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Das Pupsen in der Ambulanz ist strengstens verboten!

In meinem kleinen Ambulanzzimmer riecht es, wie in einer schlecht geführten Bahnhofstoilette – WIE_DER_LICH! Der Grund dafür ist geschätzte 13 Jahre alt, weiblich – und pupst. Also – bläht. Gibt Gas ab. Furzt. Ganz wirklich – und zwar mitten in der Nacht!

Es ist 2.40 Uhr in der Früh (ist es eigentlich nicht IMMER 2.40 morgens…?) und während ich krampfhaft versuche, nicht vom Gestank betäubt mit dem Kopf auf die Tischkante zu schlagen, bin ich umringt von zwei Frauen und dem pupsenden Teenager.

*Pffffffttttttt*

Ich (angestrengt durch die Nase atmend): “Okay, die Damen – WER von ihnen ist schwanger?” So jedenfalls hat Ambulanzschwester Notfall es weiter gegeben, bevor sie mich kopfüber ins Zimmer geschubbst und anschliessend zügig die Tür hinter mir geschlossen hat.

Ich sende ein kurzes Stossgebet zum Himmel, das es nicht das gasende Kind sein möge – ich gestehe, nicht wegen des jugendlichen Alters, nein, um diese Uhrzeit fällt es mir  einfach extrem schwer, meine eigenen Körperfunktionen unter Kontrolle zu halten, wenn mir beim gynäkologischen Untersuchen ins Gesicht gefurzt wird.

*Pffftttttt*

Jesusmaria – noch ein bisschen und ich muss den Katastrophenschutz informieren….

Streng blicke ich die kleine Luftverpesterin an, welche lediglich sinnentleert zurückstarrt und erneut den ihren Musculus sphincter ani lockert

*Pfffffttttt*

Statt dessen antwortet Würtschinia Mompsel – so der Name auf dem roten Notfallschein vor meiner Nase – mit quiekendem Stimmchen: “Des bin isch!” Besagter Notfallschein setzt mich obendrein davon in Kenntnis, das die letzte Periode meiner Patientin gerade mal 4 Wochen her ist, und sie sich somit kaum weiter als in der frühesten Frühschwangerschaft befinden dürfte. Zustand nach gerade  stattgehabter Befruchtung sozusagen. Meine linkes Oberlid zuckt verdächtig, was es immer dann tut, wenn sich ein Sturm am Horizont zusammenbraut.

Ich (mit ein bisschen Tränen in den Augen ob der verpesteten Luft und der gestörten Nachtruhe): “Okay – und was haben sie so für Beschwerden?”

Frau Mompsel ist ein wirklich hübsch anzuschauendes Mädel – 19 Jahre alt, groß, schlank mit gelbgefärbtem Wallhalla-Haar, was jedoch der Tatsache keinerlei Abbruch tut, dass sich unter all dem Gelb ein wunderbar ebenmässiges Gesicht befindet. TopModel-Format sozusagen, wenn auch leider reichlich zugekleistert mit jeder Menge billigem Make-up. Und das allerhellste Licht auf dem Kuchen ist Würtschinnia leider auch nicht…

“Isch hend da so oin Teschd gmachd…!”

Bitte – WAS?

Gesagt habe ich nichts, aber die Fragezeichen über meiner gerunzelten Stirn waren wohl zumindest für die dritte Dame im Bunde gut wahrnehmbar.

“SIE HEDD DA SO OIN TESCHD GEMACHT!” brüllt sie mir freundlich ins Gesicht, jede einzelne Silbe nachdrücklich betonend. Der Teenie pupst bestätigend.

Ich (jetzt ziemlich wach): “Gut – und weiter?”

Verständnislos glotz Würtschie erst mich, und dann ihre persönliche Dolmetscherin an, die aber nur ratlos mit den Schultern zuckend zu mir blickt.

“Was moin sie?” fragt sie mich freundlich, dann, sich meiner Unfähigkeit ihre Sprache zu verstehen erinnernd “WAS MOIN…!”

“Ist schon gut” winke ich ab “DAS habe ich verstanden. Also – was ist denn das Problem, dass sie mitten in der Nacht – zu DRITT – hierher treibt? Schmerzen? Blutungen? Irgendwas?”

Frau Mompsel schüttelt bei jeder Frage energisch den Kopf während die Dometscherin mich anschaut, als hätte sie erst gar nicht verstanden, was ich von ihr will. Die Kleine auf dem Stühlchen neben mir rülpst jetzt zur Abwechslung ein bisschen.

Ich bin ein klein wenig verzweifelt – so kommen wir weder weiter noch irgendwann zurück in unsere Betten – hilflos blicke ich mich nach meiner Ambulanzschwester um, doch die hat sich ja schon vor gefühlten Stunden klammheimlich aus dem Staub gemacht und sitzt jetzt garantiert irgendwo gemütlich Kaffee trinkend in der Ecke.

“Was kann ich für sie tun?” Versuche ich es jetzt mal mit einem neuen Ansazt. Wieder fragende Blicke zwischen den Frauen, dann taucht so etwas wie Erleuchtung in Frau Mompsel ebenmässigem Modelgesicht auf.

“Weisch du – ich wollde mol schaue lasse, ob s oi Jung odr oi mädle wird!”

“JUNG ODR MÄDLE…!” schallt es echogleich aus der Dolmetscherin Mund und sogar der kleine Pupser nickt jetzt eifrig mit dem Köpfchen. Da sind die drei Frauen sich jetzt mal tatsächlich einig.

Ich hole ein bisschen Luft. Nein – ich hole ganz viel Luft. Dann…

“Sie haben also KEINE Schmerzen?…”

*DreifachesKopfgeschüttel*

“…keine Blutung?…”

*Schüttel*

“…die letzte Periode war sicher vor 4 Wochen…”

*WildesNicken*

“…und sie wollen jetzt nur wissen, welches Geschlecht ihr Kind hat?”

“Abr noi – i will wisse, was s wird!”

Gut – das wir darüber geredet haben….

Energisch kritzel ich fünf Dinge auf meinen Notfallschein, stopfe den Durchschlag in einen hübschen Umschlag, den ich sorgfältig zuklebe, schreibe ordentlich leserlich den Namen von Frau Mompsels Gynäkologen drauf und überreiche ihn der überrascht dreinblickenden Frau feierlich.

“Hier bitte – gehen sie damit nächste Woche zum Frauenarzt, der kann dann alles weitere mit ihnen besprechen!

“Abr…!” protestiert das Würtschinia und reisst die babyblauen Augen ganz weit auf “was isch noh mid moim Uldraschall?”

“JA – ULDRA_SCHALL…!” echot es hinterher

“Tut mir leid! Aber der muss heute ausfallen. Und im übrigen – das Pupsen in der Ambulanz ist strengstens verboten!

Schuld waren immer die Mormonen…

Frau Blümig, 156 cm klein, 145 kg schwer, Typ II Diabetes, Bluthochdruck mit vaginaler Blutung, obwohl sie schon vor einigen Jahren sicher in den Wechseljahren angekommen war. Deswegen jetzt in Chefarzt Böhnleins Privatambulanz gelandet.

Frau Blümig: “Wissensie, Härr Schäffarzt, habe ich immär so Hitze und Wallung und dann kommt das Blut immär wiedär, wissensie, Härr Schäffarzt?”

Chefarzt Böhnlein (freundlich): “Das hängt alles auch ein bisschen mit ihrem Gewicht zusammen – sie müssten dann mal ganz dringend einige Kilo abnehmen, damit das alles wieder einigermassen in die Reihe kommt!”

Frau Blümig (treuherzig): “Abär wissensie, Härr Schäffarzt – Tochtär sagt: ist nicht Gewicht, was machen mir die Probläme – das sind einfach nur die Mormonen…!”

Na, dann ist ja alles klar… :)

Es waren zwei Königskinder…

Als das Telefon klingelt, liege ich gerade am Pool und schlürfe genüsslich MaiTais in mich hinein, während die Kinderlein malerisch durchs Wasser plätschern und der Gatte fürsorglich meine Füße knetet. Es dauert gefühlte Stunden bis ich kapiere, dass das Klingeln mitnichten aus der Tiefe meines Kaltgetränkes heraufschallt, sondern aus dem Apparat neben meinem Bett. Meinem Dienstbett. Ein verschafenes Blinzeln auf das beleuchtete Display verrät zwei Dinge: Es ist spät und es ist die Ambulanz.

Ich (gähnend): “Josephine – wer stört?”

Schwester Notfall (mürrisch): “Zwei Kinder!”

Ich: “Nofall – du hast dich verwählt – ich bin die Frauenärztin. Der Pädiater schläft woanders!”

Notfall: “Die Kinder bekommen ein Kind! Du bist dran…”

Ich (greinend): “Muaaaah – ich will nicht!”

Notfall (ungnädig): “Dann solltest du dich nach einem anderen Job umsehen!” Sprichts und legt auf.

Ich quäl mich also aus meinem warmen Nest, stolpere in Schuhe und Kittel und mach mich auf den langen Weg in die nächtliche Ambulanz. Dort harrt Schwester Notfall bereits geduldig meiner Ankunft und drückt mir ungefragt einen dampfenden Pott Kaffee in die Hand.

Notfall: “Hier – ist frisch!”

Selbst wenn die Welt unterginge – meine Lieblingsschwester hätte irgendwo zwischen Erdbeben und Sinflut immer noch eine Kanne brühend heißen Kaffees versteckt. Unglaublich!

Ich: “Danke – wo sind die Zwei?”

Mit einem kurzen Kopfnicken zum nächstgelegenen Ambulanzzimmer weist die Schwester mir den Weg und verschwindet dann in den unendlichen Weiten der nächtlichen Flure. Ich nehme einen tiefen Schluck aus dem Pott und betrete das Zimmerchen, wo – in der Tat – zwei Kinder sitzen!

Ich: “Guten Morgen! Ihr seid sicher, das ihr hier richtig seid?”

Okay – das ist NICHT mein gewohntes Intro, aber auf den Stühlen vor mir sitzen ein gefühlt 9-jähriges Schwesterchen, winzig klein und klapperdürr, sowie das dazugehörige Brüderchen – nur unwesentlich größer und kaum 12 Jahre alt. Schwesterchen (welches laut Notfallschein tatsächlich schon 16 Lenze zählt) hält mir schüchtern ihr durchscheinendes Händchen entgegen.

Sie: “Hallo. Ich bin schwanger und habe starke Schmerzen!”

In den großen, babyblauen Augen steht das Wasser gefährlich hoch und Schwesterchens Stimme zittert gefährlich, aber ihr Händedruck ist angenehm fest und beinah erwachsen. Süß die Kleine. Ich merke, wie mir das Mutterherz aufgeht.

Ich (am Schreibtisch Platz nehmend): “Okay, Schwesterchen – erzähl mal. Was genau hast du für Probleme und seit wann?”

Nun – seit dem frühen Abend brennt es wohl beim Wasser lassen und vor zwei Stunden wurde sie dann mit starken Schmerzen wach. Schwanger sind die Königskinder seit 18 Wochen und  bis jetzt war alles ganz okay – sieht man davon ab, dass Mami mit erschreckenden 50 kg Ausgangsgewicht jetzt gerade mal noch 45 kg vorzuweisen hat.

Sie (stolz): “Drei Kilo hab ich aber schon wieder zugenommen!”

Whow – DA bin ich jetzt aber beruhigt…

Brüderchen sagt die ganze Zeit über gar nichts. Dafür hält er Schwesterchens Hand, ganz lieb, und streichelt mit der anderen immer mal wieder über den Minibauch unter grünweissem Ringel-Pullover.

Ich: “Okay, Süße – du hast da auf alle Fälle einen ordentlichen Harnwegsinfekt. Dein U-Stix leuchtet quasi im Dunkeln. Jetzt schauen wir mal, ob es dem Baby auch gut geht, dann bekommst du ein Rezept für Antibiotika und alles wird gut, okay?”

Schwesterchen nickt eifrig, während Brüderchen anstalten macht, das Zimmer zu verlassen. Herrjeh – wenn ich die Beiden nicht schon längst ins Herz geschlossen hätte – gerade eben wäre es dann ganz sicher passiert! Ein Kerl, der kaum älter ist als mein Golden Retriever, aber weiss, wie man Pluspunkte bei der diensthabenden Frauenärztin sammelt. Ich bin FAN!

Ich: “Brüderchen – du darfst gerne bleiben und zuschauen, wenn deine Partnerin nichts dagegen hat.”

