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Auf der Jagd nach der letzten Kompresse….

Fortsetzung hiervon…. *KLICK*

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OP-Aufenthaltsraum – OP-Schwester Darling, auf einem Bein im Kreis hüpfend, sowie Anästhesie-Edda und -Igor, mit je einer dampfenden Tasse Kaffee am Tisch hockend

Ich (gereizt): “Darling – könntest Du wohl dieses elende Gehöppel bleiben lassen? Du machst mich ganz wuschig! Und helfen tut es ja offensichtlich auch nicht…!

“Nee – fast hat man das Gefühl, du machst alles nur noch schlimmer!” murmelt Edda, während sie hoch konzentriert in ihrer Tasse rührt.

Empört hält Darling in ihrem Tun inne “Mein Anti-Freaky-Friday-Tanz” hat bis jetzt noch jedes Mal funktioniert. Ab jetzt ist Schluss mit komisch!”

“Da bin ich ja mal gespannt – die Nummer mit Napoli hat mir definitiv gereicht!”

Gerade will ich ein Stück von meiner Stulle abbeissen, als die Tür sich öffnet und herein kommt…

“CHEF!” *AlleWieAusEinemMund*

Tataaa – da isser wieder…!

Ich (prüfend): “Sie sehen gar nicht krank aus – ist alles in Ordnung?”

Chef Böhnlein, gefühlsmässig der unaufgeregteste Mensch nördlich des Äquators, sieht aktuell doch sehr nach Blutdruck aus: rote Gesichtsfarbe, hämmernder Carotispuls, Schweissperlen auf der Stirn.

Chef: “Moin zusammen! Da will man nur mal schnell – also, ja, äh… – sie wissen schon. Und dann bricht mir der Schlüssel von dieser vermaledeiten Tür ab…!”

Igor grinst wie ein Honigkuchenpferd vom linken zum rechten Ohrläppchen und auch ich kann nur mühsam ein amüsiertes Glucksen unterdrücken – allein die Vorstellung, wie unser großer, ehrwürdiger Chef verzweifelt von innen gegen das Klotürchen hämmert… *totlach*

Chef, jetzt ordentlich in Fahrt geredet: “…und die Menschen von der Technik kann man morgens um 8 Uhr auch noch nichts heissen – “Das kann dauern! Da müssen wir erst mal schauen, mit welchem Werkzeug wir das Schloss heraus bekommen!” – Wunderbar. Ganz wunderbar! Habe dann den Schlüsseldienst gerufen. Siebenundneunzig Fuffzig bekommt der. Für eine Toilettentür! Und 5 Minuten. Das sind beinahe… – Tausendzweihundert Euro Stundenlohn!”

Offensichtlich völlig überrascht hält Böhnlein inne und lässt diese atemberaubende Zahl vor seinem inneren Auge noch einmal langsam vorüber ziehen. “Eintausendzweihundert Euro…” murmelt er abwesend und schüttelt ungläubig das weise Haupt. Dann – zurück im Hier und schlecht bezahlten Jetzt: “Hat denn alles schön geklappt mit der ersten Laparoskopie?” Verschämt weiche ich des Cheffes erwartungsvollem Lächeln aus, indem ich mich ganz interessiert dem Boden meiner Kaffeetasse widme. Und auch sonst herrscht betretenes Schweigen, als – Gottlob! – Ottilie in gewohnt stürmischer Manier die Tür aufreisst und: “Es ist ANGERICHTET!” durchs Räumchen brüllt.

Dann macht sie auf dem Absatz kehrt, ist schon fast wieder verschwunden, als sie kurz stoppt und über die Schulter zurück ruft: “Chef – sie haben gerade die schönste laparoskopische Darmspiegelung überhaupt verpasst. Und Napoli musste mit drei Stichen genäht werden!”

Wie auf geheimes Komando räumen wir alle in Windeseile unsere Sachen zusammen und sind auch schon hinter Ottilie her zur Tür hinaus, während der Chef staunend im Aufenthaltsraum zurück bleibt.

Die nächste Operation – Frau Hysteria, 75 Jahre und die Ausmasse einer normannischen Walküre – ist dann eine ziemlich langweilige Entfernung der Gebärmutter, während derer Ottilie mit blumiger Sprache und in den schönsten Farben den Verlauf der letzten Stunden beschreibt. Chef Böhnlein bekommt den Mund hinter seinem Mundschutz gar nicht mehr zu vor lauter Staunen.

“Und – wie geht es ihnen jetzt?” presst er mühsam zwischen zwei Ottilie-Story-Highlights heraus.

