Tag-Archiv | Chef

Du weisst, dass Du dringend mal wieder Urlaub vom Arzt-Job brauchst…

10. …wenn Du mehr persönlichen Kram in Deinem Dienstzimmer deponiert hast, als Zuhause im Wohnzimmer!

9. …wenn die Nachtschwester dich zu Schichtbeginn mit einem freundlichen “Wie war dein Tag, Liebling?” begrüsst.

8. …wenn die Küchenhilfe genau weiss, was du am liebsten isst und wie du deinen Kaffee trinkst.

7. …wenn du deine Gäste mit den Worten: “Hallo – was haben sie denn für Beschwerden?” begrüsst.

6. …wenn du nachts im Pyjama in den Kreissaal und tagsüber im OP-Kittel in den Supermarkt gehst.

5. …wenn du zwar genau sagen kannst, wie man am schnellst von Station 8B über das Labor, die Röntgenabteilung und an der Cafeteria vorbei nach internistisch 3F kommt, Zuhause aber schon seit Wochen die Waschküche nicht mehr gefunden hast.

4. …wenn du versuchst, die Apgar-Werte deiner halbwüchsigen Kinder zu bestimmen

3. …wenn du der schwangeren Nachbarin im Garten nebenan dringend ein CTG anlegen möchtest.

2. …wenn du deinen Mann nur noch mit “Guten Tag, Chef” begrüsst.

Und ganz sicher weisst du, dass du dringend mal wieder Urlaub vom Arzt-Job brauchst, wenn…

1. …du am Wochenende, pünktlich um 9 Uhr, zur Visite in den Zimmern deiner Kinder aufschlägst!

Auf der Jagd nach der letzten Kompresse….

Fortsetzung hiervon…. *KLICK*

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OP-Aufenthaltsraum – OP-Schwester Darling, auf einem Bein im Kreis hüpfend, sowie Anästhesie-Edda und -Igor, mit je einer dampfenden Tasse Kaffee am Tisch hockend

Ich (gereizt): “Darling – könntest Du wohl dieses elende Gehöppel bleiben lassen? Du machst mich ganz wuschig! Und helfen tut es ja offensichtlich auch nicht…!

“Nee – fast hat man das Gefühl, du machst alles nur noch schlimmer!” murmelt Edda, während sie hoch konzentriert in ihrer Tasse rührt.

Empört hält Darling in ihrem Tun inne “Mein Anti-Freaky-Friday-Tanz” hat bis jetzt noch jedes Mal funktioniert. Ab jetzt ist Schluss mit komisch!”

“Da bin ich ja mal gespannt – die Nummer mit Napoli hat mir definitiv gereicht!”

Gerade will ich ein Stück von meiner Stulle abbeissen, als die Tür sich öffnet und herein kommt…

“CHEF!” *AlleWieAusEinemMund*

Tataaa – da isser wieder…!

Ich (prüfend): “Sie sehen gar nicht krank aus – ist alles in Ordnung?”

Chef Böhnlein, gefühlsmässig der unaufgeregteste Mensch nördlich des Äquators, sieht aktuell doch sehr nach Blutdruck aus: rote Gesichtsfarbe, hämmernder Carotispuls, Schweissperlen auf der Stirn.

Chef: “Moin zusammen! Da will man nur mal schnell – also, ja, äh… – sie wissen schon. Und dann bricht mir der Schlüssel von dieser vermaledeiten Tür ab…!”

Igor grinst wie ein Honigkuchenpferd vom linken zum rechten Ohrläppchen und auch ich kann nur mühsam ein amüsiertes Glucksen unterdrücken – allein die Vorstellung, wie unser großer, ehrwürdiger Chef verzweifelt von innen gegen das Klotürchen hämmert… *totlach*

Chef, jetzt ordentlich in Fahrt geredet: “…und die Menschen von der Technik kann man morgens um 8 Uhr auch noch nichts heissen – “Das kann dauern! Da müssen wir erst mal schauen, mit welchem Werkzeug wir das Schloss heraus bekommen!” – Wunderbar. Ganz wunderbar! Habe dann den Schlüsseldienst gerufen. Siebenundneunzig Fuffzig bekommt der. Für eine Toilettentür! Und 5 Minuten. Das sind beinahe… – Tausendzweihundert Euro Stundenlohn!”

Offensichtlich völlig überrascht hält Böhnlein inne und lässt diese atemberaubende Zahl vor seinem inneren Auge noch einmal langsam vorüber ziehen. “Eintausendzweihundert Euro…” murmelt er abwesend und schüttelt ungläubig das weise Haupt. Dann – zurück im Hier und schlecht bezahlten Jetzt: “Hat denn alles schön geklappt mit der ersten Laparoskopie?” Verschämt weiche ich des Cheffes erwartungsvollem Lächeln aus, indem ich mich ganz interessiert dem Boden meiner Kaffeetasse widme. Und auch sonst herrscht betretenes Schweigen, als – Gottlob! – Ottilie in gewohnt stürmischer Manier die Tür aufreisst und: “Es ist ANGERICHTET!” durchs Räumchen brüllt.

Dann macht sie auf dem Absatz kehrt, ist schon fast wieder verschwunden, als sie kurz stoppt und über die Schulter zurück ruft: “Chef – sie haben gerade die schönste laparoskopische Darmspiegelung überhaupt verpasst. Und Napoli musste mit drei Stichen genäht werden!”

Wie auf geheimes Komando räumen wir alle in Windeseile unsere Sachen zusammen und sind auch schon hinter Ottilie her zur Tür hinaus, während der Chef staunend im Aufenthaltsraum zurück bleibt.

Die nächste Operation – Frau Hysteria, 75 Jahre und die Ausmasse einer normannischen Walküre – ist dann eine ziemlich langweilige Entfernung der Gebärmutter, während derer Ottilie mit blumiger Sprache und in den schönsten Farben den Verlauf der letzten Stunden beschreibt. Chef Böhnlein bekommt den Mund hinter seinem Mundschutz gar nicht mehr zu vor lauter Staunen.

“Und – wie geht es ihnen jetzt?” presst er mühsam zwischen zwei Ottilie-Story-Highlights heraus.

“Wem?” Die Schwester fühlt sich von dieser – ihrer Meinung nach – völlig unangebrachten Frage aus dem Konzept gebracht und fuchtelt dem Chefarzt ungehalten mit dem Stieltupfer vor der Nase herum.

“Na – der Patientin! Und dem Oberarzt!” raunzt der große Mann empört. Was für eine Frage aber auch.

“Beiden blendend. Die Frau hat jetzt einen Schnitt von hier bis da…” mit dem Tupfer in der Rechten und einem Roux-Haken in der Linken zeigt die kleine OP-Schwester einen geschätzten halben Meter an, was selbstverständlich NICHT der Wahrheit entspricht! “…und Napoli liegt mit Kopfschmerzen und frisch genähter Platzwunde in Kreißsaal Fünf!”

Zufrieden mit sich und der Welt beginnt sie, die vor ihr liegenden Tupfer zu zählen, während der Chef versucht, keinen Herzinfarkt zu bekommen.

“Unfassbar – was ist heute eigentlich los? Ist das Vollmond? Klimaerwärmung?”

Ich schüttel bedauernd den Kopf “Keine Ahnung, Chef – es war eigentlich alles in Ordnung mit diesem Tag, bis ich heute morgen die OP-Umkleide betreten habe…!”

“Freaky! Friday!” flüstert Darling mir beschwörend ins Ohr.

“Freaky-WAS?” Interessiert schaut Chef Böhnlein von der Naht auf, die er gerade gesetzt hat, um die Bauchhöhle wieder ordentlich zu verschließen.

“Friday!” flüstert Darling – jetzt beinah ehrfürchtig – “Freaky Friday!”

