Tag-Archiv | CTG

*KOPF->TISCHKANTE*

Für *Kopf->Tischkante*nfälle sollte es eigentlich eine eigene Rubrik geben. Ächt jetzt. Ich denk mal drüber nach…

Der aktuelle *Kopf->Tischkante*nfall liegt schon einige Jahre zurück, fiel mir aber just vorgestern ein, als ich mich (zum wiederholten Male diese Woche) nur mit Mühe zurückhalten konnte, LaberLarry (unser PJ-Geschenk Gottes an die Menschheit… *HUST*) an seinem 250€-Armani-Hemdkragen zu packen und eine Runde durchzuschütteln.

Wir hatten damals einen Famulanten (nennen wir ihn der Einfachheit halber “Heini”) im 1. klinischen Semester, der wirklich ein nettes Kerlchen, aber leider nicht das hellste Licht im Leuchter war. Will sagen: der Geist war sowas von willig, aber den Rest konntest du getrost in die Tonne kloppen. Es ist mir ein Rätsel, wie Heini sein Physikum bestanden hatte (okay, erst im dritten Anlauf, aber immerhin), denn genau genommen bin ich mir nicht einmal sicher, ob der Kerl des Lesens und Schreibens mächtig war. Egal was man ihn fragte, die Antwort war immer falsch. Oder haarsträubend. Oder haarsträubend falsch. Unfassbar!

Aber Heini war ein Überlebenskünstler, und so machte er sein theoretisches Manko in der Tat durch praktische Überlegenheit wett. Und zwar mit solch einer unschuldigen Ignoranz und Selbstsicherheit, daß es beinahe an ein Wunder grenzte.

So nahm ich Heini einmal zu seiner allerersten OP-Assistenz mit, und nachdem der Oberarzt vom Tisch abgetreten war, um dem niederen Fußvolk (UNS) das verschließen der Bauchdecke zu überlassen (großer Baucheingriff bei Ovarial-Ca), ergriff ich die Gelegenheit beim Schopfe und weihte Heini in die Geheimnisse der IntrakutanNaht ein. Das ist der Verschluß der obersten Wundschicht, und da wir Gynäkologen sind und keine (chirurgischen) Grobmotoriker, wird die Haut mit einem haarfeinen Faden fortlaufend so vernäht, daß hinterher fast nichts mehr vom ehemaligen Eröffnen der Bauchdecke sichtbar bleibt. Die Chirurgen tackern da gerne einfach mal zwei Dutzend Klammernadeln in willenloser Reihenfolge rein, sodass man hinterher meint, Frankenstein persönlich hätte sich des Wundverschlusses angenommen….aber:

Zurück zu Heini! Ich hab ihm also anhand einer 5ZentimeterStrecke gezeigt, wie es geht, ihm danach Nadelhalter samt Faden und Pinzette in die Hand gedrückt und mich entspannt zurück gelehnt. Nähen bei Anfängern kann dauern. Aber siehe da – Heini war ein Naturtalent. Mit absolut ruhiger Hand hatte er in Rekordzeit eine Naht hingelegt, die Lagerfeld nicht schöner hätte nähen können. Ich war BEGEISTERT!!! Und so begann Heinis Siegeszug durch die geheiligten Uni-Hallen. Was auch immer es praktisch zu erledigen gab, unser Famulant sah es sich einmal an und KONNTE es schlichtweg. Ein fotografisches Motorik-Gedächtnis sozusagen. PHÄ-NO-ME-NAL!!! Wenn der Kerl nicht so doof gewesen wär, er hätte einen zweiten Christiaan Barnard abgeben können…

Nach langer Vorrede JETZT aber endlich zu meiner Geschichte: Es war eines schönen Tages, mittig in Heinis 4-Wochen-Famulatur, als ich ihn bat, bei einer schwangeren Patientin mit vorzeitiger Wehentätigkeit und anstehender i.v.-Tokolyse (=Wehenhemmung) ein EKG anzufertigen und es mir anschließend zur Kontrolle vorzulegen. Heini verschwand frohen Mutes gen Wöchnerinnenstation – und wart nicht mehr gesehen. 10 Minuten vergingen, eine halbe Stunde, eine Stunde, zwei… – irgendwann funkte mich der Kreißsaal an, und eine ziemlich angefressene OberHebamme schnautzte ins entgegengesetzte Ende meines Hörers, wann ich ihr all die CTG-Geräte zurück zu bringen gedächte, die wir uns nun schon seit Stunden ausgeliehen hatten…?!

Ich stotterte ins Telefon daß ich völlig ahnungslos ob des Verbleibes der Geräte sei und legte mit einem großen Fragezeichen auf der Stirn auf. In meinem Hinterkopf tockerte plötzlich der Heini-Alarmwecker – ist genauso wie Zuhause, wenn du plötzlich realisierst, daß seit einer halben Stunde kein Laut mehr aus dem Kinderzimmer zu hören ist. DAS kann NICHTS Gutes heißen!!!

Ich ließ also alles stehen und liegen und begab mich auf die Suche nach meinem Famulanten. Und FAND ihn schlußendlich auch… – was ich dann zu sehen bekam, stellte alles bisher gehabte mühelos in den Schatten und ich war mir im ersten Moment nicht einmal sicher, ober ich lachen oder lieber weinen wollte…!

Vielleicht habt ihr ja schonmal ein EKG gemacht bekommen, oder zumindest gesehen, wie das von statten geht – SO in etwa sollte es an der Brustwand aussehen, und dann gibt es noch je eine Elektrode an jedes Hand- und Fußgelenk.

So weit so gut – Heini hatte wirklich sein Bestes gegeben und stand mit hochrotem Kopf und Schweißflecken, groß wie Bayern, unter den Armen, im Zimmer meiner Patientin, die wiederum – mit fragendem Blick und misstrauischer Miene in ihrem Bett lag, umgeben von einem Wust aus CTG-Geräten, grün-kariertem CTG-Papier und Kabeln. Ich stand wie vom Donner gerührt und starrte auf dieses Chaos, als Heini zögerlich zwei Schritte auf mich zu machte, mir – vorsorglich den Kopf einziehend – ein Stück CTG-Papier entgegenstreckte und kleinlaut meinte:

“I-iiiiich bin mir nicht sicher oo-oob das ssssoooo gut ist, ii-iiirgendwie sssiiieht das gagagaaar nicht wiiieee ein EeeeKG aus….?!?!”…

Ich *SCHWER-SCHNAUF*: “Heini – mit mir! Vor die Tür!!! SOFORT!!!

Was war geschehen? Nun – ersteinmal für alle Nichtkenner medizinischen Fachgerätes: Ein EKG ist ein ElektroKardioGraphie-Gerät, zeichnet die Aktivität der menschlichen Herzmuskelfasern auf und spuckt ein (laufendes) Bild aus, anhand dessen die Herzfunktion beurteilt werden kann. Ein CTG zeichnet (unter anderem) die kindliche Herzfrequenz bei schwangeren Frauen auf, hat mit EKG nichts weiter gemein, als drei Großbuchstaben und das “G”, es gibt nur ZWEI Ableitungsknöpfe (einmal für die Herztöne, einmal für die Wehentätigkeit), und diese beiden Knöpfe sind – im Gegensatz zu den zierlichen Teilen des EKGs - ungefähr handtellergroß und fingerdick.

Heini, dessen letzte InternistenStunde schon ein Semster und etliche Studentenkneipenbesuche her war, hatte sich nur noch schemenhaft erinnert, daß ein EKG-Gerät ein kleiner, graußer Kasten mit Kabeln und “Knöpfen” war – und solche hatte er doch in rauhen Mengen im Kreißsaal gesehen…?! Achja, außerdem wußte er noch, daß “ein paar” Knöpfe munter auf dem Bustkorb verteilt werden müssen, der Rest irgendwo an Unterarm und -bein. Jetzt gibt es an jedem CTG-Gerät jedoch nur ZWEI Kabel (außer den Zwillingsgeräten, die haben DREI Knöpfe…), aber da Heini ja ein heimlicher Heimwerkerkönig ist, hatte er es GOTT-WEISS-WIE fertig gebracht, insgesamt 6 Köpfe an ein einziges Gerät zu basteln und die (handtellergroßen) Wehen- und Herztonabnehmer irgendwo auf dem zierlichen Brustkorb der Patientin zu verteilen. Es war ein BILD FÜR DIE GÖTTER!! Vor allem die Aufzeichnungen des CTG-Gerätes waren eigentlich einen eigenen Brüller wert – und so mußte ich mich nach anfänglichem Ärger doch sehr zusammenreißen, um auf dem Flur vor dem Patientenzimmer nicht lauthals los zu lachen.

Heini bekam anschließend mildernde Umstände wegen absolut außergewöhnlicher Improvisationskunst und obendrein einen Extra-EKG-Einzel-Kurs bei meinem internistischen LieblingsStudienkollegen.

