Tag-Archiv | Einleitung

Rutschen sie um Gottes Willen NICHT auf ihrem Erbrochenen aus…!!!

Ja, okay, ich gestehe: ich habe eine heimliche Schwäche für diese Videos. Denn unter all ihrer Monotonie sind sie einfach nur wahr. Real life! So und nicht anders läuft es tagein, tagaus in den Ambulanzen und Kreißsälen dieser Welt. Und wer es nicht glaubt, der soll gerne einmal eine Nacht lang mit mir oder dem Mediziner seines Vertrauens Dienst schieben. Dann werdet Ihr schon sehen… :-D

Dieses Video (siehe gaaaaaaanz unten – aber erst den Blog-Eintrag lesen, gell? ;)) hat mir gestern snusnu verlinkt (danke dafür! I Love It!) – und es ist unfassbar, dass Frauen WELTWEIT (oder zumindest auf dem nordamerikanischen Teil unserer Welt) mit exakt denselben Gründen und auf alle Fälle IMMER sonntagsmorgens um 3 Uhr in den Ambulanzen auflaufen um… – aber lest selbst

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Sonntagmorgen, irgendwann gegen drei Uhr, Dienstzimmer

*RIIIIIING*

Ich (völlig verpennt): “Hmmm????”

Notfall: “Josie – Arbeit!”

Ich (mit einem Bein immer noch im Traumland): “Hm?”

Notfall: “Schwanger. 38. Woche!”

Ich: “Komme!”

*RIIIIIING*

Ich (jetzt immerhin mit einem geöffneten Auge): “HM???”

Notfall: “Du bist wieder eingeschlafen!”

Ich (zu verschlafen, um empört zu klingen): “Komme!”

Notfall: “Ich bleib dran! Los – raus mit dir!”

Ich (jetzt endlich wach): “Alles klar, Schwester, bin wach. Gib mir zwei Minuten!”

Nachdem ich aufgelegt habe, torkel ich aus dem Bett zum Stuhl gegenüber, steige in meine Hose und zieh den Kittel über. Dann gurgel ich schlaftrunken mit Mundwasser, werfe einen halben Blick in den Spiegel, steige aus der Hose aus und ziehe sie richtig herum an. Anschließend verlasse ich mein Dienstzimmer und stiefel hinunter in die Ambulanz, wo mich eine adrette Mittdreissigerin mit gerunzelter Stirn und wippendem Fuss auf der Liege sitzend schon erwartet. Ambulanzschwester Notfall reicht mir den rosa Einweisungszettel, den der niedergelassene Kollege freundlicherweise schon vor einer Woche ausgestellt hat. “Zur Geburt” steht da.

Ich schüttel der Frau, welche sich als “Frau Hupf-Doldenbach” vorstellt, die Hand und betrachte sie dabei kritisch von oben bis unten. Na – nach Geburt sieht das hier aber noch lange nicht aus…

Ich: “Hallo! Chaos mein Name. Ich bin die diensthabende Ärztin. Was führt sie denn heute Nacht hierher?”

Frau H-D schaut mich an, als hätte ich sie nach der heutigen Sternenkonstellation gefragt und antwortet minimal angezickt: “Na – mein Baby kommt jetzt. Ich habe Schmerzen – da unten!”

Mit “da unten” ist ganz offensichtlich die Scheide gemeint. Oder ein Ort innerhalb der Scheide, wer weiss das schon. Lustigerweise sieht Frau H-D aber kein bisschen nach Schmerzen aus. Notfall hüstelt ein bisschen und vor meinem imaginären Auge sehe ich sie wild Augen rollend auf dem Stuhl in der Ecke sitzen.

Ich: “Okay, Frau Hupf-Doldenbach – und seit wann haben sie diese Schmerzen?”

Frau H-D: “Seit zwei Wochen”

Das kam wie aus der Pistole geschossen. Notfall hüstelt lauter.

Ich (zu müde, um mich aufzuregen): “Seit zwei Wochen – waren Sie denn zwischenzeitlich mal bei Ihrem Arzt gewesen?”

Die Frau nickt jetzt eifrig mit dem Kopf: “Ja, sicher war ich das. Wir haben doch über die Geburtsplanung geredet. Weil mein Frauenarzt ja auch Beleger ist und zur Geburt kommen wird…”

Uuuuh – too much information…

Ich: “Sie waren also bei ihrem Frauenarzt – und haben sie ihm von den Schmerzen erzählt?”

Frau H-D scheint jetzt ein wenig beleidigt, dass ich sie in ihrem Redefluss so dreist unterbrochen habe. “Nein!” blafft sie mich an “das habe ich nicht”

Notfall ist jetzt von hüsteln auf laut atmen umgestiegen, was die Konversation mit der brässigen Patientin nicht wirklich einfacher macht.

Ich: “Sie wissen aber schon, dass ihr Gynäkologe in diesem Krankenhaus gar nicht entbindet?”

“SICHER WEISS ICH DAS! Aber bis ins Krankenhaus “zur schönen Geburt” hätte ich es keinesfalls mehr geschafft! Ich bekomme jetzt mein Kind – also TUN sie endlich irgendetwas!”

Erster Grundsatz der Geburtshilfe: Diskutiere NIE mit einer schwangeren Frau. Bringt nichts. Ausser Ärger und manchmal tieffliegende Nierenschalen. Ich heisse die Frau also seufzend sich frei zu machen um uns auf den aktuellsten Stand zu bringen. Dann…

Ich (zur Abwechslung auch mal mittelbrässig): “Frau Hupf-Doldenbach. Das ist ihr erstes Kind. Der Muttermund ist geschlossen, der Gebärmutterhals erhalten. Sie haben keinerlei Kontraktionen. Und deshalb können sie in aller Ruhe dorthin gehen, wo ihr Gynäkologe Belegarzt ist.”

Die Patientin ist ganz offensichtlich nicht glücklich über das, was ich sage. Nicht glücklich…

Frau H-D (böse): “Aber ich habe SCHMERZEN!”

Ich (erschöpft): “Haben sie ihrem Arzt denn vergangene Woche von den Schmerzen erzählt?”

Frau H-D (sehr böse): “NEIN! Das habe ich nicht!”

Ich (sehr erschöpft): “Sie haben also seit zwei Wochen Schmerzen, von denen sie ihrem behandelnden Arzt aber nichts erzählt haben. Warum ist das dann jetzt, um drei Uhr früh am Sonntagmorgen, ein Notfall?”

Ich höre, wie Notfall sich interessiert auf ihrem Stühlchen zurecht rückt.

Frau Hupf-Doldenbach hingegen denkt kurz über meinen Einwand nach, um dann mal eben flott die Taktik zu wechseln:

“Hören sie” sagt sie, nun schon fast ein wenig versöhnlich “Ich brauche Schmerzmedikamente! Ich halte diese Schmerzen nicht mehr länger aus. Es zieht da unten…” Irgendwo in der Scheide, oder darüber, dahinter, wer weiss das schon genau… “…und mein Rücken schmerzt auch! Alles tut weh! Ich bin es leid, schwanger zu sein – wissen sie?! Ich will, dass dieses Kind da raus kommt. Und ich will etwas gegen die Schmerzen! SOFORT!”

Aaaaah – jetzt kommen wir zu des Pudels Kern….

Ich (immer schön ein- und aus-atmend): “Hören Sie, Frau Hupf-Doldenbach. Ich kann ihnen nicht einfach so Schmerzmedikamente geben. Dazu muss ich sie aufnehmen. Und verschiedene Untersuchungen machen. Dann muss ich es mit meinem Oberarzt besprechen…”

Meine Patientin zieht jetzt ein Gesicht wie mein Jüngster, wenn es keine dritte Portion Nachtisch mehr gibt…

“Aber es schmerzt! Überall!

Ich seufze ein wenig – das hier wird eine lange, eine verdammt lange Nacht werden…

“Ihr Muttermund ist geschlossen, der Gebärmutterhals erhalten und sie sehen wahrhaftig nicht aus, als befänden sie sich unter Geburt…” Warum erzähl ich das alles? Sie wird es nicht verstehen wollen!

Patientin (jetzt mittelbrächtig aufgebracht): “Das ist mir EGAL! Ich brauche Medikamente! Und ich brauche einen Ultraschall!”

Ich (verwirrt): “Aber – wozu brauchen sie einen Ultraschall?”

Patientin (völlig aufgebracht): “Damit ich endlich weiss, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird! Wie soll man sich denn auf sein Kind vorbereiten, wenn man noch nicht einmal das Geschlecht kennt? Hm????”

Okay – von dieser Seite habe ich es auch noch nie betrachtet…

Patientin (jetzt komplett ausser Rand und Band): “Ich will Schmerzmedikamente! Und einen Ultraschall! Ich will, dass dieses Kind jetzt kommt! Mir ist schlecht!”

