Archiv

Männer in der Badewanne

“Josephine?”

“Hm?”

Ich liege, die Augen geschlossen, im warmen, nach Kokosöl duftenden Wasser, und wäre um ein Haar eingenickt, wenn nicht…

“Josephine?”

“Was IST denn?” widerwillig öffne ich ein Auge, dann zwei und blicke genau in Bambis rehbraune Augen. Verkehrt herum. Also  – die Augen des Bambi. Denn die kleine Assistenzärztin liegt rittlings auf dem ausladenden Bett, den Kopf über die Matrazenkante gebeugt, sodass sich ihr langes, feines Babyhaar wie ein schimmernd, brauner Vorhang darüber ergiesst, und wedelt mit Händen und Füßen gleichzeitig in der Luft.

“Bambi – du siehst aus wie mein Goldi, wenn die Kinder “Peng, du bist ein toter Hund” mit ihm spielen. Was TUST du da?”

“Der Nagellack muss trocknen. Weisst du waaahaas?”

Kaugummigleich zieht die Kollegin das unschuldige “was” in die Länge und strahlt mich – unvermindert wedelnd – glücklich an.

“Nein, ich habe mal wieder keinen Schimmer” brumme ich träge, während ich irgendwie Halt in der riesigen Wanne suche. Warum sind solche Dinger auch nie für kleine Menschen gemacht? Man könnte sich glatt verschwimmen. Oder schlicht ertrinken.

“Ich gehe aus heute Abend!”

“Neeeeeee – is´ nich´wahr?” Interessiert kralle ich mich jetzt am Duschschlauch fest, um auch das zweite Ohr über Wasser zu bekommen – diese Geschichte muss in Stereo gehört werden. Das Bambi – ein Date!

“Doch” nickt sie mit rot werdenden Ohren und Wellengang im Haarvorhang “ins Kino….”

Der Rest des Satzes ist lediglich atemloses Flüstern. Heureka – blast Fanfaren, wir bringen das Bambi unter die Haube!

“Und – wer ist der Glückliche?”

“Nun…, ja – äh, also… *räusper* … weist du…”

Die Ohrröte hat sich jetzt systematisch ausgebreitet, den Hals hinunter, und nach vorne über Wangen und Stirn. Ja selbst die Nase leuchtet in bekanntem Bambi-Rot. Ich bin gespannt.

“Los, Bambi!” Energisch setze ich mich in meinem Zuber auf und wäre um ein Haar nach hinten weg gerutscht. So eine Mistwanne aber auch “WER ist der Glückliche?”

“´Nabend, Mädels! Na, alles geschmeidig? Los, Josie, rutsch mal rüber!”

Und bevor ich auch nur den Mund zum Protest geöffnet habe, hat Luigi sich auch schon den Chirurgen-Dress vom Astralleib gerissen und steht jetzt in all seiner italienischen Pracht und der wahrscheinlich knappsten Badehose, die es an der Riviera zu erstehen gab, im Raum, bevor er mit Anlauf in mein Wannenbad hüpft.

“Hey!” brülle ich empört und wäre um ein Haar in seiner Bugwelle untergegangen, “Was soll das – wir waren zuerst hier!”

“Mensch, Josephine, jetzt hab dich nicht so. Wir Assistenten müssen zusammenhalten, das weisst du doch!”

“Von mir aus können wir den ganzen, langen Tag zusammen halten. Haken zum Beispiel. Aber baden möchte ich dann doch lieber alleine. Und ausserdem ist das UNSER Kreißsaal!”

“Aber ihr dürft auch immer mit unserer X-Box spielen!” gibt Luigi ungerührt zurück und schraubt euphorisch an den Whirlpool-Knöpfen, bis es nach unheilvollen Rülps- und Gurgelgeräuschen tatsächlich zu sprudeln beginnt. Dann legt er gemütlich den Kopf auf den Rand der Wanne und schnaubt zufrieden aus.

“Herrlich habt ihr es hier” brummelt er mit geschlossenen Augen vor sich hin.

“LUIGI! Nimm deinen Fuss von meiner Hüfte!” Das wird ja immer schöner hier.

“Aber die Wanne ist einfach zu groß für mich! Was kann ich denn dafür, dass der liebe Gott uns Italienern zwar innere Größe, Intelligenz und sagenhafte Schönheit mitgegeben hat, aber leider zu wenig Körpermass? Schicker Bikini übrigens. Ist der neu?”