Ich hab ihn kürzlich – nach etlichen Jahren – mal wieder getroffen (Heini – nicht den Kollegen) und siehe an: er hat das Medizinstudium nach zwei weiteren Semestern tatsächlich geschmissen und ist Bauingeneur geworden. War ja auch irgendwie abzusehen… :)

Geburtseinleitung zum ersten, zweiten – UUUUUND dritten!!! – Teil I

Gestern hatte ich einen klassischen Hattrick-Dienst. Dreimal Einleitung, dreimal miese CTGs, dreimal doch noch gut gegangen.

Es ist 10 Uhr als die ersten beiden Mädels den Kreißsaal betreten. “Datt HäsSchen” ist unglaubliche 16 Jahre alt (okay – jung!), sieht aus wie Mitte dreißig und hat ein schlecht erzogenes Großmaul in fleckiger Ballonseide im Schlepptau, mit dem sie erstmal eine Rauchen gehen will. Es kostet mich eine halbe Stunde Zeit und jede Menge Überredungskunst, datt HäsSchen von seinem Vorhaben abzubringen, aber schlußendlich zieht meine autoritäre Muttervorstellung ganz gut, und Ballonseiden-Proll schlurft allein mit seiner Schachtel Marlboro in den Raucherhof davon. Mal schauen, ob wir den heute noch einmal zu Gesicht bekommen…

HäsSchen ist ein ziemlich großes, ganz schön überproportioniertes Mädchen, hat die Vorsorgen beim Frauenarzt eher sportlich locker genommen und ist infolgedessen spärlich bis garnicht dort aufgetaucht, was heißt, daß ich jetzt erstmal den kompletten Rundumschlag machen darf – Ultraschall, Anamnese, Aufklärung, etc. pp. Die kleine Wuchtbrumme treibt mich dabei fast in den Wahnsinn – mit gelangweiltem, völlig ausdruckslosen Gesicht flätzt sie auf ihrem Bett herum, kaut gelangweilt an ihren 4cm-grellpinken-Kunstfingernägeln und meint auf mein abschließendes “hast du denn noch irgendwelche Fragen?!” nur lapidar “Ich muss pissen!”

Oooooookayyyyy – DAS wird garantiert lustig!

Nachdem HäsSchen ihrem Grundbedürfnis nachgekommen und von OsoleMia ans CTG gepackt worden ist (“sonne Schei**e – jetzt kannisch garnisch zu meine Alde rauchen gehn, Schei**e, ey…!”) werf ich ihr die erste Dosis Einleitung für Einsteiger ein und wander erleichtert ins nächste Zimmer, wo Olga O., still und schüchtern, schon auf mich wartet.

Olga O. bekommt das dritte Kind mit FrauVonSinnen, ist bis jetzt noch immer über Termin gegangen und wird deshalb – heute genau eine Woche drüber – standesgemäß eingeleitet. Ich bin mir sicher, daß sie die wenigsten Probleme bieten wird – sie ist typisch russisch: ruhig (fast stoisch), geduldig und willig. Nach dem üblichen Aufklärungs-Blabla und Tablette legen kommen wir dann auch schon zu Nummer 3 – IchWillEigentlichEineSectioUndBinNurZufälligHierGelandet – kurz: SectioSuse.

SectioSuse ist eine 25jährige Erstgebärende, die eigentlich gerne spontan entbinden möchte, aber schon jetzt mehr Angst als Vaterlandsliebe hat. Infolgedessen liegt sie nun mit weit aufgerissenen, tränengefüllten Augen vor mir und ich habe ernsthaft Sorge, sie könnte schon dekompensieren, BEVOR ich überhaupt zur Tat geschritten bin. Also setz ich mich ein bisschen zu ihr, tätschel die eiskalte, angstschweißige Hand, laß sie eine Runde weinen, klär stundenlang hin und her und hoch und runter auf, und erst, als ich das Gefühl habe, SectioSuse ist EINIGERMASSEN rekompensiert, werf ich die Einleitungstablette ein.

Leider wird Suse auch die erste sein, die mir quasi um die Ohren fliegt, aber davon später!

Erste Einleitung um 10 Uhr - alles gut, zweite Runde um 14 Uhr - Olga O. weiterhin stoisch, datt HäsSchen hatte Zeit, zwei bis zwanzig Kippen weg zu ziehen und gibt sich vorerst zurückhaltend bis geduldig und selbst SectioSuse hält sich erstaunlich tapfer. Alle Frauen sind noch weitgehend wehenfrei, aber das ist nach der ersten Gabe nicht wirklich außergewöhnlich.

18 Uhr - das dritte Priming muß leider ausfallen, HäsSchen liegt – fluchend wie ein Kanalarbeiter – am CTG und schreit bei jeder (nun doch recht zahlreich auf grün-kariertem Papier erscheinenden) Wehe ihren BallonseideMacker voll:

HäsSchen *schnaufend*: “Du Ar***Gesicht, dämmlackisches, isch heb solsche Schmerze, du kanscht dich die näxte Male voll selber fi**en, datt schwör isch dir!”… *schnauf*

Doch Ar***Gesicht wendet den Blick noch nicht einmal für den Bruchteil einer Sekunde vom Fernseher, sondern grunzt nur unmotiviert irgendetwas unverständliches und präsentiert seiner Liebsten dafür einen nikotingelben, hoch erhobenen Mittelfinger. Es geht doch nichts über eine harmonische Beziehung… *Headshot*

Dagegen das komplette Kontrastprogramm in Olga O.s Zimmer – die junge Frau schaut mich mit den Augen eines angeschossenen Rehs hoffnungslos an. Auf dem CTG-Streifen eine Wehe nach der anderen, bei relativ unverändertem Muttermundsbefund.

Und SectioSuse? Die schreit. Das hohe C im Dauerton. Wahnsinn!!! Sie schreit nach ihrer Mutter, dem lieben Gott, einem Kaiserschnitt und außerdem 1000 anderen Dingen, an die ich mich schon nicht mehr erinnern kann. SectioSuse außer Rand und Band. Ein kurzer Blick zu Soli und die Richtung ist klar – 3 x PDA, bitte, danke – HEUTE ist kein Tag für langes Warten, heute gibt es Anästhesie mit Mengenrabatt.

Keine 10 Minuten später taucht Dr. AnästhesieÖhi auf, ein ewig verschwitzt riechender Öko-Arzt, der rein äußerlich viel besser in einen alten, österreichischen Naturfilm gepasst hätte, jedoch vor ewiger Zeit auf wundersame Weise als Gasmann in unserer Klinik aufgetaucht ist. AnästhesieÖhi ist berüchtigt für sein sonniges Gemüt und die HauWeg-PDAs, welche er den Frauen verpaßt und nach denen sie nichts mehr tun können, als – zugegebenermaßen schmerzfrei – Platsch auf dem Rücken zu liegen. DAS kann ja noch heiter werden…!

Gegen 19 Uhr ist endlich Ruhe eingekehrt, alle Frauen liegen, rhythmisch untermalt vom ständigen “TockTock” der kindlichen Herztöne, in ihren Zimmern und tun, was man so tut, wenn man auf die Geburt seines Kindes wartet: Datt HäsSchen beschimpft via Handy unflätig irgendeine arme Person, Olga O. betrachtet mit traurigem Blick das Bild an der Wand vor ihrem Bett und SectioSuse spielt frohgelaunt “4 gewinnt” mit ihrem Mann. Von Sectio keine Rede mehr – alles ist gut!

Bis gegen 20 Uhr das erste CTG schlecht wird. Also – nicht richtig schlecht, aber schon nicht wirklich schön. Irgendwie komisch. Irgendwie riecht das nach Eintritts-CTG. Zur Erklärung an alle nicht-Gynäkologen: Wenn das Köpfchen sich ins Becken einstellt und langsam tiefer rutscht, verändert sich die Herztonfrequenz auf eine ganz bestimmte Art und Weise. Man kann es noch nichtmal wirklich immer beschreiben, d.h. die CTGs sehen jetzt nicht bei allen Frauen GENAU_GLEICH aus, aber wenn man schon ein paar von den Teilen befundet hat, bekommt man den Dreh irgendwann raus. Als auch das zweite und dritte CTG komisch werden, schreite ich zum äußersten – und untersuche einfach mal todesmutig alle Frauen durch. Und sieh an – es ist fast wie im Märchen – ALLE DREI haben exakt denselben Befund: Muttermund 6-7cm, Cervix dickwulstig, vorangehender Teil tief auf Beckeneingang. Whow – DAS ging jetzt ja zackig :) Hat die frühe PDA also doch mal etwas gebracht.

Das Problem ist nur – so richtig schöööön sind die CTGs auch mit diesem Befund nicht. Zumindest kontrollbedürftig. Und was DAS heißt, dürfte mittlerweile auch der letzte Dermatologe wissen: MBU!!! Mikroblutuntersuchung. Man sollte wirklich meinen, ich werde dafür bezahlt, diese Untersuchung permanent anzupreisen. Und vielleicht sollte ich dem alten Saling ja mal die URL zu meinem Blog schicken? Jedenfalls ließ ich alle Mädels in den Kreißsaal umziehen, und begann das Spiel um den richtigen Tropfen kindlichen Blutes. Beim HäsSchen alles prima – komplikationslose Durchführung (trotz unterirdischen Gemeckers seitens der Mutter) und auch Olga O.s ungeborenes Kind konnte problemlos mit dem Siegel “besonders guter pH-Wert” versehen werden.

