Tag-Archiv | Blutung

VII. Zu guter Letzt…

****ACHTUNG+++NICHTS FÜR ZARTE GEMÜTER++++ACHTUNG****

Es ist wie im schlechten Film – das Orchester gibt die Variation in Moll, der Technische Assistent fährt Slow-Mow und gedämpftes Licht, während um mich herum Menschen mit verwischten Konturen und abgehackten Bewegungen durchs Bild flimmern.

2 Sekunden nur, dann ist´s gut. Genug gedacht – JETZT arbeiten!

“Frau Drei kommt in den OP – SOFORT! Eine Ampulle Methergin geben und Naladortropf fertig machen. Im Saal dann drei Siebe bereit stellen – Nahtset,  Curette und Hysterektomie. Sobald sie gelagert ist, gebt ihr Bescheid. Sandmann – du bist der Chef, bis ich dazu komme. Oder – so der Herr will – mein Oberarzt endlich mal auftaucht!”

So, Nummer 1 – Verzeihung: Nummer Drei ist abgehakt, somit ist Nummer Vier die Nummer 2 auf der Liste – kann mir noch irgendjemand folgen?

Ich sprinte also nach Kreißsaal Vier, wo meine kleine Patientin mit dem riesen Bauch laut stöhnend und schnaufend auf ihrem Kreißbett liegt, während die Herztöne des Kindes immer noch weeeeeeiiiiiiit im Keller sind. Naja – Australien trifft es eher. Tief halt.

Das Babyköpfchen ist im Scheidenausgang schon deutlich zu erahnen – tiefschwarzes Haar, nass und kringelig. Eigentlich eine schöne Aussicht.

“Wie lange sieht das CTG jetzt schon so bescheiden aus?”

“Acht Minuten…” Soli steht in ihrem eigenen Saft – Schweißränder, groß wie Russland, zieren ihren Hebammenkittel sowohl vorne, als auch hinten, während die Graulöckchen auf ihrem Kopf munter vor sich hin tropfen.

Acht Minuten, Kopf tief Beckenmitte, der OP voll, kein zweiter Arzt und die Blutung hat Vorrang. SCHEISSE! Das muss jetzt mal gesagt werden!

“Soli – ruf den Chef an!”

“Okay!”

Es macht mir ein bisschen Angst, dass noch nicht einmal der Versuch einer Gegenfrage kommt. Der Chef hat keinen Hintergrunddienst. Nie. Dafür ist er der Chef. Wenn man ihn anruft, ist Holland in Not. Land unter. Aller Tage Abend – sucht euch etwas schönes aus. Das weiss die Hebamme. Und der Chef auch.

“Chefarzt – hier ist Hebamme OsoleMia! Sie müssen kommen – Sofort!”

Nach dem Zeitfenster zwischen “Sofort!” und *aufgelegt* zu schließen ist unser Chef von der schnell merkenden Sorte, denn da war höchstens Zeit für ein “Okay!” – mehr nicht.

“Was jetzt?!” Soli schaut mich erwartungsvoll an, den Hörer immer noch fest in der Hand.

Die Herztöne sind noch da, wo sie schon die ganze Zeit waren – und ich hab keine Ahnung, warum. Keine Dauerwehe, keine Blutung, keine Nabelschnur. Einfach nur total beschissene Herzfrequenz und sekündlich blauer werdende Kopfhaut unter schwarzem Babyhaar.

“Kiwi!”

Ich ziehe jetzt. Pfeif auf dickes Kind in kleiner Frau, auf Schulterdystokie und alles, was es sonst noch gibt – das Kind muss da jetzt raus. Und zwar pronto!

Ach so – für alle nicht Eingeweihten: Kiwi ist kein Obst – zumindest nicht im Kreißsaal – sondern eine Plastik-Einhand-Saugglocke, die mittels Unterdruck am Babykopf befestigt wird. Sobald das Teil sitzt, kann man dann am integrierten Griff ziehen und in aller Regel das Kind so in die Welt befördern. Hervorragend geeignet bei Frauen im akuten Erschöpfungszustand und/oder bei schlechten, kindlichen Herztönen.

Dagegen äußerst zurückhaltend zu gebrauchen bei groß geschätzten Babys in kleinen Müttern. Harhar – wie schade, dass letzteres gerade völlig irrelevant ist – das Kind muss raus – JETZT!. Ich wiederhole mich gerne.

