3.15 Uhr – Handy bimmelt!!! Dr. Josephine, völlig verstrahlt und weit entfernt von jeglichem Heldentum:
“Hmmmmmmmmmmm?!….”
Schwester Pestilenzia, weltgrößte Notaufnahme-Nervensäge zwitschert mir ein eklig falsches “Guten Mooohooorgen” in den Hörer, und während ich noch mit dem Drang kämpfe, das Telefon aus dem weit geöffneten Fenster zu werfen, säuselt es auch schon ungebremst weiter: “Dr. Josephine, ich hab hier eine Pille danach….?!”
“WAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAS?!?!?!” Wie von der Tarantel gestochen schieß ich aus dem Bett hoch und bin – Schei** Temperament – HELLWACH!!!
Es gibt Dinge im Leben, die sind nicht notwendig, nicht erträglich passabel, völlig sinnbefreit und durch nichts auf der Welt logisch zu erklären – wie z.B. Mumps, Hundekacke am Absatz, ein leeres Nutella-Glas – und PILLEN DANACH nachts um halb vier. Ich mein HALLO???? Es ist Schlafenszeit! Schon lange! Und das hier ist eine NOTAUFNAHME und nicht Praxis Dr. Frank – der Arzt, dem die poppenden Frauen vertrauen.
Ich spiele kurz mit dem Gedanken, mich einfach nochmal gemütlich ins Bett zu packen und die postkoitale Kontrazeption ein bis zwei Stündchen warten zu lassen – wenn ich “unter Geburt” wäre, müßte sie sich auch gedulden. Aber JETZT bin ich sowas von wach, und wenn ich noch zwei Stunden warte, kann ich mir die Nacht auch gleich abschminken…! Ich schäl mich also aus dem Bett und taper los Richtung Ambulanz, wo Schwester Pestilenzia mich süffisant grinsend mit “Oh – haben sie geschlafen???!” begrüßt. Nee, Schätzken, ich bin hellwach, um kurz vor halb vier ist die Hoch-Zeit meines Tages, da lauf ich erst richtig zu TopForm auf!!!!….” *MalSchnellInDieNächsteTischkanteBeiss*
Ich: “…..!?!?!??!!….” (= No Coffee – No Talk!)
Im Untersuchungszimmer sitzt bereits das Corpus Delicti in Form zweier durchaus erwachsen wirkender Menschen, die sich bei meinem Eintritt nur mit Mühe aus einer innigen Knutsch-Orgie lösen können. Sie – augenscheinlich Anfang Dreißig, in Wahrheit wahrscheinlich noch keine Mitte Zwanzig, mit grellem Make Up und in Jeans gezwängt, die so eng sind, daß ich mir nicht vorstellen kann, das sie die jemals wieder ohne operative Hilfe aus bekommt – kichert albern und zieht einen grell-lila Lippenstift aus der Handtasche, während Er – Typ Leder-Jacke-Gold-Kettchen-Ey-Alter-Was-Liegt-An – erst mal große Töne spucken muß:
“Ey, Doktor, ey kann isch bei die Untersuchung auch dabei sein?!” *GoldzahnBleck*
Ich: “…….!!!!………..” (= No Coffee – STILL No Talk)
Das Malkästchen hat bereits brav Urin abgegeben, und so werkel ich erstmal muffig und schlecht gelaunt mit meinem Schwangerschaftstest herum, bis eine gewisse Grundkonversation leider absolut nicht mehr zu umgehen ist:
Ich: “Also – sie wissen schon, daß sie hier in (m)einer Notaufnahme sitzen, dies aber mitnichten ein Notfall ist?!”
Sie: “Ähhhh – neeeeeee?!?!”
Ich: “Wann genau hatten sie denn Geschlechtsverkehr?”
Er (mit stolz geschwellter Brust): “Schon den ganzen Abend!!!”….
UAAAAAAAAH – wer genau wollte das denn so detailliert wissen????
Ich: “Und womit haben sie verhütet?!”
Sie: “Na – gar nicht! Deshalb sind wir doch hier?!….”
Ich überlege, ob ich lieber MEINEN oder doch eher IHREN Kopf gerne ein bisschen auf die Tischkante hauen möchte. Das Prinzesschen blickt mich sinnbefreit strahlend an, während Playboy wohlgefällig mit der Zunge schnalzt und seinem Bunny gönnerhaft den Arm tätschelt.
Ich: “Diese Pille muß spätestens 72 h nach Geschlechtsverkehr eingenommen werden – die Zeitspanne ist so groß, daß es völlig ausreichend wäre, sie später bei ihrem Gynäkologen rezeptieren zu lassen. Das hier ist KEIN Notfall und nächstes Mal werden sie auch mitten in der Nacht kein Rezept mehr bekommen!”
Er (meine gerade getätigte Ansage völlig ignorierend): “Sach mal, Doktor – wie ISS das eigentlisch mit die Eisprung – datt hab isch nämlisch noch nie kapiert…?!”
Ich schließe kurz die Augen und zähle still bis 10 – dann drück ich Bunny ihr Rezept in die Hand und verlasse grußlos den Ort des Geschehens. Wenn ich mich jetzt schnell ins Bett lege, hat das alles vielleicht gar nie statt gefunden…