Tag-Archiv | Dienst

Circus HalliGalli…

“Mom? Mom! MOM!?”

“Hmmmmmm…..?”

Schlaftrunken öffne ich mein rechtes Auge und erblicke mein völlig derangiertes Spiegelbild in den Augen meines drittgeborenen Kindes.

“Mom!” wiederholt es erfreut und lässt seine Zähne vor meiner Nasenspitze blitzen. “Was tust du?”

“Rückenschwimmen” murmel ich ungnädig und schließe das Auge wieder. Viel zu hell, viel zu müde.

“MOM!”

Kind drei männlich ist nicht das, was man allgemeinhin als “geduldig” bezeichnet. Ich öffne also mein Auge erneut, wohl wissend, das Junior erst dann das Feld räumen und mich in Frieden weiter schlafen lassen würde, wenn er befriedigende Antwort auf das aktuelle Verlangen bekommen hätte.

“Was.Ist?”

“Warum schläfst du?”

Juniors Gesicht befindet sich immer noch nur Millimeter von meinem entfernt, was mich ein wenig irritiert.

“Sohn – sei doch so nett und gib mir wenigstens so viel Platz, dass ich mein zweites Auge auch noch auf bekomme.

Ich bekomme den Platz. Wenn auch widerwillig, denn Kind Nummer 3 ist ein Kontakttierchen. Je näher, je besser. Muss in seinem früheren Leben ein Känguru gewesen sein.

“Warum schläfst du?”

“Weil ich müde bin?” Gibt es noch andere Alternativen? Ich überlege, aber mir fällt nicht wirklich eine ein.

“Warum bist du müde? Es ist Viertel nach Zwei?”

Der Nachwuchs ist ein recht hartnäckiges Känguru, soviel ist mal klar.

“Weil ich vielleicht Dienst hatte? Und nicht wirklich zum Schlafen gekommen bin?”

“Ah. Okay…!” Immerhin – verständnisvoll ist er ja, der Kleine. Streichelt mir jetzt mitfühlend über den Arm, während er angstrengt durch mich hindurch stiert. Da kommt noch was – ich merk das schon…

“Aber – warum hast du denn nicht im Dienst geschlafen?”

Verdammt gute Frage. Die Antwort: Man hat mich schlicht nicht schlafen lassen…

Sonntag, 8:00 AM

Knackige Übergabe im Kreißsaalstützpunkt. Das Bambi, diensthabende Ärztin des Vortages, hat tiefe, dunkle Ringe unter den Augen – zwei schwangere Aufnahmen mitten in der Nacht, dreimal Ambulanz (Harnwegsinfekt, Harnwegsinfekt und Frau mit Langeweile auf der Suche nach Zerstreuung) dazwischen, eine Geburt und kein bisschen Schlaf – die kleine Assistenzärztin ist augenscheinlich mit den Nerven am Ende. Im Orbit kreissen derweil insgesamt noch 5 weitere Schwangere – it´s Showtime!

8:15 AM

Visite mit Schwester Elvira, die schlecht gelaunt und mit mürrischem Blick hinter mir her von Zimmer zu Zimmer trottet. 25 Patientinnen warten hier auf Trost und Ansprache, Verbandswechsel und Drainagen-Entfernung. Witwe Bolte aus Zimmer 0815 diskutiert 10 Minuten lang ausführlich ihr gesamtes Verdauungssystem sowie jeden einzelnen Stuhlgang der letzten drei Wochen mit mir, während Chantalle-Schakkeline Jung aus dem Nachbarraum über Schwindel und Unwohlsein klagt.

“Schwindel und Unwohlsein BEVOR oder NACHDEM sie heute morgen geraucht haben?”

Die kleine Frau errötet hold bis unter die Haarwurzeln – hatte mich gar nicht gesehen, als ich vorhin an ihr vorbei zur Arbeit lief. Ich sie schon – gemütlich rauchend und kein bisschen leidend. Unverblümt teile ich dem Chantalle mit, dass ich sie heute, an Tag 5 nach absolut unauffälliger Bauchspiegelung nach Hause zu schicken gedächte, und nein, krank schreiben ist nur bis zum kommenden Tag möglich und keinesfalls bis August 2013, hörmma, JETZT ABBA!

Chantalle-Schakkeline versucht es noch mit der Tränendrüsen-Nummer, da sind wir auch schon weiter gezogen. Leben ist kein Ponyschlecken, soviel ist mal klar.

9:00 AM

Pünktlich zum Ende der Visiten-Nummer rappelt das Diensttelefon und ruft zur Geburt – im meerblauen Kreißsaal Nummer I liegt Frau Müller-Lüdenscheidt in der himmelblauen Gebärbadewanne und stöhnt laut und anhaltend vor sich hin, während O-Helga, die Oberhebamme, beruhigend auf sie einredet.

“Schön. Ja. Weiter. So ist es gut. So. Ja. JA. JAAAA!”

Geburtshelfer sind so verschieden wie Sommerblumen auf einer Bergwiese. Es gibt die

- Cheerleader – “Yeah! Baby – Yeah. Super-Schön Machst-Du-Das – YeahYeahYeah!” *PomPomsSchwing* ,

- die Mutterflüsterer – “Du, das ist gaaaanz schön, was du da machst, Sonja-Beate. Das fühlt sich so ganz und gar richtig an und kraftvoll und stark, ich fühl das ganz arg deutlich. Und wenn du jetzt magst, Sonja-Beate, dann atme doch mal ganz arg doll zu Marvin-Tscheremeier hin, du, ja?”. Es gibt

- die Schreier – “Ja. Jaaa. Jaaaaaaa. JAAAAAA. JAAAAAAAAAAAAAAAAA!!!!! und dann auch noch

- die leisen Menschen – “Schön. Ja. Kleiner Schubs noch. ……. Prima. Ist da.”.

Ich persönlich bin eine gute fifty-fifty-Mischung aus Cheerleader und Schreier

“Ja! JA! SUPER! Das ist TOLL! Sie machen das GROSSARTIG! Ich sehe Haare! Schwarze, blonde, rote, gelockte, keine Haare! Es kommt! Es ist fast da! JA! Oh mein Gott! JA! HURRAAAA. ES KOMMT. ES KOOOHOOOOMT. ES.KOOOOMT. JEEEEHEEETZT!!! *räusper* – was soll ich machen – ich kann nicht anders :)

O-Helga hingegen ist das genaue Gegenteil von mir. Kann mit drei Worten ein Kind rausreden, auf das ich zuvor zwei Stunden lang eingebrüllt habe. Okay – kann man irgendwie verstehen. In jedem Fall ist ein Doppeleinsatz von mir und der alten Oberhebamme extrem unterhaltsam.

Ich: “Super! SUPER! Das machen sie SUPER!”

O-Helga *streng*: “Josephine – Klappe!”

Ich *kleinlaut*: “Mönsch, O-Helga! Bisschen anfeuern?”

Unerbittlich schüttelt die kleine Hebamme den graubehaarten Kopf und so klappe ich meinen Mund wie geheißen zu. Dann kommt die nächste Wehe, Frau Müller-Lüdenscheidt presst…

O-Helga *ruhig*: “Jaaa…….!”

Ich *hibbel*: “Hmpffffff….”

Und dann ist es da! Rausgeploppt. Unkompliziert. Und schwimmt verträumt in der Wanne umher. Während O-Helga es mit fachmännischem Griff einfängt und der erschöpften Mutter an die nasse Brust drückt, verabschiede ich mich zügig in Richtung Ambulanz, wo um…

9:15 AM

…15 Patientinnen sitzen. Fünfzehn. In Worten: FÜNFZEHN!!! Sind die alle bescheuert, oder was?

Ich *schockiert*: “(Schwester)Notfall – sind die alle bescheuert?”

Notfall schlürft ungerührt an ihrem Kaffee, während sie mir mit links einen Stapel Akten entgegenhält “Mehr oder weniger” brummt sie schlecht gelaunt und schiebt mich ins nächstgelegene Untersuchungszimmer, zu einer Blutung in der Frühschwangerschaft.

Dann zu Schmerzen in der Frühschwangerschaft, einem Scheidenpilz, einem Harnwegsinfekt, Schmerzen im Unterbauch ohne Schwangerschaft, Pille danach, Angst vor Krebs, einem verlorenen Tampon, einer akuten Kinderlosigkeit, einem (negativen) Schwangerschaftstest, noch einem Harnwegsinfekt, einer stationären Aufnahme bei großer Eierstockszyste, einer Frau mit Magenschmerzen (Note to self: Internisten umbringen wegen gemeiner Patientenannahmeverweigerung) und einer Spätschwangeren mit fraglicher Wehentätigkeit. Um

1:00 PM

sitze ich gerade mit Luigi und Anästhesist Sandmann beim Mittagessen, als das Handy bimmelt und “schlechtes CTG” vermeldet – 33jährige Erstgebärende, laaaaaaanger kindlicher Herztonabfall ohne Erholung. Ich heisse Hebamme Ludmilla den Notfallknopf betätigen und hetze zum Kreißsaal, Luigi und den Sandmann einvernehmlich im Schlepptau.

Im Kreißsaal angekommen ist bereits alles vorbereitet: Ludmilla und O-Helga haben die Frau schon im Not-OP auf den Tisch gepackt, sodass Sandmann direkt seine Anästhesie vorbereiten kann, während Luigi und ich uns in die sterilen Handschuhe schmeissen.

“Luigi, Junge – ich bin froh, dass du da bist!” flüster ich noch, bevor der Anästhesist mit erhobenem Daumen das OK zum Schnitt gibt. Alleine notsectionieren ist immer doof, und da der Oberarzt von ausserhalb kommt, ist die Nummer bei seinem Auftritt meist gelaufen. So auch heute – routiniert assistiert der kleine Chirurg meine Sectio und in nicht einmal einer Minute haben wir einen kleinen, mässig schluffigen Jungen aus der warmen Körperhöhle seiner Mutter gepuhlt. Als Oberarzt Napoli mit rotem Gesicht und schwer atmend schließlich doch noch im Kreißsaal aufschlägt, sind der Aufschneider-Kollege und ich bereits am Zunähen, während der Kinderarzt Entwarnung von der Babyfront erteilt.

2:00 PM

Auf Station steppt der Bär. Und Frau Wuschig. Die siebenundneunzigjährige, demente aber unglaublich mobile Brustkrebspatientin hat sich unerlaubt vom Acker gemacht und besucht die Nachbarinnen der Nebenzimmer, während Schwester Clementine verzweifelt versucht, sie ins eigene Zimmerchen zurück zu bugsieren, was Frau Wuschig wiederum nur mit erneutem Fluchtversuch quittiert. Frau Kaiser-Beulenstein, Zustand nach Ausschabung vor zwei Tagen möchte wissen, ob sie nicht vielleicht noch die Blase gehoben bekommen könnte (Jetzt. Heute. Hier – wenn sie denn schon mal da sei…?!), während Frau Haubentaucher, 45 Jahre, Privatpatientin, nach dem Chefarzt der Inneren Medizin verlangt, um sich mit ihm ausführlich über ihr seit mehreren Jahren bestehendes Sodbrennen auseinander setzen zu können.

Ich hänge drei Blutkonserven an, verteile Medikamente, Verbände, Portnadeln und Viggos, ich unterschreibe gefühlt 1000 Laborzettel, Röntgen- und sonstige Befunde, schreibe Konsilanforderungen und Apothekenlisten, drei Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen, ein Attest, fünf Briefe und einen OP-Bericht.

Ich sehe noch fünf Schwangere in der Ambulanz, nehme zwei davon auf. Beide entbinde ich im weiteren Verlauf des Tages. Ich mache ein Konsil für den Kollegen Luigi (eine Hand wäscht schließlich die Andere), zwei für den Internisten (der im Gegenzug Frau Haubentaucher besucht und sich geschlagene 40 Minuten lang die unglaubliche Geschichte ihres Sodbrennens anhört. Ohne weitere Konsequenz, versteht sich!). Ich esse drei Stück Streuselkuchen, ein Snickers, trinke eine Vanillemilch und einen Liter Kaffee. Bereue nach wie vor, Nichtraucher zu sein, sonst könnte ich immer mal wieder für zwei Minuten zum Quatschen auf den Personal-Raucher-Balkon flüchten, und falle um…

11:00 PM

…totmüde ins Dienstbett. Komplett mit Kittel, Telefon, Kugelschreiber und anderem Schnick-Schnack. Um…

11:20 PM

…eiere ich völlig benebelt zu einer weiteren Geburt nach Kreißsaal II, fliederfarben, nähe eine Dreiviertelstunde lang an dem riesen Riss herum, den das 4600 g-Baby seiner Mutter verpasst hat, gehe dann, ohne über Los zu gehen oder nur annähernd 400 Euro zu ziehen Richtung Ambulanz, wo weitere 7 Patientinnen freundlich lächelnd und mit mehr oder minder ausgeprägten Beschwerden auf mich warten. Die da wären:

- Brennen in der Scheide.

- Herpes in der Scheide.

- Spermien in der Scheide. Verzeihung: Pille danach!

- Bauchschmerzen. Überall. Eigentlich Ganzkörperschmerzen. Aber besonders Bauchschmerzen.

- Brennen beim Wasser lassen.

- Frühschwanger. FrühESTschwanger. Erster Tag oder so. Im Ultraschall noch nichts zu sehen. Stationäre Aufnahme zur weiteren Überwachung abgelehnt. ICH hab es abgelehnt!

- Rechtsseitiger Unterbauchschmerz mit dringendem Verdacht auf Eileiterschwangerschaft. Eileiterschwangerschaft im Ultraschall bestätigt. Oberarzt Napoli angerufen und mitgeteilt, dass wir operieren müssen. Stat! Mörder-Anschiss von Oberarzt eingefangen, der “mitten in der Nacht! Wissen Sie, wie spät es ist? MITTEN IN DER NACHT! Da hab ich einfach KEINE LUST ZUM OPERIEREN!” hat, aber nichts desto Trotz natürlich doch kommen muss und das auch tut.

Eine Stunde lang mit einem nölenden, maulenden, motzenden Mini-Italo-Oberarzt am Tisch gestanden und zugesehen, wie meine Lieblings-OP-Schwester Goldi genervt Augen rollt, als wären sie Roulette-Scheiben. Um…

3:00 AM

…erneuter Schlafversuch, welcher von Hebamme Gloria-Victoria mit einer neuerlichen Geburt zunichte gemacht wird. Nach 2 Stunden vergeblichen Entbindungsversuches ist klar: Dieses Kind kommt da nur per Kaiserschnitt raus.

