Ja, okay, ich gestehe: ich habe eine heimliche Schwäche für diese Videos. Denn unter all ihrer Monotonie sind sie einfach nur wahr. Real life! So und nicht anders läuft es tagein, tagaus in den Ambulanzen und Kreißsälen dieser Welt. Und wer es nicht glaubt, der soll gerne einmal eine Nacht lang mit mir oder dem Mediziner seines Vertrauens Dienst schieben. Dann werdet Ihr schon sehen… :-D
Dieses Video (siehe gaaaaaaanz unten – aber erst den Blog-Eintrag lesen, gell? ;)) hat mir gestern snusnu verlinkt (danke dafür! I Love It!) – und es ist unfassbar, dass Frauen WELTWEIT (oder zumindest auf dem nordamerikanischen Teil unserer Welt) mit exakt denselben Gründen und auf alle Fälle IMMER sonntagsmorgens um 3 Uhr in den Ambulanzen auflaufen um… – aber lest selbst
—————————————————————————————————————————-
Sonntagmorgen, irgendwann gegen drei Uhr, Dienstzimmer
*RIIIIIING*
Ich (völlig verpennt): “Hmmm????”
Notfall: “Josie – Arbeit!”
Ich (mit einem Bein immer noch im Traumland): “Hm?”
Notfall: “Schwanger. 38. Woche!”
Ich: “Komme!”
*RIIIIIING*
Ich (jetzt immerhin mit einem geöffneten Auge): “HM???”
Notfall: “Du bist wieder eingeschlafen!”
Ich (zu verschlafen, um empört zu klingen): “Komme!”
Notfall: “Ich bleib dran! Los – raus mit dir!”
Ich (jetzt endlich wach): “Alles klar, Schwester, bin wach. Gib mir zwei Minuten!”
Nachdem ich aufgelegt habe, torkel ich aus dem Bett zum Stuhl gegenüber, steige in meine Hose und zieh den Kittel über. Dann gurgel ich schlaftrunken mit Mundwasser, werfe einen halben Blick in den Spiegel, steige aus der Hose aus und ziehe sie richtig herum an. Anschließend verlasse ich mein Dienstzimmer und stiefel hinunter in die Ambulanz, wo mich eine adrette Mittdreissigerin mit gerunzelter Stirn und wippendem Fuss auf der Liege sitzend schon erwartet. Ambulanzschwester Notfall reicht mir den rosa Einweisungszettel, den der niedergelassene Kollege freundlicherweise schon vor einer Woche ausgestellt hat. “Zur Geburt” steht da.
Ich schüttel der Frau, welche sich als “Frau Hupf-Doldenbach” vorstellt, die Hand und betrachte sie dabei kritisch von oben bis unten. Na – nach Geburt sieht das hier aber noch lange nicht aus…
Ich: “Hallo! Chaos mein Name. Ich bin die diensthabende Ärztin. Was führt sie denn heute Nacht hierher?”
Frau H-D schaut mich an, als hätte ich sie nach der heutigen Sternenkonstellation gefragt und antwortet minimal angezickt: “Na – mein Baby kommt jetzt. Ich habe Schmerzen – da unten!”
Mit “da unten” ist ganz offensichtlich die Scheide gemeint. Oder ein Ort innerhalb der Scheide, wer weiss das schon. Lustigerweise sieht Frau H-D aber kein bisschen nach Schmerzen aus. Notfall hüstelt ein bisschen und vor meinem imaginären Auge sehe ich sie wild Augen rollend auf dem Stuhl in der Ecke sitzen.
Ich: “Okay, Frau Hupf-Doldenbach – und seit wann haben sie diese Schmerzen?”
Frau H-D: “Seit zwei Wochen”
Das kam wie aus der Pistole geschossen. Notfall hüstelt lauter.
Ich (zu müde, um mich aufzuregen): “Seit zwei Wochen – waren Sie denn zwischenzeitlich mal bei Ihrem Arzt gewesen?”
Die Frau nickt jetzt eifrig mit dem Kopf: “Ja, sicher war ich das. Wir haben doch über die Geburtsplanung geredet. Weil mein Frauenarzt ja auch Beleger ist und zur Geburt kommen wird…”
Uuuuh – too much information…
Ich: “Sie waren also bei ihrem Frauenarzt – und haben sie ihm von den Schmerzen erzählt?”
Frau H-D scheint jetzt ein wenig beleidigt, dass ich sie in ihrem Redefluss so dreist unterbrochen habe. “Nein!” blafft sie mich an “das habe ich nicht”
Notfall ist jetzt von hüsteln auf laut atmen umgestiegen, was die Konversation mit der brässigen Patientin nicht wirklich einfacher macht.
Ich: “Sie wissen aber schon, dass ihr Gynäkologe in diesem Krankenhaus gar nicht entbindet?”
“SICHER WEISS ICH DAS! Aber bis ins Krankenhaus “zur schönen Geburt” hätte ich es keinesfalls mehr geschafft! Ich bekomme jetzt mein Kind – also TUN sie endlich irgendetwas!”