“Mönsch Leute!” wenn ich diese Nummer mit dem Freitag noch EINMAL hören muss, hüpf ich freiwillig in den offenen Bauch vor mir! - “Vielleicht können wir jetzt endlich mal über etwas anderes reden? Dieser freakige Freitag geht mir deutlich auf die…”

“Es fehlt eine Kompresse!” Ottilies strenge Oberschwester-Stimme unterbindet jedwedes andere Gespräch und lässt alle gemeinschaftlich aufhören – Chef inklusive.

“Bitte – WIE?” Erst die Darm-Laparoskopie, dann der Freitag und jetzt die Kompresse – unser armer Chef fällt heute von einem imaginäres Loch ins nächste.

“Das kann nicht sein, Ottie – zählen sie noch einmal nach!”

“Ich habe bereits noch einmal nachgezählt, Chefarzt!Doktor!Böhnlein!” Jetzt ist sie sauer, die Ottie. Niemand, auch kein Chefarzt, kann ihr vorwerfen, sie könne nicht zählen. “Ich bin jetzt schon dreissig Jahre lang OP-Schwester – und habe noch nie falsch gezählt!”

“Na – einmal ist immer das erste Mal!” murmelt der Chef vor sich hin, während er in den Tiefen des Patientenbauches nach der abtrünnigen Kompresse fischt. Vergebens.

“Vielleicht ist sie ja irgendwann heimlich runter gefallen!” schlage ich hilfsbereit vor, und schon schaut das gesamte OP-Team neugierig unter den Patiententisch. Edda und Igor halten freundlicherweise die Abdeckung ein wenig hoch – doch: weit und breit keine fehlende Kompresse.

“Verdammt – das Ding kann sich doch nicht in Wohlgefallen aufgelöst haben – oder doch?” wütet der Chef-Gynäkologe und wandert – die sterilen Hände vorschriftsmässig vor dem Bauch gekreuzt – suchend durch den Saal. Und weil wir alle gerne helfen wollen, wackeln wir brav hinterher, schauen gemeinsam unterm Anästhesie-Tischchen nach, neben dem Laparoskopie-Turm und beim Handtuch-Spender.

Währenddessen räumt Darling fluchend den großen Mülleimer aus – sorgfältig Stück für Stück in die Hand nehmend und dann auf einen Haufen beseite legend – aufgerissene Sterilguttüten, benutzte Handschuhe, fleckige Kittel.

“Wer hat mich nochmal auf die schräge Idee gebracht, ausgerechnet OP-Schwester zu werden?” mault sie böse und gräbt sich tiefer in den Sack hinein.

“Sei still und grab – ich will hier nicht das ganze Wochenende zubringen!” Ottilie steht wie in Stein gemeiselt neben ihren OP-Tischen und betrachtet das Treiben im Saal missmutigen Blickes. “Wenn ich den finde, der das Teil genommen hat – der kann etwas erleben!” wütet sie. Und alle – Chefarzt eingeschlossen – ziehen ein bisschen den Kopf ein.

Drei OP-Umrundungen und einen völlig ausgeräumten Müllsack später ist klar: die Kompresse ist WEG. Nicht auffindbar. Verschollen. Erneut wühlt Dr. Böhnlein, den Blick angestrengt zur OP-Lampe gehoben, in der auf dem Tisch liegenden Patientin herum, zieht die Hand schließlich leer zurück und meint traurig: “Dann müssen wir sie wohl durchleuchten!”

Och nööööööööööööö. Durchleuchten ist SAUDOOF! Das geht nämlich nur im Nachbar-OP, weil die Leuchte interessanter Weise nicht durch die Gyn-OP-Tür passt. Wer auch immer sich diesen Mist ausgedacht hat. Und dafür muss die Frau dann auch noch von einem auf den anderen Tisch gepackt werden. Inklusive Beatmungsschlauch, Infusion, Blutdruckgerät und was sonst noch alles an ihr herum und aus ihr heraus hängt. Das ist ja ganz toll. Aber hilft nix – Watt mutt, datt mutt.

Wir nähen den Bauch also erstmal fein säuberlich zu (denn der Chef schwört, er hätte niemals nicht irgendwo ein Teil in einem Patienten vergessen, und warum solle er ausgerechnet heute damit angefangen haben…?), wickeln Frau Hysteria aus drei Lagen OP-Abdeckung plus Wärmepolster und fahren sie nach Operationssaal 4. Dort wiederum muss die Frau – wir erinnern uns: mitnichten zart und zierlich – von einem Tisch auf den nächsten transportiert werden – was nicht halb so einfach ist, wie es sich anhört:

Zwei müssen ziehen, Zwei müssen drücken, Einer hebt den Tubus (=Beatmungsschlauch) fest, der Fünfte sichert die Infusion und der Letzte passt auf, das der Katheter nirgendwo hängt, wo er nichts zu suchen hat. Das ganze dann bitte-danke auch noch rückenschonend und ohne zu viel Bewegung auf das frisch versorgte OP-Gebiet zu bringen. DAS sind ganz schön viele Wünsche auf einmal.

Es dauert geschlagene zehn Minuten bis alles an Ort und Stelle ist. Und als der Bildwandler die Patientin akribisch vom Brust- zum Schambein hin absucht, stehen wir alle ein wenig verschwitzt in unseren schweren Bleischürzen an die Wand gelehnt, und verfolgen atemlos die Jagd nach der verlorenen Kompresse. Schlicht – es ist keine zu finden. Nichts! Niente! Nada!

“Sag ich doch!” poltert der Chef, sichtlich erleichtert “Ich habe NOCH NIE irgendetwas in irgendjemandem vergessen!”

Aber WO ist dieses vermaledeite Stück Stoff dann? Ratlos stehen wir um Frau und den Bildwandler herum, als sich die Tür zum OP öffnet und Madeleine, unsere kleine, blonde Schwesternschülerin, den Kopf herein streckt.

“Hallo! Was ist denn hier los?” Erstaunt lässt sie den Blick über die Gruppe schweifen und reisst die babyblauen Augen auf.

“Nichts!” stöhnt Darling entnervt “Wir suchen nur eine fehlende Kompresse. Magst du mitsuchen?”

Doch statt einer Antwort zieht plötzlich ein Strahlen über das Gesicht der kleinen Frau – und mit einem triumphierenden “Tataaaaaa!” zieht sie eine zusammengeknüllte, aber deutlich als solche erkennbare KOMPRESSE aus der Tasche ihres OP-Kittels.

Ottilie (mit beinah unmenschlichem Grollen): “WO HAST DU DIE HER?”

“Na – die hab ich mir heute morgen zum Nase putzen ausgeliehen!” antwortet das Madeleine nun doch ein bisschen verunsichert und klimpert treuselig mit den langen, goldenen Wimpern.

Zur nachfolgenden Standpauke – sehr ausführlich und sehr laut – gehalten von OP-Oberschwester Ottilie und Chefarzt Dr. med. Böhnlein himself haben wir anderen uns dann still aus dem Staub gemacht.

Merke: Wer Kompressen entwendet und nicht wieder bringt wird mit Strafpredigten nicht unter 20 Minuten und mehrwöchiger Verbannung aus dem OP-Gebiet bestraft. Armes Schwesterlein….

“If it walks like a duck, quacks like a duck, looks like a duck,…

…it must be a duck!”

Heisst: Wenn es läuft wie eine Ende, quakt wie eine Ente, aussieht wie eine Ente – dann wird es wohl auch eine Ente sein!

Und dieser Freitag sah nicht nur aus, wie FreakyFriday *KLICK*, er fühlte sich auch definitiv danach an. Das wusste ich jetzt. Obwohl ich bis vor ca. 35 Minuten noch keinen Schimmer hatte, dass es solche Dinge wie “seltsame Freitage” überhaupt gibt.