“Herumschleimen bringt überhaupt nichts!” fauche ich böse und zupfe mein Oberteil zurecht. “Und jetzt rutsch mal rüber, ich habe überhaupt keinen Platz mehr!”

Ich sehe, wie der chirurgische Kollege zum verbalen Gegenschlag ansetzt, doch da öffnet sich auch schon die Tür, und Frau Von Sinnen steckt ihren Kopf herein, blinzelt einmal böse in die Runde und bellt dann: “Los – alle Mann raus hier! Ich hab gleich eine Wasserentbindung!”

Na super – das war es dann mit Entspannung und Rückenschwimmen.

“Menno!” jault jetzt auch Luigi “ich war noch nicht mal richtig nass. Warum müsst ihr auch ewig Schwangere hier drin entbinden?” Dann klettert er folgsam aus der Wanne und trocknet sich mit einer Mullwindel ab.

“Weil wir vielleicht der Kreißsaal sind?” gebe ich beleidigt zurück. Pff, das hat man nun davon, wenn man Fremdfachrichtungen zum gemeinsamen baden einlädt. Undank ist der Welten Lohn.

Nur das Bambi hat völlig klaglos seine Siebensachen zusammengepackt, noch schnell das Kreißbett frisch bezogen und will gerade zur Tür hinaus verschwinden.

“BAMBI! Wer ist denn jetzt der große Unbekannte?” rufe ich hinter meinem Paravent hervor, während ich mir den nassen Bikini ausziehe und mich anschließend, halbnass, in meine Heimgeh-Klamotten quäle.

“Erzähl ich dir morgen!” ist alles, was ich noch zu hören bekomme – dann ist sie weg.

“Super! Das war ja ein voller Erfolg. Dann kann ich nächstens auch Zuhause baden!” maule ich wütend, bevor ich mich daran mache, die leer gelaufene Badewanne auszuspülen und mit Sterilium einzuseifen. Alleine! Denn selbstverständlich hat Luigi sich klammheimlich verdrückt…

 

 

Von Messern und Elternabenden

Ja, ich weiss, ich werde es mir jetzt mit einem nicht unerheblichen Teil meiner Leserschaft verscherzen, aber bitte – es MUSS einfach mal raus, sonst lauf ich demnächst schreiend im Kreis.

Sohn klein, drittgeborenes Kind, kommt heute Mittag mit folgendem Satz aus der Schule: “Ich brauche ein Messer!”

Irritiert starre ich ihn an – ist es JETZT soweit? Pubertät auch bei Kind drei? Wie soll das nun weiter gehen? Heute Messer, morgen Ganzkörper-Piercing, oder schlimmer noch: Dermal Anchors? Skindiver?

“Sohn – ich verbiete Dir ein Messer mit in die Schule zu nehmen!” proklamiere ich streng “oder überhaupt irgendwo hin. Und gepierct wird auch nicht, verstanden?”

Jetzt ist es an dem Knaben, irritiert zu schauen “Häh? Piercing? Ich bin doch nicht blöd! Aber das Messer, das BRAUCH ich!”

Ja, nee, is´ klar – so wie er iPod braucht. Und das neue Spiderman-Heft. Den Schalke-Schlüsselanhänger. Alles brauchbares Zeug.

“Keiner braucht ein Messer” wische ich den Einwand resolut vom Tisch und schmeiss ihm stattdessen ein Schnitzel auf den Teller “hier – iss das. Dafür kannst Du gerne ein Messer haben!”

“AAAaaber…” die Augen des zweitjüngsten Kindes füllen sich auf Befehl mit Wasser, während er gekonnt die Unterlippe nach vorne schiebt. Sehr niedlich – funktioniert fast immer

“Aber Frau Haber-Eiermann hat gesagt…”

“Quatsch” fahre ich unwirsch dazwischen “Frau Haber-Eiermann hat bestimmt nicht gesagt, ihr sollt ein Messer mit zur Schule bringen. Ein Messer!” Hah – das wäre ja noch schöner!

“Die machen Seifenschnitzen. Und wenn er sein Motiv nicht rausbeissen soll, wirst du ihm wohl oder übel ein Messer mitgeben müssen!” schaltet sich jetzt das Mädel mit ein, und der Sohn schnaubt rechthaberisch auf.

“Ihr macht bitte was?” 