Hat sie natürlich nicht, und so werden beide Eltern kurze Zeit später Zeuge, wie ihr Nachwuchs lustige Kapriolen in Form von Purzelbäumen vorwärts und rückwärts auf dem Monitor meines Ultraschallgerätes schlägt. Schwesterchen laufen ein paar stille Tränen die Wange herunter, während Brüderchen strahlt wie eine 100-Watt-Glühbirne.

Und weil sie so lieb sind, die Königskinder, und sich so arg freuen, über das Baby in diesem winzigen Bauch, außerdem noch nicht einmal anstalten machen, von sich aus danach zu fragen, tue ich, was ich mir eigentlich schon vor Ur-Zeiten abgewöhnt habe – ich schiesse ein ganz schönes Profil-Bild vom Baby-Königskind. Und drucke es nicht einmal, sondern gleich zweimal aus, drücke eines der Mama und das andere dem kleinen Papa in die Hand. Und als der mich dann mit Pipi in den Augen anschaut und das Bildchen, nachdem er liebevoll drüber gestreichelt hat, ganz vorsichtig in seinem abgenutzten Kindergeldbeutel verstaut, mir anschließend gefühlte zehn Minuten die Hand schüttelt, bevor er still mit seinem Mädchen von dannen zieht – muss ich doch auch einmal feste Schlucken. Hatte wohl etwas ins Auge bekommen… ;)

Circus HalliGalli…

“Mom? Mom! MOM!?”

“Hmmmmmm…..?”

Schlaftrunken öffne ich mein rechtes Auge und erblicke mein völlig derangiertes Spiegelbild in den Augen meines drittgeborenen Kindes.

“Mom!” wiederholt es erfreut und lässt seine Zähne vor meiner Nasenspitze blitzen. “Was tust du?”

“Rückenschwimmen” murmel ich ungnädig und schließe das Auge wieder. Viel zu hell, viel zu müde.

“MOM!”

Kind drei männlich ist nicht das, was man allgemeinhin als “geduldig” bezeichnet. Ich öffne also mein Auge erneut, wohl wissend, das Junior erst dann das Feld räumen und mich in Frieden weiter schlafen lassen würde, wenn er befriedigende Antwort auf das aktuelle Verlangen bekommen hätte.

“Was.Ist?”

“Warum schläfst du?”

Juniors Gesicht befindet sich immer noch nur Millimeter von meinem entfernt, was mich ein wenig irritiert.

“Sohn – sei doch so nett und gib mir wenigstens so viel Platz, dass ich mein zweites Auge auch noch auf bekomme.

Ich bekomme den Platz. Wenn auch widerwillig, denn Kind Nummer 3 ist ein Kontakttierchen. Je näher, je besser. Muss in seinem früheren Leben ein Känguru gewesen sein.

“Warum schläfst du?”

“Weil ich müde bin?” Gibt es noch andere Alternativen? Ich überlege, aber mir fällt nicht wirklich eine ein.

“Warum bist du müde? Es ist Viertel nach Zwei?”

Der Nachwuchs ist ein recht hartnäckiges Känguru, soviel ist mal klar.

“Weil ich vielleicht Dienst hatte? Und nicht wirklich zum Schlafen gekommen bin?”

“Ah. Okay…!” Immerhin – verständnisvoll ist er ja, der Kleine. Streichelt mir jetzt mitfühlend über den Arm, während er angstrengt durch mich hindurch stiert. Da kommt noch was – ich merk das schon…

“Aber – warum hast du denn nicht im Dienst geschlafen?”

Verdammt gute Frage. Die Antwort: Man hat mich schlicht nicht schlafen lassen…

Sonntag, 8:00 AM

Knackige Übergabe im Kreißsaalstützpunkt. Das Bambi, diensthabende Ärztin des Vortages, hat tiefe, dunkle Ringe unter den Augen – zwei schwangere Aufnahmen mitten in der Nacht, dreimal Ambulanz (Harnwegsinfekt, Harnwegsinfekt und Frau mit Langeweile auf der Suche nach Zerstreuung) dazwischen, eine Geburt und kein bisschen Schlaf – die kleine Assistenzärztin ist augenscheinlich mit den Nerven am Ende. Im Orbit kreissen derweil insgesamt noch 5 weitere Schwangere – it´s Showtime!

8:15 AM

Visite mit Schwester Elvira, die schlecht gelaunt und mit mürrischem Blick hinter mir her von Zimmer zu Zimmer trottet. 25 Patientinnen warten hier auf Trost und Ansprache, Verbandswechsel und Drainagen-Entfernung. Witwe Bolte aus Zimmer 0815 diskutiert 10 Minuten lang ausführlich ihr gesamtes Verdauungssystem sowie jeden einzelnen Stuhlgang der letzten drei Wochen mit mir, während Chantalle-Schakkeline Jung aus dem Nachbarraum über Schwindel und Unwohlsein klagt.

“Schwindel und Unwohlsein BEVOR oder NACHDEM sie heute morgen geraucht haben?”

Die kleine Frau errötet hold bis unter die Haarwurzeln – hatte mich gar nicht gesehen, als ich vorhin an ihr vorbei zur Arbeit lief. Ich sie schon – gemütlich rauchend und kein bisschen leidend. Unverblümt teile ich dem Chantalle mit, dass ich sie heute, an Tag 5 nach absolut unauffälliger Bauchspiegelung nach Hause zu schicken gedächte, und nein, krank schreiben ist nur bis zum kommenden Tag möglich und keinesfalls bis August 2013, hörmma, JETZT ABBA!

Chantalle-Schakkeline versucht es noch mit der Tränendrüsen-Nummer, da sind wir auch schon weiter gezogen. Leben ist kein Ponyschlecken, soviel ist mal klar.

9:00 AM

Pünktlich zum Ende der Visiten-Nummer rappelt das Diensttelefon und ruft zur Geburt – im meerblauen Kreißsaal Nummer I liegt Frau Müller-Lüdenscheidt in der himmelblauen Gebärbadewanne und stöhnt laut und anhaltend vor sich hin, während O-Helga, die Oberhebamme, beruhigend auf sie einredet.

“Schön. Ja. Weiter. So ist es gut. So. Ja. JA. JAAAA!”

Geburtshelfer sind so verschieden wie Sommerblumen auf einer Bergwiese. Es gibt die

- Cheerleader – “Yeah! Baby – Yeah. Super-Schön Machst-Du-Das – YeahYeahYeah!” *PomPomsSchwing* ,

- die Mutterflüsterer – “Du, das ist gaaaanz schön, was du da machst, Sonja-Beate. Das fühlt sich so ganz und gar richtig an und kraftvoll und stark, ich fühl das ganz arg deutlich. Und wenn du jetzt magst, Sonja-Beate, dann atme doch mal ganz arg doll zu Marvin-Tscheremeier hin, du, ja?”. Es gibt

- die Schreier – “Ja. Jaaa. Jaaaaaaa. JAAAAAA. JAAAAAAAAAAAAAAAAA!!!!! und dann auch noch

- die leisen Menschen – “Schön. Ja. Kleiner Schubs noch. ……. Prima. Ist da.”.

Ich persönlich bin eine gute fifty-fifty-Mischung aus Cheerleader und Schreier

“Ja! JA! SUPER! Das ist TOLL! Sie machen das GROSSARTIG! Ich sehe Haare! Schwarze, blonde, rote, gelockte, keine Haare! Es kommt! Es ist fast da! JA! Oh mein Gott! JA! HURRAAAA. ES KOMMT. ES KOOOHOOOOMT. ES.KOOOOMT. JEEEEHEEETZT!!! *räusper* – was soll ich machen – ich kann nicht anders :)

O-Helga hingegen ist das genaue Gegenteil von mir. Kann mit drei Worten ein Kind rausreden, auf das ich zuvor zwei Stunden lang eingebrüllt habe. Okay – kann man irgendwie verstehen. In jedem Fall ist ein Doppeleinsatz von mir und der alten Oberhebamme extrem unterhaltsam.

Ich: “Super! SUPER! Das machen sie SUPER!”

O-Helga *streng*: “Josephine – Klappe!”

Ich *kleinlaut*: “Mönsch, O-Helga! Bisschen anfeuern?”

Unerbittlich schüttelt die kleine Hebamme den graubehaarten Kopf und so klappe ich meinen Mund wie geheißen zu. Dann kommt die nächste Wehe, Frau Müller-Lüdenscheidt presst…

O-Helga *ruhig*: “Jaaa…….!”

Ich *hibbel*: “Hmpffffff….”

Und dann ist es da! Rausgeploppt. Unkompliziert. Und schwimmt verträumt in der Wanne umher. Während O-Helga es mit fachmännischem Griff einfängt und der erschöpften Mutter an die nasse Brust drückt, verabschiede ich mich zügig in Richtung Ambulanz, wo um…

9:15 AM

…15 Patientinnen sitzen. Fünfzehn. In Worten: FÜNFZEHN!!! Sind die alle bescheuert, oder was?

Ich *schockiert*: “(Schwester)Notfall – sind die alle bescheuert?”

Notfall schlürft ungerührt an ihrem Kaffee, während sie mir mit links einen Stapel Akten entgegenhält “Mehr oder weniger” brummt sie schlecht gelaunt und schiebt mich ins nächstgelegene Untersuchungszimmer, zu einer Blutung in der Frühschwangerschaft.

Dann zu Schmerzen in der Frühschwangerschaft, einem Scheidenpilz, einem Harnwegsinfekt, Schmerzen im Unterbauch ohne Schwangerschaft, Pille danach, Angst vor Krebs, einem verlorenen Tampon, einer akuten Kinderlosigkeit, einem (negativen) Schwangerschaftstest, noch einem Harnwegsinfekt, einer stationären Aufnahme bei großer Eierstockszyste, einer Frau mit Magenschmerzen (Note to self: Internisten umbringen wegen gemeiner Patientenannahmeverweigerung) und einer Spätschwangeren mit fraglicher Wehentätigkeit. Um

1:00 PM

sitze ich gerade mit Luigi und Anästhesist Sandmann beim Mittagessen, als das Handy bimmelt und “schlechtes CTG” vermeldet – 33jährige Erstgebärende, laaaaaaanger kindlicher Herztonabfall ohne Erholung. Ich heisse Hebamme Ludmilla den Notfallknopf betätigen und hetze zum Kreißsaal, Luigi und den Sandmann einvernehmlich im Schlepptau.

Im Kreißsaal angekommen ist bereits alles vorbereitet: Ludmilla und O-Helga haben die Frau schon im Not-OP auf den Tisch gepackt, sodass Sandmann direkt seine Anästhesie vorbereiten kann, während Luigi und ich uns in die sterilen Handschuhe schmeissen.

“Luigi, Junge – ich bin froh, dass du da bist!” flüster ich noch, bevor der Anästhesist mit erhobenem Daumen das OK zum Schnitt gibt. Alleine notsectionieren ist immer doof, und da der Oberarzt von ausserhalb kommt, ist die Nummer bei seinem Auftritt meist gelaufen. So auch heute – routiniert assistiert der kleine Chirurg meine Sectio und in nicht einmal einer Minute haben wir einen kleinen, mässig schluffigen Jungen aus der warmen Körperhöhle seiner Mutter gepuhlt. Als Oberarzt Napoli mit rotem Gesicht und schwer atmend schließlich doch noch im Kreißsaal aufschlägt, sind der Aufschneider-Kollege und ich bereits am Zunähen, während der Kinderarzt Entwarnung von der Babyfront erteilt.

2:00 PM

Auf Station steppt der Bär. Und Frau Wuschig. Die siebenundneunzigjährige, demente aber unglaublich mobile Brustkrebspatientin hat sich unerlaubt vom Acker gemacht und besucht die Nachbarinnen der Nebenzimmer, während Schwester Clementine verzweifelt versucht, sie ins eigene Zimmerchen zurück zu bugsieren, was Frau Wuschig wiederum nur mit erneutem Fluchtversuch quittiert. Frau Kaiser-Beulenstein, Zustand nach Ausschabung vor zwei Tagen möchte wissen, ob sie nicht vielleicht noch die Blase gehoben bekommen könnte (Jetzt. Heute. Hier – wenn sie denn schon mal da sei…?!), während Frau Haubentaucher, 45 Jahre, Privatpatientin, nach dem Chefarzt der Inneren Medizin verlangt, um sich mit ihm ausführlich über ihr seit mehreren Jahren bestehendes Sodbrennen auseinander setzen zu können.

Ich hänge drei Blutkonserven an, verteile Medikamente, Verbände, Portnadeln und Viggos, ich unterschreibe gefühlt 1000 Laborzettel, Röntgen- und sonstige Befunde, schreibe Konsilanforderungen und Apothekenlisten, drei Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen, ein Attest, fünf Briefe und einen OP-Bericht.

