Tag-Archiv | Chirurgie

Annette ist weg…!

Seit Jahren gehen Annette und ich gemeinsam durchs Mediziner-Leben – sie in der Chirurgie, ich in der Gyn. Kennen gelernt haben wir uns persönlich nie, dennoch habe ich mich gefreut, wann immer es einen neuen Eintrag auf Ihrem Blog gab.

Seit einigen Wochen ist es damit aus und vorbei – denn wann immer ich jetzt Annettes Tagebuch erreichen möchte, bekomme ich lediglich DIESE SEITE *KLICK* angezeigt… :(

Somit auf diesem Weg: Annette, wo auch immer Du bist – MACH ET JUT!

Traurige Grüße,

Josephine

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By the way – Freund GasWasserDrogen vermisse ich bereits schmerzlichst seit über einem Jahr…

Eigentlich wollte ich den Link ein Jahr nach Stilllegung des Blogs endlich von meiner Liste entfernen, aber irgendwie habe ich die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben. Also – falls jemand Informationen über einen (oder beide) der Kollegen hat: Immer her damit!

“Die Geschichte eines Quacksalbers, der vor die Hunde gegangen ist…“

Sonntag – den ganzen Tag über ist die Ambulanz brechend voll (schwanger mit und ohne Blutung, Schmerzen beim Menstruieren, Schmerzen beim pinkeln, Schmerzen ohne alles, Pille danach…) – ich hätte quasi gleich dort einziehen können, und das Tageslicht seh ich erst wieder, als die Sonne bereits dabei ist, die Halbkugel zu wechseln. Gegen 23 Uhr dann endlich Ruhe, meine letzte Runde über Station und durch den Kreißsaal lassen die Hoffnung nach Schlaf aufkeimen – alles friedlich, und keine meiner Nachtschreckschwestern im Dienst. Um Kurz nach 12 Uhr lieg ich im Bett und bin auch direkt weg.

1.30 Uhr – das Telefon vermeldet die Innere Ambulanz. Die Schwester faselt etwas von RTW und Frau mit starken Unterbauchschmerzen nach Geschlechtsverkehr – die Jungs vom Blaulichtdienst würden sie mir direkt vorbei bringen. Na Bravo!!! Ich schäl mich aus dem Bett und ahne erstmal nichts Gutes, die Geschichte riecht irgendwie nach Fake, aber nachschauen muß sein.

Kaum in der Ambulanz eingetroffen, schieben mir die Jungs vom Rettungswagen ein bleiches, zitterndes Bündel Frau herein, den ebenfalls weißgesichtige Partner leicht schwankend im Schlepptau. Nachdem die Patientin auf die Liege verfrachtet und der Mann auf einem Stuhl zwischengeparkt ist (ich hatte wirklich Sorge, er würde sich gleich dazu legen), verschwinden die Retter in weiß umgehend und lassen mich mit “meinen” Unterbauchschmerzen allein.

Mein Hirn ist noch völlig mit der Umstellung von Schlaf- auf Wach-Modus beschäftigt, also beginne ich neben der körperlichen Untersuchung mit Anamnese – zum Warmlaufen quasi. Während ich auf dem brettharten Abdomen herumtaste, erfahre ich einige Bruchstücke, die alle nicht so ganz zusammenpassen. Frau H. ist 38 Jahe alt, ohne Gebärmutter – warum diese entfernt wurde, kann sie mir nicht so genau sagen, irgendein Abstrich war nicht in Ordnung – Endometriose hatte sie auch mal gehabt, und ein Stück der Blase wurde entfernt. Bösartig? Hm – weiß man nicht genau…?! Ahja, es lebe der aufgeklärte Patient!! Ach, noch etwas: der letzte feste Stuhlgang sei vor ca. 3 Wochen (!!!) gewesen, seitdem nur Durchfall, und ja, beim Hausarzt sei sie gewesen, dort seien schlechte Leberwerte aufgefallen, und: nein, ein Leber-Ultraschall solle erst in der kommenden Woche durchgeführt werden.

Okay – erinnern wir uns kurz an die guten, alten Schwarze-Reihe-Fragen: ich hab hier also eine Frau mit bretthartem Abdomen in fester Partnerschaft, ohne Gebärmutter und Fieber, Appendix wurde schon vor Jahren entfernt und die letzte gynäkologische Vorsorge fand vor ca. 5 Wochen statt. Fällt schonmal was alles weg? Richtig! EUG, Adnexitis und Appendizitis. Mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit wird man auch eine stilgedrehte Ovarialzyste ausschließen können, die Dinger drehen meist erst ab einer gewissen Größe, und die Wahrscheinlichkeit, daß vor 5 Wochen noch alles in Ordnung war, läßt mich auch diese Diagnose verwerfen. Der fraglich bösartige Blasenbefund und die Leber sind weiterhin im Spiel – außerdem natürlich irgendetwas internistisches (Magen-Darm-Infekt, Divertikulitis, sowas halt…).

