände. Isch mag nimmer…

Kurz an mich halten muß ich dann noch, als Pat zu diskutieren anfängt, ob das jetzt ein DRII mit Sphinkterbeteiligung oder ein DRIII sei. Ich erkläre sparsam, das ein DRIII per definitionem ein DRII MIT Sphinkterbeteiligung sei, egal ob angerissen oder durchgerissen. Ob das denn nicht auch ein wenig Ansichtssache sei? Ja, nee, is´ klar. Laß uns drüber reden! An geraden Tagen machen wir es so, und an ungeraden anders. Und Sonn- und Feiertage fallen komplett aus der Wertung…. *headshot*

Ich beschließe die weitere Diskussion des Themas auf den Part der Woche zu verschieben, an dem ich endlich mal wieder ausgeschlafen bin, und will gerade für zwei Stündchen ins Dienstbett verschwinden, als das Telefon einen Zugang ankündigt:

Frau Z., erstes Kind, 23. Woche, Übelkeit + Erbrechen, Unterbauchschmerzen. Die junge Frau ist augenscheinlich vom ganz zähen Leder, sehr sympathisch und ordentlich schmerzgeplagt. Der sonographische Befund ergibt genau gar nichts (Herztöne o.B., Zervix erhalten, Nieren nicht gestaut), der Bauch ist mäßig hart und gespannt, allerdings nur gürtelförmig im Bereich des Bauchnabels. Keine Darminfekte im Verwandten- oder Bekanntenkreis, keine Diarrhoe.

Ich bin ein wenig ratlos, halte aber vorübergehend trotzdem an der Magen-Darm-Geschichte fest und lege die Frau mit Infusion und Buscopan stationär. Vorsichtshalber noch ein HELLP-Labor genommen, und ab dafür.

Im Kreißsaal ist mittlerweile eine kleine Asiatin mit ihrem noch kleineren Mann eingetrudelt, beide wenig bis gar nicht der deutschen Sprache mächtig, außerdem mit nur spärlich ausgefülltem Mutterpaß, sodaß wir “3. Kind” und “Z.n. 2x Spontanentbindung” nur vermuten können. Das CTG ist mittelprächtig aber nicht hoffnungslos, der Befund mit 5-6cm durchaus ermutigend – ich beschließe dennoch, eine kleine Probeliegung in meinem Bett durchzuführen.

Kaum den Kopf auf dem Kissen fällt mir schlagartig Frau Z.s Labor ein – das hab ich ja noch gar nicht abgerufen. Engelchen und Teufelchen führen einen kurzen Kampf auf meiner Schulter aus :”Du solltest noch schnell nachschauen, auch wenn du dafür nochmal aus dem Bett fallen und den Computer hochfahren mußt”  gegen “Ach – was soll da in Woche 23 bei MD-Infekt schon rauskommen – die Schwestern würden sich ja melden!”…

Engelchen gewinnt – und mir fällt die Kinnlade beim Anblick der sternchenmarkierten Werte direkt aufs Brustbein: CRP 6, 19.000 Leukos. SCHEI**E!!!” Ein Anruf bei der Schwester bestätigt nur, was ich schon befürchtet habe – Frau Z. ist immer noch im vollbestitz ihres Blinddarms!!! Na Bravo…

Ich klingel also den Chirurgen aus dem Bett, der bei der gleichzeitigen Erwähnung von “23. SSW” und “Verdacht auf akute Appendizitis” nur beeindruckt schnauft, und die Frau dann nach eingehender, chirurgischer Untersuchung und Rücksprache mit seinem Oberarzt, stante pede übernimmt.

Gebracht hat mir das ein Schulter klopfen fürs Engelchen – und den Verlust des Nachtschlafes, denn kaum ist die Frau verlegt, als Hebamme Maria mich in den Kreißsaal pfeift. Das CTG der kleinen Asiatin sieht nicht schön aus. Zur Abwechslung haben wir hier mal keine DEzellerationen sondern massivste Tachykardie: die CTG-Linie krakelt nervös und in beeindruckendem Tempo um die 200 Spm herum – ich hab Bauchweh… Kindliche Tachykardie ist irgendwie nicht Fisch noch Fleisch – kann Anzeichen eines Amnioninfektionssyndrom oder “Vitaler fetaler Gefährdung” sein *schwammig* – aber WAS man genau damit anstellt, steht nicht wirklich im Lehrbuch. Und der Kopf des Kleinen ist außerdem noch weit, weit weg, die heftigen Preßattacken der übel gepeinigten Frau obendrein nicht wirklich von Erfolg gekrönt.