Ich sehe noch fünf Schwangere in der Ambulanz, nehme zwei davon auf. Beide entbinde ich im weiteren Verlauf des Tages. Ich mache ein Konsil für den Kollegen Luigi (eine Hand wäscht schließlich die Andere), zwei für den Internisten (der im Gegenzug Frau Haubentaucher besucht und sich geschlagene 40 Minuten lang die unglaubliche Geschichte ihres Sodbrennens anhört. Ohne weitere Konsequenz, versteht sich!). Ich esse drei Stück Streuselkuchen, ein Snickers, trinke eine Vanillemilch und einen Liter Kaffee. Bereue nach wie vor, Nichtraucher zu sein, sonst könnte ich immer mal wieder für zwei Minuten zum Quatschen auf den Personal-Raucher-Balkon flüchten, und falle um…

11:00 PM

…totmüde ins Dienstbett. Komplett mit Kittel, Telefon, Kugelschreiber und anderem Schnick-Schnack. Um…

11:20 PM

…eiere ich völlig benebelt zu einer weiteren Geburt nach Kreißsaal II, fliederfarben, nähe eine Dreiviertelstunde lang an dem riesen Riss herum, den das 4600 g-Baby seiner Mutter verpasst hat, gehe dann, ohne über Los zu gehen oder nur annähernd 400 Euro zu ziehen Richtung Ambulanz, wo weitere 7 Patientinnen freundlich lächelnd und mit mehr oder minder ausgeprägten Beschwerden auf mich warten. Die da wären:

- Brennen in der Scheide.

- Herpes in der Scheide.

- Spermien in der Scheide. Verzeihung: Pille danach!

- Bauchschmerzen. Überall. Eigentlich Ganzkörperschmerzen. Aber besonders Bauchschmerzen.

- Brennen beim Wasser lassen.

- Frühschwanger. FrühESTschwanger. Erster Tag oder so. Im Ultraschall noch nichts zu sehen. Stationäre Aufnahme zur weiteren Überwachung abgelehnt. ICH hab es abgelehnt!

- Rechtsseitiger Unterbauchschmerz mit dringendem Verdacht auf Eileiterschwangerschaft. Eileiterschwangerschaft im Ultraschall bestätigt. Oberarzt Napoli angerufen und mitgeteilt, dass wir operieren müssen. Stat! Mörder-Anschiss von Oberarzt eingefangen, der “mitten in der Nacht! Wissen Sie, wie spät es ist? MITTEN IN DER NACHT! Da hab ich einfach KEINE LUST ZUM OPERIEREN!” hat, aber nichts desto Trotz natürlich doch kommen muss und das auch tut.

Eine Stunde lang mit einem nölenden, maulenden, motzenden Mini-Italo-Oberarzt am Tisch gestanden und zugesehen, wie meine Lieblings-OP-Schwester Goldi genervt Augen rollt, als wären sie Roulette-Scheiben. Um…

3:00 AM

…erneuter Schlafversuch, welcher von Hebamme Gloria-Victoria mit einer neuerlichen Geburt zunichte gemacht wird. Nach 2 Stunden vergeblichen Entbindungsversuches ist klar: Dieses Kind kommt da nur per Kaiserschnitt raus.

Also erneut Oberarzt Napoli angerufen, der mich extra über Handy zurück ruft, um während seiner Fahrt vom Napolitanischen Zuhause in den Kreißsaal-OP weiter herumbrüllen zu können “Mitten in der Nacht! Hallo??? MITTEN IN DER NACHT…!” Ihr wisst schon.

Am OP-Tisch jetzt OP-Oberschwester Ottilie, dienstälteste Schwester überhaupt, die nach 3 Minuten genug von Napolis Gemaule hat und das auch genau so weiter gibt: “Francesco? Halt jetzt VERDAMMT NOCH MAL die Klappe – das ist ja nicht zum aushalten mit dir!”

YEEEEES – gib es ihm! Ottie vor!!!

Napoli holt noch einmal tief Luft, errötet sichtbar unter seiner OP-Haube – und schweigt. Gegen Schwester Ottilie ist selbst er machtlos – diese Frau hat locker 30 Jahre Berufserfahrung Vorsprung, kannte den cholerischen Italiener noch zu Zeiten, als er medizinisch ein völlig unbeschriebenes Blatt und nicht immer die hellste Kerze auf dem Kuchen der Gynäkologie war. Napoli weiss das. Und Ottie weiss, das er weiss, das sie weiss. Und so beenden wir in himmlischer Stille und seltener Eintracht diese Entbindung. Um…

7:30 AM

…übergebe ich Chefarzt Böhnlein und den müde dreinschauenden Kollegen meinen Dienst und mache mich erschlagen und matt vom Acker, mümmel Zuhause noch ein Brötchen und zwei Tassen Kaffee in mich hinein, wasche ein bisschen Wäsche, kaufe schnell frisches Brot und bring noch schnell den Hund vor die Tür, bevor ich um …

11:30 AM

…völlig erschlagen auf meiner Couch lande.

Der Rest – siehe oben – ist Geschichte… :)

Chaos gegen Notfall: Over and Out!

“…DANN KÖNNEN SIE ETWAS ERLEBEN!!!”

*BRÜÜÜÜL*

Ich habe keine Ahnung, WAS genau ich erleben kann, denn Romeos rezidivierendes Herumgetatsche auf meinem Ultraschallmonitor hat mich völlig raus gebracht. Nachfragen ist leider auch nicht mehr, da es am anderen Ende meiner Leitung nur noch aufgeregt vor sich hin tutet. Napoli hat in seinem Wahn offensichtlich den Hörer aufgelegt. Oder den Löffel abgegeben, man weiss es nicht genau.

“Isch ein Junge. Gell, Doc? Das isch ein Junge. Das isch sein Penis, Doc, gell? Da isch der Penis von dem Jungen, Doc, isch doch so! Doc?”

Romeo patscht immer noch völlig entfesselt auf meinen Bildschirm ein und hinterlässt dicke, fettige Fingerabdrücke überall dort, wo eventuell ein kindlicher Penis zu sehen sein könnte. HILFE! Ich bin ein Arzt – holt mich hier raus!!!…

Ich: “NOTFAAAAALL!” *brüll*

Notfall (offensichtlich vom entgegengesetzten Ende der Klinik zurückbrüllend): “KANN JETZT NICHT!”

Ich (weinerlich): “DU MUSST! ICH BRAUCHE HILFE UND UNTERSTÜTZUNG!” Ausserdem einen doppelten Martini auf Eis und ´ne Familienpizza Quattro Stagioni. Aber wen interssiert das schon?!

Romeo (völlig aus dem Häuschen um mich herum hüpfend): “Ein Junge isch´s. Yeah! Romeo hat voll den Treffer gemacht. ALDA! Das isch sooooo abgefahren!”

Einundzwanzig….zweiundzwanzig…dreihundertneunundfünzigtausend….

Von links kommt jetzt Notfall mit mürrischem Gesicht zur Tür herein getrottet, zieht mir das tutende Handy unterm Kinn heraus und bugsiert anschließend Klein-Romeo zum nächsten Stuhl, wo sie ihn energisch hinsetzen und stillsein heisst. Ich wende mich derweil der jungen Mutter zu, die mit ihrer laufenden Nase und den rot geheulten Augen gerade keinen wirklich souverän-mütterlichen Eindruck hinterlässt.

Ich (sanft): “Julia, ich fürchte wir haben ein Problem – dieses Kind ist schon verdammt groß…!”

Doch Julia blickt mich nur verständnislos aus großen, wassergefüllten Baby-Augen an. “ABER…” sagt es dann, sich in feinstes Crescendo schraubend, während die erste Träne die Wimperngrenze überschreitet “…ICH WILL DAS NICHT!”

Nach Tonlage und Lautstäre zu urteilen könnte dies hier auch gut die Tochter des Obercholerikers Napoli sein

Ich (bisschen weniger sanft): “Schätzelein. Das ist jetzt aber leider völlig schnuppe, ob du das wolltest oder nicht. Fakt ist: DU HAST ES SCHON. Und es ist ziemlich genau…”

…mit zusammen gekniffenen Augen positioniere ich die blinkenden Cursor des Ultraschallgerätes auf den beiden äußeren Enden des Embryos, den ich mithilfe der Freeze-Taste formschön auf dem Bildschirm gebannt habe, und schon spuckt der Computer brav die errechnete Schwangerschaftswoche aus…

“…ZWÖLF plus VIER Wochen alt!” WHOW… – Houston, wir haben ein Problem. Und WAS für eins….!

Romeo (wild auf seinem Stuhl herum zappelnd): “Und was heischt das jetzt? Ischts ein Junge, Doc? Häh? Isch doch ein Junge, gell? DOC?”

Ich (schwer ein- und ausatmend. Immer ein- und aus…): “Romeo, ich habe keine Ahnung, welches Geschlecht dieses Kind hat. Aber das es ziemlich sicher zwölfeinhalb Wochen alt ist, darauf geb ich dir Brief und Siegel!”

Das hat gesessen. Mit offenem Mund lässt der kleine Macho sich auf den Stuhl zurück fallen und ich sehe, wie es in seinem Kopf zu arbeiten beginnt. Die Stirn in angestrengte Falten gelegt zählt er nun imaginäre Wochen an seiner linken Hand ab und stoppt beim Ringfinger. Das könnten in der Tat ein paar Tage zu wenig sein…

Und auch bei Julia scheint die Erkenntnis ihren Bestimmungsort erreicht zu haben, denn das monotone Gegreine verstummt so plötzlich, wie es gekommen ist. Stattdessen blickt sie mir zum ersten Mal an diesem Abend direkt in die Augen.

“Das kann nicht sein!” Sagt sie. Und es ist klingt kein bisschen weinerlich mehr. Verblüfft trifft es wohl eher…

In diesem Moment – wie sollte es anders sein…

*RIIIIIIING*

“Menno – ich KANN SO NICHT ARBEITEN!!!”

Süffisant grinsend hält meine Schwester mir das scheppernde Handy unter die Nase. “Es ist für dich!”

Nee, ist klar. Für wen sollte es auch sonst sein? Als ich den Namen auf dem Display lese, möchte ich gerne ein bisschen weinen…

“Ja. Hallo. Dr. Josephine? Sie sind doch Dr. Josephine?”

Nein, ich bin die Königin von England – sie müssen sich verwählt haben…

Ich (freundlich. ÄCHT! Ich schwöre!): “Hallo Frau Bleuler – ja, ich bin Josephine. Wie kann ich ihnen helfen?”

Bleuler (bisschen verstrahlt. Gaaaanz wenig): “Also, ja – äh. Hallo! Hier ist Bleuler. Von der Psychiatrie…!”

Mach Sachen…

Ich so: “Frau Bleuler – ich weiss, wer sie sind. Es steht auf meinem Display. Wo brennt´s denn?”

Mir deucht fürchterliches…

Sie so: “Ach ja. Das Display. Sicher. Sie wissen ja, wer ich bin. Also – ich bin von der Psychiatrie…”

Das Kind auf meinem Ultraschallmonitor ist gerade eine Woche älter geworden…

Sie immer noch so: “…und ich hätte da eine Patientin, die ich ihnen gerne schicken würde!”

Ich (gefasst): “Okay! Und – was hat die Frau?”

JETZT_KOMMT_ES…

Bleuler: “Ja. Gut. Okay. Also – es ist…Nein, es handelt sich um eine Frau. Ähm…fünfunddreissig…-NEIN! Verzeihung! VIERunddreissigjährige Frau. Mit Schmerzen seit…mit akuten Unterbauchschmerzen seit…moment!”

Jetzt hält sie offensichtlich die Sprechmuschel ihres Telefons mit der Hand zu, während sie Fragen an eine Person im Hintergrund stellt. Dann…

Bleuler: “Dr. Josephine? Ja – hier ist Bleuler…”

Tischkante! Was gäbe ich drum, jetzt nur ein winzig kleines Stück aus der Tischkante vor mir abbeissen zu dürfen…

Ich (gewollt empathisch): “Dr. Bleuler – ich WEISS, wer sie sind! Was ist jetzt mit der Patientin…?!”

Bleuler (offensichtlich schwer verwirrt): “Sicher. Das Display. Die Patientin. Also, fünfunddreissig… – NEIN! Falsch – VIERunddreissigjährige Frau mit Unterbauchschmerzen….also – genau: akuten Unterbauchschmerzen seit…

Noch ein bisschen länger, und wir können das Julchen gleich hier auf dem Stuhl entbinden…

Bleuler (ich hör sie durchs Telefon schwitzen): “…dem dritten September!”

