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Advent, Advent, die Hütte brennt…

“Josephine?”

*whisper* “Waaaas?”

“Josephine!”

*sehrleisewhisper* “Waas iss…?!”

“JOSEPHINE!”

“Herrgott noch eins, OsoleMia, ich bin NICHT DA! Siehst Du das denn nicht?”

Ich ziehe eine weinerlich Schnute und raffe den grünen OP-Mantel enger um meine Schultern.

“Ich sehe dich in der Gebärwanne hocken. Körperlich durchaus anwesend, aber ich muss zugeben, dass ich mir über deinen geistigen Zustand gerade nicht wirklich im klaren bin!” doziert die kleine, graulockige Hebamme böse. Ihre Fussspitze klopft ungeduldig auf den gefliesten Badezimmerboden.

“Ich bin müde!” jammere ich wehleidig “Und ausgelaugt. Und überarbeitet. Und…”

“Papperlapapp!” entschlossen greift Soli jetzt nach der Duschbrause und hält sie mir drohend, mit der Wasserspritzenseite, entgegen, als wolle sie sie mir gleich über den brummenden Schädel ziehen “Jammern war gestern, heute ist Dienst. Raus aus der Wanne!”

“Das ist nicht wahr! Gestern war AUCH schon Dienst. Und Samstag vor drei Tagen. Donnerstag. Letzten Montag!…”

Wütend zähle ich die Tage des Grauens herunter, während ich missmutig aus der Wanne klettere. Doch da ist die kleine Italienerin auch schon geschäftig davon gewuselt, hinaus, in die unendlichen Weiten des nächtlichen Kreißsaales, zu wehenden Müttern und leise tuckernden Herztonüberwachungsmaschinen. Ich seufze tief. Ein und aus.

“Josephiiiiiine!” höre ich sie von Ferne rufen.

“Ich komm ja schon!” murmel ich böse. Dann schlurfe ich lustlos zu Tür hinaus.

Du weisst, dass Du dringend mal wieder Urlaub vom Arzt-Job brauchst…

10. …wenn Du mehr persönlichen Kram in Deinem Dienstzimmer deponiert hast, als Zuhause im Wohnzimmer!

9. …wenn die Nachtschwester dich zu Schichtbeginn mit einem freundlichen “Wie war dein Tag, Liebling?” begrüsst.

8. …wenn die Küchenhilfe genau weiss, was du am liebsten isst und wie du deinen Kaffee trinkst.

7. …wenn du deine Gäste mit den Worten: “Hallo – was haben sie denn für Beschwerden?” begrüsst.

6. …wenn du nachts im Pyjama in den Kreissaal und tagsüber im OP-Kittel in den Supermarkt gehst.

5. …wenn du zwar genau sagen kannst, wie man am schnellst von Station 8B über das Labor, die Röntgenabteilung und an der Cafeteria vorbei nach internistisch 3F kommt, Zuhause aber schon seit Wochen die Waschküche nicht mehr gefunden hast.

4. …wenn du versuchst, die Apgar-Werte deiner halbwüchsigen Kinder zu bestimmen

3. …wenn du der schwangeren Nachbarin im Garten nebenan dringend ein CTG anlegen möchtest.

2. …wenn du deinen Mann nur noch mit “Guten Tag, Chef” begrüsst.

Und ganz sicher weisst du, dass du dringend mal wieder Urlaub vom Arzt-Job brauchst, wenn…

1. …du am Wochenende, pünktlich um 9 Uhr, zur Visite in den Zimmern deiner Kinder aufschlägst!

Hypnose-Kröte! Oder: Das “Who is who” chirurgischer Operationssäle…

So – nachdem jetzt von mehreren Seiten Bedenken bezüglich des Urheberrechts kamen, habe ich diese wunderbaren Text – der, wie ich gerne erneut und ausdrücklich wiederholen NICHT von mir, sondern dem Kollegen Hypnose-Kröte stammt, dessen Blog leider nicht mehr existent ist – wieder heraus genommen. *EwigerSchachtelsatzOff*

Hypnosekröte – komm wieder! Ich glaube, Du bist super :)

Schuld waren immer die Mormonen…

Frau Blümig, 156 cm klein, 145 kg schwer, Typ II Diabetes, Bluthochdruck mit vaginaler Blutung, obwohl sie schon vor einigen Jahren sicher in den Wechseljahren angekommen war. Deswegen jetzt in Chefarzt Böhnleins Privatambulanz gelandet.

Frau Blümig: “Wissensie, Härr Schäffarzt, habe ich immär so Hitze und Wallung und dann kommt das Blut immär wiedär, wissensie, Härr Schäffarzt?”

Chefarzt Böhnlein (freundlich): “Das hängt alles auch ein bisschen mit ihrem Gewicht zusammen – sie müssten dann mal ganz dringend einige Kilo abnehmen, damit das alles wieder einigermassen in die Reihe kommt!”

Frau Blümig (treuherzig): “Abär wissensie, Härr Schäffarzt – Tochtär sagt: ist nicht Gewicht, was machen mir die Probläme – das sind einfach nur die Mormonen…!”

Na, dann ist ja alles klar… :)

Gerücht oder Wahrheit

In den Antworten auf mein letztes Blogpost wurde mir mal wieder klar, dass es noch viele ungeklärte Dinge zwischen medizinisch tätigen Menschen und Schwangeren samt deren Umkreis gibt. UNGLAUBLICH viele Dinge! Hier der Versuch, ein wenig Licht in diese unendliche Diskussion zu bringen… :)

Gerücht: Frauen werden gezwungen, während der Geburt auf dem Rücken liegend zu entbinden!

Wahrheit: Die meisten Frauen landen früher oder später freiwillig auf dem Rücken! Und zwar völlig ohne Zwang durch Hebamme oder Geburtshelfer(in). Wenn ich für jedes Wort, dass ich gegeben habe, um eine Schwangere zum Entbinden in den Vierfüssler zu bekommen, oder auf den Hocker, oder wherever – einen Euro bekommen hätte, ehrlich, ich bräuchte nie wieder arbeiten gehen!

Gerücht: Alle Frauen bekommen aus lauter Bosheit/ Langeweile/ dümmlicher Bürokratie Blut abgenommen und Braunülen gelegt!

Wahrheit: Über das Blut kann man eventuell streiten, solange die Frauen tatsächlich eine komplett unkomplizierte Schwangerschaft hinter sich haben. Manchmal ist es jedoch gar nicht schlecht, auch bei solchen Frauen ein Vergleichslabor zu haben. Zum Beispiel bei vorzeitigem Blasensprung, um rechtzeitig eine aufsteigende Infektion abzuschätzen. Oder weil der Anästhesist zum Legen der PDA gerne noch mal auf die Gerinnung geschaut hätte. Was die Braunüle angeht – ja, die meisten Frauen brauchen sie nicht. Aber wer schon einmal bei einer Frau im akuten (Blutungs)schock, oder kurz vor Notsectio versucht hat, schnell-schnell eine Viggo (= venöser Zugang) zu legen, oder wer weiss, wie lange es dauern kann, dieses vermaledeite Ding drin zu haben, wenn sich die kindlichen Herztöne gerade im Sinkflug befinden und man leider keine Bolus-Wehenhemmung spritzen kann, der ist auch bei diesem Thema eher unumgänglich…

Gerücht: Alle Frauen können ohne PDA entbinden!