Doch dann kam SectioSuse….

——————- To Be Continued ———————–

Days of Terror, Nights of Horror…

Es gibt Dinge, die braucht man und solche, die kriegt man, ob gewollt oder nicht. Punkt. Meine letzten drei Dienste bestanden im wesentlich aus ebendiesen ungewollten, aber vor allem schlafraubenden Ereignisssen und brachten immer mal wieder die Frage auf, WARUM man sich SO ETWAS als mündiger, erwachsener Mensch überhaupt noch antun muß…?

Dienst 1 beginnt schon mit altbekannter Migräne-Vorahnung hinter dem rechten Auge, welche sich durch den OP-Tag hindurch leidlich in Schach hält, um dann kurz nach Dienstübergabe vor der Kloschüssel zu enden. Supi. Und ja, ich hör schon die Kritiker rufen: Was geht sie nicht heim, die armen Patienten, so kann man doch nicht arbeiten, Sicherheit vor Arbeitswille – nee, is´ klar. Fakt allein: keiner sonst verfügbar, der meinen Dienst hätte übernehmen können. Weswegen ich an dieser Stelle aus der Diskussion auszusteigen gedenke.

Also hänge ich da über der, streng nach KrankenhausDesinfektion riechenden, leicht angegammelten Schüssel, und lasse mir mein Abendessen durch den Kopf gehen, als das geliebte Handy mit rücksichtslosem Gebimmel ein weiteres Loch in meinen Parietallappen reisst – FrauVonSinnen – Herr! Was hab ich getan?!…

Ich *würg*

Sie: “Was los – du hörst dich an, als wärst du am ko**en”

Okay, Ferndiagnosen hat sie voll drauf!

Ich: “Hab Migräne, muß ein bisschen brechen – sag, daß du nur zum Spaß auf meinem Handy anrufst…!”

Sie: “Sorry – Erstgebärende mit Wehen, CTG so mittelprächtig – kannst du mal drauf schauen?!”

Klar kann ich. Falls mein Kopf noch durch die Badezimmertür passt gerne auch sofort – ich probiere es und siehe da, Kopfumfang noch unter einem Meter, alles wird gut. Im Kreißsaal lauf ich dann auch stehenden Fußes in FvS, die mich mit großen Augen mitleidig anschaut und kurz die Fakten durchgibt: 3 cm Muttermund, immer wieder Dezelerationen, mäßige Wehentätigkeit, groß geschätztes Kind.

In der Tat – über 4000 g hat der niedergelassene Kollege geschätzt und sorgfältig im Mutterpaß vermerkt – ich kläre die Frau also über das erhöhte Risiko einer Schulterdystokie (= stecken bleiben der kindlichen Schulter unter Entbindung mit möglichen Folgeschäden für den betroffenen Arm) auf, werfe einen Blick auf das CTG, welches jetzt passabel anständig ist und verbleibe nach Rücksprache bei “angestrebter Geburtsmodus: Spontan!”.

Anschließend parke ich mich erschöpft und mit weiterhin anhaltendem Brechreiz im leeren Kreißsaal I aufs Bett und schließe seufzend die Augen. Kurz. Dann Auftritt FvS, das BlutentnahmeTablett in der Einen, eine 1000er Stero (1l Infusionslösung) in der anderen Hand und spricht: “Du braucht Flüssigkeit!” Widerspruch sinnlos – das sieht man ihr an der Nasenspitze an. Mir ist aber gerade sowieso alles egal, also halt ich ihr brav meine Hand mit den wunderschönen, fetten, hervorragend zu punktierenden Venen hin und schließe erneut die Augen. Zwei Minuten später tropft munter kristallklare, eiskalte Flüssigkeit in mein Kreißlaufsystem, und während das Gewitter im Schädel weiterhin sein Unwesen treibt, merke ich gerade noch, wie ich sachte mit einer Wolldecke zugedeckt werde, bevor ich sanft ins Nirvana davontreibe.

2 Stunden später bin ich leidlich wiederhergestellt, zupfe mir die Braunüle aus der Hand und betrete – den letzten Schlaf aus den Augen wischend – den Überwachungsraum.

FvS: “Du siehst VIEL besser aus!!!”

Ich: “Jepp – fühl mich auch besser. Danke! Auch fürs mütterliche zudecken…!”

FvS *grinst*

Ich: “Und – wie sieht das CTG aus?”

Frau von Sinnen hält mir den gut zwei Meter langen, grünkarierten Papierlauf unter die Nase und ich seufze mäßig begeistert. Es ist – okay! Nicht dramatisch, weit entfernt von traumhaft – irgendwie nicht Fisch noch Fleisch. Immer dann, wenn man denkt “Jetzt ist´s richtig Schei**e” berappelt es sich für 10, 15 Minuten, um dann wieder undefiniert rumzuspirenzen. Für meine Lieblings-MBU ist der Muttermund noch nicht weit genug geöffnet, Wehen hat´s auch, die Mutter will unbedingt spontan entbinden – bleibt also nur abwarten und Tee trinken.

CTGs sind ein Teufelszeug – gib 5 unabhängigen Geburtshelfern mit jahrelanger Erfahrung das ein und selbe CTG in die Hand, laß sie unabhängig voneinander die Situation des Kindes nach streng definierten Kriterien beurteilen, und ich schwöre euch das von “Sectio eilig” bis “Alles wird gut” jeder etwas anderes voraussagen wird.

Ich habe CTGs gesehen, da wurde mir noch im Nachhinein schlecht vom nur drauf schauen – und die Kinder sind putzmunter aus ihren Müttern herausgepurzelt und haben sich – bei blendendem pH versteht sich – erst mal 10 Punkte auf der 10-punktigen APGAR-Scala abgeholt. Andere wiederum präsentieren über Stunden ein ganz passables CTG-Bild und müssen dann – dunkelblau und mächtig sauer, mittels Not-Sectio raus gefischt werden. Ich steh nicht auf Kaffeesatzleserei, echt nicht. Und CTG ist manchmal Kaffeesatz vom Feinsten *grrrr*

So verbringe ich also die Nacht mit meiner RestMigräne auf Kreißbett Nummero I, hübsch eingepackt in weiße Krankenhauswolldecke und tigere immer mal wieder um besagte Frau samt CTG herum – und dann, gegen 4.30 Uhr am morgen sind wir genau da, wo ich uns am Abend zuvor schon gesehen hatte: Geburtsstillstand bei fraglichem Missverhältnis, 8 cm Muttermund und beginnend pathologisches (=schlechtes) CTG. Dankeschön!

Um 5 Uhr ist die Frau via Sectio von einem 4600 g schweren Mädchen entbunden, guter Apgar und pH, um 6 Uhr pfeiff ich mir – gemeinsam mit FvS, die heute massiv Pluspunkte gesammelt hat – bei lauen Außentemperaturen und Vogelgezwitscher den ersten Kaffee auf dem kreißsaaleigenen Balkon rein, um dann gegen 8 Uhr schwer gerädert und immer noch nicht gänzlichst migränefrei den Heimweg anzutreten. Mehr dann morgen. Oder übermorgen. Diese Woche hat es in sich… *schnauf*

Englische Woche, Tag I, Teil B…

Okay, weiter im Text:

Ich lasse also Abschlußuntersuchung sein und bewege mich Usain-Bolt-gleich quasi in Überschallgeschwindigkeit gen Kreißsaal. Wo ich eigentlich gerne erstmal eine kurze Auszeit im Sauerstoffzelt genommen hätte – bin ja auch nicht mehr die Jüngste – aber was so eine kleine, wohldosierte Adrenalin-Ausschüttung alles wieder hinbiegen kann:

TM steht mit ein wenig panisch anmutendem Blick und dem Kopfschwarten-Elektroden-Kabel in der Hand neben dem Kreißbett, während das CTG nichts anderes von sich gibt, als angespanntes, weißes Rauschen. Herr K., der sich jetzt doch endlich mal von seinem Handy-Spiel losreißen konnte, starrt, synchron zur Hebamme, ebenfalls auf das hübsch weiß-grün geringelte Kabel in deren Hand, während Frau K. weiterhin wenig mobil in Rückenlage auf dem Kreißbett ruht.

“TM – mach die abdominale Ableitung dran!!!” – manchmal sitzt die Elektrode nicht richtig, und die Herztöne lassen sich über den Bauch besser ableiten. TM stöpselt um, drückt den Kaffeepad großen Herzton-Ableitungs-Knopf in die Tiefen der nachgiebigen Fettschürze – und schaut flehentlich auf die LED-Anzeige des CTG-Gerätes.