*AAAAAAAAAAAARGHLLLLLL*

Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie Notfall monoton mit der Stirn gegen die Wand zum Nachbarzimmer schlägt, ausserdem Romeo, der immer noch gebannt auf die sich öffnenden und schließenden Finger seiner linken Hand stiert und dann den Embryo, der lustige kleine Purzelbäume auf seinem Bildschirm vollführt. Wenigstens einer, der mich ein bisschen aufzuheitern versucht….

Ich: “Hömma, Schwester! Das GEHT jetzt nicht! Zum einen habe ich Frau Fontane heute schon gesehen, zum anderen stecke ich gerade mitten in einer wichtigen Untersuchung.” – Im wahrsten Sinne des Wortes… *räusper* – “Ich fürchte, sie werden versuchen müssen, alleine mit der Frau klar zu kommen!”

Ich höre, wie es am anderen Ende der Leitung trocken schluckt. Bleuler und ich sind uns noch nie persönlich begegnet, aber aus unzähligen Telefonkonsilen VOR Frau Fontane weiss ich mit ziemlicher Sicherheit, dass die kleine Psychologin nichts unversucht lassen wird, die Patientin an mich weiter zu turfen. Nicht aus Bosheit, das nicht, denn Klein-Bleuler ist ehrlich eine Seele von Mensch. Und gäb auch bestimmt eine tolle Psychiaterin ab – wäre da nicht ihre Angst vor Patienten im Allgemeinen und psychiatrischen Patienten im Speziellen…

Bleuler: “Aber – wenn sie doch solche Schmerzen…”

Romeo (fertig gerechnet aus dem Off): “DAS GEHT JA GAR NICHT!”

Au-Ha – war irgendwie klar, das Zwölfplus-Wochen und vier Finger nicht wirklich zusammen geht…

Romeo: “Abba wir sind doch erscht seit vier Wochen z´sammen! Da kann der Bub doch gar nisch so alt sein? Zwölf Wochen irgendwas. Da hascht du disch abba übel verzählt, Doc! Der isch viel jünger!”

Wie sag ichs nur dem Kinde…

Bleuler: “…deshalb wirklich gerne schicken würde…!”

Ich (schwer schnaufend): “NEIN! NICHT schicken! Over and Out!”

Mit diesen Worten lege ich auf. Dann heisse ich das Julchen, sich wieder anzuziehen und Platz zu nehmen, während Romeo ununterbrochen auf mich einredet.

…geht das voll nischt. Isch doch klar….Vier Wochen alt… Escht jetzt, Doc, weischt du…..*brabbel*

Als beide endlich vor mir hocken, hol ich tief Luft und…

*RIIIIIING*

Ich (wild in den Hörer schreiend): “Bleuler – JETZT NICHT!!!”

Nach fünf (!) weiteren, erfolglosen Ansätzen, Romeo und Julia die Gesamtsituation auseinander zu bröseln (weil Bleuler fünf Mal telefonisch dazwischen gefunkt ist) gebe ich schließlich klein bei:

Ich (mit schwachem Stimmchen): “Schick sie einfach rüber, Bleuler. Einfach zu mir rüber schicken…”

Besiegt von einem Häschen mit psychiatrischer Grundausbildung und Global-Angst. Herzlichen Glückwunsch, Josie, das war ganz großes Tennis! Und als wär alles nicht schon verfahren genug:

Romeo (leidlich verzweifelt): “Abba das verschteh isch nisch! Wie kann datt Kind denn schon so alt sein, wenn wir doch erscht seit vier Wochen miteinander… na – du weischt schon!”

Fast tut er mir ein bisschen leid…

Julia: “Weil es eben nicht VON DIR ist!”

So, da isses raus. Komisch, Klein-Jule ist gerade irgendwie kein bisschen greinig mehr. Und das Heulen hat schon vor einer gefühlten Ewigkeit aufgehört. Dagegen scheint ihr Loverboy gerade schwer getroffen…

Romeo: “Du meinscht – du hascht mit einem andern Kerl rum gemacht? Und kriegscht jetzt den sein Sohn?”

Jule puhlt ganz angestrengt in einem größer werdenden Loch ihres Mini-Mini-Mini-Rockes herum bevor sie kaum merklich nickt. Die Stirn in tiefe Runzeln gelegt beisst Romeo sich die Unterlippe wund. Dann:

Romeo: “Abba – wenn du jetzt MEIN Mädschen bischt, dann darf ISCH auch den Namen von den Jungen aussuchen, is´ klar?”

Und bumms: jetzt strahlt das Jule wieder -zugegeben noch ein bisschen verschnupft – und hüpft dann von seinem Stuhl DIREKT auf Romeos Schoss.

Julia: “Wir können den doch Tschäisn-Tschimmi-Pluu nennen! Das ist VOLL der schöne Name! Und dann kaufen wir ihm so Baggy-Pants und ´nen Schnuller mit Totenkopf und so!”

Jetzt strahlt auch Romeo

Romeo: “Ja, Alda, voll abgefahren! Und der kann immer mit zu meine Kumpels gehn – voll abhängen und so!”

Während Notfall immer noch an ihrem Loch in der Wand zum Nachbarzimmer herumhämmert, verlasse ich still das Ambulanzräumchen samt Romeo & Julia, die gerade wieder willenlos übereinander her fallen. Weia – ich bin einfach zu alt, für den Scheiss, ächt jetzt! Das hält doch kein Mensch im Kopf mehr aus…

Doch Flucht nutzt nicht wirklich viel, wenn man imaginär an dieses vermaledeite Telefon gekettet ist.

*RIIIIIIINGGG*

Ich (geladen): “VERDAMMT! LUIGI! WAS IST???”

Luigi: “Ich nehm sie! Fontane! Schick sie mir rüber, Josie, okay?”

HÄH? Wie jetzt….?

Ich: “Luigi – was ist los? Hast du was schlechtes geraucht?”

Luigi (betont unbeteilig): “Nein. Nöö. Neee! Ehrlich. Alles gut! Schick die Frau einfach rüber zu mir, ja?”

Ich: “Aber ich hab sie gar nicht mehr – sie ist über O-WE bei Bleuler gelandet und dann…!”

Luigi: “Alles klar – Tschüss!”

Und aufgelegt! Verwundert starre ich den tutenden Hörer an, drücke das “Aufgelegt”-Knöpfchen, als…

*RIIIIIING*

Alter Verwalter – ganz schlechtes Chakra heute, ganz schlecht…

Ich: “WAS_IST?!”

Obermeier-Wendig (genannt: O-WE): “Heeeeeey, Josephine….!”

Heeeeeeey mit fünfundelfzig “e” – da stimmt doch irgendwas nicht…

Ich: “Jaaaaaaaaaa? Juliaaaaaaane?…”

O-WE: “Liebes….”

BITTÄÄÄÄ???…

O-WE: “…es tut mir so leid, dass ich dir vorhin Ärger mit dieser Patientin gemacht habe, ganz echt, du…”

Hmhm….

O-WE: “…aber als Wiedergutmachung würd ich dir jetzt anbieten, dass ich sie zurücknehme. Also, die Patientin. Jetzt gleich! Okay?”

…..?!?!?!?!?!?…..

Ich: “Sach ma, Juliane – du und Luigi habt nicht zufällig Pott zusammen geraucht? Oder sonstwelche bewusstseinserweiternden Drogen eingeworfen?”

O-WE (jetzt ehrlich empört): “NEIN! Josephine, ernsthaft – wie kommst du denn DA DRAUF?!”

Ich: “Keine Ahnung – aber ich finde es seltsam, dass zuerst keiner die Frau wollte, und jetzt will sie mit einem Mal jeder haben? Kapier ich nicht! Aber egal wie – die Frau ist sowieso nicht hier. Bleuler hat sie und…”

….tut….tut….tu….tut….tut….tut….

HALLO?! Falscher Film oder was?

*RIIIIING*

Müde lass ich mich in unserer Ambulanzküche am voll gestellten Tisch nieder, nehme mir einen Apfel aus der Obstschale und beisse genüsslich rein, bevor…

Ich: “…Hmpf?…”

Bleuler: “Dr. Josephine? Sind sie das?”

Ich: “…Hmpf!…”

Bleuler: “Wissen sie – ich bin es – Bleuler, aus der Psychiatrie…!”

*RUUUUUUUUMMS* (Kopf -> Tischkante)

Bleuler: “Ja, genau – ich wollte fragen – Frau Fontane…also – die Patientin, die ich ihnen vorhin angekündigt hatte….Sie wissen doch, fünfund… – nein: VIERunddreissigjährige mit Unterbauchschmerzen – DIE Patientin! Also – wenn DIESE Frau wieder bei ihnen ankommt – könnten sie sie dann eventuell gleich wieder zurückschicken? Hierher. Zu mir. In die Psychiatrie. Weil – ich würde sie dann doch gerne behalten wollen, weil…

Den Grund erfahre ich nicht mehr, da justamente in diesem Augenblick die Schwester zur Tür herein gestürmt kommt, wild mit einem Zettel wedelnd.

Notfall (triumphierend): “Ich WEISS jetzt, was lost ist!”

Ich: “SCHIESS_LOS! Ich bin gespannt wie´n Presslufttacker!”

Notfall (hinterhältig grinsend): “Ich will ´ne Pizza dafür!”

Ich: “Bitte – WAS? Wieso Pizza? ICH bekomme die Pizza, weil ICH hatte MEHR Treffer als du. So sind die Regeln!” Hallo? Da kann ja jeder kommen…

Notfall (betont gelangweilt): “Na gut – dann nicht. Wie du willst. Aber glaub mir – DIESE Pizza wird dich verdammt teuer zu stehen kommen…” Und faltet das Stück Papier, mit dem sie mir gerade noch vor der Nase herum gewedelt hat, betont sorgfältig auf Briefmarkengrösse.

Soso – teuer zu stehen…Irgendetwas wirklich wichtiges muss es ja sein, wenn plötzlich alle so auf Frau Nervensäge abfahren, nachdem sie zuvor noch jeder dringend loswerden wollte. Vielleicht sollte ich ja doch…

“Bleuer” rufe ich ins Telefon, wo der kleine Psychiatrie-Hase immer noch in Monster-Schachtel-Sätzen vor sich hinsabbelt und meine Abwesenheit gar nicht bemerkt zu haben scheint. “Bleuler, sorry, aber ich behalte Fontane dann doch lieber selbst. Mach´s gut und ruf mal wieder an!

Und drohend zur Schwester gewandt: Wehe du hast mich verschaukelt!”

Denn dann hätte ich ein ernsthaftes Problem: Patientin mit null gynäkologischen Beschwerden aufgenommen für nix – dafür wird man ans Westtor genagelt, vor Sonnenaufgang, so wahr ich hier stehe. Doch die Schwester hält Wort. Akribisch faltet sie ihren Briefmarkenzettel auseinander und hält ihn mir dann mit einem aufmunternden “TATAAAAA” ins Gesicht.

OOOOOH JA! Alles ist gut! Die Nacht gerettet und Schwester Notfall bekommt eine Familienpizza mit Sonderbeilage. Ganz ächt jetzt!

Des Rätsels Lösung? Nun – wie sich wohl erst im dritten Anlauf (und bei Ummeldung der Patientin in die Vierte und bis dahin letzte Abteilung) herausgestellt hat, ist Frau Fontane tatsächlich PRIVAT VERSICHERT! 5-Sterne-Deluxe-Patientin, Einzelzimmer und Chefarzt-Behandlung im Preis inbegriffen. Heisst auf deutsch: jeder Tag, den die Gute jetzt stationär bleibt, gibt es Kohle dafür. Was selbstredend ein jedes Chefarzt-Herz erfreut. Und da sich die frohe Kunde des Versicherungsstatus wohl in Windeseile unter den Kollegen der anderen Fachabteilungen ausgebreitet hat, wollte nachträglich jeder dem jeweils eigenen Chef eine Freude machen. Und ganz nebenbei ein paar Steine ins imaginäre Brett klöppeln.

Und auch wenn Frau Fontane IMMER noch kein gynäkologisches Korrelat zu ihren Schmerzen vorweisen kann, bekommt sie jetzt wenigstens ein leidlich bequemes, höhenverstellbares Bett mit Fernbedienung. Und jeden Tag zweimal vom Chef persönlich die Hand geschüttelt. Ich denke, das wird ihr gefallen…

So ist das eben, die einen gehen für ihr Geld gerne in ein hübsches Hotel, die anderen ins Krankenhaus ihrer Wahl. Oder wie Omma immer zu sagen pflegt: “Jeder Jeck ist anders!”