Wahrheit: Stimmt! Oder besser gesagt: alle Frauen könnten ohne PDA entbinden. Haben unsere Vorfahrinnen immerhin tausende von Jahren hindurch getan. Die Wahrheit ist: es gibt immer noch mehr als genug Schwangere, die partout NICHT ohne PDA entbinden WOLLEN! Die schon nach dem Anästhesisten brüllen, bevor sie überhaupt den Kreißsaal erreicht haben. Die weder in die Badewanne noch laufen noch hocken noch sonst etwas wollen – NUR Schmerzstillung. Denen kannst Du die Geschichte vom Pferd erzählen, oder dich auf den Kopf stellen und mit den Ohren wackeln – völlig egal! Die sind absolut unzugänglich für jedwede Zuwendung.

Gerücht: “Im Krankenhaus kann AUCH viel schief gehen!” (Bezug nehmend auf Hausgeburt vs. Krankenhausgeburt)

Wahrheit: Bei Geburten schlechthin kann IMMER etwas schief gehen. Es gibt keinerlei Garantie auf komplikationsloses Entbinden, egal, wie schön die Schwangerschaft davor war, wie groß oder klein das Kind, wie oft Mama schon geboren hat und wann und wie. Geburt ist wie spazieren gehen auf der Autobahn (DANKE für diesen Vergleich :)), aber wer im Krankenhaus entbindet, spaziert im von der Polizei abgesicherten Bereich. Selbstverständlich kann auch da jederzeit ein verrückter Raser oder ein schlafender Brummifahrer in einen hineinkrachen, aber die Wahrscheinlichkeit, dass es gut geht, liegt einfach deutlich höher!

WENN bei einer Geburt im Krankenhaus etwas schief geht, dann ist es meist menschliches Versagen – weil keiner gemerkt hat, wie schlecht es dem Kind geht. Weil zulange zugewartet wurde. Gefahrensituation nicht erkannt, etc. pp.

Wenn bei einer Hausgeburt etwas schief läuft, dann ist es oft Schicksal: Vorzeitige Lösung, Nachblutung, Kind passt nicht, Nabelschnurvorfälle – so etwas eben. Dinge, die für die hohe Säuglingssterblichkeit der vergangenen Jahrtausende verantwortlich waren. Ich habe schon etliche Geburten miterlebt, wo das Kind tatsächlich nur deshalb wohlbehalten zur Welt kam, weil man eben die Möglichkeit hatte, binnen Minuten einen Kaiserschnitt durchzuführen. Weil der Nabelschnurknoten sich zugezogen hatte. Oder der Mutterkuchen vorzeitig gelöst war. Oder die Nabelschnur vorgefallen. Undenkbar, wenn man in solch einer Situation erst mit der Frau in den Rettungswagen müsste, dann ins Krankenhaus, dann in den OP, dann Anästhesie….

Ich bin kein Gegner der Hausgeburt – wer es möchte, darf es gerne tun. Aber man muss sich einfach darüber im klaren sein, das ein größeres Restrisiko für Komplikationen besteht, als bei einer Krankenhausgeburt. Klar – wenn es gut geht, sind alle froh, aber wehe, es passiert etwas…

Gerücht: Ärzte machen gerne Kaiserschnitte.

Wahrheit: Jein. Ärzte operieren vielleicht gerne – aber mal ernsthaft: eine Sectio ist nach dem gefühlt zwanzigsten Mal nicht mehr so richtig spannend. Also – vom operativen Anspruch her. Okay – Anfänger finden das noch super, aber die finden es auch super, einen Eiterpickel so richtig mit örtlicher Betäubung und scharfen Löffel aus dem Hintern zu prockeln. Da wird alles, was nicht bei drei aus dem Haus ist, operiert. DIE dürfen aber noch garnicht alleine entscheiden, ob sectioniert werden soll und wenn ja, ob SIE auch operieren dürfen. Fakt ist: etliche Frauen kommen und WOLLEN eine Sectio. Wegen des schönen Geburtsdatums (6.6., 7.7., 8.8., usw), der Wetterlage, des Gatten Urlaub, des Sternzeichens, oder auch simpel weil “kein Bock mehr!”.

“Und wenn SIE das nicht machen, dann gehen wir eben ins Krankenhaus ans andere Ende der Stadt!” – Jawoll, ist recht! Sieht leider nicht jeder Chef so, denn…

Gerücht: …Sectiones bringen mehr Geld als Spontangeburten

Wahrheit: Stimmt! Aber wenn überhaupt, hat nur der Chef etwas von dieser Regelung. Und heutzutage eigentlich auch nicht mehr wirklich, denn die OPs werden über das Haus abgerechnet und beeinflussen das Chefgehalt nur in Bezug auf den Privatpatientenstatus. ICH zumindest habe noch nie einen Gehaltsscheck erhalten, auf dem “Zweitausend Euro Extra-Zahlung wegen zahlreich durchgeführter Kaiserschnitte” gestanden hätte…

Gerücht: Gynäkologen sind schnell mit der Sectio bei der Hand, wenn es was schwieriger wird.

Wahrheit: Das Showbiz ist ein gefährliches Pflaster. Und es gibt Situationen, in denen nicht klar ist, wie die ganze Nummer ausgeht. Beispiel: Kleine Frau, bisschen muckelig, erstes Kind, 4000 g geschätzt. Geburtswege eng. Jetzt ist nach langem hin und her der Muttermund vollständig, aber das Köpfchen noch SAUWEIT hoch. Dafür wird das CTG gerade seltsam, die PDA lässt nach und Frau schreit nach Entbindung. Was jetzt? Ziehen oder schneiden? Die Frau will spontan, allerdings JETZT und SCHNELL und am besten auch noch ganz schön schmerzfrei. Aber was, wenn die Glocke abreisst? Die Schulter stecken bleibt? Wenn das Köpfchen gar nicht tiefer kommt? Oder tiefer kommt, und man DOCH sectionieren muss? Wer schonmal ein Köpfchen von Beckenboden zurück auf Sectio-Höhe geschoben hat, der weiss, wie unangenehm das ist. Vor allem für das Kind…

Und wenn man dann doch von unten probiert und es geht schief und dem Kind passiert etwas? DANN wird geklagt. Weil man doch der Arzt ist. Und es besser hätte wissen müssen. Und die Frau unter Geburt sowieso völlig entscheidungsunfähig ist. SUPER ist das – und im Zweifel steht man mit einem Bein IMMER im Knast…

Gerücht: Einmal komplikationslos geboren – IMMER komplikationslos geboren!