“SEIFENSCHNITZEN” tönt es wie aus einem Mund, als wäre es das selbstverständlichste der Welt. Klar, Seifenschnitzen. Hätte ich auch selbst drauf kommen können.

“Okay – nur einmal theoretisch angenommen, es handelt sich hierbei um ein tatsächliches Schulfach…”

“Kunst, Mom!” jault der Kleine jetzt entnervt “das Fach nennt sich Ku-hunst!”

“…WAS für ein Messer muss es denn bitte sein? Und was hat das ganze überhaupt für einen tieferen Zweck?”

Das Mädel zuckt nur desinteressiert die Schultern, während Sohn Chaos an seinem Schnitzel herumsäbelt, als bestünde es aus frischer Schuhsohle, und ununterbrochen “ich hab es ja gesagt” vor sich hin mault.

Da sind wir auch schon beim Thema: Früher (als es noch mehr Lametta hatte), da musste Muttern sich keinen Kopf darum machen, ob das Kind zum Seifenschnitzen ein Butterbrot- oder doch lieber das scharfe Obstmesser mitnehmen sollte. Da wurde nämlich, wenn überhaupt, in Linol geritzt, und das Werkzeug, mit dem man völlig problemlos durch weichen Handballen bis zum Mittelhandknochen bohren konnte, wurde von der Lehrerin gestellt. Natürlich nach vorheriger Sammlung des dafür benötigten Geldes. Denn mal ehrlich: ICH kann mich nicht um alles kümmern, oder?

Aber heute ist es mit dem Messer ja nicht getan – für Chemie braucht es ebenfalls Seife, und ein Stück Rhabarber (im November!), im Sportunterricht bringt bitte jeder eine funktionstüchtige Hürde mit und an jedem dritten Mittwoch im Juli das Lieblingshaustier.

Nein, mal ehrlich – früher hat man seine Kinder eingeschult, ist zweimal im Jahr zum Elternabend gekommen, hat Bücher-, Material- und Kopiergeld bezahlt, und das wars.

HEUTE muss ich einen Kuchen backen – für jede vergessene Hausaufgabe, Kaugummikauen während des Religionsunterrichts und vor allen zweigestrichenen Feiertagen. Ich muss Kuchen backen, wenn die eigenen Kinder eingeschult werden und für den Folgejahrgang gleich auch. Außerdem Dienst leisten: Getränke verkaufen am Tag der offenen Tür, Auf- und Abbau beim Schulfest, Würstchen drehen zum Sommerabendbeisammensein und selbstverständlich Plätzchen backen am Weihnachtsbasar. Zum Ausgleich für diese geleistete Arbeit an Samstagen und in den eigentlich unterrichtsfreien Abendstunden erhalten Lehrer und Schüler Ausgleichs-Freitage, während kein Hahn danach kräht, ob ich nach fünf Stunden Dienst am Pizzaofen und 24h-Klinik-Dienst am Folgetag nicht auch gerne ausgleichend frei gestellt würde.

Als MEINE Eltern noch Kinder in der Schule hatten, kam man zum Essen, Kaffeetrinken und Erfahrungsaustausch in die Schule, freie Tage gab es nur zur Ferienzeit und eben an Feiertagen und Kuchen wurde noch nicht einmal zum Geburtstag gereicht – den gab es zur Feier Zuhause, wieso sollte man auch noch 25 unbekannte Fremdkinder bebacken?

Ebenfalls ein Quell nie versiegenden Vergnügens: Elternabende! Früher hatte es einen Einladungszettel für alle Klassen der Jahrgangsstufe, der wurde halbjährlich mittels Deckweiss auf den aktuellen Terminstand gebracht und dann achtzig mal kopiert an die Kinder weitergegeben, ungeachtet der Tatsache, dass man die Schrift kaum noch entziffern konnte. Irgendwie würde es sich schon herumsprechen, wann das ganze stattfinden sollte.

