Tag-Archiv | Chemotherapie

Mann in rosa Tutu…

Image © Bob Carey – http://www.thetutuproject.com

Wer, wie ich, am vergangenen Wochenende Galileos “Big Pictures” gesehen hat,wird diesen Mann im rosa Tutu bereits kennen gelernt haben.

Allen anderen sei er hiermit offiziell vorgestellt: DAS ist Bob Carey *KLICK*

Bob ist – ganz entgegen des ersten Eindrucks – mental völlig gesund. Und die Geschichte mit dem rosa Tutu hat auch nichts mit verlorenen Wetten oder schrägen Vorlieben zu tun, nein, hier geht es um große Liebe und den Kampf gegen den Krebs.

Bobs Frau Linda erkrankte 2003 an Brustkrebs. Und weil Bob etwas tun wollte - irgendetwas, um zu helfen,  es mitzutragen, leichter für sie zu machen, tat er das, was er gemeinhin am besten kann: Fotografieren! Und so begann er, Bilder von sich im rosa Tutu zu schiessen.

Bob im Tutu am Strand von San Francisco, auf dem Times Square, in der U-Bahn, auf der Weide inmitten erstaunt glotzender Kühe – und an tausend anderen Orten mehr.

Das alles mit der Absicht, seine Frau zum Lachen zu bringen und auf diesem Weg ein wenig abzulenken von Krankheit, Chemotherapie und Bestrahlung

Aus Bobs Privatprojekt ist mittlerweile eine gemeinützige Sache geworden - unter The Tutu-Project *KLICK* wurde eine Stiftung für an Brustkrebs erkrankte Menschen gegründet, und hier hinein fliesst auch ein Großteil des Verkaufserlöses seines Buches “Ballerina”.

Ich mag ja solche Geschichten. Über Männer und Frauen und große Lieben und schöne Bilder. Darum der Artikel.

Und drücke den beiden feste die Daumen, dass sie noch ganz lange aneinander haben werden…

Und täglich grüßt das Murmeltier: NOTSECTIO!!!

Kennt ihr den Film? Mann wird jeden Morgen zur selben Uhrzeit vom selben (Radio-)Weckergeräusch geweckt und es ist IMMER-IMMER-IMMER Murmeltiertag???

So in etwa komme ich mir gerade vor: 5. Wochenende in Folge, immer wieder werde ich neben Gloria-Victoria (der Hebamme) wach, und immer wieder ist irgendwo ganz gehörig der Bär am steppen…

12 Uhr – ich betrete den Kreißsaal zur Übergabe, in Zimmer Nummer 1 Frau Müller-Schmidt, erstes Kind, mittelprächtige Wehen. Muttermund 3-4 cm, kein wirklicher Geburtsfortschritt, allerdings hat es sich auch noch nicht wirklich eingeweht. Die Anordnung lautet Tropf, dann schauen was passiert. Rehlein übergibt mir aufatmend den Funk und verabschiedet sich ins Wochenende – ich wetze auf die Onkologische, wo zwei Frauen am Chemo-Tropf hängen.

Die Eine, Frau Glück, ist eine typische LAD in GAZ (=Liebe Alte Dame in Gutem AllgemeinZustand, Quelle: “House of God”). Geduldig und immer freundlich absolviert sie ihren vorgeschriebenen Chemofahrplan und hat auch unter erschwerten Bedingungen (zwei Carcinome in 5 Jahren) ihren Humor nicht verloren.

Die Andere, Frau Schwarz, ist – umgänglich formuliert – ein bösartiger Drache. Die Sorte Patient, welche man am liebsten von hinten sieht, und selbst dann nur ungern. Gut, sie hat Krebs, gut, die Chemo ist schei**e – aber HALLO!!! Leben ist kein Ponyschlecken und rezidivierend schlechte Laune gepaart mit absolut inkompatiblem Sozialverhalten ändert daran leider genau GAR NICHTS!!! Aber Frau Schwarz ist sich selbst nunmal der Nabel der Welt, und egal wie man etwas macht – es ist niemals gut genug. Die Übelkeit ist nur bei IHR so besonders übel, die Narbe ist nur bei IHR gar nicht schön, die Schmerzen sind nur bei IHR besonders schmerzhaft und überhaupt ist alles ganz furchtbar! Also ist Frau Schwarz schlecht gelaunt – tagein, tagaus – und benimmt sich dabei hochgradig ungerecht zu ihrem stoisch dabei sitzenden Ehemann (was soll der arme Kerl auch anders sein als gnadenlos abgestumpft), dem Chemo-Pfleger, der nett plaudernden Frau Glück – und natürlich mir. Wie gut, daß ich nur noch einmal her und dann ganz dringend woanders hin muß – ich könnte sonst wahrhaftig auch mal unsachlich werden…