Wahrheit: Ähm ja – einmal auf der Autobahn spazieren gegangen und beim zweiten Mal trotzdem überfahren worden…

Gerücht: Je mehr Kinder eine Frau geboren hat, desto unkomplizierter wird alles

Wahrheit: Leider nicht. Das Risiko einer steckenbleibenden Schulter oder schlimmen Nachblutung steigt tatsächlich mit der Anzahl der vorausgegangenen Geburten.

Gerücht: Es gibt keine geplanten Kaiserschnitte an Wochenenden und Feiertagen, außerdem auf gar keinen Fall nach 16 Uhr, weil Ärzte faule Arbeitsverweigerer sind.

Wahrheit: Jein! Es gibt diese geplanten Sectiones tatsächlich nicht innerhalb o.g. Zeiten. Was aber nichts mit ärztlicher Verweigerung zu tun hat (schließlich sectionieren wir ja auch ungeplant an Sonn- und Feiertagen) sondern damit, dass außerhalb der regulären OP-Zeiten eben nur die Notbesetzung da ist. Und zwar nicht nur bei uns, sondern auch im OP und bei der Anästhesie. Und die alle haben hin und wieder tatsächlich auch anderes zu tun – wie Unfallopfer operieren. Oder gestürzte Rentner. Platzende Blinddärme, Darmverschlüsse, Knochenbrüche. Ja, es gibt auch ein Leben ausserhalb des Kreißsaals!

Gerücht: Das Geburstpersonal in jeder beliebigen (deutschen) Klinik ist schlussendlich nur darauf aus, es den Schwangeren so unangenehm wie möglich zu machen! Hinterrücks überfallen wir die wehrlosen Frauen mit Nadeln und Zugängen, werfen sie aufs nächste Kreißsbett, wo sie in Rückenlage gefesselt und ans CTG gekettet werden. Nach spätestens zwei Stunden erfolgt die Überführung in den OP, wo schnellstmöglich ein Kaiserschnitt durchgeführt wird. IMMER in Vollnarkose. Anschließend hauen wir unsere durch diese heimtückische Aktion unfair erworbenen Millionen in der Kneipe gegenüber auf den Kopf.

Wahrheit: Okay – ihr habt uns durchschaut… ;)

OH_MEIN_GOTT! Oder: man lernt doch niemals aus…

…frau auch nicht!

Gestern bin ich über DIESEN LINK *KLICK* gestolpert: ACHTUNG!!! Hier werden Bilder einer Wassergeburt gezeigt. Nicht, dass jemand jetzt versehentlich auf meiner Homepage gelandet ist und vielleicht kein Wasser sehen kann oder so… ;)

Aber zurück zum Link und oben genannter Seite – ich gebe zu, ich war ein bisschen baff. Und habe beim anschauen der Bilder gemerkt, wie sich mir in wohligem Grusel die Nackenhaare stellen. Nicht, weil ich das Gesehene nicht gut finde – DAS weiss ich noch gar nicht genau, wie ich es finde. Nein – weil ich mir vorstelle, wie es ist, bei solch einer Zwillings-Beckenendlagen-Geburt der verantwortliche Arzt zu sein. Verzeihung: Zwillings-Beckenendlagen-HAUSgeburt! Also zwei Babys, beide falsch herum, mit dem Po zuerst, und in der heimischen Badewanne.

OKAY – ich HABE es mir überlegt. Ich hätte Angst. Was sage ich da – Panik hätte ich! Panik in Großbuchstaben. Denn mir würden permanent Horrorfilme vor meinem inneren Auge herunterlaufen – Kopf von Baby 1 bleibt stecken. Kopf von Baby 2 bleibt stecken. Babys verhaken sich ineinander und keines wird geboren. Frau blutet. Nicht nur ein bisschen – Frau blutet viel. Uaaaaaaaah…. *InPanikWegrenn*

Versteht mich nicht falsch – ich finde es TOLL, die Bilder und wie sanft und schön alles aussieht. Und die gute Frau sitzt da ja jetzt auch nicht allein herum – eine Hebamme war dabei, eine Hebammen-Assistentin, eine Hebammenschülerin, eine Doula UND ein Arzt. In der Badewanne dann noch der Mann und hinter der Linse der Fotograf.

Aber wenn ich jetzt NOCH mal drüber nachdenke… *UAAAAAAAAH* – ich renn dann lieber. Solche Sachen sind nichts für konservativ erzogene, deutsche Gynäkologen-Schisshasen. Die meisten Chefs bekommen hierzulande ja schon Schnappatmung bei ganz normalen Einlings-Beckenendlagen-Entbindungen IM Krankenhaus. Aber zwei! daheim! in der Badewanne!!!…

Whatever. Was ich Euch damit sagen wollte?

Mein Name ist Josephine und ICH bin ein Schisshase :)

P.S.: Die Familie ist übrigens extra von Florida nach North Carolina gezogen, um diese Geburt so durchziehen zu können. Hat man auch selten, dass eine Schwangere so 1000% weiss, was sie will…!

Friede und Schwachsinn…

Ein beliebtes Instrument medizinischer Fachabteilungen ist das “Konsil”. Wikipedia sagt dazu, ein Konsil sei “die patientenbezogene Beratung von Ärzten (…) durch einen entsprechenden Facharzt.

Auf gut deutsch: Ich habe da eine Patientin auf der Gyn liegen, mit – sagen wir mal – FUSSPILZ. Jetzt fühle ich mich nicht in der Lage zu sagen, ob Frau Hammerzeh tatsächlich Fusspilz hat, oder doch eher diabetische Füsse. Oder Nagelpilz. Oder ganz was anderes (leckeres…).

Also schreibe ich auf einen (extra dafür vorgesehenen) Konsil-Zettel, um welche Frau es sich handelt, was ich meine an der Patientin diagnostiziert zu haben, dass ich mir aber nicht sicher bin, ob meine Diagnose stimmt, und der dermatologische Kollege sich die ganze Nummer doch bitte mal selbst anschauen soll. Der kommt dann auch irgendwann zwischen jetzt gleich und drei Tage nach Entlassung der Frau mit seiner Notfall-Ration Kortison… – Verzeihung: Pilzsalbe vorbei, und schreibt auf denselben Zettel, ob ich Recht hatte, oder nicht. Und wie man weiter therapieren soll.