HEUTE ist der entsprechende Klassenelternsprecher für die Veranstaltung verantwortlich, und Veranstaltung trifft es tatsächlich vollumfänglich: Es muss ein Schriftstück erstellt werden, um den Elternabend – nachfolgend EA abgekürzt – anzukündigen, danach über Doodle nach einem adäquaten Termin gesucht und der wiederum mittels Twitter, Facebook, Instagram und iMessage weiter geleitet werden. Der Rektor wird informiert, der Hausmeister, zwecks Reservierung des Saales und aufsperrens der Toilettenräume und SELBSTVERSTÄNDLICH wird ein Kuchen gebacken. Oder Häppchen gereicht. Der Klassenelternsprecher begrüsst dann auch die Gäste, hält die Antrittsrede, verteilt in iPage erstellte Jahresübersichtsprotokolle, schlichtet Streithähne und sorgt obendrein dafür, dass sich die Kosten der anstehenden Klassenfahrt in Grenzen halten, auch wenn es sich bitte um einen 14-Tage-Trip in die Schweizer-Alpen mit Aufenthalt im 4 1/2-Sterne-Hotel und kostenfreier WLAN-Nutzung handelt.

Der Lehrer bekommt dafür die ersten zwei Stunden des folgenden Tages frei gestellt, der Klassenelternsprecher ein Magengeschwür.

Kürzlich erzählte mir eine befreundete Mutter, dass sie die Fünf-Tage-Klassenfahrt ihres Sohnes als Aufsichtsperson begleitet hatte – nicht, weil der Sohn das so gerne wollte, Gott bewahre, sondern weil sich aufgrund der prikären Personalsituation leider kein Lehrer auftreiben liess, der diesen Job hätte übernehmen können. Keine Frage, dass diese 5 Tage gnadenlos vom Jahresurlaubskonto der Freundin abgezogen wurden…

“Mom? Geht es dir gut? Dein Kopf ist so rot?”

“Nein Schatz” presse ich gequetscht hervor “alles gut!”

“Bekomme ich denn nun ein Messer?” Zwischen den tief gezogenen Augenbrauen des Kleinen befindet sich immer noch eine steile Zornesfalte.

“Jaaaa…!” seufze ich ergeben und sehe es bildlich vor  mir – 25 Drittklässler, jeder mit einem hübschen, kleinen Messer in der Nutella-verschmierten Faust, wie sie in der Pause die reale Version von “Indiana Jones” nachspielen….

Pachelbels Kanon

Ich hörte ihn, als ich die Damenumkleide in Richtung des gynäkologischen OP-Saales verliess. Stutzte. Stand und lauschte. Nein, kein Zweifel. Er war es – ganz eindeutig. Ich folgte der Stimme den Flur entlang und zur Schleuse, ein kleiner Vorraum, in dem die zu operierenden Patienten in ihren Krankenbetten hereingeschoben und auf die entsprechenden OP-Tische weiter verteilt werden. Ein menschlicher Umschlagplatz. Und da, in einem gerade hereingefahrenen Bett sass er, so, wie ich ihn immer sofort in Erinnerung habe, wenn irgendwo das Stichwort “Weihnachten” fällt:

Mr. Pawlowski!

Es ist Jahrzehnte her sein, das meine Eltern mich im zarten Alter von vielleicht fünf oder sechs Jahren in das winzige Altbauzimmer geschleift hatten, in welchem Mr. Pawlowskis Musikschule ansässig war, eine halbe Ewigkeit, als ich ihm damals zum ersten Mal ins Gesicht blickte, wofür ich den Kopf ganz weit in den Nacken legen musste, denn Mr. Pawloswski war ein Mann wie ein Baum. Ich blinzelte ein bisschen bockig nach oben, denn keiner hatte mich gefragt, ob ich überhaupt hier sein wollte, aber als mein Blick endlich den weiten Weg über die braune Cordhose, das karierte Hemd und den weissen Vollbart hinauf, bis hin zu den freundlich blinzelnden, wasserblauen Augen geschafft hatte, die mich hinter einer randlosen Nickelbrille heraus betrachteten, stockte mir der Atem. Der Weihnachtsmann! Man hatte mich zum Weihnachtsmann gebracht. Im Juli!

Nur mit Mühe war es meiner Mutter damals gelungen, mich dem gutmütigen Mr. Pawlowski wieder vom Bein zu entfernen, an welches ich mich geklammert hatte, wie Koala an den Eukalyptusbaum. Hier war der Weihnachtsmann und ich glücklich.

Ich lernte also Klavier spielen, und obwohl meine absolute Talentfreiheit die Geduld des gutmütigen Lehrers auf eine schwere Probe gestellt haben mag, endete mein Unterricht erst, als mich das Medizinstudium ans andere Ende des Landes verschlug. Was nichts an der Tatsache änderte, das ich bei jedem Weihnachtsmann, real oder fiktiv, immer sofort das Bild meines alten Musiklehrers vor Augen hatte. Und hier sass er nun also – lag, besser gesagt, in einem unserer Klinikbetten, und sah dabei aus, wie Santa Claus nach acht Wochen Null-Diät und einer immer noch wütenden, schlimmen Magen-Darm-Geschichte: Abgemagert und krank.