Nachdem nun alle Lachtränen getrocknet sind und wir uns alle wieder schön unter Kontrolle haben, lässt uns OP-Schwester Darling endlich – wenn auch nur wiederwillig – wissen, was denn eigentlich passiert ist:

“Der Chef hängt auf dem Klo fest, weil der Schlüssel von innen abgebrochen ist. Jetzt suchen sie einen Neuen – also Schlüssel, nicht Chef! Und bis es soweit ist, übernimmt Napoli den OP-Plan”

Was ganz schön traurig ist. Denn der kleine, italienische Oberarzt ist Freitagsmorgens kein rechter Ausbund an Fröhlichkeit und Ruhe. Okay – auch sonst nicht. Aber Freitags am allerwenigsten. Ganz schlimm! Und doppelt schlimm, wenn man sich eigentlich auf entspanntes Operieren mit dem allzeit hochentspannten Chefarzt gefreut hatte. Aber da isser nun schon: Francesco Napoli, leidtenderOberarzt der Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe…

“Es ist unglaublich!” brüllt er, kaum, dass er den Saal betreten hat “Soll ich mich vierteilen? Eh? Wer macht jetzt meine Ambulanz? Und das Paper für den Kongress nächsten Monat? Eh? Was ist das hier überhaupt und WO ist mein Tritt?”

“…tritt in den Allerwertesten wäre jetzt wirklich angebracht!” denke ich innerlich seufzend und sehe Edda aus den Augenwinkeln wild mit den Augäpfeln rollen.

“Guten Morgen, Francesco! Ich geb dir gleich höchstpersönlich einen Tritt, wenn deine Laune nicht UMGEHEND besser wird!”

Hurray – ich hatte Oberschwester Ottilie völlig vergessen, die einzige Frau weit und breit, welche unseren kleinen, hypertrophen Italiener im Griff hat. Okay, vielleicht noch ausser Rosaria, Napolis wunderschöner, ewig froh gelaunter Ehefrau…

“Darling- besorg deinem Oberarzt die Stufe, damit er auch sieht, wo er hin operiert. Und jetzt machen wir alle mal ein bisschen pronto, sonst stehen wir nämlich nächsten Freitag auch noch hier – hopphopp!”

Keine dreissig Sekunden später steht Napoli dann tatsächlich, steril verpackt, am Tisch und blitzt mich über die schlafende Patientin hinweg böse an: “Was soll das? Warum grinsen sie?”

Weil ich von dir Zwerg nur die Nasenspitze sehe….?

Ich (mühsam das Lachen verkneifend): “Öhm – ich musste gerade an etwas lustiges denken… ” *HüstelRöchel*

Es ist aber auch zu komisch – Francesco Napoli misst nun einmal von der Sohle bis zum Scheitel keinen Millimeter mehr als 1,66 m. Der Operationstisch ist ungefähr einen Meter zwanzig hoch, die Frau darauf nochmal um die Vierzig Zentimeter (ja – zierlich ist anders) – heisst: Wenn der Oberarzt hier tatsächlich operativ tätig werden möchte, braucht er in jedem Fall einen Tritt. Also: Hocker. Oder eine Leiter, aber das sage ich nicht laut, sonst wird das hier mein letzter Freitag überhaupt, freaky hin oder her…

Napoli (mit einer Stimme im Bereich flüssigen Stickstoffes): “Wenn wir zwei uns nicht gleich auf Augenhöhe befinden, wird nicht nur ihnen ganz schnell das Lachen vergehen…!”

Au weia – jetzt ist er nicht mehr sauer, jetzt wird er gleich tollwütig…

Ottilie (brüllend): ” HERRGOTT NOCHMAL – DARLING??? Hast du dich verlaufen oder was?”

Darling – irgendwo in den Untiefen des Operationstraktes, auf der Suche nach einer geeigneten Erhöhung für den Mini-Oberarzt: “Ich hab keine Ahnung, wo der blöde Tritt hin ist! Ich kann ihn nicht finden!”

Auf Napolis Stirn bilden sich jetzt kleine Schweisströpfchen und ich ziehe vorsichtshalber den Kopf so weit zurück, dass er komplett aus meinem Sichtfeld verschwindet – hinter der großen Frau auf dem Tisch vor mir fühle ich mich einigermassen geschützt, denn ein explodierender Napoli ist gefährlicher als ein Flammenwerfer in einer Fabrik für Feuerwerkskörper.

“Das ist alles, was ich gefunden habe” stöhnt Darling, von links in den OP kommend, und schleppt eine dreistufige Trittleiter vor sich her, wie Hausfrauen sie zum Gardine aufhängen gerne benutzen.

Ich spüre, wie mir die Hitze in den Kopf steigt und auch Igor zieht vorsorglich sein Picknickdecken-Taschentuch aus der Hosentasche.

“Herr, bitte – wenn er sich DA jetzt drauf stellt, dann sterbe ich…”

Ottilies Augen blitzen über dem grünen Mundschutz, als sie dabei zusieht, wie Napoli mit Zornesfalte über der Nase die Leiter betritt – eine Stufe, noch eine, Bein über den Achsenpunkt und…

“Sehr, sehr schön sieht das aus, lieber Francesco – SO hast du doch mal einen wirklich umfassenden Ausblick auf das OP-Feld und alles…!” und der Hohn tropft bei diesen Worten aus jeder Pore der kleinen, alten OP-Schwester.

Napoli kocht. Seine Hände zittern sachte vor Wut und ich trau mich nicht wirklich, ihm ins Gesicht zu schauen, aus Angst, mich vollends zu vergessen und lachend im OP-Feld zusammenzubrechen. Von der anästhesistischen Seite, nördlich des grünen OP-Tuches, hört man nur angestrengtes Ein- und Ausatmen und ich sehe Edda und Igor vor meinem geistigen Auge, wie sie in höchster Konzentration das Lachen wegzuatmen versuchen, welche kurz vor Ausbruch steht.

“Skalpell! Verress-Nadel! Halten! Kompresse!”

Immer noch höchst aggressiv bellt Napoli seine Anweisungen in den Saal. Nebenan, bei den Chirurgen, wird gerade die Musik gewechselt – offenbar ist deren erste Operation vorschriftsmässig beendet und während die Anästhesie die aktuelle Patientin aus der Narkose hohlt und Richtung Aufwachraum bringt, strecken die Aufschneider neugierig den Kopf durch die Verbindungstür.

“Moin, Freunde!” Luigi streckt sein freundlich grinsendes Gesicht unter grüner OP-Haube durch die Tür, und ich frage mich zum wiederholten Mal, warum UNSER Italiener so ein Dauermiesepeter ist, und die Chirugen den Sunnyboy des Stiefels abbekommen haben. Dann:

“Whow – Napoli! Wollten sie auch mal schauen, wie die Welt aussieht, wenn man größer als einsvierzig ist…?” Sprichts und zieht seinen Kopf unter großem Jubel zurück in den Nachbar-OP, bevor das Unheil seinen Lauf nimmt:

In einer Flut italienischer Schimpfwörter, die wie die Niagarafälle aus ihm herausstürzen, tobt der in seiner Ehre schwer verletzte Oberarzt auf dem wackeligen Leiterchen herum, dass ich ernsthaft befürchte, er könne sich gleich in die Tiefe und damit in den sicheren Tod stürzen. Von nebenan ertönt schadenfrohes Gelächter und auch hinter der Grenze zum Reich der Betäuber weinen Edda und Igor gemeinschafltich dicke Lachtränen in graukariertes Taschentuch.

Ich hingegen stehe – die Kamera in der Linken, Troikar in der Rechten, höchst konzentriert auf meiner Seite der Barriere und zähle von Zweimillionen rückwärts, während ich bete, dass das unbändige Gelächter, welches sich gerade in den Tiefen meiner Därme zu formieren scheint, unten bleiben möge.

“DOKTOR CHAOS!”

Ich *grmpflschllfpf*: “Ja – Oberarzt?”

“Ich WARNE sie – wenn sie jetzt auch gleich lachen…!”

Seine Stimme ist jetzt nur noch diabolisches Flüstern und ich könnte schwören, dass kleine Hörnchen unter seiner OP-Haube gewachsen sind….