Die Glocke zu befestigen ist überhaupt kein Problem, da das Köpfchen bereits so tief sitzt, dass ich locker dran komme. Leider haben wir jetzt aber aktuell keine Wehen mehr, da Soli ja – aufgrund der miesen Herztöne – ein wehenhemmendes Medikament gespritzt hat…

TOOOOOC …………….Pause…………………….. TOOOOOOOOOC ……………………….Pause……………………

Okay, dann halt ziehen ohne Wehen. Während Soli sich von oben mit Schmackes auf den wirklich ausladenden Fundus der kleinen Frau schmeißt, ziehe ich vorsichtig von unten am Hebel meiner Glocke. Frau Vier schreit. Korrektur: Frau Vier brüllt wie angeschossen – aus Angst, vor Schmerz und ich weiss nicht, was noch alles und ich würde gerne ein bisschen mit schreien, denn ich kann sie sehr gut verstehen. Aber für solche Mätzchen haben wir jetzt leider keine Zeit und so brüll ich statt dessen zurück, sie solle jetzt gefälligst pressen, Himmel noch mal, schreien können wir alle später noch.

Das Köpfchen bewegt sich Millimeterchensweise, während das TOOOOOOOOOOOOOOOOOC des vermaledeiten Wehenschreibers sich unendlich in die Länge zieht und scheinbar im Nichts verschwindet.

……………………………..TOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOC………………..

Komm schon, Baby, komm schon……!!!

Ich schwitze. Das Wasser fließt mir in Strömen den Rücken hinunter und von der Stirn übers Dekolté, am Bauchnabel vorbei in die Unterhose. Meine Wäsche ist klatschnass, das Haar klebt in wirren Strähnen auf meiner Stirn, während meine Zunge staubtrocken am Gaumen klebt.

Komm schon, Baby, komm schon….!!!

Beschwörend flüstre ich dieses Mantra vor mich hin, während der schwarzbehaarte Babykopf sich nur mühsam weiter bewegt und das Toc des Wehenschreibers verstummt ist.

Ich habe noch kein Kind verloren – Dreimalaufholzgeklopft – bis zum heutigen Tage hab ich sie noch alle heil heraus bekommen und das wird sich verdammtnochmal auch jetzt nicht ändern!!!!

Komm schon, Baby, komm schon…..!!!

“KOMM SCHON, BABY!!!!!!!……” Ich schreie. Brülle es hinaus, die Angst, den Stress, den Horror dieser Nacht.

Und dann kommt es. Ganz plötzlich merke ich, wie die Glocke leicht und geschmeidig nachgibt, das Köpfchen höher und höher steigt, schließlich sanft über dünn gewalzten Damm ploppt und so den Blick auf leuchtendblaues Babygesicht frei gibt. Und während die Hebamme vom Fundus steigt, um den kleinen Bläuling in Empfang zu nehmen, dreht der auch schon brav weiter, läßt zuerst die vordere, dann vorschriftsmäßig die hintere Schulter entwickeln und flutscht anschließend sauber und in einem Stück in Solis ausgebreitete Arme. Jetzt ist auch plötzlich glasklar, wo das Problem lag – seine geschätzt 150cm lange Nabelschnur hat der kleine Mann um alles gewickelt, was ihm in den 9 Monaten seiner Schwangerschaft so in die Quere kam: Rechtes Bein, linkes Bein, zweimal um den Arm, dreimal Hals, und abschließend – modisch völlig auf dem neuesten Stand – lässig um die Hüfte geschwungen.

Kein Wunder, das dieses CTG abschließend aussah, wie es aussah – der Junge hatte sich mit seiner Wickelaktion schlichtweg den Saft abgedreht. Solch eine Aktion ist extrem selten, denn in der Regel ist ausreichend Nabelschnur vorhanden, um die ein oder andere Verwicklung problemlos weg zu stecken. In diesem Fall hatte Houdini sich jedoch fast um Kopf und Kragen gewickelt. Er sollte sich definitiv ein anderes Hobby zulegen…

Ich überlasse das Baby der Hebamme sowie der gerade eingetroffenen Kinderärztin und renne nach Kreißsaal 1 wo – wir erinnern uns – Frau Öko gerade ihr erstes Kind via Beckenendlage zur Welt zu bringen gedenkt. Als ich die Tür öffne, seh ich auch schon zwei kleine, dunkelblaue Pobacken im Beckenausgang stehen. Verdammt – DAS nenn ich Timing. Hätte das Kind sich nicht ein bisschen beeilen können?!

