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Friede und Schwachsinn…

Ein beliebtes Instrument medizinischer Fachabteilungen ist das “Konsil”. Wikipedia sagt dazu, ein Konsil sei “die patientenbezogene Beratung von Ärzten (…) durch einen entsprechenden Facharzt.

Auf gut deutsch: Ich habe da eine Patientin auf der Gyn liegen, mit – sagen wir mal – FUSSPILZ. Jetzt fühle ich mich nicht in der Lage zu sagen, ob Frau Hammerzeh tatsächlich Fusspilz hat, oder doch eher diabetische Füsse. Oder Nagelpilz. Oder ganz was anderes (leckeres…).

Also schreibe ich auf einen (extra dafür vorgesehenen) Konsil-Zettel, um welche Frau es sich handelt, was ich meine an der Patientin diagnostiziert zu haben, dass ich mir aber nicht sicher bin, ob meine Diagnose stimmt, und der dermatologische Kollege sich die ganze Nummer doch bitte mal selbst anschauen soll. Der kommt dann auch irgendwann zwischen jetzt gleich und drei Tage nach Entlassung der Frau mit seiner Notfall-Ration Kortison… – Verzeihung: Pilzsalbe vorbei, und schreibt auf denselben Zettel, ob ich Recht hatte, oder nicht. Und wie man weiter therapieren soll.

DAS ist eine konsiliarische Vorstellung. Und die kann man für jede nur denkbare medizinische Fachrichtung durchführen. Wobei z.B. rechtsmedizinische Konsiliare nur sehr selten gefordert werden, aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Die Großmeister der konsiliarischen Anforderungen sind in fast allen Kliniken dieser Welt die Psychiater. Das mag zwei Gründe haben: psychiatrische Patienten sollen, bzw. wollen gerne beschäftigt sein. Und zwischen Morgengespräch, Mittagssitzkreis und Abend-Ergo ist eben immer noch genug Leerlauf, den es zu überbrücken gilt. Der zweite Grund – und das behaupten jetzt nur böse Zungen, ich würde mich nie soweit aus dem Fenster lehen wollen *hust*: Die Kollegen der Psychiatrie haben in den Jahren ihrer therapeutischen Tätigkeit – nun, sagen wir es einmal so: die Grundsätze klinischer Medizin ein wenig aus den Augen verloren. Anamnese erheben (klinische Anamnese, wohlgemerkt! Nicht die Frage nach dem aktuellen Gemütszustand oder so etwas), körperliche Untersuchung – die Basics eben.

Und so treibt das konsiliarische Wesen in diesen Abteilungen schonmal seeeeeehr seltsame Blüten. Wie jener Schein, der kürzlich im Konsilfach unserer Abteilung lag:

Konsilanforderung für Frau Jungblut, 33 Jahre alt, psychiatrisch stationär wegen akuten Schubes ihrer bekannten Depression

Patientin nimmt seit drei Jahren regelmässig die Pille ein. Blutung damit regelmässig alle 28 Tage. Keine Schmerzen, Pille wird gut vertragen.  Zur Zeit kein Kinderwunsch. Letzte gynäkologische Untersuchung vor 3 Monaten beim Frauenarzt: alles in Ordnung. Erbitten gynäkologisches Konsil!

Ich (am Telefon): “Hallo? Kollegin Bleuler? Ich habe gerade den Konsilschein für Frau Jungblut gefunden…!”

Bleuler (offensichtlich hoch erfreut, mich zu hören): “Ja. JA! Frau Jungblut. Depressive Patientin. Schön! Wann kann sie denn kommen?”

Ich (bemüht freundlich): “Warum soll die Frau denn überhaupt kommen? Sie schreiben doch: Keine Beschwerden, keine Schmerzen – letzte Untersuchung beim Frauenarzt vor 3 Monaten okay?”

Bleuler (liebenswürdig): “Nun – ich habe ihr gesagt, dass das gar nicht sein kann, dass man als Frau in ihrem Alter MIT Pille völlig beschwerdefrei ist. Und nachdem wir da ausführlich drüber gesprochen haben fiel ihr ein, dass sie vor Jahren immer so Bauchschmerzen hatte, wenn sie ihre Tage bekam. Vielleicht können Sie mal nachschauen, ob alles in Ordnung ist!”

Kopf -> Tischkante!!!

Auf der Jagd nach der letzten Kompresse….

Fortsetzung hiervon…. *KLICK*

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OP-Aufenthaltsraum – OP-Schwester Darling, auf einem Bein im Kreis hüpfend, sowie Anästhesie-Edda und -Igor, mit je einer dampfenden Tasse Kaffee am Tisch hockend

Ich (gereizt): “Darling – könntest Du wohl dieses elende Gehöppel bleiben lassen? Du machst mich ganz wuschig! Und helfen tut es ja offensichtlich auch nicht…!

“Nee – fast hat man das Gefühl, du machst alles nur noch schlimmer!” murmelt Edda, während sie hoch konzentriert in ihrer Tasse rührt.

Empört hält Darling in ihrem Tun inne “Mein Anti-Freaky-Friday-Tanz” hat bis jetzt noch jedes Mal funktioniert. Ab jetzt ist Schluss mit komisch!”

“Da bin ich ja mal gespannt – die Nummer mit Napoli hat mir definitiv gereicht!”

Gerade will ich ein Stück von meiner Stulle abbeissen, als die Tür sich öffnet und herein kommt…

“CHEF!” *AlleWieAusEinemMund*

Tataaa – da isser wieder…!

Ich (prüfend): “Sie sehen gar nicht krank aus – ist alles in Ordnung?”

Chef Böhnlein, gefühlsmässig der unaufgeregteste Mensch nördlich des Äquators, sieht aktuell doch sehr nach Blutdruck aus: rote Gesichtsfarbe, hämmernder Carotispuls, Schweissperlen auf der Stirn.

Chef: “Moin zusammen! Da will man nur mal schnell – also, ja, äh… – sie wissen schon. Und dann bricht mir der Schlüssel von dieser vermaledeiten Tür ab…!”

Igor grinst wie ein Honigkuchenpferd vom linken zum rechten Ohrläppchen und auch ich kann nur mühsam ein amüsiertes Glucksen unterdrücken – allein die Vorstellung, wie unser großer, ehrwürdiger Chef verzweifelt von innen gegen das Klotürchen hämmert… *totlach*

Chef, jetzt ordentlich in Fahrt geredet: “…und die Menschen von der Technik kann man morgens um 8 Uhr auch noch nichts heissen – “Das kann dauern! Da müssen wir erst mal schauen, mit welchem Werkzeug wir das Schloss heraus bekommen!” – Wunderbar. Ganz wunderbar! Habe dann den Schlüsseldienst gerufen. Siebenundneunzig Fuffzig bekommt der. Für eine Toilettentür! Und 5 Minuten. Das sind beinahe… – Tausendzweihundert Euro Stundenlohn!”

Offensichtlich völlig überrascht hält Böhnlein inne und lässt diese atemberaubende Zahl vor seinem inneren Auge noch einmal langsam vorüber ziehen. “Eintausendzweihundert Euro…” murmelt er abwesend und schüttelt ungläubig das weise Haupt. Dann – zurück im Hier und schlecht bezahlten Jetzt: “Hat denn alles schön geklappt mit der ersten Laparoskopie?” Verschämt weiche ich des Cheffes erwartungsvollem Lächeln aus, indem ich mich ganz interessiert dem Boden meiner Kaffeetasse widme. Und auch sonst herrscht betretenes Schweigen, als – Gottlob! – Ottilie in gewohnt stürmischer Manier die Tür aufreisst und: “Es ist ANGERICHTET!” durchs Räumchen brüllt.

Dann macht sie auf dem Absatz kehrt, ist schon fast wieder verschwunden, als sie kurz stoppt und über die Schulter zurück ruft: “Chef – sie haben gerade die schönste laparoskopische Darmspiegelung überhaupt verpasst. Und Napoli musste mit drei Stichen genäht werden!”

Wie auf geheimes Komando räumen wir alle in Windeseile unsere Sachen zusammen und sind auch schon hinter Ottilie her zur Tür hinaus, während der Chef staunend im Aufenthaltsraum zurück bleibt.

Die nächste Operation – Frau Hysteria, 75 Jahre und die Ausmasse einer normannischen Walküre – ist dann eine ziemlich langweilige Entfernung der Gebärmutter, während derer Ottilie mit blumiger Sprache und in den schönsten Farben den Verlauf der letzten Stunden beschreibt. Chef Böhnlein bekommt den Mund hinter seinem Mundschutz gar nicht mehr zu vor lauter Staunen.

“Und – wie geht es ihnen jetzt?” presst er mühsam zwischen zwei Ottilie-Story-Highlights heraus.

“Wem?” Die Schwester fühlt sich von dieser – ihrer Meinung nach – völlig unangebrachten Frage aus dem Konzept gebracht und fuchtelt dem Chefarzt ungehalten mit dem Stieltupfer vor der Nase herum.

“Na – der Patientin! Und dem Oberarzt!” raunzt der große Mann empört. Was für eine Frage aber auch.

“Beiden blendend. Die Frau hat jetzt einen Schnitt von hier bis da…” mit dem Tupfer in der Rechten und einem Roux-Haken in der Linken zeigt die kleine OP-Schwester einen geschätzten halben Meter an, was selbstverständlich NICHT der Wahrheit entspricht! “…und Napoli liegt mit Kopfschmerzen und frisch genähter Platzwunde in Kreißsaal Fünf!”

Zufrieden mit sich und der Welt beginnt sie, die vor ihr liegenden Tupfer zu zählen, während der Chef versucht, keinen Herzinfarkt zu bekommen.

“Unfassbar – was ist heute eigentlich los? Ist das Vollmond? Klimaerwärmung?”

Ich schüttel bedauernd den Kopf “Keine Ahnung, Chef – es war eigentlich alles in Ordnung mit diesem Tag, bis ich heute morgen die OP-Umkleide betreten habe…!”

“Freaky! Friday!” flüstert Darling mir beschwörend ins Ohr.

“Freaky-WAS?” Interessiert schaut Chef Böhnlein von der Naht auf, die er gerade gesetzt hat, um die Bauchhöhle wieder ordentlich zu verschließen.

“Friday!” flüstert Darling – jetzt beinah ehrfürchtig – “Freaky Friday!”

“Mönsch Leute!” wenn ich diese Nummer mit dem Freitag noch EINMAL hören muss, hüpf ich freiwillig in den offenen Bauch vor mir! - “Vielleicht können wir jetzt endlich mal über etwas anderes reden? Dieser freakige Freitag geht mir deutlich auf die…”

“Es fehlt eine Kompresse!” Ottilies strenge Oberschwester-Stimme unterbindet jedwedes andere Gespräch und lässt alle gemeinschaftlich aufhören – Chef inklusive.

“Bitte – WIE?” Erst die Darm-Laparoskopie, dann der Freitag und jetzt die Kompresse – unser armer Chef fällt heute von einem imaginäres Loch ins nächste.

“Das kann nicht sein, Ottie – zählen sie noch einmal nach!”