Nichts! Weiterhin weißes Rauschen. In meinem Kopf beginnt automatisiert der alte Film abzulaufen: Notfallmanagement Herztonabfall, Punkt 1-4

1. Vaginale Blutung? NEIN!

2. Nabelschnurvorfall? Hand rein – NEIN!

3. Dauerkontraktion (=-Wehe)? – Hm, wäre möglich, aber leider können weder das Gerät noch mein Tastsinn definitiv sagen, ob sich da irgendwo tief unten ein (wenn auch sehr großer!!!) Muskel kontrahiert.

4. Lagerungswechsel – wir drehen die Patientin so schnell wie irgend möglich auf die linke Seite, während ich pro Forma die ersten 2,5 ml Tokolyse (=wehenhemmendes Medikament) spritze.

In der Geburtshilfe ist es mit intravenöser Wehenhemmung wie bei den Internisten und fraglicher Hypoglykämie (=gefährlicher Unterzucker): mit der Gabe von Glucose kann man nicht viel falsch machen, aber im Zweifel hilft es verdammt schnell und super gut.

So auch hier – nach nicht einmal einer Minute haben sich die Herztöne auf ein vertretbares Level erholt, und ich denke an“House Of God” (Punkt 3….!) und fühl erst mal meinen eigenen Puls. Die Herztöne tuckern jetzt wieder brav um die 150 Spm und wir haben ein bisschen Zeit zum durchatmen. Also nochmal Hand rein und überlegen, was da wohl los ist: Das Kind ist los! Die kleine, wilde Wanze im inneren des phlegmatisch rückenliegenden Mutterschiffes ist das genaue Gegenteil seiner Erzeuger und so derartig mobil, daß sie in den wenigen Stunden meiner Anwesenheit schon geschätzte 5 Mal die Lage gewechselt hat. So auch jetzt wieder – die Pfeilnaht – das ist die Stelle am Höhepunkt des kindlichen Köpfchens, wo die zwei seitlichen Schädelknochen zusammenstoßen und die auch beim entbundenen Kind noch als falzartiger, sich über die komplette Länge des Kopfes ziehender Knochenwulst tastbar ist - diese Naht tastet sich einmal quer, dann wieder senkrecht und jetzt anders herum quer. Kein gutes Zeichen – denn trotz vollständigen Muttermundes und ausreichender Wehentätigkeit scheint das Köpfchen nicht wirklich tiefer zu treten. Dafür ist das CTG jetzt dauerhaft nicht mehr als richtig schön zu bezeichnen.

Ich bin sauer – schon wieder Sectio, schon die zweite in Folge. Ich nehm sowas persönlich, schließlich wäre ich MISS SPONTANPARTUS, wenn es denn solch einen Titel zu vergeben gäbe. Sectio kann ja jeder – sogar Chirurgen *duck* - Bauch auf, Kind raus, Bauch zu, FERTIG!!! Ich entbinde die Frauen lieber spontan – wenn sie denn wollen und können. Aber die hier will weder noch kann sie. Ich gebe mich geschlagen und telefoniere den Chef herbei.

Nach einer halben Stunde haben wir den kleinen Kreisel dann vorschriftsmäßig aus seiner Mutter herausgedoktert, und jetzt bleibt nur zu hoffen, daß die Naht einigermaßen anständig heilt. Tut sie nämlich nicht immer gerne bei so großen, schweren Mädels.

Den Rest des Tages verbringe ich mit wenig aufregenden Ambulanzvorstellungen, Stationsbetrieb und der Vernichtung Unmengen von Kuchen – Goldstück, die Hebamme hat Geburtstag und bringt Leckereien vorbei. GOLDSTÜCK – ist klar, oder??? :)

Gegen 18 Uhr möchte ich gerade den ersten Zwischenstopp im Dienstzimmer einlegen, als die internistische Station mich anruft und dringend zum Konsil bittet: 38jährige in der 9. Schwangerschaftswoche mit Verdacht auf Noro-Virus und dem dringenden Bedürfnis nach gynäkologischem Ultraschall JETZT SOFORT! Ob ich denn nicht mal kurz vorbei kommen könnte, die Frau säße quasi minütlich auf der Klingel…?! Ich hab Mitleid und komme, vermumme mich vorschriftsmäßig und betrete das Zimmer der recht fidel aussehnden Patientin und ihres im Ganzkörperkondom verschwundenen, komplett mit Mundschutz und Handschuh ausgestatteten Partners. Frau B. möchte einen Ultraschall. Der letzte sei immerhin schon 4 Wochen her. Ich erkläre geduldig, daß das (verdächtigte) Noro-Virus keine Konsequenz für die Schwangerschaft hätte, und auch Erbrechen und Übelkeit einer intakten Gravidität nichts anhaben könnten. Frau B. interssiert das wenig – sie ist jetzt hier im Krankenhaus, ich bin Gynäkologin, ich soll einen Schall machen! SOFORT! Ich erkläre geduldig, daß eine Einbestellung bei Verdacht auf ansteckenden Magen-Darm-Infekt in meine Ambulanz nur bei begründetem Verdacht auf akute Gefährdung der Mutter durch die aktuelle Schwangerschaft bestünde (und dem ist einfach nicht so), oder dann unter der Woche, wo ein (am Wochenende nicht planmäßig im Haus befindliches Putzteam) eine Komplettreinigung des betreffenden Raumes und der benutzten Geräte durchführen könne…

Meine Ausführung komplett ignorierend nörgelt Frau B. jetzt ein wenig lauter, daß sie sofort einen Ultraschall zu haben gedenke – oder zumindest das Abhören der Herztöne. Und warum das nicht gehen solle… *HEADSHOT*

Als mein kleines Kind so um die vier Jahre alt war, hatte es die Nummer auch bis zur Vollendung drauf: Ohren auf Durchzug stellen und immer wieder dieselbe, olle Schallplatte auflegen “Ich will abba!!!” “Ich will abba doch!!!” “Ich will ABBA JETZT!!!!”

Verlegen und kleinlaut schaut mich der Mann der Patientin unter OP-Haube und über Mundschutz hinweg an und murmelt verlegen “Schatz, bitte, reg dich doch nicht so auf!!!”

Aber Schatz MÖCHTE sich jetzt bitte-danke aufregen, und noch während sie dem armen Kerl in grün mal richtig föhnt, blase ich ganz unauffällig meine Truppen zum Rückzug und verlasse gegnerisches Gebiet. Er hat sie geehelicht, soll er doch schauen, wie er Schatzi wieder runter holt!

Als ich anschließend meinen konsiliarischen Bericht aktentechnisch festhalte, schiebt mir die internistische Schwester mitleidig eine Schüssel Schokopralinen hin und meint freundlich: “Nehmen sie reichlich – alles was bei DER Frau hilft, sind Schokolade und Antihypertensiva (=Mittel gegen Bluthochdruck)!” WIE recht sie doch hat….

Erst war ich fort, jetzt bin ich gebildet…

Heiho, liebe Gemeinde,

da bin ich wieder. Nach drei Tagen fleißigen fortbildens bin ich nun – bis zur Halskrause vollgestopft mit Neuigkeiten und Altbewährtem – zurück in der Heimat. Es war eine rein pränatal-geburtshilflich orientierte Geschichte, toll aufgemacht mit knapp gehaltenen – und deshalb auch aufs Wichtigste reduzierten – 30-Min-Vorträgen, und Referenten, bei denen man (oder besser gesagt: FRAU, nämlich ich) schon fast hätten niederknien wollen: Der alte Saling zum Beispiel, medizinisches Urgestein und Altvater der MBU (= Mikroblutuntersuchung; hierbei wird Blut am kindlichen Köpfchen entnommen, während selbiges noch IN der Mutter steckt. Praktiziert bei fraglich schlechten CTGs um anhand der Sauerstoffsättigung des fetalen Blutes beurteilen zu können, ob und wenn ja wieviel Reserve das Kind noch hat). Oder Michael Stark – der Mann, der den sogenannten “sanften Kaiserschnitt” (Misgav-Ladach-Sectio) etabliert hat! Seine Durchschnitts-Schnitt-Naht-Zeit liegt bei 12,5 (in Worten: ZWÖLFKOMMAFÜNF!!!) Minuten – die hat mein alter Uni-Oberarzt allein für den Hautschnitt und die Blutstillung bis zur Faszie gebraucht….

Aber auch sonst gab es viel Spannendes mitzunehmen, z.B. die Tatsache, daß die Hessinnen im Kreis Marburg wohl tatsächlich immer noch großen Wert auf spontanes Entbinden legen, oder das der leitende Geburtshelfer der Uni Frankfurt wirklich Stolz darauf ist, daß lediglich 10 % der spontan entbindenden Frauen seiner Abteilung ihre Kinder in Rückenlage zur Welt bringen. Da können wir uns mal noch eine ganz gehörige Scheibe abschneiden!!!