Okay, da die Frau jetzt das Erbrechen anfängt (nicht schwarz, ganz normale Galle, sonst hätte man an was denken müssen? Hm???… *ggg*) muß ich jetzt erst mal dringend ein wenig Unterstützung anfordern. Ich ordere also via Telefon die Ambulanzschwester, die tatsächlich versucht, mich von meinem Vorhaben abzubringen:

“Sind sie sicher, daß sie Hilfe brauchen????!” – Nein, ich hab nur Angst, so ganz allein in der nächtlichen Ambulanz und möchte, daß mir jemand Gesellschaft leistet… *indietischkantebeiss*

“Sicher bin ich sicher. Und bringen sie doch gleich mal noch den Chirurgen mit, ich glaub nämlich nicht, daß die Frau ein gynäkologisches Problem hat!”

“Ja – sind sie denn sicher, daß sie den Chirurgen brauche…?!?!” Es ist spät, ich bin müde, außerdem schlecht gelaunt und nicht zu Diskussionen aufgelegt, also beende ich das Spiel vor der dritten Runde mit einem entnervten “JA – BIN ICH!” und mach mich schonmal alleine an Zugang und Blutentnahme. Keine 5 Minuten später stehen tatsächlich eine grimmig dreinschauende Ambulanzschwester und ein junger, chirurgischer Kollege vor mir. Hallo??? Mit wieviel Jahren darf man denn heutzutage approbieren?? Der Kerl sieht keinen Tag älter aus, als 12!!! Nun gut, keine Zeit für Vorurteile, die Frau ist schon wieder am ko**en, und während ich den Vaginalschall einstöpsel, berichte ich kurz, wie weit ich mit meiner Schwarzen-Reihe-Frage gekommen bin: Die Antwort lautet mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit “Nur D ist Richtig!” will heißen: “Es handelt sich am ehesten um ein nicht-gynäkologisches Problem, bitte turfen sie die Frau umgehend in eine andere Fachabteilung!”

Aber der Kollege ist nicht blöd, hat meine Absicht sofort durchschaut und geht zum Gegenangriff über – leider, leider (für ihn) mit einer nicht wirklich geglückten Eingangsfrage: “Frau H., WANN hatten sie denn ihre letzte Periode???” Okay, auf diese Frage kann ICH ganz souverän antworten: “Letztes Jahr im September, da haben wir ihr nämlich den Uterus ausgebaut!!!” Eins zu null für die Frau in Weiß, der Chirurg zuckt kurz – und nimmt es wie ein Kerl: er legt gleich nach: “Und können sie die Ovarien beurteilen?!” – Damit bin nun eindeutig ich gemeint, und in gewisser Weise spielt der Kerl keine ganz schlechte Strategie: Das Beurteilen der Adnexen ist immer ein bisschen Glücksache, denn wenn die Frauen nicht gerade in der Blüte ihres Lebens stehn und obendrein stark untergewichtig sind, kann man schonmal ein bisschen Mühe haben, eine Ovarialgeschichte zu 99% auszuschließen. Aber was ich im Schall sehe, läßt mich weiter an meiner “Ist-Nicht-Gynäkologisch”-Theorie festhalten: Die gute Frau hat entweder reichlich freie Flüssigkeit im kleinen Becken, oder massiv geweitete Darmschlingen. Das linke Ovar sieht völlig normal aus, und beim rechten kann ich soviel erkennen, daß es sich zumindest nicht um eine bösartiges Geschehen oder eine Riesen-Zyste handelt. Punkt zwei für mich – und ich fang schon an, mich ein bisschen auf mein Bett zu freuen.