Übergibt sich….

Ich (völlig baff): “Notfall – würdest du liebenswürdigerweise Eimer und Lappen holen?”

Notfall sprachlos zu sehen ist in etwa so häufig, wie eine totale Sonnenfinsternis über Nordeuropa. Dennoch wackelt sie gehorsam los auf der Suche nach dem gewünschten Gerät, während ich mich erneut meiner Patientin zuwende, die sich jetzt ein wenig beruhigt zu haben scheint.

“Seit wann erbrechen sie sich denn?”

Aufmüpfig schaut mir die Frau in die Augen und meint dann, langsam und nachdrücklich: “Ich erbreche, wenn der Schmerz zu arg wird. Geben.Sie.Mir.Schmerzmedikamente! Oder ich erbreche wieder!”

Und als wolle sie das Gesagte nochmals extra unterstreichen, stösst sie ein klein wenig auf. Dann, quasi im selben Atemzug:

“Ich habe Hunger. Könnte ich etwas zu Essen haben? Und dicke Socken? Saft? Ausserdem ein paar Snacks für meine Cousine, Schwester und den Vater des Kindes?”

Ho-ho-ho! JETZT wird es lustig hier…

Ich (streng): “Nein! NEIN! Sie hingen jetzt eine Stunde lang am CTG – und da war nicht die kleinste Wehe nachweisbar! Ihr Muttermund ist geschlossen, der Gebärmutterhals erhalten. Sie befinden sich definitiv NICHT unter Geburt! Alles klar?”

Menno – das kann doch nicht so schwer zu verstehen sein???

Aus den Augenwinkeln sehe ich Notfall unauffällig winkend im Flur stehen. Ich entschuldige mich kurz und lasse meine Patientin samt dem heimeligen Geruch von frisch Erbrochenem im Untersuchungszimmer zurück. Draussen zieht die Ambulanzschwester mich verschwörerisch beiseite und schliesst leise die Tür.

“Josie” flüstert sie, als könnte Frau H-D uns durch die geschlossene Tür hindurch belauschen “Ich habe gerade mit den Kollegen von der “schönen Geburt” telefoniert – dort ist sie nächste Woche zur Einleitung vorgemerkt! Los – schick sie heim!” Und mit einem aufmunternden Klapps auf die Schulter, schiebt sie mich zurück zu meiner Patientin, die jetzt schmollend auf dem Stuhl neben der Tür hockt.

Ich hole tief Luft und zähle innerlich bis zehn. Was es irgendwie auch nicht besser macht. Dann:

“Also – wir haben jetzt mit ihrem Krankenhaus telefoniert und man sagte mir, dass sie dort einen Einleitungstermin haben, der schon NÄCHSTE Woche ist!” Hurra! Wir freuen uns! Freuen wir uns?…

“Ich habe Schmerzen!”

Nein, irgendwie scheine nur ich mich zu freuen. Und das gleich nicht mehr, ich merk das schon.

Ich (mässig euphorisch): “Und deshalb gehen sie jetzt schön nach Hause, machen sich noch ein paar nette Tage, und wenn die Wehen einsetzen, begeben sie sich DIREKT und OHNE UMWEGE…”

Frau H-D (sehr, sehr böse): “Meine Fruchtblase wird platzen! SIE bringen meine Fruchtblase zum platzen!”

DAS ist neu – das hat mir auch noch keiner nachgesagt…

Frau H-D (völlig aus dem Häuschen): “Sehen sie! SEHEN SIE! Sie ist geplatzt. Die Fruchtblase ist geplatzt! Da läuft Fruchtwasser aus…!”

Zu dem idyllischen Geruch von antrocknendem Erbrochenen mischt sich nun noch das zarte Aroma hochkonzentrierten Morgenurins, während meine Schwangere zu Höchstform aufläuft:

“Oh, es geht los. Es geht loohoooos! Ich muss zur Toilette, ich brauche meine PDA. SOFOOOORT!!!”

Ich fühle mich erschöpft, müde und ausgelaugt.

“Frau Hupf-Doldenbach – ihre Fruchtblase ist NICHT geplatzt! Das ist KEIN Fruchtwasser, sondern Urin! Ihr Kind wird keinesfalls jetzt geboren werden. Hören sie? HÖREN SIE?”

Ich bin mir sicher, die Kollegen im 8. Stock hören mich ganz hervorragend. Bei Frau Hupf-Doldenbach bin ich mir hingegen nicht so sicher…

“Aaaber” greint die Frau jetzt in den höchsten Tönen “ich will das es JETZT kommt! Tun sie etwas! Machen sie etwas! GEBEN.SIE.MIR.ETWAS!!!”

Während Notfall aufgetaucht ist und mit bösem Gesicht beginnt, den Urin und das Erbrochene vom Boden zu wischen, setze ich mich schwach auf einen Stuhl. Ein Blick auf die Uhr verrät, dass es mittlerweile 4.30 Uhr morgens ist.

“Frau H-D…”

Ich fühle mich ausgelaugt. AUFGESAUGT

“…Niemand – und damit meine ich absolut überhaupt garniemand – wird sie völlig ohne Grund einleiten. Nicht hier. Nicht irgendwo! Schon gar nicht mitten in der Nacht. Sie müssen morgen zu ihrem behandelnden Arzt gehen und mit IHM alles weitere besprechen. Verstehen sie? Ich kann hier leider absolut NICHTS für sie tun!”

Frau H-D beugt sich zu mir herüber und starrt mich lange und böse an. Dann:

“Ich will ein Rezept. Und Socken. Ich will Saft und etwas zu essen. Einen Ultraschall will ich! Und wenn ich keinen bekomme, sage ich JEDEM, dass SIE mir eine lebensnotwendige Untersuchung verweigert haben. Ich werde sie verklagen! Ich werde das ganze Haus verklagen!!!”

Ich (mit dem Kopf auf der Tischplatte liegend): “Bitte – gehen sie. Und rutschen sie um Gottes willen NICHT auf ihrem Erbrochenen aus…!”

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Der Pate – Teil I

Schon mit dem Öffnen der Doppel-Schnappschloss-Tür schlägt mir der wunderbar heimelige Duft von frisch gebrühtem Kaffee entgegen.
Ein kurzer Blick ins ‘Aquarium’, unserem futuristisch anmutenden Zentral-Überwachungsraum, zeigt lediglich ein einziges, lehrbuchgerecht vor sich hin tuckerndes CTG ohne die kleinste Pathologie.

Ich trotte weiter zur Küche, wo Gloria-Victoria gerade, zeitgleich in einem riesigen Pott Kaffee herum rührend, wie festgenagelt auf ihr Handy starrt. Ihre sommersprossigen Bäckchen glühen zart roséfarben und ein zufriedenes Lächeln umspielt ihre Lippen.

Als sie meiner Ansichtig wird, weiten die seegrünen Augen sich vor Schreck auf doppelte Größe:
“Josephine – um Gottes Willen, du siehst furchtbar aus!”

Dieser Tag fängt ja mal ganz großartig an…

“Oh, ja, danke, liebe Ex-Freundin, ich freu mich auch wie Schnitzel, dich zu sehen!”
Glorias freundliche Hebammenbäckchen stehen nun in flammendem Rot während sie hektisch Kaffee in meine Lieblingstasse schüttet.
“Es tut mir alles so leid!” jammert sie durchaus glaubhaft beschämt und schiebt mir den liebevoll angerichteten Kaffee zu. “Konntest du ein bisschen schlafen heute Nacht – armes Ding du?”

Jetzt tut sie mir doch wieder leid in ihrer offensichtlichen Not und großmütig entschließe ich mich, sie nicht länger hinzuhalten.
GEORGE ist gestern Abend gestorben!”
“Ach sooooo!” erleichtert bläst GV sich eine blonde Ponysträhne aus dem Auge “Gekocht oder Chinesisch?”
“Chinesisch!”
“Fussmassage?”
“Jepp!”
“Du Glückliche!”
“Hah – glücklich aber abgemahnt sowie arbeits- und OP-los! Und obendrein muss ich die nächsten Wochen permanent aufpassen, dass mich Napoli nicht doch noch mit einem hübschen Betonklotz an den Füssen im See versenken lässt….!”

“OH MEIN GOTT! Glaubst du wirklich, Napoli hat Kontakte zur Mafia?!” Mit schneeweißem Gesichtchen, die Kaffeepad-großen, schwarzen Augen im krassen Kontrast dazu, steht mit einem Mal Bambi im Raum, das ‘Mafia’ nur noch ein zartes, atemloses Hauchen.
Still und unauffällig wie immer hat sie sich in die Szenerie geschlichen und gerade noch die letzten Fetzen der Unterhaltung aufgeschnappt. Eines Tages wird sie mit dieser Nummer noch jemanden zu Tode erschrecken!