“Ich habe bereits noch einmal nachgezählt, Chefarzt!Doktor!Böhnlein!” Jetzt ist sie sauer, die Ottie. Niemand, auch kein Chefarzt, kann ihr vorwerfen, sie könne nicht zählen. “Ich bin jetzt schon dreissig Jahre lang OP-Schwester – und habe noch nie falsch gezählt!”

“Na – einmal ist immer das erste Mal!” murmelt der Chef vor sich hin, während er in den Tiefen des Patientenbauches nach der abtrünnigen Kompresse fischt. Vergebens.

“Vielleicht ist sie ja irgendwann heimlich runter gefallen!” schlage ich hilfsbereit vor, und schon schaut das gesamte OP-Team neugierig unter den Patiententisch. Edda und Igor halten freundlicherweise die Abdeckung ein wenig hoch – doch: weit und breit keine fehlende Kompresse.

“Verdammt – das Ding kann sich doch nicht in Wohlgefallen aufgelöst haben – oder doch?” wütet der Chef-Gynäkologe und wandert – die sterilen Hände vorschriftsmässig vor dem Bauch gekreuzt – suchend durch den Saal. Und weil wir alle gerne helfen wollen, wackeln wir brav hinterher, schauen gemeinsam unterm Anästhesie-Tischchen nach, neben dem Laparoskopie-Turm und beim Handtuch-Spender.

Währenddessen räumt Darling fluchend den großen Mülleimer aus – sorgfältig Stück für Stück in die Hand nehmend und dann auf einen Haufen beseite legend – aufgerissene Sterilguttüten, benutzte Handschuhe, fleckige Kittel.

“Wer hat mich nochmal auf die schräge Idee gebracht, ausgerechnet OP-Schwester zu werden?” mault sie böse und gräbt sich tiefer in den Sack hinein.

“Sei still und grab – ich will hier nicht das ganze Wochenende zubringen!” Ottilie steht wie in Stein gemeiselt neben ihren OP-Tischen und betrachtet das Treiben im Saal missmutigen Blickes. “Wenn ich den finde, der das Teil genommen hat – der kann etwas erleben!” wütet sie. Und alle – Chefarzt eingeschlossen – ziehen ein bisschen den Kopf ein.

Drei OP-Umrundungen und einen völlig ausgeräumten Müllsack später ist klar: die Kompresse ist WEG. Nicht auffindbar. Verschollen. Erneut wühlt Dr. Böhnlein, den Blick angestrengt zur OP-Lampe gehoben, in der auf dem Tisch liegenden Patientin herum, zieht die Hand schließlich leer zurück und meint traurig: “Dann müssen wir sie wohl durchleuchten!”

Och nööööööööööööö. Durchleuchten ist SAUDOOF! Das geht nämlich nur im Nachbar-OP, weil die Leuchte interessanter Weise nicht durch die Gyn-OP-Tür passt. Wer auch immer sich diesen Mist ausgedacht hat. Und dafür muss die Frau dann auch noch von einem auf den anderen Tisch gepackt werden. Inklusive Beatmungsschlauch, Infusion, Blutdruckgerät und was sonst noch alles an ihr herum und aus ihr heraus hängt. Das ist ja ganz toll. Aber hilft nix – Watt mutt, datt mutt.

Wir nähen den Bauch also erstmal fein säuberlich zu (denn der Chef schwört, er hätte niemals nicht irgendwo ein Teil in einem Patienten vergessen, und warum solle er ausgerechnet heute damit angefangen haben…?), wickeln Frau Hysteria aus drei Lagen OP-Abdeckung plus Wärmepolster und fahren sie nach Operationssaal 4. Dort wiederum muss die Frau – wir erinnern uns: mitnichten zart und zierlich – von einem Tisch auf den nächsten transportiert werden – was nicht halb so einfach ist, wie es sich anhört:

Zwei müssen ziehen, Zwei müssen drücken, Einer hebt den Tubus (=Beatmungsschlauch) fest, der Fünfte sichert die Infusion und der Letzte passt auf, das der Katheter nirgendwo hängt, wo er nichts zu suchen hat. Das ganze dann bitte-danke auch noch rückenschonend und ohne zu viel Bewegung auf das frisch versorgte OP-Gebiet zu bringen. DAS sind ganz schön viele Wünsche auf einmal.

Es dauert geschlagene zehn Minuten bis alles an Ort und Stelle ist. Und als der Bildwandler die Patientin akribisch vom Brust- zum Schambein hin absucht, stehen wir alle ein wenig verschwitzt in unseren schweren Bleischürzen an die Wand gelehnt, und verfolgen atemlos die Jagd nach der verlorenen Kompresse. Schlicht – es ist keine zu finden. Nichts! Niente! Nada!

“Sag ich doch!” poltert der Chef, sichtlich erleichtert “Ich habe NOCH NIE irgendetwas in irgendjemandem vergessen!”

Aber WO ist dieses vermaledeite Stück Stoff dann? Ratlos stehen wir um Frau und den Bildwandler herum, als sich die Tür zum OP öffnet und Madeleine, unsere kleine, blonde Schwesternschülerin, den Kopf herein streckt.

“Hallo! Was ist denn hier los?” Erstaunt lässt sie den Blick über die Gruppe schweifen und reisst die babyblauen Augen auf.

“Nichts!” stöhnt Darling entnervt “Wir suchen nur eine fehlende Kompresse. Magst du mitsuchen?”

Doch statt einer Antwort zieht plötzlich ein Strahlen über das Gesicht der kleinen Frau – und mit einem triumphierenden “Tataaaaaa!” zieht sie eine zusammengeknüllte, aber deutlich als solche erkennbare KOMPRESSE aus der Tasche ihres OP-Kittels.

Ottilie (mit beinah unmenschlichem Grollen): “WO HAST DU DIE HER?”

“Na – die hab ich mir heute morgen zum Nase putzen ausgeliehen!” antwortet das Madeleine nun doch ein bisschen verunsichert und klimpert treuselig mit den langen, goldenen Wimpern.

Zur nachfolgenden Standpauke – sehr ausführlich und sehr laut – gehalten von OP-Oberschwester Ottilie und Chefarzt Dr. med. Böhnlein himself haben wir anderen uns dann still aus dem Staub gemacht.

Merke: Wer Kompressen entwendet und nicht wieder bringt wird mit Strafpredigten nicht unter 20 Minuten und mehrwöchiger Verbannung aus dem OP-Gebiet bestraft. Armes Schwesterlein….

Es ist Freitag – und die Oberärzte fliegen ganz schön tief…

In OP-Saal 5 herrscht Totenstille. Nicht so in meinem Schädel-Inneren:

“Ach du heilige Scheisse – was, wenn er sich jetzt das Genick gebrochen hat?”  und “Was, wenn er reanimiert werden muss?” und “Ach du heilige Schei…” - Nee, so weit waren wir ja schon.

Vorsichtig stelle ich mich auf die Zehenspitzen und luge über den Frauenberg auf dem OP-Tisch vor mir hinüber zur anderen Seite, wo gerade eben noch mein wild gewordener Mini-Oberarzt auf seinem OP-Leiterchen herumgehampelt *KLICK* ist, bevor er sich vor lauter Wüterei von ebenselben hinab in die Tiefe gestürzt hat.

“Dr. Napoli?” rufe ich schwach nach drüben. Und zur Anästhesie gewandt, die ebenfalls die Luft hinter ihrem grünen Tuch anzuhalten scheint:

“Kann vielleicht mal jemand schauen, wie es ihm geht?”

“Alles Roger!” ruft Luigi, italienischer Assistenzarzt für fortgeschrittene Aufschneiderei durch die spaltbreit geöffnete OP-Tür zum Nachbarraum “Er lebt. Hat die Augen auf. Der wird gleich wieder!” Sprichts und verschwindet – so schnell er gekommen ist – im eigenen Lager, bevor infernalisches Gelächter von dort nach hier dringt.

“Armer Napoli – das ist eindeutig nicht sein Tag heute…”

“Francesco?!” ruft jetzt auch Ottilie und beugt sich besorgt über ihr steriles Instrumententischchen “geht das? Hast Du dir etwas getan? Soll ich einen Unfallchirurgen rufen oder so?”

Statt einer Antwort folgt lediglich lang gezogenes Stöhnen, und 30 Sekunden später steht ein kleiner Mann mit schwer angeschlagenem Stolz und einer mittelprächtigen Platzwunde am Hinterkopf, aus der es leise blutet, auf seiner Leiter in OP-Saal 5, Gynäkologie.

Ich (mitfühlend): “Wird es gehen, Oberarzt? Sollen wir mal einen Chirurgen wegen der Wunde rufen?”

Nachdrückliches, stummes Kopfschütteln

Darling (besorgt): “Das blutet aber ordentlich – vielleich mal kurz steril abtupfen?”

*schüttel*

Ottilie (hilfsbereit): “Pflaster drauf?”

*doppelschüttel*

Edda (zaghaft von der nördlichen Seite des Tuches herüber): “Chefarzt anrufen?”

Napoli (gepresst): “ES!GEHT!MIR!GUT! – Verress-Nadel!” Und rammt mit todesverachtender Miene die Nadel in den Unterbauch der großen Frau – durch die Nabelfalte in die Tiefe. Et voila! Zumindest dieses vermaledeite Ding scheint heute zu machen, wie der kleine Oberarzt es sich vorgestellt hat.

Napoli (kurz angebunden): “Zeh-Oh-Zwei anschließen! Aufdrehen! Mehr! Fertig. Verres-Nadel zurück! Troikar…” Und mit sicherem Griff stösst er das scharfe, speerartige Instrument durch das zuvor geschnitte Loch in der Bauchdecke unserer Patientin. Dann zieht er mit energischem Ruck den Führungsspiess zurück, wodurch die Schiene für die Kamera freigegeben wird, lässt sich – immer noch absolut unbeteiligt aus dem Kopf blutend – die endoskopische Kamera reichen, führt sie routiniert in den dafür vorgesehenen Eingang, öffnet die Klappe, schiebt weiter uuuuuund – erstarrt beim Blick auf den Monitor vor unserer Nase:

Ottilie (trocken): “Verdammte Kacke das!” während Darling nur ehrfürchtig “FreakyFriday” murmelt…

Das Bild auf dem Fernseher zeigt nämlich mitnichten die Bauchhöhle unserer Frau, wo in einem Meer glänzender Darmschlingen warm und geborgen eine kleine, vorwitzige Zyste aufs geborgen werden wartet, nein, wir befinden uns gerade life und in Farbe in dem wahrscheinlich schönsten, saubersten, rosa-sten Stück Dünndarm, den ein OP-Team je am FreakyFriday gesehen hat…

Ganz ernsthaft jetzt, unter uns und euch: DAS!PASSIERT! Ächt jetzt und ohne Flachs – die Darmverletzung zählt zu den häufigsten Komplikationen schnöder Bauchspiegelungen überhaupt! Und kann vom PJ-ler (okay – der darf die auch nicht wirklich machen) bis hin zum altgedienten, hochdekorierten Chefarzt jedem passieren. Und eigentlich ist es auch kein großes Drama – ein Troikar in der Aorta (große Bauchschlagader) macht dem Operateur deutlich mehr Kopfschmerzen *huust* – aber Napoli liegt ja quasi schon am Boden. Also: LAG am Boden und tut es immer noch, oder so. Und Kopfweh gab es umsonst obendrauf.