Die Schattenseite solch eines Aufgebotes hochdekorierter Koryphäen (und solcher, die es gerne wären…) ist dann wiederum die gerne und weitläufig praktizierte Selbstbeweihräucherung, eben solche Kerle, die sich selbst für Gottes Geschenk an die Menschheit halten. Und die den Blick dafür verloren haben, daß (gute) Medizin nicht nur in großen Häusern (und von doppelt promovierten und zumindest einfach habilitierten Menschen) gemacht wird, sondern das auch kleine Abteilungen mit wenig Personal ihre Daseinsberechtigung haben. Nur scheitert es hier oft an den überzogenen Forderungen eben dieser “Großunternehmen”. Beispiel gefällig? Gerne:

Vortrag über die spontane Zwillingsgeburt – höchst löblich, werden doch immerhin rund 80% aller Gemini in Deutschland per Kaiserschnitt entbunden.

Dafür aufzubringendes Personal (und diese Aufführung ist jetzt wortwörtlich mitgeschrieben – ich konnte nicht anders, ich MUSSTE sie einfach festhalten):

- Der Chef des Krankenhauses bzw. sein Stellvertreter (vor der Tür des betreffenden Kreißsaales – klar… – DEN KlinikChef will ich sehen, der mit dem gemeinen Fußvolk VOR der Tür stehen bleibt… *pfff*)

- Der Oberarzt und ggf. ein anzulernender zweiter Oberarzt (DIE dürfen sich IM Kreißsaal befinden!)

- Zwei Assistenzärzte (vor der Tür wartend – ggf. könnte einer von beiden nach Absprache mit Cheffe, den beiden Oberen und der Patientin doch partizipieren…)

- Zwei Hebammen (eine bis zur Geburt des ersten Geminus, die zweiten dann hinzustoßend – solange also VOR der Tür wartend!)

- der Anästhesist nebst Anästhesie-Pfleger (selbstverständlich VOR der Tür, wenn schon der Chef draußen wartet)

- zwei Kinderärzte nebst Pflegepersonal.

Macht Summa Summarum *durchzähl* 13 Personen!!! Das Überschreitet klar die komplette ärztliche Belegschaft von 65% aller deutschlandweiten Abteilungen. Kein Wunder, daß solche Geburten nur noch in Hochversorgungszentren laufen sollen – der Rest hat schlicht zu wenig Personal!

Über die genaue Anzahl der Menschen in diesem Fall läßt sich bestimmt lang und ausgiebig streiten (ich halte sie verwegenerweise für absolut überzogen – aber ich bin ja auch nur ein kleines Licht im Leuchter) – aber tolldreist fand ich dann doch die Abschlußaussage des referierenden Kollegen: “Ich schare einfach gerne Leute um mich. Die müssen dann noch nicht mal alle mit in den Kreißsaal kommen, es reicht, wenn sie vor der Tür stehen, und warten. Oftmals brauch ich sie dann auch gar nicht. Aber es ist schön, daß sie da sind!”

Ja, großartig ist das. Und zu Zeiten der Ärzteschwemme (nur noch wenige Lebewesen können sich an diesen gelobten Abschnitt medizinischer Geschichte überhaupt erinnern…), als vor allem MANN gerne noch 48h rund um die Uhr und für kein Geld gearbeitet hat und seinem Chef quasi in untertäniger Anhänglichkeit ergeben war, DA war es garantiert noch denkbar, daß unzählige Menschen däumchendrehend warteten, bis der Chef die Versammlung abzublasen gedachte. Aber heute ist man doch froh, wenn die paar Männekens, die einem gemeinhin so unterstehen, der Arbeit im Laufe des Tages zumindest einigermaßen Herr werden. Und die sollen nun stundenlang in der Gegend herum stehen, weil der Oberste gerne “Leute um sich versammlt”?! Nee – is´ klar…

Auch lustig – die Vorgabe, bei jeder Risiko-Entbindung möge ein Facharzt anwesend sein. *HUST* Hier kann ich nun mit Fug und Recht behaupten, daß das noch nicht mal an den großen Häusern und Unikliniken der Fall ist. Denn streng genommen kann man heute jeder zweiten Schwangeren das Prädikat “Besonders risikoreich” auf die Stirn drücken. Weil: die Frauen sind

- zu dick

- zu alt

- zu jung

- haben Diabetes

- oder Bluthochdruck

- familiäre Prädispositionen, Allergien, Vor- und Nacherkrankungen,

- sind über Termin oder

- haben einen vorzeitigen Blasensprung.

Aber auf alle Fälle tragen sie ganz oft ganz schön dicke Kinder mit sich herum. Und genau darauf lief die Diskussion ja hinaus – ein Referent sagt, das Steckenbleiben der Schulter sei eben DESHALB ein Notfall, weil es eben in den MEISTEN Fällen bei normal großen Kindern statt fände, woraufhin der nächste lamentiert, bei jeder Risikogeburt (s.o.) müsse ein Facharzt da sein, um gegebenenfalls eine solche Situation cool und effizient zu handeln. Ja, wie jetzt eigentlich…?!

Aber nee, sonst war es wirklich toll.

Obwohl – ein Problem hab ich noch: Es ist ungefähr 12 Jahre alt (sieht zumindest keinen Tag älter aus), und nach jedem Vortrag fliegen sofort beide Arme in die Luft (fehlt nur noch das Schnippsen mit den Fingern, wie in der Grundschule… *Kopf ->Tischkante*): Das Schleimchen!!! Schleimchen ist meist weiblich, oft klein, dünn, mit Brille und Fisselhaar, und Schleimchen hat IMMER EINE FRAGE!!! Egal welches Gebiet, egal welche Fachrichtung, irgendwo sitzt immer ein Schleimchen und muß dann noch schnell ganz weltbewegende Dinge wissen:

Also erstens – wie spät ist es und

Zweitens – wie spät ist es in fünf Minuten und

Drittens – wie spät war es gestern um dieselbe Zeit????

Versteht ihr das Prinzip? Es geht nicht darum, bei der Problemlösung eines wirklich schwerwiegenden Sachverhaltes geholfen zu bekommen – nein, man möchte nur mal generell gefragt haben!

Ein konkretes Beispiel: Thematik war die Entbindung NACH Kaiserschnitt, der Dozent berichtet, er habe bei einer Frau einmal den fünften Kaiserschnitt (also Re-Re-Re-Re-Sectio – “Rudel-Sectio”) durchgeführt, und zeigt sehr beeindruckende Bilder vom OP-Situs, wo einen die Rückseite der Plazenta, nur von minimal Peritoneum gedeckt, direkt durch die stumm rupturierte Gebärmutterwand hindurch anlächelt – und was fragt Schleimchen?

“Würden sie einer Frau generell zum fünften Kaiserschnitt raten?!”

*Headshot*

Noch Fragen? Nein, euer Ehren…

Last Action Hero

Es war, als hätte sich die Welt vor Antritt meines Urlaubes gemeinschaftlich gegen mich verschworen – 3 Dienste, dreimal geballtes Chaos. Bitteschön – DAS muss für die nächsten 2 Wochen ausreichen…:

Freitag

der Dienst beginnt angenehm ruhig – und so verbringe ich die ersten Stunden des Tages mit oSoleMia und deren neuestem Spielzeug – dem iPhone! Soli ist zwar eine töffte Hebamme, aber von Technik-Eiern und kompatibler Software hat sie soviel Ahnung, wie der Psychosomatiker vom operieren. Und so zieht der Nachmittag vorüber mit dem Einrichten von iTunes-Konten, dem verballern von MasterGoldCard-Nummern (warum bin ICH eigentlich nicht Hebamme geworden???…) und auf der ersten Suche nach den neuesten Apps.

Währenddessen weht Solis Ertgebärende zwei Zimmer weiter friedlich von 3 auf 8 Zentimeter. Braves Mädchen.

Gegen 18 Uhr wird es eng im kleinen Besprechungszimmer – Frau von Sinnen stapft – mit grimmiger Miene und allen von-Sinnen-üblichen Überlebensutensilien bewaffnet – zur Tür herein, eine Schwangere mit Blasensprung im Schlepptau – die Nacht verspricht eine Kurze zu werden. Nachdem die Ambulanz dann doch noch voll läuft, ist es schließlich 0.30 Uhr, als mein Dienstbett und ich endlich zusammen finden. DOCH: zu früh gefreut, keine halbe Stunde später ein bimmelndes Telefon mit einer kleinlauten oSoleMia – das CTG sei schlecht, der Geburtsbefund seit zwei Stunden gleichbleibend, ob ich denn mal schauen könnte…?!

Nee, eigentlich gerade gar nicht, meine Augen sind müd und würden gerne nichts anderes mehr sehen, als die Augenlider von innen – aber wen interessiert das schon??? Im Kreißsaal liegt eine sich windende, schnaufende, heulende Frau elendsgleich auf dem ausladenden Kreis(s)bett, und ich denke wehmütig, wie gut es sich DA drauf wohl gerade schlafen ließe…?! Okay, zurück zum Tatort – Frau Z. ist eine durchaus hübsch anzusehende, barock gebaute Rothaarige, mit sympathischem Lächeln und myriaden von Sommersprossen, und sie lächelt immer noch, als sie mir zwischen zwei Wehen ein durchaus freundliches, aber geradezu gnadenlos endgültiges “Ich will jetzt einen Kaiserschnitt!!!” entgegen knallt. Ääääh – wie jetzt?? – Ja, sie hält es nicht mehr aus, die Schmerzen und so (Frau Z. hat quasi mit Aufnahme in den Kreißsaal die PDA verpaßt bekommen – auf höchstdringlich eigenen Wunsch wohl gemerkt – hätt ich sie doch nur gleich sektioniert…), und deshalb wolle sie jetzt und hier GLEICH einen Kaiserschnitt haben.