“Ja, klar doch. ‘Der Pate’ wurde nach dem Vorbild von Napolis Großvater gedreht!”
ECHT jetzt?”
Bambi sieht aus als würde es gleich der Schlag treffen. Wie um alles in der Welt ist dieses Baby nur lebensfähig?!”
“Josephine!” streng pufft Gloria mir in die Seite “Mach ihr keine Angst – sie glaubt doch immer alles!”
“Aber wie geht das, bitte? Glaubt sie etwa auch noch an den Weihnachtsmann? Klapperstorch?” ich bin ernsthaft kurz vor verzweifelt. Die Frau ist erwachsen! UND hat studiert! Wie kann man da noch alles glauben, was einem erzählt wird? Selbst Chaos-Kind-Klein hätte mir diese Nummer mit dem Paten nicht mehr abgekauft!

Die Diskussion endet so abrupt wie sie begonnen hat mit dem Erscheinen des fraglichen Mafiosi-Sprösslings und Bambi zieht es vor, sich auf den am weitesten entfernten Platz nieder zu lassen. Sicher ist sicher.
Wenn man ehrlich ist – bei dem Riesen-Berg Unwetterwolken, die sich schwarz und bedrohlich über Napolis Kopf türmen, bin selbst ich mir nicht mehr ganz sicher, ob da nicht doch ein Funke Mordlust im Mienenspiel des kleinen Italieners zu sehen war.

Den Rest des Tages verbringe ich fast ausschliesslich mit langweiliger Stationsarbeit und damit, meinem Oberarzt aus dem Weg zu gehen. Was schwierig werden könnte, da wir zusammen Dienst schieben müssen.

Doch erst einmal funktioniert alles ganz prima. Ich nehme Patienten auf, gehe mit Bambi, Luigi und dem Sandmann gemütlich Mittag essen, und absolviere drei Kurzsprints zum Kreissaal: 33jährige Erstgebärende, Einleitung bei Terminüberschreitung. Schätzgewicht 3300 g, gut eingestellter Schwangerschaftsdiabetes.
Der Anruf zum ersten Sprint erfolgt 20 Minuten nach Einleitung – riiiiiiiieeeesen Badewanne auf dem CTG. Als ich keuchend und schnaufend im Kreissaal eintreffe, befinden wir uns Herztonmässig immer noch weit unterhalb von ‘schön’
“Bolus ist drin” nickt Gloria mit kurz zu. ‘Bolus’ bedeutet umgangssprachlich Wehenhemmer direkt in die Vene. Und tatsächlich – der Bauch der Schwangeren tastet sich bretthart. Den sogenannten “Wehensturm” gibt es bei Einleitungen immer mal wieder. Meist bekommt man das Drama mit einer ordentlichen Portion Wehenhemmer zügig wieder in den Griff. Manchmal nicht.

“Mehr Bolus?” Gloria schaut mich an, die Spritze im Ansatz

“Ja, hau rein!” Die Herztonkurve wackelt immer noch bedenklich tief übers Grünkariert, mir deucht jedoch, ich hätte da gerade einen minikleinen Anstieg ausgemacht.

“Ist drin!”

Die Hände auf dem brettharten Bauch meiner Patientin stiere ich wie ein hypnotisiertes Kaninchen auf den CTG-Streifen, während mir das “TockTock” des Wehenschreibers dumpf in den Ohren tönt. Ich muss da eigentlich gar nicht drauf schauen – anhand des Rhythmus ist völlig klar, dass wir uns immer noch weit entfernt von schön und gut befinden.

“Wie lange?”

“5 Minuten!”

“Wieviel Bolus?”

“6ml”

Okay – der Worte sind genug gewechselt, jetzt machen wir mal ein bisschen hinne…

“Frau Wanne – das ist leider ein bisschen viel Wehe für das Baby, wir gehen jetzt mal eben in den OP und holen den Knirps raus, okay? Alles wird gut!”

Frau Wanne sieht eher nach “mir wird schlecht” aus, was ich super nachempfinden kann, während Herr Wanne wiederum, ebenfalls kaninchengleich, auf den länger werdenden CTG-Streifen starrt. Dann, von jetzt auf gleich…

Tock…….Tock……Tock…..Tock….Tock…Tock..TockTockTockTockTockTock

Whow – sofortige CTG-normalisierung unter angedrohter Notsectio! Was für ein unglaublich kooperatives Kind! Und so clever!

“Yeah – Baby hat scheinbar keine Lust auf Kaiserschnitt!” Gloria strahlt euphorisch. Mit angehaltenem Atem schauen wir alle dabei zu, wie der Herzschlag sich auf gesunde und rhythmisch wohltönende 140 Schläge pro Minute einpendelt. Der Bauch unter meinen Händen tastet sich jetzt wieder prall und elastisch und ein Hauch Wangenrot kehrt ins Gesicht meiner Patientin zurück.

“Okay – dann hau mal ein bisschen die Bremse rein. So eine Nummer möchte ich heute nicht noch einmal haben! Ich schau dann später wieder vorbei!”

Mit “später” meine ich irgendwann gegen Abend und am allerliebsten mit solch hübschen Begleitkriterien wie “Muttermund vollständig” und Kopf auf Beckenausgang. Das wäre toll! Tatsächlich sind beim nächsten Notruf aus dem Kreißsaal gerade mal 40 Minuten vergangen, wobei die Badewanne freundlicherweise schon wieder am abklingen ist, als ich schwer keuchend und heftig transpirierend vorm Kreißbett stehe. Ich bin offensichtlich ein wenig aus dem Training – was sich schleunigst ändern muss, sonst bekomme ich nächstens vom Spurt zum Patientenbett noch einen Herzinfarkt.

“GLORIA! Was SOLL das? Ich sagte doch SPÄTER!”

“Ich WEISS!”

“Hast du die Wehenhemmung drin?”

“Klar!” Gloria blitzt mich beleidigt an. “Ich mache IMMER, was du mir sagst!”

“Naja – bis auf die Nummer mit Malucci…!”

Gloria zieht Luft durch die Nase – böse Retourkutsche! Aber die Diskussion über den italienischen Loverboy muss jetzt erst einmal warten, bis wir die Badewannen-Nummer im Griff haben.

“Frau Wanne, sie sollten mal ein ernstes Wörtchen mit ihrem Nachwuchs reden – das hier ist kein schöner Zug von ihm! Das muss es unbedingt abstellen, sonst landen wir heute wirklich noch irgendwann im OP. Ächt jetzt!”

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….To Be Continued…</em

Der Mörder war immer der Gynäkologe…

Im Gefolge meines letzten Posts (I. Teil) entspann sich ein reger Schlagabtausch zum Thema “Einleitung vs. Abwarten” und alles, was zur selbstbestimmten Schwangerschaft gehört.

Ich wiederhole es gerne immer und immer wieder, ich gehöre unbedingt zur Anhängerschaft natürlicher Spontanentbindung, gerne homöopathisch/alternativmedizinisch unterstützt, von mir aus auch im Geburtshaus oder ganz daheim. Ich bin der Überzeugung, daß 30% aller PDAs und mindestens 50% aller Sectiones völlig unnötig sind, außerdem wird bei mir weder routinemäßig geschnitten noch kristellert, noch via Zange oder Glocke entbunden.

Schwangerschaft ist ein Zustand und keine Krankheit, meine Frauen dürfen – solange alles in Ordnung ist – arbeiten, Sport treiben, ihre “großen” Kinder heben und auch sonst machen, was sie möchten. Die Tendenz in Deutschland (und bei vielen Frauen), Schwangere am besten ab Woche 5 nach Empfängnis in Watte, bzw. ins Bett zu packen ist mir extrem fremd, aber gut, so wird es hier nun einmal gehandhabt.

Ich hatte kürzlich eine Frau, die im Rahmen ihrer Schwangerschaft fast alles abgelehnt hat – keine Ultraschalluntersuchungen, Vorsorge bis auf wenige Ausnahmen ausschließlich über die Hebamme, keine Routine-Antibiose bei ß-hämolysierenden Streptokokken der Mutter und auf gar keinem Fall PDA oder DauerRoutineCTG-Überwachung unter der Geburt. Die Gute war tough, super informiert und stand einfach hinter dem, was sie wollte. Das war keine “ich mach das abba wie ich will”-Einstellung, sondern Überzeugung. Und von vorne herein war klar, wenn irgendetwas schädlich fürs Kind sein würde, hätte sie interveniert.