Chaos gegen Notfall: Und es geht einfach IMMER weiter…

Froh, Frau Fontane doch noch los geworden zu sein, hänge ich nun über den üblichen zwei Dutzend Formularen, die pro ambulanter Patientin ausgefüllt sein müssen, und schreibe mir stöhnend die Finger wund.

“Bin ich Sekretären? NEIN, bin ich nicht. Aber warum komme ich mir vor, als wäre ich Sekretärin? Weil ich in zwei Nachtdiensten mehr Papier vollschreibe, als Frau Löblich in zwei Wochen!”

Norma Löblich ist des Chefs Sekretärin, ein wahrer Ausbund an Arbeitseifer und eine Rakete an der Tastatur. Ich schwöre: Ich bin schneller!

“Warum muss ich für EINE Patientin FÜNFHUNDERT verschiedene Papiere ausfüllen, huh???” – Frustriert hämmere ich auf die vorsintflutliche Computertastatur ein – “Warum muss ich ÜBERHAUPT irgendetwas ausfüllen? Sechs lange Jahre Medizinstudium – ich sollte nichts anderes tun müssen, als Menschen zu heilen! Kinder zur Welt bringen! HERZEN transplantieren!” MENNO!

Okay, vielleicht rede ich mich gerade ein wenig in Rage, denn es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass ich in diesem Leben noch mal ein Herz transplantieren werde. Aber weil ich doch gerade so schön in Fahrt bin…

“Überhaupt – wer schreibt heute noch irgendetwas in olle Papierakten? Im Zeitalter von Gigabyte und RAM? Papier ist out. Over AND out. Dammich noch eins…!”

Dammich ruhig ist es hier…?!

“Notfall?…”

Suchend dreh ich mich auf meinem Höckerchen einmal um die eigene Achse…

“NOTFALL???” *brüll*

Erschrocken fährt meine Schwester von ihrer Liege hoch, wo sie gerade gemütlich vor sich hin genickt hat, und blickt verwirrt um sich. “Häh? Was ist los? Biste bescheuert, Josephine? Warum brüllst Du hier so rum?”

“Es wird nicht geschlafen während ich arbeiten muss” muffel ich beleidigt “hol lieber mal die Nächste rein, sonst sitzen wir morgen noch hier!”

Eingeschnappt klettert Notfall vom Notbett und zupft sich mit säuerlichem Gesicht den Kittel zurecht

“Jawohl, Mylady. Sofort, Mylady. Darf es zuvor noch etwas sein? Tässchen Baldrian? Krümelchen Valium?”

Sehr witzig – ich lach mich tot!

Notfall zieht beleidigt von dannen. Draussen höre ich sie rufen “Frau Kunkel-Heinzmann – bitte! Dr. Chaos geruht sie jetzt zu empfangen!”

Leidlich verwirrt kommt die Patientin hinter der Schwester zur Tür herein gestiefelt und blickt sich suchend um. Wahrscheinlich erwartet sie bei “geruhen” und “empfangen” den Chefarzt zu treffen. Oder besser noch: Professor Brinkmann! Ich blitze die Flunsch ziehende Schwester böse an, die jedoch hoch erhobenen Hauptes an mir vorüber und zur anderen Tür hinaus stolziert.

“…dringend Kaffee. Bei der Laune…” hör ich es noch brummen, dann ist sie weg. Auch gut. Dann arbeite ich eben alleine weiter. Pfff…

“Frau Kunkel-Heinzmann, nehmen sie Platz und erzählen sie kurz, was sie hierher führt” – zu nachtschlafender Zeit und ohne den kleinsten Anschein eines bestehenden Notfalls. Hab ich natürlich nicht laut gesagt!

Nun – Frau Kunkel-Heinzmann hat einen bösen, bösen Scheidenpilz (seit vorgestern) und benötigt die gute, gute Scheidenpilzcreme (rezeptfrei in ihrer Apotheke erhältlich). Mit einem Privatrezept über ebendiese und leicht angesäuert (“Abba dann muss ich die ja selber zahlen…?!) zieht sie zehn Minuten später wieder weiter. Ich mache den tausendneunundsiebzigsten imaginären Strich hinter “unnötige Ambulanzvorstellung” und wir kommen endlich zum Höhepunkt der heutigen Abendbesetzung: der fraglichen Pille danach!

“NOTFALL!!!” *brüll*

Auftritt der Schwester von rechts, den obligatorischen Kaffepott in der Hand. Immer noch beleidigt…

“Komm schon, Notfall…!” setze ich versöhnlich an, als

*RIIIING* - Diensttelefon!

Ich: “Josephine – im Chaos? Wer stört?” – Okay, ich weiss schon, wer stört. Steht ja auf dem Display. Der Chirurg ist´s. Und mir schwant übles…

Luigi: “Josephine – ich bins!”

Ich: “Isses wahr…?!”

Luigi: “Du hast mir da eine Patientin geschickt…”

Ich: “Frau Fontane – Und?”

Luigi: “Die hat nix…!”

Ich: “Ach nee!…”

Luigi: “…Nix CHIRURGISCHES!”

Ich: “Sorry! Willst du eine Beileidskarte?”

Luigi (verständnislos): “Häh? Nein! Du sollst sie zurück nehmen!”

Ich: “Ich soll bitte WAS?”

Hat der noch alle Latten am Zaun???

Luigi (verschwörerisch flüsternd): “SIE_ZURÜCK_NEHMEN!”

Ich: “Und warum sollte ich so etwas dummes tun?”

Luigi (jetzt ein bisschen empört): “Na – weil sie einfach nix hat! Und weil sie doch eine Frau ist!”

Ich (streng): “Luigi, mein Guter – dann schick sie gefälligst nach Hause!”

Luigi: “Aber wenn sie doch nicht WILL!” Jetzt weint er fast ein bisschen am anderen Ende der Leitung “Du wirst es nicht glauben – sie hat damit gedroht, sich so lange in der Umkleidekabine einzuschließen, bis ich sie stationär aufnehmen!”

Ich: “Na – dann mach das doch einfach. Soll sich halt dein Tagdienst morgen damit rumschlagen!”

Luigi (jetzt wirklich fast am heulen): “Aber Messer wird mich UMBRINGEN!”

Oberarzt Dr. Messer ist Luigis Pendant zu meinem Doktor Napoli – der fachärztliche Hintergrund. Und Messer ist ein Chiurg vom alten Schlag: groß und furchteinflössend. Luigi selbst geht mir bis etwa zum Bauchnabel und ist so beängstigend wie Winnie the Pooh.  Ich sehe es bildlich vor mir, wie er seinem Oberarzt zur Frühbesprechung klar zu machen versucht, dass er eine (chirurgisch) kerngesunde Frau in einem Krankenhausbett für schlappe 350 Euro pro Tag zwischengeparkt hat. Das wird NICHT lustig…

Ich: “Luigi – ernsthaft, ich fände es ungemein traurig, wenn Messer dir morgen den Kopf abreisst, ihn anschliessend in Beton giesst und dann irgendwo in den unendlichen Weiten der Tuntra verscharrt, aber ich habe gerade selbst zu tun. Lass dir etwas einfallen!”

Dann leg ich auf.

Notfall: “Fast tut er mir ein bisschen leid…!”

Ich: “Nix da – der ist immerhin alt genug, um jede Krankenschwester zu poppen, die nicht bei drei auf dem Baum sitzt. Dann kann er auch mal Mann genug sein, sich gegen seinen Oberarzt zu wehren. Wollen wir jetzt bitte unser beinah poppendes Pärchen herein holen?”

Notfall: “Pfff – als ob DU jemals irgendjemand irgendwoher holst…!”

Doch dann wackelt sie brav nach draussen und holt Romeo & Julia herein.

Es dauert seeeeeehr lange, bis sich die beiden Turteltäubchen im Wartezimmer auseinander dividiert und leidlich wieder angezogen haben, dann kommen sie giggelnd und kichernd zur Tür herein gehöppelt, reichen mir giggelnd und kichernd die Hand und setzen sich mir giggelnd und kichernd gegenüber. Auf EINEN Stuhl. Ist klar! Kaum hingesetzt wandert Romeos Hand auch schon wieder unter die Bluse seiner Julia.

Das glaub ich ja nicht – haben die Drogen genommen oder was?

Ich (mütterlich autoritär): “So, Mädels, jetzt mal Schluss mit Petting hier, das ist eine Ambulanz und kein Freudenhaus! Was wollt ihr!”

Während Romeos Hand sich ungeniert weiter ihren Weg zu Julias jugendlich prallen Brüsten bahnt, blitzt der Kleine mich böse an und blafft: “Hey, Doc,´schbin doch kein Mädschen!”

Eh – nee, Schnellmerker!

Ich (kurz vor unwirsch): “WAS_WOLLT_IHR?!” Lest es mir von den Lippen ab!

Julia: “Die…hihihi….Pille….Schatz – LASS DASgiggel …danach!!!

Trommelwirbel – Fanfarenstösse! Werft Konfetti!

Notfall steht schon grinsend mit Pinkelbecher und Schwangerschaftstest neben mir.

Ich: “Hier, Julia – einmal vollmachen bitte!”

Verdattert schaut das kleine Ding mich an “Abba – warum das denn? Ich hab nix an der Blase?”

Notfall rollt beeindruckend mit den Augen, während sie es sich wieder auf der Liege bequem macht, den dampfenden Kaffeepott schön in Reichweite.

Ich: “Wir müssen einen Schwangerschaftstest machen um sicher auszuschließen, das du nicht schon schwanger bist! Dann darf ich die Pille nämlich nicht rezeptieren!”

Empört zieht Romeo jetzt doch endlich die Hand vom Busen der Geliebten und fuchtelt mir stattdessen mit dem Zeigefinger derselben vor meiner Nase herum.

“Ey, Doc – wos DENKSCHT du eigentlich? Wir sind doch nischt SCHWANGER!”

Nee, hoffentlich nicht… – aber das sag ich selbstverständlich nicht laut! Notfall rollt derweil in solch atemberaubenden Tempo die Augäpfelchen herum, das ich fürchte, sie könnten gleich – der Zentrifugalkraft folgend – aus ihren Höhlen fliegen und gegen die Wände klatschen…

“Ey, Kleiner!” parier ich jetzt leidlich genervt und schiebe mir seinen schmuddeligen Finger aus der Sicht “Kein Schwangerschaftstest – keine Pille danach. Klar?”

Klar! Die Puppe zieht samt Becher von dannen, während Romeo zu unser aller Unterhaltung zurück bleibt.

“Ey, voll Scheisse immer alles. Isch bin doch nisch so blöd und mach der gleich ein Kind, ey Mann! Was denkscht du warum wir jetzt voll hier sind, huh? Weil wir voll net schwanger sein wollen!”

Ja, nee, is´ klar! Schon mal was von Pille davor gehört? – Hab ich aber auch nicht gesagt. Ist schon 23 Uhr 45, da kostet Privatunterhaltung extra…

Julia ist dann auch bald wieder da und Notfall hält dann auch gleich den Test-Streifen ins mitgebrachte Becherchen und 30 Sekunden später…

“SCHWANGER!” brüllt die Schwester strahlend. Und sieht dabei aus, als hätte sie gerade verkündet, dass unser Traumpaar die Reise auf die Seychellen inklusive Vollpension und First-Class-Flight gewonnen hat.

“DAS KANN NISCH SEIN!” sagt Romeo. Dasselbe denke ich seufzend auch. Das Julia sagt nichts.

*RIIIIIIIIIIING*

Ich: “Josphine, wer stört?” Menno – immer wenn es spannend wird!

“Obermeier-Wendig! Hallo Josephine!”

Och nööööööö – Juliane Obermeier-Wendig, genannt O-WE, die nervigste internistische Assistenzärztin südlich der Milchstrasse! Ich WILL DAS NICHT…

Ich: “Juliane – was gibt’s? Du rufst gerade ein wenig unpassend…

O-WE: “Ich habe hier eine Patientin, die ich dir gerne schicken würde – 32 jährige Frau mit Unterbauchschmerzen…”

NEE! ÄCHT JETZT?

Ich: “Juliane – spar dir den Sermon! Ich KENNE Frau Fontane bereits. Ich habe sie sogar als allererste gesehen – lange bevor Luigi The Pooh sie an dich weiter geturft hat!”

O-WE (verständnislos): “Luigi-WER?”

Romeo: “Hey, Doc! Was isch jetzt mit uns?”

Ich seufze ein bisschen. Es ist 23 Uhr 52 und das Ende noch längst nicht nah…

Chaos gegen Notfall – zweite Runde!