Beckenendlagengeburten sind wie afrikanische Elefanten: vom Aussterben bedroht. Und da keiner sie mehr macht, kann auch keiner sie mehr lehren. Was ganz schön blöd ist, wenn man denn eine – wie ich jetzt – notfallmäßig machen muss. Okay, ich hab es natürlich im Trockendock geübt. Auf Fortbildungen nämlich, mit künstlichen Beckenmodellen und komisch aussehenden Puppen. Wie muss ich den Po halten? Und was, wenn kurz vor knapp die Arme hochschlagen und festhängen? Wer drückt wann von wo und was mach ich, wenn der Rest vom Kind da ist, aber der Kopf nicht folgen will?

“Mehr Wehen oder weniger? Wann muss sie nochmal drücken? Beine erst nach oben anheben oder nach unten absenken….?!”

“WAS willst du? Ich versteh kein Wort von deinem Gebrummel?!” Wütend blafft Gloria mich an  - auch ihr Hebammenkittel sieht aus, als hätte man sie gerade aus dem nächstbesten Pool gefischt.,

“Still – ich rede mit mir selbst! Weisst du noch, wann du drücken mußt?”

“Musst DU mir das nicht sagen? DU bist doch der Arzt?!”

Ich will heim zu meinem Mann…. denke ich sehnsüchtig!

“Ich will, dass jetzt endlich mein Oberarzt kommt!” sage ich laut und ein bisschen weinerlich.

“Ich will, dass du jetzt die Klappe hälst und dieses Kind entbindest!” sagt die Hebamme!

Frechheit!

Und dann ist alles ganz einfach – denn auf einmal presst Frau Öko in Kreißsaal I wie eine eins mit, ich bekomme den Po samt hochgeschlagener Beine ganz vorschriftsmässig zu fassen und geleite ihn – ohne  zu ziehen, Josie, OHNE zu ziehen!!! – aus der Mama heraus. Und dann, als der kleine Babynacken vor meiner Nase auftaucht, Babybauch auf den rechten Unterarm gepackt, rechter Zeigefinger in den Babymund, suprasymphysärer Druck durch die Hebamme – und mit einer einzigen, durchgängigen Bewegung hebel ich das Köpfchen um den Scheinbeinbogen herum aus dem Scheidenausgang heraus und den kompletten kleinen Klops der Mama auf den Bauch. Verkehrt herum, versteht sich.

WHOW! DAS war ja so cool!!!!

Gloria schaut mich sprachlos und ein bisschen stolz an und auch ich würde mir jetzt gerne ein bisschen aufmunternd die Schulter klopfen, doch da ist ja immer noch Frau Drei auf dem Weg in den OP – DIE Nummer muss jetzt auch noch zu Ende gebracht werden. Ich stürze also weiter, aus Kreißsaal I, quer über den Flur durch die Automatiktür in den OP – und jetzt würde ich gerne ein bisschen weinen, denn hier stehen, Schulter an Schulter, Doc Napoli, der OberArsch und Chef, und starren zufrieden auf die stehende, vaginale Blutung meiner Patientin aus Kreißsaal Drei! Keine Ahnung, wer diese Nummer gerettet hat – das Cytotec, das Nalador oder die reine Anwesenheit soviel geballter, gynäkologischer Macht – aber es hat irgendwie funktioniert. Frau Drei hat aufgehört zu bluten. Hurra!

Und während die Anästhesie-Tante vorsorglich zwei Blutkonservenbeutel an meine Patientin andockt, blinzelt Sandmännchen mir fröhlich über seinen Mundschutz hinweg zu und streckt seinen behandschuhten, rechten Daumen in die Höhe.

Ich grinse ein bisschen und winke matt zurück, ehe ich abdrehe und den OP durch die leise summende Tür verlasse.

VI. Im freien Fall…

————-SCHNIPP—————

Wir erinnern uns – es ist Null-Dreihundert in der Früh, und OHe-Bamme hat mich gerade zurück nach Kreißsaal 3 gepfiffen, wo kurz zuvor Frau 6 Uhr-Im-Kreißbett geboren hatte.

Somit stehe ich jetzt also – gerade mal zwei Sekunden nach Flurentbindung und mit ZWEI Geburten in EINER Minute (das ist fast Rekord!) wieder an o.g. Bett, hab ein wenig Kopfschmerzen und Magendruck, denn derart infernalisch schreien hab ich meine OberHebamme noch nie gehört.