Alle Hebammen, Schwestern und Kollegen sind Amok gelaufen und ich hab mir wirklich heftig Gegenwind abgeholt, aber ich fand, die Frau hatte ein Recht auf ihr Vorgehen.

Aaaaaaaaaaaaber es geht auch anders – da gab es z.B. diese fanatische 6.-Gebärende, die per se zu GAR KEINER Vorsorge ging, alles ablehnte, was nur annähernd medizinisch angehaucht war und sich noch nicht einmal von der Hebamme irgendwo reinreden ließ. Ihr Totschlagargument: “Ich hab schon 5 Kinder bekommen, ich kann das und brauch euch nicht!”

Am 18. Tag nach errechnetem Entbindungstermin kam sie – widerwillig und in höchster Abwehrhaltung – dennoch bei uns an, denn die Hebamme hatte ihr eine Woche zuvor erklärt, sie lehnte alle weitere Verantwortung ab, wenn die Frau sich nicht umgehend in der Klinik vorzustellen gedächte. Als die Gute sich nach einer Woche ohne Wehentätigkeit dann doch dazu durchringen konnte, bei uns aufzulaufen war das Kind – man ahnt es schon – TOT! Und DANN war das Geschrei plötzlich groß! KEINER hatte ihr gesagt, daß das gefährlich sei mit der Terminüberschreitung und WENN sie das gewußt hätte WÄRE sie auf alle Fälle – Rhabarber, blabla. Bringt dem Kind im Nachhinein leider auch nichts mehr.

Oder wie viele Frauen erzählen “die wollten unbedingt, daß ich einen Kaiserschnitt machen lasse, weil mein Kind so groß ist – und dann kam es doch so, ätschibätschi!”

Das ist ja toll, wenn es so kommt, aber rein rechtlich sind wir ab 4500g-Schätzungen VERPFLICHTET, die Frau über die Möglichkeit der Schulterdystokie (=Schulter bleibt im Geburtskanal stecken) aufzuklären. UND ich muß ihr sagen, daß die Entbindung durch Kaiserschnitt in solch einem Fall durchaus angebracht sein kann. Ja, etliche Kinder kommen zur Welt und sind deutlich kleiner (manchmal auch größer) als geschätzt – aber viele Mütter hören auch gar nicht zu, wenn wir ihnen sagen “Das Ultraschallgerät ist keine Waage – wir können das Gewicht ihres Kindes nur SCHÄTZEN, und den Messungen sind nunmal Grenzen gesetzt – gerade in der Endphase der Schwangerschaft!”

Ich kann nicht 4500 g messen und dann denken “wird schon nicht so schwer sein” – also NICHT aufklären. Steckt die Schulter, bin ich dran!

Wenn eine Frau ihre Vorstellungen hat, WIE eine Geburt ablaufen soll, das sie so und so entbinden möchte, außerdem 15 Tage nach Termin und am Ende geht alles gut, DANN kann sie schön erzählen “ICH hab gleich gewußt, daß alles gut geht und ICH hab die richtige Wahl getroffen”

Geht es schief, heißt es “Der Gyn hat Mist gebaut, DER ist doch der Fachmann, DER hätte es besser wissen müssen!!!”

Geburtshilfe ist Risikogeschäft, unberechenbarer als Roulette und nervenaufreibender als Bomben entschärfen. Denn wenn es EINMAL schief geht, hast du ein Kind auf dem Gewissen. Und das Schicksal einer ganzen Familie. Glaubt ihr wirklich, wir tun uns leicht damit??? NICHT_WIRKLICH!!!

Geburtseinleitung zum ersten, zweiten – UUUUUND dritten!!! – Teil I

Gestern hatte ich einen klassischen Hattrick-Dienst. Dreimal Einleitung, dreimal miese CTGs, dreimal doch noch gut gegangen.

Es ist 10 Uhr als die ersten beiden Mädels den Kreißsaal betreten. “Datt HäsSchen” ist unglaubliche 16 Jahre alt (okay – jung!), sieht aus wie Mitte dreißig und hat ein schlecht erzogenes Großmaul in fleckiger Ballonseide im Schlepptau, mit dem sie erstmal eine Rauchen gehen will. Es kostet mich eine halbe Stunde Zeit und jede Menge Überredungskunst, datt HäsSchen von seinem Vorhaben abzubringen, aber schlußendlich zieht meine autoritäre Muttervorstellung ganz gut, und Ballonseiden-Proll schlurft allein mit seiner Schachtel Marlboro in den Raucherhof davon. Mal schauen, ob wir den heute noch einmal zu Gesicht bekommen…

HäsSchen ist ein ziemlich großes, ganz schön überproportioniertes Mädchen, hat die Vorsorgen beim Frauenarzt eher sportlich locker genommen und ist infolgedessen spärlich bis garnicht dort aufgetaucht, was heißt, daß ich jetzt erstmal den kompletten Rundumschlag machen darf – Ultraschall, Anamnese, Aufklärung, etc. pp. Die kleine Wuchtbrumme treibt mich dabei fast in den Wahnsinn – mit gelangweiltem, völlig ausdruckslosen Gesicht flätzt sie auf ihrem Bett herum, kaut gelangweilt an ihren 4cm-grellpinken-Kunstfingernägeln und meint auf mein abschließendes “hast du denn noch irgendwelche Fragen?!” nur lapidar “Ich muss pissen!”

Oooooookayyyyy – DAS wird garantiert lustig!

Nachdem HäsSchen ihrem Grundbedürfnis nachgekommen und von OsoleMia ans CTG gepackt worden ist (“sonne Schei**e – jetzt kannisch garnisch zu meine Alde rauchen gehn, Schei**e, ey…!”) werf ich ihr die erste Dosis Einleitung für Einsteiger ein und wander erleichtert ins nächste Zimmer, wo Olga O., still und schüchtern, schon auf mich wartet.

Olga O. bekommt das dritte Kind mit FrauVonSinnen, ist bis jetzt noch immer über Termin gegangen und wird deshalb – heute genau eine Woche drüber – standesgemäß eingeleitet. Ich bin mir sicher, daß sie die wenigsten Probleme bieten wird – sie ist typisch russisch: ruhig (fast stoisch), geduldig und willig. Nach dem üblichen Aufklärungs-Blabla und Tablette legen kommen wir dann auch schon zu Nummer 3 – IchWillEigentlichEineSectioUndBinNurZufälligHierGelandet – kurz: SectioSuse.

SectioSuse ist eine 25jährige Erstgebärende, die eigentlich gerne spontan entbinden möchte, aber schon jetzt mehr Angst als Vaterlandsliebe hat. Infolgedessen liegt sie nun mit weit aufgerissenen, tränengefüllten Augen vor mir und ich habe ernsthaft Sorge, sie könnte schon dekompensieren, BEVOR ich überhaupt zur Tat geschritten bin. Also setz ich mich ein bisschen zu ihr, tätschel die eiskalte, angstschweißige Hand, laß sie eine Runde weinen, klär stundenlang hin und her und hoch und runter auf, und erst, als ich das Gefühl habe, SectioSuse ist EINIGERMASSEN rekompensiert, werf ich die Einleitungstablette ein.

Leider wird Suse auch die erste sein, die mir quasi um die Ohren fliegt, aber davon später!

Erste Einleitung um 10 Uhr - alles gut, zweite Runde um 14 Uhr - Olga O. weiterhin stoisch, datt HäsSchen hatte Zeit, zwei bis zwanzig Kippen weg zu ziehen und gibt sich vorerst zurückhaltend bis geduldig und selbst SectioSuse hält sich erstaunlich tapfer. Alle Frauen sind noch weitgehend wehenfrei, aber das ist nach der ersten Gabe nicht wirklich außergewöhnlich.

18 Uhr - das dritte Priming muß leider ausfallen, HäsSchen liegt – fluchend wie ein Kanalarbeiter – am CTG und schreit bei jeder (nun doch recht zahlreich auf grün-kariertem Papier erscheinenden) Wehe ihren BallonseideMacker voll:

HäsSchen *schnaufend*: “Du Ar***Gesicht, dämmlackisches, isch heb solsche Schmerze, du kanscht dich die näxte Male voll selber fi**en, datt schwör isch dir!”… *schnauf*

Doch Ar***Gesicht wendet den Blick noch nicht einmal für den Bruchteil einer Sekunde vom Fernseher, sondern grunzt nur unmotiviert irgendetwas unverständliches und präsentiert seiner Liebsten dafür einen nikotingelben, hoch erhobenen Mittelfinger. Es geht doch nichts über eine harmonische Beziehung… *Headshot*

Dagegen das komplette Kontrastprogramm in Olga O.s Zimmer – die junge Frau schaut mich mit den Augen eines angeschossenen Rehs hoffnungslos an. Auf dem CTG-Streifen eine Wehe nach der anderen, bei relativ unverändertem Muttermundsbefund.