Fast tut er mir ein bisschen leid, wie er da jämmerlich auf das Stück Darm-Innenlebens starrt, als könne gleich ein Schild mit der Aufschrift “Versteckte Kamera” aus der rosa Schleimhaut-Wand geschossen kommen.

Kommt abba nicht.

“Der Internist wäre bestimmt froh, wenn er mal so ein schönes Bild aus dem Dünndarm bekäme!” meint Edda aufmunternd und streckt ihren behandschuhten, rechten Daumen hinter dem Tuch in die Höhe.

Napoli ist kein wirklich humoristischer Mensch. Und diesen kleinen Aufmunterungsversuch hätte er normalerweise gnadenlos vom (OP-)Tisch gefegt. Doch unser leitender Mann am Laparoskop ist getroffen. Angeschossen und verletzt. Physisch und psychisch. Und so schüttelt er nur stumm den Kopf, betrachtet sein Werk erneut und noch einmal, ganz genau und ausführlich, bevor er mit einem tiefen Seufzer erst Kamera, dann Führungshülse aus dem kleinen Loch im Nabel der Patientin zieht und mit tonloser Stimme nach dem Skalpell verlangt.

Fünf schweigsamen Minuten braucht es, Frau Müller-Husemanns Bauch vorschriftsmässig zu eröffnen, fünf weitere Minuten, das Loch in ihrem Darm ausfindig zu machen, welches nach fünf weiteren Minuten versorgt, vernäht und vorsichtig zu seinen Darmschlingen-Freunden zurückverfrachtet ist. Anschließend entfernt Napoli – souverän aber seltsam schweigend – die gut fünf Zentimeter große, unauffällig ausschauende Eierstockszyste der Patientin und hat nach nicht einmal zwanzig zusätzlichen Minuten den Bauch sauber verschlossen, vernäht und verpflastert, bevor er sich – grusslos und leicht schwankenden Schrittes, aus OP-Saal 5, Gynäkologie enfernt hat.

“Und jetzt?” flüstert Darling ängstlich, als wir Frau M-H gemeinschaftlich aus ihrer OP-Verpackung geschält und unsere Überkittel und Handschuhe im dafür vorgesehenen Mülleimer versenkt haben.

“Was jetzt?” flüstere ich zurück und schaue ratlos.

“Warum flüstert ihr?” fragt Edda leise und hält der Patientin vorsorglich noch ein wenig Sauerstoff vor die Nase.

“WAS IST DENN JETZT LOS?” trötet Ottilie unbeeindruckt und schaut uns eine nach der anderen streng an. “Seid ihr etwa auch alle von der Leiter gefallen? Los – raus hier! Gleich kommt das Putzteam, und in Fünfzehn Minuten geht es weiter! Auf: Essen fassen, Kaffee trinken, wieder kommen!”

Und scheucht uns mit ausgreifenden Armbewegungen vor sich her, wie die Entenmutter ihre Küken.

“Aber – vielleicht sollten wir den Rest lieber auf ein andermal verlegen…?!” ruft Darling verzweifelt über die Schulter in den OP-Saal hinein, während sie folgsam hinter Igor zur Tür hinaus trottet.

“Quatsch!” ruft Ottilie energisch “Es hat sich jetzt aus-ge-freaky-fridayed! Aber sowas von!”

Na – wenn DIE mal wüsste….

———————–to be continued—————————

“If it walks like a duck, quacks like a duck, looks like a duck,…

…it must be a duck!”

Heisst: Wenn es läuft wie eine Ende, quakt wie eine Ente, aussieht wie eine Ente – dann wird es wohl auch eine Ente sein!

Und dieser Freitag sah nicht nur aus, wie FreakyFriday *KLICK*, er fühlte sich auch definitiv danach an. Das wusste ich jetzt. Obwohl ich bis vor ca. 35 Minuten noch keinen Schimmer hatte, dass es solche Dinge wie “seltsame Freitage” überhaupt gibt.

Nachdem nun alle Lachtränen getrocknet sind und wir uns alle wieder schön unter Kontrolle haben, lässt uns OP-Schwester Darling endlich – wenn auch nur wiederwillig – wissen, was denn eigentlich passiert ist:

“Der Chef hängt auf dem Klo fest, weil der Schlüssel von innen abgebrochen ist. Jetzt suchen sie einen Neuen – also Schlüssel, nicht Chef! Und bis es soweit ist, übernimmt Napoli den OP-Plan”

Was ganz schön traurig ist. Denn der kleine, italienische Oberarzt ist Freitagsmorgens kein rechter Ausbund an Fröhlichkeit und Ruhe. Okay – auch sonst nicht. Aber Freitags am allerwenigsten. Ganz schlimm! Und doppelt schlimm, wenn man sich eigentlich auf entspanntes Operieren mit dem allzeit hochentspannten Chefarzt gefreut hatte. Aber da isser nun schon: Francesco Napoli, leidtenderOberarzt der Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe…

“Es ist unglaublich!” brüllt er, kaum, dass er den Saal betreten hat “Soll ich mich vierteilen? Eh? Wer macht jetzt meine Ambulanz? Und das Paper für den Kongress nächsten Monat? Eh? Was ist das hier überhaupt und WO ist mein Tritt?”

“…tritt in den Allerwertesten wäre jetzt wirklich angebracht!” denke ich innerlich seufzend und sehe Edda aus den Augenwinkeln wild mit den Augäpfeln rollen.

“Guten Morgen, Francesco! Ich geb dir gleich höchstpersönlich einen Tritt, wenn deine Laune nicht UMGEHEND besser wird!”

Hurray – ich hatte Oberschwester Ottilie völlig vergessen, die einzige Frau weit und breit, welche unseren kleinen, hypertrophen Italiener im Griff hat. Okay, vielleicht noch ausser Rosaria, Napolis wunderschöner, ewig froh gelaunter Ehefrau…

“Darling- besorg deinem Oberarzt die Stufe, damit er auch sieht, wo er hin operiert. Und jetzt machen wir alle mal ein bisschen pronto, sonst stehen wir nämlich nächsten Freitag auch noch hier – hopphopp!”

Keine dreissig Sekunden später steht Napoli dann tatsächlich, steril verpackt, am Tisch und blitzt mich über die schlafende Patientin hinweg böse an: “Was soll das? Warum grinsen sie?”

Weil ich von dir Zwerg nur die Nasenspitze sehe….?

Ich (mühsam das Lachen verkneifend): “Öhm – ich musste gerade an etwas lustiges denken… ” *HüstelRöchel*

Es ist aber auch zu komisch – Francesco Napoli misst nun einmal von der Sohle bis zum Scheitel keinen Millimeter mehr als 1,66 m. Der Operationstisch ist ungefähr einen Meter zwanzig hoch, die Frau darauf nochmal um die Vierzig Zentimeter (ja – zierlich ist anders) – heisst: Wenn der Oberarzt hier tatsächlich operativ tätig werden möchte, braucht er in jedem Fall einen Tritt. Also: Hocker. Oder eine Leiter, aber das sage ich nicht laut, sonst wird das hier mein letzter Freitag überhaupt, freaky hin oder her…

Napoli (mit einer Stimme im Bereich flüssigen Stickstoffes): “Wenn wir zwei uns nicht gleich auf Augenhöhe befinden, wird nicht nur ihnen ganz schnell das Lachen vergehen…!”

Au weia – jetzt ist er nicht mehr sauer, jetzt wird er gleich tollwütig…

Ottilie (brüllend): ” HERRGOTT NOCHMAL – DARLING??? Hast du dich verlaufen oder was?”

Darling – irgendwo in den Untiefen des Operationstraktes, auf der Suche nach einer geeigneten Erhöhung für den Mini-Oberarzt: “Ich hab keine Ahnung, wo der blöde Tritt hin ist! Ich kann ihn nicht finden!”

Auf Napolis Stirn bilden sich jetzt kleine Schweisströpfchen und ich ziehe vorsichtshalber den Kopf so weit zurück, dass er komplett aus meinem Sichtfeld verschwindet – hinter der großen Frau auf dem Tisch vor mir fühle ich mich einigermassen geschützt, denn ein explodierender Napoli ist gefährlicher als ein Flammenwerfer in einer Fabrik für Feuerwerkskörper.

“Das ist alles, was ich gefunden habe” stöhnt Darling, von links in den OP kommend, und schleppt eine dreistufige Trittleiter vor sich her, wie Hausfrauen sie zum Gardine aufhängen gerne benutzen.

Ich spüre, wie mir die Hitze in den Kopf steigt und auch Igor zieht vorsorglich sein Picknickdecken-Taschentuch aus der Hosentasche.

“Herr, bitte – wenn er sich DA jetzt drauf stellt, dann sterbe ich…”

Ottilies Augen blitzen über dem grünen Mundschutz, als sie dabei zusieht, wie Napoli mit Zornesfalte über der Nase die Leiter betritt – eine Stufe, noch eine, Bein über den Achsenpunkt und…

“Sehr, sehr schön sieht das aus, lieber Francesco – SO hast du doch mal einen wirklich umfassenden Ausblick auf das OP-Feld und alles…!” und der Hohn tropft bei diesen Worten aus jeder Pore der kleinen, alten OP-Schwester.

Napoli kocht. Seine Hände zittern sachte vor Wut und ich trau mich nicht wirklich, ihm ins Gesicht zu schauen, aus Angst, mich vollends zu vergessen und lachend im OP-Feld zusammenzubrechen. Von der anästhesistischen Seite, nördlich des grünen OP-Tuches, hört man nur angestrengtes Ein- und Ausatmen und ich sehe Edda und Igor vor meinem geistigen Auge, wie sie in höchster Konzentration das Lachen wegzuatmen versuchen, welche kurz vor Ausbruch steht.

“Skalpell! Verress-Nadel! Halten! Kompresse!”

Immer noch höchst aggressiv bellt Napoli seine Anweisungen in den Saal. Nebenan, bei den Chirurgen, wird gerade die Musik gewechselt – offenbar ist deren erste Operation vorschriftsmässig beendet und während die Anästhesie die aktuelle Patientin aus der Narkose hohlt und Richtung Aufwachraum bringt, strecken die Aufschneider neugierig den Kopf durch die Verbindungstür.

“Moin, Freunde!” Luigi streckt sein freundlich grinsendes Gesicht unter grüner OP-Haube durch die Tür, und ich frage mich zum wiederholten Mal, warum UNSER Italiener so ein Dauermiesepeter ist, und die Chirugen den Sunnyboy des Stiefels abbekommen haben. Dann:

“Whow – Napoli! Wollten sie auch mal schauen, wie die Welt aussieht, wenn man größer als einsvierzig ist…?” Sprichts und zieht seinen Kopf unter großem Jubel zurück in den Nachbar-OP, bevor das Unheil seinen Lauf nimmt:

In einer Flut italienischer Schimpfwörter, die wie die Niagarafälle aus ihm herausstürzen, tobt der in seiner Ehre schwer verletzte Oberarzt auf dem wackeligen Leiterchen herum, dass ich ernsthaft befürchte, er könne sich gleich in die Tiefe und damit in den sicheren Tod stürzen. Von nebenan ertönt schadenfrohes Gelächter und auch hinter der Grenze zum Reich der Betäuber weinen Edda und Igor gemeinschafltich dicke Lachtränen in graukariertes Taschentuch.