Also erneut Oberarzt Napoli angerufen, der mich extra über Handy zurück ruft, um während seiner Fahrt vom Napolitanischen Zuhause in den Kreißsaal-OP weiter herumbrüllen zu können “Mitten in der Nacht! Hallo??? MITTEN IN DER NACHT…!” Ihr wisst schon.

Am OP-Tisch jetzt OP-Oberschwester Ottilie, dienstälteste Schwester überhaupt, die nach 3 Minuten genug von Napolis Gemaule hat und das auch genau so weiter gibt: “Francesco? Halt jetzt VERDAMMT NOCH MAL die Klappe – das ist ja nicht zum aushalten mit dir!”

YEEEEES – gib es ihm! Ottie vor!!!

Napoli holt noch einmal tief Luft, errötet sichtbar unter seiner OP-Haube – und schweigt. Gegen Schwester Ottilie ist selbst er machtlos – diese Frau hat locker 30 Jahre Berufserfahrung Vorsprung, kannte den cholerischen Italiener noch zu Zeiten, als er medizinisch ein völlig unbeschriebenes Blatt und nicht immer die hellste Kerze auf dem Kuchen der Gynäkologie war. Napoli weiss das. Und Ottie weiss, das er weiss, das sie weiss. Und so beenden wir in himmlischer Stille und seltener Eintracht diese Entbindung. Um…

7:30 AM

…übergebe ich Chefarzt Böhnlein und den müde dreinschauenden Kollegen meinen Dienst und mache mich erschlagen und matt vom Acker, mümmel Zuhause noch ein Brötchen und zwei Tassen Kaffee in mich hinein, wasche ein bisschen Wäsche, kaufe schnell frisches Brot und bring noch schnell den Hund vor die Tür, bevor ich um …

11:30 AM

…völlig erschlagen auf meiner Couch lande.

Der Rest – siehe oben – ist Geschichte… :)

Rutschen sie um Gottes Willen NICHT auf ihrem Erbrochenen aus…!!!

Ja, okay, ich gestehe: ich habe eine heimliche Schwäche für diese Videos. Denn unter all ihrer Monotonie sind sie einfach nur wahr. Real life! So und nicht anders läuft es tagein, tagaus in den Ambulanzen und Kreißsälen dieser Welt. Und wer es nicht glaubt, der soll gerne einmal eine Nacht lang mit mir oder dem Mediziner seines Vertrauens Dienst schieben. Dann werdet Ihr schon sehen… :-D

Dieses Video (siehe gaaaaaaanz unten – aber erst den Blog-Eintrag lesen, gell? ;)) hat mir gestern snusnu verlinkt (danke dafür! I Love It!) – und es ist unfassbar, dass Frauen WELTWEIT (oder zumindest auf dem nordamerikanischen Teil unserer Welt) mit exakt denselben Gründen und auf alle Fälle IMMER sonntagsmorgens um 3 Uhr in den Ambulanzen auflaufen um… – aber lest selbst

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Sonntagmorgen, irgendwann gegen drei Uhr, Dienstzimmer

*RIIIIIING*

Ich (völlig verpennt): “Hmmm????”

Notfall: “Josie – Arbeit!”

Ich (mit einem Bein immer noch im Traumland): “Hm?”

Notfall: “Schwanger. 38. Woche!”

Ich: “Komme!”

*RIIIIIING*

Ich (jetzt immerhin mit einem geöffneten Auge): “HM???”

Notfall: “Du bist wieder eingeschlafen!”

Ich (zu verschlafen, um empört zu klingen): “Komme!”

Notfall: “Ich bleib dran! Los – raus mit dir!”

Ich (jetzt endlich wach): “Alles klar, Schwester, bin wach. Gib mir zwei Minuten!”

Nachdem ich aufgelegt habe, torkel ich aus dem Bett zum Stuhl gegenüber, steige in meine Hose und zieh den Kittel über. Dann gurgel ich schlaftrunken mit Mundwasser, werfe einen halben Blick in den Spiegel, steige aus der Hose aus und ziehe sie richtig herum an. Anschließend verlasse ich mein Dienstzimmer und stiefel hinunter in die Ambulanz, wo mich eine adrette Mittdreissigerin mit gerunzelter Stirn und wippendem Fuss auf der Liege sitzend schon erwartet. Ambulanzschwester Notfall reicht mir den rosa Einweisungszettel, den der niedergelassene Kollege freundlicherweise schon vor einer Woche ausgestellt hat. “Zur Geburt” steht da.

Ich schüttel der Frau, welche sich als “Frau Hupf-Doldenbach” vorstellt, die Hand und betrachte sie dabei kritisch von oben bis unten. Na – nach Geburt sieht das hier aber noch lange nicht aus…

Ich: “Hallo! Chaos mein Name. Ich bin die diensthabende Ärztin. Was führt sie denn heute Nacht hierher?”

Frau H-D schaut mich an, als hätte ich sie nach der heutigen Sternenkonstellation gefragt und antwortet minimal angezickt: “Na – mein Baby kommt jetzt. Ich habe Schmerzen – da unten!”

Mit “da unten” ist ganz offensichtlich die Scheide gemeint. Oder ein Ort innerhalb der Scheide, wer weiss das schon. Lustigerweise sieht Frau H-D aber kein bisschen nach Schmerzen aus. Notfall hüstelt ein bisschen und vor meinem imaginären Auge sehe ich sie wild Augen rollend auf dem Stuhl in der Ecke sitzen.

Ich: “Okay, Frau Hupf-Doldenbach – und seit wann haben sie diese Schmerzen?”

Frau H-D: “Seit zwei Wochen”

Das kam wie aus der Pistole geschossen. Notfall hüstelt lauter.

Ich (zu müde, um mich aufzuregen): “Seit zwei Wochen – waren Sie denn zwischenzeitlich mal bei Ihrem Arzt gewesen?”

Die Frau nickt jetzt eifrig mit dem Kopf: “Ja, sicher war ich das. Wir haben doch über die Geburtsplanung geredet. Weil mein Frauenarzt ja auch Beleger ist und zur Geburt kommen wird…”

Uuuuh – too much information…

Ich: “Sie waren also bei ihrem Frauenarzt – und haben sie ihm von den Schmerzen erzählt?”

Frau H-D scheint jetzt ein wenig beleidigt, dass ich sie in ihrem Redefluss so dreist unterbrochen habe. “Nein!” blafft sie mich an “das habe ich nicht”

Notfall ist jetzt von hüsteln auf laut atmen umgestiegen, was die Konversation mit der brässigen Patientin nicht wirklich einfacher macht.

Ich: “Sie wissen aber schon, dass ihr Gynäkologe in diesem Krankenhaus gar nicht entbindet?”

“SICHER WEISS ICH DAS! Aber bis ins Krankenhaus “zur schönen Geburt” hätte ich es keinesfalls mehr geschafft! Ich bekomme jetzt mein Kind – also TUN sie endlich irgendetwas!”

Erster Grundsatz der Geburtshilfe: Diskutiere NIE mit einer schwangeren Frau. Bringt nichts. Ausser Ärger und manchmal tieffliegende Nierenschalen. Ich heisse die Frau also seufzend sich frei zu machen um uns auf den aktuellsten Stand zu bringen. Dann…

Ich (zur Abwechslung auch mal mittelbrässig): “Frau Hupf-Doldenbach. Das ist ihr erstes Kind. Der Muttermund ist geschlossen, der Gebärmutterhals erhalten. Sie haben keinerlei Kontraktionen. Und deshalb können sie in aller Ruhe dorthin gehen, wo ihr Gynäkologe Belegarzt ist.”

Die Patientin ist ganz offensichtlich nicht glücklich über das, was ich sage. Nicht glücklich…

Frau H-D (böse): “Aber ich habe SCHMERZEN!”

Ich (erschöpft): “Haben sie ihrem Arzt denn vergangene Woche von den Schmerzen erzählt?”

Frau H-D (sehr böse): “NEIN! Das habe ich nicht!”

Ich (sehr erschöpft): “Sie haben also seit zwei Wochen Schmerzen, von denen sie ihrem behandelnden Arzt aber nichts erzählt haben. Warum ist das dann jetzt, um drei Uhr früh am Sonntagmorgen, ein Notfall?”

Ich höre, wie Notfall sich interessiert auf ihrem Stühlchen zurecht rückt.

Frau Hupf-Doldenbach hingegen denkt kurz über meinen Einwand nach, um dann mal eben flott die Taktik zu wechseln:

“Hören sie” sagt sie, nun schon fast ein wenig versöhnlich “Ich brauche Schmerzmedikamente! Ich halte diese Schmerzen nicht mehr länger aus. Es zieht da unten…” Irgendwo in der Scheide, oder darüber, dahinter, wer weiss das schon genau… “…und mein Rücken schmerzt auch! Alles tut weh! Ich bin es leid, schwanger zu sein – wissen sie?! Ich will, dass dieses Kind da raus kommt. Und ich will etwas gegen die Schmerzen! SOFORT!”

Aaaaah – jetzt kommen wir zu des Pudels Kern….

Ich (immer schön ein- und aus-atmend): “Hören Sie, Frau Hupf-Doldenbach. Ich kann ihnen nicht einfach so Schmerzmedikamente geben. Dazu muss ich sie aufnehmen. Und verschiedene Untersuchungen machen. Dann muss ich es mit meinem Oberarzt besprechen…”

Meine Patientin zieht jetzt ein Gesicht wie mein Jüngster, wenn es keine dritte Portion Nachtisch mehr gibt…

“Aber es schmerzt! Überall!

Ich seufze ein wenig – das hier wird eine lange, eine verdammt lange Nacht werden…

“Ihr Muttermund ist geschlossen, der Gebärmutterhals erhalten und sie sehen wahrhaftig nicht aus, als befänden sie sich unter Geburt…” Warum erzähl ich das alles? Sie wird es nicht verstehen wollen!

Patientin (jetzt mittelbrächtig aufgebracht): “Das ist mir EGAL! Ich brauche Medikamente! Und ich brauche einen Ultraschall!”

Ich (verwirrt): “Aber – wozu brauchen sie einen Ultraschall?”

Patientin (völlig aufgebracht): “Damit ich endlich weiss, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird! Wie soll man sich denn auf sein Kind vorbereiten, wenn man noch nicht einmal das Geschlecht kennt? Hm????”

Okay – von dieser Seite habe ich es auch noch nie betrachtet…

Patientin (jetzt komplett ausser Rand und Band): “Ich will Schmerzmedikamente! Und einen Ultraschall! Ich will, dass dieses Kind jetzt kommt! Mir ist schlecht!”

Übergibt sich….

Ich (völlig baff): “Notfall – würdest du liebenswürdigerweise Eimer und Lappen holen?”

Notfall sprachlos zu sehen ist in etwa so häufig, wie eine totale Sonnenfinsternis über Nordeuropa. Dennoch wackelt sie gehorsam los auf der Suche nach dem gewünschten Gerät, während ich mich erneut meiner Patientin zuwende, die sich jetzt ein wenig beruhigt zu haben scheint.

“Seit wann erbrechen sie sich denn?”

Aufmüpfig schaut mir die Frau in die Augen und meint dann, langsam und nachdrücklich: “Ich erbreche, wenn der Schmerz zu arg wird. Geben.Sie.Mir.Schmerzmedikamente! Oder ich erbreche wieder!”

Und als wolle sie das Gesagte nochmals extra unterstreichen, stösst sie ein klein wenig auf. Dann, quasi im selben Atemzug:

“Ich habe Hunger. Könnte ich etwas zu Essen haben? Und dicke Socken? Saft? Ausserdem ein paar Snacks für meine Cousine, Schwester und den Vater des Kindes?”

Ho-ho-ho! JETZT wird es lustig hier…

Ich (streng): “Nein! NEIN! Sie hingen jetzt eine Stunde lang am CTG – und da war nicht die kleinste Wehe nachweisbar! Ihr Muttermund ist geschlossen, der Gebärmutterhals erhalten. Sie befinden sich definitiv NICHT unter Geburt! Alles klar?”

Menno – das kann doch nicht so schwer zu verstehen sein???

Aus den Augenwinkeln sehe ich Notfall unauffällig winkend im Flur stehen. Ich entschuldige mich kurz und lasse meine Patientin samt dem heimeligen Geruch von frisch Erbrochenem im Untersuchungszimmer zurück. Draussen zieht die Ambulanzschwester mich verschwörerisch beiseite und schliesst leise die Tür.

“Josie” flüstert sie, als könnte Frau H-D uns durch die geschlossene Tür hindurch belauschen “Ich habe gerade mit den Kollegen von der “schönen Geburt” telefoniert – dort ist sie nächste Woche zur Einleitung vorgemerkt! Los – schick sie heim!” Und mit einem aufmunternden Klapps auf die Schulter, schiebt sie mich zurück zu meiner Patientin, die jetzt schmollend auf dem Stuhl neben der Tür hockt.

Ich hole tief Luft und zähle innerlich bis zehn. Was es irgendwie auch nicht besser macht. Dann:

“Also – wir haben jetzt mit ihrem Krankenhaus telefoniert und man sagte mir, dass sie dort einen Einleitungstermin haben, der schon NÄCHSTE Woche ist!” Hurra! Wir freuen uns! Freuen wir uns?…

“Ich habe Schmerzen!”

Nein, irgendwie scheine nur ich mich zu freuen. Und das gleich nicht mehr, ich merk das schon.

Ich (mässig euphorisch): “Und deshalb gehen sie jetzt schön nach Hause, machen sich noch ein paar nette Tage, und wenn die Wehen einsetzen, begeben sie sich DIREKT und OHNE UMWEGE…”

Frau H-D (sehr, sehr böse): “Meine Fruchtblase wird platzen! SIE bringen meine Fruchtblase zum platzen!”

DAS ist neu – das hat mir auch noch keiner nachgesagt…

Frau H-D (völlig aus dem Häuschen): “Sehen sie! SEHEN SIE! Sie ist geplatzt. Die Fruchtblase ist geplatzt! Da läuft Fruchtwasser aus…!”