Nummer 2 auf der heutigen Show-Down-Liste des Abends ist Anfang Dreissig und völlig unspektakulär – “Ich glaub, ich hab mir die Blase verkühlt” lässt sich mich bereits beim Hände schütteln wissen. Und dann: “Ähm – ist das lustig?”

“Selbstverständlich nicht! Kein bisschen…!” Und noch während ich Frau Blase den Pinkelbecher in die Hand drücke, muss ich Notfall ein kleines bisschen die Zunge raus strecken. 1 : 0 für die Frau mit dem abgeschlossenen Medizinstudium. Ich wünsche mir Pizza mit allem drauf.

5 Minuten später ist unser Harnwegsinfekt samt Rezept für Antibiotika und Schmerzmittel auch schon wieder weg – könnte es doch nur immer so einfach sein.

Die Nummer 3 hingegen ist schon nur vom Anschauen her ein weites Feld – die klassische “Alles-oder-Nichts-Patientin”: Entweder hat sie wirklich richtig Pein oder schlicht ein bisschen Langeweile. Ich tippe verschärft auf letzteres.

Frau Fontane ist 34 Jahre alt, zurecht gemacht als hätte sie den Abstecher in unsere Ambulanz ihrem Weg ins Staatsballett zwischen geschaltet und EXTREM mitteilungsbedürftig.

FF: “Ach, endlich komme ich auch mal dran. Ich sitze ja nun schon seit Stunden hier herum. Da fragt man sich doch, wofür man in die Krankenkasse einzahlt, wenn man als Notfall stundenlang unbeachtet auf einem harten Stuhl auf Hilfe warten muss…”

Mir kommen gleich die Tränen. Ächt jetzt!

Ich: “Das tut mir leid. Was haben sie denn für Beschwerden?”

FF: “Ich habe SOLCHE Schmerzen!” Spricht´s und schaut mich erwartungsvoll an. Also – erwartungsvoll und nicht wirklich schmerzgeplagt. DAS kann ja lustig werden..

Ich (gaaaaanz ruhig): Wo tut es genau weh, seit wann und kam das früher schon einmal vor?”

Die Patientin fischt nun einen Kalender aus ihrer Tasche und blättert aufgeregt darin herum. “Also – zum allerersten Mal hatte ich dieses Ziehen und Drücken am dritten…” – “Diesen Monats?” – “Nein – am dritten September” – “WHOW! Das ist ja schon MONATE her?!”

Notfall, die es sich entspannt auf der Untersuchungsliege hinter der Patientin bequem gemacht hat, hüstelt leicht amüsiert vor sich hin, was ihr einen bösen Blick von mir einbringt. Kein Kasperltheater im Rücken der Frauen soll das heissen. Wo ich doch immer gleich zu lachen anfangen muss.

Ich: “Okay, WO tut es denn genau weh?”

“HIER – überall!!” Frau Fontane vollführt nun weit ausholenden Bewegungen mit beiden Armen über ihren Bauch, die Oberschenkel, Hals und Kopf.

“Vielleicht sollten wir röntgen? Mensch in zwei Ebenen?” nuschelt Notfall in ihren nicht vorhandenen Bart und grinst aufmüpfig zu mir herüber. Na warte, Schwester – das zahl ich dir noch heim!”

FF (erfreut): “JA! Vielleicht sollten wir röntgen?”

Ich (energisch): “JETZT untersuche ich sie erst einmal – wenn sie sich denn mal in unserer Umkleidekabine unten herum frei machen wollen?”

Und wie sie will. Keine drei Minuten später steht mein Ganzkörperschmerz wieder vor uns – splitterfasernackt, wie der Herr sie geschaffen hat. Notfall klammert sich jetzt mühsam an der Vaginalsonde fest, während sie – von unterdrücktem Lachen gebeutelt – Name und Geburtsdatum unseres Nackedei ins Gerät klöppelt.

Ich (leidlich irritiert): “Ähm, Frau Fontane – unten herum hätte es völlig getan – wollen sie sich vielleicht wieder ein bisschen anziehen?”

Nee, das will sie mitnichten. Und hüpft vergnügt auf den Untersuchungsstuhl. Na gut – dann eben nicht. Frau Fontanes Bauch tastet sich während des Untersuchend so weich wie ein Daunenkissen. Null Abwehrspannung, keine Resistenzen – nada. Was sie jedoch mitnichten davon abhält, in den höchsten Tönen vor sich hin zu jammern. “Au – Oh – Nein. Aua! Achtung…! Weh! Oh Gott! DA! Ja! JA! JAAAAAAAA!”

Meg Ryan hat die Nummer in Harry und Sally auch nicht besser hin bekommen.

Unter beschwichtigendem Zureden arbeite ich mich vorsichtig weiter. Bisschen Eierstöcke tasten, bisschen gucken, bisschen schallen – während meine Patientin weiterhin schreit und stöhnt, was die Lunge her gibt….

Ich (nur minimal genervt): “Frau Fontane? FRAU FONTANE?”

Gehorsam hält sie nun kurz inne und schaut mich fragend an “Ja?” – “Sie können sich wieder anziehen – ich bin fertig!” – “Oh – gut!” Spricht´s, hüpft behende vom Stuhl und verschwindet erneut in der Umkleidekabine.

Ich (streng): “Notfall – das ist NICHT lustig!”

Doch meine Ambulanz-Schwester sieht das völlig anders. Mit hochrotem Kopf und maximal Schweiss auf der Stirn hängt sie über meinem Schreibtischtuhl, den Kopf auf die Tastatur des Computers gebettet, und lacht als gäb es kein Morgen mehr.

“Die…Frau…ist…VÖLLIG…Banane…!” keucht sie mühsam zwischen zwei Lachsalven. Jepp, das ist sie in der Tat. Aber sonst völlig gesund. Mal schauen, wie ich ihr das am besten rüber bringen.

“UND” fragt sie dann auch erwartungsfroh, als sie wieder manierlich gekleidet vor mir sitzt “WAS ist es?”

“Nichts!” – “Wie – nichts?” Frau Fontane ist sichtlich irritiert. “Aber ich habe doch SCHMERZEN! Hier…!” wedelt mit der Hand über Bauch, Hals und Beine “…und da!” wedelt mit der anderen Hand über Oberschenkel und Knie. “Seit dem DRITTEN September!” Und starrt mich vorwurfsvoll an.

Ich seufze ein kleines bisschen. “Frau Fontane – was auch immer es ist, das ihnen solche Beschwerden macht – es ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit NICHTS gynäkologisches!”

“Die Eierstöcke?”

“Unauffällig!”

“Gebärmutter?”

“Nein!”

“Vielleicht eine Entzündung? Pilz? Eileiterschwangerschaft?”

“Nein, nein und ganz sicher NEIN!”

“Ja – und was soll ich jetzt machen???

Das ist eine verdammt gute Frage – am allerbesten: nach Hause gehen und Ruhe bewahren. Wird sie nicht hören wollen…

“Von mir aus können sie nach Hause gehen. Vielleicht eine warme Wärmflasche und…”

“ABER ICH HAB DOCH SOLCHE SCHMERZEN!!!!”

Sag ich doch!

“Aber sie sehen nicht so ganz doll nach Schmerzen aus!” gebe ich vorsichtig zu bedenken. Notfall nickt beifällig. Und es scheint, als denke Frau Fontane tatsächlich kurz über meinen Einwand nach.

“Vielleicht ist es der Blinddarm!” Naja – kam nicht so ganz viel raus beim Denken…

“Nein!”

“Die Galle? Nierensteine? Magenschleimhautentzündung!”

Ich will gerade zum wiederholt hunderststen Mal verneinen, als….

Notfall (mit einem Satz von der Liege springend): “KLAR! Das ist garantiert die Galle! Oder ein Nierenstein! Oder alles zusammen!”

Frau Fontane lächelt glücklich – endlich jemand, der sie versteht. Und ich – frage mich, ob Notfall noch alle Latten am Zaun hat.

“Notfall….?!”

“JA! Und deshalb schreibt die Frau Doktor jetzt ein hübsches, kleines Konsil für die Kollegen der Inneren und Chirurgie! Und die werden ganz bestimmt herausfinden, was ihnen fehlt!”

Mit ihrem breitesten, freundlichsten Lächeln reicht die Schwester mir den grünen Konsiliar-Zettel, während meine Patientin in froher Erwartung auf ihrem Stuhl herumrutscht. Grinsend fülle ich den vorgelegten Bogen aus, grinsend wähle ich die Nummer des chirurgischen Dienstes und grinsend übergebe ich mein weites Feld an den Kollegen Luigi:

“Luigi – Patientin mit unklarem Ganzkörperschmerz. Gynäkologisch absolut unauffällig. Schick ich dir rüber!”

Luigi (greinend): “Und was soll ICH noch mit ihr machen? Die Weiber haben doch IMMER was gynäkologisches. Das lernen wir schon im ersten Jahr der Facharztausbildung!”

Ich (immer noch grinsend): “Tja, mein Lieber – dann musst du jetzt mal umdenken. Diese Frau hat nämlich nichts. Gar nichts…” Frau Fontane zieht eine Schnute, während Notfall – entspannt auf der Liege liegend begeistert beide Daumen in die Höhe streckt “…ich meine: Diese Frau hat gar nichts gynäkologisches. Vieleicht machst du mal einen Röntgenaufnahme. Mensch in zwei Ebenen….!”

Dann leg ich auf. Und entlasse meinen wandelnden Ganzkörperschmerz zufrieden in den Orbit nächtlicher Diagnostik.

IV. Im Auge des Sturmes…

…herrscht trügerische Stille!

Laut CTG-Überwachungsmonitor weht Frau Vier weiterhin vorbildlich und zunehmend hochfrequent vor sich hin, was das Kindelein im Mega-Bauch anscheinend nur wenig lustig findet und im Gegenzug mit beleidigtem, wiederholtem Herztonabfall quittiert. Als ich einem Blick auf meine kleine Frau mit dem großen Bauch werfe, sitzt diese gerade mit wild entschlossener Miene auf dunkelgrünem Petziball und höppelt Toc-Toc-Toc-Synchron auf und nieder, auf und nieder. Das Gesicht dunkelrot angelaufen und laut prustend veratmet sie so geradezu vorbildlich eine Wehe nach der anderen – wenn ich auch ein wenig in Sorge bin, sie könne jeden Moment hyperventilliert vom Gummiball fallen.

Ich: “Frau Vier – alles im grünen Bereich? Ich würde gerne mal schauen, ob es ein bisschen voran gegangen ist?!”

Frau Vier: “Ist – hüpf – gut – hüpf – ich – hüpf – muss – hüpf – nur – hüpf – noch – hüpf – diese – hüpf – Wehe – hüpf – veratmen – hüpf!”

Gesagt – getan. Der Befund, den ich kurz darauf erhebe, stimmt mich nur wenig euphorisch – okay, der Muttermund ist minimal weiter geöffnet als vorhin, allerdings führe ich das mehr auf die physikalische Gesetzmäßigkeit der Schwerkraft zurück (5 kg Kind mal Hüpfbeschleunigung – da gibt auch der stärkste Muttermund mal ein, zwei Zentimeter nach…!) denn auf natürlichen Geburtsfortschritt. Aber wenigstens schaut jetzt – nach 5 Minuten ohne wirres Gehüpfe – das CTG wieder leidlich manierlich aus. Ich lege Familie Vier also nahe, Ball gegen Badewanne zu tauschen und mach mich dann auf den Weg nach Kreißsaal 2, wo mein neuester Zugang in Form einer fraglichen Wehentätigkeit am Termin gelangweilt auf ihrem Handy herum klöppelt, während die ebenfalls schwangere Begleitung gerade am Sauerstoffventil der Babyeinheit herum schraubt. Beide Mädels scheinen nur unwesentlich älter aus als 12 Jahre alt, riechen drei Meilen gegen den Wind nach Zigarettenrauch und ihre kleinen, spitzen Babybäuche sind jeweils nur bis zur Hälfte durch eng anliegende T-Shirt-Fetzen bedeckt. Darunter blitzt eine ganze Batterie dunkelroter Schwangerschaftsstreifen auf Baby-weisser-Haut hervor.

Ich: “Okay, Ladies, wer von euch beiden Hübschen ist die Frau mit den Wehen?”

Es dauert eine ganze Weile, bevor Baby-1 den Blick vom Handy reißen kann und mich mit leicht geöffnetem Mund sinnentleert anstarrt. Ich meine fast, das Echo meiner Frage im Vakuum zwischen den Ohren der kleinen Kröte widerhallen zu hören, bevor sich ihr Mund tatsächlich stückchenweise weiter öffnet. Gebannt starre ich auf die im Zeitlupentempo ablaufende Mundmotorik und es dauert eine gefühlte Ewigkeit, ehe Babys Großhirn Worte produziert: “Hääääääääääääh?????”

