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Herz vor Hirn…

13 Uhr

Ich bin spät dran! Die Landstraße kringelt CTG-gleich durchs Gelände, gerade prasselt der 50ste Frühlings-Dauer-Schauer auf die Karre und ich stell die Scheibenwischer vorsichtshalber auf Überschallgeschwindigkeit, als vor mir – aus dem Nichts – ein Hund auftaucht. MITTEN auf der Strasse! Ich tret also volle Lotte in die Eisen, schlingere gefährlich nah am steil abfallenden Seitenstreifen entlang, und komme 2 m vor dem völlig durchnässten Golden-Retriever zum stehen. Dieser torkelt, scheinbar absolut planlos, in ebenfalls CTG-konformen Zick-Zack-Linien über die enge Kurvenstrasse, und läuft – wie vom Schnürchen gezogen auf dem Mittelstreifen – links an mir vorbei. Laut fluchend schalte ich die Alarmblinkanlage ein und bringe gleichzeitig – mittels Lichthupe und wildem Aus-Dem-Fenster-Winken – das mir entgegenkommenden Fahrzeug zum Abbremsen.

Schei** Stelle hat sich der kleine Kerl da ausgesucht – inmitten unübersichtlicher mehrfach-Haarnadelkurven läuft nicht nur er in der Gefahr, vom nächsten Gefährt platt gefahren zu werden, nein, auch ich fühl mich – so mittenmang in uneinsichtigem Bereich – den Dauerrasern dieser Strecke hilflos ausgeliefert. Wenn JETZT von hinten einer kommt, hängt er mir im Heck, dann Gute Nacht, Lotte.

Ich park mein Lieblingsgefährt also todesmutig im recht steil abfallenden Seitenstreifen und renne auf Business-Absätzen und in Sommer-Schnick-Schnack-Kleidung hinein ins Unwetter. Innerhalb von 2 Minuten bin ich durchweicht bis auf die Knochen – allein, den Hund störts wenig, und so schaut er mich nur kurz mit abwesendem Blick an, bevor er – ebenfalls nass bis aufs Unterfell, weiter die Straße entlang torkelt.

Er hinkt – ganz deutlich – auf dem rechten Hinterlauf, und irgendwo verliert er Blut, denn in den Sturzbach der Straße mischen sich in unregelmäßigen Abständen kleine Blutpfützen!

Ich muß ein großartiges Bild abgegeben haben, wie ich da – mit den Autofahr-Bestechungs-Leckeris UNSERES Hundes und triefendem Haar laut rufend hinter dem willenlos weiter zockelnden Köter herlaufe, abwechselnd pfeifend, schnalzend und wild mit den Armen rudernd, sobald ich von Ferne ein Auto heranrasen höre.

Vielleicht hat das Tier einfach Mitleid mit mir, vielleicht ist ihm auch nur mein Geschrei zu viel, oder er hat Bock auf mehr Leckerli, jedenfalls macht er nach gefühlten 500 m Dauerverfolgung plötzlich auf der Hinterpfote kehrt und wackelt bereitwillig auf mich zu. Und noch während ich mit Rechts die Notrufnummer ins Handy hämmer, schnapp ich mir mit Links das breite, Markenlose Halsband und werf mich – gerade rechtzeitig – vor dem nächsten vorbeirasenden Irren mitsamt Tier und Telefon ins Straßengebüsch.

Meine schweineteuren Lederschuhe sind durchweicht bis aufs Innenfutter, die Frisur sitzt schon lange nicht mehr, und der nette Polizist am anderen Ende der Leitung versteht kaum ein Wort, so laut klappern mir die Zähne vor Kälte aufeinander. Aber er verspricht, so schnell wie möglich einen Einsatzwagen zur Rettung von Tier und Mensch vorbei zu schicken – könnte allerdings ein paar Minuten dauern, wir sind schon ein Stück weit draußen in der Wallachhei.

Weil jetzt sowieso alles zu spät ist, will ich den angeschlagenen Goldie durchs Gebüsch in Richtung meines Wagens schleppen, denn dort hat es einen Hundekäfig und ein Handtuch, sogar noch Extra-Leckerli und ne Flasche Wasser – aber Hundi ist jetzt fertig mit der Welt und läßt sich – mit einem tiefen, mitleiderregendem Seufzer – im kniehohen Gras nieder. Und weil ich fürchte, er könne sich wieder todesmutig auf die Straße schmeißen, sollte ich ihn auch nur kurz von der Hand lassen, knie ich mich eben daneben. Ist jetzt sowieso egal, SO kann ich heute nirgendwo mehr auftauchen.

25 Minuten später kommt mein persönlicher Freund und Helfer, klippst den Goldie an die mitgebrachte Leine und wie selbstverständlich trottet der Kerl mit dem Polizisten zum Auto und steigt ein wenig schwerfällig hinein. Ich gebe noch schnell – triefend und schnatternd – meine Personalien auf, bevor auch ich entlassen bin. Auf dem Weg zurück zu meinem geduldig im Seitenstreifen stehenden Auto ruft mir der zweite Polizist noch über die Schulter zu: “Das war ganz schön gefährlich, hier anzuhalten, daß hätte auch ins Auge gehen können…!”