Muss ich aber nicht – denn die Ambulanz läuft gerade voll und so gibt es jede Menge, womit ich meinen frisch angestauten Ärger wieder los werden kann. Allen voran ein ausgedehnter Genito-Labial-Abszeß (auf deutsch: riesen Eiterbeule im Schambereich) einer sehr aufgehübschten aber dennoch deutlich vorgealterten Mitt-Vierzigerin. Lecker! Ich parke Frau Obermann-Pick bequem auf meinem Gyn-Stuhl, halte die übliche Vorrede (das Lokalanästhesie in entzündetem Gebiet nicht wirklich greift, daß dafür das Pieksen mit der Nadel (zur Anästhesie) fast genau so schlimm wie das Einschneiden mit dem Skalpell sei und ich deswegen auf Spritzeninfiltration zu verzichten gedenke!). Frau Obermann-Pick ist extrem verständig, obendrein einsichtig und nickt mein Vorhaben ab. Lediglich ihr Teint wird plöztlich eine ganze Schattierung heller…

Ich sezte also mein Skalpell an den gut haselnussgroßen Abszeß, schneide beherzt 0,5 cm ein (wohlweislich begebe ich mich vorher aus der Schußbahn – wer schon mal Flugeiter an der Backe kleben hatte, macht den Fehler kein zweites Mal…) – und merke, wie ich selbst augenblicklich die Farbe wechsel: Ein Atherom!!! Das ist eine Talgzüste – Grützbeutel – Balggeschwulst – WHATEVER!!! Auf alle Fälle EKLISCH!!!!!

Ich kann echt alles – in Eiterbeulen schneiden, versiffte Wunden spülen, 2 Jahre alte Tampons (ich schwöre!!!) und anderes, mieses Zeug aus hinteren Scheidengewölben fischen – alles kein Problem. Ich war auch die einzige Studentin, die im Studium während der Section der Wasserleiche NICHT nach draußen gehen mußte! Aber Atherome… *BÄHBÄHBÄHBÄHBÄH*

Diese Dinger sind Talggefüllte Zysten, und das was raus kommt stinkt so ABARTIG nach Talg und …. *MirWirdÜbel*

Da häng ich nun also mit dem *IchDarfGarNichtDranDenken* und drücke und es quillt und ich würde mich am liebsten vor die Füße der Frau übergeben – macht man aber nicht, SO hat man uns das nicht beigebracht!!! Also quält sich die arme Frau auf dem Stuhl und ich mich davor, und noch während ich überlege, mich einfach einer wunderbaren, lang anhaltenden, tiefschwarzen Ohnmacht hinzugeben – klingelt der olle Bimmelkasten! Und Frau Schwarz ist dran (wir erinnern uns – Frau Chemo vom Mittag!)!

“Die haben das Zeug nicht!!!” *BrülltInsTelefon*

Ich (vorsichtig durch den Mund atmend): “Frau Schwarz – ist gerade ganz schlecht!” (MIR ist gerade ganz schlecht, aber das wird sie garantiert am wenigsten interessieren!!!)

Sie (etwas lauter): “Die haben das XYZ-Medikament nicht in der Apotheke!!!”

Ich (schwer durch den Mund atmend): “Frau Schwarz, schreien sie nicht so – ich höre hervorragend! Was bitte soll ICH denn jetzt tun?!”

Sie (immer noch laut): “Ja – BRAUCH ich das denn überhaupt???”

Sicher braucht sie das – es ist ein Antiemetikum (Anti-Brechmittel), gegen die Nebenwirkungen der Chemo. Und wenn sie nicht will, daß es ihr bald genauso schlecht ist, wie mir gerade, dann wäre es schon angebracht, daß Zeug zu schlucken.

Sie (ungebremst in ihrer Lautstärke): “Ja – aber die Chemo halt ich sowieso nicht bis zum Ende durch!!!….”

Nee, Aus, Halt, Stopp!!! An dieser Stelle beenden wir das Thema, denn genau an diesem Punkt landet jede Woche jeder Arzt, der es wagt, Frau Schwarzens inneren Kreis zu betreten. Denn die Patientin ist sich zu 1000% sicher, daß die Chemo lediglich (von uns, an diesem Krankenhaus tätigen Ärzten) erfunden wurde, um SIE zu ärgern. Genau wie wir uns auch garantiert die Sache mit ihrem Krebs ausgedacht und ihr dann irgendwie angehext hatten. Aber ich kann und will jetzt nicht zum wiederholten Mal die Leier vom Chemo-Abbruch bringen (das sie sich die ersten Zyklen dann auch hätte aufs Treppengeländer legen können…) – und beende das Gespräch bestimmt und SEHR BLASS um die Nase an genau dieser Stelle. Und noch während Frau Obermann-Pick (die Frau mit dem Atherom *BrechmittelEinwerf*) glücklich und fast beschwerdefrei meine Ambulanz verlässt, weiß ich nicht, ob das heute nochmal was mit mir wird. WEICHEI!!!