Und SectioSuse? Die schreit. Das hohe C im Dauerton. Wahnsinn!!! Sie schreit nach ihrer Mutter, dem lieben Gott, einem Kaiserschnitt und außerdem 1000 anderen Dingen, an die ich mich schon nicht mehr erinnern kann. SectioSuse außer Rand und Band. Ein kurzer Blick zu Soli und die Richtung ist klar – 3 x PDA, bitte, danke – HEUTE ist kein Tag für langes Warten, heute gibt es Anästhesie mit Mengenrabatt.

Keine 10 Minuten später taucht Dr. AnästhesieÖhi auf, ein ewig verschwitzt riechender Öko-Arzt, der rein äußerlich viel besser in einen alten, österreichischen Naturfilm gepasst hätte, jedoch vor ewiger Zeit auf wundersame Weise als Gasmann in unserer Klinik aufgetaucht ist. AnästhesieÖhi ist berüchtigt für sein sonniges Gemüt und die HauWeg-PDAs, welche er den Frauen verpaßt und nach denen sie nichts mehr tun können, als – zugegebenermaßen schmerzfrei – Platsch auf dem Rücken zu liegen. DAS kann ja noch heiter werden…!

Gegen 19 Uhr ist endlich Ruhe eingekehrt, alle Frauen liegen, rhythmisch untermalt vom ständigen “TockTock” der kindlichen Herztöne, in ihren Zimmern und tun, was man so tut, wenn man auf die Geburt seines Kindes wartet: Datt HäsSchen beschimpft via Handy unflätig irgendeine arme Person, Olga O. betrachtet mit traurigem Blick das Bild an der Wand vor ihrem Bett und SectioSuse spielt frohgelaunt “4 gewinnt” mit ihrem Mann. Von Sectio keine Rede mehr – alles ist gut!

Bis gegen 20 Uhr das erste CTG schlecht wird. Also – nicht richtig schlecht, aber schon nicht wirklich schön. Irgendwie komisch. Irgendwie riecht das nach Eintritts-CTG. Zur Erklärung an alle nicht-Gynäkologen: Wenn das Köpfchen sich ins Becken einstellt und langsam tiefer rutscht, verändert sich die Herztonfrequenz auf eine ganz bestimmte Art und Weise. Man kann es noch nichtmal wirklich immer beschreiben, d.h. die CTGs sehen jetzt nicht bei allen Frauen GENAU_GLEICH aus, aber wenn man schon ein paar von den Teilen befundet hat, bekommt man den Dreh irgendwann raus. Als auch das zweite und dritte CTG komisch werden, schreite ich zum äußersten – und untersuche einfach mal todesmutig alle Frauen durch. Und sieh an – es ist fast wie im Märchen – ALLE DREI haben exakt denselben Befund: Muttermund 6-7cm, Cervix dickwulstig, vorangehender Teil tief auf Beckeneingang. Whow – DAS ging jetzt ja zackig :) Hat die frühe PDA also doch mal etwas gebracht.

Das Problem ist nur – so richtig schöööön sind die CTGs auch mit diesem Befund nicht. Zumindest kontrollbedürftig. Und was DAS heißt, dürfte mittlerweile auch der letzte Dermatologe wissen: MBU!!! Mikroblutuntersuchung. Man sollte wirklich meinen, ich werde dafür bezahlt, diese Untersuchung permanent anzupreisen. Und vielleicht sollte ich dem alten Saling ja mal die URL zu meinem Blog schicken? Jedenfalls ließ ich alle Mädels in den Kreißsaal umziehen, und begann das Spiel um den richtigen Tropfen kindlichen Blutes. Beim HäsSchen alles prima – komplikationslose Durchführung (trotz unterirdischen Gemeckers seitens der Mutter) und auch Olga O.s ungeborenes Kind konnte problemlos mit dem Siegel “besonders guter pH-Wert” versehen werden.

Doch dann kam SectioSuse….

——————- To Be Continued ———————–

Dienst von Sinnen… – oder: 2 Tage, 6 Kinder

Freitag, 18.30 Uhr.

Den ganzen Tag über schon geht es in unserem Kreißsaal zu, wie im Taubenschlag: die Schwangeren geben sich die Klinke in die Hand, und gegen Abend haben wir erstmals universitäre Verhältnisse erreicht:

In Wehenzimmer 1, gerade mit Einweisung aufgenommen, Frau Z., zweitgravide Patientin mit “fraglichem HELLP” und angeblichem Hypertonus. Leider, leider kommt die Patientin aus einer Praxis, die gerne immer wieder kerngesunde Schwangere mit den wüstesten Pathologien einweist. Das macht mürbe, denn nach dem fünften Mal “FEUER” gebrüllt glaubt auch der nervöseste Assi nicht mehr an schwarze Löcher. Aber Einweisung ist Einweisung, und so bekommt Frau Z. ein Zimmerchen, Labor und CTG verpaßt, obendrein eine erste Blutdruckkontrolle, welche den sagenhaften Wert von 120 zu 75 zutage bringt. Ich bin begeistert… Kurz bevor ich mich zur nächsten Frau begebe, teilt Frau Z. mir schwer genervt mit, daß sie auf alle Fälle “heute eingeleitet” zu werden gedenkt, am allerliebsten aber sofort eine primäre Sectio haben möchte. Nee, is´ klar, immer schon ruhig, Brauner.

In WZ 2 haust seit zwei Tagen Romy X., eine Frau, die so wenig Romy-Schneider-Assoziation in mir hervorruft, daß ich sie erstmal sprachlos anstarren muß. Schlimm, das mit der filmgeprägten Erwartungshaltung, aber was geben die Eltern ihren Kindern auch keine anständigen Namen?! Romy also ist Anfang 20, drittgebärend und (sorry, ich muß es sagen) grenzdebil. Sie redet wenig bis gar nicht, und wann immer ich versucht bin, ihr irgendetwas zu erklären, hab ich das Gefühl, gegen die glatte Wand zu reden. Denn das Häschen schaut mich nur völlig emotionslos an – und nickt dann alles, was ich von mir gebe, stoisch ab. IHR Problem heißt frustrane Einleitung bei ET (Entbindungstermin) +15, will sagen: der Termin der errechneten Niederkunft ist mal eben um gute zwei Wochen überschritten, und auch die fünfte Einleitung bringt uns nichts, außer unwirksamer Wehentätigkeit und rezidivierend schlechten Herztönen. Nicht erst seit eben beginne ich am errechneten Termin zu zweifeln, aber der steht nun mal da, und wir somit unter Zugzwang…!

In der Warteschleife befinden sich außerdem noch Frau A., Drittgebärende mit fraglich beginnender Wehentätigkeit, und Frau H. – zweites Kind, selber Befund. Des weiteren eine 17jährige in der 32. SSW mit Harnwegsinfekt, deren zahnlose Mutter mir binnen kürzester Zeit derart auf die Nerven geht, das ich mir lebhaft vorstellen kann, WIE es zum Verlust ihrer bleibenden Zähne gekommen ist…

Okay – zumindest die Anzahl der Hebammen hält sich in Grenzen: oSoleMia und Frau von Sinnen stellen jeweils die Hälfte der Damen, und nach kurzer Untersuchung hat zumindest Soli die erste Frau wieder in den Orbit zurück befördert: Frau H. wird nach der CTG-Runde mit der Diagnose “nachlassende Wehentätigkeit” nach Hause geschickt, die 32. SSW bekommt ein Antibiotikarezept und verläßt das Theater ebenfalls, das zahnlose Mütterchen im Schlepptau.

Ich bin gerade auf dem Weg in den OP, wo meine Lieblingsschwestern mit italienischem Salat und Peperoni-Pizza scharf auf mein Erscheinen warten, als das Handy bimmelt. Ja, IST JA KLAR!!! Immer, wenn ich was Essen will!!! Ich HASSE das.

Am Telefon Frau von Sinnen – ob ich zur Geburt kommen könnte?! Äh – HÄH??? Jetzt wirklich von Sinnen oder was? Vor einer knappen Stunde war der Kreißsaal noch nicht mal bezogen...?!