Zu dem idyllischen Geruch von antrocknendem Erbrochenen mischt sich nun noch das zarte Aroma hochkonzentrierten Morgenurins, während meine Schwangere zu Höchstform aufläuft:

“Oh, es geht los. Es geht loohoooos! Ich muss zur Toilette, ich brauche meine PDA. SOFOOOORT!!!”

Ich fühle mich erschöpft, müde und ausgelaugt.

“Frau Hupf-Doldenbach – ihre Fruchtblase ist NICHT geplatzt! Das ist KEIN Fruchtwasser, sondern Urin! Ihr Kind wird keinesfalls jetzt geboren werden. Hören sie? HÖREN SIE?”

Ich bin mir sicher, die Kollegen im 8. Stock hören mich ganz hervorragend. Bei Frau Hupf-Doldenbach bin ich mir hingegen nicht so sicher…

“Aaaber” greint die Frau jetzt in den höchsten Tönen “ich will das es JETZT kommt! Tun sie etwas! Machen sie etwas! GEBEN.SIE.MIR.ETWAS!!!”

Während Notfall aufgetaucht ist und mit bösem Gesicht beginnt, den Urin und das Erbrochene vom Boden zu wischen, setze ich mich schwach auf einen Stuhl. Ein Blick auf die Uhr verrät, dass es mittlerweile 4.30 Uhr morgens ist.

“Frau H-D…”

Ich fühle mich ausgelaugt. AUFGESAUGT

“…Niemand – und damit meine ich absolut überhaupt garniemand – wird sie völlig ohne Grund einleiten. Nicht hier. Nicht irgendwo! Schon gar nicht mitten in der Nacht. Sie müssen morgen zu ihrem behandelnden Arzt gehen und mit IHM alles weitere besprechen. Verstehen sie? Ich kann hier leider absolut NICHTS für sie tun!”

Frau H-D beugt sich zu mir herüber und starrt mich lange und böse an. Dann:

“Ich will ein Rezept. Und Socken. Ich will Saft und etwas zu essen. Einen Ultraschall will ich! Und wenn ich keinen bekomme, sage ich JEDEM, dass SIE mir eine lebensnotwendige Untersuchung verweigert haben. Ich werde sie verklagen! Ich werde das ganze Haus verklagen!!!”

Ich (mit dem Kopf auf der Tischplatte liegend): “Bitte – gehen sie. Und rutschen sie um Gottes willen NICHT auf ihrem Erbrochenen aus…!”

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Chaos gegen Notfall: Over and Out!

“…DANN KÖNNEN SIE ETWAS ERLEBEN!!!”

*BRÜÜÜÜL*

Ich habe keine Ahnung, WAS genau ich erleben kann, denn Romeos rezidivierendes Herumgetatsche auf meinem Ultraschallmonitor hat mich völlig raus gebracht. Nachfragen ist leider auch nicht mehr, da es am anderen Ende meiner Leitung nur noch aufgeregt vor sich hin tutet. Napoli hat in seinem Wahn offensichtlich den Hörer aufgelegt. Oder den Löffel abgegeben, man weiss es nicht genau.

“Isch ein Junge. Gell, Doc? Das isch ein Junge. Das isch sein Penis, Doc, gell? Da isch der Penis von dem Jungen, Doc, isch doch so! Doc?”

Romeo patscht immer noch völlig entfesselt auf meinen Bildschirm ein und hinterlässt dicke, fettige Fingerabdrücke überall dort, wo eventuell ein kindlicher Penis zu sehen sein könnte. HILFE! Ich bin ein Arzt – holt mich hier raus!!!…

Ich: “NOTFAAAAALL!” *brüll*

Notfall (offensichtlich vom entgegengesetzten Ende der Klinik zurückbrüllend): “KANN JETZT NICHT!”

Ich (weinerlich): “DU MUSST! ICH BRAUCHE HILFE UND UNTERSTÜTZUNG!” Ausserdem einen doppelten Martini auf Eis und ´ne Familienpizza Quattro Stagioni. Aber wen interssiert das schon?!

Romeo (völlig aus dem Häuschen um mich herum hüpfend): “Ein Junge isch´s. Yeah! Romeo hat voll den Treffer gemacht. ALDA! Das isch sooooo abgefahren!”

Einundzwanzig….zweiundzwanzig…dreihundertneunundfünzigtausend….

Von links kommt jetzt Notfall mit mürrischem Gesicht zur Tür herein getrottet, zieht mir das tutende Handy unterm Kinn heraus und bugsiert anschließend Klein-Romeo zum nächsten Stuhl, wo sie ihn energisch hinsetzen und stillsein heisst. Ich wende mich derweil der jungen Mutter zu, die mit ihrer laufenden Nase und den rot geheulten Augen gerade keinen wirklich souverän-mütterlichen Eindruck hinterlässt.

Ich (sanft): “Julia, ich fürchte wir haben ein Problem – dieses Kind ist schon verdammt groß…!”

Doch Julia blickt mich nur verständnislos aus großen, wassergefüllten Baby-Augen an. “ABER…” sagt es dann, sich in feinstes Crescendo schraubend, während die erste Träne die Wimperngrenze überschreitet “…ICH WILL DAS NICHT!”

Nach Tonlage und Lautstäre zu urteilen könnte dies hier auch gut die Tochter des Obercholerikers Napoli sein

Ich (bisschen weniger sanft): “Schätzelein. Das ist jetzt aber leider völlig schnuppe, ob du das wolltest oder nicht. Fakt ist: DU HAST ES SCHON. Und es ist ziemlich genau…”

…mit zusammen gekniffenen Augen positioniere ich die blinkenden Cursor des Ultraschallgerätes auf den beiden äußeren Enden des Embryos, den ich mithilfe der Freeze-Taste formschön auf dem Bildschirm gebannt habe, und schon spuckt der Computer brav die errechnete Schwangerschaftswoche aus…

“…ZWÖLF plus VIER Wochen alt!” WHOW… – Houston, wir haben ein Problem. Und WAS für eins….!

Romeo (wild auf seinem Stuhl herum zappelnd): “Und was heischt das jetzt? Ischts ein Junge, Doc? Häh? Isch doch ein Junge, gell? DOC?”

Ich (schwer ein- und ausatmend. Immer ein- und aus…): “Romeo, ich habe keine Ahnung, welches Geschlecht dieses Kind hat. Aber das es ziemlich sicher zwölfeinhalb Wochen alt ist, darauf geb ich dir Brief und Siegel!”

Das hat gesessen. Mit offenem Mund lässt der kleine Macho sich auf den Stuhl zurück fallen und ich sehe, wie es in seinem Kopf zu arbeiten beginnt. Die Stirn in angestrengte Falten gelegt zählt er nun imaginäre Wochen an seiner linken Hand ab und stoppt beim Ringfinger. Das könnten in der Tat ein paar Tage zu wenig sein…

Und auch bei Julia scheint die Erkenntnis ihren Bestimmungsort erreicht zu haben, denn das monotone Gegreine verstummt so plötzlich, wie es gekommen ist. Stattdessen blickt sie mir zum ersten Mal an diesem Abend direkt in die Augen.

“Das kann nicht sein!” Sagt sie. Und es ist klingt kein bisschen weinerlich mehr. Verblüfft trifft es wohl eher…

In diesem Moment – wie sollte es anders sein…

*RIIIIIIING*

“Menno – ich KANN SO NICHT ARBEITEN!!!”

Süffisant grinsend hält meine Schwester mir das scheppernde Handy unter die Nase. “Es ist für dich!”

Nee, ist klar. Für wen sollte es auch sonst sein? Als ich den Namen auf dem Display lese, möchte ich gerne ein bisschen weinen…

“Ja. Hallo. Dr. Josephine? Sie sind doch Dr. Josephine?”

Nein, ich bin die Königin von England – sie müssen sich verwählt haben…

Ich (freundlich. ÄCHT! Ich schwöre!): “Hallo Frau Bleuler – ja, ich bin Josephine. Wie kann ich ihnen helfen?”

Bleuler (bisschen verstrahlt. Gaaaanz wenig): “Also, ja – äh. Hallo! Hier ist Bleuler. Von der Psychiatrie…!”

Mach Sachen…

Ich so: “Frau Bleuler – ich weiss, wer sie sind. Es steht auf meinem Display. Wo brennt´s denn?”

Mir deucht fürchterliches…

Sie so: “Ach ja. Das Display. Sicher. Sie wissen ja, wer ich bin. Also – ich bin von der Psychiatrie…”

Das Kind auf meinem Ultraschallmonitor ist gerade eine Woche älter geworden…

Sie immer noch so: “…und ich hätte da eine Patientin, die ich ihnen gerne schicken würde!”

Ich (gefasst): “Okay! Und – was hat die Frau?”

JETZT_KOMMT_ES…

Bleuler: “Ja. Gut. Okay. Also – es ist…Nein, es handelt sich um eine Frau. Ähm…fünfunddreissig…-NEIN! Verzeihung! VIERunddreissigjährige Frau. Mit Schmerzen seit…mit akuten Unterbauchschmerzen seit…moment!”

Jetzt hält sie offensichtlich die Sprechmuschel ihres Telefons mit der Hand zu, während sie Fragen an eine Person im Hintergrund stellt. Dann…

Bleuler: “Dr. Josephine? Ja – hier ist Bleuler…”

Tischkante! Was gäbe ich drum, jetzt nur ein winzig kleines Stück aus der Tischkante vor mir abbeissen zu dürfen…

Ich (gewollt empathisch): “Dr. Bleuler – ich WEISS, wer sie sind! Was ist jetzt mit der Patientin…?!”

Bleuler (offensichtlich schwer verwirrt): “Sicher. Das Display. Die Patientin. Also, fünfunddreissig… – NEIN! Falsch – VIERunddreissigjährige Frau mit Unterbauchschmerzen….also – genau: akuten Unterbauchschmerzen seit…

Noch ein bisschen länger, und wir können das Julchen gleich hier auf dem Stuhl entbinden…

Bleuler (ich hör sie durchs Telefon schwitzen): “…dem dritten September!”

*AAAAAAAAAAAARGHLLLLLL*

Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie Notfall monoton mit der Stirn gegen die Wand zum Nachbarzimmer schlägt, ausserdem Romeo, der immer noch gebannt auf die sich öffnenden und schließenden Finger seiner linken Hand stiert und dann den Embryo, der lustige kleine Purzelbäume auf seinem Bildschirm vollführt. Wenigstens einer, der mich ein bisschen aufzuheitern versucht….

Ich: “Hömma, Schwester! Das GEHT jetzt nicht! Zum einen habe ich Frau Fontane heute schon gesehen, zum anderen stecke ich gerade mitten in einer wichtigen Untersuchung.” – Im wahrsten Sinne des Wortes… *räusper* – “Ich fürchte, sie werden versuchen müssen, alleine mit der Frau klar zu kommen!”

Ich höre, wie es am anderen Ende der Leitung trocken schluckt. Bleuler und ich sind uns noch nie persönlich begegnet, aber aus unzähligen Telefonkonsilen VOR Frau Fontane weiss ich mit ziemlicher Sicherheit, dass die kleine Psychologin nichts unversucht lassen wird, die Patientin an mich weiter zu turfen. Nicht aus Bosheit, das nicht, denn Klein-Bleuler ist ehrlich eine Seele von Mensch. Und gäb auch bestimmt eine tolle Psychiaterin ab – wäre da nicht ihre Angst vor Patienten im Allgemeinen und psychiatrischen Patienten im Speziellen…

Bleuler: “Aber – wenn sie doch solche Schmerzen…”

Romeo (fertig gerechnet aus dem Off): “DAS GEHT JA GAR NICHT!”

Au-Ha – war irgendwie klar, das Zwölfplus-Wochen und vier Finger nicht wirklich zusammen geht…

Romeo: “Abba wir sind doch erscht seit vier Wochen z´sammen! Da kann der Bub doch gar nisch so alt sein? Zwölf Wochen irgendwas. Da hascht du disch abba übel verzählt, Doc! Der isch viel jünger!”

Wie sag ichs nur dem Kinde…

Bleuler: “…deshalb wirklich gerne schicken würde…!”

Ich (schwer schnaufend): “NEIN! NICHT schicken! Over and Out!”

Mit diesen Worten lege ich auf. Dann heisse ich das Julchen, sich wieder anzuziehen und Platz zu nehmen, während Romeo ununterbrochen auf mich einredet.

…geht das voll nischt. Isch doch klar….Vier Wochen alt… Escht jetzt, Doc, weischt du…..*brabbel*

Als beide endlich vor mir hocken, hol ich tief Luft und…

*RIIIIIING*

Ich (wild in den Hörer schreiend): “Bleuler – JETZT NICHT!!!”

Nach fünf (!) weiteren, erfolglosen Ansätzen, Romeo und Julia die Gesamtsituation auseinander zu bröseln (weil Bleuler fünf Mal telefonisch dazwischen gefunkt ist) gebe ich schließlich klein bei:

Ich (mit schwachem Stimmchen): “Schick sie einfach rüber, Bleuler. Einfach zu mir rüber schicken…”

Besiegt von einem Häschen mit psychiatrischer Grundausbildung und Global-Angst. Herzlichen Glückwunsch, Josie, das war ganz großes Tennis! Und als wär alles nicht schon verfahren genug:

Romeo (leidlich verzweifelt): “Abba das verschteh isch nisch! Wie kann datt Kind denn schon so alt sein, wenn wir doch erscht seit vier Wochen miteinander… na – du weischt schon!”

Fast tut er mir ein bisschen leid…

Julia: “Weil es eben nicht VON DIR ist!”

So, da isses raus. Komisch, Klein-Jule ist gerade irgendwie kein bisschen greinig mehr. Und das Heulen hat schon vor einer gefühlten Ewigkeit aufgehört. Dagegen scheint ihr Loverboy gerade schwer getroffen…

Romeo: “Du meinscht – du hascht mit einem andern Kerl rum gemacht? Und kriegscht jetzt den sein Sohn?”

Jule puhlt ganz angestrengt in einem größer werdenden Loch ihres Mini-Mini-Mini-Rockes herum bevor sie kaum merklich nickt. Die Stirn in tiefe Runzeln gelegt beisst Romeo sich die Unterlippe wund. Dann:

Romeo: “Abba – wenn du jetzt MEIN Mädschen bischt, dann darf ISCH auch den Namen von den Jungen aussuchen, is´ klar?”