DAS ist eine konsiliarische Vorstellung. Und die kann man für jede nur denkbare medizinische Fachrichtung durchführen. Wobei z.B. rechtsmedizinische Konsiliare nur sehr selten gefordert werden, aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Die Großmeister der konsiliarischen Anforderungen sind in fast allen Kliniken dieser Welt die Psychiater. Das mag zwei Gründe haben: psychiatrische Patienten sollen, bzw. wollen gerne beschäftigt sein. Und zwischen Morgengespräch, Mittagssitzkreis und Abend-Ergo ist eben immer noch genug Leerlauf, den es zu überbrücken gilt. Der zweite Grund – und das behaupten jetzt nur böse Zungen, ich würde mich nie soweit aus dem Fenster lehen wollen *hust*: Die Kollegen der Psychiatrie haben in den Jahren ihrer therapeutischen Tätigkeit – nun, sagen wir es einmal so: die Grundsätze klinischer Medizin ein wenig aus den Augen verloren. Anamnese erheben (klinische Anamnese, wohlgemerkt! Nicht die Frage nach dem aktuellen Gemütszustand oder so etwas), körperliche Untersuchung – die Basics eben.

Und so treibt das konsiliarische Wesen in diesen Abteilungen schonmal seeeeeehr seltsame Blüten. Wie jener Schein, der kürzlich im Konsilfach unserer Abteilung lag:

Konsilanforderung für Frau Jungblut, 33 Jahre alt, psychiatrisch stationär wegen akuten Schubes ihrer bekannten Depression

Patientin nimmt seit drei Jahren regelmässig die Pille ein. Blutung damit regelmässig alle 28 Tage. Keine Schmerzen, Pille wird gut vertragen.  Zur Zeit kein Kinderwunsch. Letzte gynäkologische Untersuchung vor 3 Monaten beim Frauenarzt: alles in Ordnung. Erbitten gynäkologisches Konsil!

Ich (am Telefon): “Hallo? Kollegin Bleuler? Ich habe gerade den Konsilschein für Frau Jungblut gefunden…!”

Bleuler (offensichtlich hoch erfreut, mich zu hören): “Ja. JA! Frau Jungblut. Depressive Patientin. Schön! Wann kann sie denn kommen?”

Ich (bemüht freundlich): “Warum soll die Frau denn überhaupt kommen? Sie schreiben doch: Keine Beschwerden, keine Schmerzen – letzte Untersuchung beim Frauenarzt vor 3 Monaten okay?”

Bleuler (liebenswürdig): “Nun – ich habe ihr gesagt, dass das gar nicht sein kann, dass man als Frau in ihrem Alter MIT Pille völlig beschwerdefrei ist. Und nachdem wir da ausführlich drüber gesprochen haben fiel ihr ein, dass sie vor Jahren immer so Bauchschmerzen hatte, wenn sie ihre Tage bekam. Vielleicht können Sie mal nachschauen, ob alles in Ordnung ist!”

Kopf -> Tischkante!!!

Auf der Jagd nach der letzten Kompresse….

Fortsetzung hiervon…. *KLICK*

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OP-Aufenthaltsraum – OP-Schwester Darling, auf einem Bein im Kreis hüpfend, sowie Anästhesie-Edda und -Igor, mit je einer dampfenden Tasse Kaffee am Tisch hockend

Ich (gereizt): “Darling – könntest Du wohl dieses elende Gehöppel bleiben lassen? Du machst mich ganz wuschig! Und helfen tut es ja offensichtlich auch nicht…!

“Nee – fast hat man das Gefühl, du machst alles nur noch schlimmer!” murmelt Edda, während sie hoch konzentriert in ihrer Tasse rührt.

Empört hält Darling in ihrem Tun inne “Mein Anti-Freaky-Friday-Tanz” hat bis jetzt noch jedes Mal funktioniert. Ab jetzt ist Schluss mit komisch!”

“Da bin ich ja mal gespannt – die Nummer mit Napoli hat mir definitiv gereicht!”

Gerade will ich ein Stück von meiner Stulle abbeissen, als die Tür sich öffnet und herein kommt…

“CHEF!” *AlleWieAusEinemMund*

Tataaa – da isser wieder…!

Ich (prüfend): “Sie sehen gar nicht krank aus – ist alles in Ordnung?”

Chef Böhnlein, gefühlsmässig der unaufgeregteste Mensch nördlich des Äquators, sieht aktuell doch sehr nach Blutdruck aus: rote Gesichtsfarbe, hämmernder Carotispuls, Schweissperlen auf der Stirn.

Chef: “Moin zusammen! Da will man nur mal schnell – also, ja, äh… – sie wissen schon. Und dann bricht mir der Schlüssel von dieser vermaledeiten Tür ab…!”

Igor grinst wie ein Honigkuchenpferd vom linken zum rechten Ohrläppchen und auch ich kann nur mühsam ein amüsiertes Glucksen unterdrücken – allein die Vorstellung, wie unser großer, ehrwürdiger Chef verzweifelt von innen gegen das Klotürchen hämmert… *totlach*

Chef, jetzt ordentlich in Fahrt geredet: “…und die Menschen von der Technik kann man morgens um 8 Uhr auch noch nichts heissen – “Das kann dauern! Da müssen wir erst mal schauen, mit welchem Werkzeug wir das Schloss heraus bekommen!” – Wunderbar. Ganz wunderbar! Habe dann den Schlüsseldienst gerufen. Siebenundneunzig Fuffzig bekommt der. Für eine Toilettentür! Und 5 Minuten. Das sind beinahe… – Tausendzweihundert Euro Stundenlohn!”

Offensichtlich völlig überrascht hält Böhnlein inne und lässt diese atemberaubende Zahl vor seinem inneren Auge noch einmal langsam vorüber ziehen. “Eintausendzweihundert Euro…” murmelt er abwesend und schüttelt ungläubig das weise Haupt. Dann – zurück im Hier und schlecht bezahlten Jetzt: “Hat denn alles schön geklappt mit der ersten Laparoskopie?” Verschämt weiche ich des Cheffes erwartungsvollem Lächeln aus, indem ich mich ganz interessiert dem Boden meiner Kaffeetasse widme. Und auch sonst herrscht betretenes Schweigen, als – Gottlob! – Ottilie in gewohnt stürmischer Manier die Tür aufreisst und: “Es ist ANGERICHTET!” durchs Räumchen brüllt.

Dann macht sie auf dem Absatz kehrt, ist schon fast wieder verschwunden, als sie kurz stoppt und über die Schulter zurück ruft: “Chef – sie haben gerade die schönste laparoskopische Darmspiegelung überhaupt verpasst. Und Napoli musste mit drei Stichen genäht werden!”

Wie auf geheimes Komando räumen wir alle in Windeseile unsere Sachen zusammen und sind auch schon hinter Ottilie her zur Tür hinaus, während der Chef staunend im Aufenthaltsraum zurück bleibt.

