Tag-Archiv | EddaLieblich

Es ist Freitag – und die Oberärzte fliegen ganz schön tief…

In OP-Saal 5 herrscht Totenstille. Nicht so in meinem Schädel-Inneren:

“Ach du heilige Scheisse – was, wenn er sich jetzt das Genick gebrochen hat?”  und “Was, wenn er reanimiert werden muss?” und “Ach du heilige Schei…” - Nee, so weit waren wir ja schon.

Vorsichtig stelle ich mich auf die Zehenspitzen und luge über den Frauenberg auf dem OP-Tisch vor mir hinüber zur anderen Seite, wo gerade eben noch mein wild gewordener Mini-Oberarzt auf seinem OP-Leiterchen herumgehampelt *KLICK* ist, bevor er sich vor lauter Wüterei von ebenselben hinab in die Tiefe gestürzt hat.

“Dr. Napoli?” rufe ich schwach nach drüben. Und zur Anästhesie gewandt, die ebenfalls die Luft hinter ihrem grünen Tuch anzuhalten scheint:

“Kann vielleicht mal jemand schauen, wie es ihm geht?”

“Alles Roger!” ruft Luigi, italienischer Assistenzarzt für fortgeschrittene Aufschneiderei durch die spaltbreit geöffnete OP-Tür zum Nachbarraum “Er lebt. Hat die Augen auf. Der wird gleich wieder!” Sprichts und verschwindet – so schnell er gekommen ist – im eigenen Lager, bevor infernalisches Gelächter von dort nach hier dringt.

“Armer Napoli – das ist eindeutig nicht sein Tag heute…”

“Francesco?!” ruft jetzt auch Ottilie und beugt sich besorgt über ihr steriles Instrumententischchen “geht das? Hast Du dir etwas getan? Soll ich einen Unfallchirurgen rufen oder so?”

Statt einer Antwort folgt lediglich lang gezogenes Stöhnen, und 30 Sekunden später steht ein kleiner Mann mit schwer angeschlagenem Stolz und einer mittelprächtigen Platzwunde am Hinterkopf, aus der es leise blutet, auf seiner Leiter in OP-Saal 5, Gynäkologie.

Ich (mitfühlend): “Wird es gehen, Oberarzt? Sollen wir mal einen Chirurgen wegen der Wunde rufen?”

Nachdrückliches, stummes Kopfschütteln

Darling (besorgt): “Das blutet aber ordentlich – vielleich mal kurz steril abtupfen?”

*schüttel*

Ottilie (hilfsbereit): “Pflaster drauf?”

*doppelschüttel*

Edda (zaghaft von der nördlichen Seite des Tuches herüber): “Chefarzt anrufen?”

Napoli (gepresst): “ES!GEHT!MIR!GUT! – Verress-Nadel!” Und rammt mit todesverachtender Miene die Nadel in den Unterbauch der großen Frau – durch die Nabelfalte in die Tiefe. Et voila! Zumindest dieses vermaledeite Ding scheint heute zu machen, wie der kleine Oberarzt es sich vorgestellt hat.

Napoli (kurz angebunden): “Zeh-Oh-Zwei anschließen! Aufdrehen! Mehr! Fertig. Verres-Nadel zurück! Troikar…” Und mit sicherem Griff stösst er das scharfe, speerartige Instrument durch das zuvor geschnitte Loch in der Bauchdecke unserer Patientin. Dann zieht er mit energischem Ruck den Führungsspiess zurück, wodurch die Schiene für die Kamera freigegeben wird, lässt sich – immer noch absolut unbeteiligt aus dem Kopf blutend – die endoskopische Kamera reichen, führt sie routiniert in den dafür vorgesehenen Eingang, öffnet die Klappe, schiebt weiter uuuuuund – erstarrt beim Blick auf den Monitor vor unserer Nase:

Ottilie (trocken): “Verdammte Kacke das!” während Darling nur ehrfürchtig “FreakyFriday” murmelt…