Okay – EIN Wort!

Ich: “Hast DU Wehen, Baby 1? Und wenn ja, seit wann? Geht Fruchtwasser ab? Wann warst du zuletzt beim Frauenarzt?”

Baby 1 glotzt mich stumpf an, wendet dann den Kopf  Baby 2 zu, die gerade begeistert kichernd die Reanimationsmaske vorhält und sich eine Portion Sauerstoff ins Gesicht blasen lässt – und meint nun gedehnt ihn ihre Richtung: “HÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄH???”

Au weia, das hier kann wohl was länger dauern. Ich mache mich auf die Suche nach einer Hebamme und finde Gloria-Victoria, seelenruhig an einem Riesen Stück Kuchen herumhauend, in der Kreißsaalküche sitzend.

Ich (jammernd): “Gloooria – du musst dich dieser Babies in der Zwei annehme – ich kann mich nicht um alles kümmern! Außerdem bin ich gerade Fancy-Nancy begegnet, die schön wie der junge Morgen mit ihrer logghorhoeischen Omma in meinem Untersuchungszimmer sitzt und mein Selbstwertgefühl komplett zum Teufel gejagt hat! Ich fühl mich hääääässlich….!”

GV: “Doc Josephin, Doc Josephin – DU bist die schönste im ganzen Land!”

Ich: “Jaja, und Fancy-Nancy, hinter den sieben OP-Türen, bei den bösen Chirurgen ist noch tausend Mal schöner als ihr! Ist schon klar! Magst du dich jetzt bitte-danke um meine schwangeren Riesen-Babies kümmern? Ich muss dringend auch so ein Stück fette Sahnetorte essen!”

GV: “Sicher doch, Josephine. Für dich mach ich alles!”

Ich: “Auch Frau Vier in die Badewanne packen?”

GV: “Aber ja doch – auch das!”

Und so sitze ich um – Uhrenvergleich – Elfhundertdreiundvierzig mit meinem Sahnetortenantidepressivum am Kreißsaalküchentisch und alles könnte ein bisschen schön sein, wenn nicht… RING-RING-RING

Ich: “Josephine, beim Essen, wer stört?”

Notfall (flüstert): “Ich bin´s – du musst schnell kommen. Nancy the Fancy hat die Kavallerie gerufen!”

Ich: “Häh??? Wie meinen?”

Notfall (lauter flüsternd): “ÜBERZWERG ist da!!!!”

Ich: “Nee – nä???”

Notfall: “Aber ja – beweg deinen Hintern hierher – stat!”

Zurück im Ambulanzzimmer 1 steht der chirurgische OberarschArzt Dr. Überzwerg, größter lebender Fan von Nancy-The-One-And-Only-Fancy und versucht gerade erfolglos, seinen Blick vom Kashmirverpackten Superbusen seiner Assistenzärztin zu reißen, während Oma Coco die Hintergrundbeschallung übernimmt.

Frau Coco: “…und dann war ich 1956 bei Herrn Prof. Zackig in Großkotzhausen, der hat mir dann die Gebärmutter ausgeschabt. Nein, warten sie, die Gebärmutter war 1963, im Jahr, nachdem meine zweite Tochter zur Welt kam. Die ist im übrigen mit Herrn von und zu Großkotz verheiratet, wissen sie, Herr Doktor Überzwerg? DER Großkotz! Nancy, Liebes, hast du deinem Oberarzt gesagt, dass Onkel Eduard schon mit Frau Merkel zusammen…”

Ich beschliesse, dem Theater an dieser Stelle ein Ende zu machen und schiebe mich zwischen Überzwerg und Nancy hindurch zu Frau Coco-Auf-Der-Liege, woraufhin der OberarschArzt – offensichtlich unverhofft aus schönem Tagtraum gerissen – beleidigt aufmuckt.

Überzwerg: “Frau Josephine – es ist unfassbar, dass die arme Frau nun schon geschlagene zwei Stunden hier herumliegt, ohne das auch nur eine Anamnese durchgeführt wurde. Ich werde mich Montag umgehend bei Ihrem Chefarzt über sie beschweren – nur, damit wir uns verstanden haben!” Beifallheischend blickt Übi zu seiner Angebeteten hinüber, mit einem Blick, der nichts weniger sagt als “Der hab ich es aber gegeben!”

Doch Überzwergs Cholerikermasche mag ja bei Bambis funktionieren, ich hingegen bin schon längst Teflon was verbal ausfällige Vorgesetzte angeht. Und so hab ich auch nicht mehr als nur ein müdes Schulterzucken für den keifenden Winzling über.

“Passeinmalauf” verkünde ich resolut und keine Spur eingeschüchtert – “Ich werde Frau Coco jetzt Blut abnehmen, dann mach ich ihr gerne einen Ultraschall – und anschließend möchte Kollegin Fancy ihre Großmutter ganz sicher mit auf die Chirurgische nehmen – dort hat sie sie gleich viel besser im Blick und kann alles anordnen, was sie wollen. Und wir kommen die Tage gerne nochmal zur Visite vorbei. Roger, Roger?”

Während Omma Fancy mich – ausnahmsweise wortlos – anstrahlt, schaut Nancy eher, als wolle sie mir gerne ein bisschen an die Gurgel hüpfen. Als Großmutter dann noch nebenbei bemerkt, sie bekäme das Blut viiiiiieeeeel lieber von der Enkelin abgezapft, verlasse ich doch lieber das Zimmer, bevor mich der rothaarigen Zorn gleich nieder streckt.

Dann läuft alles wie am Schnürchen und zwanzig Minuten später verlässt eine gynäkologisch einwandfreie Oma Coco am Arm ihrer immer noch missmutig dreinschauenden Nancy unsere Station – während Überzwerg brav Rollköfferchen und Handtasche hinterher trägt.

Notfall klatsch mich High-Five ab, und kehrt dann zu Pott Nummer sieben zurück, während ich mich erneut auf die Suche nach Essen begebe. Der Nachmittag vergeht mit mehr oder weniger nötigen Ambulanzzwischenfällen und es ist immerhin schon – Uhrenvergleich – Achtzehnhundert, als der Kreißsaalfunk mich zurück zu Frau Vier und dem Riesenbauch beordert…!!!

————–Schalten Sie auch nächstes Mal wieder ein….. ;) ———————————————–

III. The Storm – Part III

Meine Kreißsaalaufnahme ist ein wunderbares Rund-Um-Sorglos-Paket: Zweites Kind, schonmal normal geboren, kein Diabetes, kein Übergewicht, keine Vorerkrankungen, am Termin – alles schön. Hurra! Und nett ist sie auch noch. Nach einem kleinen Aufnahme-Ultraschall (normal großes Kind – Strike!) geht es ab in Kreißsaal I ans CTG und kaum habe ich Energie in Form eines Doppel-Snickers gezogen, geht es auch schon munter weiter mit einer privaten Notaufnahme – Frau mittleren Alters mit keine-Ahnung-was.

Beim Betreten der Ambulanz ist Schwester Notfall gerade dabei, geschmeidig ihr Pflegekraft-Köpfchen gegen die geschlossene Apothekenschranktür zu hauen und rezidiveren “Nein – Nein – NEIN!” zu murmeln.

Ich: “Notfall – so geht die Tür nicht auf – da mußt du schon den Schlüssel nehmen!”

Notfall indes beachtet mich gar nicht, sondern dotzt ihre Stirn weiterhin stereotyp gegen die Blechtür.

Ich: “Willst du mir nicht sagen, was los ist?”

Die Schwester hält kurz inne, als überdenke sie meinen Einwand ernsthaft, schüttelt dann jedoch resolut den Kopf und fährt fort, die unschuldige Tür zu malträtieren. Mit der linken Hand hält sie mir die Aufnahmeformulare der Privatpatientin hin, während sie mit rechts pumpschwengelartig in Richtung erstem Untersuchungsraum winkt. Kopfschüttelnd nehme ich das Klemmbrett entgegen und verlasse den Aufenthaltsraum.

Auf der Untersuchungsliege in Zimmer eins liegt eine große, stattliche Frau in lindgrünem Tweed-Zweireiher à la Chanel und brabbelt wirre Zeug vor sich hin. Zumindest hänge ich ganze zwei Sekunden lang der irrigen Meinung nach, es handele sich um eine nicht zurechnungsfähige Person, als Frau Coco plötzlich meiner gewahr wird, und … – aber seht selbst:

Frau Coco: “Aaaah – Schwester! Da sind sie ja endlich. Sie müssen jetzt augenblicklich meinen Schwiegersohn anrufen. Das ist Herr von und zu Großkotz. Sie wissen schon. Der Großkotz! Hatte vergangene Woche das Vergnügen, mit der Merkel zu Mittag zu Essen. In Grunewald. Wissen sie. Da war auch schon der Juhnke – ach, eine Schande, das der gehen mußte. Großartiger Künstler. Wirklich wunderbarer Mensch. Hab ihn noch selbst mit meinem Gatten, Gott hab ihn selig, im Friedrichstadtpalast gesehen…” Frau Coco hält, kurz inne, um mit einem blütenweissen, spitzenumhäkelten Damentaschentuch das Tränchen fort zu tupfen, welches gerade die runzelige Wange herunter läuft, holt dann einmal herzhaft Luft und rattert, ohne mir auch nur den Hauch einer Chance zu lassen, ungebremst weiter “Wissen sie, Schwester, die Luft ist schon sehr trocken hier herinnen. Bringen sie mir doch ein Glas Sanpellegrino. Ohne Zitrone, ein bisschen Eis. Und es ist ja schon so spät – ein kleiner Zwischenimbiss wäre recht. Etwas leichtes. Keinesfalls Wurst. Käse wäre sehr schön. Es gibt doch diesen…”

In meinen Ohren rauscht das Blut und ich kann gerade sehr gut nachvollziehen, was die gute Schwester Notfall dort im Nebenzimmer treibt. Das hier ist maligne Logorrhoe vom Feinsten und ich bin mir nicht sicher, ob ich die Frau dazu bekomme, jemals wieder mit reden aufzuhören. Aber versuchen muss ich es. Also packe ich mein Klemmbrett fester und baue mich in voller Größe vor Sabbelsuse auf, hole einmal tief Luft – und habe direkt versagt!

“Meine Liebe, ihr Kittel sitzt aber sehr unvorteilhaft. Sie sollten etwas eng anliegendes tragen, dieser unförmige Sack schmeichelt ihrer Größe nicht wirklich. Und die Haare – mein Gott, diese Haare sind schon sehr liederlich zusammen gesteckt. Sie sehen ja aus wie ein Frühjahrsbusch …”

Noch während ich insgeheim überlege, wie wohl genau ein Frühjahrsbusch aussieht, mache ich auch schon auf dem Absatz kehrt und verlasse im Stechschritt das Zimmer, was Frau Coco keineswegs davon abhält, munter weiter vor sich hin zu Rhababern. Wie Wasser aus einem Springbrunnen sprudelt ununterbrochen Wort um Wort aus ihrem Mund hervor. UNFASSBAR das!

Im Aufnahmezimmer hockt Notfall mit roter Stirn und Kaffeepott Nummer 6 auf der Bank und hebt abwehrend die freie Hand: “Kannst du vergessen, Josephine! Ich geh da NIE WIEDER rein! Ich schwöre!”

“Aber irgendetwas müssen wir doch tun? Wir können sie schließlich nicht den ganzen Dienst über dort liegen lassen!” jammere ich ein bisschen “Was hat die Frau überhaupt?!” – “Du meinst, ausser einem Riesen-Dachschaden?! Die Einweisungsdiagnose lautet jedenfalls Verdacht auf vaginale Blutung!”

“Super” raunze ich wenig begeistert “sie macht nicht wirklich den Eindruck, als würde sie jeden Moment verbluten…?!”

Es kostet mich fünf Minuten, mein restliches Snickers und die Aufbietung all meiner Kräfte, Notfall zurück ins Ambulanzzimmer zu schleppen. Dort dann gleich die nächste Katastrophe”:

FANCY-NANCY?! Du hier????” Wie aus einem Mund bricht es aus uns heraus – was um alles in der Welt hat Mrs. Wonder-Surgeon hier verloren?

Nancy steht derweil – schön, wie der Herr sie erschaffen hat, in ihren perfekt sitzenden Jeans und schweineteurem, fliederfarbenem Kashmir-V-Ausschnitt-Pulli am wohlproportionierten Astralkörper – an Frau Chanels Seite und, oh-mein-Gott, REDET, während Oma Sabbel entzückt lauscht.