Ächt jetzt???? Da wär ich ja NIE drauf gekommen… *HUST*

Hab mich gestern mal erkundigt – Goldie gehts gut, war seiner Familie ausgebüxt, ist jetzt aber wieder Zuhause. Die ruinierten Schuhe waren schnell vergessen, nachdem mir meine Kinder (das Mittlere gar mit Tränen in den Augen) des abends mehrfach versichert hatten, was für eine HELDIN ich doch sei, den aaaaaaaaaarmen Hund gerettet zu haben! Mal ehrlich – wer braucht DA schon teure, italienische Schuhe…??? ;)

Ausflug in die Veterinärmedizin…

Mittwochmittag, 14 Uhr, Sonnenschein und Osterurlaub – was genau möchte Frau da am allerliebsten machen? RICHTIG! Blutegel anhängen.

äh – HÄÄÄÄÄH….?!?!?!

Okay, der geneigte Leser mag sich fragen, ob Frau tatsächlich noch alle Latten am Zaun hat – hat sie nicht. Dafür aber eine kleines Kind mit den größten, treuesten Augen der Welt, und ein Pflegepferd, dessen Guckerchen denen des Kindes in nichts nachstehen. Und eben jenes Pferd hat Hufgelenksentzündung (das ist quasi das Sprunggelenk der Vierbeiner…) – und weil eben jenes Kind (und Muttern auch…) auf eben jenem Pferd erst dann wieder reiten kann, wenn die Entzündung behandelt und geheilt ist, mußte ich gestern veterinärmedizinisch tätig werden. Im doppelten Sinn quasi: das Tier kriegt Tierchen angesetzt.

Nachdem wir (= Besitzerin und ich) uns ausführlich im Netz über die alternativen Zusatztherapien der fiesen Gelenksentzündung kundig gemacht haben, sind wir mehrfach auf optimistisch stimmende Berichte übers Blutegeln gestoßen. Und da meine Lieblingsfreundin, Hebamme von Beruf (macht nichts – ich mag sie trotzdem… *ggg*) die Egel gerne mal zur Haemorrhoidal-Therapie nutzt, hab ich mir kurzerhand eine Einführung geben lassen, und das ganze für nicht allzuschwierig durchführbar erachtet.

Nachdem D. (= Besitzerin) nun eben jene Egel (in der Apotheke erhältlich – man sollte sich allerdings nicht wundern, wenn man bei der Erstbestellung ein wenig dämlich angeschaut wird) besorgt hatte, schritten wir – mehr oder weniger begeistert –  zur Tat. Bewaffnet mit den Egeln im Glas, zwei extralangen anatomischen Pinzetten, einem Schnapsglas, einem einmal-Rasierer und jeder Menge warmen Wasser (die Viechter sind wie ich – die schaffen nur, wenn sie schön warm geduscht haben…) verzogen wir uns samt Pferd an eine ruhige, sonnige Ecke des Hofes, und legten los: Zuvor ausgesuchte Stelle vorsichtig kahl rasieren, Glas öffnen – und sich einen von drei am Deckel hängenden Egeln mit der Pinzette schnappen. Ziehen. Egel wird laaaaaaaaaaaaang und läääääääääänger. Fester ziehen. Zwei von drei am Deckel hängenden Egel lassen urplötzlich ebenselbigen los, und fallen auf mein Hosenbein. Egel Nummer drei denkt gar nicht daran, Deckel loszulassen und ploppt in Nanosekunden auf Anfangsgröße zurück, während ich – Schreikrampf unterdrückend – die Egelfreunde von Anna, der Anhänglichen von meinem Hosenbein picke. Während ich die Kumpels zurück ins Glas stopfe, hat Anna den Kampf aufgegeben, und läßt sich bereitwillig zum Huf tragen.

Kaum an rasierter Stelle angekommen, holt Anna einmal tief Luft – und dockt am Pferd an. Wie schön! Zwei Millisekunden später stellt das Pferd fest, daß es Blutegel nicht leiden kann, und reißt den Huf hoch, um das lästige Tier abzuschütteln. Schade nur, daß mein Kopf sich genau innerhalb der Flugbahn befand – ich arbeite mit Brummschädel weiter, nachdem ich Anna von der gegenüberliegenden Stallwand gekratzt hab. Doch Anna-Egel hat jetzt keinen Bock mehr auf Flugstunden, und muß nach mehrfach erfolglosen Andockversuchen zurück ins Glas – Eddy-Egel ist der nächste Kandidat, und sollte eigentlich leichtes Spiel haben, wo es jetzt ja schon ein bißchen blutet, und er nur noch reinhauen muß… – müßte, will aber nicht. Nach minutenlangem ausprobieren (mit einer Pinzette, mit zweien, mit Handschuh…) funzt dann der Schnapsglastrick: Eddy rein, Glas auf Huf, Eddy beißt.

Da D. wohlweislich den anderen Vorderhuf hoch hält, um das Pferd am erneuten Austreten zu hindern, kann Egel-Eddy ungestört seiner Mahlzeit nachgehen – bis Island (das Pferd) so unruhig wird, daß D. den Huf loslassen muß – und mit einem beherzten Sprung in die Stallgasse entgehe ich knapp einem Zusammenstoß mit Eddy dem E(a)gel, der verstört dreinschauend in seinem Glasflugkörper an mir vorbei schießt.

Wir verbringen insgesamt noch eine halbe Stunde mit mehr oder weniger kläglichen Egel-Andock-Versuchen, bevor wir die weitere Therapie auf das kommende Wochenende verschieben. Eddy, Anna und Freunde sind nach diversesten Flugstunden auch nicht mehr wirklich fit und freuen sich garantiert auf ein paar Tage gemütliches Abhängen im Gurkenglas…