Und bumms: jetzt strahlt das Jule wieder -zugegeben noch ein bisschen verschnupft – und hüpft dann von seinem Stuhl DIREKT auf Romeos Schoss.

Julia: “Wir können den doch Tschäisn-Tschimmi-Pluu nennen! Das ist VOLL der schöne Name! Und dann kaufen wir ihm so Baggy-Pants und ´nen Schnuller mit Totenkopf und so!”

Jetzt strahlt auch Romeo

Romeo: “Ja, Alda, voll abgefahren! Und der kann immer mit zu meine Kumpels gehn – voll abhängen und so!”

Während Notfall immer noch an ihrem Loch in der Wand zum Nachbarzimmer herumhämmert, verlasse ich still das Ambulanzräumchen samt Romeo & Julia, die gerade wieder willenlos übereinander her fallen. Weia – ich bin einfach zu alt, für den Scheiss, ächt jetzt! Das hält doch kein Mensch im Kopf mehr aus…

Doch Flucht nutzt nicht wirklich viel, wenn man imaginär an dieses vermaledeite Telefon gekettet ist.

*RIIIIIIINGGG*

Ich (geladen): “VERDAMMT! LUIGI! WAS IST???”

Luigi: “Ich nehm sie! Fontane! Schick sie mir rüber, Josie, okay?”

HÄH? Wie jetzt….?

Ich: “Luigi – was ist los? Hast du was schlechtes geraucht?”

Luigi (betont unbeteilig): “Nein. Nöö. Neee! Ehrlich. Alles gut! Schick die Frau einfach rüber zu mir, ja?”

Ich: “Aber ich hab sie gar nicht mehr – sie ist über O-WE bei Bleuler gelandet und dann…!”

Luigi: “Alles klar – Tschüss!”

Und aufgelegt! Verwundert starre ich den tutenden Hörer an, drücke das “Aufgelegt”-Knöpfchen, als…

*RIIIIIING*

Alter Verwalter – ganz schlechtes Chakra heute, ganz schlecht…

Ich: “WAS_IST?!”

Obermeier-Wendig (genannt: O-WE): “Heeeeeey, Josephine….!”

Heeeeeeey mit fünfundelfzig “e” – da stimmt doch irgendwas nicht…

Ich: “Jaaaaaaaaaa? Juliaaaaaaane?…”

O-WE: “Liebes….”

BITTÄÄÄÄ???…

O-WE: “…es tut mir so leid, dass ich dir vorhin Ärger mit dieser Patientin gemacht habe, ganz echt, du…”

Hmhm….

O-WE: “…aber als Wiedergutmachung würd ich dir jetzt anbieten, dass ich sie zurücknehme. Also, die Patientin. Jetzt gleich! Okay?”

…..?!?!?!?!?!?…..

Ich: “Sach ma, Juliane – du und Luigi habt nicht zufällig Pott zusammen geraucht? Oder sonstwelche bewusstseinserweiternden Drogen eingeworfen?”

O-WE (jetzt ehrlich empört): “NEIN! Josephine, ernsthaft – wie kommst du denn DA DRAUF?!”

Ich: “Keine Ahnung – aber ich finde es seltsam, dass zuerst keiner die Frau wollte, und jetzt will sie mit einem Mal jeder haben? Kapier ich nicht! Aber egal wie – die Frau ist sowieso nicht hier. Bleuler hat sie und…”

….tut….tut….tu….tut….tut….tut….

HALLO?! Falscher Film oder was?

*RIIIIING*

Müde lass ich mich in unserer Ambulanzküche am voll gestellten Tisch nieder, nehme mir einen Apfel aus der Obstschale und beisse genüsslich rein, bevor…

Ich: “…Hmpf?…”

Bleuler: “Dr. Josephine? Sind sie das?”

Ich: “…Hmpf!…”

Bleuler: “Wissen sie – ich bin es – Bleuler, aus der Psychiatrie…!”

*RUUUUUUUUMMS* (Kopf -> Tischkante)

Bleuler: “Ja, genau – ich wollte fragen – Frau Fontane…also – die Patientin, die ich ihnen vorhin angekündigt hatte….Sie wissen doch, fünfund… – nein: VIERunddreissigjährige mit Unterbauchschmerzen – DIE Patientin! Also – wenn DIESE Frau wieder bei ihnen ankommt – könnten sie sie dann eventuell gleich wieder zurückschicken? Hierher. Zu mir. In die Psychiatrie. Weil – ich würde sie dann doch gerne behalten wollen, weil…

Den Grund erfahre ich nicht mehr, da justamente in diesem Augenblick die Schwester zur Tür herein gestürmt kommt, wild mit einem Zettel wedelnd.

Notfall (triumphierend): “Ich WEISS jetzt, was lost ist!”

Ich: “SCHIESS_LOS! Ich bin gespannt wie´n Presslufttacker!”

Notfall (hinterhältig grinsend): “Ich will ´ne Pizza dafür!”

Ich: “Bitte – WAS? Wieso Pizza? ICH bekomme die Pizza, weil ICH hatte MEHR Treffer als du. So sind die Regeln!” Hallo? Da kann ja jeder kommen…

Notfall (betont gelangweilt): “Na gut – dann nicht. Wie du willst. Aber glaub mir – DIESE Pizza wird dich verdammt teuer zu stehen kommen…” Und faltet das Stück Papier, mit dem sie mir gerade noch vor der Nase herum gewedelt hat, betont sorgfältig auf Briefmarkengrösse.

Soso – teuer zu stehen…Irgendetwas wirklich wichtiges muss es ja sein, wenn plötzlich alle so auf Frau Nervensäge abfahren, nachdem sie zuvor noch jeder dringend loswerden wollte. Vielleicht sollte ich ja doch…

“Bleuer” rufe ich ins Telefon, wo der kleine Psychiatrie-Hase immer noch in Monster-Schachtel-Sätzen vor sich hinsabbelt und meine Abwesenheit gar nicht bemerkt zu haben scheint. “Bleuler, sorry, aber ich behalte Fontane dann doch lieber selbst. Mach´s gut und ruf mal wieder an!

Und drohend zur Schwester gewandt: Wehe du hast mich verschaukelt!”

Denn dann hätte ich ein ernsthaftes Problem: Patientin mit null gynäkologischen Beschwerden aufgenommen für nix – dafür wird man ans Westtor genagelt, vor Sonnenaufgang, so wahr ich hier stehe. Doch die Schwester hält Wort. Akribisch faltet sie ihren Briefmarkenzettel auseinander und hält ihn mir dann mit einem aufmunternden “TATAAAAA” ins Gesicht.

OOOOOH JA! Alles ist gut! Die Nacht gerettet und Schwester Notfall bekommt eine Familienpizza mit Sonderbeilage. Ganz ächt jetzt!

Des Rätsels Lösung? Nun – wie sich wohl erst im dritten Anlauf (und bei Ummeldung der Patientin in die Vierte und bis dahin letzte Abteilung) herausgestellt hat, ist Frau Fontane tatsächlich PRIVAT VERSICHERT! 5-Sterne-Deluxe-Patientin, Einzelzimmer und Chefarzt-Behandlung im Preis inbegriffen. Heisst auf deutsch: jeder Tag, den die Gute jetzt stationär bleibt, gibt es Kohle dafür. Was selbstredend ein jedes Chefarzt-Herz erfreut. Und da sich die frohe Kunde des Versicherungsstatus wohl in Windeseile unter den Kollegen der anderen Fachabteilungen ausgebreitet hat, wollte nachträglich jeder dem jeweils eigenen Chef eine Freude machen. Und ganz nebenbei ein paar Steine ins imaginäre Brett klöppeln.

Und auch wenn Frau Fontane IMMER noch kein gynäkologisches Korrelat zu ihren Schmerzen vorweisen kann, bekommt sie jetzt wenigstens ein leidlich bequemes, höhenverstellbares Bett mit Fernbedienung. Und jeden Tag zweimal vom Chef persönlich die Hand geschüttelt. Ich denke, das wird ihr gefallen…

So ist das eben, die einen gehen für ihr Geld gerne in ein hübsches Hotel, die anderen ins Krankenhaus ihrer Wahl. Oder wie Omma immer zu sagen pflegt: “Jeder Jeck ist anders!”

Chaos gegen Notfall: Und es geht einfach IMMER weiter…

Froh, Frau Fontane doch noch los geworden zu sein, hänge ich nun über den üblichen zwei Dutzend Formularen, die pro ambulanter Patientin ausgefüllt sein müssen, und schreibe mir stöhnend die Finger wund.

“Bin ich Sekretären? NEIN, bin ich nicht. Aber warum komme ich mir vor, als wäre ich Sekretärin? Weil ich in zwei Nachtdiensten mehr Papier vollschreibe, als Frau Löblich in zwei Wochen!”

Norma Löblich ist des Chefs Sekretärin, ein wahrer Ausbund an Arbeitseifer und eine Rakete an der Tastatur. Ich schwöre: Ich bin schneller!

“Warum muss ich für EINE Patientin FÜNFHUNDERT verschiedene Papiere ausfüllen, huh???” – Frustriert hämmere ich auf die vorsintflutliche Computertastatur ein – “Warum muss ich ÜBERHAUPT irgendetwas ausfüllen? Sechs lange Jahre Medizinstudium – ich sollte nichts anderes tun müssen, als Menschen zu heilen! Kinder zur Welt bringen! HERZEN transplantieren!” MENNO!

Okay, vielleicht rede ich mich gerade ein wenig in Rage, denn es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass ich in diesem Leben noch mal ein Herz transplantieren werde. Aber weil ich doch gerade so schön in Fahrt bin…

“Überhaupt – wer schreibt heute noch irgendetwas in olle Papierakten? Im Zeitalter von Gigabyte und RAM? Papier ist out. Over AND out. Dammich noch eins…!”

Dammich ruhig ist es hier…?!

“Notfall?…”

Suchend dreh ich mich auf meinem Höckerchen einmal um die eigene Achse…

“NOTFALL???” *brüll*

Erschrocken fährt meine Schwester von ihrer Liege hoch, wo sie gerade gemütlich vor sich hin genickt hat, und blickt verwirrt um sich. “Häh? Was ist los? Biste bescheuert, Josephine? Warum brüllst Du hier so rum?”

“Es wird nicht geschlafen während ich arbeiten muss” muffel ich beleidigt “hol lieber mal die Nächste rein, sonst sitzen wir morgen noch hier!”

Eingeschnappt klettert Notfall vom Notbett und zupft sich mit säuerlichem Gesicht den Kittel zurecht

“Jawohl, Mylady. Sofort, Mylady. Darf es zuvor noch etwas sein? Tässchen Baldrian? Krümelchen Valium?”

Sehr witzig – ich lach mich tot!

Notfall zieht beleidigt von dannen. Draussen höre ich sie rufen “Frau Kunkel-Heinzmann – bitte! Dr. Chaos geruht sie jetzt zu empfangen!”

Leidlich verwirrt kommt die Patientin hinter der Schwester zur Tür herein gestiefelt und blickt sich suchend um. Wahrscheinlich erwartet sie bei “geruhen” und “empfangen” den Chefarzt zu treffen. Oder besser noch: Professor Brinkmann! Ich blitze die Flunsch ziehende Schwester böse an, die jedoch hoch erhobenen Hauptes an mir vorüber und zur anderen Tür hinaus stolziert.

“…dringend Kaffee. Bei der Laune…” hör ich es noch brummen, dann ist sie weg. Auch gut. Dann arbeite ich eben alleine weiter. Pfff…

“Frau Kunkel-Heinzmann, nehmen sie Platz und erzählen sie kurz, was sie hierher führt” – zu nachtschlafender Zeit und ohne den kleinsten Anschein eines bestehenden Notfalls. Hab ich natürlich nicht laut gesagt!

Nun – Frau Kunkel-Heinzmann hat einen bösen, bösen Scheidenpilz (seit vorgestern) und benötigt die gute, gute Scheidenpilzcreme (rezeptfrei in ihrer Apotheke erhältlich). Mit einem Privatrezept über ebendiese und leicht angesäuert (“Abba dann muss ich die ja selber zahlen…?!) zieht sie zehn Minuten später wieder weiter. Ich mache den tausendneunundsiebzigsten imaginären Strich hinter “unnötige Ambulanzvorstellung” und wir kommen endlich zum Höhepunkt der heutigen Abendbesetzung: der fraglichen Pille danach!

“NOTFALL!!!” *brüll*

Auftritt der Schwester von rechts, den obligatorischen Kaffepott in der Hand. Immer noch beleidigt…

“Komm schon, Notfall…!” setze ich versöhnlich an, als

*RIIIING* - Diensttelefon!

Ich: “Josephine – im Chaos? Wer stört?” – Okay, ich weiss schon, wer stört. Steht ja auf dem Display. Der Chirurg ist´s. Und mir schwant übles…

Luigi: “Josephine – ich bins!”

Ich: “Isses wahr…?!”

Luigi: “Du hast mir da eine Patientin geschickt…”

Ich: “Frau Fontane – Und?”

Luigi: “Die hat nix…!”

Ich: “Ach nee!…”

Luigi: “…Nix CHIRURGISCHES!”

Ich: “Sorry! Willst du eine Beileidskarte?”

Luigi (verständnislos): “Häh? Nein! Du sollst sie zurück nehmen!”

Ich: “Ich soll bitte WAS?”

Hat der noch alle Latten am Zaun???

Luigi (verschwörerisch flüsternd): “SIE_ZURÜCK_NEHMEN!”

Ich: “Und warum sollte ich so etwas dummes tun?”

Luigi (jetzt ein bisschen empört): “Na – weil sie einfach nix hat! Und weil sie doch eine Frau ist!”

Ich (streng): “Luigi, mein Guter – dann schick sie gefälligst nach Hause!”

Luigi: “Aber wenn sie doch nicht WILL!” Jetzt weint er fast ein bisschen am anderen Ende der Leitung “Du wirst es nicht glauben – sie hat damit gedroht, sich so lange in der Umkleidekabine einzuschließen, bis ich sie stationär aufnehmen!”

Ich: “Na – dann mach das doch einfach. Soll sich halt dein Tagdienst morgen damit rumschlagen!”

Luigi (jetzt wirklich fast am heulen): “Aber Messer wird mich UMBRINGEN!”