Die nächste Operation – Frau Hysteria, 75 Jahre und die Ausmasse einer normannischen Walküre – ist dann eine ziemlich langweilige Entfernung der Gebärmutter, während derer Ottilie mit blumiger Sprache und in den schönsten Farben den Verlauf der letzten Stunden beschreibt. Chef Böhnlein bekommt den Mund hinter seinem Mundschutz gar nicht mehr zu vor lauter Staunen.

“Und – wie geht es ihnen jetzt?” presst er mühsam zwischen zwei Ottilie-Story-Highlights heraus.

“Wem?” Die Schwester fühlt sich von dieser – ihrer Meinung nach – völlig unangebrachten Frage aus dem Konzept gebracht und fuchtelt dem Chefarzt ungehalten mit dem Stieltupfer vor der Nase herum.

“Na – der Patientin! Und dem Oberarzt!” raunzt der große Mann empört. Was für eine Frage aber auch.

“Beiden blendend. Die Frau hat jetzt einen Schnitt von hier bis da…” mit dem Tupfer in der Rechten und einem Roux-Haken in der Linken zeigt die kleine OP-Schwester einen geschätzten halben Meter an, was selbstverständlich NICHT der Wahrheit entspricht! “…und Napoli liegt mit Kopfschmerzen und frisch genähter Platzwunde in Kreißsaal Fünf!”

Zufrieden mit sich und der Welt beginnt sie, die vor ihr liegenden Tupfer zu zählen, während der Chef versucht, keinen Herzinfarkt zu bekommen.

“Unfassbar – was ist heute eigentlich los? Ist das Vollmond? Klimaerwärmung?”

Ich schüttel bedauernd den Kopf “Keine Ahnung, Chef – es war eigentlich alles in Ordnung mit diesem Tag, bis ich heute morgen die OP-Umkleide betreten habe…!”

“Freaky! Friday!” flüstert Darling mir beschwörend ins Ohr.

“Freaky-WAS?” Interessiert schaut Chef Böhnlein von der Naht auf, die er gerade gesetzt hat, um die Bauchhöhle wieder ordentlich zu verschließen.

“Friday!” flüstert Darling – jetzt beinah ehrfürchtig – “Freaky Friday!”

“Mönsch Leute!” wenn ich diese Nummer mit dem Freitag noch EINMAL hören muss, hüpf ich freiwillig in den offenen Bauch vor mir! - “Vielleicht können wir jetzt endlich mal über etwas anderes reden? Dieser freakige Freitag geht mir deutlich auf die…”

“Es fehlt eine Kompresse!” Ottilies strenge Oberschwester-Stimme unterbindet jedwedes andere Gespräch und lässt alle gemeinschaftlich aufhören – Chef inklusive.

“Bitte – WIE?” Erst die Darm-Laparoskopie, dann der Freitag und jetzt die Kompresse – unser armer Chef fällt heute von einem imaginäres Loch ins nächste.

“Das kann nicht sein, Ottie – zählen sie noch einmal nach!”

“Ich habe bereits noch einmal nachgezählt, Chefarzt!Doktor!Böhnlein!” Jetzt ist sie sauer, die Ottie. Niemand, auch kein Chefarzt, kann ihr vorwerfen, sie könne nicht zählen. “Ich bin jetzt schon dreissig Jahre lang OP-Schwester – und habe noch nie falsch gezählt!”

“Na – einmal ist immer das erste Mal!” murmelt der Chef vor sich hin, während er in den Tiefen des Patientenbauches nach der abtrünnigen Kompresse fischt. Vergebens.

“Vielleicht ist sie ja irgendwann heimlich runter gefallen!” schlage ich hilfsbereit vor, und schon schaut das gesamte OP-Team neugierig unter den Patiententisch. Edda und Igor halten freundlicherweise die Abdeckung ein wenig hoch – doch: weit und breit keine fehlende Kompresse.

“Verdammt – das Ding kann sich doch nicht in Wohlgefallen aufgelöst haben – oder doch?” wütet der Chef-Gynäkologe und wandert – die sterilen Hände vorschriftsmässig vor dem Bauch gekreuzt – suchend durch den Saal. Und weil wir alle gerne helfen wollen, wackeln wir brav hinterher, schauen gemeinsam unterm Anästhesie-Tischchen nach, neben dem Laparoskopie-Turm und beim Handtuch-Spender.

Währenddessen räumt Darling fluchend den großen Mülleimer aus – sorgfältig Stück für Stück in die Hand nehmend und dann auf einen Haufen beseite legend – aufgerissene Sterilguttüten, benutzte Handschuhe, fleckige Kittel.

“Wer hat mich nochmal auf die schräge Idee gebracht, ausgerechnet OP-Schwester zu werden?” mault sie böse und gräbt sich tiefer in den Sack hinein.

“Sei still und grab – ich will hier nicht das ganze Wochenende zubringen!” Ottilie steht wie in Stein gemeiselt neben ihren OP-Tischen und betrachtet das Treiben im Saal missmutigen Blickes. “Wenn ich den finde, der das Teil genommen hat – der kann etwas erleben!” wütet sie. Und alle – Chefarzt eingeschlossen – ziehen ein bisschen den Kopf ein.

Drei OP-Umrundungen und einen völlig ausgeräumten Müllsack später ist klar: die Kompresse ist WEG. Nicht auffindbar. Verschollen. Erneut wühlt Dr. Böhnlein, den Blick angestrengt zur OP-Lampe gehoben, in der auf dem Tisch liegenden Patientin herum, zieht die Hand schließlich leer zurück und meint traurig: “Dann müssen wir sie wohl durchleuchten!”

Och nööööööööööööö. Durchleuchten ist SAUDOOF! Das geht nämlich nur im Nachbar-OP, weil die Leuchte interessanter Weise nicht durch die Gyn-OP-Tür passt. Wer auch immer sich diesen Mist ausgedacht hat. Und dafür muss die Frau dann auch noch von einem auf den anderen Tisch gepackt werden. Inklusive Beatmungsschlauch, Infusion, Blutdruckgerät und was sonst noch alles an ihr herum und aus ihr heraus hängt. Das ist ja ganz toll. Aber hilft nix – Watt mutt, datt mutt.

Wir nähen den Bauch also erstmal fein säuberlich zu (denn der Chef schwört, er hätte niemals nicht irgendwo ein Teil in einem Patienten vergessen, und warum solle er ausgerechnet heute damit angefangen haben…?), wickeln Frau Hysteria aus drei Lagen OP-Abdeckung plus Wärmepolster und fahren sie nach Operationssaal 4. Dort wiederum muss die Frau – wir erinnern uns: mitnichten zart und zierlich – von einem Tisch auf den nächsten transportiert werden – was nicht halb so einfach ist, wie es sich anhört:

Zwei müssen ziehen, Zwei müssen drücken, Einer hebt den Tubus (=Beatmungsschlauch) fest, der Fünfte sichert die Infusion und der Letzte passt auf, das der Katheter nirgendwo hängt, wo er nichts zu suchen hat. Das ganze dann bitte-danke auch noch rückenschonend und ohne zu viel Bewegung auf das frisch versorgte OP-Gebiet zu bringen. DAS sind ganz schön viele Wünsche auf einmal.