Ich hingegen stehe – die Kamera in der Linken, Troikar in der Rechten, höchst konzentriert auf meiner Seite der Barriere und zähle von Zweimillionen rückwärts, während ich bete, dass das unbändige Gelächter, welches sich gerade in den Tiefen meiner Därme zu formieren scheint, unten bleiben möge.

“DOKTOR CHAOS!”

Ich *grmpflschllfpf*: “Ja – Oberarzt?”

“Ich WARNE sie – wenn sie jetzt auch gleich lachen…!”

Seine Stimme ist jetzt nur noch diabolisches Flüstern und ich könnte schwören, dass kleine Hörnchen unter seiner OP-Haube gewachsen sind….

Ich (piepsend): “nein…. auf keinem fall….”

Ottilie (unschuldig): “Und, Francesco – wie IST es denn jetzt da oben? Hast du die Alpen schon sehen können…!”

Napolis wildes Geschreie höre ich nur noch gedämpft, während das Lachen sich in unbändigem Glucksen und Gröhlen aus mir heraus katapultiert, mich gar so sehr schüttelt, dass ich mich mit beiden Händen an meiner Patientin festhalten muss. Und als ihn sein Gehüpfe und Gehampele dann urplötzlich von der Leiter haut, laufen mir die Lachtränen bereits unter dem Mundschutz hinweg in den Ausschnitt meines dunkelgrünen OP-Hemdes…

———————————–To be continued———————————–

It´s SHOWTIME!!!

Nachdem ich mich vorschrifts- und OP-mässig angekleidet und meine Siebensachen im Spind verstaut habe, schleiche ich – misstrauisch nach rechts und links schauend – hinter OP-Schwester Darling her in Richtung gynäkologischer OP-Saal. Misstrauisch wegen des FreakyFriday *KLICK*, von dem ich gerade eben erst erfahren habe, und der mir aktuell mehr Respekt einflösst, als ich zugeben will.

Doch erst ist einmal alles wie immer – die Patientin wird auf ihrer Liege herein gefahren und freundlich begrüsst, der Name auf ihrem Plastik-Armband mit dem Namen der Patienten-Akte verglichen. Anschließend die Diagnose in der Patienten-Akte mit der Diagnose auf dem OP-Programm gegengecheckt. Es folgt: Auftritt Anästhesie-Edda, Vollnarkose für die Frau und Auftritt Chef.

SO sollte es jedenfalls sein…

“Josephine? Wo ist er?”

Frau Müller-Husemann, Patientin Nummer Eins mit großer Zyste am Eierstock, träumt bereits den Schlaf der Gerechten, ist verkabelt, gelagert, katheterisiert und gewaschen – somit eigentlich bereit für den ersten Eingriff des Tages, doch: es fehlt der Chef!”

“Josephine!” Ungeduldig trommelt Ottilie mit der steril behandschuhten Rechten auf ihren sauber gedeckten Instrumententisch ein “Josephiiiene – der Chef fehlt!”

“Und ich hab mich schon gewundert, warum mir keiner die Kamera hält” murmel ich böse vor mich hin – mal ehrlich: was kann ICH dafür? Der Chef hat einen OP-Plan. Und kann ihn lesen. Und wenn da steht: 8 Uhr, OP 5, dann IST ER da. Immer. Also – immer ausser heute…

“Was soll ich denn bitteschön machen?” Anklagend strecke ich meine ebenfalls steril verpackten Hände in die Luft und wedel ein bisschen darin herum. “Wenn vielleicht der Springer so nett wäre…?!”

Klären wir doch erst einmal den medizinischen Fachjargon: In einem OP gibt es gemeinhin den Anästhesisten. Gasmann, Sandmann, whatever. Der macht – wie es der Name schon nahe legt – Anästhesie. Narkose. Schlaf. Dem Gasmann beigestellt ist in der Regel eine anästhesistische Fachkraft, die beim anästhesieren und intubieren assistiert, ausserdem die Zeitung holt, das Brötchen schmiert, Kaffee umrührt. Nee, Spass.

Das Anästhesisten-Team knippst dem Patienten vor jeder OP temporär das Licht aus, sieht dann zu, dass dies unterwegs (= für die Dauer des Eingriffes) so bleibt, und macht eben jenes Licht nach Beendigung der Operation wieder an. So Gott und der Operateur es zulassen… *ggg*

Dann gibt es das OP-Pflegepersonal, bestehend aus einer (steril gewaschenen) Instrumenten-Pflegefachkraft und einem (unsterilen) Springer. Die Instrumenten-Tante (Respektive: -Onkel. Ich bleibe der Einfachheit halber mal bei der gynäkologischen Variante) hat ein bis viele (sterile) Tische, auf denen die jeweiligen Instrumente liegen, die für die gerade durchgeführt Operation gebraucht werden. Sie ist dafür zuständig, dass der Operateur genau das bekommt, was er gerade braucht. Oder will. Oder glaubt zu brauchen! Letzteres kann dann auch gerne mal in längere Diskussionen ausarten, dazu jedoch später sicher mehr.

Der Springer seinerseits sorgt für Nachschub am Tisch, stellt ausserdem das Licht ein, wechselt die CDs, sagt den Leuten im Nachbar-OP, dass sie leiser (oder lauter) singen/streiten/lachen/fluchen sollen, klärt wichtige Fragen, wie z.B. die Wettervorhersage fürs Wochenende (gerne kooperativ mit der Anästhesie, die fast immer ein iPhone oder iPad dabei hat) und lässt bei längeren Eingriffen das Mittagessen beiseite stellen.

Springer des heutigen Tages ist – *Tataaaaa* – Schwester Darling, die nun mit vergrämtem Blick des Chefs Nummer ins OP-Telefon hämmert und dabei fortlaufend “Ich sag´s ja – Freaky Friday!” murmelt. Dann

“Chef? CHEF? OP Fünf, Darling… – WAS? NEIN! Ich habe nicht sie gemeint! Darling! OP-Schwester Dar…? BITTE? Ja. JA! Daria! Is´ gut. Kein Problem…” Die Gesichtsfarbe der Schwester wechselt gerade in rasender Geschwindigkeit alle Rottöne der Farbskala durch, während der Rest des Saales gemeinschaftlich Schnappatmung zelebriert.

“Wie lange? Wie lange? WO?!?! Okay – ja, ist gut, ich gebe es weiter…!”

Kaum hat sie aufgelegt, herrscht schallendes Gelächter im Saal

“Muaahahaha – Kindchen, du hättest dein Gesicht sehen sollen!!!”

Ottilie ist gerade dabei, über ihrem sterilen Tisch zusammen zu brechen, während auch ich mich nur schwer auf den Beinen halten kann. “Darling” zum Chef-Gynäkologen zu sagen ist aber auch wirklich grossartig.

“Ihr seid soooo dooof!”

Darlings Gesicht glüht wie ein Hochofen – fast meint man, seichten Rauch aus den Öhrchen aufsteigen zu sehen.

Auch Anästhesie-Edda wiehert lustig amüsiert, während sich OP-Pfleger Igor mit einem Taschentuch, groß wie eine Picknickdecke, die Lachtränen aus dem Gesicht wischt.

“Pfffft” macht das beleidigte Schwesterchen “dafür kommt jetzt Napoli. Der Chef steckt auf dem Klo fest!”

“WAAAAAS?!”

Für einen kurzen Moment herrscht Stille in OP-Saal Fünf, dann bricht das totale Chaos los.

“Auf_der_Toilette?!” grunzt Igor, während er sich japsend am Laparoskopie-Turm abstütztwährend. Die Lachtränen schiessen ihm nur so aus den Augen und Edda muss sich gar setzten vor Lachen.
Im Nachbarsaal werden die neugierigen Rufe lauter – die dort operierenden Chirurgen möchten – samt Anästhesie- und Pflege-Team – ganz dringend wissen, was bei uns los ist und verlangen Aufklärung.

“Darling – ich glaube, ich werde gerade Fan von deinem verrückten Freitag…!”

Doch da war es noch lange nicht aller Tage Abend…

———————————to be continued——————————-

Friday, Freaky Friday…!

Es ist 7.50 Uhr an einem Freitagmorgen, als ich, gut gelaunt und frohen Mutes, den OP-Umkleideraum betrete und Zeuge eines seltenen Schauspiels werde…

Ich (verwundert): “Guten Morgen, Darling! Kann ich irgendwie behilflich sein?”

Vorsichtig ziehe ich die Tür hinter mir zu – nicht, dass noch irgendwer sonst sieht, was ich gerade sehe, nämlich: OP-Schwester Daria Linde, genannt “Darling”. Das allein ist jetzt tatsächlich kein Besorgnis erregender Anblick, denn Darling ist jung, hübsch und obendrein ordentlich gebaut: mit dem richtigen Mass weiblicher Rundung an den dafür vorgesehenen Stellen. An diesem Morgen jedoch steht sie – einbeinig mit rotbesocktem Fuss in ihrem gepunkteten OP-Schuh und einer Klein-Mädchen-Blumen-Unterhose unter grünen OP-Hemd herausspitzelnd – in der Umkleide unseres Operationstraktes, und hüpft im Kreis.

Ich (stirnrunzelnd): “Darling? Hast du heute Morgen irgendetwas schlechtes geraucht oder so?”

Darling schüttelt energisch den Kopf, während sie weiterhin konzentriert in dem kleinen Raum herümhöppelt. Einbeinig und im Uhrzeigersinn. Ich überlege gerade, ob dies ein Fall für den psychiatrischen Diensthabenden sein könnte, als sich die Tür hinter mir mit einem energischen Ruck öffnet und Ottilie, Oberschwester der Abteilung für operative Tätigkeit, das Set betritt.

Ottie (bellend): “MOIN, Josephine! Darling? Freaky Friday? Schon wieder?”

Freaky – WAS?

Entgeistert starre ich von Ottie zur immer noch hüpfenden Schwester hinüber, die – jetzt ein bisschen schwer atmend und mit kleinen Schweisströpfchen auf der Stirn – zustimmend nickt.

“…JA…” schnauft es angestrengt zwischen drei Hüpfern und einer halben Drehung “…Vollmond! UND Übi in Zwei UND Katha krank UND Pizza zum Mittag UND Messer im Urlaub!”

Ottie (verständnisvoll): “Jou – Freaky Friday. Ganz klar!”

Sprichts, sucht einen Stapel OP-Kleidung aus der Kammer zusammen und beginnt sich – seelenruhig pfeifend – aus ihrer Wäsche zu schälen, während das OP-Schwesterchen weiter entfesselt im Kreis hüpft – jetzt zur Abwechslung mal entgegen dem Uhrzeigersinn.