“Das geht nicht, Mr. Pawlowski, wirklich, sie können die Geige nicht mit in den OP-Saal nehmen. Sie ist nicht steril

Oberschwester Ottilie versteht absolut keinen Spaß, wenn es um ihren OP und die Sterilität der darin befindlichen Dinge geht. Ganz egal, ob es sich bei “Dinge” um ein chirurgisches Instrument, den Chefoperateur oder eben die Geige eines alten Musiklehrers handelt.

“Aber sie muss mit hinein – ich nehme sie überall mit hin!”

Auch Mr. Pawlowski ist absolut spassbefreit, was die Geige betrifft. Sein tiefer, wohltönender Bass mit dem schönen, weichen Akzent der Südstaatenamerikaner war freundlich aber bestimmt. Ich beschloss, mich an dieser Stelle einzumischen.

“Mr. Pawlowski – was machen sie denn hier?” Erstaunt wandt er den Kopf und ein überraschtes Lächeln glitt über sein ausgemergeltes Weihnachtsmanngesicht. Was für eine saublöde Frage aber auch – was wird man wohl in einer OP-Schleuse machen? Für Hackfleisch anstehen?

“Josephine? Was in aller Welt machst DU hier?”

Wir fielen uns in die Arme und drückten uns fest und lange, wobei mir bewusst wurde, dass ich ihn seit einer wirklichen Ewigkeit nicht mehr gesehen oder auch nur eine Weihnachtskarte geschickt hatte. Das schlechte Gewissen musste mir auf der Stirn geschrieben stehen, als ich mich aufrichtete und den Mundschutz gerade schob. “Ich arbeite hier!” murmelte ich und wurde ein bisschen rot unter Ottilies Blick, die mich von der Seite musterte, als hätte ich tatsächlich Mr. Santa Claus geküsst.

“Ich habe Bauchspeicheldrüsenkrebs” grinste er beinahe schelmisch, als ginge es um einen guten Witz und nicht die größte Scheisse der Welt. Der alte Mann war heute hier angetreten, um seine letzte, halbwegs reale Chance wahrzunehmen. Whipple OP. So simpel der Name, so umfangreich die Operation. Am Ende blieben den Patienten meist nur noch Fitzelchen der Organe, die sie vorher zum Verdauen und Produzieren wichtiger Botenstoffe gebraucht hatten. Und auch die Lebenserwartung war im Anschluss an solch einen Monstereingriff nur marginal verlängert. Aber die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.

Wie auch immer – Mr. Pawlowski war nicht geneigt, diesen schweren Weg ohne sein geliebtes Instrument zu gehen – er hing an der Geige, wie andere Menschen an ihrem Hund. Oder Kind. Vielleicht mehr, als manch einer an seiner Frau.

“Ottilie” versuchte ich es jetzt im Bettelmodus “kannst du nicht ausnahmsweise mal ein Auge zudrücken?” Und zwinkerte heftig mit den Augen, in dem irrigen Glauben, dass könnte irgendetwas positives bei der kleinen, alten OP-Schwester anstossen.

“Hast du etwas im Auge, Josephine?” kam es knapp zurück. Fehlversuch auf der ganzen Linie. Ottilie stand wie das in Stein gemeißelte Sterilitäts-Manual vor mir und schüttelte nur missbilligend den Kopf. Super, Josephine, du warst auch schon mal besser in Form.

“Vielleicht kann ich sie ja umstimmen – wenn ich ihnen etwa ein kleines Lied vorspiele?”

“Nun” hob Ottilie an und reckte die Brust ein wenig nach vorne, als wolle sich sich wappnen für den anstehenden Kampf “es gibt da tatsächlich etwas…”

Verdammt, Ottie, mach es doch nicht so spannend – sonst können wir uns den Whipple gleich sparen

Pawlowski liess sich nicht so schnell ins Bockshorn jagen. Freundlich blinzelnd öffnete er den alten, abgewetzten Violinenkoffer, und zum Vorschein kam “the little Lady”, wie er die Geige liebevoll nannte. Tausende Male hatte ich ihn auf diesem Instrument spielen sehen – die Musik, welche die beiden zusammen hervorbrachte, war absolut geeignet, selbst den Fürsten der Finsternis zum heulen zu bringen. Er wusste das. Und ich wusste es auch.