Doch weit gefehlt – Dr. Doogie Howser (erinnert sich noch jemand an diese Serie…?! *ggg*) steht die Niederlage zwar ins Gesicht geschrieben, doch irgendwie hab ich grad ein bisschen Mitleid mit ihm: die Frau hat offensichtlich Schmerzen, und ich sehe es in seinem Hirn rattern “Was tun? Was tun? Was tun?” “Ich glaube, ein CT ist jetzt kein Luxus!!!” – Bravo, Kleiner, seh ich genau so – ab durch die Mitte mit der Frau!” Howser erklärt Frau H. und deren Mann kurz, daß er sie jetzt mit zur Computertomographie nähme, alles weitere würde er drüben erklären. Während ich noch dabei bin, meine Ambulanz wieder auf Vordermann zu bringen, sind Howser samt Schwester, Patientin und Mann schon verschwunden. Tja – und als ich fertig bin, gehe ich natürlich NICHT ins Bett – denn sowohl Frau H. als auch mein kleiner Kollege sind mir ein bisschen ans Herz gewachsen, und so schleich ich mal schnell rüber, um zu schauen, was die alle da so treiben. Hätt ich mal besser bleiben lassen, denn ich lande peilrecht mitten ins Chaos:

Die Patientin liegt – sich immer noch vor Schmerzen windend – auf der CT-Liege, während im Kontrollräumchen die MTRA heulend (???) in ein Taschentuch schneuzt und Doogie sein Diensthandy gerade einen halben Meter weit von seinem Kopf entfernt hält. Völlig baff höre ich eine laut brüllende Männerstimme aus dem Hörer dringen, welche einige nicht wirklich jugendfreie Wörter ins sonst so stille Rund trägt. Howser sitzt mit stoischem Gesichtsausdruck auf einem Höckerchen, und zuckt entnervt mit den Achseln, als ich ihn fragend anschaue. Nach gefühlten 30 Minuten ist die (ebenfalls zwölfjährige…?!) MTRA endlich wieder in der Lage zu sprechen, und erklärt mir, daß am Telefon keinesfalls ein übergeschnappter Irrer, sondern der diensthabende Radiologe sei, der sich in seiner Nachtruhe gestört fühle und dies nun lautstarkt zum Besten gäbe. Die kleine Röntgenassistentin hatte er zur Schnecke gemacht, weil sie ohne seine Anweisung das CT gefahren, den Chirurgen, weil er eine Leeraufnahme ohne Kontrastmittel angeordnet hatte. Die Diskussion ginge nun schon geschlagene 20 Minuten, aber nein, zu einer Diagnose sei er bis jetzt noch nicht in der Lage gewesen…

Ich bin bin müde. Und wenn ich müde bin, werd ich sauer. Und draußen liegt meine Patientin, und hat Schmerzen. Das macht mich RICHTIG sauer! Und dann sitzt dieses Häufchen MTRA-Elend vor mir und ist ganz verquollen, nur weil so ein hypertropher Gamma-Strahler keinen Bock hat, nachts ein CT zu beurteilen. Ich hab SCHLECHTE LAUNE!!! Und laß mir den Typ weiter reichen. Der läßt sich erstmal kein bisschen in seinem Wahn stoppen, und brüllt mich ohne Unterbrechung dort weiter voll, wo er bei Howser aufgehört hat. Jetzt bin ich aber schon groß und dank langjähriger Berufserfahrung Choleriker gewohnt, und nach nicht ganz 30 Sekunden hab ich ihm deutlich zu verstehen gegeben, daß ich mich von niemanden, und schon gar nicht von ihm, und überhaupt nicht um diese Uhrzeit derartig anbrüllen lasse!!!… – und wir führen ein ganz normales Gespräch, an dessen Ende ich aber immer noch keine Ahnung habe, was der Auslöser der Beschwerden meiner Patientin sein könnte.

Sicher ist nur – und das können sogar ein Gyn und ein Jung-Chirurg im kontrastmittelfreien CT einigermaßen sicher sagen: Unsere Frau ist bis zum Dünndarm hoch faustdick mit Kotmasse zugestopft. Bäh. Eklig. Und das trägt Howser dann auch so an seinen Hintergrund heran. Der nach langem Hin- und Her schließlich “Abführen” und “Heb-Senk-Einläufe” anordnet.

Das Ende vom Lied? Unsere Patientin liegt am nächsten Morgen frisch abgeführt und beschwerdefrei im Bett, der Strahlenmann ist mit seiner doch noch nachfolgenden Beschwerde sowohl bei meinem als auch Doogies Chef gnadenlos abgeblitzt, und ich bin immer noch beeindruckt, welche Ausmaße eine lapidare, aber rezidivierende Verstopfung mit sich bringen kann! Also, Kinder, denkt immer daran – wenn ihr demnächst ein aktues Abdomen auf dem Tisch liegen habt, klassisch mit synkopieren, erbrechen und Abwehrspannung bis zum geht-nicht-mehr: es kann auch ganz einfach sein…. ;)))

P.S.: Warum diese völlig unpassende Überschrift – nun, sie paßt so schön zum Ende meines letzten Blogeintrags …!!! :)