Wir beschließen, ein bisschen rechts-links zu lagern, außerdem Flüssigkeit dran – und siehe da – keine 20 Minuten später hat der kleine Dickschädel den richtigen Weg gefunden, die Herztöne normalisieren sich zusehends – und kurz darauf wird Frau L. von einem propperen, schwarzhaarigen Jungen entbunden. Damm intakt, wie schön!

Keine Sekunde zu früh, denn im Kreißsaal 1 wartet schon Frau von Sinnen, hektikbefleckt, auf mein Eintreffen – auf dem Bett ein sich windendes, schreiendes, keifendes Bündel etwas, bei mäßig schönen Herztönen…*haarerauf* Aber immerhin ist Frau C. jetzt endlich Muttermund vollständig – und nicht nur daß, das Köpfchen steht gut sichtbar und schwarz behaart auf Beckenausgang. Doch es geht keinen Zentimeter weiter, da Frau C. das Pressen gänzlichst eingestellt hat, dafür jedoch permanent versucht , den KOPF des Kleinen wieder da hin zu drücken, wo er eigentlich her kam, außerdem abwechselnd mit dem linken Fuß auf dem rechten Fußhalter und kurz darauf umgekehrt steht. Frau von Sinnens Hebammen-Kasack ist klatschnaß durchgeschwitzt, und ich bin kurz davor, handgreiflich zu werden. Die Herztöne des Kindes werden nicht wirklich schöner, eigentlich ist es ja schon da, aber Frau C. ist weder durch Vernunftappelle noch gutes Zureden davon zu überzeugen, auch nur für einen kurzen Augenblick das sich-winden und heulen einzustellen, um noch ein, zweimal mitzupressen – und ihr Kind zu bekommen!!!

Ich bin nicht groß, auch nicht wirklich stattlich gebaut, aber ich kann SOWAS von autoritär sein, kannste dir nicht vorstellen! Und nachdem 4. erfolglosen Pressversuch hab ich wirklich die Nase gestrichen voll, nehm mir den kleinen Jammerlappen in der nächsten Wehe am Schlawittchen und brüll sie einmal volle Lotte an – das sie tatsächlich erstmals die Augen öffnet, mich erschreckt anschaut, um dann brav Luft zu holen, den Kopf auf die Brust zu legen und ihr Kind mit einem einzigen, lang gezogenen Schupser in die Welt zu befördern.

WIE viel Schauspiel bei all dieser Jammerei und Lamentiererei dabei war, wird mir erst bewußt, als die Versorgung der Epi völlig ohne Lokalanästhesie vonstatten geht – auf unsere PDA´s ist eben in der Regel verlaß… ;-/

Es ist 3.40 Uhr, als ich endlich totmüde und völlig geschafft in meinem Bett lieg. Heute Nachmittag geht es dann in die letzte Runde meines dieswöchigen Dienstmarathons. Wenn der nochmal so katastrophal wird, werd ich doch noch Lehrer…

Ein schöner Tag… *sing*

Donnerstag – Klasse Tag!

mag ich ja per se sehr gerne – denn das heißt in den allermeisten Fällen: OP mit meinem Lieblingschef! Und heute obendrein mit lauter netten Schweinereien -nur für mich!!! :))

Zuerst eine laparoskopische Unterbindung – okay, Pille-Palle mag der versierte Aufschneider sagen, so ein bisschen Ei-chen ankogeln, daß kann doch jeder. Aber bitte – danke, ICH finde LSK immer noch sehr aufregend, denn mit so einem Mords-Trokar blind in unbekanntes Gebiet zu bohren, in der Hoffnung, die Aortenbifurkation möge kilometerweit entfernt liegen (und bleiben) – das macht misch immer noch ganz wuschig. Ich SEH halt lieber, wo ich rein popel!

Doch wenn man erst mal drin ist, dann ist es wirklich großartig! Auch wenn man dem Chef permanent den Overhold-Greifer in den Magen rammt, während selbiger verzweifelt versucht, mir einigermaßen gute Bilder zu präsentieren. Aber Chefarzt B. bringt nix aus der Ruhe! Gar nichts. Gräßlich falsch vor sich hin pfeifend schafft er es immer noch, das OP-Gebiet fotografisch optimal auszuleuchten, mich wenig invasiv einzuweisen und gleichzeitig den Fußschalter für die Koagulierschere zu bedienen, an welche ich von meinem Höckerchen aus leider nicht ran komme. Multitasking, der Mann, das muß man ihm lassen. Nach 20 Minuten bin ich zum ersten Mal an diesem Morgen stolz nass geschwitzt und die Patientin hoffentlich bis an ihr Fruchtbarkeitsende stocksteril.