Unser Auftritt wird von Gottes Geschenk an die Menschheit nur mit eisigem Missachten gestraft – Nancy ist viel zu schön und viel zu arrogant, um auch nur die Luft zu teilen, die in dieser stickigen, kleinen Bude steckt, Frau Coco jedoch ist augenblicklich bereit, uns über den Grund des chirurgischen Privatkonsils in Kenntnis zu setzen.

“DAS” verkündet sie nun strahlend und mit stolz geschwellter Brust unter dreireihiger Süsswasserperlenkette “DAS ist meine ganz bezaubernde Enkelin Nancy!”

“Is´ nich wahr…!” entfleucht es Notfall trocken während ich vergeblich versuche, mich nicht an meiner eigenen Spucke zu verschlucken.

“Das ist” würge ich zwischen zwei Hustensalven gepresst hervor “ja ganz großartig. Dann kann ihr TopJob-Traumenkelchen sie ja gleich mal chirurgisch unter die Lupe nehmen, während ich nach meinen drei bis fünf Geburten schaue.”

Und schwups – schon bin ich weg.

“Das kannst du mit mir nicht machen!!!” schallt es leiser werdend über den Flur hinter mir her, während ich renne, als gäb´s kein Morgen mehr “lass mich nicht alleeeeeeeiiiiiin…!!!”

Sorry, Notfällchen, aber besondere Umstände erfordern eben besonderes Handeln!

Die Strafe meines unerlaubten Entfernens von der Truppe folgt auf den Fuss, denn der Kreißsaal-Überwachungsmonitor empfängt mich mit einem mittelunschönen CTG in Kreißsaal Vier – wir erinnern uns: kleine Frau, großer Mann, dickes Kind. Und es ist gerade einmal – Uhrenvergleich – Elfhundert!…

——————————–Coming back soon!———————–

II. The Storm – Part II

18 Stunden zuvor…

“Ich habe seit drei Wochen einen Pickel am Po – der stört mich jetzt. Können sie mal schauen…?!”

“Es brennt beim Pinkeln – gibt es da nicht etwas von BlaBlaPharm?!”

“Meine Brustwarzen schielen – kann man das operieren?”

“Ich bekomme einfach keinen Orgasmus – was soll ich tun?”

Dies nur ein kurzer Abriss der ambulanten “Notfälle”, die sich seit Dienstbeginn um Null-Achthundert in meiner kleinen, heimeligen Ambulanz eingefunden haben. Schwester Notfall schüttet gerade entnervt den vierten Pott Kaffee hinunter und ich frage mich ernsthaft, ob sie irgendwo eine Externe Blase installiert hat, denn bei dieser Menge Plörre käm ich gar nicht mehr von der Schüssel runter.

“Notfall – du solltest auf Wasser umsteigen. Soviel Koffein beisst sich mit deinem Adrenalin-Überschuss!”

“Pffff” bekomme ich nur abfällig zur Antwort “Ohne Koffein käm hier ab 9 Uhr keiner mehr lebend rein. Oder raus!”

Notfall ist eigentlich die Ruhe in Person, aber der fünfte Dienst in Folge hinterlässt auch an ihr, der alten, erfahrenen Ambulanzschwester, Spuren. Drei Tage vor Vollmond und zwei danach spielen die Leute monatlich verrückt. Dann spült der große, weisse Himmelskörper Wahnsinnige, Verrückte und wahnsinnig Verrückte in die Notaufnahmen dieser Welt, mit Krankheitsbildern, die  so schräg sind, das man es kaum glauben mag.

Ich durchwühle den mittlerweile auf beachtliche Größe angewachsenen Aktenberg nach einer Patientin mit echten Beschwerden – und fördere statt dessen nur weitere Kuriositäten zutage.

“ÄCHT JETZT??? Kann meine letzten fünf Tampons nicht mehr finden!” Entgeistert starre ich erst auf den säuberlich in Kleinmädchenschrift ausgefüllten Ambulanz-Aufnahme-Zettel und dann hinüber zur Schwester, die mich nur – mitleidig mit dem Kaffeepott zuprostend – angrient. “Du wirst es nicht glauben” meint sie “das Mädel ist vorneweg Mitte Zwanzig. Entweder hat sie die Tampons jetzt erst für sich entdeckt, aber das Prinzip nicht so ganz verstanden – oder sie ist nicht das hellste Licht im Leuchter!”

Ich würde die ganze Sache ja wirklich gerne vertiefen, als justamente das Diensthandy den Kreißsaal ankündigt – Gloria-Victoria, geliebte Hebamme und wonniger Sonnenschein, eröffnet die heutige Runde mit dem ersten Überraschungsei – Frau mit-ohne Geburtstermin in unbekannter Schwangerschaftswoche. Das ist ja lustig.

Zwei Minuten später sitze ich einer 42jährigen Frau im wallenden Batikkleidchen gegenüber, deren Achselhaar frei und lockig bis fast auf die Hüfte fällt und dezent nach Schweiß und keinem Duschzeug riecht. Wie gut, dass das willkürliche Ein- und Ausschalten des Riechnerven Grundvoraussetzung für die gynäkologische Facharztprüfung ist…

“Frau Öko, wie kommt es, dass sie in all den Wochen ihrer Schwangerschaft gerade zwei mal beim Frauenarzt aufgetaucht sind?!” Ich gebe zu, ich bin ein wenig angefressen – Riechbelästigung hin oder her – wegen der nicht statt gehabten Vorstellungen. Macht einem das Leben recht schwer, wenn man nicht weiss, ob das Kind, das man demnächst in Empfang nehmen soll, schon reif für diese Welt, oder eben viel zu früh, vielleicht noch unterzuckert oder gar komplett unterversorgt ist. Whatever! Ich meine – klar kann jede Frau machen, wie sie will. Keine Vorsorge – BITTE! Kein Ultraschall – KEIN Problem! Aber dann soll sie doch gerne WOANDERS entbinden, denn hier bin ICH für die kleinen Rüben zuständig und wenn es denen nach Geburt dreckig geht, nehme ich das persönlich. SO ist das nämlich!

Frau Öko kann weder meine Wut noch Sorge nachvollziehen – sie hätte jetzt bitte-danke ihre ambulante Entbindung und das war´s. Kein Ultraschall, keine Braunüle und schon gar keinen Arzt, bitte-sehr. Gloria tätschelt mir vorsichtig die Schulter während ich einfach nur einatme und ausatme. Immer nur ein- und ausatme…

“Ich hänge Frau Öko mal ans CTG und dann sehen wir schon weiter!” säuselt sie – verschwörerisches, heftiges Augenzwinkern in meine Richtung – zur Patientin hin und schiebt mich energisch zur Kreißsaaltür hinaus.

“Ich mach das schon – schau du mal nach der Vier!” *Peng* – Zu der Kreißsaal!

Kreißsaal Nummero Vier malt gerade wunderschöne Herztonkurven über noch schöneren Wehenhügeln – sollte dies der Lichtblick meines trögen Dienst-Tages werden? Frau Viers Akte hingegen zerschlägt meine Hoffnung augenblicklich mit dem dem lapidaren Satz:

Zweitgebärende mit Verdacht auf makrosomen Fetus und Zustand nach Sectio bei Geburtsstillstand

Auf deutsch: Kaiserschnitt beim ersten Kind weil es nicht voran ging, jetzt wohl dickes Baby. Herzlichen Glückwunsch! Frau Vier ist – wie ich kurz darauf feststellen muss, zu allem Unglück auch noch mikroskopisch klein, ihr Mann hingegen ein Berg von einem Kerl – und das Baby im monströsen Bauch scheint leider ganz nach der väterlichen Seite zu schlagen.

Nichts desto Trotz ist Familie Vier unglaublich sympathisch, unfassbar motiviert und gottlob unwissend, was meine Bedenken hinsichtlich dieser Geburt betrifft! Und obendrein wollen sie dieses Mal eine spontane Entbindung. Auf alle Fälle!

Ich will ganz sicher nicht der Spielverderber sein, aber meine Hoffnung auf normales Entbinden ist extrem niedrig. Um nicht zu sagen: geht gegen Null. Aber probieren kann man ja mal. Ich kläre die zwei Vierer also auf – über einen erneuten Geburtsstillstand mit nachfolgendem Kaiserschnitt (selbes Procedere wie letztes Mal!), das Steckenbleiben der Schulter und alle möglichen anderen Komplikationen. Das Paar ist aufmerksam, hoch differenziert – und in jedem Fall bereit, die Sache anzugehen. Okay, so lasst die Spiele denn beginnen. Ausgangsbefund: Finger durchgängig, Gebärmutterhals erhalten. Uhrenvergleich: Null-Neunhundertdreißig!

In der Ambulanz wartet besagtes menschliches Tampon-Depot immer noch auf adäquate Behandlung – die Wasserstoffperoxid gebleichte Hochglanz-Blondine sitzt bereits – lässig drapiert, den gürtelbreiten Stretchmini bis zum Bauchnabel hochgezogen und in glänzenden Kunstleder-Overknees – auf meinem Untersuchungsstuhl. Fasziniert betrachte ich die ausladende Oberweite der Frau, die nur mühsam von einem Hauch Nichts einer Bluse zusammen gehalten wird. Der oberste Knopf, welcher nur noch am berühmt seidenen Fädchen hängt, scheint sich sekündlich verabschieden zu wollen, und ich befürchte ernsthaft, während der Untersuchung unter der Masse des Cup H-Silikon-Busens begraben zu werden.

“Hallo – ich bin Dr. Josephine. Sie hätten aber noch gar nicht auf dem Stuhl Platz nehmen müssen. Sitzen sie schon lange da?”

Auf dem sorgfältig zurecht gemachten, 4mm-Make-Up-Gesicht macht sich greifbare Enttäuschung breit. Der Knopf an Blondies Blusen-Nichts vibriert bedenklich an seinem Fadenrest, als die Kleine nach kurzer Schreckpause ihrer Empörung freien Lauf läßt: “Sie sind ja gar kein Doktor!!!”

“Verzeihung, aber ich bin sehr wohl ein Doktor. Mit Brief und Siegel und zwar nicht erst seit gestern!” Das wird ja immer schöner – muss ich jetzt schon in aller Herrgottsfrühe meine Approbationsurkunde vorlegen? “Womit kann ich ihnen denn jetzt helfen?!”

“SIE” schnippt Blondie mit verächtlich gekräuselten, grellrot geschminkten Lippen “SIE können mir gar nicht helfen! Ich brauch diesen Doktor. Fred! Doktor Fred, DEN will ich haben!”

Ächt jetzt – Blondie zieht Vollpfosten-Fred meiner Person vor. Unfassbar das! “Dr. JU_PI_TER” schmolle ich gekränkt zurück, jede einzelne Silbe nachdrücklich betonend “Dr. Jupiter ist heute nicht im Haus – sie müssen schon mit mir Vorlieb nehmen!”

Doch das muss diese Frau mitnichten. Erstaunlich gelenkig springt sie mitsamt XXL-Oberweite auf ihre 20-Zentimeter-Highheels und schiebt das Gürtelröckchen minimal Richtung Oberschenkel – gerade weit genug, um den Ansatz ihrer großen Schamlippen zu verdecken. Dann zieht sie – hoch erhobenen Hauptes und ohne ein weiteres Wort – an mir vorbei gen Ausgang. Sprachlos blicke ich ihr hinterher, wie sie – wild die Hüften schwingend – über das Krankenhauslinoleum davon hämmert. Notfall hängt derweil quiekend und japsend über dem Verbandswägelchen und wischt sich die Lachtränen aus dem Gesicht. “Du müsstest dein Gesicht sehen, Josephine! Ächt jetzt – du schaust wie ´ne Kuh wenn´s blitzt!”

Und genau so fühl ich mich auch. Doch lange Zeit bleibt mir nicht, meine akute Befindlichkeit zu überdenken, denn zum gefühlt tausendsten Mal an diesem unsäglichen Morgen, klingelt das Telefon und kündigt – mal wieder – den Kreißsaal an.

“Josephine – Zugang!”

“Notfall” jammere ich selbstmitleidig “ich will nach Hause!” – “Aber sicher, Josephine! Kannst du ja auch – in gerade mal…” kurzer Blick auf ihre am Krankenschwesterrevers baumelnde Uhr “…22 Stunden und 3 Minuten!”

“Du kannst so unfassbar motivierend sein” grummle ich vor mich hin, während ich den Weg zurück zum Kreißsaal nehme.

————————– Stay tuned – Coming back soon ———————————-