Sonnenschein und vag HE…. :)

Erwähnte ich es schon – ich MAG meinen Chef. Wirklich. Sehr gerne. Auch wenn er seine Ärzte nicht unter Kontrolle hat *hust* – operieren mit ihm ist immer ausgesprochen unterhaltsam und außerdem auch sehr lehrreich. Denn er hat das, was einen guten Chef ausmacht: Geduld und Ausdauer. Von vorne:

Vier von fünf Wochentagen sind lange OP-Tage, und da ich momentan quasi die einzig verfügbare erste Assistenz bin (U. ist krank, Malucci im Dienstfrei, Blondie hat Urlaub, Tzatziki spricht zu wenig deutsch für manche Dinge und Herr Multisozialversagen hat gekündigt) komme ich in regelmäßigen Abständen in den Genuß, des Cheffes erste Assistenz zu sein. So wie heute! Der Tag beginnt lässig zum warm laufen: laparoskopische Ovarial-PE mit Schnellschnitt. Während der Schnittpause kommen wir in den großartigen Genus scheidender Studenten: der Aufenthaltsraum des OPs sieht aus wie die örtliche Bäckerei – Kuchen und Teilchen so weit das Auge blickt. Das fängt ja gut an *ggg*

Die Glücksträhne hält an – der Pathologe meldet sich zwischen zwei Teilchen und einem Kaffee kurz zurück: alles i.O., das Ei ist gesund. Während die Patientin ausgeleitet wird erscheint der nächste Famulant mit einem Korb belegter Brötchen in der Tür – wir schlagen zu, bevor die verfressenen Chirurgen von der Mahlzeit Wind bekommen – und treten kurze Zeit später wohl genährt und bestens gelaunt die Rückkehr in Saal 5 an.

Die Stimmung bitzelt ein bißchen – die nächste Frau soll nämlich mittels LaVH (laparoskopisch assistierter vagialer Hysterektomie) ihres Uterus beraubt werden – und was aus den letzten Eingriffen dieser Art geworden ist, läßt sich wunderbar in meinen alten Blogeinträgen nachlesen: eine abdominelle HE nach der anderen. Aber heute scheint es das Chakra gut mit uns zu meinen – der laparoskopische Teil geht wunderbar von der Hand, und nachdem Chef die linke Seite abgesetzt hat, darf ich mich an der rechten versuchen – schließlich haben wir durch die eingesparte post-Schnellschnitt-OP massenhaft Boden gut gemacht! Das Ovar zeigt sich ausgesprochen kooperativ und läßt sich ohne großes Rumgezicke vom Uterus trennen. Hurra, operieren ist großartig :)

Doch das Spiel ist noch längst nicht zu Ende – nachdem die Trokare gezogen und die Beine angewinkelt sind, das Vaginal-Sieb in Stellung gebracht und alles nochmal hübsch desinfiziert ist, – tritt der Meister lässig einen Schritt beseite, verbeugt sich höflich und meint mit einladendem Augenzwinkern: “Na – wollen sie?!……” Hallo??? Und ob ich will! Also bauen wir in gemütlicher Atmosphäre (“und bitte chillige Musik auflegen…!!!” – ja, Chef, alles was sie wollen) Schritt für Schritt den Uterus der guten Frau endgültig aus. Meine zweite vaginale HE und es ist immer noch großartig! Und wie schön, wenn einem beim operieren nicht die Angst im Nacken sitzt, sondern Motivation oberstes Gebot ist. So trägt er mich ganz locker und easy durch obere und untere Fjorde, vorbei an der Blase, dem Darm und diversesten Blutgefäßen und schafft es immer noch, gräßlich falsch und unsäglich laut jedes zweite Lied mitzusingen. Ich mag den Kerl – hab ich es schon erwähnt??

Der Rest des Tages verläuft ruhig und besinnlich – bisschen Ambulanz, bisschen Station – und am Schluß darf unsere Studentin noch eine schwangere Internistin schallen. Eine geschlagene Stunde lang haben wir Spaß auf der Suche nach Femuren und dem richtigen Biparietal-Durchmesser, “verknipsen” eine halbe Rolle Ultraschallpapier, bevor ich gegen 17 Uhr die Klinik in Richtung Sonnenschein verlasse… :)

Von chirurgischen Konsilen und akutem Pressdrang…

Dienstfreie Wochen sind eine Katastrophe. Nicht, weil man die Zeit ohne nächtliches Arbeiten nicht anderweitig gut herum bekäme, sondern weil der erneute Einstieg in völlig vollgestopfte Dienstwochen umso schwerer fällt. Mir gehört der gestrige Tag, und quasi das komplette Wochenende – nur gut, das das Wetter NOCH schlimmer ist, als meine Lust auf  Freitag-Sonntag-in-der-Klinik.