Die nächste Dame auf dem OP-Tisch ist meine Lieblingspatientin der Woche – 80 Jahre alt, Mamma-Ca, außerdem klein, zart, multimorbide – und bis zur Halskrause voll Angst, bei dem Eingriff zu versterben. Erst als ich ihr im Einleitungsraum die Hand halte, darf der Betäuber seine Narkose beginnen, und auch nur nach mehrmaligem Versprechen, daß ich auch ganz bestimmt im Saal bleibe und “ein Auge auf sie” haben werde.

Nun – mehr als das, ich darf den Eingriff sogar durchführen! Meine erste Ablatio mammae – okay, nicht ganz, das “Schnittmuster” malt Chef selbst mit viel Liebe um den gut Golfball großen Tastbefund herum, aber dann – kommt mein großer Auftritt: Erst ein bisschen zaghaft, dann, als es nicht wirklich schrecklich blutet schon zügiger, bahne ich mir meinen Weg durch das bisschen Großmütterchen-Fett, bis hinunter auf die Faszie des Musculus pectoralis, welche ebenfalls weichen muß.

Nachdem ich gut 10 Miunten lang schwitzend schnippel, schneide, koaguliere und weiter säbel, ist der Tumor samt Sicherheitsabstand und wenig ältlichem Drüsenkörper vom Rest der kleinen Frau getrennt, und ich bringe Stolz meine erste Faden-Markierung am Präparat an. Dann noch Blutstillung, zunähen, fertig. Der Chef schaut zufrieden, wobei ich mir nicht ganz sicher bin, ob dies allein in meinem operativen Talent oder vielmehr dem Kuchen begründet liegt, welchen ich für diese Ersttat zu backen verdonnert bin… *ggg* – es sei ihm gegönnt…

Den nächste Eingriff macht der Boss dann wieder persönlich – und echt jetzt, ich bin nicht neidisch: eine Anfang 50jährige, deren linkes Brustimplantat nach 10 Jahren Verweildauer skurill verformt einer massiven Kapselfibrose zum Opfer gefallen ist und nun dringend entfernt werden sollen. Ganz ehrlich – wer auch immer nur im entferntesten an die Vergrößerung seiner Brüste gedacht hat – beim Anblick DIESES Eingriffes wär auch dem letzten fanatischen Anhänger plastischer Schönheitschirurgie der Spaß am Implantat vergangen. Ich schwöre!

Der Rest des völlig atrophen Musculus pectoralis klebt wie fest zementiert an der Silikoneinlage und läßt sich nur millimeterchenweise mühsam abpräparieren. Dazu blutet die ganze Sache wie S** – und sieht nach Beendigung des Massakers auch nicht wirklich besser aus als vorher. Jetzt bekommt der Busen erstmal eine Erholungspause von mehreren Wochen, um dann herauszufinden, wie man den kläglichen Rest nochmal ein wenig schönschneiden kann…

Punkt 4 auf unserer heutigen OP-Liste: eine vag. HE! Hurra! Meine kleine Famula bekommt am Telefon schon Tränen in die Augen (sie hat den 2-Stunden-Marathon von gestern noch nicht wirklich verdaut) und schleicht 10 Minuten später unwillig und wenig begeistert in den Waschraum. Auch mein hochheiliges Versprechen, mit dem Boss noch nie länger als maximal eine Stunde an einer vag-HE gestanden zu haben, hebt die Stimmung nicht wirklich. Doch dann – er kommt, sieht – und gibt mal richtig Gas! Okay, wir sind mittlerweile auch ein gut eingespieltes Team: ich weiß in der Regel, WAS er will (und er will eigentlich nicht viel), und was ich nicht wissen kann, bekomme ich gesagt. Und so schaffen wir es in sagenhaften 35 Minuten, wild Seitenblätter, Wertheim-Klemmen und Scheren jonglierend, einen 400g schweren Riesen-Uterus fachmännisch auszubauen, einzudosen und den Rest des Schützenfestes sauber zurück zu lassen. Die Famula weint schon wieder – diesmal vor Freude, und mein OP-Tag hat einen wuderbar runden Abschluß erhalten!