Oberarzt Dr. Messer ist Luigis Pendant zu meinem Doktor Napoli – der fachärztliche Hintergrund. Und Messer ist ein Chiurg vom alten Schlag: groß und furchteinflössend. Luigi selbst geht mir bis etwa zum Bauchnabel und ist so beängstigend wie Winnie the Pooh.  Ich sehe es bildlich vor mir, wie er seinem Oberarzt zur Frühbesprechung klar zu machen versucht, dass er eine (chirurgisch) kerngesunde Frau in einem Krankenhausbett für schlappe 350 Euro pro Tag zwischengeparkt hat. Das wird NICHT lustig…

Ich: “Luigi – ernsthaft, ich fände es ungemein traurig, wenn Messer dir morgen den Kopf abreisst, ihn anschliessend in Beton giesst und dann irgendwo in den unendlichen Weiten der Tuntra verscharrt, aber ich habe gerade selbst zu tun. Lass dir etwas einfallen!”

Dann leg ich auf.

Notfall: “Fast tut er mir ein bisschen leid…!”

Ich: “Nix da – der ist immerhin alt genug, um jede Krankenschwester zu poppen, die nicht bei drei auf dem Baum sitzt. Dann kann er auch mal Mann genug sein, sich gegen seinen Oberarzt zu wehren. Wollen wir jetzt bitte unser beinah poppendes Pärchen herein holen?”

Notfall: “Pfff – als ob DU jemals irgendjemand irgendwoher holst…!”

Doch dann wackelt sie brav nach draussen und holt Romeo & Julia herein.

Es dauert seeeeeehr lange, bis sich die beiden Turteltäubchen im Wartezimmer auseinander dividiert und leidlich wieder angezogen haben, dann kommen sie giggelnd und kichernd zur Tür herein gehöppelt, reichen mir giggelnd und kichernd die Hand und setzen sich mir giggelnd und kichernd gegenüber. Auf EINEN Stuhl. Ist klar! Kaum hingesetzt wandert Romeos Hand auch schon wieder unter die Bluse seiner Julia.

Das glaub ich ja nicht – haben die Drogen genommen oder was?

Ich (mütterlich autoritär): “So, Mädels, jetzt mal Schluss mit Petting hier, das ist eine Ambulanz und kein Freudenhaus! Was wollt ihr!”

Während Romeos Hand sich ungeniert weiter ihren Weg zu Julias jugendlich prallen Brüsten bahnt, blitzt der Kleine mich böse an und blafft: “Hey, Doc,´schbin doch kein Mädschen!”

Eh – nee, Schnellmerker!

Ich (kurz vor unwirsch): “WAS_WOLLT_IHR?!” Lest es mir von den Lippen ab!

Julia: ”Die…hihihi….Pille….Schatz – LASS DASgiggel …danach!!!

Trommelwirbel – Fanfarenstösse! Werft Konfetti!

Notfall steht schon grinsend mit Pinkelbecher und Schwangerschaftstest neben mir.

Ich: “Hier, Julia – einmal vollmachen bitte!”

Verdattert schaut das kleine Ding mich an “Abba – warum das denn? Ich hab nix an der Blase?”

Notfall rollt beeindruckend mit den Augen, während sie es sich wieder auf der Liege bequem macht, den dampfenden Kaffeepott schön in Reichweite.

Ich: ”Wir müssen einen Schwangerschaftstest machen um sicher auszuschließen, das du nicht schon schwanger bist! Dann darf ich die Pille nämlich nicht rezeptieren!”

Empört zieht Romeo jetzt doch endlich die Hand vom Busen der Geliebten und fuchtelt mir stattdessen mit dem Zeigefinger derselben vor meiner Nase herum.

“Ey, Doc – wos DENKSCHT du eigentlich? Wir sind doch nischt SCHWANGER!”

Nee, hoffentlich nicht… – aber das sag ich selbstverständlich nicht laut! Notfall rollt derweil in solch atemberaubenden Tempo die Augäpfelchen herum, das ich fürchte, sie könnten gleich – der Zentrifugalkraft folgend – aus ihren Höhlen fliegen und gegen die Wände klatschen…

“Ey, Kleiner!” parier ich jetzt leidlich genervt und schiebe mir seinen schmuddeligen Finger aus der Sicht “Kein Schwangerschaftstest – keine Pille danach. Klar?”

Klar! Die Puppe zieht samt Becher von dannen, während Romeo zu unser aller Unterhaltung zurück bleibt.

“Ey, voll Scheisse immer alles. Isch bin doch nisch so blöd und mach der gleich ein Kind, ey Mann! Was denkscht du warum wir jetzt voll hier sind, huh? Weil wir voll net schwanger sein wollen!”

Ja, nee, is´ klar! Schon mal was von Pille davor gehört? – Hab ich aber auch nicht gesagt. Ist schon 23 Uhr 45, da kostet Privatunterhaltung extra…

Julia ist dann auch bald wieder da und Notfall hält dann auch gleich den Test-Streifen ins mitgebrachte Becherchen und 30 Sekunden später…

“SCHWANGER!” brüllt die Schwester strahlend. Und sieht dabei aus, als hätte sie gerade verkündet, dass unser Traumpaar die Reise auf die Seychellen inklusive Vollpension und First-Class-Flight gewonnen hat.

“DAS KANN NISCH SEIN!” sagt Romeo. Dasselbe denke ich seufzend auch. Das Julia sagt nichts.

*RIIIIIIIIIIING*

Ich: “Josphine, wer stört?” Menno – immer wenn es spannend wird!

“Obermeier-Wendig! Hallo Josephine!”

Och nööööööö – Juliane Obermeier-Wendig, genannt O-WE, die nervigste internistische Assistenzärztin südlich der Milchstrasse! Ich WILL DAS NICHT…

Ich: “Juliane – was gibt’s? Du rufst gerade ein wenig unpassend…

O-WE: “Ich habe hier eine Patientin, die ich dir gerne schicken würde – 32 jährige Frau mit Unterbauchschmerzen…”

NEE! ÄCHT JETZT?

Ich: “Juliane – spar dir den Sermon! Ich KENNE Frau Fontane bereits. Ich habe sie sogar als allererste gesehen – lange bevor Luigi The Pooh sie an dich weiter geturft hat!”

O-WE (verständnislos): “Luigi-WER?”

Romeo: “Hey, Doc! Was isch jetzt mit uns?”

Ich seufze ein bisschen. Es ist 23 Uhr 52 und das Ende noch längst nicht nah…

Auch mal Dienst-Potpurri…

Irgendwie ist es immer dasselbe mit den Feiertagen und den Notdiensten – alles, was nicht bei drei auf´m Tannenbaum sitzt und trotz essens im Studentakt noch halbwegs krabbeln kann, findet sich irgendwann zwischen dem 24.12., 21.40 Uhr und den frühen Morgenstunden des zweiten Weihnachtsfeiertages in den Kliniken dieser Welt ein. Weltweit, ich schwöre!

“Es zieht! Da unten…” (wages Kreisen über Bauch und Brustkorb) “…und brennt beim Wasser lassen. Und dann hab ich hier noch so einen Pickel…” (pfriemelt sich dort herum, wo man normalerweise nur in den gekachelten Nebenräumen pfriemelt) “…und das mit der Pille müssen sie mir auch mal genau erklären, dass hab ich nicht verstanden!” – Nee, ist klar!

“Der Husten ist jetzt schlimmer geworden. Und der Schnupfen auch! Zum Hausarzt? Nee, der macht mich zur Minna, wenn ich wegen sowas am Feiertag vorbei komme. Und weil ich doch schwanger bin dacht ich…”

“Wir brauchen die Pille danach. Wann wir Sex hatten? Noch gar nicht. Aber für den Fall DAS und wir DANN die Pille vergessen ist es doch super, wenn wir sie schon haben. Dann müssen wir nicht NOCHMAL vorbei kommen!”

“Ich habe Wehen!” – “Okay – und warum haben sie den Rettungswagen gerufen?” – “Ich fand es gemütlicher, liegend her zu kommen…!”

“Ich hab so komisches Stechen!” – “Seit wann?” – “November!” – “Eher Anfang oder Ende November?” “November 2011″

“Mein Kind hat sich nicht mehr bewegt.” – “Und seit wann genau?” – “Das war gestern Mittag” – “Jetzt turnt es aber wie der wilde Wutz da drin herum” – “Ja, schon den ganzen Tag heute” – “Ähm – und warum sind sie jetzt genau hier?” – “Vielleicht können sie mal schauen, was es wird. Bei meiner Frauenärztin sieht man NIE etwas!”

“Ich habe einen Blasenentzündung!” – “Haben sie das öfter?” – “Ja – mindestens einmal im Monat. Dann nehme ich ein Antibiotikum und bekomme einen Scheidenpilz. Dann nehme ich Scheidenpilztabletten und bekomme Ausschlag. Dann nehme ich Creme gegen Ausschlag und alles geht weg. DANN bekomme ich wieder Blasenentzündung.” – “Und in welchem Stadium befinden sie sich gerade?” – “Zwischen Pilz und Ausschlag!” – “Sie wollen Creme?” – “Nein – die Pille danach!” – DA hätte ich aber auch selbst drauf kommen können…

“Ich möchte einen Kaiserschnitt!” – “Okay – es ist 23.32 Uhr, WIE genau kommen sie da jetzt drauf?” – “Ich habe über die Geburt nachgedacht und Angst bekommen. Deshalb möchte ich einen Kaiserschnitt!” – “Okay, dann kommen sie doch 4 Wochen vor dem errechneten Geburtstermin noch einmal vorbei, dann besprechen wir alles in Ruhe!” – “Aber das sind ja noch DREI Monate bis dahin…?!” *Kopf->;Tischkante*

Lieber Kinderdoc – vielleicht ist es ja ein Trost: DU BIST NICHT ALLEIN!

Frohe Zwischen-Jahres-Tage Euch allen,

Eure

Josephine

Chaos gegen Notfall: 0:0 nach der ersten Runde!

“Herpes, Blasenentzündung, irgendwas mit “Beschwerden seit 5 bis 10 Wochen”, einmal Pille danach und Schwangerschaftstest!” Siegessicher drehe ich mich zu Ambulanzurgestein Notfall herum und proste ihr gönnerhaft mit meinem Kaffeebecher zu. Das ist doch alles so klar wie Frontscheibe nach Waschanlage!

Notfall indes wirft nun ihrerseits einen prüfenden Blick durch die getönte Scheibe unserer Notaufnahme in den davor liegenden Warteraum, wo gerade 4 Frauen zwischen 17 und 47 Jahren sowie ein innig schmusendes Teenager-Pärchen auf Hilfe in Form des gynäkologischen Mediziners warten. Also auf mich.

“Quatsch, Josephine – die Rechte ist viieeel zu alt für schwanger! Ausserdem hat sie keinen potentiellen Kindsvater im Schlepptau!” Notfall kippt sich den obligatorischen Schluck Kaffee hinter die Binde, was so viel bedeutet wie “Amen, Aus, Ich habe alles gesagt”.

Doch so schnell lass ich mich nicht ins Bockshorn jagen:

“Na dann lass mal hören, du Superschwester! Von Links nach Rechts – auf geht´s!” Trotzig verschränke ich die Arme vor der Brust und stiere Notfall herausfordernd an. Pffff – Klugscheisserin…

Doch die alte Schwester macht es spannend. Stellt erst gemächlich ihren Kaffebecher ab, putzt die Brille, die am Glitzerband vor ihrer Brust baumelt, setzt sie sich dann auf die Nasenspitze um endlich mit zusammengekniffenen Augen angestrengt durch das kleine Fensterchen unserer Notaufnahme in den davor liegenden Warteraum zu starren. Leise murmelnd wiegt sie dann den Kopf von rechts nach links und wieder zurück, zieht die Brille ab und wieder auf, nimmt einen neuerlichen Schluck Kaffee….

“NOOOTFAALL – ich warte!!!”

Die Schwester gibt sich einen Ruck, dann: “Jaaa, okay, alles klar! Es geht los. Ich sage: Unterbauchschmerzen! Frühschwangerschaft! Nix Gescheites, Pille danach uuuuuuund…”

“HEY! Das geht nicht!” Empört hüpfe ich ein bisschen um die immer noch durchs Fensterchen blinzelnde Notfall herum. “Pille danach hatte ich doch schon!” Menno!

Doch Notfall lässt sich durch mein Gehöppel keineswegs aus der Ruhe bringen.

“Josephine – noch einen Millimeter weiter und die Beiden treiben es da draussen vor versammelter Mannschaft. Durch Jeans und Schlüppi durch. Das kann nur eine Pille danach sein – soll ich vielleicht lügen?”

In der Tat – die kleine Blondine im superengen Rüschenmini und ihr schmalzgegeelter Loverboy geben in unserem Wartebereich gerade alles: Während SIE IHM die Rachenmandeln sauber lutscht versucht ER IHR augenscheinlich durch das körperferne Ende ihrer Leggins hindurch den BH zu öffnen.

Ich: “Sagenhaft! Ich wette, der könnte ihr durch Zwangsjacke und Schneeanzug hindurch einmal die Unterwäsche wechseln…!”

Notfall (trocken): “Wenn wir die Zwei als letzte dran nehmen, brauchst du keine Pille danach mehr zu rezeptieren – dann kannst du gleich ‘nen Frühschwangerschaftsschall machen!”

Ich: “Okay – dann lass uns mit dem Herpes anfangen!”

Notfall: “Unterbauchschmerzen!”

Ich: WHATEVER! Showtime!”

Es ist Freitagabend, 21 Uhr, und die Ambulanzschwester und ich vertreiben uns die Zeit mit “Notfallraten”. Geht ganz einfach und funktioniert wie folgt: Jeder Teilnehmer darf einen Blick auf die Truppe des Abends werfen und muss dann sagen, wer mit welchem Problem hier aufgeschlagen ist. Der Gewinner erhält all die Ehre, der Verlierer zahlt das Abendessen. Ich liebe dieses Spiel.

Notfall: “Im übrigen, Josephinem- ich bekomme immer noch eine Pizza mit allem drauf vom vorletzten Mal!”

Ich (empört): “NIEMALS! Vorletztes Mal ging unentschieden aus!”

Notfall: “Das hast du vielleicht geträumt! Die Frau hatte ganz eindeutig vorzeitige Wehen!”