Das Bild auf dem Fernseher zeigt nämlich mitnichten die Bauchhöhle unserer Frau, wo in einem Meer glänzender Darmschlingen warm und geborgen eine kleine, vorwitzige Zyste aufs geborgen werden wartet, nein, wir befinden uns gerade life und in Farbe in dem wahrscheinlich schönsten, saubersten, rosa-sten Stück Dünndarm, den ein OP-Team je am FreakyFriday gesehen hat…

Ganz ernsthaft jetzt, unter uns und euch: DAS!PASSIERT! Ächt jetzt und ohne Flachs – die Darmverletzung zählt zu den häufigsten Komplikationen schnöder Bauchspiegelungen überhaupt! Und kann vom PJ-ler (okay – der darf die auch nicht wirklich machen) bis hin zum altgedienten, hochdekorierten Chefarzt jedem passieren. Und eigentlich ist es auch kein großes Drama – ein Troikar in der Aorta (große Bauchschlagader) macht dem Operateur deutlich mehr Kopfschmerzen *huust* – aber Napoli liegt ja quasi schon am Boden. Also: LAG am Boden und tut es immer noch, oder so. Und Kopfweh gab es umsonst obendrauf.

Fast tut er mir ein bisschen leid, wie er da jämmerlich auf das Stück Darm-Innenlebens starrt, als könne gleich ein Schild mit der Aufschrift “Versteckte Kamera” aus der rosa Schleimhaut-Wand geschossen kommen.

Kommt abba nicht.

“Der Internist wäre bestimmt froh, wenn er mal so ein schönes Bild aus dem Dünndarm bekäme!” meint Edda aufmunternd und streckt ihren behandschuhten, rechten Daumen hinter dem Tuch in die Höhe.

Napoli ist kein wirklich humoristischer Mensch. Und diesen kleinen Aufmunterungsversuch hätte er normalerweise gnadenlos vom (OP-)Tisch gefegt. Doch unser leitender Mann am Laparoskop ist getroffen. Angeschossen und verletzt. Physisch und psychisch. Und so schüttelt er nur stumm den Kopf, betrachtet sein Werk erneut und noch einmal, ganz genau und ausführlich, bevor er mit einem tiefen Seufzer erst Kamera, dann Führungshülse aus dem kleinen Loch im Nabel der Patientin zieht und mit tonloser Stimme nach dem Skalpell verlangt.

Fünf schweigsamen Minuten braucht es, Frau Müller-Husemanns Bauch vorschriftsmässig zu eröffnen, fünf weitere Minuten, das Loch in ihrem Darm ausfindig zu machen, welches nach fünf weiteren Minuten versorgt, vernäht und vorsichtig zu seinen Darmschlingen-Freunden zurückverfrachtet ist. Anschließend entfernt Napoli – souverän aber seltsam schweigend – die gut fünf Zentimeter große, unauffällig ausschauende Eierstockszyste der Patientin und hat nach nicht einmal zwanzig zusätzlichen Minuten den Bauch sauber verschlossen, vernäht und verpflastert, bevor er sich – grusslos und leicht schwankenden Schrittes, aus OP-Saal 5, Gynäkologie enfernt hat.

“Und jetzt?” flüstert Darling ängstlich, als wir Frau M-H gemeinschaftlich aus ihrer OP-Verpackung geschält und unsere Überkittel und Handschuhe im dafür vorgesehenen Mülleimer versenkt haben.

“Was jetzt?” flüstere ich zurück und schaue ratlos.

“Warum flüstert ihr?” fragt Edda leise und hält der Patientin vorsorglich noch ein wenig Sauerstoff vor die Nase.

“WAS IST DENN JETZT LOS?” trötet Ottilie unbeeindruckt und schaut uns eine nach der anderen streng an. “Seid ihr etwa auch alle von der Leiter gefallen? Los – raus hier! Gleich kommt das Putzteam, und in Fünfzehn Minuten geht es weiter! Auf: Essen fassen, Kaffee trinken, wieder kommen!”

