Tag-Archiv | Barack Obama

Stay hungry! Stay foolish!

Am 14. Mai 2009 habe ich ein Blogpost mit dem Namen The Bucket List *KLICK* geschrieben. Und ganz oben, auf Platz 1 dieser Liste steht geschrieben: Ein Buch schreiben!

Oft hat man mich in den vergangenen Monaten gefragt, wie das denn so war, mit dem Buch schreiben. Und was soll ich sagen – das war absolut unspektakulär. Eines Tages – Freitag, es war ein Freitag-Nachmittag – bekomme ich eine eMail rein. Von jemandem, den ich nicht kenne. Und in der Mail steht in etwa: “Hallo! Kenne Ihren Blog. Wollen Sie ein Buch schreiben? Dann melden Sie sich gerne!” Gruss, Unterschrift, Visitenkarte – Fertig.

“Oooookay….!” denke ich mir “das Spam-Programm hat auch schonmal besser funktioniert!” und befördere die Mail aus dem Posteingang in den Mülleimer. Also – virtuell natürlich. Und DAS hätte auch schon das Ende der Geschichte sein können. Wenn ich nicht nach geschätzten 1o Minuten und noch dreimal drüber nachdenken mit der Mail auf dem Laptop zum Manne gegangen wäre – man kann ja nie wissen….

Und der Mann an sich ist ein clever Kerl “Wir googlen einfach mal!” *PatschVorDieStirn* – da hätte ich aber wirklich selbst drauf kommen können!

Gegoogled haben wir also eine renommierte, deutsche Literaturagentur, mit Internetpräsenz und Adresse in ordentlicher Stadtlage – alles sehr seriös und vertrauenserweckend – woraufhin ich mir also ein Herz fasste und jenem Literaturagenten eine Mail zurückschickte.

GOTT SEI DANK!

Wir haben dann telefoniert – mehrfach. Und ich habe ein Exposé geschrieben, welches anschließend diversen Verlagen angeboten wurde… BlaBlubberLaberGrütz – der Rest ist Geschichte.

Doch zurück zum Intro: An jendem 14. Mai, morgen vor 4 Jahren, da war das Buch auf Platz eins meiner Bucket-List nicht viel mehr als ein frommer Wunsch. Ein Wunsch – ich gestehe – den ich schon noch vorhatte zu verwirklichen. Ernsthaft! Das macht einen Wunsch schließlich aus, denn andernfalls wäre es nicht mehr, als ein sinnloses Stück Hoffen. Das es mit diesem Wunsch Nummer eins jedoch so zügig vorangehen sollte, DAS war mir mitnichten klar.

Ob Mr. Obama

einst davon träumte, erster afroamerikanischer Präsident der Vereinigten Staaten zu sein?

Oder Frau Merkel

 vom Posten der Bundeskanzlerin? Stand irgendwo auf Mrs. Rowlings

Bucket-List der fromme Wunsch nach einem Milliarden-Vermögen? Und was ging wohl Neil Armstrong

durch den Kopf, wenn er als Kind zum Mond hinauf geschaut hat? “That´s only a small step for me…?” – wohl kaum…

Was ich damit sagen will: Das Leben steckt voll unglaublicher Ereignisse, erfüllbarer Wünsche und wunderbarer Fügungen. Und egal wie abstrus sie erscheinen mögen, abwägig oder schlicht viel zu weit weg – wir müssen in erster Linie daran glauben. Oder wie Steve Jobs einst sagte:

Meine ganz persönliche Arbeitsinsel…

Echt jetzt – ich habe es allein in diesem Blog bestimmt schon an die hundert Mal erwähnt: ICH LIEBE MEINEN JOB!! Und ich möchte nicht tauschen – mit gar niemandem! Obwohl – das weiße Haus hätte mich persönlich ja auch gereizt, allein das Oval Office… – TRAUMHAFT! Aber noch nicht einmal Mr. Yes-We-Can-Barack-Obama hat, was ich habe, wenn morgens um 3 der Tag noch nicht vorbei ist: Babys in rauhen Mengen!!! Ja, ich weiß, das fällt garantiert unter Vollmeise, und zumindest ein Großteil der männlichen Leser meines Blogs wird sich jetzt verstohlen ans Haupt fassen – aber ich finde das GROSSARTIG: sich nachts so ein schreiendes, quietschendes, grunzendes Bündel Mensch schnappen und damit kreuz und quer durchs Kinderzimmer schaukeln, bisschen summen, bisschen Babyluft atmen – da kann ich abschalten. Und runter kommen. So wie heute Nacht… – aber von vorne:

Donnerstag morgen, ein wirklich, wirklich schöner Tag: operieren mit dem Chef – macht einfach am meisten Spaß! Zuerst eine vaginale Hysterektomie mit Zusatzgedöns, beides in Rekordzeit, anschließend eine abdominale HE bei Uterus myomatosus und Adnexgedöns – auch sehr schön! Der Lieblingschef hat Musik auf dem iPhone mitgebracht, und so swingen wir uns zu Frank Sinatra und den Beetes einmal quer durch das heutige OP-Programm. Anschließend noch ein bisschen Stationsarbeit, bergeweise Papierkram erledigt, Briefe angelegt und Berichte diktiert, gerade mal die Füße zum Abendessen hoch gelegt, als das Telefon klingelt:

“Josephine – wer stört???” (ich hab es ja schon auf dem Display gesehen – der Kreißsaal ist´s)

“ICH”

*AAAARRGHHLL* (= NEIN, die Frau von Sinnen……..!!!)