Okay, 1 Uhr morgens, Muttermund vollständig – schöne Nummer das. Soli steht mit verschränkten Armen und “SiehstDU!!!”-Blick neben mir, bescheinigt auf Nachfrage den fehlenden Geburtsfortschritt und ist leider in keiner Weise gewillt, mir zur Seite zu stehen. Wozu auch? Frau Z.s Entschluss steht bombenfest, und es gibt nichts frustraneres, als eine (wohlgemerkt: schmerzfreie!!!) Frau zur spontanen Entbindung zu zwingen. Geht hierbei auch nur die kleinste Kleinigkeit schief, steht man augenblicklich mit beiden Beinen in Teufels Küche. Und da will ich nicht hin. Nicht mitten in der Nacht, keinesfalls 4 Tage vor meinem wohlverdienten Urlaub! Also trommel ich “das Team” zusammen – Chef, Anästhesie, OP – den üblichen Verdächtigen eben, und keine Stunde später ist Frau Z. mittels “sanftem” *HUST* Kaiserschnitt von einer wirklich entzückenden, kleinen Tochter entbunden.

Das ich das Kind dabei quasi von Scheidenausgang wieder zurück in den Bauch ziehen mußte, macht mich wirklich wütend. Noch eine halbe, dreiviertel Stunde Mitarbeit und bisschen pressen – dann hätten wir Mutter und Kind dieses Rumgeschnippel ersparen können. Der Chef meint nur lapidar, ich solle mich nicht ärgern – so wäre es nunmal, und außer mir seien doch alle glücklich…?! Ich will aber AUCH glücklich sein *mitdemfußaufstampf*

Hätte ich zu diesem Zeitpunkt gewußt, WIE der Abend – nein, das ganze Wochenende noch weiter gehen würde, ich wäre augenblicklich SOWAS von glücklich gewesen… – aber so war ich zu jenem Zeitpunkt nur missmutig und müde.

Selber Tag, 4 Uhr morgens.

Ich hab kaum Geburt und Sectio eingegeben, und mein müdes Haupt auf weiches Kissen gebettet – Telefon!!! Kennt jemand den Film “Und täglich grüßt das Murmeltier”??? Dies ist mein ganz persönlicher Groundhog Day, ich schwöre!!!

Am Telefon Frau-von-Sinnen, im Hintergrund hör ich das metallische Schnorcheln des Sauerstoffgerätes – und Frau von S. muß schon gar nichts mehr sagen, im blinden Galopp schmeiß ich mich in Schuhe und Kittel, jage den Gang hinunter und die Station hinauf. Frau I. ist eine kleine, muckelige Frau, der riesige Bauch wippt mit jeder Wehe bedrohlich auf und ab, und scheint noch immer bis zur Klavicular zu reichen, obwohl das Köpfchen schon fast geboren ist. Frau I. schiebt wie der Teufel, die Skleren schimmern bereits in allen erdenklichen Rottönen (deshalb AUGEN ZU, Kopf auf die Brust uuuuuuuuund….), aber noch steht das Köpfchen wie festzementiert auf Beckenausgang.

Frau von S.´ Blick ignorierend schnapp ich mir die Dammschere und stell mich schonmal in Position. Nein, ich bin sicher kein Freund der prophylaktischen Episiotomie (=Dammschnitt), aber der hier sieht schon arg stramm aus…

Als hätten die Frau und Von Sinnen einen Pakt geschlossen, drückt Frau I. das Kind in der nächsten Wehe völlig schnittlos, dafür mit mächtig Karacho über den Damm und… – Fertig!!!! Nee, nicht so, wie ihr denkt. Turtlephänomen!!! Oder zu deutsch: Schulter steckt.

Der Alptraum eines jeden Geburtshelfers, wenn der Kopf nach Geburt nicht brav routierend das Nachdrehen der Schultern anzeigt, sondern wie festzementiert im Scheidenausgang pfropft und in jeder neuen Wehe scheinbar ins Innere der Scheide zurück gesaugt wird. Gruselig das, echt gruselig!!!

Es gibt extra Standards, wie man sich im Falle einer solch eingeklemmten Schulter zu verhalten hat, und dieses Programm beginnen wir jetzt gerade abzuspulen: Zuerst MacRoberts-Manöver: Die gestreckten Beine der Patientin werden einmal – übers Kreißbett hinaus – gen Boden geführt, und dann – gemeinschaftlich und parallel in einem Zug – bis quasi zu den Ohren gezogen. Schwangerschaftsgymnastik für Fortgeschrittene sozusagen – ich schwitze, was das Zeug hält, und dreiviertel davon ist der nackte Angstschweiß.

Nichts. Das immer blauer werdende Köpfchen steckt nach wie vor korkenähnlich in der Mutter, der Blick zur Uhr – wir haben 10 Minuten. Plus – Minus.

Zweites MacRoberts – selbes Procedere. “Bitte-bitte-bitte” kreist in meinem Kopf “bitte lass ihn drehen”…

Wir halten inne – und da – dreht er. Einmal um 180 ° von 9 auf 3 Uhr. Und propft weiter. Also auf ein drittes…! Dieses Mal scheint die Schulter gelöst, ein leichtes Absenken entwickelt die vordere Schulter, nach Anheben folgt die hintere ein wenig widerwillig – und dann ist er da. Und blau. Und schnauft nicht.

Wie heißt es schon so schön bei “House of God”? Wenn jemand einen Herzstillstand hat – erst einmal den eigenen Puls fühlen. Ich schnaufe selber mal tief und lege los. Wie im Film läuft das Schema durch – Neugeborene brauchen Wärme – frische Decke, Wärmebett – sie haben keine Probleme mit dem Herzen, sondern mit der Atmung – also Schnüffelstellung und Maske drauf. Schön abdichten – und parallel Anästhesie informieren.

Der kleine Wurm liegt schlappi vor mir als der Brustkorb sich unter meiner Beatmung zu heben und senken beginnt. 30 Sekunden, dann muß sich etwas getan haben – sonst folgt der nächste Punkt auf der Liste: Druckmassage. Doch so weit müssen wir gottlob gar nicht gehen – das Kindelein wird rosig, alles doch noch gut. Der erste Schrei macht mich jetzt wirklich glücklich. Ich bin klatschnass geschwitzt – und frage mich mal wieder, ob ich nicht doch langsam zu alt bin für das Spiel…?!

To be continued….

Doppelschicht!!!

Okay, DAS ist mir in 4 Jahren Assi-Dasein auch noch nicht untergekommen – ich schiebe Dienstag-Mittwoch-Donnerstag eine Doppelschicht. Grund: Chronische Langeweile und absolute Unterforderung mit Kind(ern), Haus, Hund, Katze und Pferd!

Nee, Spaß gemacht  - es ist (wer hätte das gedacht?! *Ironieon*) der deutschlandweite Ärztemangel, der mir vier Dienste in 6 Tagen beschert! Das Problem (bis zum umfallen in diversen Vor-Einträgen durchlamentiert): wir sind schlicht und ergreifend zu wenig Kollegen.Den Dienstplan hat Dr. Klitschko noch schnell zusammengezimmert, bevor er sich klammheimlich ins Frei verabschiedet hat, ohne Rücksicht auf ein mögliches Leben außerhalb der Klinik (für die Kollegin und mich) und ohne auch nur mal kurz Rücksprache mit uns gehalten zu haben. Jetzt hat Schnegge Samstag, Montag, Freitag, Samstag, Sonntag, und ich eben Sonntag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag. Ich kann gar nicht so viel essen, wie ich gerne brechen möchte.

Der Chef ist stinkesauer, weil sein Altassi ihn mit “Jaja, Chef, das klappt alles ganz wunderbar!” in das dünne Mäntelchen der Sicherheit geschlagen und dann gnadenlos im Regen geparkt hat. Aber egal wie wir es drehen und wenden – es gibt für diese Woche keine andere Lösung. Und den Rest des Monats haben wir jetzt mal alle hübsch ordentlich verdrängt, denn wenn wir anfangen, darüber auch noch nachzudenken, müssen wir Omeprazol-Pharmaceutics aufkaufen, um der Magengeschwüren auch nur annähernd Herr zu werden…

So, also hatte ich gestern schonmal Sonntag-Dienst, welcher ganz okay war – bisschen Ambulanz, bisschen Station, garkein Kreißsaal – und einmal den Aufschneidern ausgeholfen. Bei dem Patient handelt es sich um einen grenzdebilden (sorry, ist aber so) Anfangs-Fünfzigers mit fraglich akutem Schub seiner bekannten Wirbelsäuleerkrankung. Ich klopfe also ein bisschen auf der Wirbelsäule herum “AUA!!!”, versichere mich obendrein, daß die Beschwerden an Intensität und in Qualität so sind, wie bei vorhergehenden Schüben auch, schließe Symptome eines Bandscheibenproblems aus und schicke den Knaben nach einlaufen lassen eines netten kleinen Schmerzcocktails mit Verhaltensanweisungen und der Vorgabe, sich Montag beim behandelnden Kollegen einzufinden, nach Hause.