“My Dear – bitte – haben sie ein Lieblingslied?”

Ottilie schaute verdriesslich. Erst auf die Uhr, dann zur Geige und wieder zur Uhr. Man konnte förmlich sehen, wie es in ihrem Kopf ratterte. Ja, es war spät – 8.13 Uhr schon, und ein OP-Tag begann immer pünktlich um 8.15 Uhr, Montag bis Freitag, komme was wolle. Die ersten Kollegen der diversen Fachrichtungen, Schwestern, Pfleger und Fahrdienstmenschen hatten sich bereits neugierig versammelt. Einen Geigenkoffer samt Inhalt bekommt man auch im OP nicht alle Tage zu sehen.

“Ich mag diesen Kanon”  murmelte sie nun zögernd und pickte sich in höchster Konzentration zwei imaginäre Fusseln vom OP-Hemd.

“Weiter so, Pawlowski” ich formte die Worte lautlos, meine Hand bildete das Victory-Zeichen hinter Ottilies gesenktem Kopf “gleich hast Du sie!”

“Einen Kanon?” Interessiert beugte Pawlowski sich nach vorne “Welchen Kanon?”

“Pachelbel” Entschlossen hob die alte Schwester den Kopf und blickte den Musiklehrer nun freimütig direkt in die Augen. “Pachelbels Kanon. Den mag ich!”

Na klar doch – wer liebt dieses Stück nicht? ICH liebe Pachelbel. Und alle anwesenden Frauen im stickigen OP-Vorraum nickten einvernehmlich mit den Köpfen. Pachelbel war super. Daumen hoch.

“Ausgezeichnete Wahl” stimmte nun auch Pawlowski zu “aber sie wissen ja – Kanon bedeutet mehr als eine Stimme. Zumindest zwei, besser vier, also…”

Ich kann helfen” meldete sich plötzlich eine bekannte Stimme aus dem OFF “ICH kann den Kanon spielen!”

Verwirrt drehte ich mich in Richtung der chirurgischen OP-Säle, aus der das Rufen kam und tatsächlich, mit in die Höhe gereckten Zeigefinger kam der Kollege Luigi angehopst, als gäbe es Frei-Schokolade.

“DU?” riefen Ottilie und ich verblüfft im Duett. “DU kannst Geige spielen?” Jetzt war ich platt.

“Nee, doch nicht Geige” grinste Luigi frech und schüttelte Pawlowski die Hand, als träfe er einen alten Bekannte “Moin, lieber Pawlowski. Warum haben sie nicht gleich gesagt, dass sie noch ein kleines Privatkonzert schmeissen wollen – dann hätte ich mein Klavinova eingepackt”

Und zu mir und der OP-Schwester gewandt: “Klavier. Ich spiele Klavier! Mama hat immer gesagt Junge, spiel ein Instrument und du kannst jede Frau haben, die du willst

Gott, was hat unser Italiener für eine kluge Mutter.

“Hervorragend” frohlockte nun auch Pawlowski “Aber wo bekommen wir nur ein Klavier her? Und mehr Geiger?”

“Er hier” schon wieder eine Stimme aus dem Hintergrund. Die Menge reckte die Köpfe. Tatsächlich: Menge. Das Schauspiel hatte sich nämlich – wie in jedem guten Krankenhaus üblich – in Windeseile über alle Abteilungen verbreitet, und so war jeder, der Laufen konnte, in den OP-Bereich gestürmt gekommen, um zu sehen, ob der alte Mann seine Geige mitnehmen durfte oder nicht.

“Er hier kann Geige spielen!” Die Rufe wurden lauter, und dann kam er, die Menge teilend wie Moses einst das rote Meer: Ben Oppenheimer

“DU?” brüllte jetzt die Menge im Chor, denn ganz sicher hätte keiner für möglich gehalten, dass der große, stille Gefässchirurg ein heimlicher Geigenvirtuose sein könnte. Ben war im letzten Jahr der Facharztweiterbildung und wenn ich mich sehr anstrengte, kam ich auf gerade mal eine Handvoll gewechselter Worte zwischen mir und dem langen, schlaksigen Kollegen. Nicht, dass Oppenheimer besonders unsympathisch wäre, ganz im Gegenteil. Wir hatten nur gefühlt so viel Gemeinsamkeiten, wie Froschlaich und Wüstenschlangen.