Ich: “Sie hatte einen HARNWEGSINFEKT!”

Notfall:: “UND sie war schwanger!”

Ich: “Ja – in der neunten Woche!”

Notfall: “Und was steht in jedem Lehrbuch machen Harnwegsinfekte in der Schwangerschaft: WEHEN!”

Ich seufze schwer – mit Notfall zu diskutieren ist wie Erziehungsversuche bei einem Stück Salami: absolut sinnloses Unterfangen…

Ich: “Okay – schick mir die erste rein!”

Zufrieden verlässt Notfall den Raum und kehrt 10 Sekunden später mit einer jungen Frau wieder, die mit schmerzverzerrtem Gesicht breitbeinig zur Tür hereinstakst.

Herpes, da verwett ich meine Omma drauf – denk ich mir und lächel die Kleine mitleidig an:
“Hallo – ich bin Dr. Chaos – wie kann ich Ihnen helfen?”

“Heeeey….” – das Mädel reicht mir verlegen die rechte Hand, während sie sich mit dem Rocksaum in der Linken vorsichtig Luft zwischen die Beine fächelt.

Super – das ist ja mal RICHTIG EINFACH…

“…Also – ich war mit meinem Freund beim Campen…!”

HÄH?! Wie jetzt? Campen gehört aber nicht zur Verdachtsdiagnose Herpes…?!

“…irgendwo in der Wildnis. Dann musste ich mal pinkeln…”

Das Fächeln wird hektischer, während die Kleine unruhig vom rechten auf den linken Fuß tippelt. Mir schwant, ich habe gerade meine Oma verspielt.

“UND DANN?” Notfall und ich hängen synchron an den Lippen der Amateur-Camperin.

“Naja…” Die Bäckchen der Kleinen beginnen zu glühen und sie blickt ein wenig beschämt zu Boden “Da war ganz schön viel Gebüsch drumherum. Und jetzt…!”

Juckt es!!! ruft Notfall dazwischen!

Giftefeu… denke ich. Sorry, Oma…!

“Giftefeu!” Schreit die Schwester empört. “Das hatt’ ich nun gar nicht auf dem Schirm” – und verlässt leise fluchend den Raum!

“Schirm? Efeu? Ich versteh nicht…?!” Die Kleine hat das Wedeln eingestellt und starrt mich nun mit grossen Augen ratlos an.

“Keine Sorge – das kriegen wir mit einem bisschen Cortisonsalbe ruck-zuck wieder hin – wenn Sie denn mal eben auf dem Untersuchungsstuhl platz nehmen wollen?”

Keine 20 Minuten später ist Patientin Nummer 1 ordentlich versorgt und sichtlich erleichtert aus meinem Untersuchungszimmerchen verschwunden und es steht 0 zu 0 unentschieden für die Schwester und mich… !

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P.S.: Leider ist die Hälfte des 1. Beitrages im Nirwana des www verschwunden. Hier isser nun wieder komplett – reaktiviert, aber ohne den Kommentar des Notfallkollegen aus dem hohen Norden, der mir ernsthaft vorwirft, diese Geschichte bei Mr. Crichton himself gestohlen zu haben…
Dagegen verwehre ich mich auf’s heftigste! Im Leben nicht würde es mir einfallen bei meinem ALLERGRÖSSTEN Vorbild zu klauen!!!

Oans, zwoa – g´suffa…

Ich liege am Strand von Hawaii – irgendeinem Strand von Hawaii, während das Wasser in sanften Wellen den Strand heraufwellt und weisse Gischt-Krönchen vor sich her schiebt. Die Sonne scheint warm auf meinen Bauch, Möwen kreischen, Kinder lachen, irgendwo hämmert jemand gegen eine Tür…

MÄÄÄÄÄÄÄÄÄP – falscher Film!

“Josephine? Josephine??? Bist du wach???”

Mein imaginärer Traumpazifik löst sich gemächlich in schwarzer Dienstzimmernacht auf, während ich mich widerwillig in einer Realitiät wieder finde, welche fast eben so weit von Hawaii entfernt ist, wie Pluto von der Sonne.

“JOSEPHINE! AUFMACHEN!!!”

Verdammt – das ist Schwester Notfall, die da gerade ungebremst meine Zimmertür einschlägt. Was ist los? Handy überhört? Akku leer? – Nein, ein kurzer Blick aufs Nervgerät zeigt eindeutig funktionierendes, eingeschaltetes Telefon. Es muss etwas furchtbares passiert sein. In nicht ganz einer halben Sekunde stehe ich auch schon an der Tür und schließe auf, zwei hundertstel später hält Notfall mir eine Tasse dampfenden Kaffee unter die Nase, nimmt einen kräftigen Schluck aus ihrem eigenen Plörre-Pott und zwinkert mir zufrieden zu.

What the hell…?!

“Notfall – ernsthaft: Bist du bescheuert? Ich hab fast ´nen Herzinfarkt bekommen! Am Strand von Hawaii! Was willst du hier und vor allem: Was ist los?

Es ist 3 Uhr nachts. Ich hab Dienst. Ich bin müde. Ich will schlafen. Notfall juckt das wenig. Unbeeindruckt drückt sie mir den Henkelbecher in die Hand und schiebt sich an mir vorbei ins Zimmerchen. Dort lässt sie sich mit einem tiefen Seufzer in unseren ausladenden Ex-Chefsessel fallen und nimmt zufrieden grunzend einen erneuten, tiefen Schluck schwarzes Höllengebräu. Die Gute muss etwas komplett falsches gegessen haben…

“Hallo? ich meine: HALLO? Erde an Notfall? Hast du mal auf die Uhr gesehen? Es ist mitten in der Nacht und ich will schlafen! Was tust du hier um Himmels willen?”

“Josephine – zieh dich an, trink den Kaffee und dann kommt mit runter. Glaub mir – du wirst diesen Kaffee brauchen!”

Die alte Ambulanzschwester gluckst jetzt schwer erheitert vor sich hin und ich beginne wirklich an ihrer Zurechnungsfähigkeit zu zweifeln, aber gut – ich habe keine andere Wahl. Ich steige also maulend und zeternd in meine Hose, ziehe schimpfend und drohend Kittel und Schuhe über, greife den Kaffee mit rechts, die Schwester mit links und verlasse wütend den Ort meiner schönsten Träume.

“Ich warne dich, Notfall – wenn das ein schlechter Scherz sein soll, dann gnade dir Gott! Das wirst du nicht überleben…!”

Doch die Schwester trottet völlig unbeeindruckt und immer noch seelig vor sich hin gickelnd hinter mir her und schlürft enspannt ihren Kaffee.

Wir fahren also mitsamt Kaffee hinunter ins Erdgeschoss, wandern gemeinsam zur Notfallambulanz, um dann vor Untersuchungszimmer 1 gemeinsam stehen zu bleiben. Notfalls Grinsen zieht jetzt fast einmal um den Kopf herum – und ich bin wach und schwer gespannt.

Notfall (jetzt geschäftsmässig aber mit verdächtigem Glitzer in den Augen): “Liebe Josephine – Wenn ich vorstellen darf: Resi und ihre Freundin Rosi,eine davon mit schlimmen Schmerzen. Beide ziemlich jung und beide völlig breit. Et voila!”

Und mit diesen Worten reisst Notfall die Tür zum Untersuchungszimmer auf.

Ich habe schon vieles gesehen in den Jahren meiner Kliniklaufbahn. DAS HIER ist neu. Selbst für mich.

Resi – oder Rosi, wer weiss das schon genau, liegt in einem wirklich entzückenden Mini-Dirndl in embryonalstellung auf meiner Untersuchungsliege zusammen gerollt und nuckelt hingebungsvoll am Vaginalschallkopf des Ultraschallgerätes, während sie offensichtlich tief und fest schläft.

Rosi – oder Resi wiederum hat wohl versucht, es sich auf unserem Gyn-Stuhl bequem zu machen und ist ebenfalls eingeschlafen, weshalb sie jetzt wie Schippe neun mit beiden Beinen in einem Beinhalter hängt und den Kopf in der Auffangschüssel für benutzte Speculae und Scheidentupfer abgelegt hat. Herzlichen Glückwunsch – die zwei sind tatsächlich voll wie die Strandhaubitzen. Wahnsinn! Ratlos schau ich mich nach Notfall um, die die Rückkehr in ihre geheiligte Ambulanz zu einem Zwischenstopp an der Kaffeemaschine genutzt hat und nun mit frischem Koffeeinnachschub milde lächelnd neben mir steht.

Notfall: “Und – ist schön?”

Ich: “Sagenhaft. Ein Träumchen. Und welche der beiden Prinzessinnen ist jetzt mein Problem?”

Notfall: “Die Kleine auf dem Gynstuhl. Aber ich bin mir nicht sicher, ob die andere freiwillig den Schall rausrückt. Die ist total verrückt nach dem Teil!”

Und als hätte Rosi-Resi jedes Wort verstanden, schmatzt sie genüsslich ein bisschen auf dem runden Ende der Vaginalsonde herum.

Ich bin ja echt nicht empfindlich – ehrlich jetzt. Aber wenn ich mir nur annähernd ausmale, WAS ich mit diesem Gerät schon alles untersucht habe… brrrrrrr

Ich: “Also los – Weckversuch! RESI-ROSI! Hallo! Aufwachen!”

Vorsichtig schüttel ich das Mädel ein bisschen an der Schulter. R-R zuckt noch nicht mal mit der Wimper. DAS kann ja heiter werden…

“HAAAAAALLOOOOO!!! McFLY? Jemand Zuhause????”

Ich schüttel fester. Schreie lauter. Rosi-Resi auf der Liege kaut jetzt offensichtlich auf dem Plastikgehäuse herum und ich mache mir ernsthaft ein wenig Sorgen um den 4000-Euro-Schallkopf, doch noch bevor ich irgendetwas tun kann, erleide ich den zweiten Fast-Herzinfarkt dieser Nacht

BAAAAAAMMMMMMMMMMMMMMM

“NOTFALL!!! Willst du mich UMBRINGEN? Was SOLL DAS?”

“Was denn? Hat doch geklappt!”

Gekränkt zeigt Notfall mit einem der beiden Metall-Piss-Pötte, die sie gerade volle Lotte gegeneinander geschlagen hat, auf unser aus tiefem Rausch erwachtes Rapunzel, welches matt das rotgeringelte Lockenköpfchen aus der Gammelschale hebt. Na gut – eins zu null für Notfall, offensichtlich hat sie Rotlöckchen tatsächlich zum Leben erweckt. Ich wende mich also der recht verwirrt drein schauenden Person zu und frage freundlich und zugewandt, wie es die Berufsehre gebietet:

“Menno – Kind! Was willst du hier? Was hast du? Und warum schläfst du neben meinem benutzten Untersuchungsinstrument?”

Okay – offensichtlich zu viele Wörter für Resi-Rosis alkoholverseuchtes Großhirn. Doch sie versucht immerhin tapfer rechtes und linkes Auge auf einen Fokus zu konzentrieren, während ihr Mund die ersten Worte formt.

“Woooooooooobinnisch?”

“Im Krankenhaus!”

“Woooooooooooisdas?”

“KRAN-KEN-HAUS! Am Rande der Stadt! Hinter den sieben Bergen – na, du weisst schon!”

Was tu ich hier? Und warum bin ich nicht doch Pathologin geworden…?

Rot-Resi-Rosi versteht kein Wort. Ungläubig schüttelt sie den Kopf, während sie immer noch brav versucht, Augenkoordination UND Mundmotorik unter einen Hut zu bekommen. Was irgendwie nur mittelmässig funktionieren will.

“Schabdaweh!” sagt es und zeigt auf den Bauch, dort, wo der Knoten der weissgeblümten Dirndlschütze sitzt. Links. Ist klar.

“Und seit wann hast du da weh?” frage ich und drücke ein bisschen auf der Stelle herum. Fühlt sich weich an. Kann nicht so schlimm sein.

“Schabdadochnischweh!”

Ah, nee, is´ klar. Notfall macht es sich auf dem Stuhl neben Rosi-Resis Liege bequem und versucht probehalber am Schnuller-Schallkopf zu ziehen, was das kleine Dornröschen lediglich veranlasst, noch wilder auf dem Teil herumzunuckeln.

Ich seufze ein bisschen. Irgendwie müssen wir hier jetzt zu Potte kommen.

“Resi-Rosi – du musst jetzt mal dein Höschen ausziehen, dann mach ich einen Ultraschall…”

“…das würd ich so nicht unterschreiben wollen!” nuschelt Notfall aus der Ecke und nickt bedeutungsvoll zur Liege hin.

“…und dann schauen wir weiter, einverstanden?” Irgendwie werde ich diesen vermaledeiten Schallkopf aus dem Kind herausbekommen, das wäre ja gelacht!

Ich zuckel also ein bisschen hilfreich an dem kleinen Rotschopf vor mir herum, die immer noch quer über dem Stuhl hängt, ignoriere dabei das anschwellende Gestöhne des Mädels sowie Notfalls unterdrückten Warnruf “VORSICHT” – als es auch schon passiert ist. Resi richtet sich ruckartig zur vollen Größe auf, glotzt mich mit weit aufgerissenen Baby-Augen an und meint: “Jetzismanimmerweh…”

…und KOTZT!

In ungebremstem Schwall entleeren sich gefühlte 10 Liter angedautes Bier auf mir. Meinem Hemd. Meiner Hose. Meinem Kittel. Meinem Haar.

Und ein bisschen Brathändl war auch dabei.

Resi selbst stösst erleichtert auf, lässt sich dann rittlings quer über den Stuhl zurückfallen und schliesst mit einem geseufzten

“Jetzissesgleivielbesser”

die grünen Äugelein. Rosi nuckelt derweil weiter zufrieden auf ihrem Schallkopf herum, während Schwester Notfall vor lauter Lachen vom Stuhl gefallen ist.

Na dann – ein Prosit, ein Prosit, der Gemütlichkeit…!

III. The Storm – Part III

Meine Kreißsaalaufnahme ist ein wunderbares Rund-Um-Sorglos-Paket: Zweites Kind, schonmal normal geboren, kein Diabetes, kein Übergewicht, keine Vorerkrankungen, am Termin – alles schön. Hurra! Und nett ist sie auch noch. Nach einem kleinen Aufnahme-Ultraschall (normal großes Kind – Strike!) geht es ab in Kreißsaal I ans CTG und kaum habe ich Energie in Form eines Doppel-Snickers gezogen, geht es auch schon munter weiter mit einer privaten Notaufnahme – Frau mittleren Alters mit keine-Ahnung-was.