“Wem?” Die Schwester fühlt sich von dieser – ihrer Meinung nach – völlig unangebrachten Frage aus dem Konzept gebracht und fuchtelt dem Chefarzt ungehalten mit dem Stieltupfer vor der Nase herum.

“Na – der Patientin! Und dem Oberarzt!” raunzt der große Mann empört. Was für eine Frage aber auch.

“Beiden blendend. Die Frau hat jetzt einen Schnitt von hier bis da…” mit dem Tupfer in der Rechten und einem Roux-Haken in der Linken zeigt die kleine OP-Schwester einen geschätzten halben Meter an, was selbstverständlich NICHT der Wahrheit entspricht! “…und Napoli liegt mit Kopfschmerzen und frisch genähter Platzwunde in Kreißsaal Fünf!”

Zufrieden mit sich und der Welt beginnt sie, die vor ihr liegenden Tupfer zu zählen, während der Chef versucht, keinen Herzinfarkt zu bekommen.

“Unfassbar – was ist heute eigentlich los? Ist das Vollmond? Klimaerwärmung?”

Ich schüttel bedauernd den Kopf “Keine Ahnung, Chef – es war eigentlich alles in Ordnung mit diesem Tag, bis ich heute morgen die OP-Umkleide betreten habe…!”

“Freaky! Friday!” flüstert Darling mir beschwörend ins Ohr.

“Freaky-WAS?” Interessiert schaut Chef Böhnlein von der Naht auf, die er gerade gesetzt hat, um die Bauchhöhle wieder ordentlich zu verschließen.

“Friday!” flüstert Darling – jetzt beinah ehrfürchtig – “Freaky Friday!”

“Mönsch Leute!” wenn ich diese Nummer mit dem Freitag noch EINMAL hören muss, hüpf ich freiwillig in den offenen Bauch vor mir! - “Vielleicht können wir jetzt endlich mal über etwas anderes reden? Dieser freakige Freitag geht mir deutlich auf die…”

“Es fehlt eine Kompresse!” Ottilies strenge Oberschwester-Stimme unterbindet jedwedes andere Gespräch und lässt alle gemeinschaftlich aufhören – Chef inklusive.

“Bitte – WIE?” Erst die Darm-Laparoskopie, dann der Freitag und jetzt die Kompresse – unser armer Chef fällt heute von einem imaginäres Loch ins nächste.

“Das kann nicht sein, Ottie – zählen sie noch einmal nach!”

“Ich habe bereits noch einmal nachgezählt, Chefarzt!Doktor!Böhnlein!” Jetzt ist sie sauer, die Ottie. Niemand, auch kein Chefarzt, kann ihr vorwerfen, sie könne nicht zählen. “Ich bin jetzt schon dreissig Jahre lang OP-Schwester – und habe noch nie falsch gezählt!”

“Na – einmal ist immer das erste Mal!” murmelt der Chef vor sich hin, während er in den Tiefen des Patientenbauches nach der abtrünnigen Kompresse fischt. Vergebens.

“Vielleicht ist sie ja irgendwann heimlich runter gefallen!” schlage ich hilfsbereit vor, und schon schaut das gesamte OP-Team neugierig unter den Patiententisch. Edda und Igor halten freundlicherweise die Abdeckung ein wenig hoch – doch: weit und breit keine fehlende Kompresse.

“Verdammt – das Ding kann sich doch nicht in Wohlgefallen aufgelöst haben – oder doch?” wütet der Chef-Gynäkologe und wandert – die sterilen Hände vorschriftsmässig vor dem Bauch gekreuzt – suchend durch den Saal. Und weil wir alle gerne helfen wollen, wackeln wir brav hinterher, schauen gemeinsam unterm Anästhesie-Tischchen nach, neben dem Laparoskopie-Turm und beim Handtuch-Spender.

Währenddessen räumt Darling fluchend den großen Mülleimer aus – sorgfältig Stück für Stück in die Hand nehmend und dann auf einen Haufen beseite legend – aufgerissene Sterilguttüten, benutzte Handschuhe, fleckige Kittel.

“Wer hat mich nochmal auf die schräge Idee gebracht, ausgerechnet OP-Schwester zu werden?” mault sie böse und gräbt sich tiefer in den Sack hinein.

“Sei still und grab – ich will hier nicht das ganze Wochenende zubringen!” Ottilie steht wie in Stein gemeiselt neben ihren OP-Tischen und betrachtet das Treiben im Saal missmutigen Blickes. “Wenn ich den finde, der das Teil genommen hat – der kann etwas erleben!” wütet sie. Und alle – Chefarzt eingeschlossen – ziehen ein bisschen den Kopf ein.