“Okay – was gibt es?!”

“Schwangere mit Wehentätigkeit, 10 Tage über Termin…?!”

“Ist klar – ich komme….!”

Im Kreißsaal treffe ich auf eine Frau, 1,65 m groß, RIIIIIIIIIIEEEEEEESEN Bauch!!!! Zauberhaft. Eine richtige Frau-Von-Sinnen-Schwangere! Die Durchsicht des Mutterpasses ergiebt ein durch die Bank weg normal groß geschätztes Kind, die letzte Messung vor zwei Tagen bei meiner Kollegin Schnegge belief sich auf ungefähr 3600 g, reichlich Fruchtwasser! Ich staune. Der Bauch der Frau ist so monströs, daß ich mich frage, ob da nicht irgendwo noch ein zweites Kind versteckt sein könnte…?! Aber gut – Schnegge ist ja Fachärztin und nicht wirklich schlecht im Schallen, der niedergelassene Kollege hat seine Praxis auch nicht erst seit gestern – ich muß mich also irren. Trotzdem taste ich vorsichtig die straff gespannte Bauchdecke ab (ja, ich hab Leopold (=Handgriffe zur Abschätzung von Lage und Größe des Kindes – Anm. d. Red.)  noch gelernt, geübt und kann ihn einigermaßen gut anwenden!) – und bin ehrlich gesagt verwirrt. DAS DA DRIN tastet sich nicht wirklich nach kleinem Mensch…?! Frau von Sinnen – die schon das erste Kind der Patientin entbunden hat, schwört bei allen Heiligen, daß der Bauch der Frau W. in deren erster Schwangerschaft exakt dieselben Dimensionen gehabt hätte, und heraus gekommen sei schlußendlich ein Ozean voller Fruchtwasser – und ein 2800g Kind. Ich versuche vorsichtigen Optimismus zu zeigen…

Sei es wie es ist – Frau W. hat nun also ein normal groß geschätztes Kind, einen riesen Bauch, und beginnende Wehentätigkeit. Es ist 17.30 Uhr – der Countdown läuft.

Kaum hab ich es mir wieder mit meinem Belegten und Füße-hoch bequem gemacht, bimmelt der Kasten erneut – selber Kreißsaal, andere Hebamme: oSoleMia kräht unter Umgehung der üblichen Höflichkeitsfloskeln ein fröhliches “Ich habe hier eine Sectio!!!” in den Apparat, und ich bin kurzfristig irritiert. Wie – OP-Aufklärung um diese Uhrzeit? Wer hat sich denn den Mist ausgedacht???

“Soli – es ist 18 Uhr – wieso muß ich denn mitten in der Nacht OP-Vorbereitungen treffen?”

“Josie, weil die Frau ein Kind in Querlage samt vorzeitigem Blasensprung hat!!!”

Adieu, ihr Gurken und Tomätchen, belegte Brote und gekochten Eier – das war es mit dem Abendessen…

Frau C. hat eigentlich für nächste Woche einen Termin zum geplanten Kaiserschnitt, da ihr Sohn bereits seit mehreren Wochen unverändert in Schräglage verharrt. Nun – der Kindergeburtstag wird auf heute vorgezogen, es wird also nichts aus dem 02.02. …

Frau C. ist eine kleine, zierliche Frau mit kaum wahrnehmbaren Schwangerschaftsbauch – die Sectio ist dann auch ein Traum: binnen kürzester Zeit habe ich mich durch nahezu fettfreie Gewebsschichten zu dem kleinen, zarten Uterus vorgearbeitet und entwickle dann, fast bilderbuchmäßig, einen wirklich mickriges Kind aus erster Schräglage. Allein der Teil mit dem “Finger in den Mund und über den Nacken entwickeln” finde ich immer noch ein bisschen gruselig. Was das Kindelein wohl denkt, wenn es – kurz bevor man es aus dem warmen Uterus ins kalte OP-Licht reißt – einen gummiüberzogenen Finger in den Mund gestopft bekommt? Aber gut, anders läßt sich die kleine Rübe nunmal nicht aus derstraff gespannten Muskelhöhle befreien, und nach fast keiner Zeit liegt das Kleine wie ein aus dem Nest gefallenes Vögelchen in Solis grünbetuchten Hebammenarmen. “Komisch” denke ich nur “das sah aber komisch aus…?!” Und komisch angefühlt hat es sich auch, ganz steif, den Kopf C-förmig nach hinten durchgebogen, ich hab ihn kaum anständig festhalten können…?! Aber gleich geschrien hat es schon, rosig war`s auch…?!