Ich (piepsend): “nein…. auf keinem fall….”

Ottilie (unschuldig): “Und, Francesco – wie IST es denn jetzt da oben? Hast du die Alpen schon sehen können…!”

Napolis wildes Geschreie höre ich nur noch gedämpft, während das Lachen sich in unbändigem Glucksen und Gröhlen aus mir heraus katapultiert, mich gar so sehr schüttelt, dass ich mich mit beiden Händen an meiner Patientin festhalten muss. Und als ihn sein Gehüpfe und Gehampele dann urplötzlich von der Leiter haut, laufen mir die Lachtränen bereits unter dem Mundschutz hinweg in den Ausschnitt meines dunkelgrünen OP-Hemdes…

———————————–To be continued———————————–

It´s SHOWTIME!!!

Nachdem ich mich vorschrifts- und OP-mässig angekleidet und meine Siebensachen im Spind verstaut habe, schleiche ich – misstrauisch nach rechts und links schauend – hinter OP-Schwester Darling her in Richtung gynäkologischer OP-Saal. Misstrauisch wegen des FreakyFriday *KLICK*, von dem ich gerade eben erst erfahren habe, und der mir aktuell mehr Respekt einflösst, als ich zugeben will.

Doch erst ist einmal alles wie immer – die Patientin wird auf ihrer Liege herein gefahren und freundlich begrüsst, der Name auf ihrem Plastik-Armband mit dem Namen der Patienten-Akte verglichen. Anschließend die Diagnose in der Patienten-Akte mit der Diagnose auf dem OP-Programm gegengecheckt. Es folgt: Auftritt Anästhesie-Edda, Vollnarkose für die Frau und Auftritt Chef.

SO sollte es jedenfalls sein…

“Josephine? Wo ist er?”

Frau Müller-Husemann, Patientin Nummer Eins mit großer Zyste am Eierstock, träumt bereits den Schlaf der Gerechten, ist verkabelt, gelagert, katheterisiert und gewaschen – somit eigentlich bereit für den ersten Eingriff des Tages, doch: es fehlt der Chef!”

“Josephine!” Ungeduldig trommelt Ottilie mit der steril behandschuhten Rechten auf ihren sauber gedeckten Instrumententisch ein “Josephiiiene – der Chef fehlt!”

“Und ich hab mich schon gewundert, warum mir keiner die Kamera hält” murmel ich böse vor mich hin – mal ehrlich: was kann ICH dafür? Der Chef hat einen OP-Plan. Und kann ihn lesen. Und wenn da steht: 8 Uhr, OP 5, dann IST ER da. Immer. Also – immer ausser heute…

“Was soll ich denn bitteschön machen?” Anklagend strecke ich meine ebenfalls steril verpackten Hände in die Luft und wedel ein bisschen darin herum. “Wenn vielleicht der Springer so nett wäre…?!”

Klären wir doch erst einmal den medizinischen Fachjargon: In einem OP gibt es gemeinhin den Anästhesisten. Gasmann, Sandmann, whatever. Der macht – wie es der Name schon nahe legt – Anästhesie. Narkose. Schlaf. Dem Gasmann beigestellt ist in der Regel eine anästhesistische Fachkraft, die beim anästhesieren und intubieren assistiert, ausserdem die Zeitung holt, das Brötchen schmiert, Kaffee umrührt. Nee, Spass.

Das Anästhesisten-Team knippst dem Patienten vor jeder OP temporär das Licht aus, sieht dann zu, dass dies unterwegs (= für die Dauer des Eingriffes) so bleibt, und macht eben jenes Licht nach Beendigung der Operation wieder an. So Gott und der Operateur es zulassen… *ggg*

Dann gibt es das OP-Pflegepersonal, bestehend aus einer (steril gewaschenen) Instrumenten-Pflegefachkraft und einem (unsterilen) Springer. Die Instrumenten-Tante (Respektive: -Onkel. Ich bleibe der Einfachheit halber mal bei der gynäkologischen Variante) hat ein bis viele (sterile) Tische, auf denen die jeweiligen Instrumente liegen, die für die gerade durchgeführt Operation gebraucht werden. Sie ist dafür zuständig, dass der Operateur genau das bekommt, was er gerade braucht. Oder will. Oder glaubt zu brauchen! Letzteres kann dann auch gerne mal in längere Diskussionen ausarten, dazu jedoch später sicher mehr.

Der Springer seinerseits sorgt für Nachschub am Tisch, stellt ausserdem das Licht ein, wechselt die CDs, sagt den Leuten im Nachbar-OP, dass sie leiser (oder lauter) singen/streiten/lachen/fluchen sollen, klärt wichtige Fragen, wie z.B. die Wettervorhersage fürs Wochenende (gerne kooperativ mit der Anästhesie, die fast immer ein iPhone oder iPad dabei hat) und lässt bei längeren Eingriffen das Mittagessen beiseite stellen.

Springer des heutigen Tages ist – *Tataaaaa* – Schwester Darling, die nun mit vergrämtem Blick des Chefs Nummer ins OP-Telefon hämmert und dabei fortlaufend “Ich sag´s ja – Freaky Friday!” murmelt. Dann

“Chef? CHEF? OP Fünf, Darling… – WAS? NEIN! Ich habe nicht sie gemeint! Darling! OP-Schwester Dar…? BITTE? Ja. JA! Daria! Is´ gut. Kein Problem…” Die Gesichtsfarbe der Schwester wechselt gerade in rasender Geschwindigkeit alle Rottöne der Farbskala durch, während der Rest des Saales gemeinschaftlich Schnappatmung zelebriert.

“Wie lange? Wie lange? WO?!?! Okay – ja, ist gut, ich gebe es weiter…!”

Kaum hat sie aufgelegt, herrscht schallendes Gelächter im Saal

“Muaahahaha – Kindchen, du hättest dein Gesicht sehen sollen!!!”

Ottilie ist gerade dabei, über ihrem sterilen Tisch zusammen zu brechen, während auch ich mich nur schwer auf den Beinen halten kann. “Darling” zum Chef-Gynäkologen zu sagen ist aber auch wirklich grossartig.

“Ihr seid soooo dooof!”

Darlings Gesicht glüht wie ein Hochofen – fast meint man, seichten Rauch aus den Öhrchen aufsteigen zu sehen.

Auch Anästhesie-Edda wiehert lustig amüsiert, während sich OP-Pfleger Igor mit einem Taschentuch, groß wie eine Picknickdecke, die Lachtränen aus dem Gesicht wischt.

“Pfffft” macht das beleidigte Schwesterchen “dafür kommt jetzt Napoli. Der Chef steckt auf dem Klo fest!”

“WAAAAAS?!”

Für einen kurzen Moment herrscht Stille in OP-Saal Fünf, dann bricht das totale Chaos los.

“Auf_der_Toilette?!” grunzt Igor, während er sich japsend am Laparoskopie-Turm abstütztwährend. Die Lachtränen schiessen ihm nur so aus den Augen und Edda muss sich gar setzten vor Lachen.
Im Nachbarsaal werden die neugierigen Rufe lauter – die dort operierenden Chirurgen möchten – samt Anästhesie- und Pflege-Team – ganz dringend wissen, was bei uns los ist und verlangen Aufklärung.

“Darling – ich glaube, ich werde gerade Fan von deinem verrückten Freitag…!”

Doch da war es noch lange nicht aller Tage Abend…

———————————to be continued——————————-

Der Pate III und Ende

“UNVERSCHÄMTHEIT!! UNFASSBAR!! UNGLAUBLICH!! UNGEHEUERLICH!!!…”

Napolis schwarz glänzender Lockenschopf trieft vor Nässe, während er ununterbrochen weiter auf mich einbrüllt – jetzt vorzugsweise in seiner Muttersprache und schier atemberaubendem Tempo. Interessiert beobachte ich sein sekündlich roter werdendes Gesicht und versuche eher vergeblich, den Spucketröpfchen zu entgehen, die mir zahlreich entgegen fliegen. Wie gut, das der kleine Italiener auch mir nur bis knapp ans Kinn reicht. Soll er ruhig den ollen Chirurgenpyjama vollsabbern, da hängt schon genug anderer Mist drin.