Über den Wochenanfang kann ich nicht wirklich meckern – gut, es hatte jede Menge Aufnahmen, die aber wundersamer Weise tatsächlich mal alle zur selben Zeit am richtigen Ort waren, sodaß ich schön hintereinander weg aufklären, ausfragen und anstechen konnte – und bereits gegen 12 Uhr mit allen Frauen durch war. Danach wurde es deutlich ruhiger – der Chef spendierte Kaffee und Kuchen, und gemeinsam begutachteten wir einen potentiell neuen Kollegen, welcher Herrn Multisozialversagen alsbald ersetzen soll.

Gegen Abend füllte sich die Ambulanz dann kurzfristig mit chirurgischen Konsilen – der diensthabende Kollege der schneidenden Gilde war wohl noch anderweitig unterwegs, und damit die Frauen derweil nicht auf dumme Gedanken kamen, wurden sie mir mal eben zur gynäkologischen Abklärung vorbei geschickt. Somit durfte ich für einmal Oberbauchschmerzen mit Erbrechen und schmerzhaftem Nierenlager, Ganzkörperschmerz mit geschwollenen Halslymphknoten und fetter Erkältung und Oberbauchschmerz OHNE Erbrechen die R10.4 auf meinen Konsilschein kritzeln, und die Mädels zurück in die Chirurgie turfen.

Ich mein – ich MAG den chirurgischen Kollegen wirklich gerne, aber wenn ich ein Hühnchen mit Bauchschmerzen vor mir sitzen hab, welches seine Appendix eindeutig schon vor langer Zeit losgeworden ist, dann schicke ich die auch nicht in die Chirurgie, nur weil sie ja noch geschätzte 2 Millionen andere Diagnosen chirurgischen Ursprungs haben könnte. Oder? ODER???? In diesem Sinne ein freundlicher Aufruf an alle unlustigen Chirurgen, Internisten, Urologen: behaltet eure Frauen! 95% der Mädels haben auch dann nichts, wenn ich sie mir zusätzlich angesehen habe! Und ich schick euch auch nicht jeden Quatsch vorbei. Echt jetzt. Menno.

Nun denn – der Abend ging irgendwann zu Ende, die Nacht war ruhig – bis mich die Ambulanzreinigungsfachkraft um 6.05 Uhr unsanft und gnadenlos aus dem Bett wischte. Also, nicht wirklich, aber wenn der Metall-Wischmopprahmen geschätzte 100 Mal gegen die Tür donnert, ist man wach. Hellwach. Ich hatte mich also gerade aus dem kuscheligen Dienstbett gequält und war der täglichen Grundhygiene nachgekommen, als das Handy bimmelt:

6.40 Uhr – Schwester N. von der Wöchnerinnenstation faselt etwas von einer hochschwangeren, schwer schnaufenden Frau mit Pressdrang, aber ohne Hebamme. Alles, was sie (die Schwester) aus ihr (der Frau) herausbekommen konnte, ist, daß sie um 7 Uhr eine Verabredung mit der Hebamme im Kreißsaal habe. Ich heiße N. die zuständige Geburtshelferin STAT aufzutreiben und herzubringen und renne (mal wieder) los Richtung Kreißsaal.

6.42 Uhr – Die Frau liegt jammernd und heulend am CTG, ich schreite zum Äußersten – und schau mal nach, wie weit wir sind: Muttermund bis auf Saum vollständig, Köpfchen tief im Beckeneingang, Frau M. presst.

6.50 Uhr – ich beschließe, auch ohne Hebamme in den Kreißsaal umzuziehen, die Frau sieht beängstigend nach ich-entbinde-gleich aus.

6.55 Uhr – T., die Hebamme schlägt im Kreißsaal auf, laaaaaaaaaaaanges Gesicht, der Blick sagt eindeutig: “Hysterisches Huhn – was sollte das wohl?!” – und dieser Blick gilt eindeutig NICHT der schwangeren Frau auf dem Kreißbett…

7.02 Uhr – Frau M. bringt ein süßes, moppeliges, schwarzhaariges Mädchen zur Welt – der Blick der Hebamme sagt eindeutig: “Schei*e – sie hat Recht gehabt…!”.

7.30 Uhr – Mutter und Kind bei gutem Apgar und pH wohlauf, Damm intakt. Übergabe, umgezogen – heimgegangen. Bis demnächst dann – auf ein Neues!