Drei OP-Umrundungen und einen völlig ausgeräumten Müllsack später ist klar: die Kompresse ist WEG. Nicht auffindbar. Verschollen. Erneut wühlt Dr. Böhnlein, den Blick angestrengt zur OP-Lampe gehoben, in der auf dem Tisch liegenden Patientin herum, zieht die Hand schließlich leer zurück und meint traurig: “Dann müssen wir sie wohl durchleuchten!”

Och nööööööööööööö. Durchleuchten ist SAUDOOF! Das geht nämlich nur im Nachbar-OP, weil die Leuchte interessanter Weise nicht durch die Gyn-OP-Tür passt. Wer auch immer sich diesen Mist ausgedacht hat. Und dafür muss die Frau dann auch noch von einem auf den anderen Tisch gepackt werden. Inklusive Beatmungsschlauch, Infusion, Blutdruckgerät und was sonst noch alles an ihr herum und aus ihr heraus hängt. Das ist ja ganz toll. Aber hilft nix – Watt mutt, datt mutt.

Wir nähen den Bauch also erstmal fein säuberlich zu (denn der Chef schwört, er hätte niemals nicht irgendwo ein Teil in einem Patienten vergessen, und warum solle er ausgerechnet heute damit angefangen haben…?), wickeln Frau Hysteria aus drei Lagen OP-Abdeckung plus Wärmepolster und fahren sie nach Operationssaal 4. Dort wiederum muss die Frau – wir erinnern uns: mitnichten zart und zierlich – von einem Tisch auf den nächsten transportiert werden – was nicht halb so einfach ist, wie es sich anhört:

Zwei müssen ziehen, Zwei müssen drücken, Einer hebt den Tubus (=Beatmungsschlauch) fest, der Fünfte sichert die Infusion und der Letzte passt auf, das der Katheter nirgendwo hängt, wo er nichts zu suchen hat. Das ganze dann bitte-danke auch noch rückenschonend und ohne zu viel Bewegung auf das frisch versorgte OP-Gebiet zu bringen. DAS sind ganz schön viele Wünsche auf einmal.

Es dauert geschlagene zehn Minuten bis alles an Ort und Stelle ist. Und als der Bildwandler die Patientin akribisch vom Brust- zum Schambein hin absucht, stehen wir alle ein wenig verschwitzt in unseren schweren Bleischürzen an die Wand gelehnt, und verfolgen atemlos die Jagd nach der verlorenen Kompresse. Schlicht – es ist keine zu finden. Nichts! Niente! Nada!

“Sag ich doch!” poltert der Chef, sichtlich erleichtert “Ich habe NOCH NIE irgendetwas in irgendjemandem vergessen!”

Aber WO ist dieses vermaledeite Stück Stoff dann? Ratlos stehen wir um Frau und den Bildwandler herum, als sich die Tür zum OP öffnet und Madeleine, unsere kleine, blonde Schwesternschülerin, den Kopf herein streckt.

“Hallo! Was ist denn hier los?” Erstaunt lässt sie den Blick über die Gruppe schweifen und reisst die babyblauen Augen auf.

“Nichts!” stöhnt Darling entnervt “Wir suchen nur eine fehlende Kompresse. Magst du mitsuchen?”

Doch statt einer Antwort zieht plötzlich ein Strahlen über das Gesicht der kleinen Frau – und mit einem triumphierenden “Tataaaaaa!” zieht sie eine zusammengeknüllte, aber deutlich als solche erkennbare KOMPRESSE aus der Tasche ihres OP-Kittels.

Ottilie (mit beinah unmenschlichem Grollen): “WO HAST DU DIE HER?”

“Na – die hab ich mir heute morgen zum Nase putzen ausgeliehen!” antwortet das Madeleine nun doch ein bisschen verunsichert und klimpert treuselig mit den langen, goldenen Wimpern.

Zur nachfolgenden Standpauke – sehr ausführlich und sehr laut – gehalten von OP-Oberschwester Ottilie und Chefarzt Dr. med. Böhnlein himself haben wir anderen uns dann still aus dem Staub gemacht.

Merke: Wer Kompressen entwendet und nicht wieder bringt wird mit Strafpredigten nicht unter 20 Minuten und mehrwöchiger Verbannung aus dem OP-Gebiet bestraft. Armes Schwesterlein….