In der Ambulanz dann noch ein bisschen Schwangere gedopplert (ich hab zweimal auf Anhieb die Aorta im richtigen Winkel eingestellt bekommen – Yeah, muß ´ne Serie sein… ;)), und jetzt hoffe ich auf einen ruhigen Abend mit der letzten Staffel Emergency Room auf meinem iPhone. Lang leben die Wunder moderner Technik! Und Samstag bin ich wieder da. Denn: heute ist nicht alle Tage – ich komm wieder, KEINE FRAGE!!!

Per aspera ad astra…

…durch das Dunkel an die Eier-stöcke. Oder so ähnlich.

Alter Falter bin ICH_FERTIG!!! Der Grund ist 1,83 m groß, 125 kg schwer und  hätte meine höchstpersönliche Vag-HE werden können. Betonung: Hätte können! War aber nicht. Denn das das Dunkel war nicht nur finster sondern – für ein Mädchen dieses Ausmaßes – auch noch verdammt tief drin, will sagen: Beckenboden aus Stahlbeton! Da hat sich genau gar nichts gerührt… Und so hat meine (schwer nervös lehrende) Oberärztin nach 10 Minuten meinen Tribünenplatz eingenommen, und geschlagene 2 Stunden lang einen 500 g-Uterus ausgebaut. Und – als wäre nicht schon alles schlimm genug – hab ich meine Sectio auch noch an Schnegge abgeben “müssen” (mir war ja die HE versprochen) – sprich: außer zwei für die nächsten Tage völlig wertlosen (weil zu nichts zu gebrauchenden) Oberarmen hab ich auch noch 2 OPs minus gemacht. Setzen, sechs, Josephine – das wäre ihr Preis gewesen!

Und wärend ich zwei Stunden lang damit beschäftigt war, mich von oben bis unten klatschnass zu schwitzen (Klima kaputt, Kitteltemperatur geschätzte 130 °C) und meine Rotatorenmanschette auf dem letzten Loch pfiff, hatte ich ausreichend Muse,  über den limitierenden Faktor im Showbiz nachzudenken: ich bin zu alt für den Schei**!!!

Ächt jetzt: ich gehe mehrmals die Woche reiten, ich hab einen Hometrainer, der (ewiger Dank an den Menschen, der Emergency Room auf DVD gebannt hat) gern und häufig frequentiert wird, einen Hund, der mehrmals am Tag und somit ständig pro Woche nach Auslauf verlangt, ich bin Ex-Leistungssportlerin und mein Kreuz ist auch heute noch deutlich breiter als das der “Germanys-Next-Top-Model”-Front, aber nach 2 Stunden Haken halten in anatomisch eigentlich nicht  nachvollziehbarer Stellung denk ich gerne mal ans Abtreten. Im eigentlichen UND übertragenen Sinn!

Und dann frag ich mich zum wiederholten Male, warum es ausgerechnet die Gyn hatte sein müssen (nach einer stinknormalen HSK-Abrasio müsste der durchschnittliche Internist erst mal für 4 Wochen in Reha… *renn*) und nicht die gemütliche Pathologie oder der beschauliche Job des Radiologen – SO schwer kann kein Röntgenbild sein…!!!

Klar, ich könnte jetzt zügig Oberärztin werden (fehlt mir nur noch die Kleinigkeit von einem Jahr Facharztweiterbildung und -prüfung), aber dann muß man schließlich seinen Assistenten irgendwann Haken halten und das dauert NOCH länger…

Und das die Praxis nicht mein Ding ist, hab ich in den vergangenen Jahren schon zur genüge feststellen dürfen. Außerdem schwingen die LWS-Bandscheiben nach 45 Spiegeleinstellungen (pro Tag) zur Abstrichentnahme auch schonmal gerne die weiße Flagge. Vom Langeweilefaktor will ich gar nicht erst anfangen… *ggg*