Doch noch bevor ich fragen kann, wen sie da jetzt wo zum entbinden gefunden hat, dröhnt schon ein ungeduldiges “TutTut” an mein Ohr, und ich mache auf dem Absatz kehrt und wackel zurück in den Kreißsaal. Kaum bin ich drin, wär ich gerne schon wieder draußen. Und woanders. GANZ WEIT WEG!!! Denn Frau von Sinnen kniet – multitasking wie immer – kristellernd UND anfeuernd UND vaginal untersuchend vor der Frau (naja – eigentlich eher AUF der Frau), während das CTG ein träges, erschreckend ungaloppierendes TOOOOOK —– TOOOOOOK —— TOOOOOOK von sich gibt. Großartig – Baseline auf 60 Schläge pro Minute, und das nicht erst seit jetzt,  und das die Hand der Hebamme bis zum Gelenk IN der Frau steckt heißt nichts anderes, als das wir maximal auf Beckenmitte spielen. Frau von Sinnens hektische rote Flecken verteilen sich gleichmäßig über Hals und Dekolltee (wie  zum Geier schreibt man das…?!), während ihr leise der Schweiß von der Stirn auf den Bauch der Schwangeren tropft.

Ich: “Partusisten????” (für alle Nicht-Gynäkologen: tiiiiiiiiiiieeeeeeefe Dezeleration unter Geburt kann sein: vorzeitige Plazentalösung – aber die Frau blutet nicht, Nabelschnurvorfall – aber das würde Frau von Sinnen ja merken, oder Hyperkontraktilität des Uterus – und dagegen hilft dann Partusisten)

Frau von Sinnen: “Ach – es erholt sich ja schon wieder!!! Außerdem HAT sie gerade keine dolle Wehe….!”

WAS zum Geier hat sie dann? Ich würde die kleine Frau gerne von Sinnen schütteln, denn irgendwie lande ich mit ihr immer wieder da, wo ich gerade auch schon bin: ENTWEDER forcierte Untersuchung gepaart mit “hier ein Tröpfchen, da ein paar Kügelchen” (und glaubt ja nicht, Homöopathie wäre nur Wattebäusche werfen!!!), oder früh PDA, dann schön dick Oxy-Tropf drauf, und warten, bis das CTG implodiert. *Kopf -> Tischkante*

Ich hab die Bolus-Tokolyse schon fast fertig gemischt, als die Stockschläge sich in Fohlengetrappel verwandeln, sprich: Die Herztöne steigen zögerlich auf knapp 100 bpm. Frau von Sinnen strahlt glücklich, während ihre Streßflecken weiterhin einen schönen Kontrast zum blau des Hebammenkittels geben. Doch sie hat die Rechnung ohne die nächste Wehe gemacht – denn kaum ist sie da, sind die Herztöne auch schon wieder weg. Und von guten Zusatzkriterien können wir HIER nur träumen. Ich drücke Frau von Sinnen also die Spritze in die Hand, mache kehrtwend und rufe meine geliebte Oberärztin an. Die will dann aber erstmal eine Runde diskutieren: ob ich denn nicht eine VE (also Saugglocke) machen könnte (nee, kann ich nicht, hab ich nämlich noch nie!!!), und ob das CTG denn wirklich so schlecht wäre, daß sie jetzt kommen müsse (nein, ich wollte nur mal wieder ihr liebliches Stimmchen hören, DESHALB hab ich angerufen)?! Ich bedanke mich freundlich und lege auf – hoffentlich hat sie DAS verstanden?! Sie hat. Keine 10 Minuten später ist sie da, nach weiteren 10 Minuten und einer mittelprächtigen Epi haben wir dann ein frisch gepresstes, mäßig gestresstes Baby entbunden, Apgar und pH akzeptabel, aber keinesfalls hervorragend. OberOmeprazol stichelt noch ein bisschen rum, läßt mich dann aber mit meiner Epi alleine.

Die Pizza esse ich wie den Salat – KALT, um kurz vor Schlafenzeit, gegen 24 Uhr liege ich im Bett und fühl mich fertig – und mal wieder viel zu alt für den Schei**. 0.30 Uhr – das Telefon bimmelt mich aus meinem gerade erst begonnenen Nachtschlaf, und oSoleMia flötet ein freundliches “Aufstehen – wir wollen ein Baby bekommen” ins Gerät. Ächt? Wollen wir? Na gut…

Ich schleife mich also gen Kreißsaal und schaffe es gerade noch, meine Pseudo-Hanschuhe über zu ziehen, als der Knabe – Hand voran – an mir vorbei und aus seiner Mutter heraus-schießt. Frau H., die fragliche Wehentätigkeit von heute Mittag, hatte sich Zuhause mal eben noch ein Bad und ein Gläschen Wein gegönnt, wollte eigentlich gerade ins Bettchen springen, als die Blase ihr zuvor kam, und schon nach kürzester Zeit setzte eine so rasante Wehentätigkeit ein, das sie den Kreißsaal nur noch in letzter Sekunde erreicht hatte. SO muß das gehen, seht ihr GENAU SO!!! Dafür steh ich dann auch gerne mitten in der Nacht auf. Und als mich der Papa dann vor lauter Freude einmal durch den Kreißsaal schleudert, bin ich endlich ganz wach. Und mach meinen Papierkram noch brav fertig, bevor ich um 2.30 Uhr erneut den Matratzenhorchdienst beginne.

Den Samstag verbringt meine Kollegin Olga dann mit weiteren 3 Spontangeburten, die Vierte und heftigste von allen hat sie mir jedoch für heute morgen aufgehoben. Danke schön, sehr freundlich. Zumindest ist Mia wieder mit von der Party – ich glaub, die Frau hat ihren Wohnsitz mittlerweile auf Kreißsaal – Krankenhaus XY umgemeldet!

Frau F. ist eine kleine, sehr sympathische und obendrein gut aussehende Blondine, ihr männlicher Gegenpart ein sportfanatischer Dummschwätzer, der die protrahiert verlaufende Austreibungsphase seiner Frau solange mit seinen Marathonstrecken vergleicht, bis sie ihn – kurz vor Preßdrang – völlig entnervt anbrüllt, er solle jetzt endlich die Klappe halten, sie könne seine blöden Sprüche nicht mehr ertragen. Mei, da hätte ich sie echt knutschen können… *ggg*

Frau F. war also bereits am gestrigen Samstag mit vorzeitigem Blasensprung bei uns aufgelaufen, und zum Zeitpunkt meines Erscheinens seit geschlagenen 2 1/2 Stunden Muttermund vollständig. Okay, “mutig mutig” denke ich mir, in meiner alten Uni-Klitsche hätte man mit solchen Zeitschemata Kopf und Kragen, oder zumindest den Job riskiert – länger als zwei Stunden blieb da keine Frau unsektioniert! Aber ich lasse mich ja gerne eines besseren belehren. Meiner Kollegin Olga war die ganze Geschichte allerdings auch schon nicht mehr wirklich koscher – sie hatte die OÄ bereits informiert, bis jetzt aber nur die Ordo “Wechsellagerung” erhalten, sie (Dr. Omeprazol) wollte sich die Schwangere dann anschauen, wenn sie die Privaten visitieren käme. Okay, Soli wechselt also seit zwei Stunden, was das Zeug hält, aber außer Geburtsgeschwulst hat  sich wohl nicht wirklich etwas entwickelt.

Ich untersuche nun auch mal,  um mir ein eigenes Bild von der Geschichte zu machen – und bin ehrlich entmutigt: Große Geburtsgeschwulst, kleines Becken noch komplett leer, in der Wehe tut sich gar nichts… :( Also bereite ich Frau F. mal ganz vorsichtig auf die wahrscheinlich anstehende Sectio vor – und hab die Rechnung ohne meine Oberärztin gemacht: denn die kommt, und sagt, das geht auch so. Okay – dann mach mal. Und dann macht sie auch…

So rein vom Zuschauen her ist es ein Gefühl, wie bei der Massenkarambolage auf der Autobahn: man WILL gar nicht hinschauen, ist aber so fasziniert, das man einfach MUSS! Die OÄ hat eine Geduld und ein Gemüt wie ein Metzgershund: Stunde um Stunde sitzt sie ein CTG aus, welches mir teils  echte Herzrhythmusstörungen macht, dreht die Frau von rechts nach links und von oben nach unten, läßt sie mal pressen, dann wieder nur atmen, beruhigt, feuert an – und kabbelt sich zwischendurch liebevoll mit oSoli. Und dann – nach SAGENHAFTEN 6(!!!!) Stunden vollständig ist es vollbracht: SPONTANPARTUS  nach angedrohter Sectio. Und der Hammer – ein absolut fittes Kind, toller Apgar, bilderbuchmäßiger pH. Und ICH, die ich nicht wirklich Verantwortung tragen mußte, bin nass geschwitzt und froh, dazu gelernt zu haben. Nein, ich werde den Teufel tun und die nächste Frau ungefragt den halben Tag bei Muttermund vollständig pressen lassen. Aber ich bin wieder ein bisschen weiter gekommen, in diesem Mysterium “Spontane Entbindung”!…

Wednesday Morning, 3 A.M. …

…ist gerade erst vorüber (dem geneigten Simon & Garfunkel-Kenner wird diese Überschrift etwas sagen, der Rest muß es leider einfach mal so hinnehmen… *ggg*),  als erneut  Zweifel an der aktuellen Berufswahl in mir aufkeimen: Das Diensthandy scheppert mich gnadenlos aus meinem eben erst begonnenen Nachtschlaf – OsoleMia berichtet zerknirscht, das unsere eingeleitete Erstgebärende kein wirklich schönes CTG darbietet, ob ich mal schauen könnte…?!