Und kaum bin ich da, weiß ich auch schon was los ist – es blutet. Nein. Es sprudelt. NEIN! Es SPRITZT und SPRUDELT! Und das, obwohl OheBamme wohlweisslich Unmengen Vorlagen, Mullwindeln und Bettbezug von unten gegen drückt, gleichzeitig mit der anderen Hand von oben den Fundus der Gebärmutter hält, während Frau Drei auf Sechs Uhr zunehmend blasser um die Nase wird. Das Baby – schwarzhaarig und laut brüllend, hat sie – die Hebamme – wohl gerade noch im bereitstehenden Babybett zwischenparken können, bevor sie damit begann, Frau Drei am verbluten zu hindern. Und die junge Mutter ist – wie man am sekündlich heller werdenden Kolorit nur unschwer erkennen kann – offensichtlich wild entschlossen, abzutreten. Und zwar hier und heute!

Ich schwitze nicht mehr sehr oft im Dienst – vielleicht noch beim Halten zweier vaginaler Hysterektomien in Folge, oder wenn ich ein Baby an den Löffeln herausziehen muss. Körperliche Arbeit eben. Aber Schwitzen durch reinen Adrenalinüberschuss hab ich mir schon seit längerem abgewöhnt. Das ist nur lästig und hinterlässt unschöne Ränder unter den Armen.

JETZT gerade schwitze ich, während mir gleichzeitig ein bisschen das Blut in den Ohren rauscht. Instinkte sind eine vertrackte Kiste – denn kaum ist Gefahr in Verzug, schickt das olle Stammhirn nur noch ein einziges, grell-blinkend und laut hupendes Schlagwort in den NeoCortex:

LAAAAAAAAAAAAUUUUUUUUUUUUUUUF!!!

Es dauert genau zwei Sekunden, dem akuten Fluchtinstinkt zu widerstehen, dann hab ich auch schon den roten Notfallknopf gedrückt und fühle mich, zumindest gedanklich, nicht mehr gänzlich allein auf weiter Flur. Denn: dieser rote Knopf ist genauso sagenhaft wie DocVapors kleines Notfalltelefon im Krankenhaus am Rande des Wahnsinns – nur ohne reden müssen! Und während ich nun schon dabei bin, Cytotec rektal und großlumige Zugänge zu verteilen, sorgt das Männeken am anderen Ende der Knopf-Leitung dafür, das keine 5 Minuten später das Notfall-Anästhesie-Team, die Freunde vom OP und – das Beste an diesem vermaledeiten Button überhaupt: mein HINTERGRUND zur Stelle ist, um mir notfallmässig die Hand zu halten. Stirn zu tupfen. Whatever!

Die erste Braunüle ist gerade noch so in der zeitgleich kollabierenden Armvene verschwunden, als auch schon die Kreißsaaltür auffliegt UND

GLORIAAA????  DU hierWo ist mein Oberarzt??? Die Gasmänner, das OP-Team? Ich hab doch aber den NOTFALLKNOPF gedrückt?!”

“Josephine, du mußt kommen, der Po ist da!”

“GV – es ist jetzt nicht die Zeit, derbe Späße zu machen. Schick den Oberarsch – ARZT rein, aber pronto!!!”

“Josephine – Frau ÖKO!!! Das Kind kommt gerade FALSCH HERUM!!! Mit dem Po zuerst!!!”

Frau Drei – immer noch auf sechs Uhr im Kreißbett liegend und mittlerweile von kalkweisser Farbe, blutet weiter unmotiviert vor sich hin, während der erste Plasmaexpander im Schuss einläuft und Ohe heldenhaft ihr Bestes gibt. Von unten haltend und von oben durch die Bauchdecke massierend versucht sie den fluffigen, sich nicht zusammenziehen wollenden Uterusmuskel doch noch zur Kooperation zu bringen. Mit mäßig bis kaum einem Erfolg, wie die sekündlich größer werdende Blutlache vorm Bett anschaulich dokumentiert.

Ich schwitze mehr!

Okay, Josie – was hast du gelernt? Prioritäten setzen! Hebammen entbinden, Ärzte machen den Rest. Das ist der Rest, also fängst du hiermit an. Irgendwie beruhigend, wenn man zumindest glaubt, einen Plan in der Tasche zu haben. Ich will Gloria also gerade zu ihrer vaginalen Beckenendlage zurückschicken, als sich erneut die Kreißsaaltür wie von Zauberhand öffnet…

“GOTT-SEI-DANK-SEID-IHR-DA!” brüllen wir im Chor (Gloria, Ohe und ich) – und starren in Solis verblüfftes Gesicht, die uns nun wiederum, mit wild vom Kopf abstehenden Kringellöckchen, böse anblitzt:

“Ich habe um Hilfe gerufen! Aber keiner ist gekommen!!!”