“Signore Napoli, sie werden gleich einen Herzstillstand bekommen, wenn sie sich da weiter so hinein steigern. Jetzt kommen sie mal wieder runter!”

Chef Böhnlein ist ein Vermittlertyp. Auch jetzt, um halb acht in der Früh und mit einem Oberarzt im Status Tobsuchtsanfall.

“Erklären sie mir doch einfach mal in Ruhe, was eigentlich das Problem ist?!”

Also ICH weiß sehr genau, was das Problem des kleinen Macho-Italieners ist: Frauen gehören seiner Meinung nach nämlich samt Spaghetti-Topf an den heimischen Herd und keinesfalls in ein Krankenhaus. Höchstens, um dort kleine, italienische Babys zu gebären, aber keinesfalls zum Arbeiten. Und überhaupt gleich gar nicht als Ärztin. Hah! SO ist das nämlich!

Napoli grunzt wie ein angeschossener Pamplona-Stier und ich befürchte ernsthaft, meinen Gedankengang gerade laut zelebriert zu haben – hab ich aber nicht. Das Schnaufen galt dem Chef. Irgendwie…

“Diese Person…”

Genauso gut hätte er auch absolut unfähiges Wesen sagen können…

“…hat mich völlig unnötig mitten in der Nacht aus dem Bett geholt…

Ich muss gleich ein bisschen weinen…

“…und als ich dann da bin – als ich dann endlich DA BIN

Jetzt überschlägt sich das italienische Stimmchen gerade ein bisschen…

“…ist das Kind SCHON DA!!!

Isses wahr! Angedrohter UND durchgeführter Spontanpartus! Man führe sie zum Schaffott,

Ich verdrehe klammheimlich ein kleines bisschen die Augen und sehe überrascht, wie des Chefs Hautkolorit gerade zügig von zartrosé über mittelrot nach dunkelkarmin wechselt. Nanü – was jetzt?!

Chef: “Napoli – sie wollen mir nicht erzählen, dass wir hier zusammen gekommen sind, weil ihr Nachtschlaf unterbrochen wurde?!”

Böhnleins Stimme bekommt einen beinah unmerklichen Unterton, der genau nichts anderes bedeutet, als absolute Gefahr in Verzug. Weiß ich – kenn ich. Napoli offensichtlich nicht, denn der antwortet völlig arglos und immer noch schäumend vor Wut:

“SI! DOCH! GENAU DAS! DIESE PERSON HAT MICH MITTEN IN DER NACHT…”

“Raus hier.”

Es ist nicht mehr als ein leises, unheilvolles Grummeln, aber gerade deshalb hält Napoli jetzt wohl ernsthaft verwirrt in seinem Sermon inne. Es steht ihm ins Gesicht geschrieben – der kleine Mann versteht gerade nur Bahnhof.

“Aber Cheffe…?!”

“Cheffe” hebt nur drohend die linke Augenbraue, als Napoli schon fluchtartig das Zimmer verlässt. Ich folge in gebührendem Abstand und meine aus den Augenwinkeln kleine Rauchwölkchen aus Böhnleins Nase steigen zu sehen, bevor ich leise die Tür hinter mir schließe…

Bambi, sag: Poppen!

“NEIN!!! Das glaub ich nicht!” Bambi hält sich entsetzt die Hand vor den Mund,die rehbraunen Augen so weit aufgerissen, dass ich ernsthaft Sorge habe, sie könnten mir gleich aus den Höhlen heraus entgegen fallen.
“Wilma UND Fred?!”
Das kleine Waldtier bekommt sich gar nicht mehr ein. FrauVonSinnen, die gerade am Übergabezimmer vorbei läuft, streckt neugierig den Kopf zur Tür herein.
“Was ist denn mit Wilma und Fred?” die Augen hinter ihrer Eulenbrille blinzeln
heftig interessiert.
“Josephine hat Fred und Wilma beim…ähm, also beide zusammen…hm- kompromittierend, verstehst du..!”
“Nee – wenn ich ehrlich bin, kein Wort!”
Bambi schnappt verzweifelt nach Luft, die Ohren tiefrot in die Ferne leuchtend.
“Ich habe die beiden heute Morgen auf frischer Tat beim Poppen erwischt!” fahre ich kurzerhand dazwischen. “Bambi – sag POPPEN!”
“Ich kaaaaann nicht!” quietscht es zurück
“Du bist GYNÄKOLOGIN! Also nenn die Dinge gefälligst auch beim Namen: sag Poppen!”
“Ich möchte da aber nicht so gerne drüber reden…!” Das Rehlein gleicht jetzt eher einer Fuchsstute, denn hellrot leuchten ihre Bäckchen durchs morgendliche Dämmerlicht.
“Lass das arme Ding in Ruhe” rügt FvS und setzt sich resolut auf die Übergabezimmercouch “Was ist jetzt mit Wilma und Fred, um Himmels Willen!”
“Die Zwei treiben es wie die Karnickel, das weiß doch mittlerweile sogar die Küchenhilfe! Guten Morgen!”
In einer Duftwolke aus teurem Parfüm und jeder Menge Haarspray stolziert Jeannie auf nagelneuen 12cm-Leoparden-Highheels zur Tür herein. Ich bekomme allein vom Anblick der Schuhe Arthrose ins Sprunggelenk, doch Jeannie könnte in diesen Dingern wahrscheinlich sogar den ersten Platz beim New York Marathon belegen.
“Sag, Jeannie – kannst du in den Schuhen joggen?!” sinniere ich laut vor mich hin?
“Josephine – hast du getrunken?” Frau von Sinnen schüttelt erstaunt den Kopf, während Miss SuperHighheels nur wissend grinst “wer weiß…?!”
“Okay, Leute, wir kommen jetzt mal alle zur Ruhe und gehen kurz in uns. Und dann erzählt ihr der lieben Frau von Sinnen ALLES, was ihr über Freds und Wilmas Krankenhaus-Sexualleben berichten könnt! – Und? Warum glotzt ihr mich alle so an?”
Verzweifelt versuche ich noch die redselige Hebamme durch versteckte Zeichen zum Schweigen zu bringen, da ist es schon geschehen!
“Diese Geschichte würde mich jetzt aber auch mal brennend interessieren!”
Sanft wie immer brummt des Chefs tiefe Stimme von der Tür her durch den kleinen Raum, doch über seiner Stirn ziehen eindeutig die ersten Gewitterwolken heran…

She Drives Me Cra-ha-ha-zy….

Es gibt Tage, da steppt der Bär, dass man vor lauter Arbeit kein Land mehr sieht. Und ausgerechnet heute ist genau solch ein Tag: Fred im Dienstfrei, Wilma und Blondie im Urlaub, der OP-Plan voll bis zum St. Nimmerleinstag und 25 Frauen von Harnwegsinfekt bis vorzeitige Wehentätigkeit in meiner Ambulanz. Im Kreißsaal tummeln sich 4 Schwangere, mehr oder weniger unter Geburt und der Stapel der noch zu schreibenden Entlassbriefe im Arztzimmer reicht mittlerweile bis unter die Decke. Während nun Chef und Oberärzte bis auf unbestimmte Zeit im OP verschollen sind, versuche ich die übrige Arbeit auf den Rest der Mannschaft zu verteilen: Bambi und mich! Das geht eigentlich ganz schnell, denn die Kleine darf aufgrund ihres Welpenstatus alleine noch keine Ambulanz fahren, also bleibt für sie erst einmal der undankbare Job der Visite, während ich mir die erste Notfallpatientin zur Brust nehme.