Um 22.30 sprech ich noch mit einem unglaublich netten kleinen Türken über die Myomentfernung seiner geschätzt fünfzehnjährigen Frau, die kein Wort deutsch versteht, aber am Montag für eine Lap-Myomenukleation auf dem Plan steht, und bin völlig fasziniert von der Tatsache, daß die Patientin tatsächlich 20 Jahre älter ist, als von mir geschätzt…

Nach diversen Kleinigkeiten hier und da liege ich um 0.30 Uhr seelig und müde in meiner Dienstkoje und schicke eine inbrünstige Bitte nach ruhiger Nacht gen Himmel, als ich auch schon eingeschlafen bin. Bis…………. – um 1.45 Uhr meine Lieblings-Frau-Von-Sinnen telefonisch den knappen Nachtschlaf beendet, und mir faktisch zwei Schwangere aufs Auge drückt:

Frau L., 4. Kind, Zustand nach Kaiserschnitt beim letzten Mal, geplant für Re-Sectio am kommenden Dienstag mit beginnendem Geburtsbestreben UND

Frau H., 1. Kind, auch Geburtsbestreben und kein schönes CTG.

Na Super!!! Ich informiere die übliche Nachtschicht-Kaskade: Anästhesie, OP-Personal, Hintergrund, und schlurfe Richtung zweiten Saal. Wie es der Zufall will, ist die Frau auch noch privat, d.h. ich frier mir quasi nur fürs assistieren den Hintern ab. Einziger Lichtblick: der Chef hat Hintergrund, d.h. ich muß keine stundenlange Überzeugungsarbeit leisten (die OÄ will nachts schon gerne mal ausdiskutieren, WARUM sie jetzt eigentlich kommen soll…. *schnauf*) und gut gelaunt ist er obendrein. Also schaukeln wir mit ein bisschen netter Musik und in Gesellschaft zweier Lieblings-OP-Schwestern das eilige Sonntagskind ans Licht der OP-Lampe, und ich bin schon fast selbst gut gelaunt, als das Diensthandy unser trautes Beisammensein prompt beendet:

Die Ambulanz läßt wissen, daß sie einen dringenden Fall für mich hätten, ob ich schnell mal kommen könnte – das heißt, noch nicht mal Bauch zunähen ist heute für mich drin, die gute Laune schwindet so schnell, wie sie gekommen ist. Ich trete ab, und melde mich umgehend bei der diensthabenden Internistin. Was ich jetzt zu hören bekomme, läßt mich schlagartig wach (und RICHTIG sauer) werden:

Dr. Darm berichtet, sie hätte gerade eine Patientin mit linksseitigen Unterbauchschmerzen im Status Epileptikus herein bekommen, ob ich mir die wohl mal anschauen könnte?!”

Ich (verwirrt): “Woher wissen sie denn, daß die Frau Bauchschmerzen hat, wenn sie am Krampfen ist?!”

Sie: “Das hat der Mann mir berichtet. Und Halsschmerzen hat sie außerdem!!!”

Ich (sparsam): “Da kann ich jetzt aber garnix für…?!” – Ob ich mir die Frau denn mal anschauen könnte??

Ich: “Wo liegt die Gute und wie geht es ihr gerade und habt ihr da, wo ihr seid, ein Ultraschallgerät mit Vaginal-Sonde???”

Sie: “Wir haben sie jetzt mal auf Intensiv gebracht (kein ganz schlechter Gedanke…), sie ist halt ein bisschen agitiert und hat Diazepam bekommen (im Hintergrund höre ich es schwer röcheln) und – nee, Sono haben wir nicht..!”

Ich (gaaaaaaaaaaaanz ruhig)” Und wie soll ich die Frau denn dann untersuchen???

Sie:”Na, sie können doch den Bauch abtasten und mir dann eine gynäkologische Ursache ausschließen…!?”

Nee, is´ klar – leg doch der Frau einfach das TELEFON auf den Bauch, dann mach ich es gleich!!!!!    Kopf -> Tischkante

Erst der Chef persönlich kann die eifrige, kleine Internistin dann überzeugen, daß die Krampfpatientin derzeit wohl ganz andere Sorgen hat, als eine gynäkologische Grunduntersuchung mittels Hand auflegen und Kaffeesatz lesen.

Zurück im Kreißsaal hat Frau-von-Sinnen meine Erstgebärende wieder ans CTG gebastelt und das grützegrüne Kariert-Papier zaubert augenblicklich eine Dezeleration nach der anderen auf den sich windenden Streifen. Uhrenvergleich: Es ist 3.30 Uhr! Der Chef macht vor seinem Abtritt einen kurzen Schlenker über den Kreißsaal, verzieht beim Anblick der Herztonkurve das Gesicht und verschwindet mit einem leicht gedrückten “wenn was ist – sie wissen ja, wo ich bin!!!” Richtung Heimat und Bett.

Heimat würde ich auch gerne, aber immerhin zwei kurze Stündchen Matratzenhorchdienst sollten doch noch drin sein, also schleich ich zurück in mein mittlerweile (klar) ausgekühltes Dienstbett, und hab noch kaum den Kopf aufs Kissen gebettet, als Frau von Sinnen schon wieder in meiner Leitung steckt: Das CTG wird nicht wirklich schöner, ob ich mal schauen könnte…  - Jepp, kann ich, aber ob das was an der Tatsache ändert…?! Das CTG ist naaaajaaaaaaaaaaaaaaa…. lauter frühe Dezelerationen mit guten Zusatzkriterien. Aber glücklich macht es mich nicht. Die PDA der Patientin sitzt gut (klar – immer wieder selbes Spiel: frühe PDA, schön fett hoch gespritzt, rückläufige Wehentätigkeit, und dann haben wir den Salat… *grummel*) und wir beschließen, ein bisschen Druck zu machen – also Tropf dran und schauen, was passiert. Es passiert – was ich befürchtet habe, daß CTG wird schlechter. Also MBU – schauen, ob das Kindelein noch Reserven hat und um wenigstens einigermaßen zu wissen, WO wir stehen. Das Prozedere ist ein Kraftakt in zwei Teilen – der kindliche Kopf noch Jott-Wee-Dee, sodaß ich mit meinem Siffon-Spekulum kaum ran komm, immer wieder schiebt sich Muttermundslippe vor das schwer routierende Köpfchen, und das Astrup-Röhrchen verweigert wie immer die Blutaufnahme. Irgendwann ist es dann doch geschafft, pH 7,31, BE -1 – damit können wir ein bisschen leben. Die Wehen kommen und gehen jetzt ist rascher Folge, also treten wir erst mal vorsichtig auf die Bremse (Basist-Tokolyse – also Wehenhemmung in ganz kleiner Dosierung) und gleichzeitig aufs Gas (Oxythocin- macht schöne Wehen)! Hört sich kontraproduktiv an, hilft aber ganz oft, die Wehentätigkeit ein bisschen einzuspielen.

Für kurze Zeit sieht auch alles ganz gut aus, die kindliche Herzfrequenz erholt sich erfreulich, Frau von Sinnen und ich atmen tief durch.

3/4 Stunde später – selbes Spiel von vorne. Herztöne nicht mehr schön – also nochmal MBU. Die verratzt jetzt aber die Hebamme, weil sie irgendeine komische Taste am Astrup-Gerät gedrückt hat. Es kommt ein Wert heraus, der vorne und hinten gar nicht stimmen kann – pH 7,26, BE -12, pCO2 68 – beginnende metabolische Azidose. Nicht gut. Eine neuerliche Messung ergibt dann pH 7,24, BE und pCO2 hat sie dieses Mal vorsorglich GAR NICHT mitgemacht – ich würde sie gern eine Runde durchschütteln. Lustigerweise erholt sich das CTG jetzt aber wieder so deutlich, daß wir beschließen HOP oder TOP: Oxy auf und ab dafür!

Und – was soll ich sagen? Keine halbe Stunde später entbindet Frau H. ein wunderschönes, kleines Mädchen über intaktem Damm, Apgar 9-10-10, pH 7,26, Base Excess -2!!!

Die machen mich manchmal ächt fertich, die Knirpse!!! Es ist 6.30 Uhr, schnell einen Kaffee, bisschen Visite, Übergabe um 9 – und dann nix wie ab nach Hause. Der nächste Dienst kommt ganz bestimmt….!!!