Es dauert geschlagene zehn Minuten bis alles an Ort und Stelle ist. Und als der Bildwandler die Patientin akribisch vom Brust- zum Schambein hin absucht, stehen wir alle ein wenig verschwitzt in unseren schweren Bleischürzen an die Wand gelehnt, und verfolgen atemlos die Jagd nach der verlorenen Kompresse. Schlicht – es ist keine zu finden. Nichts! Niente! Nada!

“Sag ich doch!” poltert der Chef, sichtlich erleichtert “Ich habe NOCH NIE irgendetwas in irgendjemandem vergessen!”

Aber WO ist dieses vermaledeite Stück Stoff dann? Ratlos stehen wir um Frau und den Bildwandler herum, als sich die Tür zum OP öffnet und Madeleine, unsere kleine, blonde Schwesternschülerin, den Kopf herein streckt.

“Hallo! Was ist denn hier los?” Erstaunt lässt sie den Blick über die Gruppe schweifen und reisst die babyblauen Augen auf.

“Nichts!” stöhnt Darling entnervt “Wir suchen nur eine fehlende Kompresse. Magst du mitsuchen?”

Doch statt einer Antwort zieht plötzlich ein Strahlen über das Gesicht der kleinen Frau – und mit einem triumphierenden “Tataaaaaa!” zieht sie eine zusammengeknüllte, aber deutlich als solche erkennbare KOMPRESSE aus der Tasche ihres OP-Kittels.

Ottilie (mit beinah unmenschlichem Grollen): “WO HAST DU DIE HER?”

“Na – die hab ich mir heute morgen zum Nase putzen ausgeliehen!” antwortet das Madeleine nun doch ein bisschen verunsichert und klimpert treuselig mit den langen, goldenen Wimpern.

Zur nachfolgenden Standpauke – sehr ausführlich und sehr laut – gehalten von OP-Oberschwester Ottilie und Chefarzt Dr. med. Böhnlein himself haben wir anderen uns dann still aus dem Staub gemacht.

Merke: Wer Kompressen entwendet und nicht wieder bringt wird mit Strafpredigten nicht unter 20 Minuten und mehrwöchiger Verbannung aus dem OP-Gebiet bestraft. Armes Schwesterlein….

Es ist Freitag – und die Oberärzte fliegen ganz schön tief…

In OP-Saal 5 herrscht Totenstille. Nicht so in meinem Schädel-Inneren:

“Ach du heilige Scheisse – was, wenn er sich jetzt das Genick gebrochen hat?”  und “Was, wenn er reanimiert werden muss?” und “Ach du heilige Schei…” - Nee, so weit waren wir ja schon.

Vorsichtig stelle ich mich auf die Zehenspitzen und luge über den Frauenberg auf dem OP-Tisch vor mir hinüber zur anderen Seite, wo gerade eben noch mein wild gewordener Mini-Oberarzt auf seinem OP-Leiterchen herumgehampelt *KLICK* ist, bevor er sich vor lauter Wüterei von ebenselben hinab in die Tiefe gestürzt hat.

“Dr. Napoli?” rufe ich schwach nach drüben. Und zur Anästhesie gewandt, die ebenfalls die Luft hinter ihrem grünen Tuch anzuhalten scheint:

“Kann vielleicht mal jemand schauen, wie es ihm geht?”

“Alles Roger!” ruft Luigi, italienischer Assistenzarzt für fortgeschrittene Aufschneiderei durch die spaltbreit geöffnete OP-Tür zum Nachbarraum “Er lebt. Hat die Augen auf. Der wird gleich wieder!” Sprichts und verschwindet – so schnell er gekommen ist – im eigenen Lager, bevor infernalisches Gelächter von dort nach hier dringt.

“Armer Napoli – das ist eindeutig nicht sein Tag heute…”

“Francesco?!” ruft jetzt auch Ottilie und beugt sich besorgt über ihr steriles Instrumententischchen “geht das? Hast Du dir etwas getan? Soll ich einen Unfallchirurgen rufen oder so?”

Statt einer Antwort folgt lediglich lang gezogenes Stöhnen, und 30 Sekunden später steht ein kleiner Mann mit schwer angeschlagenem Stolz und einer mittelprächtigen Platzwunde am Hinterkopf, aus der es leise blutet, auf seiner Leiter in OP-Saal 5, Gynäkologie.

Ich (mitfühlend): “Wird es gehen, Oberarzt? Sollen wir mal einen Chirurgen wegen der Wunde rufen?”

Nachdrückliches, stummes Kopfschütteln

Darling (besorgt): “Das blutet aber ordentlich – vielleich mal kurz steril abtupfen?”

*schüttel*

Ottilie (hilfsbereit): “Pflaster drauf?”

*doppelschüttel*

Edda (zaghaft von der nördlichen Seite des Tuches herüber): “Chefarzt anrufen?”

Napoli (gepresst): “ES!GEHT!MIR!GUT! – Verress-Nadel!” Und rammt mit todesverachtender Miene die Nadel in den Unterbauch der großen Frau – durch die Nabelfalte in die Tiefe. Et voila! Zumindest dieses vermaledeite Ding scheint heute zu machen, wie der kleine Oberarzt es sich vorgestellt hat.

Napoli (kurz angebunden): “Zeh-Oh-Zwei anschließen! Aufdrehen! Mehr! Fertig. Verres-Nadel zurück! Troikar…” Und mit sicherem Griff stösst er das scharfe, speerartige Instrument durch das zuvor geschnitte Loch in der Bauchdecke unserer Patientin. Dann zieht er mit energischem Ruck den Führungsspiess zurück, wodurch die Schiene für die Kamera freigegeben wird, lässt sich – immer noch absolut unbeteiligt aus dem Kopf blutend – die endoskopische Kamera reichen, führt sie routiniert in den dafür vorgesehenen Eingang, öffnet die Klappe, schiebt weiter uuuuuund – erstarrt beim Blick auf den Monitor vor unserer Nase:

Ottilie (trocken): “Verdammte Kacke das!” während Darling nur ehrfürchtig “FreakyFriday” murmelt…

Das Bild auf dem Fernseher zeigt nämlich mitnichten die Bauchhöhle unserer Frau, wo in einem Meer glänzender Darmschlingen warm und geborgen eine kleine, vorwitzige Zyste aufs geborgen werden wartet, nein, wir befinden uns gerade life und in Farbe in dem wahrscheinlich schönsten, saubersten, rosa-sten Stück Dünndarm, den ein OP-Team je am FreakyFriday gesehen hat…

Ganz ernsthaft jetzt, unter uns und euch: DAS!PASSIERT! Ächt jetzt und ohne Flachs – die Darmverletzung zählt zu den häufigsten Komplikationen schnöder Bauchspiegelungen überhaupt! Und kann vom PJ-ler (okay – der darf die auch nicht wirklich machen) bis hin zum altgedienten, hochdekorierten Chefarzt jedem passieren. Und eigentlich ist es auch kein großes Drama – ein Troikar in der Aorta (große Bauchschlagader) macht dem Operateur deutlich mehr Kopfschmerzen *huust* – aber Napoli liegt ja quasi schon am Boden. Also: LAG am Boden und tut es immer noch, oder so. Und Kopfweh gab es umsonst obendrauf.