Ja, schlack noch eins – sind denn alle völlig verrückt geworden? Da…

“Mooooiiiiin!”

Erneut öffnet sich die Tür zur Umkleide und herein schneit Edda Lieblich, anästhesistische Assistenzärztin und offensichtlich bestens bekannt mit den Gepflogenheiten unseres OPs, denn mit einem Blick auf die hüpfende Schwester ruft die Gastante überrascht aus:

“Verdammt! Freaky Friday hatten wir doch erst letzten Monat?”

Ich glaub es ja nicht – habe ich irgendetwas verpasst? Ist das ein Anti-Gyn-Insider?

“Josephine” – Darling hat jetzt endlich das Gehüpfe eingestellt und wischt sich die Schweisstropfen mit einem Papiertuch vom Gesicht, welches Ottilie ihr hilfsbereit hinhält – “Josephine, sag nicht, du hast noch nie etwas vom “Freaky Friday” gehört.

Nee – habbisch nich…

Ich schüttel unwissend den Kopf, als Edda auch schon hilfsbereit fortfährt, die Stimme zu verschwörerischem Flüstern gesenkt: “Am Freaky-Friday geht immer ALLES schief!” Ernst schaut sie mich aus großen, rehbraunen Augen an, während Darling aufgeregt mit ihrer lila OP-Haube winkt “Alles geht da schief – ganz wirklich! ALLES! Und nur manchmal kann man es mit dem Anti-Freaky-Friday-Tanz noch in letzter Sekunde herum reißen!”

Ich werfe einen kurzen Blick auf die Display-Anzeige meines Diensttelefons – nein! Heute ist mitnichten der 1. April.

“Sagt – habt ihr etwa gemeinsam komisches Zeug geraucht?” und tippe vielsagend mit dem Finger an die Stirn. “Was soll das mit “Übi in Zwei” und überhaupt?”

“GANZ einfach!” Mit wichtiger Miene baut sich die kleine OP-Schwester vor mir auf und hält mir die geschlossene Faust vor die Nase. Fast befürchte ich, jetzt für mein breites Unverständnis eines auf die Nase zu bekommen, als Darlings Zeigefinger in die Höhe schnellt:

Ers_tens – Übi operiert nie-niemals in OP II, seit ihn die kleine Roma damals wegen des Leberfleckes noch bis in die übernächste Generation verflucht hat! VOM OP-Tisch herunter!”

“Hihi” gluckst Ottie hinter mir vergnügt in sich hinein “das war wirklich eine Show…!”. Und auch Edda nickt nur vielsagend.

Ich (fassungslos): “Okay – es scheint noch mehr unglaubliche Dinge in diesem Haus zu geben, von denen ich noch nie gehört habe…”

Zwei_tens” fährt Darling ungerührt fort, während nun auch der Ringfinger nach oben ploppt “Katha ist NIE krank! NIEMALS NIE! Und jetzt schon den fünften Tag in Folge!”

“Katha” ist unsere allseits unglaublich beliebte, urologische Chefärztin, heisst eigentlich Dr. Katharina Gustafsson, wird aber – auf eigenen Wunsch hin – allseits nur beim Vornamen genannt, was ihrer Autorität jedoch keinerlei Abbruch tut. Und Katha ist schlicht NIE krank. Also – bis auf jetzt.

Drit_tens” – die OP-Schwester ist nicht mehr zu bremsen, ein dritter Finger schnellt vor meiner Nase empor “Pizza! Zum Mittag! Am Freitag!…”

…gibt es sonst nie. Ausser zu Silvester oder an drei-gestrichenen Feiertagen..

“….Uuuuuuund….”

…JETZT kommt es – vier Finger vor meinem schielenden Blick warte ich gespannt aufs Finale…

VIER_TENS….” Jubilierend bricht es aus ihr heraus “MESSER!HAT!URLAUB!”

Okay – jetzt habe auch ich es kapiert. Punkt eins bis drei ist – jede Einheit für sich genommen – schon bemerkenswert. Der Vollmond hingegen geht als klinischer Aberglaube durch – operieren ist Kunst und Künstler sind abergläubisch. Das ist einfach so. Aber das Oberarzt Dr. Messer, der Mann, von dem böse Zungen behaupten, er hätte die Geburt ALL seiner sieben Kinder schlicht ver-operiert, das der tatsächlich im URLAUB ist. Freiwillig! DAS hat die Welt noch nicht gesehen.

Ich (beeindruckt): “Whow – Ich bekomme gerade ein bisschen Angst…”

Darling (verschwörerisch): “Und ich erst…!”

Edda klappert nur nervös mit den Augen, während Ottie, den Trauermarsch pfeifend, die Umkleide verlässt…

————————to be continued———————————

Es waren zwei Königskinder…

Als das Telefon klingelt, liege ich gerade am Pool und schlürfe genüsslich MaiTais in mich hinein, während die Kinderlein malerisch durchs Wasser plätschern und der Gatte fürsorglich meine Füße knetet. Es dauert gefühlte Stunden bis ich kapiere, dass das Klingeln mitnichten aus der Tiefe meines Kaltgetränkes heraufschallt, sondern aus dem Apparat neben meinem Bett. Meinem Dienstbett. Ein verschafenes Blinzeln auf das beleuchtete Display verrät zwei Dinge: Es ist spät und es ist die Ambulanz.

Ich (gähnend): “Josephine – wer stört?”

Schwester Notfall (mürrisch): “Zwei Kinder!”

Ich: “Nofall – du hast dich verwählt – ich bin die Frauenärztin. Der Pädiater schläft woanders!”

Notfall: “Die Kinder bekommen ein Kind! Du bist dran…”

Ich (greinend): “Muaaaah – ich will nicht!”

Notfall (ungnädig): “Dann solltest du dich nach einem anderen Job umsehen!” Sprichts und legt auf.

Ich quäl mich also aus meinem warmen Nest, stolpere in Schuhe und Kittel und mach mich auf den langen Weg in die nächtliche Ambulanz. Dort harrt Schwester Notfall bereits geduldig meiner Ankunft und drückt mir ungefragt einen dampfenden Pott Kaffee in die Hand.

Notfall: “Hier – ist frisch!”

Selbst wenn die Welt unterginge – meine Lieblingsschwester hätte irgendwo zwischen Erdbeben und Sinflut immer noch eine Kanne brühend heißen Kaffees versteckt. Unglaublich!

Ich: “Danke – wo sind die Zwei?”

Mit einem kurzen Kopfnicken zum nächstgelegenen Ambulanzzimmer weist die Schwester mir den Weg und verschwindet dann in den unendlichen Weiten der nächtlichen Flure. Ich nehme einen tiefen Schluck aus dem Pott und betrete das Zimmerchen, wo – in der Tat – zwei Kinder sitzen!

Ich: “Guten Morgen! Ihr seid sicher, das ihr hier richtig seid?”

Okay – das ist NICHT mein gewohntes Intro, aber auf den Stühlen vor mir sitzen ein gefühlt 9-jähriges Schwesterchen, winzig klein und klapperdürr, sowie das dazugehörige Brüderchen – nur unwesentlich größer und kaum 12 Jahre alt. Schwesterchen (welches laut Notfallschein tatsächlich schon 16 Lenze zählt) hält mir schüchtern ihr durchscheinendes Händchen entgegen.

Sie: “Hallo. Ich bin schwanger und habe starke Schmerzen!”

In den großen, babyblauen Augen steht das Wasser gefährlich hoch und Schwesterchens Stimme zittert gefährlich, aber ihr Händedruck ist angenehm fest und beinah erwachsen. Süß die Kleine. Ich merke, wie mir das Mutterherz aufgeht.

Ich (am Schreibtisch Platz nehmend): “Okay, Schwesterchen – erzähl mal. Was genau hast du für Probleme und seit wann?”

Nun – seit dem frühen Abend brennt es wohl beim Wasser lassen und vor zwei Stunden wurde sie dann mit starken Schmerzen wach. Schwanger sind die Königskinder seit 18 Wochen und  bis jetzt war alles ganz okay – sieht man davon ab, dass Mami mit erschreckenden 50 kg Ausgangsgewicht jetzt gerade mal noch 45 kg vorzuweisen hat.

Sie (stolz): “Drei Kilo hab ich aber schon wieder zugenommen!”

Whow – DA bin ich jetzt aber beruhigt…

Brüderchen sagt die ganze Zeit über gar nichts. Dafür hält er Schwesterchens Hand, ganz lieb, und streichelt mit der anderen immer mal wieder über den Minibauch unter grünweissem Ringel-Pullover.

Ich: “Okay, Süße – du hast da auf alle Fälle einen ordentlichen Harnwegsinfekt. Dein U-Stix leuchtet quasi im Dunkeln. Jetzt schauen wir mal, ob es dem Baby auch gut geht, dann bekommst du ein Rezept für Antibiotika und alles wird gut, okay?”

Schwesterchen nickt eifrig, während Brüderchen anstalten macht, das Zimmer zu verlassen. Herrjeh – wenn ich die Beiden nicht schon längst ins Herz geschlossen hätte – gerade eben wäre es dann ganz sicher passiert! Ein Kerl, der kaum älter ist als mein Golden Retriever, aber weiss, wie man Pluspunkte bei der diensthabenden Frauenärztin sammelt. Ich bin FAN!

Ich: “Brüderchen – du darfst gerne bleiben und zuschauen, wenn deine Partnerin nichts dagegen hat.”

Hat sie natürlich nicht, und so werden beide Eltern kurze Zeit später Zeuge, wie ihr Nachwuchs lustige Kapriolen in Form von Purzelbäumen vorwärts und rückwärts auf dem Monitor meines Ultraschallgerätes schlägt. Schwesterchen laufen ein paar stille Tränen die Wange herunter, während Brüderchen strahlt wie eine 100-Watt-Glühbirne.

Und weil sie so lieb sind, die Königskinder, und sich so arg freuen, über das Baby in diesem winzigen Bauch, außerdem noch nicht einmal anstalten machen, von sich aus danach zu fragen, tue ich, was ich mir eigentlich schon vor Ur-Zeiten abgewöhnt habe – ich schiesse ein ganz schönes Profil-Bild vom Baby-Königskind. Und drucke es nicht einmal, sondern gleich zweimal aus, drücke eines der Mama und das andere dem kleinen Papa in die Hand. Und als der mich dann mit Pipi in den Augen anschaut und das Bildchen, nachdem er liebevoll drüber gestreichelt hat, ganz vorsichtig in seinem abgenutzten Kindergeldbeutel verstaut, mir anschließend gefühlte zehn Minuten die Hand schüttelt, bevor er still mit seinem Mädchen von dannen zieht – muss ich doch auch einmal feste Schlucken. Hatte wohl etwas ins Auge bekommen… ;)

Circus HalliGalli…

“Mom? Mom! MOM!?”

“Hmmmmmm…..?”

Schlaftrunken öffne ich mein rechtes Auge und erblicke mein völlig derangiertes Spiegelbild in den Augen meines drittgeborenen Kindes.