Nachdem die Frau lege artis vernäht, verpflastert und versorgt ist, geh ich mir das Kind nochmal bei Kreißsaallicht anschauen. Aber das macht es auch nicht wirklich schöner…

Was mir eben im OP noch gar nicht richtig aufgefallen ist – das kleine Ding hat quasi überhaupt kein Kinn!? Und keinen Hals?!?! Dafür den Kopf immer noch extrem überstreckt nach hinten gebeugt, und völlig deformiert… – okay, es lag jetzt aber auch ziemlich lange ziemlich blöd in diesem Uterus herum – da kann so ein kleines, weiches Skelett postpartal schonmal ein wenig zerknittert aussehen. Aber SO zerknittert???

Lange Überlegen ist nicht – Frau von Sinnen hat nur darauf gewartet, das ich wieder aus den Untiefen des OPs auftauche: Kaum im Kreißsaal angekommen werde ich auch schon zur Geburt zitiert – Frau W. bietet bei unglaublich schönen CTG-Werten (NICHT ironisch!!!!) ein Köpfchen auf Beckenausgang! Hurra – DAS ist ja einfach… :)

Ja, denkste! Der Kopf steigt, und steigt, und steigt, während die Schamlippen sich wie die Blüten einer frisch erwachenden Fleischpflanze langsam immer weiter entfalten, bis sie schließlich – wie ein paar zusätzlicher Ohren – seitlich des immer monströser werdenen Köpfchens kleben – und noch immer ist kein Ende dieses Schädels in Sicht!

Fast zeitgleich wandern meine Hand, und Frau von Sinnens Blick zum laufenden Oxithocin-Infusomaten, den ich augenblicklich abstelle, und noch bevor ich zu Ende überlegt habe, die Schere zur Epi anzusetzen, ploppt der dunkelbehaarte Mädchenkopf über den Damm der jungen Mutter. Eieieieiei – 3600 g…. NEVER EVER!!!

Diese Sekunden nach Erscheinen des Köfpchens und vor Entwicklung der Schultern sind der Grund für meine chronische Gastritis: soviel Adrenalinausstoss kann einfach nicht gesund sein!!!

Frau von Sinnen dippt zart an der Schläfe des kleinen Mopses, der sich noch nicht so wirklich entscheiden kann, wohin er will. Dann routiert sie vorsichtig ein bisschen nach links – die Schultern stehen offensichtlich quer im Beckenausgang und können sich ebenfalls noch nicht so recht entscheiden, wohin sie wollen…. Aber dann wird es der kleinen Frau doch zu blöd, weiterhin korkenmäßig auf Beckenausgang zu stehen – mit einem entschlossenen Ruck dreht sie sich einmal elegant von links nach rechts und nach zweimal kurz mitpressen flutscht sie in ihrer gesamten Schönheit und mit ordentlich Speck an Armen und Beinen auf einer Fruchtwasserwelle heraus!

To make a long story short: 4540 g Kampfgewicht, 39,5 cm Kopfumfang. Ich muß meinen Beruf doch nicht wechseln, auf Leopold ist manchmal eben mehr verlass, als auf alle Hochleistungstechnologie dieser Welt!

Nun noch kurz zurück zu meinem Blogintro und dem Kind ohne Kinn – eine geschlagene Stunde sind wir zu viert (ich, zwei Kinderschwestern, eine Hebamme) um den Kleinen herumgestanden, der wie ein nacktes Geierjunge (man möge mir den Vergleich verzeihen, aber so sah er heute nacht WIRKLICH aus) in seinem Wärmebettchen lag, und, sich weiterhin bogenförmig nach hinten reckend, friedlich schlief. Und während wir da so standen und sinnierten über normal oder nicht, hatte ich mir eines dieser kleinen, wohlig gut riechenden, knarzenden, schmatzenden Häschen geangelt und eine Runde durch das Zimmer geschaukelt, und während ich noch versonnen durch das wirre Zottelhaar des kleinen Mädchen streiche, verfalle ich plötzlich wieder automatisch in diesen Jungmutterwiegeschritt (Hüfte links kippen, Hüfte rechts kippen – der hat mir wahrscheinlich auch meinen dauerhaften Hüftschaden beschert… ;)) und ich bin plötzlich wieder Anfang Zwanzig, halte mein erstes Kind im Arm, und die Welt um uns herum ist völlig außen vor… Unglaublich, so ein kleines Wesen, gerade noch war es nichts anderes als geisterhaftes weißes Rauschen auf schwarzem Ultraschallmonitor, und jetzt hat es eine Gesicht, einen Persönlichkeit – und ein ganzes Leben vor sich!

Wie meinte der Anästhesist vorhin versonnen zur frisch-sectionierten Mutter: bei der heutigen Lebenserwartung könnte ihr Sohn fast das Jahr 2100 erreichen… WAAHNSINN!!!