Wednesday Morning, 3 A.M. …

…ist gerade erst vorüber (dem geneigten Simon & Garfunkel-Kenner wird diese Überschrift etwas sagen, der Rest muß es leider einfach mal so hinnehmen… *ggg*),  als erneut  Zweifel an der aktuellen Berufswahl in mir aufkeimen: Das Diensthandy scheppert mich gnadenlos aus meinem eben erst begonnenen Nachtschlaf – OsoleMia berichtet zerknirscht, das unsere eingeleitete Erstgebärende kein wirklich schönes CTG darbietet, ob ich mal schauen könnte…?!

Unsere erstgebärende Einleitung, Frau G., zarte 22 Jahre jung, erstes Kind, 14 Tage über Termin, ömmelt seit gestern morgen über Station, der Befund bis zum Abend immer unreif, weit sakral, bei hoch stehendem Köpfchen und unkoordinierter Wehentätigkeit. Gegen 20 Uhr läßt Soli die letzte CTG-Kontrolle laufen, verfrachtet Frau G. anschließend wohl versorgt ins Heiabett, um für ein paar Stunden Schlaf nach Hause zu fahren. Keine 20 Minuten später berichtet Clementine (*aaaaaaaaarghl-CLEMENTINE*) über ihre höchsteigene Standleitung aufgeregt “Schmerzen und Wehentätigkeit” (also – bei Frau G. natürlich… *ggg*), und das ich schnell mal kommen solle. Okay, wie schon erwähnt darf man Clementine nicht für ganz voll nehmen, also schau ich schnell noch bei zwei stationären Patientinnen vorbei, hänge ein Ery-Konzentrat an und diktiere zwei Briefe, bevor ich den Weg nach dem Kreißsaal einschlage. Dort angekommen sitzt ein (ziemlich großes – 107 kg!!!…) Häschen vor mir, schwer gebeutelt und stark schnaufend. Mir schwant übles, dennoch schließe ich tapfer das CTG an und fische nach dem Untersuchungshandschuh – HAA!!! Wunderschöne, regelmäßige Wehenberge auf grünkariertem Papier, Muttermund 6-7 cm, aber der Kopf hängt noch meilenweit über Beckeneingang. Nicht gut. Gar nicht gut…

Betrübt wähl ich Solis Nummer, um ihr das vorzeitige Ende ihres freien Abends mitzuteilen – meine Lieblingshebamme nimmt es mit der ihr eigenen Gelassenheit und verspricht, mir in Kürze Gesellschaft zu leisten. Wohl an. Keine 20 Minuten später steht die kleine, graugelockte Italienerin vor mir, die obligatorische Monster-Tasche in der rechten und eine H.aribo 1kg-Colorado-Dose in der linken Hand. Der Herr ist mein Zeuge – ich liebe diese Frau!!! Nach ausgiebiger Zuckerzufuhr verschwinde ich im Übergangsdienstzimmer (andere Baustelle – vielleicht demnächst neuer Blogeintrag…) und überlass OsoleMia den Kreißsaal mitsamt TocToc und schwergewichtiger Erstgebärender.

Gerade will ich den Schlüssel von innen ins Übernachtungszimmerschloss stecken, als das Telefon hektisch einen Anruf meiner *achtungironie* Lieblings-Clementine ankündigt: Frau Z., die Sectio vom Morgen hätte solche Schmerzen, ob ich nicht mal…?! – Klar, ich kann. Die Medikamentenliste von Frau Z. ist so lang wie beeindruckend: Diclac 100 supp., Perfalgan i.v., Novaminsulfat i.v. sowie Dipi und Doli subcutan. Und nichts aber auch gar nichts hat geholfen… – also zurück auf Station, Post-OP-Bogen geprüft, festgestellt, daß die letzte Dolanthin-Gabe gerade mal 2 Stunden her ist (50mg s.c.), also zur Zeit kein Nachschub möglich. Ich verspreche, mir die Frau gleich mal anzusehen. Frau Z. liegt relativ enstpannt und freundlich lächelnd in ihrem Bett, ich schau mir den maximal geblähten, sonst aber unauffälligen Post-Sectio-Bauch an, verordne Sab-Simplex und eier zurück auf mein Zimmerchen.

Dieses Mal schaff ich es in der Tat bis kurz vors Bett, als der Clementine-Alarm erneut erschallt: Frau I., zwei Zimmer weiter hat Fieber (39,0°C), ob sie wohl Paracetamol haben dürfte…?! Kaum aufgelegt, erneutes Klingeln: Frau A., zweite Sectio von heute morgen klage jetzt auch über Schmerzen, ob sie denn zusätzlich Novalgin i.v. zur Nacht haben dürfe? Sie darf. Ich hab den Hintern gerade ins Bett gehievt – man wird es sich denken können: CLEMENTINE!!! Frau Z., die Frau mit den Sab-Tropfen, hat jetzt einen “Knubbel im Bauch”, ob ich denn mal…?!

Ich bin eine nette Person, ich achte das Gesetz, ich besitze keine Waffen, hab noch niemanden tätlich angegriffen, ich schlage weder Mann noch Kinder oder Tiere – aber JETZT, JETZT bin ich gerade in Amokstimmung. Ich schwöre!!! Ihr meint, ich solle Clementine mal kräftig anschnauzen? Auskunft verweigern? Nicht mehr auf Station gehen? Alles schon versucht. Diese Frau ist absolut erziehungsresistent. Die ruft dich solange an, bis du da bist. Und gegen Rumgemotze oder gar -geschreie ist sie völlig abgestumpft. Macht nämlich jeder Neue, bis er merkt: klappt nicht! Coole Masche, eigentlich…

Der Knubbel ist geblähte Darmschlinge, und erst als ich Frau Z. ein Phil-Collins-würdiges Trommelsolo auf die Bauchdecke klopfe, ist sie von der Luft in ihrem Bauch überzeugt und verspricht, die Nacht ohne weitere Panikattacken zu überstehen. Wir werden sehen. Es ist kurz nach 1 Uhr morgens, als Clementine von Terror- auf Gnade-Modus umsteigt, und ich in mein Bett komme.

5.15 Uhr - wir steigen wieder in unsere Einleitung ein: Soli am Telefon, das CTG nicht schön! Okay, die Nacht ist gelaufen, ein letztes, schnelles Kissenkuscheln, dann fall ich in meine Kleider und aus der Tür gen Kreißsaal. Das CTG ist – UNSCHÖN! Aber zumindest nicht so schlimm, wie bei unserem letzten Mal… – über die Nacht verteilt war es immer mal wieder stark eingeschränkt, hat sich dann – nach Gabe einer Glucose-i.v. kurzfristig berappelt, und wird gerade wieder – unschön… – die vaginale Untersuchung ergibt einen vollständig geöffneten Muttermund bei Köpfchen weeeeeeeeeeiiiiiiiiiiit über Beckeneingang – klassische Sectio-Indikation, und so, wie die Herztöne aussehen, bleibt leider keine Zeit mehr, auf eine humanere Uhrzeit zu warten… :(

Also fang ich an, mich unbeliebt zu machen: informiere den OP (eine meiner *achtungKEINEironie*) Lieblingsschwestern hat Dienst und nimmt es gelassen, der Anästhesist ist tief verschlafen und kann noch nicht wirklich rumnöhlen (was er sonst sehr gerne tut) und meine geliebte Oberärztin will erst mal wissen, warum ich keine MBU gemacht  hab. Äh – HÄÄÄ? Was bitte würde das bringen, wenn die geschätzte Entbindungszeit noch mehrere Stunden umfassen kann? Ich weiß, eigentlich will sie nur ein wenig diskutieren, weil sie das immer gerne macht, aber dafür ist es mir jetzt einfach zu früh (und das CTG zu pathologisch), also verabschiede ich mich höflich – und lege auf. Keine 10 Minuten später stehen wir im OP, nach weiteren 5 Minuten ist das Kindlein geboren, herausgefischt aus ritzegrünem Fruchtwasser, und ich fühle mich wie zum St. Patrick´s Day. Gottlob, das Kind ist wohlauf, schreit auch brav durch, und ich muß mir für die Dauer des Nähens die immer selbe Litanei meiner Oberärztin anhören: hätte ich mal bloß eine MBU gemacht, dann wär das Kindelein vielleicht sogar spontan entbunden worden…?! DAS ICH NICHT LACHE!!!! Ich wäre vielleicht von oral (will sagen – durch den Mund der Mutter) leichter an die MBU-Stelle gekommen, als von vaginal! Denn das kindliche Köpfchen war noch meilenweit entfernt, und wer schonmal eine Mikroblutuntersuchung gemacht, oder zumindest gesehen hat, weiß, die ist auch nicht wirklich einfach durchzuführen, wenn der vorangehende Teil quasi schon auf Beckenausgang ist! Aber da ich ausgesprochener Morgenmuffel, und um 6 Uhr in der Früh noch nicht wirklich gesprächig bin, spar ich mir eine Antwort, nähe brav meinen Bauch wieder zu, und trotte dann müde gen Kaffeemaschine, in der Hoffnung, irgendwann irgendwie wieder wach zu werden. Gottlob ist morgen Feiertag – ich bin einfach zu alt für den Schei**… ;)