“ICH hab auch um Hilfe gerufen!” gebe ich empört zurück “und es sind nur noch mehr andere Hilferufe gekommen! Was willst DU denn noch?!”

“Bei Frau Vier gehen gerade die Herztöne in den Keller – aber sowas von! Ich hab schon einen Bolus Wehenhemmung drin, aber wir sind immer noch bei 80 Schlägen!”

Das ist alles ein böser Traum. In Wirklichkeit liege ich gerade am Waikiki-Beach und schlürfe MaiTais, die Wellen rollen malerisch an blütendweissen Sandstrand hin, alles ist gut und friedlich…”

“JOSEPHINE!!!!!!”

Gut und friedlich hört sich definitiv anders an! Als ich die Augen erneut öffne, glotzen mich zumindest nicht mehr nur meine drei Hebammen an, sondern obendrein – reichlich motiviert und erschreckend kompetent – die Jungs der Schlafmedizin!

“Kollege Sandmann!” bricht es fast ein bisschen glücklich aus mir heraus “mach der Frau mal bitte wieder Kreislauf, okay? Und weisste – ich liebe dich!”

“Geht klar, Josie!” brummt Sandmännchen freundlich und pfeift Frau Drei schon von der Tür aus den zweiten Zugang rein.

Bleiben nur noch zweieinhalb Probleme – die Blutung, die Beckenendlage und die Badewanne. Ich muss nachdenken – ganz kurz nur muss ich nachdenken…

—————————-Schnapp———————————

Vom Gesetz der Serie…

Es sind immer drei. Drei Patienten, die dir im Dienst sterben, dreimal vaginaler Herpes (nachdem du jahrelang keinen einzigen zu Gesicht bekommen hast…), drei EUGs (= Extrauterin Graviditäten. Nicht in der Gebärmutter angesiedelte Schwangerschaften) und: drei völlig bekloppte Dienste! Dabei tat der Letzte bis kurz vor 21 Uhr völlig harmlos. Pah, plöder Dienst du!

Goldstück (GS) hat eine Erstgebärende im Orbit, 10 Tage über Termin, mit beginnender Wehentätigkeit. Eine ganz stille, bisschen einfach strukturierte Person, die die halbe Zeit wie Espenlaub zitternd in ihrem Bett liegt und irgendwie den Eindruck vermittelte, daß sie jetzt gerne irgendwo anders wäre. Irgendwo GANZ anders. Aber gut, sie hält sich, jammert nicht, lagert den nur mäßig gewölbten Bauch wie verlangt von rechts nach links und wieder zurück, watschelt zwischendurch mit großen Augen zur Toilette und ganz flott wieder  zurück, so als traue sie ihren Beinen nicht mehr, sie zuverlässig zu tragen.

Gegen 20 Uhr informiert mich GS übers Diensthandy, das sie PDA bestellt hat, um 20.05 Uhr erneuter Anruf: das mit der Anästhesie habe sich erledigt, nach spontantem Blasensprung hat die Frau zügig auf Vollständig eröffnet, Köpfchen bereits auf Beckenboden, ob ich mich auf den Weg machen wolle…?!

So ein braves Kind – kommt noch vor dem Abendessen, das hab ich gern. Und tatsächlich – kaum den Kreißsaal betreten, schon blitzt mir schwarzes Wuschelhaar aus 2-Fingerbreit geöffnetem Scheideneingang entgegen. Völlig entspannt sehe ich die folgenden Minuten dabei zu, wie die Mutter, hoch konzentriert und ohne einen Laut, in Zeitlupe Haaransatz, Stirn, kleine vorwitzige Nase und schließlich Mund und Kinn über weit gespannten Damm presst, grinse ein bisschen in mich hinein über das – wie von Zauberhand und ohne weiteres Zutun – zur Seite drehende Köpfchen – und atme zufrieden durch, als der kleine Wicht mit sanftem Schmatzgeräusch in die Arme der Hebamme rutscht.

Vorschriftsmäßig reißt er auch gleich erschrocken und mäßig angetan die Arme in die Höhe, holt tief Luft – und schreit seinen Unmut über die kalte, helle Welt in selbige hinaus. Willkommen im Leben!