Ich schaue die elegant gekleidete Mittfünfzigerin ein wenig irritiert an, denn derart hergerichtet würde ich höchstens zur Verleihung der Oscars auftauchen, aber gut, vielleicht kommt sie ja sonst nicht oft vor die Tür. Gerade will ich fragen , wo denn das Problem im allgemeinen Befinden liegt (denn die Frau sieht aus wie das blühende Leben…!) als mein Handy klingelt und Bambi am anderen Ende der Leitung ankündigt.

Ich: “Ja?”

Bambi *whisper*: “Kann ich dich mal was fragen?”

Ich: “Klar – schiess los! Aber schiess schnell, hier wartet jede Menge Arbeit!”

Banbi: “Frau Weber-Müller-Hauptmann möchte gerne nach Hause…!”

………………….Pause………………..

Ich *aufmunternd*: “Ja – UND???”

Banbi: “Ja – darf sie denn gehen?!”

Ich: “Keine Ahnung – darf sie?!” Wo sind wir hier? Rate mal mit Rosenthal?

Bambi: “Also, Frau Weber-Müller-Hauptmann hat vor 4 Tagen spontan entbunden, Damm intakt, dem Kind geht es gut, die Rückbildung ist vorbildlich, Patientin kreislaufstabil…!”

“Bambi, was willst du von mir? Ist doch alles in Ordnung – schick die Frau heim, um Himmels willen!”

“Ja, prima! Dann mach ich das!” Spricht’s und legt hörbar erleichtert auf, während ich, reichlich verdattert, mein Telefon anglotze. Was bitte war DAS denn gerade???

Immer noch leicht abwesend wende ich mich wieder Frau Oscar zu, die mich mit hochgezogenen Augenbrauen missbilligend ansieht.

“Vielleicht könnten sie sich jetzt endlich einmal mir widmen…?!”

Bitte sehr, bitte gleich. Was denn wohl das Problem ist, frage ich die Patientin. Nun, teilt sie mir ganz unverfroren mit, sie hätte bitte-danke-gerne einen Komplett-Check!

“Wie jetzt – Komplett-Check?!” Hallo? Wir sind schließlich keine KFZ-Werkstatt!

Frau Oscar, sichtlich entnervt ob meiner fehlenden Einsicht, will offensichtlich gerade zum verbalen Gegenschlag ausholen, als – oh Wunder – das Handy läutet und via Display-Erkennung das rehäugige Waldtier ankündigt.

Ich nur marginal genervt:”JAA?!?!?!…”

Ich höre es am anderen Ende der Leitung trocken schlucken, und da ich ja ein weiches Mutterherz habe, lege ich etwas milder nach: “Bambi! Sprich schnell, oder schweige für immer!” Ehrlich gesagt habe ich ein wenig Sorge um mein Leben, denn Frau Oscar zieht jetzt hörbar Luft durch die Nase, während sich das dunkle Rot ihrer Wangenknochen zügig über das komplette Gesicht verteilt.

Bambi: “Es ist wegen Frau Bommel.” - Kennichnich
Ich: “Kenn ich nicht! Was ist mit ihr?!”
Bambi: “Frau Bommel ist eine Schwangere in der 28sten Woche mit Harnwegsinfekt. Zweite Schwangerschft. Hat vor drei Jahren spontan entbunden. Der Verlauf der ersten Schwangerschaft war völlig normal…”

Die roten Flecken in Frau Oscars Gesicht haben nun die Perlenhalskette-Grenze erreicht und breiten sich weiter gen Norden aus, während ihre brilliantenbesetzte rechte Hand Staccato auf meinem Schreibtisch trommelt.

“…erste Vorstellung beim Frauenarzt in der 5+2 Schwangerschaftswoch. Sie hatte eine Nackenfaltentranzparenzmessung in 12+3…”

Ich: “BAMBI! Komm zum Punkt!”
Bambi mit einem leichten Schluchzen in der Stimme: “Keine Beschwerden mehr, Labor und Urin normal, Ultraschall zeitentsprechend – Darf die Patientin nach Hause?!”

Ich: “Nein, sie sollte vorsichtshalber bis zum Entbindungstermin stationär bleiben!” ACHTUNG-IRONIE-ALARM

Bambi haucht:”Ahhhhhhh – okay! Ich sag es ihr!” und legt auf!

*Kopf->Tischkante*

Bis ich Bambi zurückgerufen und sie angewiesen habe, die arme Frau Bommel selbstverständlich umgehend nach Hause zu entlassen, hat meine Patientin Gesichtsfarbentechnisch von Kaminrot nach Dunkelblau gewechselt und steht nun kurz vor der Schnappatmung. Doch bevor es soweit kommt, will ich wenigstens noch wissen, was sie heute und hier von MIR will!

Frau Oscar schwer schnaufend und mit eisiger Stimme: “Ich fliege morgen für 3 Monate zu meinem Sohn nach Fort Lauderdale und möchte, das sie mich heute noch komplett durchchecken! Abstrich, Ultraschall – von den Eierstöcken und hierführt kreisende Bewegungen über ihrem wohl dekorierten Décolleté aus…und dann hätte ich gerne noch eine Mammographie! Die letzte liegt schon wieder Moooonate zurück!”

Mit einer wegwerfenden Handbewegung unterstreicht sie nachdrücklich ihre letzte Bemerkung und blickt mich weiterhin missbilligend an, so als sei sie sich nicht ganz sicher, ob ich überhaupt je Medizin studiert habe.

Ich bin erst einmal völlig sprachlos und komme nur verwirrt stotternd auf den Punkt: “Äh, Frau Oscar, das hier ist eine NOTFALL-Ambulanz. Wir machen hier keine Routine-Vorsorgen. Dafür müssen sie zu ihrem Frauenarzt gehen!”

Mit zusammengezogenen Augenbrauen und eiskaltem Blick beugt Frau Oscar sich zu mir herüber, sodass ich die Spur ihrer roten Hektikflecken bis weit unterhalb der Perlenkette-Grenze verfolgen kann. Und während ich noch fieberhaft darüber nachdenke, ob man ältere Damen im Affekt zurückschlagen darf, faucht sie langsam, jedes Wort einzeln betonend, als spräche sie mit einem kompletten Vollidioten: “Fräuleinchen! Lassen sie das mal schön meine Sorge sein!”

Beinahe hätte ich mich an frischer Luft verschluckt – FRÄULEINCHEN ist absolut indiskutabel! Das geht GAR NICHT!

Ich hole tief Luft und will gerade mächtig Wind machen, als – man ahnt es schon – das Telefon…

Ich *brüll*: “BAMBI! Schlack-noch-eins, entlass die Frau! Entlass ALLE Frauen. Gleich, später, morgen, mach, was du willst, aber nerv mich nicht!!!!

Fünf Sekunden Stille am anderen Ende der Leitung und ich befürchte ernsthaft, ich habe das Rehlein soeben erlegt, als des Chefs sanfter Bass über die Leitung an meinen Hörnerv prallt: “Dr. Josephine – ich glaube meine Schwiegermutter ist versehentlich bei ihnen gelandet?! Vielleicht können sie sie eben zu mir rüber schicken…?!”

Herzlichen Glückwunsch! Ich geh mir dann mal einen schönen Strick kaufen…!

Hier bin ich und hier will ich sein!

Es gibt Situationen, Momente, Augenblicke, die sind einzigartig! Großartig! Wunderbar mitzuerleben. Sicher – Hochzeiten, Taufen, Geburten, Liebe auf den ersten Blick… – doch das mein ich noch nicht einmal. Es geht um die kleinen Momente des Alltags, wenn alles um einen herum so absolut stimmig ist, das man vor Freude fast geneigt ist, ein wenig herumzujauchzen.

