Tag-Archiv | Dienstzimmer

Du weisst, dass Du dringend mal wieder Urlaub vom Arzt-Job brauchst…

10. …wenn Du mehr persönlichen Kram in Deinem Dienstzimmer deponiert hast, als Zuhause im Wohnzimmer!

9. …wenn die Nachtschwester dich zu Schichtbeginn mit einem freundlichen “Wie war dein Tag, Liebling?” begrüsst.

8. …wenn die Küchenhilfe genau weiss, was du am liebsten isst und wie du deinen Kaffee trinkst.

7. …wenn du deine Gäste mit den Worten: “Hallo – was haben sie denn für Beschwerden?” begrüsst.

6. …wenn du nachts im Pyjama in den Kreissaal und tagsüber im OP-Kittel in den Supermarkt gehst.

5. …wenn du zwar genau sagen kannst, wie man am schnellst von Station 8B über das Labor, die Röntgenabteilung und an der Cafeteria vorbei nach internistisch 3F kommt, Zuhause aber schon seit Wochen die Waschküche nicht mehr gefunden hast.

4. …wenn du versuchst, die Apgar-Werte deiner halbwüchsigen Kinder zu bestimmen

3. …wenn du der schwangeren Nachbarin im Garten nebenan dringend ein CTG anlegen möchtest.

2. …wenn du deinen Mann nur noch mit “Guten Tag, Chef” begrüsst.

Und ganz sicher weisst du, dass du dringend mal wieder Urlaub vom Arzt-Job brauchst, wenn…

1. …du am Wochenende, pünktlich um 9 Uhr, zur Visite in den Zimmern deiner Kinder aufschlägst!

Der frühe Vogel fängt manchmal auch ganz andere Dinge…

7.30 Uhr, Krankenhaus am Rande des Nervenzusammenbruchs

Ich bin früh dran, denn heute morgen habe ich eine LaVH. Yeah, Baby – LaVH haben hört sich hochgradig professionell an. Chefärztin Dr. Josephine Chaos auf dem Weg, Menschen zu retten. Okay, bisschen übertrieben, denn Frau Unterholzer-Wipfel hätte auch gut noch einige Jährchen weiter mit ihrem mikroskopisch kleinen Myom in der Gebärmutterwand leben können. Zumal sich das Teil jetzt, nach Einsetzen der Wechseljahre sowieso in Nichts auflösen wird. Aber gut, der Patientin Wille ist meine OP und solch eine schöne obendrein, was beschwer ich mich! Ich werde Frau Unterholzer-Wipfel also – nachdem ich mir die Schritte gleich noch mal anhand meines OP-Atlasses verinnerlicht habe – in Nullkommanichts von ihrer bösen, myomverseuchten Gebärmutter befreien. Erst laparoskopisch von oben, den Rest dann auf gute, alte Gynäkologenart von unten. Das ist fast wie Ü-Ei: Spiel, Spass UND Spannung!

In erwartungsfroher Glückseligkeit hüpfe ich an Herrn Storch, dem Pförtner vorbei, der mir lässig mit seiner Bildzeitig zuwinkt, in den Fahrstuhl hinein und noch ein kleines bisschen auf der Stelle, bis ich im 4. OG wieder ausgespuckt werde. Vor der Tür zum Dienstzimmer halte ich kurz inne – Geräusche dringen durch die schwere Tür. Seltsame Geräusche. Ein kurzer Blick auf meine Uhr zeigt 7.35 Uhr. In fünfzehn Minuten beginnt die Übergabe, d.h. Fred, der Kollege vom Jupiter, müsste seinen lethargischen Hintern schon aus dem Bett gehievt und Richtung Station geschoben haben. “Auf den aktuellen Stand bringen” nennt man das gemeinhin. Fred hingegen ist eher großer Anhänger der “Mut-Zur-Lücke-Variante”.

Die Geräusche sind durch die Doppeltür des ehemaligen Chefzimmers nur sehr undeutlich zu verstehen. “Wahrscheinlich der Fernseher!” denke ich mir, während ich, den Schlüssel mit rechts in Schloss schiebend, prophylaktisch mit links gegen die altmodisch lederbezogene Tür klopfe. Hm – komisch, gar nicht abgeschlossen…?

Vorsichtig öffne ich die Tür einen Spalt breit und höre es jetzt ganz deutlich – Dauerwerbesendung auf irgendeinem drittklassigen Programm. Eine miserabel synchronisierte Eunuchen-Stimme faselt gerade etwas von “Superpinsel” und “Megarolle”, während das passende weibliche Pendant hohe, spitze Schreie ausstösst.

“Hallo?!” rufe ich vorsichtig durch meinen Türschlitz “Fred?!”

“…und SIEH nur, Jane, WIE SCHÖN und SCHNELL die Farbe mit DIESEM TOLLEN Gerät auf ALLEN WÄNDEN…!”

Janes spitze Schreie werden höher und lauter. Offensichtlich ist sie völlig hin und weg von seinem tollen Gerät!

Resolut öffne ich die Tür nun komplett und…

“WILMA?!”

Während Jane im Fernsehen gerade “Toll, toll, TOOLL!” skandiert, gipfelt Wilmas hochtöniges Geschrei in aufjauchzendes Gebrüll, bevor sie splitterfasernackt und offensichtlich klatschnass geschwitzt über Fred zusammenbricht.

Herr Jupiter himself, Arzt vom Dienst, ist gerade definitiv nicht von dieser Welt, sondern liegt mit versonnenem Lächeln und geschlossenen Augen da. Ebenfalls so, wie der Herr ihn geschaffen hat.

ICH GLAUB ES NICHT!!!…

“Bäh, ächt jetzt – habt ihr eigentlich KEIN Zuhause?” Empört schnappe ich mir mein OP-Buch und verlasse das Dienstzimmer, während Jane immer noch in höchster Ekstase “Toll, toll, TOOLL!!!” hinter mir her brüllt…