Beim Betreten der Ambulanz ist Schwester Notfall gerade dabei, geschmeidig ihr Pflegekraft-Köpfchen gegen die geschlossene Apothekenschranktür zu hauen und rezidiveren “Nein – Nein – NEIN!” zu murmeln.

Ich: “Notfall – so geht die Tür nicht auf – da mußt du schon den Schlüssel nehmen!”

Notfall indes beachtet mich gar nicht, sondern dotzt ihre Stirn weiterhin stereotyp gegen die Blechtür.

Ich: “Willst du mir nicht sagen, was los ist?”

Die Schwester hält kurz inne, als überdenke sie meinen Einwand ernsthaft, schüttelt dann jedoch resolut den Kopf und fährt fort, die unschuldige Tür zu malträtieren. Mit der linken Hand hält sie mir die Aufnahmeformulare der Privatpatientin hin, während sie mit rechts pumpschwengelartig in Richtung erstem Untersuchungsraum winkt. Kopfschüttelnd nehme ich das Klemmbrett entgegen und verlasse den Aufenthaltsraum.

Auf der Untersuchungsliege in Zimmer eins liegt eine große, stattliche Frau in lindgrünem Tweed-Zweireiher à la Chanel und brabbelt wirre Zeug vor sich hin. Zumindest hänge ich ganze zwei Sekunden lang der irrigen Meinung nach, es handele sich um eine nicht zurechnungsfähige Person, als Frau Coco plötzlich meiner gewahr wird, und … – aber seht selbst:

Frau Coco: “Aaaah – Schwester! Da sind sie ja endlich. Sie müssen jetzt augenblicklich meinen Schwiegersohn anrufen. Das ist Herr von und zu Großkotz. Sie wissen schon. Der Großkotz! Hatte vergangene Woche das Vergnügen, mit der Merkel zu Mittag zu Essen. In Grunewald. Wissen sie. Da war auch schon der Juhnke – ach, eine Schande, das der gehen mußte. Großartiger Künstler. Wirklich wunderbarer Mensch. Hab ihn noch selbst mit meinem Gatten, Gott hab ihn selig, im Friedrichstadtpalast gesehen…” Frau Coco hält, kurz inne, um mit einem blütenweissen, spitzenumhäkelten Damentaschentuch das Tränchen fort zu tupfen, welches gerade die runzelige Wange herunter läuft, holt dann einmal herzhaft Luft und rattert, ohne mir auch nur den Hauch einer Chance zu lassen, ungebremst weiter “Wissen sie, Schwester, die Luft ist schon sehr trocken hier herinnen. Bringen sie mir doch ein Glas Sanpellegrino. Ohne Zitrone, ein bisschen Eis. Und es ist ja schon so spät – ein kleiner Zwischenimbiss wäre recht. Etwas leichtes. Keinesfalls Wurst. Käse wäre sehr schön. Es gibt doch diesen…”

In meinen Ohren rauscht das Blut und ich kann gerade sehr gut nachvollziehen, was die gute Schwester Notfall dort im Nebenzimmer treibt. Das hier ist maligne Logorrhoe vom Feinsten und ich bin mir nicht sicher, ob ich die Frau dazu bekomme, jemals wieder mit reden aufzuhören. Aber versuchen muss ich es. Also packe ich mein Klemmbrett fester und baue mich in voller Größe vor Sabbelsuse auf, hole einmal tief Luft – und habe direkt versagt!

“Meine Liebe, ihr Kittel sitzt aber sehr unvorteilhaft. Sie sollten etwas eng anliegendes tragen, dieser unförmige Sack schmeichelt ihrer Größe nicht wirklich. Und die Haare – mein Gott, diese Haare sind schon sehr liederlich zusammen gesteckt. Sie sehen ja aus wie ein Frühjahrsbusch …”

Noch während ich insgeheim überlege, wie wohl genau ein Frühjahrsbusch aussieht, mache ich auch schon auf dem Absatz kehrt und verlasse im Stechschritt das Zimmer, was Frau Coco keineswegs davon abhält, munter weiter vor sich hin zu Rhababern. Wie Wasser aus einem Springbrunnen sprudelt ununterbrochen Wort um Wort aus ihrem Mund hervor. UNFASSBAR das!

Im Aufnahmezimmer hockt Notfall mit roter Stirn und Kaffeepott Nummer 6 auf der Bank und hebt abwehrend die freie Hand: “Kannst du vergessen, Josephine! Ich geh da NIE WIEDER rein! Ich schwöre!”

“Aber irgendetwas müssen wir doch tun? Wir können sie schließlich nicht den ganzen Dienst über dort liegen lassen!” jammere ich ein bisschen “Was hat die Frau überhaupt?!” – “Du meinst, ausser einem Riesen-Dachschaden?! Die Einweisungsdiagnose lautet jedenfalls Verdacht auf vaginale Blutung!”

“Super” raunze ich wenig begeistert “sie macht nicht wirklich den Eindruck, als würde sie jeden Moment verbluten…?!”

Es kostet mich fünf Minuten, mein restliches Snickers und die Aufbietung all meiner Kräfte, Notfall zurück ins Ambulanzzimmer zu schleppen. Dort dann gleich die nächste Katastrophe”:

FANCY-NANCY?! Du hier????” Wie aus einem Mund bricht es aus uns heraus – was um alles in der Welt hat Mrs. Wonder-Surgeon hier verloren?

Nancy steht derweil – schön, wie der Herr sie erschaffen hat, in ihren perfekt sitzenden Jeans und schweineteurem, fliederfarbenem Kashmir-V-Ausschnitt-Pulli am wohlproportionierten Astralkörper – an Frau Chanels Seite und, oh-mein-Gott, REDET, während Oma Sabbel entzückt lauscht.

Unser Auftritt wird von Gottes Geschenk an die Menschheit nur mit eisigem Missachten gestraft – Nancy ist viel zu schön und viel zu arrogant, um auch nur die Luft zu teilen, die in dieser stickigen, kleinen Bude steckt, Frau Coco jedoch ist augenblicklich bereit, uns über den Grund des chirurgischen Privatkonsils in Kenntnis zu setzen.

“DAS” verkündet sie nun strahlend und mit stolz geschwellter Brust unter dreireihiger Süsswasserperlenkette “DAS ist meine ganz bezaubernde Enkelin Nancy!”

“Is´ nich wahr…!” entfleucht es Notfall trocken während ich vergeblich versuche, mich nicht an meiner eigenen Spucke zu verschlucken.

“Das ist” würge ich zwischen zwei Hustensalven gepresst hervor “ja ganz großartig. Dann kann ihr TopJob-Traumenkelchen sie ja gleich mal chirurgisch unter die Lupe nehmen, während ich nach meinen drei bis fünf Geburten schaue.”

Und schwups – schon bin ich weg.

“Das kannst du mit mir nicht machen!!!” schallt es leiser werdend über den Flur hinter mir her, während ich renne, als gäb´s kein Morgen mehr “lass mich nicht alleeeeeeeiiiiiin…!!!”

Sorry, Notfällchen, aber besondere Umstände erfordern eben besonderes Handeln!

Die Strafe meines unerlaubten Entfernens von der Truppe folgt auf den Fuss, denn der Kreißsaal-Überwachungsmonitor empfängt mich mit einem mittelunschönen CTG in Kreißsaal Vier – wir erinnern uns: kleine Frau, großer Mann, dickes Kind. Und es ist gerade einmal - Uhrenvergleich – Elfhundert!…

——————————–Coming back soon!———————–

II. The Storm – Part II

18 Stunden zuvor…

“Ich habe seit drei Wochen einen Pickel am Po – der stört mich jetzt. Können sie mal schauen…?!”

“Es brennt beim Pinkeln – gibt es da nicht etwas von BlaBlaPharm?!”

“Meine Brustwarzen schielen – kann man das operieren?”

“Ich bekomme einfach keinen Orgasmus – was soll ich tun?”

Dies nur ein kurzer Abriss der ambulanten “Notfälle”, die sich seit Dienstbeginn um Null-Achthundert in meiner kleinen, heimeligen Ambulanz eingefunden haben. Schwester Notfall schüttet gerade entnervt den vierten Pott Kaffee hinunter und ich frage mich ernsthaft, ob sie irgendwo eine Externe Blase installiert hat, denn bei dieser Menge Plörre käm ich gar nicht mehr von der Schüssel runter.

“Notfall – du solltest auf Wasser umsteigen. Soviel Koffein beisst sich mit deinem Adrenalin-Überschuss!”

“Pffff” bekomme ich nur abfällig zur Antwort “Ohne Koffein käm hier ab 9 Uhr keiner mehr lebend rein. Oder raus!”

Notfall ist eigentlich die Ruhe in Person, aber der fünfte Dienst in Folge hinterlässt auch an ihr, der alten, erfahrenen Ambulanzschwester, Spuren. Drei Tage vor Vollmond und zwei danach spielen die Leute monatlich verrückt. Dann spült der große, weisse Himmelskörper Wahnsinnige, Verrückte und wahnsinnig Verrückte in die Notaufnahmen dieser Welt, mit Krankheitsbildern, die  so schräg sind, das man es kaum glauben mag.

Ich durchwühle den mittlerweile auf beachtliche Größe angewachsenen Aktenberg nach einer Patientin mit echten Beschwerden – und fördere statt dessen nur weitere Kuriositäten zutage.

“ÄCHT JETZT??? Kann meine letzten fünf Tampons nicht mehr finden!” Entgeistert starre ich erst auf den säuberlich in Kleinmädchenschrift ausgefüllten Ambulanz-Aufnahme-Zettel und dann hinüber zur Schwester, die mich nur – mitleidig mit dem Kaffeepott zuprostend – angrient. “Du wirst es nicht glauben” meint sie “das Mädel ist vorneweg Mitte Zwanzig. Entweder hat sie die Tampons jetzt erst für sich entdeckt, aber das Prinzip nicht so ganz verstanden – oder sie ist nicht das hellste Licht im Leuchter!”

Ich würde die ganze Sache ja wirklich gerne vertiefen, als justamente das Diensthandy den Kreißsaal ankündigt – Gloria-Victoria, geliebte Hebamme und wonniger Sonnenschein, eröffnet die heutige Runde mit dem ersten Überraschungsei – Frau mit-ohne Geburtstermin in unbekannter Schwangerschaftswoche. Das ist ja lustig.

Zwei Minuten später sitze ich einer 42jährigen Frau im wallenden Batikkleidchen gegenüber, deren Achselhaar frei und lockig bis fast auf die Hüfte fällt und dezent nach Schweiß und keinem Duschzeug riecht. Wie gut, dass das willkürliche Ein- und Ausschalten des Riechnerven Grundvoraussetzung für die gynäkologische Facharztprüfung ist…

“Frau Öko, wie kommt es, dass sie in all den Wochen ihrer Schwangerschaft gerade zwei mal beim Frauenarzt aufgetaucht sind?!” Ich gebe zu, ich bin ein wenig angefressen – Riechbelästigung hin oder her – wegen der nicht statt gehabten Vorstellungen. Macht einem das Leben recht schwer, wenn man nicht weiss, ob das Kind, das man demnächst in Empfang nehmen soll, schon reif für diese Welt, oder eben viel zu früh, vielleicht noch unterzuckert oder gar komplett unterversorgt ist. Whatever! Ich meine – klar kann jede Frau machen, wie sie will. Keine Vorsorge – BITTE! Kein Ultraschall – KEIN Problem! Aber dann soll sie doch gerne WOANDERS entbinden, denn hier bin ICH für die kleinen Rüben zuständig und wenn es denen nach Geburt dreckig geht, nehme ich das persönlich. SO ist das nämlich!

Frau Öko kann weder meine Wut noch Sorge nachvollziehen – sie hätte jetzt bitte-danke ihre ambulante Entbindung und das war´s. Kein Ultraschall, keine Braunüle und schon gar keinen Arzt, bitte-sehr. Gloria tätschelt mir vorsichtig die Schulter während ich einfach nur einatme und ausatme. Immer nur ein- und ausatme…

“Ich hänge Frau Öko mal ans CTG und dann sehen wir schon weiter!” säuselt sie – verschwörerisches, heftiges Augenzwinkern in meine Richtung – zur Patientin hin und schiebt mich energisch zur Kreißsaaltür hinaus.

“Ich mach das schon – schau du mal nach der Vier!” *Peng* – Zu der Kreißsaal!

Kreißsaal Nummero Vier malt gerade wunderschöne Herztonkurven über noch schöneren Wehenhügeln – sollte dies der Lichtblick meines trögen Dienst-Tages werden? Frau Viers Akte hingegen zerschlägt meine Hoffnung augenblicklich mit dem dem lapidaren Satz:

Zweitgebärende mit Verdacht auf makrosomen Fetus und Zustand nach Sectio bei Geburtsstillstand

Auf deutsch: Kaiserschnitt beim ersten Kind weil es nicht voran ging, jetzt wohl dickes Baby. Herzlichen Glückwunsch! Frau Vier ist – wie ich kurz darauf feststellen muss, zu allem Unglück auch noch mikroskopisch klein, ihr Mann hingegen ein Berg von einem Kerl – und das Baby im monströsen Bauch scheint leider ganz nach der väterlichen Seite zu schlagen.

Nichts desto Trotz ist Familie Vier unglaublich sympathisch, unfassbar motiviert und gottlob unwissend, was meine Bedenken hinsichtlich dieser Geburt betrifft! Und obendrein wollen sie dieses Mal eine spontane Entbindung. Auf alle Fälle!

Ich will ganz sicher nicht der Spielverderber sein, aber meine Hoffnung auf normales Entbinden ist extrem niedrig. Um nicht zu sagen: geht gegen Null. Aber probieren kann man ja mal. Ich kläre die zwei Vierer also auf – über einen erneuten Geburtsstillstand mit nachfolgendem Kaiserschnitt (selbes Procedere wie letztes Mal!), das Steckenbleiben der Schulter und alle möglichen anderen Komplikationen. Das Paar ist aufmerksam, hoch differenziert – und in jedem Fall bereit, die Sache anzugehen. Okay, so lasst die Spiele denn beginnen. Ausgangsbefund: Finger durchgängig, Gebärmutterhals erhalten. Uhrenvergleich: Null-Neunhundertdreißig!