Doch dann stelle ich zum wiederholten Male fest, daß der Körper eine unglaubliche Geschichte ist: Könnt ihr (Mediziner) euch noch an die Vorlesung über Adrenalin erinnern? Und was es so macht und nicht macht? Ich habe es GEHASST, denn ich konnte mir den ganzen sympathischen und parasympathischen Mist nie merken. Nun – in der Praxisanwendung hat man diese Dinge ganz schnell raus: Adrenalin macht Mundtrockenheit, Herzrasen, Schwitzen – und Gastrointestinal wird mal gepflegt alles auf Eis gelegt. Woher ich das weiß? Nun – mein Telefon bimmelt und GV raunt panisch “Kannst du mal KURZ KOMMEN?????” Und wer jetzt fleißig die Einträge der Vortage gelesen hat, WEISS, daß dies der interne Hebamme-Arzt-Alarmstufe-Rot-Code ist!!!

Im Kreißsaal dann meine Wehen-Patientin mit-ohne richtige Wehen sowie ohne Blutung und ohne Nabelschnurvorfall – dafüraber mit gar keinem schönen CTG. Auch nach Lagewechsel finde ich nichts, was sich verlässlich nach Kind anhört, nur hin und wieder ein bisschen Gepoche um die 80, 90 Schläge pro Minute – doof nur, daß der mütterliche Puls ungefähr dieselbe Frequenz hat… Bolus-Tokolyse (Wehenhemmung) bringt genau gar nichts – und so komme ich ganz flott zur Ultima-Ratio: NOTSECTIO!!!

Ich informiere den OP, die Anästhesie und noch im Rennen den Chef (der schon Zuhause weilt *schluck*), und während die Frau im Mördertempo in den OP gekarrt wird, sprinte ich weiter in den Waschraum, desinfiziere, ziehe Haube und Mundschutz über – und bete ein Stoßgebet nach dem anderen gen Himmel, daß ich da nicht ganz alleine rein muß.

Ja, ich mach den Job schon ein paar Jahre, aber auch wenn ganz, ganz, ganz viele Frauen immer wieder behaupten, sie hätten eine Not-Sectio gehabt (und das auch oft fälschlicherweise vom Fachpersonal so erzählt bekommen) – Fakt ist, das echte Not-Kaiserschnitte extrem selten sind, dafür aber eine ganz klare Vorgabe haben: vom Moment der Entscheidung (zur operativen Entbindung) bis hin zur Entwicklung des Kindes sollten nach Möglichkeit nicht mehr als 10 Minuten vergehen.

Okay – schaut auf die Uhr und zählt mit:

- Telefonieren (Hintergrund, OP, Anästhesie)

- Frau von allen unwichtigen Sachen (Klamotten, CTG, Infusionsständer) befreien, ggf. Braunüle legen

- Frau in den OP fahren

- Frau umlagern

- OP-Sieb vorbereiten, Handschuhe, Desinfektion

- Anästhesie einleiten

- Schneiden

- Kind rausholen

Und wenn möglich sollte zeitgleich der (von auswärts kommende) Hintergrund ins Auto springen, zur Klinik fahren, parken, zum OP laufen, Handschuhe-Kittel überziehen. Auch alles innerhalb von 10 Minuten. Und zwar ohne einen Massenunfall zu verursachen oder selbst am Herzkaschper zu versterben.

Wir haben es in genau 10 Minuten geschafft – danach war ich zwar konditionsmäßig so geschwitzt wie nach 2 Stunden Powersport, aber immerhin war mir nicht mehr übel – Adrenalin sei dank! Dem Kind geht es den Umständen entsprechend – hatte sich die Nabelschnur diverseste Male irgendwo hin gewickelt, und sich damit wohl schlußendlich die Sauerstoffzufuhr selbst abgestellt. Der Chef durfte nach 20 Minuten wieder zurück zu seiner Pizza, und auch die Mutter des kleinen Hudini hat zumindest körperlich alles gut überstanden.

Ich versuche jetzt zum wiederholten Mal, mein mitgebrachtes Essen in die Mikrowelle zu schieben – aber irgendwie hört das Diensthandy heut gar nicht das Klingeln auf – ich seh mir jetzt also noch eine 28. SSW mit fraglicher Wehentätigkeit und eine Postoperative mit Gesprächsbedarf an.

20.30 Uhr – ich bin geschwitzt, müde, hungrig und werde dennoch das Gefühl nicht los, ich sei gerade eben erst gekommen! Wo ist nur der Tag hin….*seufz*