“Mom!” wiederholt es erfreut und lässt seine Zähne vor meiner Nasenspitze blitzen. “Was tust du?”

“Rückenschwimmen” murmel ich ungnädig und schließe das Auge wieder. Viel zu hell, viel zu müde.

“MOM!”

Kind drei männlich ist nicht das, was man allgemeinhin als “geduldig” bezeichnet. Ich öffne also mein Auge erneut, wohl wissend, das Junior erst dann das Feld räumen und mich in Frieden weiter schlafen lassen würde, wenn er befriedigende Antwort auf das aktuelle Verlangen bekommen hätte.

“Was.Ist?”

“Warum schläfst du?”

Juniors Gesicht befindet sich immer noch nur Millimeter von meinem entfernt, was mich ein wenig irritiert.

“Sohn – sei doch so nett und gib mir wenigstens so viel Platz, dass ich mein zweites Auge auch noch auf bekomme.

Ich bekomme den Platz. Wenn auch widerwillig, denn Kind Nummer 3 ist ein Kontakttierchen. Je näher, je besser. Muss in seinem früheren Leben ein Känguru gewesen sein.

“Warum schläfst du?”

“Weil ich müde bin?” Gibt es noch andere Alternativen? Ich überlege, aber mir fällt nicht wirklich eine ein.

“Warum bist du müde? Es ist Viertel nach Zwei?”

Der Nachwuchs ist ein recht hartnäckiges Känguru, soviel ist mal klar.

“Weil ich vielleicht Dienst hatte? Und nicht wirklich zum Schlafen gekommen bin?”

“Ah. Okay…!” Immerhin – verständnisvoll ist er ja, der Kleine. Streichelt mir jetzt mitfühlend über den Arm, während er angstrengt durch mich hindurch stiert. Da kommt noch was – ich merk das schon…

“Aber – warum hast du denn nicht im Dienst geschlafen?”

Verdammt gute Frage. Die Antwort: Man hat mich schlicht nicht schlafen lassen…

Sonntag, 8:00 AM

Knackige Übergabe im Kreißsaalstützpunkt. Das Bambi, diensthabende Ärztin des Vortages, hat tiefe, dunkle Ringe unter den Augen – zwei schwangere Aufnahmen mitten in der Nacht, dreimal Ambulanz (Harnwegsinfekt, Harnwegsinfekt und Frau mit Langeweile auf der Suche nach Zerstreuung) dazwischen, eine Geburt und kein bisschen Schlaf – die kleine Assistenzärztin ist augenscheinlich mit den Nerven am Ende. Im Orbit kreissen derweil insgesamt noch 5 weitere Schwangere – it´s Showtime!

8:15 AM

Visite mit Schwester Elvira, die schlecht gelaunt und mit mürrischem Blick hinter mir her von Zimmer zu Zimmer trottet. 25 Patientinnen warten hier auf Trost und Ansprache, Verbandswechsel und Drainagen-Entfernung. Witwe Bolte aus Zimmer 0815 diskutiert 10 Minuten lang ausführlich ihr gesamtes Verdauungssystem sowie jeden einzelnen Stuhlgang der letzten drei Wochen mit mir, während Chantalle-Schakkeline Jung aus dem Nachbarraum über Schwindel und Unwohlsein klagt.

“Schwindel und Unwohlsein BEVOR oder NACHDEM sie heute morgen geraucht haben?”

Die kleine Frau errötet hold bis unter die Haarwurzeln – hatte mich gar nicht gesehen, als ich vorhin an ihr vorbei zur Arbeit lief. Ich sie schon – gemütlich rauchend und kein bisschen leidend. Unverblümt teile ich dem Chantalle mit, dass ich sie heute, an Tag 5 nach absolut unauffälliger Bauchspiegelung nach Hause zu schicken gedächte, und nein, krank schreiben ist nur bis zum kommenden Tag möglich und keinesfalls bis August 2013, hörmma, JETZT ABBA!

Chantalle-Schakkeline versucht es noch mit der Tränendrüsen-Nummer, da sind wir auch schon weiter gezogen. Leben ist kein Ponyschlecken, soviel ist mal klar.

9:00 AM

Pünktlich zum Ende der Visiten-Nummer rappelt das Diensttelefon und ruft zur Geburt – im meerblauen Kreißsaal Nummer I liegt Frau Müller-Lüdenscheidt in der himmelblauen Gebärbadewanne und stöhnt laut und anhaltend vor sich hin, während O-Helga, die Oberhebamme, beruhigend auf sie einredet.

“Schön. Ja. Weiter. So ist es gut. So. Ja. JA. JAAAA!”

Geburtshelfer sind so verschieden wie Sommerblumen auf einer Bergwiese. Es gibt die

- Cheerleader – “Yeah! Baby – Yeah. Super-Schön Machst-Du-Das – YeahYeahYeah!” *PomPomsSchwing* ,

- die Mutterflüsterer – “Du, das ist gaaaanz schön, was du da machst, Sonja-Beate. Das fühlt sich so ganz und gar richtig an und kraftvoll und stark, ich fühl das ganz arg deutlich. Und wenn du jetzt magst, Sonja-Beate, dann atme doch mal ganz arg doll zu Marvin-Tscheremeier hin, du, ja?”. Es gibt

- die Schreier – “Ja. Jaaa. Jaaaaaaa. JAAAAAA. JAAAAAAAAAAAAAAAAA!!!!! und dann auch noch

- die leisen Menschen – “Schön. Ja. Kleiner Schubs noch. ……. Prima. Ist da.”.

Ich persönlich bin eine gute fifty-fifty-Mischung aus Cheerleader und Schreier

“Ja! JA! SUPER! Das ist TOLL! Sie machen das GROSSARTIG! Ich sehe Haare! Schwarze, blonde, rote, gelockte, keine Haare! Es kommt! Es ist fast da! JA! Oh mein Gott! JA! HURRAAAA. ES KOMMT. ES KOOOHOOOOMT. ES.KOOOOMT. JEEEEHEEETZT!!! *räusper* – was soll ich machen – ich kann nicht anders :)

O-Helga hingegen ist das genaue Gegenteil von mir. Kann mit drei Worten ein Kind rausreden, auf das ich zuvor zwei Stunden lang eingebrüllt habe. Okay – kann man irgendwie verstehen. In jedem Fall ist ein Doppeleinsatz von mir und der alten Oberhebamme extrem unterhaltsam.

Ich: “Super! SUPER! Das machen sie SUPER!”

O-Helga *streng*: “Josephine – Klappe!”

Ich *kleinlaut*: “Mönsch, O-Helga! Bisschen anfeuern?”

Unerbittlich schüttelt die kleine Hebamme den graubehaarten Kopf und so klappe ich meinen Mund wie geheißen zu. Dann kommt die nächste Wehe, Frau Müller-Lüdenscheidt presst…

O-Helga *ruhig*: “Jaaa…….!”

Ich *hibbel*: “Hmpffffff….”

Und dann ist es da! Rausgeploppt. Unkompliziert. Und schwimmt verträumt in der Wanne umher. Während O-Helga es mit fachmännischem Griff einfängt und der erschöpften Mutter an die nasse Brust drückt, verabschiede ich mich zügig in Richtung Ambulanz, wo um…

9:15 AM

…15 Patientinnen sitzen. Fünfzehn. In Worten: FÜNFZEHN!!! Sind die alle bescheuert, oder was?

Ich *schockiert*: “(Schwester)Notfall – sind die alle bescheuert?”

Notfall schlürft ungerührt an ihrem Kaffee, während sie mir mit links einen Stapel Akten entgegenhält “Mehr oder weniger” brummt sie schlecht gelaunt und schiebt mich ins nächstgelegene Untersuchungszimmer, zu einer Blutung in der Frühschwangerschaft.

Dann zu Schmerzen in der Frühschwangerschaft, einem Scheidenpilz, einem Harnwegsinfekt, Schmerzen im Unterbauch ohne Schwangerschaft, Pille danach, Angst vor Krebs, einem verlorenen Tampon, einer akuten Kinderlosigkeit, einem (negativen) Schwangerschaftstest, noch einem Harnwegsinfekt, einer stationären Aufnahme bei großer Eierstockszyste, einer Frau mit Magenschmerzen (Note to self: Internisten umbringen wegen gemeiner Patientenannahmeverweigerung) und einer Spätschwangeren mit fraglicher Wehentätigkeit. Um

1:00 PM

sitze ich gerade mit Luigi und Anästhesist Sandmann beim Mittagessen, als das Handy bimmelt und “schlechtes CTG” vermeldet – 33jährige Erstgebärende, laaaaaaanger kindlicher Herztonabfall ohne Erholung. Ich heisse Hebamme Ludmilla den Notfallknopf betätigen und hetze zum Kreißsaal, Luigi und den Sandmann einvernehmlich im Schlepptau.

Im Kreißsaal angekommen ist bereits alles vorbereitet: Ludmilla und O-Helga haben die Frau schon im Not-OP auf den Tisch gepackt, sodass Sandmann direkt seine Anästhesie vorbereiten kann, während Luigi und ich uns in die sterilen Handschuhe schmeissen.

“Luigi, Junge – ich bin froh, dass du da bist!” flüster ich noch, bevor der Anästhesist mit erhobenem Daumen das OK zum Schnitt gibt. Alleine notsectionieren ist immer doof, und da der Oberarzt von ausserhalb kommt, ist die Nummer bei seinem Auftritt meist gelaufen. So auch heute – routiniert assistiert der kleine Chirurg meine Sectio und in nicht einmal einer Minute haben wir einen kleinen, mässig schluffigen Jungen aus der warmen Körperhöhle seiner Mutter gepuhlt. Als Oberarzt Napoli mit rotem Gesicht und schwer atmend schließlich doch noch im Kreißsaal aufschlägt, sind der Aufschneider-Kollege und ich bereits am Zunähen, während der Kinderarzt Entwarnung von der Babyfront erteilt.

2:00 PM

Auf Station steppt der Bär. Und Frau Wuschig. Die siebenundneunzigjährige, demente aber unglaublich mobile Brustkrebspatientin hat sich unerlaubt vom Acker gemacht und besucht die Nachbarinnen der Nebenzimmer, während Schwester Clementine verzweifelt versucht, sie ins eigene Zimmerchen zurück zu bugsieren, was Frau Wuschig wiederum nur mit erneutem Fluchtversuch quittiert. Frau Kaiser-Beulenstein, Zustand nach Ausschabung vor zwei Tagen möchte wissen, ob sie nicht vielleicht noch die Blase gehoben bekommen könnte (Jetzt. Heute. Hier – wenn sie denn schon mal da sei…?!), während Frau Haubentaucher, 45 Jahre, Privatpatientin, nach dem Chefarzt der Inneren Medizin verlangt, um sich mit ihm ausführlich über ihr seit mehreren Jahren bestehendes Sodbrennen auseinander setzen zu können.

Ich hänge drei Blutkonserven an, verteile Medikamente, Verbände, Portnadeln und Viggos, ich unterschreibe gefühlt 1000 Laborzettel, Röntgen- und sonstige Befunde, schreibe Konsilanforderungen und Apothekenlisten, drei Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen, ein Attest, fünf Briefe und einen OP-Bericht.