In der Ambulanz wartet besagtes menschliches Tampon-Depot immer noch auf adäquate Behandlung – die Wasserstoffperoxid gebleichte Hochglanz-Blondine sitzt bereits – lässig drapiert, den gürtelbreiten Stretchmini bis zum Bauchnabel hochgezogen und in glänzenden Kunstleder-Overknees – auf meinem Untersuchungsstuhl. Fasziniert betrachte ich die ausladende Oberweite der Frau, die nur mühsam von einem Hauch Nichts einer Bluse zusammen gehalten wird. Der oberste Knopf, welcher nur noch am berühmt seidenen Fädchen hängt, scheint sich sekündlich verabschieden zu wollen, und ich befürchte ernsthaft, während der Untersuchung unter der Masse des Cup H-Silikon-Busens begraben zu werden.

“Hallo – ich bin Dr. Josephine. Sie hätten aber noch gar nicht auf dem Stuhl Platz nehmen müssen. Sitzen sie schon lange da?”

Auf dem sorgfältig zurecht gemachten, 4mm-Make-Up-Gesicht macht sich greifbare Enttäuschung breit. Der Knopf an Blondies Blusen-Nichts vibriert bedenklich an seinem Fadenrest, als die Kleine nach kurzer Schreckpause ihrer Empörung freien Lauf läßt: “Sie sind ja gar kein Doktor!!!”

“Verzeihung, aber ich bin sehr wohl ein Doktor. Mit Brief und Siegel und zwar nicht erst seit gestern!” Das wird ja immer schöner – muss ich jetzt schon in aller Herrgottsfrühe meine Approbationsurkunde vorlegen? “Womit kann ich ihnen denn jetzt helfen?!”

“SIE” schnippt Blondie mit verächtlich gekräuselten, grellrot geschminkten Lippen “SIE können mir gar nicht helfen! Ich brauch diesen Doktor. Fred! Doktor Fred, DEN will ich haben!”

Ächt jetzt – Blondie zieht Vollpfosten-Fred meiner Person vor. Unfassbar das! “Dr. JU_PI_TER” schmolle ich gekränkt zurück, jede einzelne Silbe nachdrücklich betonend “Dr. Jupiter ist heute nicht im Haus – sie müssen schon mit mir Vorlieb nehmen!”

Doch das muss diese Frau mitnichten. Erstaunlich gelenkig springt sie mitsamt XXL-Oberweite auf ihre 20-Zentimeter-Highheels und schiebt das Gürtelröckchen minimal Richtung Oberschenkel – gerade weit genug, um den Ansatz ihrer großen Schamlippen zu verdecken. Dann zieht sie – hoch erhobenen Hauptes und ohne ein weiteres Wort – an mir vorbei gen Ausgang. Sprachlos blicke ich ihr hinterher, wie sie – wild die Hüften schwingend – über das Krankenhauslinoleum davon hämmert. Notfall hängt derweil quiekend und japsend über dem Verbandswägelchen und wischt sich die Lachtränen aus dem Gesicht. “Du müsstest dein Gesicht sehen, Josephine! Ächt jetzt – du schaust wie ´ne Kuh wenn´s blitzt!”

Und genau so fühl ich mich auch. Doch lange Zeit bleibt mir nicht, meine akute Befindlichkeit zu überdenken, denn zum gefühlt tausendsten Mal an diesem unsäglichen Morgen, klingelt das Telefon und kündigt – mal wieder – den Kreißsaal an.

“Josephine – Zugang!”

“Notfall” jammere ich selbstmitleidig “ich will nach Hause!” – “Aber sicher, Josephine! Kannst du ja auch – in gerade mal…” kurzer Blick auf ihre am Krankenschwesterrevers baumelnde Uhr “…22 Stunden und 3 Minuten!”

“Du kannst so unfassbar motivierend sein” grummle ich vor mich hin, während ich den Weg zurück zum Kreißsaal nehme.

————————– Stay tuned – Coming back soon ———————————-

I. The Storm – Part I

“Josephine – komm schnell, wir vergeben gerade Stehplatzkarten vor´m Kreißsaal!”

Im Halbschlaf presse ich mein Diensthandy ans Kopfkissen gewärmte Ohr und reibe mir mit der anderen Hand die paar Minuten Schlaf aus den Augen, die seit meinem Zwischenstop im Bereitschaftsbett vergangen sind.

“Komme” murmel ich komatös in die Sprechmuschel. Die Erdanziehungskraft muss heute doppelt so hoch sein, wie sonst, denn nur unter Mobilisation aller um diese Uhrzeit vorhanden Kräfte gelingt es mir, mich von Matratze und Bettdecke zu trennen. Es ist Sonntagmorgen, 3 Uhr früh und seit nunmehr 19 Stunden hält mich der schlimmste Vollmonddienst ever fest in seinen Klauen.

Im Überwachungsraum des Kreißsaales sitzt Gloria-Victoria, das Kinn in die Hand gestützt, mit irrem Blick vorm lindgrünen CTG-Monitor und starrt auf sage und schreibe fünf unterschiedliche Herztonableitungen, was für fünf Mütter in fünf Kreißsälen und somit jede Menge Arbeit spricht.

“Gloria?! – was machen die Frauen vor unserer Tür?” – auf meinem Weg vom Dienstzimmer zum Kreißsaal bin ich gerade peilrecht in zwei schwanger bis hochschwanger aussehende Mädels gerannt, die dort lustig schnaufend Pfädchen ins Linoleum laufen.

“HMPF!!!” Tönt es dumpf unter Glorias goldblonden Pony hervor “HMPF!!!” nochmal, sonst nichts.

“Würdest du mir HMPF liebenswürdigerweise ins Verständliche übersetzen – ich kann dir nicht ganz folgen…?!” Ein wenig unwirsch tippel ich von einem Bein aufs andere – denn zwei der fünf CTGs schauen nicht schön aus und ich fürchte, dass eine Hinauszögerung des Problems dasselbe nur noch größer machen könnte.

“Wir sind voll bis unters Dach und die Zwei da draussen haben sich bis jetzt nur für einen Stehplatz vorm Kreißsaal qualifizieren können!” tönt eine wohlbekannte Stimme aus dem Off – Auftritt FrauVonSinnen über links ins Set.

“Whow – zwei Hebammen mittig in der Nacht – ihr macht mir gerade ein bisschen Angst!”

“Aller Guten Dinge sind ja bekanntlich drei…!” – tönt es nunmehr von rechts! Ruckartige Kopfbewegung nach der anderen Seite und ich traue meinen verschlafenen Augen nicht, denn

“SOLI??? Du AUCH hier? Ist heute Walpurgisnacht? Wollt ihr vielleicht gleich noch eine Runde um den Bloxberg fliegen, ja?”

Zwei Hebammen in einer Nacht sind eine Seltenheit, drei spricht für Chaos, gottlob…

“Josephine – meine Patientin presst!” Ohe, die OberHebamme, streckt den Kopf durch Kreißsaaltür 3 und rollt wild mit den Augen, während ich erfolglos versuche, meine Gesichtszüge unter Kontrolle zu halten…

“Vier Hebammen in einer Nacht in meinem Kreißsaal!” flüstere ich schockiert vor mich hin, während der Kittel in die nächste Ecke fliegt und ich ergeben die sterilen Handschuhe greife, die mir OsoleMia hilfsbereit entgegen streckt.

Ohe ist eine Hebamme wie man sie sich schöner in keinem Bilderbuch ausmalen könnte mit ihrem grauen Haar und der Goldbrille. Typ Clementine aus der Dash-Werbung der 80er Jahre (kann sich noch irgendwer erinnern?) – und mit einer Stimme wie ein Drill-Seargent im Marine-Camp.

Frau Drei (für Kreißsaal Nummer 3) liegt gerade auf sechs Uhr im Bett, was mich erneut daran hindert, richtig in Fahrt zu kommen – Patientinnen liegen in dem kreisrunden Kreißbett nämlich üblicherweise nicht auf 6, sondern auf 12 Uhr, also mit dem Kopf nach OBEN, von Hebamme und Arzt weg gerichtet. Diese Frau indes hat es sich mal eben verkehrt herum bequem gemacht, und deshalb blicke ich nun – statt auf weit geöffneten MUTTERmund nur auf Mund. Also – richtigen Mund, mit Zähnen und so. Und da Drei gerade wie abgerissen brüllt, kann ich in der Tiefe sogar Epiglottis sehen. Und Mageneingang. Magenausgang…

“Josephine – schläfst du noch??? Mach jetzt mal hinne hier, datt Kind is´ gleich durch!”

Mit strengem Blick, die Handschuhe bis zum Ellenbogen hoch gezogen, hängt Ohe über dem im 45° Winkel fixierte Kopfteil des Entbindungsbettes, welches ja nun das FUSSteil darstellt und versucht – das Geburtssieb mit dem Ellenbogen festhaltend – gleichzeitig Damm und durchschneidendes Köpfchen zu schützen.

“Was zum Teufel…!” entfleucht es mir, bevor ich über das Seitenteil des Bettes kletternd zum eigentlichen Ort des Geschehens gelange. Gerade noch rechtzeitig, um das Geburtssieb vor dem Absturz zu retten, denn just in dem Moment fängt Frau Drei das Pressen an und mit einem einzigen Flutsch ploppt ein schwarzhaariges, winziges Etwas in Ohe´s vorsorglich zum Fangen bereite Hebammenhände. Mit einer geschickten Bewegung hat sie den kleinen FlugSäugling auch schon in warme Mullwindeln geschlagen und der Sechs-Uhr-Mutter auf den Bauch gepackt. Ich reiche gerade Klemme und Nabelschere zum Durchschneiden der Nabelschnur an, als hinter mir die Tür auffliegt und Soli herein stürmt:

“Josephine – Zugang! Schnell!”

“Himmel – A – und Zwirn – wollt ihr mich eigentlich verschaukeln? Wer hat die Leute bloß alle bestellt? ICH NICHT, hört ihr? ICH hatte beim Universum einen ruhigen Dienst geordert. Das hier hat wer anders verbrochen!!!”

Laut fluchend klettre ich über Mutter Drei und Baby Eins Richtung Kreißsaaltür und betrete den Flur gerade noch rechtzeitig, um mit anzusehen wie Soli die vordere Schulter eines laut schreienden Babys entwickelt, während Gloria-Victoria ächzend das linke Bein der dazugehörigen und wie Schippe acht im Krankenhausrollstuhl hängenden Mutter hält. Ich eile Soli zu Hilfe, die das Kindelein schon geschickt im Schoss der Mutter positioniert hat und nun ebenfalls nach Nabelklemme und Schere verlangt.

Just in jenem Moment klingelt das Telefon – ein kurzer Blick auf die Uhrzeit: 03.14 morgens.

“Wenn das die Pforte ist – wir haben nichts mehr frei!” schnauft OsoleMia. “Schwangere und Kinder bitte ins Krankenhaus am anderen Ende der Stadt – sonst muss ich Feldbetten besorgen!”

“Hallo – hier Kreißsaal, wer da?”

“Hier ist die Innere Notaufnahme. Ich habe hier eine Patientin, die gerade von einer afrikanischen Safari kommt und nun eine gynäkologische Untersuchung wünscht!”

Einatmen, Josephine und ausatmen. Immer schön ein- und ausatmen….

“Wie passend!” kontere ich nur minimal gereizt “und ich bin eine gynäkologische Ärztin, die sich gerade auf afrikanischer Safari wünscht…!” Frau Dr. Pille scheint das wenig witzig zu finden, sie grinst nicht einmal durchs Telefon, sondern wartet lediglich mit eisigem Schweigen auf meine Antwort!”

“Okay, Schwester – Butter bei die Fische – was HAT die Frau denn?!” – “Die Frau” kommt es tiefkühltemperiert zurück “ist in der 5. Schwangerschaftswoche mit Verdacht auf Malaria bei uns eingeliefert worden und macht sich nun Sorgen um ihr Kind!”

Ächt jetzt? Ich persönlich würde mir ja gerade mehr Sorgen um die Malaria machen. Denk ich mir. “Also, wissen sie, ICH würde mir ja mehr Sorgen um die Malaria machen!” sage ich. Und stosse bei der spassbefreiten Kollegin auf wenig bis gar keine Gegenliebe.

“Die Patientin ist in wirklich großer Sorge und möchte augenblicklich wissen, wie es ihrem Kind geht!” giftet sie mir jetzt durchs Telefon entgegen und ich spüre, wie mein Blutdruck zu steigen beginnt.

“Okay, Kollegin, Lauscher auf und zugehört: hier im Kreißsaal ist gerade Holland in Not! Land unter! Völliges Chaos! Sollte ich diesen Dienst überstehen, ohne mich oder irgendjemand anderen umgebracht zu haben, dann werde ich Frau Malarias Fall gerne an meinen Tagdienst übergeben, der dann – VIELLEICHT! – zwischen 150 ambulanten Notfallpatienten und einem halben Dutzend anderer Entbindungen zwei Minuten Zeit findet, um nach der hoch aufgebauten Schleimhaut deiner Patientin zu schauen. Comprende?!?!”

“Ich kann auch gerne ihren Hintergrund informieren…!” Temperaturtechnisch befinden wir uns jetzt im Bereich flüssigen Stickstoffes, während mein Blutdruck gerade in den reanimationspflichtigen Bereich driftet.

“Okay – DAS ist Kindergartenniveau. Aber wenn sie mich tatsächlich wegen so etwas bei meinem Oberarzt verpfeifen wollen, kommen sie gerne in den Kreißsaal und rufen ihn persönlich an. Ich bin mir sicher, sie könnten ein gemütliches Pläuschchen mit ihm halten, frühmorgens um Viertel nach Drei, während ich…!”

“JOOOOOOSEEEEEEPHIIIIIIIINEEEEEEE!!!!”

*BLING* – Mein Blutdruck hat gerade die 300er Schallmauer durchbrochen…

“…muss auflegen!” Das Echo von Ohes Schrei hallt noch durch die Weiten des Kreißsaalflures, als ich auch schon an Frau Dreis Bett stehe.

———————TO BE CONTINUED————————————