Fast tut er mir ein bisschen leid, wie er da jämmerlich auf das Stück Darm-Innenlebens starrt, als könne gleich ein Schild mit der Aufschrift “Versteckte Kamera” aus der rosa Schleimhaut-Wand geschossen kommen.

Kommt abba nicht.

“Der Internist wäre bestimmt froh, wenn er mal so ein schönes Bild aus dem Dünndarm bekäme!” meint Edda aufmunternd und streckt ihren behandschuhten, rechten Daumen hinter dem Tuch in die Höhe.

Napoli ist kein wirklich humoristischer Mensch. Und diesen kleinen Aufmunterungsversuch hätte er normalerweise gnadenlos vom (OP-)Tisch gefegt. Doch unser leitender Mann am Laparoskop ist getroffen. Angeschossen und verletzt. Physisch und psychisch. Und so schüttelt er nur stumm den Kopf, betrachtet sein Werk erneut und noch einmal, ganz genau und ausführlich, bevor er mit einem tiefen Seufzer erst Kamera, dann Führungshülse aus dem kleinen Loch im Nabel der Patientin zieht und mit tonloser Stimme nach dem Skalpell verlangt.

Fünf schweigsamen Minuten braucht es, Frau Müller-Husemanns Bauch vorschriftsmässig zu eröffnen, fünf weitere Minuten, das Loch in ihrem Darm ausfindig zu machen, welches nach fünf weiteren Minuten versorgt, vernäht und vorsichtig zu seinen Darmschlingen-Freunden zurückverfrachtet ist. Anschließend entfernt Napoli – souverän aber seltsam schweigend – die gut fünf Zentimeter große, unauffällig ausschauende Eierstockszyste der Patientin und hat nach nicht einmal zwanzig zusätzlichen Minuten den Bauch sauber verschlossen, vernäht und verpflastert, bevor er sich – grusslos und leicht schwankenden Schrittes, aus OP-Saal 5, Gynäkologie enfernt hat.

“Und jetzt?” flüstert Darling ängstlich, als wir Frau M-H gemeinschaftlich aus ihrer OP-Verpackung geschält und unsere Überkittel und Handschuhe im dafür vorgesehenen Mülleimer versenkt haben.

“Was jetzt?” flüstere ich zurück und schaue ratlos.

“Warum flüstert ihr?” fragt Edda leise und hält der Patientin vorsorglich noch ein wenig Sauerstoff vor die Nase.

“WAS IST DENN JETZT LOS?” trötet Ottilie unbeeindruckt und schaut uns eine nach der anderen streng an. “Seid ihr etwa auch alle von der Leiter gefallen? Los – raus hier! Gleich kommt das Putzteam, und in Fünfzehn Minuten geht es weiter! Auf: Essen fassen, Kaffee trinken, wieder kommen!”

Und scheucht uns mit ausgreifenden Armbewegungen vor sich her, wie die Entenmutter ihre Küken.

“Aber – vielleicht sollten wir den Rest lieber auf ein andermal verlegen…?!” ruft Darling verzweifelt über die Schulter in den OP-Saal hinein, während sie folgsam hinter Igor zur Tür hinaus trottet.

“Quatsch!” ruft Ottilie energisch “Es hat sich jetzt aus-ge-freaky-fridayed! Aber sowas von!”

Na – wenn DIE mal wüsste….

———————–to be continued—————————

“If it walks like a duck, quacks like a duck, looks like a duck,…

…it must be a duck!”

Heisst: Wenn es läuft wie eine Ende, quakt wie eine Ente, aussieht wie eine Ente – dann wird es wohl auch eine Ente sein!

Und dieser Freitag sah nicht nur aus, wie FreakyFriday *KLICK*, er fühlte sich auch definitiv danach an. Das wusste ich jetzt. Obwohl ich bis vor ca. 35 Minuten noch keinen Schimmer hatte, dass es solche Dinge wie “seltsame Freitage” überhaupt gibt.

Nachdem nun alle Lachtränen getrocknet sind und wir uns alle wieder schön unter Kontrolle haben, lässt uns OP-Schwester Darling endlich – wenn auch nur wiederwillig – wissen, was denn eigentlich passiert ist:

“Der Chef hängt auf dem Klo fest, weil der Schlüssel von innen abgebrochen ist. Jetzt suchen sie einen Neuen – also Schlüssel, nicht Chef! Und bis es soweit ist, übernimmt Napoli den OP-Plan”

Was ganz schön traurig ist. Denn der kleine, italienische Oberarzt ist Freitagsmorgens kein rechter Ausbund an Fröhlichkeit und Ruhe. Okay – auch sonst nicht. Aber Freitags am allerwenigsten. Ganz schlimm! Und doppelt schlimm, wenn man sich eigentlich auf entspanntes Operieren mit dem allzeit hochentspannten Chefarzt gefreut hatte. Aber da isser nun schon: Francesco Napoli, leidtenderOberarzt der Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe…

“Es ist unglaublich!” brüllt er, kaum, dass er den Saal betreten hat “Soll ich mich vierteilen? Eh? Wer macht jetzt meine Ambulanz? Und das Paper für den Kongress nächsten Monat? Eh? Was ist das hier überhaupt und WO ist mein Tritt?”

“…tritt in den Allerwertesten wäre jetzt wirklich angebracht!” denke ich innerlich seufzend und sehe Edda aus den Augenwinkeln wild mit den Augäpfeln rollen.

“Guten Morgen, Francesco! Ich geb dir gleich höchstpersönlich einen Tritt, wenn deine Laune nicht UMGEHEND besser wird!”

Hurray – ich hatte Oberschwester Ottilie völlig vergessen, die einzige Frau weit und breit, welche unseren kleinen, hypertrophen Italiener im Griff hat. Okay, vielleicht noch ausser Rosaria, Napolis wunderschöner, ewig froh gelaunter Ehefrau…

“Darling- besorg deinem Oberarzt die Stufe, damit er auch sieht, wo er hin operiert. Und jetzt machen wir alle mal ein bisschen pronto, sonst stehen wir nämlich nächsten Freitag auch noch hier – hopphopp!”