Und scheucht uns mit ausgreifenden Armbewegungen vor sich her, wie die Entenmutter ihre Küken.

“Aber – vielleicht sollten wir den Rest lieber auf ein andermal verlegen…?!” ruft Darling verzweifelt über die Schulter in den OP-Saal hinein, während sie folgsam hinter Igor zur Tür hinaus trottet.

“Quatsch!” ruft Ottilie energisch “Es hat sich jetzt aus-ge-freaky-fridayed! Aber sowas von!”

Na – wenn DIE mal wüsste….

———————–to be continued—————————

Friday, Freaky Friday…!

Es ist 7.50 Uhr an einem Freitagmorgen, als ich, gut gelaunt und frohen Mutes, den OP-Umkleideraum betrete und Zeuge eines seltenen Schauspiels werde…

Ich (verwundert): “Guten Morgen, Darling! Kann ich irgendwie behilflich sein?”

Vorsichtig ziehe ich die Tür hinter mir zu – nicht, dass noch irgendwer sonst sieht, was ich gerade sehe, nämlich: OP-Schwester Daria Linde, genannt “Darling”. Das allein ist jetzt tatsächlich kein Besorgnis erregender Anblick, denn Darling ist jung, hübsch und obendrein ordentlich gebaut: mit dem richtigen Mass weiblicher Rundung an den dafür vorgesehenen Stellen. An diesem Morgen jedoch steht sie – einbeinig mit rotbesocktem Fuss in ihrem gepunkteten OP-Schuh und einer Klein-Mädchen-Blumen-Unterhose unter grünen OP-Hemd herausspitzelnd – in der Umkleide unseres Operationstraktes, und hüpft im Kreis.

Ich (stirnrunzelnd): “Darling? Hast du heute Morgen irgendetwas schlechtes geraucht oder so?”

Darling schüttelt energisch den Kopf, während sie weiterhin konzentriert in dem kleinen Raum herümhöppelt. Einbeinig und im Uhrzeigersinn. Ich überlege gerade, ob dies ein Fall für den psychiatrischen Diensthabenden sein könnte, als sich die Tür hinter mir mit einem energischen Ruck öffnet und Ottilie, Oberschwester der Abteilung für operative Tätigkeit, das Set betritt.

Ottie (bellend): “MOIN, Josephine! Darling? Freaky Friday? Schon wieder?”

Freaky – WAS?

Entgeistert starre ich von Ottie zur immer noch hüpfenden Schwester hinüber, die – jetzt ein bisschen schwer atmend und mit kleinen Schweisströpfchen auf der Stirn – zustimmend nickt.

“…JA…” schnauft es angestrengt zwischen drei Hüpfern und einer halben Drehung “…Vollmond! UND Übi in Zwei UND Katha krank UND Pizza zum Mittag UND Messer im Urlaub!”

Ottie (verständnisvoll): “Jou – Freaky Friday. Ganz klar!”

Sprichts, sucht einen Stapel OP-Kleidung aus der Kammer zusammen und beginnt sich – seelenruhig pfeifend – aus ihrer Wäsche zu schälen, während das OP-Schwesterchen weiter entfesselt im Kreis hüpft – jetzt zur Abwechslung mal entgegen dem Uhrzeigersinn.

Ja, schlack noch eins – sind denn alle völlig verrückt geworden? Da…

“Mooooiiiiin!”

Erneut öffnet sich die Tür zur Umkleide und herein schneit Edda Lieblich, anästhesistische Assistenzärztin und offensichtlich bestens bekannt mit den Gepflogenheiten unseres OPs, denn mit einem Blick auf die hüpfende Schwester ruft die Gastante überrascht aus:

“Verdammt! Freaky Friday hatten wir doch erst letzten Monat?”

Ich glaub es ja nicht – habe ich irgendetwas verpasst? Ist das ein Anti-Gyn-Insider?