Erster Grundsatz der Geburtshilfe: Diskutiere NIE mit einer schwangeren Frau. Bringt nichts. Ausser Ärger und manchmal tieffliegende Nierenschalen. Ich heisse die Frau also seufzend sich frei zu machen um uns auf den aktuellsten Stand zu bringen. Dann…
Ich (zur Abwechslung auch mal mittelbrässig): “Frau Hupf-Doldenbach. Das ist ihr erstes Kind. Der Muttermund ist geschlossen, der Gebärmutterhals erhalten. Sie haben keinerlei Kontraktionen. Und deshalb können sie in aller Ruhe dorthin gehen, wo ihr Gynäkologe Belegarzt ist.”
Die Patientin ist ganz offensichtlich nicht glücklich über das, was ich sage. Nicht glücklich…
Frau H-D (böse): “Aber ich habe SCHMERZEN!”
Ich (erschöpft): “Haben sie ihrem Arzt denn vergangene Woche von den Schmerzen erzählt?”
Frau H-D (sehr böse): “NEIN! Das habe ich nicht!”
Ich (sehr erschöpft): “Sie haben also seit zwei Wochen Schmerzen, von denen sie ihrem behandelnden Arzt aber nichts erzählt haben. Warum ist das dann jetzt, um drei Uhr früh am Sonntagmorgen, ein Notfall?”
Ich höre, wie Notfall sich interessiert auf ihrem Stühlchen zurecht rückt.
Frau Hupf-Doldenbach hingegen denkt kurz über meinen Einwand nach, um dann mal eben flott die Taktik zu wechseln:
“Hören sie” sagt sie, nun schon fast ein wenig versöhnlich “Ich brauche Schmerzmedikamente! Ich halte diese Schmerzen nicht mehr länger aus. Es zieht da unten…” Irgendwo in der Scheide, oder darüber, dahinter, wer weiss das schon genau… “…und mein Rücken schmerzt auch! Alles tut weh! Ich bin es leid, schwanger zu sein – wissen sie?! Ich will, dass dieses Kind da raus kommt. Und ich will etwas gegen die Schmerzen! SOFORT!”
Aaaaah – jetzt kommen wir zu des Pudels Kern….
Ich (immer schön ein- und aus-atmend): “Hören Sie, Frau Hupf-Doldenbach. Ich kann ihnen nicht einfach so Schmerzmedikamente geben. Dazu muss ich sie aufnehmen. Und verschiedene Untersuchungen machen. Dann muss ich es mit meinem Oberarzt besprechen…”
Meine Patientin zieht jetzt ein Gesicht wie mein Jüngster, wenn es keine dritte Portion Nachtisch mehr gibt…
“Aber es schmerzt! Überall!“
Ich seufze ein wenig – das hier wird eine lange, eine verdammt lange Nacht werden…
“Ihr Muttermund ist geschlossen, der Gebärmutterhals erhalten und sie sehen wahrhaftig nicht aus, als befänden sie sich unter Geburt…” Warum erzähl ich das alles? Sie wird es nicht verstehen wollen!
Patientin (jetzt mittelbrächtig aufgebracht): “Das ist mir EGAL! Ich brauche Medikamente! Und ich brauche einen Ultraschall!”
Ich (verwirrt): “Aber – wozu brauchen sie einen Ultraschall?”
Patientin (völlig aufgebracht): “Damit ich endlich weiss, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird! Wie soll man sich denn auf sein Kind vorbereiten, wenn man noch nicht einmal das Geschlecht kennt? Hm????”
Okay – von dieser Seite habe ich es auch noch nie betrachtet…
Patientin (jetzt komplett ausser Rand und Band): “Ich will Schmerzmedikamente! Und einen Ultraschall! Ich will, dass dieses Kind jetzt kommt! Mir ist schlecht!”
Übergibt sich….
Ich (völlig baff): “Notfall – würdest du liebenswürdigerweise Eimer und Lappen holen?”
Notfall sprachlos zu sehen ist in etwa so häufig, wie eine totale Sonnenfinsternis über Nordeuropa. Dennoch wackelt sie gehorsam los auf der Suche nach dem gewünschten Gerät, während ich mich erneut meiner Patientin zuwende, die sich jetzt ein wenig beruhigt zu haben scheint.
“Seit wann erbrechen sie sich denn?”
Aufmüpfig schaut mir die Frau in die Augen und meint dann, langsam und nachdrücklich: “Ich erbreche, wenn der Schmerz zu arg wird. Geben.Sie.Mir.Schmerzmedikamente! Oder ich erbreche wieder!”
Und als wolle sie das Gesagte nochmals extra unterstreichen, stösst sie ein klein wenig auf. Dann, quasi im selben Atemzug:
“Ich habe Hunger. Könnte ich etwas zu Essen haben? Und dicke Socken? Saft? Ausserdem ein paar Snacks für meine Cousine, Schwester und den Vater des Kindes?”