Unsere erstgebärende Einleitung, Frau G., zarte 22 Jahre jung, erstes Kind, 14 Tage über Termin, ömmelt seit gestern morgen über Station, der Befund bis zum Abend immer unreif, weit sakral, bei hoch stehendem Köpfchen und unkoordinierter Wehentätigkeit. Gegen 20 Uhr läßt Soli die letzte CTG-Kontrolle laufen, verfrachtet Frau G. anschließend wohl versorgt ins Heiabett, um für ein paar Stunden Schlaf nach Hause zu fahren. Keine 20 Minuten später berichtet Clementine (*aaaaaaaaarghl-CLEMENTINE*) über ihre höchsteigene Standleitung aufgeregt “Schmerzen und Wehentätigkeit” (also – bei Frau G. natürlich… *ggg*), und das ich schnell mal kommen solle. Okay, wie schon erwähnt darf man Clementine nicht für ganz voll nehmen, also schau ich schnell noch bei zwei stationären Patientinnen vorbei, hänge ein Ery-Konzentrat an und diktiere zwei Briefe, bevor ich den Weg nach dem Kreißsaal einschlage. Dort angekommen sitzt ein (ziemlich großes – 107 kg!!!…) Häschen vor mir, schwer gebeutelt und stark schnaufend. Mir schwant übles, dennoch schließe ich tapfer das CTG an und fische nach dem Untersuchungshandschuh – HAA!!! Wunderschöne, regelmäßige Wehenberge auf grünkariertem Papier, Muttermund 6-7 cm, aber der Kopf hängt noch meilenweit über Beckeneingang. Nicht gut. Gar nicht gut…

Betrübt wähl ich Solis Nummer, um ihr das vorzeitige Ende ihres freien Abends mitzuteilen – meine Lieblingshebamme nimmt es mit der ihr eigenen Gelassenheit und verspricht, mir in Kürze Gesellschaft zu leisten. Wohl an. Keine 20 Minuten später steht die kleine, graugelockte Italienerin vor mir, die obligatorische Monster-Tasche in der rechten und eine H.aribo 1kg-Colorado-Dose in der linken Hand. Der Herr ist mein Zeuge – ich liebe diese Frau!!! Nach ausgiebiger Zuckerzufuhr verschwinde ich im Übergangsdienstzimmer (andere Baustelle – vielleicht demnächst neuer Blogeintrag…) und überlass OsoleMia den Kreißsaal mitsamt TocToc und schwergewichtiger Erstgebärender.

Gerade will ich den Schlüssel von innen ins Übernachtungszimmerschloss stecken, als das Telefon hektisch einen Anruf meiner *achtungironie* Lieblings-Clementine ankündigt: Frau Z., die Sectio vom Morgen hätte solche Schmerzen, ob ich nicht mal…?! – Klar, ich kann. Die Medikamentenliste von Frau Z. ist so lang wie beeindruckend: Diclac 100 supp., Perfalgan i.v., Novaminsulfat i.v. sowie Dipi und Doli subcutan. Und nichts aber auch gar nichts hat geholfen… – also zurück auf Station, Post-OP-Bogen geprüft, festgestellt, daß die letzte Dolanthin-Gabe gerade mal 2 Stunden her ist (50mg s.c.), also zur Zeit kein Nachschub möglich. Ich verspreche, mir die Frau gleich mal anzusehen. Frau Z. liegt relativ enstpannt und freundlich lächelnd in ihrem Bett, ich schau mir den maximal geblähten, sonst aber unauffälligen Post-Sectio-Bauch an, verordne Sab-Simplex und eier zurück auf mein Zimmerchen.

Dieses Mal schaff ich es in der Tat bis kurz vors Bett, als der Clementine-Alarm erneut erschallt: Frau I., zwei Zimmer weiter hat Fieber (39,0°C), ob sie wohl Paracetamol haben dürfte…?! Kaum aufgelegt, erneutes Klingeln: Frau A., zweite Sectio von heute morgen klage jetzt auch über Schmerzen, ob sie denn zusätzlich Novalgin i.v. zur Nacht haben dürfe? Sie darf. Ich hab den Hintern gerade ins Bett gehievt – man wird es sich denken können: CLEMENTINE!!! Frau Z., die Frau mit den Sab-Tropfen, hat jetzt einen “Knubbel im Bauch”, ob ich denn mal…?!

Ich bin eine nette Person, ich achte das Gesetz, ich besitze keine Waffen, hab noch niemanden tätlich angegriffen, ich schlage weder Mann noch Kinder oder Tiere – aber JETZT, JETZT bin ich gerade in Amokstimmung. Ich schwöre!!! Ihr meint, ich solle Clementine mal kräftig anschnauzen? Auskunft verweigern? Nicht mehr auf Station gehen? Alles schon versucht. Diese Frau ist absolut erziehungsresistent. Die ruft dich solange an, bis du da bist. Und gegen Rumgemotze oder gar -geschreie ist sie völlig abgestumpft. Macht nämlich jeder Neue, bis er merkt: klappt nicht! Coole Masche, eigentlich…

Der Knubbel ist geblähte Darmschlinge, und erst als ich Frau Z. ein Phil-Collins-würdiges Trommelsolo auf die Bauchdecke klopfe, ist sie von der Luft in ihrem Bauch überzeugt und verspricht, die Nacht ohne weitere Panikattacken zu überstehen. Wir werden sehen. Es ist kurz nach 1 Uhr morgens, als Clementine von Terror- auf Gnade-Modus umsteigt, und ich in mein Bett komme.

5.15 Uhr – wir steigen wieder in unsere Einleitung ein: Soli am Telefon, das CTG nicht schön! Okay, die Nacht ist gelaufen, ein letztes, schnelles Kissenkuscheln, dann fall ich in meine Kleider und aus der Tür gen Kreißsaal. Das CTG ist – UNSCHÖN! Aber zumindest nicht so schlimm, wie bei unserem letzten Mal… – über die Nacht verteilt war es immer mal wieder stark eingeschränkt, hat sich dann – nach Gabe einer Glucose-i.v. kurzfristig berappelt, und wird gerade wieder – unschön… – die vaginale Untersuchung ergibt einen vollständig geöffneten Muttermund bei Köpfchen weeeeeeeeeeiiiiiiiiiiit über Beckeneingang – klassische Sectio-Indikation, und so, wie die Herztöne aussehen, bleibt leider keine Zeit mehr, auf eine humanere Uhrzeit zu warten… :(

Also fang ich an, mich unbeliebt zu machen: informiere den OP (eine meiner *achtungKEINEironie*) Lieblingsschwestern hat Dienst und nimmt es gelassen, der Anästhesist ist tief verschlafen und kann noch nicht wirklich rumnöhlen (was er sonst sehr gerne tut) und meine geliebte Oberärztin will erst mal wissen, warum ich keine MBU gemacht  hab. Äh – HÄÄÄ? Was bitte würde das bringen, wenn die geschätzte Entbindungszeit noch mehrere Stunden umfassen kann? Ich weiß, eigentlich will sie nur ein wenig diskutieren, weil sie das immer gerne macht, aber dafür ist es mir jetzt einfach zu früh (und das CTG zu pathologisch), also verabschiede ich mich höflich – und lege auf. Keine 10 Minuten später stehen wir im OP, nach weiteren 5 Minuten ist das Kindlein geboren, herausgefischt aus ritzegrünem Fruchtwasser, und ich fühle mich wie zum St. Patrick´s Day. Gottlob, das Kind ist wohlauf, schreit auch brav durch, und ich muß mir für die Dauer des Nähens die immer selbe Litanei meiner Oberärztin anhören: hätte ich mal bloß eine MBU gemacht, dann wär das Kindelein vielleicht sogar spontan entbunden worden…?! DAS ICH NICHT LACHE!!!! Ich wäre vielleicht von oral (will sagen – durch den Mund der Mutter) leichter an die MBU-Stelle gekommen, als von vaginal! Denn das kindliche Köpfchen war noch meilenweit entfernt, und wer schonmal eine Mikroblutuntersuchung gemacht, oder zumindest gesehen hat, weiß, die ist auch nicht wirklich einfach durchzuführen, wenn der vorangehende Teil quasi schon auf Beckenausgang ist! Aber da ich ausgesprochener Morgenmuffel, und um 6 Uhr in der Früh noch nicht wirklich gesprächig bin, spar ich mir eine Antwort, nähe brav meinen Bauch wieder zu, und trotte dann müde gen Kaffeemaschine, in der Hoffnung, irgendwann irgendwie wieder wach zu werden. Gottlob ist morgen Feiertag – ich bin einfach zu alt für den Schei**… ;)

HEUTE Nacht im Kreißsaal…

Den kompletten (Dienst-)Tag bin ich – gemeinsam mit der diensthabenden Hebamme – um eine Schwangere herum geschlichen, die im Zustand völliger EntscheidungsUNfähigkeit am Tag 14 über Termin vor der qualvollen Frage: “Sectio oder Einleitung” zu kapitulieren drohte. Frau X. (hoch differenziert, fortgeschrittenen Alters) hatte bereits in den Tagen zuvor mehrmals sämtliche Alternativen erwogen, überdacht und verworfen, war nun, kurz vor “es wird jetzt wirklich ernst” nervlich völlig am Ende und bereit, jeden mit in ihr persönliches, psychologisches Tief zu ziehen, der nicht bei drei auf dem Baum saß.