“Josephine” – Darling hat jetzt endlich das Gehüpfe eingestellt und wischt sich die Schweisstropfen mit einem Papiertuch vom Gesicht, welches Ottilie ihr hilfsbereit hinhält – “Josephine, sag nicht, du hast noch nie etwas vom “Freaky Friday” gehört.

Nee – habbisch nich…

Ich schüttel unwissend den Kopf, als Edda auch schon hilfsbereit fortfährt, die Stimme zu verschwörerischem Flüstern gesenkt: “Am Freaky-Friday geht immer ALLES schief!” Ernst schaut sie mich aus großen, rehbraunen Augen an, während Darling aufgeregt mit ihrer lila OP-Haube winkt “Alles geht da schief – ganz wirklich! ALLES! Und nur manchmal kann man es mit dem Anti-Freaky-Friday-Tanz noch in letzter Sekunde herum reißen!”

Ich werfe einen kurzen Blick auf die Display-Anzeige meines Diensttelefons – nein! Heute ist mitnichten der 1. April.

“Sagt – habt ihr etwa gemeinsam komisches Zeug geraucht?” und tippe vielsagend mit dem Finger an die Stirn. “Was soll das mit “Übi in Zwei” und überhaupt?”

“GANZ einfach!” Mit wichtiger Miene baut sich die kleine OP-Schwester vor mir auf und hält mir die geschlossene Faust vor die Nase. Fast befürchte ich, jetzt für mein breites Unverständnis eines auf die Nase zu bekommen, als Darlings Zeigefinger in die Höhe schnellt:

Ers_tens – Übi operiert nie-niemals in OP II, seit ihn die kleine Roma damals wegen des Leberfleckes noch bis in die übernächste Generation verflucht hat! VOM OP-Tisch herunter!”

“Hihi” gluckst Ottie hinter mir vergnügt in sich hinein “das war wirklich eine Show…!”. Und auch Edda nickt nur vielsagend.

Ich (fassungslos): “Okay – es scheint noch mehr unglaubliche Dinge in diesem Haus zu geben, von denen ich noch nie gehört habe…”

Zwei_tens” fährt Darling ungerührt fort, während nun auch der Ringfinger nach oben ploppt “Katha ist NIE krank! NIEMALS NIE! Und jetzt schon den fünften Tag in Folge!”

“Katha” ist unsere allseits unglaublich beliebte, urologische Chefärztin, heisst eigentlich Dr. Katharina Gustafsson, wird aber – auf eigenen Wunsch hin – allseits nur beim Vornamen genannt, was ihrer Autorität jedoch keinerlei Abbruch tut. Und Katha ist schlicht NIE krank. Also – bis auf jetzt.

Drit_tens” – die OP-Schwester ist nicht mehr zu bremsen, ein dritter Finger schnellt vor meiner Nase empor “Pizza! Zum Mittag! Am Freitag!…”

…gibt es sonst nie. Ausser zu Silvester oder an drei-gestrichenen Feiertagen..

“….Uuuuuuund….”

…JETZT kommt es – vier Finger vor meinem schielenden Blick warte ich gespannt aufs Finale…

VIER_TENS….” Jubilierend bricht es aus ihr heraus “MESSER!HAT!URLAUB!”

Okay – jetzt habe auch ich es kapiert. Punkt eins bis drei ist – jede Einheit für sich genommen – schon bemerkenswert. Der Vollmond hingegen geht als klinischer Aberglaube durch – operieren ist Kunst und Künstler sind abergläubisch. Das ist einfach so. Aber das Oberarzt Dr. Messer, der Mann, von dem böse Zungen behaupten, er hätte die Geburt ALL seiner sieben Kinder schlicht ver-operiert, das der tatsächlich im URLAUB ist. Freiwillig! DAS hat die Welt noch nicht gesehen.

Ich (beeindruckt): “Whow – Ich bekomme gerade ein bisschen Angst…”

Darling (verschwörerisch): “Und ich erst…!”

Edda klappert nur nervös mit den Augen, während Ottie, den Trauermarsch pfeifend, die Umkleide verlässt…

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