Und dann wird es abend, die Kollegen ziehen gen Heimat, die Schar der Schwestern dezimiert sich in rasendem Tempo von 100 auf wenige, und die Patientenzimmer leeren sich. Im Kreißsaal herrscht Ruhe und nur das “TocTocToc” des CTGs tuckert friedlich aus Saal 1. Hier gehen eine junge Hebamme (neu im Haus) und Frau I. (22 Jahre, erstes Kind) hochkonzentriert und bei leiser Musik den immer gleichen Weg der spontanen Entbindung: Anfangs sind die Frauen alle noch ganz normal: jede so, wie sie eben immer ist. Die eine gesprächig, die andere lustig, die dritte eine bisschen wortkarg. .. Noch können sie reden und herumlaufen, den Blick nach außen gerichtet, manchmal schwer atmend, aber immer definitiv in dieser Welt. Irgendwann dann, wenn der Druck größer und die Schmerzen heftiger werden, wenn das Köpfchen sich millimeterweise weit sakral ins kleine Becken schiebt, dann auf einmal, von jetzt auf gleich, wechselt die Stimmung wie das Wetter im Sommer: das Reden verstummt, der Blick wandert nach Innen und plötzlich meint man, eine völlig andere Frau vor sich zu haben. Viele Männer erschreckt diese Wandlung, für Hebamme und Arzt ist dies das Zeichen, das es jetzt ernst wird. Hop oder Top, es geht ans gebären!

K., die Kleine (Hebamme) ruft mich, als der Wechsel schon vollzogen ist: Frau I. liegt wimmernd und mit wirrem Haar fragezeichenmäßig gebogen auf dem großen, runden Kreisbett – wie ein Schiffbrüchiger in seiner Rettungsinsel – während die Kleine beruhigend auf sie einredet. Es ist unsere erste, gemeinsame Geburt, denn die Kleine ist erst kürzlich zu unserem alteingesessenen Hebammenteam gestoßen, und ich bin schon schwer gespannt darauf, wie es werden wird. In der nächsten Wehe schwillt das Wimmern der kleinen, zarten Frau zum frustrierten Stöhnen an, während sich ein dunkel beflaumter Hinterkopf behäbig durch den Scheidenausgang ans Licht schiebt. Der Damm ist hoch, ausgewalzt und beginnt sich gerade weißlich zu färben – JETZT könnte man schneiden, muss man aber nicht. Ich schau zur Kleinen rüber, sie schaut zurück, schüttelt den Kopf und greift zum guten, alten Stadelmann-Dammöl.

In unserem Haus wird gerne mal eingegriffen. Will sagen: es wird gerne bei den Wehen nachgeholfen, gerne kristellert, gerne gezogen (sei es nun mit Zange oder Glocke) und bei manchen Hebammen wird auch gerne geschnitten. Ich bin großer Anhänger der “wir-lassen-Hebamme-und-Kind-mal-machen-solange-das-Kind-nicht-gestresst-ist”-Methode, denn zum einen hat die Hebamme ihren Job ja auch gelernt, zum anderen bringt forciertes Eingreifen meist gar nichts – außer gestressten, “sauren” Kindern und traumatisierten Müttern. Und siehe an – die Kleine ist zwar jung und noch ein bisschen unerfahren, aber sie weiß, was sie will – und sie will NICHT schneiden, sondern läßt das Köpfchen langsam tiefer treten und in der Wehenpause –  gut gehalten – im Scheidenausgang stehen, sodaß das Dammgewebe ausreichend Zeit hat, sich an die immensen Zugkräfte zu gewöhnen. So geleitet bekommen wir um 20.48 Uhr ein fittes, ungequältes Kind und für die Mutter bleibt lediglich: ein kleiner Scheidenriss! Ziemlich gutes Ergebnis für unsere zierliche Erstgebärende, die da immerhin ein stattliches 4kg-Bröckchen gepresst hat…!

Ja, und als ich dann so zufrieden und ausgeglichen über meinen Geburtspapieren hänge, da fällt es mir just wieder ein – warum es ausgerechnet die Gyn hat sein müssen: Weil ich es immer noch und immer wieder großartig und aufregend finde, mitzuerleben, wie so ein kleines Ding geboren wird. Weil es immer gleich und doch jedesmal ganz anders ist. Weil der Adrenalinspiegel auch heute  noch kurzfristig die Obergrenze sprengt, wenn das Köpfchen über den Damm ploppt und man weiß, jetzt ist es gleich geschafft – oder die Katastrophe am Himmel…!

Und genau deshalb werde ich wohl auch die nächsten Jahr noch tagsüber meine Rotatorenmanschetten ruinieren – um abends im dämmrigen Kreißsaal zuzuschauen, wie eine Hebamme und eine Schwangere gemeinsam ihren Weg gehen…