Der perfekte OP-Tag zum Beispiel, wenn frühmorgens schon dein Lieblingsteam die erste Laola gibt, weil du den iPod mit der richtigen Mukke dabei hast, vorher noch schnell die Prä-OP-Tasse Kaffee mit dem anästhesistischen Oberarzt, der noch persönlich miterlebt hat, wie Scarlett O´Hara in wagenradgroßen Taftröcken anno 1860 über die Kriegsschauplätze von Atlanta watete, und anschließend: entspanntes operieren mit dem Lieblingschef. Wenn letzterer dann mal wieder völlig entfesselt und absolut bewegungsletharg zu einem alten Abba-Song abhottet, während du liebevoll die letzte Hautnaht setzt – und anschließend brüderlich seine Schokoladenration unter allen mitwirkenden verteilt – DANN ist alles klar, DANN war das ein schöner Tag!

Auch immer wieder gern genommen – Dienstnächte. Die unruhigen mag ich tatsächlich am liebsten, gerne zwei oder mehr-Gebärende hintereinander weg, dazwischen ein bisschen Ambulanz, kurzer Tratsch mit der Nachtschwester von Station 8B und die obligatorische Gute-Nacht-Cola mit Dr. Gammel (Chirurg. Nette Sorte). Wenn es im Kreißsaalstützpunkt richtig gemütlich, weil brechend voll wird, denn jede Hebamme hat mindestens ein Laptop dabei, außerdem Essen in rauhen Mengen, Kissen Keks und Klatsch-Journale. Und all das untermalt von monotonem CTG-TockTock in Stereo-Dolby-Sourround – mal ernsthaft, wer will da schon zuhause schlafen? ICH NICHT!!!

Ich liebe Feiertage in der Klinik, hauptsächlich die großen Geschichten: Weihnachten, Silvester, sowas eben. Mag es an den bunten Lichtern, den KitschEngeln am KitschKunstWeihnachtsbaum oder Wham´s in die Jahre gekommenen “Last Christmas” liegen – in diesen Tagen sind durch die Bank weg alle ein bisschen weich gespült. Runter reguliert. Und so gibt es morgens statt des täglichen Einheits-Gemotzes vom OberDrachen erstmal Semmeln mit Wurst und Käse, Ei und SchokoWeihnachtsmänner. Anschließend rollt der VisiteKonvoi schwerfällig und glänzend gelaunt über die wenigen Patienten hinweg, die entweder zu krank oder zu frisch entbunden zum heimgehen sind. Und danach trifft man sich in froher Runde zum zweiten Gang. Ach, könnte es doch immer so sein…

Das schöne an diesen besonderen Tagen: man kann sie nicht vorbestellen. Unverhofft fliegen sie dich an, und häufig gerade dann, wenn du sie am wenigsten erwartest, aber am nötigsten hast. Und dann sitz ich da und denke: “Niemals und auf gar keinen Fall im Leben nicht möchte ich irgendwo anders arbeiten als genau an dieser Stelle hier. Und wenn ich noch bis zur Rente Feiertage und Wochenenden opfern muß, dann sei es drum. Hier bin ich und hier will ich sein.

Mei, ist DAS schön… :)

Vom Gesetz der Serie…

Es sind immer drei. Drei Patienten, die dir im Dienst sterben, dreimal vaginaler Herpes (nachdem du jahrelang keinen einzigen zu Gesicht bekommen hast…), drei EUGs (= Extrauterin Graviditäten. Nicht in der Gebärmutter angesiedelte Schwangerschaften) und: drei völlig bekloppte Dienste! Dabei tat der Letzte bis kurz vor 21 Uhr völlig harmlos. Pah, plöder Dienst du!

Goldstück (GS) hat eine Erstgebärende im Orbit, 10 Tage über Termin, mit beginnender Wehentätigkeit. Eine ganz stille, bisschen einfach strukturierte Person, die die halbe Zeit wie Espenlaub zitternd in ihrem Bett liegt und irgendwie den Eindruck vermittelte, daß sie jetzt gerne irgendwo anders wäre. Irgendwo GANZ anders. Aber gut, sie hält sich, jammert nicht, lagert den nur mäßig gewölbten Bauch wie verlangt von rechts nach links und wieder zurück, watschelt zwischendurch mit großen Augen zur Toilette und ganz flott wieder  zurück, so als traue sie ihren Beinen nicht mehr, sie zuverlässig zu tragen.

Gegen 20 Uhr informiert mich GS übers Diensthandy, das sie PDA bestellt hat, um 20.05 Uhr erneuter Anruf: das mit der Anästhesie habe sich erledigt, nach spontantem Blasensprung hat die Frau zügig auf Vollständig eröffnet, Köpfchen bereits auf Beckenboden, ob ich mich auf den Weg machen wolle…?!

So ein braves Kind – kommt noch vor dem Abendessen, das hab ich gern. Und tatsächlich – kaum den Kreißsaal betreten, schon blitzt mir schwarzes Wuschelhaar aus 2-Fingerbreit geöffnetem Scheideneingang entgegen. Völlig entspannt sehe ich die folgenden Minuten dabei zu, wie die Mutter, hoch konzentriert und ohne einen Laut, in Zeitlupe Haaransatz, Stirn, kleine vorwitzige Nase und schließlich Mund und Kinn über weit gespannten Damm presst, grinse ein bisschen in mich hinein über das – wie von Zauberhand und ohne weiteres Zutun – zur Seite drehende Köpfchen – und atme zufrieden durch, als der kleine Wicht mit sanftem Schmatzgeräusch in die Arme der Hebamme rutscht.

Vorschriftsmäßig reißt er auch gleich erschrocken und mäßig angetan die Arme in die Höhe, holt tief Luft – und schreit seinen Unmut über die kalte, helle Welt in selbige hinaus. Willkommen im Leben!

Ich warte bis der frischgebackene Vater mit bleichem Gesicht und zitternden Fingern die Nabelschnur durchgesäbelt hat, schnapp mir dann die Blutröhrchen mit dem Nabelblut und tiger zu unserem Astrupgerät, welches im hinteren Anteil des Kreißsaals auf Arbeit wartet. Mit eben dieser Maschine wird der pH-Gehalt des kindlichen Blutes bestimmt, das Ergebnis zeigt dann, ob das Kind die vergangenen Stunden eher gestresst oder leidlich zufrieden durchgestanden hat, und stelle fest: Baby Neu liegt mit einem pH von 7,30, 7,38 und einem BaseExcess von -4 im oberen Durchschnittsbereich und darf den Stempel “sehr schön gemacht” mit nach Hause nehmen ;)

Dann zurück in den Kreißsaal – schauen, ob die Plazenta schon da ist, wenn ja, gratulieren (CAVE! NIEMALS gratulieren solange sich der Mutterkuchen noch IN der Mutter befindet! Bringt Unglück… :)) und nachsehen, ob genäht werden muß. Goldstück ist gerade damit beschäftigt, eine Infusion fertig zu machen und ruft mir über die Schulter nur “es blutet etwas verstärkt nach!” zu, also schnapp ich mir schonmal Handschuhe, laufe zum Fußende der Mutter – und *TATAAAAA* – so eine Schei**e….

Unter der Frau bildet sich gerade eine – aus kleinfingerdickem Strahl gespeiste – sekündlich größer werdende Blutlache. Na Bravo!!!

Ich packe auf den Uterus, welcher weich, aber nicht butterweich ist, und reibe vorsichtig ein bisschen den Fundus, in der Hoffnung, ihn dadurch zum kontrahieren (=zusammenziehen) bringen zu können. Gleichzeitig versuche ich den Scheideneingang so weit eingestellt zu bekommen, das ich einen Dammriß als Ursache der Blutung ein- oder ausschließen kann – was aber alleine nicht gelingt. Also Tücher rein und erst mal komprimieren, bis GS mit ihrer Infusion fertig ist, und mir zwei weitere Hände zur Verfügung stellt.