Ich warte bis der frischgebackene Vater mit bleichem Gesicht und zitternden Fingern die Nabelschnur durchgesäbelt hat, schnapp mir dann die Blutröhrchen mit dem Nabelblut und tiger zu unserem Astrupgerät, welches im hinteren Anteil des Kreißsaals auf Arbeit wartet. Mit eben dieser Maschine wird der pH-Gehalt des kindlichen Blutes bestimmt, das Ergebnis zeigt dann, ob das Kind die vergangenen Stunden eher gestresst oder leidlich zufrieden durchgestanden hat, und stelle fest: Baby Neu liegt mit einem pH von 7,30, 7,38 und einem BaseExcess von -4 im oberen Durchschnittsbereich und darf den Stempel “sehr schön gemacht” mit nach Hause nehmen ;)

Dann zurück in den Kreißsaal – schauen, ob die Plazenta schon da ist, wenn ja, gratulieren (CAVE! NIEMALS gratulieren solange sich der Mutterkuchen noch IN der Mutter befindet! Bringt Unglück… :)) und nachsehen, ob genäht werden muß. Goldstück ist gerade damit beschäftigt, eine Infusion fertig zu machen und ruft mir über die Schulter nur “es blutet etwas verstärkt nach!” zu, also schnapp ich mir schonmal Handschuhe, laufe zum Fußende der Mutter – und *TATAAAAA* – so eine Schei**e….

Unter der Frau bildet sich gerade eine – aus kleinfingerdickem Strahl gespeiste – sekündlich größer werdende Blutlache. Na Bravo!!!

Ich packe auf den Uterus, welcher weich, aber nicht butterweich ist, und reibe vorsichtig ein bisschen den Fundus, in der Hoffnung, ihn dadurch zum kontrahieren (=zusammenziehen) bringen zu können. Gleichzeitig versuche ich den Scheideneingang so weit eingestellt zu bekommen, das ich einen Dammriß als Ursache der Blutung ein- oder ausschließen kann – was aber alleine nicht gelingt. Also Tücher rein und erst mal komprimieren, bis GS mit ihrer Infusion fertig ist, und mir zwei weitere Hände zur Verfügung stellt.

30 Sekunden später läuft das kontraktionsfördernde Medikament im Schuß in meine Frau hinein, wir haben Vater samt Baby an OsoleMia weiter gegeben, welche zufällig im Kreißsaal aufgeschlagen ist, und nach Umlagerung der Frau und mit Hilfe zweier Speculae (das sind die Dinger, mit denen Frau beim Gyn immer untersucht wird – nur in dreimal so groß für “direkt nach Geburt”) versuche ich erneut, mir ein Bild vom “Unten” dieser Frau zu machen. Ergebnis: Keine Chance! Sobald ich den ersten Spiegel eingeführt und mit dem zweiten nur minimal gespreizt habe, spritzt mir die Suppe quasi ins Gesicht. Das da geht gar nicht.

Plan B ist der Notfallplan – Hintergrund, Anästhesie, OP, SCHNELL!!!

Derweil wird weiter Uterus gehalten, die Schwester bringt eine Eisblase, die Anästhesie kommt und legt noch einen Zugang – und dann denke ich: CYTOTEC!!!

Cytotec ist ein Medikament, welches eigentlich zur Behandlung von Magen- und Darmgeschwüren benutzt wird, und irgendwann fiel irgendeinem cleveren Kopf auf, daß es obendrein Wehen macht. Cool! Und außerdem kann es den Uterus dazu bringen, sich zu kontrahieren, obwohl er das aktuell gar nicht vor hat! Doppelt Cool! Und man braucht noch nichtmal einen Zugang oder ähnliches – Tabletten (4 Stück an der Zahl) einfach rectal eingeführt (wie ein Zäpfchen in den Anus) und *TATAAAA* – Blutung steht.

So auch in diesem Fall. Keine 5 Minuten nach Gabe dieses Wundermittels kann man zusehen, wie die Blutung weniger wird und schließlich fast zum Stillstand kommt, der Chef betritt den Kreißsaal dann gerade noch rechtzeitig um die Situation abzunicken, freundlich zu grüßen und in Bundfaltenshorts und kurzärmeligen Hemd wieder zu verschwinden, und die Anästhesie bläst ihr Gefolge zum Rückzug.

1 1/2 Stunden später sitze ich in der Ambulanz vor meinem dritten Vaginal-Herpes in diesem Jahr und muß ein wenig den Kopf schütteln – über das Gesetz der Serie…