Ho-ho-ho! JETZT wird es lustig hier…
Ich (streng): “Nein! NEIN! Sie hingen jetzt eine Stunde lang am CTG – und da war nicht die kleinste Wehe nachweisbar! Ihr Muttermund ist geschlossen, der Gebärmutterhals erhalten. Sie befinden sich definitiv NICHT unter Geburt! Alles klar?”
Menno – das kann doch nicht so schwer zu verstehen sein???
Aus den Augenwinkeln sehe ich Notfall unauffällig winkend im Flur stehen. Ich entschuldige mich kurz und lasse meine Patientin samt dem heimeligen Geruch von frisch Erbrochenem im Untersuchungszimmer zurück. Draussen zieht die Ambulanzschwester mich verschwörerisch beiseite und schliesst leise die Tür.
“Josie” flüstert sie, als könnte Frau H-D uns durch die geschlossene Tür hindurch belauschen “Ich habe gerade mit den Kollegen von der “schönen Geburt” telefoniert – dort ist sie nächste Woche zur Einleitung vorgemerkt! Los – schick sie heim!” Und mit einem aufmunternden Klapps auf die Schulter, schiebt sie mich zurück zu meiner Patientin, die jetzt schmollend auf dem Stuhl neben der Tür hockt.
Ich hole tief Luft und zähle innerlich bis zehn. Was es irgendwie auch nicht besser macht. Dann:
“Also – wir haben jetzt mit ihrem Krankenhaus telefoniert und man sagte mir, dass sie dort einen Einleitungstermin haben, der schon NÄCHSTE Woche ist!” Hurra! Wir freuen uns! Freuen wir uns?…
“Ich habe Schmerzen!”
Nein, irgendwie scheine nur ich mich zu freuen. Und das gleich nicht mehr, ich merk das schon.
Ich (mässig euphorisch): “Und deshalb gehen sie jetzt schön nach Hause, machen sich noch ein paar nette Tage, und wenn die Wehen einsetzen, begeben sie sich DIREKT und OHNE UMWEGE…”
Frau H-D (sehr, sehr böse): “Meine Fruchtblase wird platzen! SIE bringen meine Fruchtblase zum platzen!”
DAS ist neu – das hat mir auch noch keiner nachgesagt…
Frau H-D (völlig aus dem Häuschen): “Sehen sie! SEHEN SIE! Sie ist geplatzt. Die Fruchtblase ist geplatzt! Da läuft Fruchtwasser aus…!”
Zu dem idyllischen Geruch von antrocknendem Erbrochenen mischt sich nun noch das zarte Aroma hochkonzentrierten Morgenurins, während meine Schwangere zu Höchstform aufläuft:
“Oh, es geht los. Es geht loohoooos! Ich muss zur Toilette, ich brauche meine PDA. SOFOOOORT!!!”
Ich fühle mich erschöpft, müde und ausgelaugt.
“Frau Hupf-Doldenbach – ihre Fruchtblase ist NICHT geplatzt! Das ist KEIN Fruchtwasser, sondern Urin! Ihr Kind wird keinesfalls jetzt geboren werden. Hören sie? HÖREN SIE?”
Ich bin mir sicher, die Kollegen im 8. Stock hören mich ganz hervorragend. Bei Frau Hupf-Doldenbach bin ich mir hingegen nicht so sicher…
“Aaaber” greint die Frau jetzt in den höchsten Tönen “ich will das es JETZT kommt! Tun sie etwas! Machen sie etwas! GEBEN.SIE.MIR.ETWAS!!!”
Während Notfall aufgetaucht ist und mit bösem Gesicht beginnt, den Urin und das Erbrochene vom Boden zu wischen, setze ich mich schwach auf einen Stuhl. Ein Blick auf die Uhr verrät, dass es mittlerweile 4.30 Uhr morgens ist.
“Frau H-D…”
Ich fühle mich ausgelaugt. AUFGESAUGT
“…Niemand – und damit meine ich absolut überhaupt garniemand – wird sie völlig ohne Grund einleiten. Nicht hier. Nicht irgendwo! Schon gar nicht mitten in der Nacht. Sie müssen morgen zu ihrem behandelnden Arzt gehen und mit IHM alles weitere besprechen. Verstehen sie? Ich kann hier leider absolut NICHTS für sie tun!”
Frau H-D beugt sich zu mir herüber und starrt mich lange und böse an. Dann:
“Ich will ein Rezept. Und Socken. Ich will Saft und etwas zu essen. Einen Ultraschall will ich! Und wenn ich keinen bekomme, sage ich JEDEM, dass SIE mir eine lebensnotwendige Untersuchung verweigert haben. Ich werde sie verklagen! Ich werde das ganze Haus verklagen!!!”
Ich (mit dem Kopf auf der Tischplatte liegend): “Bitte – gehen sie. Und rutschen sie um Gottes willen NICHT auf ihrem Erbrochenen aus…!”
—————————————————————————————————————————-