Tag-Archiv | Anamnese

Du weisst, dass Du dringend mal wieder Urlaub vom Arzt-Job brauchst…

10. …wenn Du mehr persönlichen Kram in Deinem Dienstzimmer deponiert hast, als Zuhause im Wohnzimmer!

9. …wenn die Nachtschwester dich zu Schichtbeginn mit einem freundlichen “Wie war dein Tag, Liebling?” begrüsst.

8. …wenn die Küchenhilfe genau weiss, was du am liebsten isst und wie du deinen Kaffee trinkst.

7. …wenn du deine Gäste mit den Worten: “Hallo – was haben sie denn für Beschwerden?” begrüsst.

6. …wenn du nachts im Pyjama in den Kreissaal und tagsüber im OP-Kittel in den Supermarkt gehst.

5. …wenn du zwar genau sagen kannst, wie man am schnellst von Station 8B über das Labor, die Röntgenabteilung und an der Cafeteria vorbei nach internistisch 3F kommt, Zuhause aber schon seit Wochen die Waschküche nicht mehr gefunden hast.

4. …wenn du versuchst, die Apgar-Werte deiner halbwüchsigen Kinder zu bestimmen

3. …wenn du der schwangeren Nachbarin im Garten nebenan dringend ein CTG anlegen möchtest.

2. …wenn du deinen Mann nur noch mit “Guten Tag, Chef” begrüsst.

Und ganz sicher weisst du, dass du dringend mal wieder Urlaub vom Arzt-Job brauchst, wenn…

1. …du am Wochenende, pünktlich um 9 Uhr, zur Visite in den Zimmern deiner Kinder aufschlägst!

Frau Wonnig – hab Sonne im Herzen…!

Die zierliche alte Dame sitzt – hübsch zurecht gemacht – am offenen Fenster, die winzigen, weissen Löckchen auf ihrem Kopf erstrahlen fast gleissend im Gegenlicht der Frühlingssonne und hinter ihrer Goldrandbrille blinzeln wasserblaue Äuglein. Entzückend! Ich mag solche feinen, alten Mädchen. Oder auch LAD im GAZ (= LiebeAlteDamen im Guten AllgemeinZustand. “HouseOfGod”)

Wir stellen uns einander vor, ein bisschen aufgeregt wischt Frau Wonnig den Tisch vor sich mit einem Spitze-umhäkelten MädchenTaschentuch sauber, während ich schonmal ein wenig Anamnese erhebe: Kinder geboren “JA!!” *strahl* “Fünf! Alle Zuhause, drei stramme Bubn und zwei Maderln. Gute Kinder!”
Gerührt wischt sie sich mit dem Taschentuch ein Tränchen aus dem Augenwinkeln, und ich muss auch mal schnell schneuzen. SO eine Süße aber auch!
Wir kämpfen uns weiter die Bürokratie entlang – Wechseljahresbeginn wann?! Nehmen sie regelmäßig Medikamente ein? Schonmal operiert worden?!…
Die Medikamente stehen – akurat aufgelistet – auf einem karierten Zettel. Sie erzählt von Hans, ihrem Ältesten – Bauingeneur in Afrika – und der kleinen Luise, die ihren Beruf als Lehrerin aufgegeben hat, um ebenfalls 5 Kinder gross zu ziehen…
Ach ja, so ist das. Wir seufzen beide ein bisschen und schauen – immer noch irgendwie gerührt – auf die Wiese hinterm Haus, wo das nikotinabhängige PatientenGut gerade sein Frühlingslager aufschlägt.

Nach 20 Minuten reiss ich mich dann schweren Herzens von meiner LAD los – die weissen Löckchen nicken mir freundlich hinterher, als ich, Akten- und BlutTablett beladen, zur Tür hinaus – und direktamente hinein in Klein-Luise stiefel: Frau Wonnigs LehrerTochter – und (wie ich erst jetzt erfahre) rechtliche Betreuerin der dementen, alten Dame….

Manchmal reichen die ersten Frühlingsstrahlen eben deutlich weiter, als nur zum Fenster hinein….!