Bereits am morgen hatte ich, gemeinsam mit A., der Hebamme, eine geschlagene Stunde lang die Vorzüge der oralen Einleitung mittels Medikament XY (Off-Label-Use) gegen die sonstigen Alternativen erörtert und beleuchtet. Auch die zeitnahe Verabreichung einer KPDA, sowie die zügige Entbindung via Sectio beim Versagen aller anderen Möglichkeiten waren in Aussicht gestellt und detailliert erklärt worden. Frau X. erbat sich Bedenkzeit. Gegen 11 Uhr dann setzte sie endlich ihren Karl-Friedricht unter die XY-Aufklärung und wir verabreichten die erste Gabe der Nummer oral. Laßt die Spiele beginnen…

Der Tag schleppte sich zäh von Gabe zu Gabe, vierstündig eine halbe Tablette, bitteschön, brav schlucken. Wunderschöne Kontroll-CTGs waren die Folge – herrliche Wehenhügel auf grün-karierter Dauerblattlandschaft – von denen Frau X. nur leider keine einzige verspürte, der Muttermund weiterhin bombenfest, weit sakral und gerade mal mäusefaustdurchgängig. Das kann ja eine verdammt lange Nacht werden… Um 20 Uhr dann Anruf der Hebamme, Frau X. würde gerne über das weitere Prozedere in Kenntnis gesetzt werden – is´ nich´ wahr – leidet meine Akademikerin unter einem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom? Ich hatte den weiteren Ablauf der Einleitung, sowie alle Alternativen, Alternativen der Alternative UND Ausweichoptionen so oft an diesem Montag erläutert, daß meine Studentin, die allen Gesprächen beigewohnt hatte, jetzt ihre Doktorarbeit über “Die übertragene Schwangerschaft – Einleitung mittels XY versus herkömmliches Procedere versus Entbindung mittels Sectio caesarea – ein Überblick”  schreiben kann…

Also stehe ich wieder im Wehenzimmer, vor mir die (nicht wirklich unsympathische – aber völlig entscheidungsbefreite) Patientin, die sich mit großen Kuhaugen erneut hingebungsvoll meinen widerwillig fließenden Monolog anhört. Das Schema sieht vor, die Einleitung alle 4 Stunden mit einer 1/2 Tablette bis zum Ablauf von 24 h weiter zu führen, dann – bei weiterhin unreifem Geburtsbefund – entweder 24 h Pause einzulegen, um der Frau ein wenig Verschnaufpause zu gönnen, oder die Geburt anderweitig zu beenden.

Nein, NOCHMAL 24 h kann sie auf gar keinem Fall warten, sie möchte dann doch bitte – danke morgen entbinden, zur Not auch mittels Kaiserschnitt. Okay, ich – größter Anhänger des klassischen Spontanpartus vor dem Herrn – bin jetzt in der Tat weich gekocht und durchaus gewillt, Frau X. stante pede auf den OP-Plan des morgigen Tages zu schreiben. Ich gebe an, noch kurz Rücksprache mit der Oberärztin halten zu wollen – die ist heute meine Hintergrund und möchte immer gerne auf dem Laufenden gehalten werden – und verschwinde zum Telefon. Die Oberärztin (große Anhängerin des ungestörten Nachtschlafes – macht sie mir doch deutlich sympathisch) rät, von der letzten (nächtlichen) Gabe Wehenmittel abzusehen, wenn denn nun schon alle Weichen auf “Sectio” stünden. Okay, seh ich ein. Find ich gut. Zurück zu Frau X., verkünden der frohen Botschaft: JETZT schlafen, MORGEN Baby.

In froher Erwartung einer zufriedenen Patientin trifft mich der geschockte Blick eben jener doppelt heftig – NEIN, DAS finde sie jetzt auch nicht gut! – WIE JETZT???? Nein, jetzt, wo sie sich doch all den Streß mit der Einleiterei gehabt habe, und doch immerhin schon einige Wehenhügel auf dem laaaangen CTG-Streifen zu finden seien, JETZT wolle sie das Ding dann doch mal durchziehen. So. Ätschibätsch. Und ob sie eine Sectio wolle, wüßte sie jetzt grad auch nicht mehr. Nee – is´ klar. Während die Hebamme neben mir heimlich in die Tischkante des CTG-Wägelchens beißt, beschließe ich, daß ich der irregeleiteten, hormonell indizierten Fehlfunktion von Frau X.s Entscheidungsfindung nichts mehr entgegen zu setzen habe und verlasse das Theater an dieser Stelle. In der Hoffnung, wenigstens noch ein paar Stündchen Schlaf zu bekommen, wandere ich gen Dienstzimmer – und laufe direkt in die nächste Hebamme (FrauVonSinnen)  samt laut schnaufender, offensichtlich hochschwangerer Patientin. Okay, dann eben nur ein bißchen dösen und fernsehen. Man kann nicht immer schlafen…

Gegen 22 Uhr klingelt das Telefon – FvS informiert mich in gewohnt lässiger Art, daß ihre Patientin ein wenig Probleme mit dem Blutdruck hätte und das CTG hin und wieder Dip 1 (aber alle mit guten Zusatzkriterien!!! Nee, is´ klar) bieten würde. Wenn VonSinnen lässig klingt, bekomm ich Kopfschmerzen. Sie ist ein wahres Wunder an Multifunktionalität, kann – mit einer Hand den Damm haltend, gleichzeitig der Frau den Sauerstoff reichend, parallel die Zange auspackend  – bei dir anrufen und fröhlich-lässig ins Telefon singen, das “CTG wäre ein wenig unschön”, ob man nicht mal einen Blick drauf werfen könnte…?!  Spätestens in diesem Moment beginnt mein Adrenalin im Schwall einzuschießen – und ich lege regelmäßig weltrekordverdächtige Kreißsaal-Sprints hin…

Ich verlasse also mein kuscheliges Dienstbett und die Vibrator-Mikrowelle, hetze mit flauem Gefühl im Magen in den Kreißsaal, wo das CTG gerade TIIIIIIIIIIIIIIIIIIEEEEEEEEFE Dezelerationen malt, während der Blutdruck der werdenden Mutter zwischen 180/100 und knapp 200/120 pendelt. Nachdem ich vorsichtshalber Beißkeil und Valium in Griffweite gelegt habe, telefoniere ich SCHON wieder mit der Oberärztin. Die ist von meiner dringenden Bitte, SOFORT ihr Bett gegen den Platz an meiner Seite zu tauschen nur wenig begeistert, verspricht aber trotzdem recht glaubwürdig, sich auf den Weg zu machen. Das CTG malt immer noch eine negative Spitze neben die andere, das Lehrbuch schreibt in diesen Fällen die MBU vor – ich schreite zur Tat. Der kindliche pH ist erschreckend gut, und mein Puls verläßt zur Abwechslung mal wieder den dreistelligen Bereich. Die Oberärztin trifft pünktlich zur Entbindung mit den Worten “was wollen sie denn – ist doch alles prima” ein, um gleich wieder zu verschwinden, und während ich fluchend die Epi versorge, frage ich mich wiederholt, ob ich nicht endlich zu alt für diesen Zirkus bin.

Meine eingeleitete Patientin ist dann heute doch noch sectioniert worden – nachdem sie sich noch gefühlte 2000 mal hin- und herentschieden hatte… ICH bin heute morgen erst mal ein paar Runden reiten gegangen – entspannt tierisch. Im wahrsten Sinne des Wortes… :)