Keine dreissig Sekunden später steht Napoli dann tatsächlich, steril verpackt, am Tisch und blitzt mich über die schlafende Patientin hinweg böse an: “Was soll das? Warum grinsen sie?”

Weil ich von dir Zwerg nur die Nasenspitze sehe….?

Ich (mühsam das Lachen verkneifend): “Öhm – ich musste gerade an etwas lustiges denken… ” *HüstelRöchel*

Es ist aber auch zu komisch – Francesco Napoli misst nun einmal von der Sohle bis zum Scheitel keinen Millimeter mehr als 1,66 m. Der Operationstisch ist ungefähr einen Meter zwanzig hoch, die Frau darauf nochmal um die Vierzig Zentimeter (ja – zierlich ist anders) – heisst: Wenn der Oberarzt hier tatsächlich operativ tätig werden möchte, braucht er in jedem Fall einen Tritt. Also: Hocker. Oder eine Leiter, aber das sage ich nicht laut, sonst wird das hier mein letzter Freitag überhaupt, freaky hin oder her…

Napoli (mit einer Stimme im Bereich flüssigen Stickstoffes): “Wenn wir zwei uns nicht gleich auf Augenhöhe befinden, wird nicht nur ihnen ganz schnell das Lachen vergehen…!”

Au weia – jetzt ist er nicht mehr sauer, jetzt wird er gleich tollwütig…

Ottilie (brüllend): ” HERRGOTT NOCHMAL – DARLING??? Hast du dich verlaufen oder was?”

Darling – irgendwo in den Untiefen des Operationstraktes, auf der Suche nach einer geeigneten Erhöhung für den Mini-Oberarzt: “Ich hab keine Ahnung, wo der blöde Tritt hin ist! Ich kann ihn nicht finden!”

Auf Napolis Stirn bilden sich jetzt kleine Schweisströpfchen und ich ziehe vorsichtshalber den Kopf so weit zurück, dass er komplett aus meinem Sichtfeld verschwindet – hinter der großen Frau auf dem Tisch vor mir fühle ich mich einigermassen geschützt, denn ein explodierender Napoli ist gefährlicher als ein Flammenwerfer in einer Fabrik für Feuerwerkskörper.

“Das ist alles, was ich gefunden habe” stöhnt Darling, von links in den OP kommend, und schleppt eine dreistufige Trittleiter vor sich her, wie Hausfrauen sie zum Gardine aufhängen gerne benutzen.

Ich spüre, wie mir die Hitze in den Kopf steigt und auch Igor zieht vorsorglich sein Picknickdecken-Taschentuch aus der Hosentasche.

“Herr, bitte – wenn er sich DA jetzt drauf stellt, dann sterbe ich…”

Ottilies Augen blitzen über dem grünen Mundschutz, als sie dabei zusieht, wie Napoli mit Zornesfalte über der Nase die Leiter betritt – eine Stufe, noch eine, Bein über den Achsenpunkt und…

“Sehr, sehr schön sieht das aus, lieber Francesco – SO hast du doch mal einen wirklich umfassenden Ausblick auf das OP-Feld und alles…!” und der Hohn tropft bei diesen Worten aus jeder Pore der kleinen, alten OP-Schwester.

Napoli kocht. Seine Hände zittern sachte vor Wut und ich trau mich nicht wirklich, ihm ins Gesicht zu schauen, aus Angst, mich vollends zu vergessen und lachend im OP-Feld zusammenzubrechen. Von der anästhesistischen Seite, nördlich des grünen OP-Tuches, hört man nur angestrengtes Ein- und Ausatmen und ich sehe Edda und Igor vor meinem geistigen Auge, wie sie in höchster Konzentration das Lachen wegzuatmen versuchen, welche kurz vor Ausbruch steht.

“Skalpell! Verress-Nadel! Halten! Kompresse!”

Immer noch höchst aggressiv bellt Napoli seine Anweisungen in den Saal. Nebenan, bei den Chirurgen, wird gerade die Musik gewechselt – offenbar ist deren erste Operation vorschriftsmässig beendet und während die Anästhesie die aktuelle Patientin aus der Narkose hohlt und Richtung Aufwachraum bringt, strecken die Aufschneider neugierig den Kopf durch die Verbindungstür.

“Moin, Freunde!” Luigi streckt sein freundlich grinsendes Gesicht unter grüner OP-Haube durch die Tür, und ich frage mich zum wiederholten Mal, warum UNSER Italiener so ein Dauermiesepeter ist, und die Chirugen den Sunnyboy des Stiefels abbekommen haben. Dann:

“Whow – Napoli! Wollten sie auch mal schauen, wie die Welt aussieht, wenn man größer als einsvierzig ist…?” Sprichts und zieht seinen Kopf unter großem Jubel zurück in den Nachbar-OP, bevor das Unheil seinen Lauf nimmt:

In einer Flut italienischer Schimpfwörter, die wie die Niagarafälle aus ihm herausstürzen, tobt der in seiner Ehre schwer verletzte Oberarzt auf dem wackeligen Leiterchen herum, dass ich ernsthaft befürchte, er könne sich gleich in die Tiefe und damit in den sicheren Tod stürzen. Von nebenan ertönt schadenfrohes Gelächter und auch hinter der Grenze zum Reich der Betäuber weinen Edda und Igor gemeinschafltich dicke Lachtränen in graukariertes Taschentuch.

Ich hingegen stehe – die Kamera in der Linken, Troikar in der Rechten, höchst konzentriert auf meiner Seite der Barriere und zähle von Zweimillionen rückwärts, während ich bete, dass das unbändige Gelächter, welches sich gerade in den Tiefen meiner Därme zu formieren scheint, unten bleiben möge.

“DOKTOR CHAOS!”

Ich *grmpflschllfpf*: “Ja – Oberarzt?”

“Ich WARNE sie – wenn sie jetzt auch gleich lachen…!”

Seine Stimme ist jetzt nur noch diabolisches Flüstern und ich könnte schwören, dass kleine Hörnchen unter seiner OP-Haube gewachsen sind….

Ich (piepsend): “nein…. auf keinem fall….”

Ottilie (unschuldig): “Und, Francesco – wie IST es denn jetzt da oben? Hast du die Alpen schon sehen können…!”

Napolis wildes Geschreie höre ich nur noch gedämpft, während das Lachen sich in unbändigem Glucksen und Gröhlen aus mir heraus katapultiert, mich gar so sehr schüttelt, dass ich mich mit beiden Händen an meiner Patientin festhalten muss. Und als ihn sein Gehüpfe und Gehampele dann urplötzlich von der Leiter haut, laufen mir die Lachtränen bereits unter dem Mundschutz hinweg in den Ausschnitt meines dunkelgrünen OP-Hemdes…

———————————–To be continued———————————–