30 Sekunden später läuft das kontraktionsfördernde Medikament im Schuß in meine Frau hinein, wir haben Vater samt Baby an OsoleMia weiter gegeben, welche zufällig im Kreißsaal aufgeschlagen ist, und nach Umlagerung der Frau und mit Hilfe zweier Speculae (das sind die Dinger, mit denen Frau beim Gyn immer untersucht wird – nur in dreimal so groß für “direkt nach Geburt”) versuche ich erneut, mir ein Bild vom “Unten” dieser Frau zu machen. Ergebnis: Keine Chance! Sobald ich den ersten Spiegel eingeführt und mit dem zweiten nur minimal gespreizt habe, spritzt mir die Suppe quasi ins Gesicht. Das da geht gar nicht.

Plan B ist der Notfallplan – Hintergrund, Anästhesie, OP, SCHNELL!!!

Derweil wird weiter Uterus gehalten, die Schwester bringt eine Eisblase, die Anästhesie kommt und legt noch einen Zugang – und dann denke ich: CYTOTEC!!!

Cytotec ist ein Medikament, welches eigentlich zur Behandlung von Magen- und Darmgeschwüren benutzt wird, und irgendwann fiel irgendeinem cleveren Kopf auf, daß es obendrein Wehen macht. Cool! Und außerdem kann es den Uterus dazu bringen, sich zu kontrahieren, obwohl er das aktuell gar nicht vor hat! Doppelt Cool! Und man braucht noch nichtmal einen Zugang oder ähnliches – Tabletten (4 Stück an der Zahl) einfach rectal eingeführt (wie ein Zäpfchen in den Anus) und *TATAAAA* – Blutung steht.

So auch in diesem Fall. Keine 5 Minuten nach Gabe dieses Wundermittels kann man zusehen, wie die Blutung weniger wird und schließlich fast zum Stillstand kommt, der Chef betritt den Kreißsaal dann gerade noch rechtzeitig um die Situation abzunicken, freundlich zu grüßen und in Bundfaltenshorts und kurzärmeligen Hemd wieder zu verschwinden, und die Anästhesie bläst ihr Gefolge zum Rückzug.

1 1/2 Stunden später sitze ich in der Ambulanz vor meinem dritten Vaginal-Herpes in diesem Jahr und muß ein wenig den Kopf schütteln – über das Gesetz der Serie…

Müde…

7.20 Uhr – Morgenbesprechung! Die Dienst(gehabt)habenden übergeben das Wochenende, 9 Entbindungen, 6x spontan, 2x Kiwi, 1x Sectio, diversestes Aufkommen in der Ambulanz, bisschen Station, insgesamt ordentlich zu tun.

7.45 Uhr – Dynamische Chefvisite. Will heißen: der Chef spurtet dynamisch vorweg, der Visiten-Assistent versucht derweil – die wichtigsten Eckdaten der entsprechenden Patienten zusammenfassend und im freien Lauf Anordnungen, Notizen und sonstiges in die Kurve kritzelnd – Schritt zu halten, die weitere Anhängerschaft (Rest-Assis und OberärztInnen) hat schon in Zimmer 2 aufgegeben und trottet demotiviert hinterher. Geht sowieso alles viel zu schnell: Tür auf – “Guten Tag!” – Verband runter – Blick drauf – “Geht´s gut?!” – “Auf Wiedersehen!” – Nächster!!!

8.15 Uhr – Erste und zweite (Privat-)Patientin im OP, bisschen Assistenz, nix wildes.

9.50 Uhr – Säbel wetzen: Chef tritt ab, Oberärztin kommt – ihr Auftritt, Dr. Josephine!!! Der OP-Plan serviert ihnen heute

1. eine Konisation, hübsch blutig, Konus leider unterwegs irgendwo durchgeschnitten, Anpfiff kassiert, nachreseziert, alles fast noch gut geworden!

2. Eine Ausschabung mit Spiegelung der Gebärmutter, nix gesehen, bisschen geschabt, kurz diktiert – muß mal gähnen

3. Gutartiger Tumor der Brust, fieses Gepopel, heftig geblutet, nix gesehen, Oberärztin koaguliert – Tumor doch noch gefunden, Ende gut, alles gut!

4. Ausschabung bei Fehlgeburt, 14. SSW. Bäh! Bähbähbähbäh!!! Mehr wollt ihr gar nicht wissen…

12.30 Uhr – eine Stunde leerlauf, die Chirurgen mußten unbedingt ein akutes Abdomen dazwischen pfriemeln. Also Kittel übergeworfen und zur Mensa gepilgert. Auf halber Strecke vom Diensthandy ausgebremst: die Nachmeldung ist weder aufgeklärt noch Blut-entnommen. Jeannie und Wilma nirgends auffindbar… Adieu, Schnitzeltag! Wär auch zu einfach gewesen…

13.40 Uhr – Patientin aufgenommen, aufgeklärt, Blut entnommen, NOCH eine Patientin aufgenommen, aufgeklärt und ebenfalls Blut entnommen (wie sich im Nachhinein herausstellt doppelt, egal, hält besser… *seufz*), Aufklärungen gemacht, zwei EK´s angehängt, drei ambulante Patientinnen entlassen, NOCH MEHR Blut abgenommen, drei OP-Berichte diktiert – außer Merci, Gummibärchen und Mars nix vernünftiges gegessen. Zurück in den OP!

13.55 Uhr – fiesen Mamma-Abszeß gespalten, das der rahmige Eiter im Schuss quer durch den OP gespritzt und am Röntgenboard kleben geblieben ist. Stundenlang Blutstillung gemacht, gespült und gefühlte 30 m Jodoformstreifen in der Wunde versenkt.

14.15 Uhr – Verlorene Spirale gesucht und gefunden, neue Spirale gelegt, dazwischen bisschen ausgeschabt. *schnarch* - ich schlaf gleich ein…

14.40 Uhr – Nachgemeldete Missed Abortion auch noch ausgeschabt, bähbähbäh – ich sagte es bereits. Dieses Mal nur wenige Wochen früher…

15.05 Uhr – Akutes Abdomen konsiliarisch in der Ambulanz gesehen, in Chirurgie zurück geturft. Im Gegenzug Ovarialzyste bekommen und zur Kontrolle einbestellt. Den Hattrick besiegelt durch einen fraglichen Unterbauchtumor, den die Internisten freiwillig zurück wollen.

15.55 Uhr – Oben genannter Süßkram PLUS ein Duplo PLUS ein Stück Schoko-Kuchen. Mein Pankreas macht gleich die Grätsche und die Nieren könnte man auf Holzspieße gesteckt auch als kandierte Äpfel verkloppen…

16.20 Uhr - die Chirurgen geben den Kampf nicht auf – Teenager mit rechtseitigem Unterbauchschmerz. Jungfrau! Geht direkt zurück – DAS war einfach…!!! *bösegrins*

17 Uhr – Schwangere am Termin ohne Hebamme hat da mal ein paar Fragen… – nach eineinhalb Stunden steh ich kurz vor dem Nervenzusammenbruch und die Frau hätte gerne KEINE Hebamme mehr, sondern möchte mit mir allein entbinden! “Kommen sie auch nach Hause…?!” *Kopf -> Tischkante*

18.30 Uhr – Ich brauch Essen, sonst fang ich gleich an, die angeschimmelten Pizzareste zu vertilgen, die schon seit Wochen in den Untiefen unseres Dienst-Kühlschrankes vor sich hin dümpeln. Hashimoto, der China-Mann, schickt kurz darauf seinen schnellsten Fahrer mit einer Auswahl der kompletten Karte vorbei, was die Amok-Stimmung augenblicklich deutlich bessert!

19 Uhr – ein Harnwegsinfekt, eine Pille danach (die Jugend von heute wartet mit dem Poppen nicht mal mehr, bis es dunkel ist… *tse*), Blutung mit und ohne Schwangerschaft sowie Pillenunverträglichkeit. Ich will nach Hause…

20.25 Uhr – Fehlalarm in der paar 30sten SSW. Kurzes Schwätzchen mit Gloria.

22 Uhr – Isch habe fertisch! Alter Gynäkologen-Schenkelklopfer: “Schauen sie bald mal wieder rein…!!!” :)