Ich sehe noch fünf Schwangere in der Ambulanz, nehme zwei davon auf. Beide entbinde ich im weiteren Verlauf des Tages. Ich mache ein Konsil für den Kollegen Luigi (eine Hand wäscht schließlich die Andere), zwei für den Internisten (der im Gegenzug Frau Haubentaucher besucht und sich geschlagene 40 Minuten lang die unglaubliche Geschichte ihres Sodbrennens anhört. Ohne weitere Konsequenz, versteht sich!). Ich esse drei Stück Streuselkuchen, ein Snickers, trinke eine Vanillemilch und einen Liter Kaffee. Bereue nach wie vor, Nichtraucher zu sein, sonst könnte ich immer mal wieder für zwei Minuten zum Quatschen auf den Personal-Raucher-Balkon flüchten, und falle um…

11:00 PM

…totmüde ins Dienstbett. Komplett mit Kittel, Telefon, Kugelschreiber und anderem Schnick-Schnack. Um…

11:20 PM

…eiere ich völlig benebelt zu einer weiteren Geburt nach Kreißsaal II, fliederfarben, nähe eine Dreiviertelstunde lang an dem riesen Riss herum, den das 4600 g-Baby seiner Mutter verpasst hat, gehe dann, ohne über Los zu gehen oder nur annähernd 400 Euro zu ziehen Richtung Ambulanz, wo weitere 7 Patientinnen freundlich lächelnd und mit mehr oder minder ausgeprägten Beschwerden auf mich warten. Die da wären:

- Brennen in der Scheide.

- Herpes in der Scheide.

- Spermien in der Scheide. Verzeihung: Pille danach!

- Bauchschmerzen. Überall. Eigentlich Ganzkörperschmerzen. Aber besonders Bauchschmerzen.

- Brennen beim Wasser lassen.

- Frühschwanger. FrühESTschwanger. Erster Tag oder so. Im Ultraschall noch nichts zu sehen. Stationäre Aufnahme zur weiteren Überwachung abgelehnt. ICH hab es abgelehnt!

- Rechtsseitiger Unterbauchschmerz mit dringendem Verdacht auf Eileiterschwangerschaft. Eileiterschwangerschaft im Ultraschall bestätigt. Oberarzt Napoli angerufen und mitgeteilt, dass wir operieren müssen. Stat! Mörder-Anschiss von Oberarzt eingefangen, der “mitten in der Nacht! Wissen Sie, wie spät es ist? MITTEN IN DER NACHT! Da hab ich einfach KEINE LUST ZUM OPERIEREN!” hat, aber nichts desto Trotz natürlich doch kommen muss und das auch tut.

Eine Stunde lang mit einem nölenden, maulenden, motzenden Mini-Italo-Oberarzt am Tisch gestanden und zugesehen, wie meine Lieblings-OP-Schwester Goldi genervt Augen rollt, als wären sie Roulette-Scheiben. Um…

3:00 AM

…erneuter Schlafversuch, welcher von Hebamme Gloria-Victoria mit einer neuerlichen Geburt zunichte gemacht wird. Nach 2 Stunden vergeblichen Entbindungsversuches ist klar: Dieses Kind kommt da nur per Kaiserschnitt raus.

Also erneut Oberarzt Napoli angerufen, der mich extra über Handy zurück ruft, um während seiner Fahrt vom Napolitanischen Zuhause in den Kreißsaal-OP weiter herumbrüllen zu können “Mitten in der Nacht! Hallo??? MITTEN IN DER NACHT…!” Ihr wisst schon.

Am OP-Tisch jetzt OP-Oberschwester Ottilie, dienstälteste Schwester überhaupt, die nach 3 Minuten genug von Napolis Gemaule hat und das auch genau so weiter gibt: “Francesco? Halt jetzt VERDAMMT NOCH MAL die Klappe – das ist ja nicht zum aushalten mit dir!”

YEEEEES – gib es ihm! Ottie vor!!!

Napoli holt noch einmal tief Luft, errötet sichtbar unter seiner OP-Haube – und schweigt. Gegen Schwester Ottilie ist selbst er machtlos – diese Frau hat locker 30 Jahre Berufserfahrung Vorsprung, kannte den cholerischen Italiener noch zu Zeiten, als er medizinisch ein völlig unbeschriebenes Blatt und nicht immer die hellste Kerze auf dem Kuchen der Gynäkologie war. Napoli weiss das. Und Ottie weiss, das er weiss, das sie weiss. Und so beenden wir in himmlischer Stille und seltener Eintracht diese Entbindung. Um…

7:30 AM

…übergebe ich Chefarzt Böhnlein und den müde dreinschauenden Kollegen meinen Dienst und mache mich erschlagen und matt vom Acker, mümmel Zuhause noch ein Brötchen und zwei Tassen Kaffee in mich hinein, wasche ein bisschen Wäsche, kaufe schnell frisches Brot und bring noch schnell den Hund vor die Tür, bevor ich um …

11:30 AM

…völlig erschlagen auf meiner Couch lande.

Der Rest – siehe oben – ist Geschichte… :)

Come to the dark side…

…die gibt es auch. Soll ich ausrichten :)

Denn Cristina meinte in ihrer Antwort auf “Eine Frage der Ehre” *KLICK*:

Du könntest ja auch mal die trübe Seite des Arzt daseins aufschreiben damit es nicht immer klingt wie “alles prima und lustig” und bitte die Geschichte mit der Badewanne…

Gruss
Müsli

Okay – dann wollen wir mal!

In den Jahren meiner ärztlichen Tätigkeit wurde ich:

- gebissen,

- getreten,

- geschlagen,

- geschubst,

- gekniffen,

- beschimpft,

- bespuckt (!)

- bedroht,

- angekotzt

- angeka**t

- angepubst UND

- angemault!

Man hat mich im Operationssaal ankoaguliert (= mit dem Elektrokauter angekogelt!), mit der Pinzette gehauen (auf die Finger!), gezwickt (in den Finger) und ebenselbe nach mir geworfen (absichtlich!). Ich wurde gestochen und geschnitten, bekam Fruchtwasser, Blut, Eiter, Bauchwasser, Zystenflüssigkeit, den Inhalt einer Gebärmutter, den Inhalt eines Atheroms (bäh! BÄH! BÄÄÄÄÄÄÄH!!!) und Fett in allen Aggregatszuständen in die Hose, auf die Hose, die Haare, das Gesicht, die Augen und manchmal sogar in den Mund. Über letzteres hüllen wir das Mäntelchen des Schweigens, darüber will kein Mensch wirklich nachdenken…

Ich habe schon 8 Stunden lang ohne Essen, Trinken und Pinkeln an OP-Tischen gestanden und Haken gehalten, mich dabei wahlweise anschreien oder anmaulen lassen, gerne auch von mehreren Personen gleichzeitige und das in ganz blöden Zeiten sogar für KEIN GELD!

Ich habe mal eine Woche lang nicht mehr als 15 Stunden Schlaf bekommen, dafür 13 Kinder, eines davon fast tot, eines verkehrt herum und einmal Zwillinge (was sehr schön war!).

Ich habe Frauen sterben sehen und Männer. UND Kinder. Was kein Mensch braucht. Ich habe so viel Krebszellen gesehen wie Sterne am Himmel stehen und Menschen zum Weinen gebracht.

Das ist die dunkle Seite. Gehört zum Business dazu, und “alles prima, alles lustig” ist irgendwie anders.

Und trotzdem habe ich den schönsten Job der Welt!

Come to the dark side – we have Cookies!!!

Rutschen sie um Gottes Willen NICHT auf ihrem Erbrochenen aus…!!!

Ja, okay, ich gestehe: ich habe eine heimliche Schwäche für diese Videos. Denn unter all ihrer Monotonie sind sie einfach nur wahr. Real life! So und nicht anders läuft es tagein, tagaus in den Ambulanzen und Kreißsälen dieser Welt. Und wer es nicht glaubt, der soll gerne einmal eine Nacht lang mit mir oder dem Mediziner seines Vertrauens Dienst schieben. Dann werdet Ihr schon sehen… :-D

Dieses Video (siehe gaaaaaaanz unten – aber erst den Blog-Eintrag lesen, gell? ;)) hat mir gestern snusnu verlinkt (danke dafür! I Love It!) – und es ist unfassbar, dass Frauen WELTWEIT (oder zumindest auf dem nordamerikanischen Teil unserer Welt) mit exakt denselben Gründen und auf alle Fälle IMMER sonntagsmorgens um 3 Uhr in den Ambulanzen auflaufen um… – aber lest selbst

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Sonntagmorgen, irgendwann gegen drei Uhr, Dienstzimmer

*RIIIIIING*

Ich (völlig verpennt): “Hmmm????”

Notfall: “Josie – Arbeit!”

Ich (mit einem Bein immer noch im Traumland): “Hm?”

Notfall: “Schwanger. 38. Woche!”

Ich: “Komme!”

*RIIIIIING*

Ich (jetzt immerhin mit einem geöffneten Auge): “HM???”

Notfall: “Du bist wieder eingeschlafen!”

Ich (zu verschlafen, um empört zu klingen): “Komme!”

Notfall: “Ich bleib dran! Los – raus mit dir!”

Ich (jetzt endlich wach): “Alles klar, Schwester, bin wach. Gib mir zwei Minuten!”

Nachdem ich aufgelegt habe, torkel ich aus dem Bett zum Stuhl gegenüber, steige in meine Hose und zieh den Kittel über. Dann gurgel ich schlaftrunken mit Mundwasser, werfe einen halben Blick in den Spiegel, steige aus der Hose aus und ziehe sie richtig herum an. Anschließend verlasse ich mein Dienstzimmer und stiefel hinunter in die Ambulanz, wo mich eine adrette Mittdreissigerin mit gerunzelter Stirn und wippendem Fuss auf der Liege sitzend schon erwartet. Ambulanzschwester Notfall reicht mir den rosa Einweisungszettel, den der niedergelassene Kollege freundlicherweise schon vor einer Woche ausgestellt hat. “Zur Geburt” steht da.

Ich schüttel der Frau, welche sich als “Frau Hupf-Doldenbach” vorstellt, die Hand und betrachte sie dabei kritisch von oben bis unten. Na – nach Geburt sieht das hier aber noch lange nicht aus…

Ich: “Hallo! Chaos mein Name. Ich bin die diensthabende Ärztin. Was führt sie denn heute Nacht hierher?”

Frau H-D schaut mich an, als hätte ich sie nach der heutigen Sternenkonstellation gefragt und antwortet minimal angezickt: “Na – mein Baby kommt jetzt. Ich habe Schmerzen – da unten!”

Mit “da unten” ist ganz offensichtlich die Scheide gemeint. Oder ein Ort innerhalb der Scheide, wer weiss das schon. Lustigerweise sieht Frau H-D aber kein bisschen nach Schmerzen aus. Notfall hüstelt ein bisschen und vor meinem imaginären Auge sehe ich sie wild Augen rollend auf dem Stuhl in der Ecke sitzen.

Ich: “Okay, Frau Hupf-Doldenbach – und seit wann haben sie diese Schmerzen?”

Frau H-D: “Seit zwei Wochen”

Das kam wie aus der Pistole geschossen. Notfall hüstelt lauter.

Ich (zu müde, um mich aufzuregen): “Seit zwei Wochen – waren Sie denn zwischenzeitlich mal bei Ihrem Arzt gewesen?”

Die Frau nickt jetzt eifrig mit dem Kopf: “Ja, sicher war ich das. Wir haben doch über die Geburtsplanung geredet. Weil mein Frauenarzt ja auch Beleger ist und zur Geburt kommen wird…”

Uuuuh – too much information…

Ich: “Sie waren also bei ihrem Frauenarzt – und haben sie ihm von den Schmerzen erzählt?”

Frau H-D scheint jetzt ein wenig beleidigt, dass ich sie in ihrem Redefluss so dreist unterbrochen habe. “Nein!” blafft sie mich an “das habe ich nicht”

Notfall ist jetzt von hüsteln auf laut atmen umgestiegen, was die Konversation mit der brässigen Patientin nicht wirklich einfacher macht.

Ich: “Sie wissen aber schon, dass ihr Gynäkologe in diesem Krankenhaus gar nicht entbindet?”

“SICHER WEISS ICH DAS! Aber bis ins Krankenhaus “zur schönen Geburt” hätte ich es keinesfalls mehr geschafft! Ich bekomme jetzt mein Kind – also TUN sie endlich irgendetwas!”

Erster Grundsatz der Geburtshilfe: Diskutiere NIE mit einer schwangeren Frau. Bringt nichts. Ausser Ärger und manchmal tieffliegende Nierenschalen. Ich heisse die Frau also seufzend sich frei zu machen um uns auf den aktuellsten Stand zu bringen. Dann…

Ich (zur Abwechslung auch mal mittelbrässig): “Frau Hupf-Doldenbach. Das ist ihr erstes Kind. Der Muttermund ist geschlossen, der Gebärmutterhals erhalten. Sie haben keinerlei Kontraktionen. Und deshalb können sie in aller Ruhe dorthin gehen, wo ihr Gynäkologe Belegarzt ist.”

Die Patientin ist ganz offensichtlich nicht glücklich über das, was ich sage. Nicht glücklich…

Frau H-D (böse): “Aber ich habe SCHMERZEN!”

Ich (erschöpft): “Haben sie ihrem Arzt denn vergangene Woche von den Schmerzen erzählt?”

Frau H-D (sehr böse): “NEIN! Das habe ich nicht!”

Ich (sehr erschöpft): “Sie haben also seit zwei Wochen Schmerzen, von denen sie ihrem behandelnden Arzt aber nichts erzählt haben. Warum ist das dann jetzt, um drei Uhr früh am Sonntagmorgen, ein Notfall?”

Ich höre, wie Notfall sich interessiert auf ihrem Stühlchen zurecht rückt.

Frau Hupf-Doldenbach hingegen denkt kurz über meinen Einwand nach, um dann mal eben flott die Taktik zu wechseln:

“Hören sie” sagt sie, nun schon fast ein wenig versöhnlich “Ich brauche Schmerzmedikamente! Ich halte diese Schmerzen nicht mehr länger aus. Es zieht da unten…” Irgendwo in der Scheide, oder darüber, dahinter, wer weiss das schon genau… “…und mein Rücken schmerzt auch! Alles tut weh! Ich bin es leid, schwanger zu sein – wissen sie?! Ich will, dass dieses Kind da raus kommt. Und ich will etwas gegen die Schmerzen! SOFORT!”

Aaaaah – jetzt kommen wir zu des Pudels Kern….

Ich (immer schön ein- und aus-atmend): “Hören Sie, Frau Hupf-Doldenbach. Ich kann ihnen nicht einfach so Schmerzmedikamente geben. Dazu muss ich sie aufnehmen. Und verschiedene Untersuchungen machen. Dann muss ich es mit meinem Oberarzt besprechen…”

Meine Patientin zieht jetzt ein Gesicht wie mein Jüngster, wenn es keine dritte Portion Nachtisch mehr gibt…

“Aber es schmerzt! Überall!

Ich seufze ein wenig – das hier wird eine lange, eine verdammt lange Nacht werden…

“Ihr Muttermund ist geschlossen, der Gebärmutterhals erhalten und sie sehen wahrhaftig nicht aus, als befänden sie sich unter Geburt…” Warum erzähl ich das alles? Sie wird es nicht verstehen wollen!

Patientin (jetzt mittelbrächtig aufgebracht): “Das ist mir EGAL! Ich brauche Medikamente! Und ich brauche einen Ultraschall!”

Ich (verwirrt): “Aber – wozu brauchen sie einen Ultraschall?”

Patientin (völlig aufgebracht): “Damit ich endlich weiss, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird! Wie soll man sich denn auf sein Kind vorbereiten, wenn man noch nicht einmal das Geschlecht kennt? Hm????”

Okay – von dieser Seite habe ich es auch noch nie betrachtet…

Patientin (jetzt komplett ausser Rand und Band): “Ich will Schmerzmedikamente! Und einen Ultraschall! Ich will, dass dieses Kind jetzt kommt! Mir ist schlecht!”

Übergibt sich….

Ich (völlig baff): “Notfall – würdest du liebenswürdigerweise Eimer und Lappen holen?”

Notfall sprachlos zu sehen ist in etwa so häufig, wie eine totale Sonnenfinsternis über Nordeuropa. Dennoch wackelt sie gehorsam los auf der Suche nach dem gewünschten Gerät, während ich mich erneut meiner Patientin zuwende, die sich jetzt ein wenig beruhigt zu haben scheint.

“Seit wann erbrechen sie sich denn?”

Aufmüpfig schaut mir die Frau in die Augen und meint dann, langsam und nachdrücklich: “Ich erbreche, wenn der Schmerz zu arg wird. Geben.Sie.Mir.Schmerzmedikamente! Oder ich erbreche wieder!”

Und als wolle sie das Gesagte nochmals extra unterstreichen, stösst sie ein klein wenig auf. Dann, quasi im selben Atemzug:

“Ich habe Hunger. Könnte ich etwas zu Essen haben? Und dicke Socken? Saft? Ausserdem ein paar Snacks für meine Cousine, Schwester und den Vater des Kindes?”

Ho-ho-ho! JETZT wird es lustig hier…

Ich (streng): “Nein! NEIN! Sie hingen jetzt eine Stunde lang am CTG – und da war nicht die kleinste Wehe nachweisbar! Ihr Muttermund ist geschlossen, der Gebärmutterhals erhalten. Sie befinden sich definitiv NICHT unter Geburt! Alles klar?”

Menno – das kann doch nicht so schwer zu verstehen sein???

Aus den Augenwinkeln sehe ich Notfall unauffällig winkend im Flur stehen. Ich entschuldige mich kurz und lasse meine Patientin samt dem heimeligen Geruch von frisch Erbrochenem im Untersuchungszimmer zurück. Draussen zieht die Ambulanzschwester mich verschwörerisch beiseite und schliesst leise die Tür.

“Josie” flüstert sie, als könnte Frau H-D uns durch die geschlossene Tür hindurch belauschen “Ich habe gerade mit den Kollegen von der “schönen Geburt” telefoniert – dort ist sie nächste Woche zur Einleitung vorgemerkt! Los – schick sie heim!” Und mit einem aufmunternden Klapps auf die Schulter, schiebt sie mich zurück zu meiner Patientin, die jetzt schmollend auf dem Stuhl neben der Tür hockt.

Ich hole tief Luft und zähle innerlich bis zehn. Was es irgendwie auch nicht besser macht. Dann:

“Also – wir haben jetzt mit ihrem Krankenhaus telefoniert und man sagte mir, dass sie dort einen Einleitungstermin haben, der schon NÄCHSTE Woche ist!” Hurra! Wir freuen uns! Freuen wir uns?…

“Ich habe Schmerzen!”

Nein, irgendwie scheine nur ich mich zu freuen. Und das gleich nicht mehr, ich merk das schon.

Ich (mässig euphorisch): “Und deshalb gehen sie jetzt schön nach Hause, machen sich noch ein paar nette Tage, und wenn die Wehen einsetzen, begeben sie sich DIREKT und OHNE UMWEGE…”

Frau H-D (sehr, sehr böse): “Meine Fruchtblase wird platzen! SIE bringen meine Fruchtblase zum platzen!”

DAS ist neu – das hat mir auch noch keiner nachgesagt…

Frau H-D (völlig aus dem Häuschen): “Sehen sie! SEHEN SIE! Sie ist geplatzt. Die Fruchtblase ist geplatzt! Da läuft Fruchtwasser aus…!”

Zu dem idyllischen Geruch von antrocknendem Erbrochenen mischt sich nun noch das zarte Aroma hochkonzentrierten Morgenurins, während meine Schwangere zu Höchstform aufläuft:

“Oh, es geht los. Es geht loohoooos! Ich muss zur Toilette, ich brauche meine PDA. SOFOOOORT!!!”

Ich fühle mich erschöpft, müde und ausgelaugt.

“Frau Hupf-Doldenbach – ihre Fruchtblase ist NICHT geplatzt! Das ist KEIN Fruchtwasser, sondern Urin! Ihr Kind wird keinesfalls jetzt geboren werden. Hören sie? HÖREN SIE?”

Ich bin mir sicher, die Kollegen im 8. Stock hören mich ganz hervorragend. Bei Frau Hupf-Doldenbach bin ich mir hingegen nicht so sicher…

“Aaaber” greint die Frau jetzt in den höchsten Tönen “ich will das es JETZT kommt! Tun sie etwas! Machen sie etwas! GEBEN.SIE.MIR.ETWAS!!!”

Während Notfall aufgetaucht ist und mit bösem Gesicht beginnt, den Urin und das Erbrochene vom Boden zu wischen, setze ich mich schwach auf einen Stuhl. Ein Blick auf die Uhr verrät, dass es mittlerweile 4.30 Uhr morgens ist.

“Frau H-D…”

Ich fühle mich ausgelaugt. AUFGESAUGT

“…Niemand – und damit meine ich absolut überhaupt garniemand – wird sie völlig ohne Grund einleiten. Nicht hier. Nicht irgendwo! Schon gar nicht mitten in der Nacht. Sie müssen morgen zu ihrem behandelnden Arzt gehen und mit IHM alles weitere besprechen. Verstehen sie? Ich kann hier leider absolut NICHTS für sie tun!”

Frau H-D beugt sich zu mir herüber und starrt mich lange und böse an. Dann:

“Ich will ein Rezept. Und Socken. Ich will Saft und etwas zu essen. Einen Ultraschall will ich! Und wenn ich keinen bekomme, sage ich JEDEM, dass SIE mir eine lebensnotwendige Untersuchung verweigert haben. Ich werde sie verklagen! Ich werde das ganze Haus verklagen!!!”

Ich (mit dem Kopf auf der Tischplatte liegend): “Bitte – gehen sie. Und rutschen sie um Gottes willen NICHT auf ihrem Erbrochenen aus…!”

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