Ben stand nun ein wenig unschlüssig neben Pawlowskis Bett, während der Alte ihm freudestrahlend die Hand schüttelte. “Großartig, mein Freund, Pawlowski, freut mich sehr. Sie kennen Pachelbel?”

“Sicher” Oppenheimer nickte knapp. Wie ich bereits sagte – kein Mann großer Worte.

“Und wie lange brauchen sie wohl, um an ihre Geige zu gelangen?” Ich konnte förmlich spüren, wie die Menschen gemeinschaftlich den Atem anhielten.

“Liegt in meinem Auto. Habe Probe heute!”

Hallelujah! Gelobt sei der Schutzheilige des guten Timings.

“Gut – dann holt Oppi jetzt seine Möhre aus dem Auto und ich leihe mir das Kapellenklavier aus!” Sprachs und hopste glücklich davon – Luigi, Mann der Tat!

In der Schleuse war derweil der Teufel los – wie in einem aufgescheuchten Bienenstock surrte und summte es, Telefone wurden gezückt und Kollegen informiert, die Türen zur Umkleide öffneten und schlossen sich im Akkord, während Luft und Stehplätze allmählich knapp wurden. Gefühlt das halbe Krankenhaus hatte sich versammelt und harrte geduldig dessen, was da kommen sollte.

Um Schlag 8.30 Uhr war es endlich soweit – die Instrumente herbeigeschafft und angetestet, der letzte Platz besetzt. Es wurde gar die Tür zum OP-Eingang weit geöffnet, um den davor stehenden Menschen zumindest das Vergnügen des Hörens zu bereiten. Mr. Pawlowski hatte sich aus seinem Bett hoch gerappelt und Ottilie persönlich steckte ihn in einen OP-Überzieher, damit er den Kanon nicht im hinten offenen OP-Hemd spielen musste.

 (JETZT Musik anmachen -> YouTubeVideo, siehe unten – DANN weiterlesen!)

Im Vorraum des Saales war es trotz der Masse an Menschen so still, man hätte die berühmte Nadel ohne Probleme zu Boden fallen hören können. Pawlowski und Oppenheimer standen stumm, die Instrumente ans Kinn gehoben, den Bogen im Anschlag, wie zum Salut, während sie darauf warteten, dass Luigi das Intro gab. Der kleine, dicke Italiener wiederum sass glückselig lächelnd an seinem der Kirche entwendeten Stage-Piano, als warte er auf ein Zeichen des Herrn persönlich. Lustigerweise war ich offensichtlich nervöser, als Luigi selbst. Absolut unbegründet, wie sich gleich herausstellen sollte.

Der kleine Chirug schien sein Zeichen erhalten zu haben, denn mit einem Mal bewegten sich die Finger mit einer Zartheit über die schwarz-weiss glänzende Tastatur, als wolle er Blumen streicheln. Oder Babyvögel. Und wie in einem besonders schönen Traum begannen er und das Instrument unter seinen Händen das Ostinato zu formen. Erst leise, beinahe schüchtern, dann selbstbewusster, und noch während sich die Folge des Basslaufes wie ein Band tropfender Töne durch den Raum zog, erwachten die Geigen aus hölzernem Schlaf, schienen sich zu strecken und räkeln, bevor sie sich, an Lautstärke gewinnend, ihren Weg durch die Partitur bahnten.

Es war wie der Tanz zweier Liebender, die sich – zurückhaltend erst – umkreisen, wiegen, im völligen Gleichklang der Melodie. Wie sie einander zart berühren, nur um gleich wieder voneinander zu lassen, sich weiter drehen, immer gehalten und getragen vom endlosen “dummdummdumm” des Ostinatos. Und dann, mit einem Mal, löst sich Pawloskis erste Geige aus dem Gefüge der Einheit, bahnt sich tirilierend den Weg die Tonleiter hinauf, rastet ein wenig, bevor es in neuem Tempo weiter geht, schneller jetzt, fordernder, höher hinauf. Und die zweite Geige folgt, springt in ihrer Tonfolge der ersten hinterher, als wolle sie sie einholen, erreicht sie wirklich, und beide drehen nun in neu gewonnener Einheit eine Runde auf dieser Harmonie, berühren einander sachte erneut, bevor sie in perfektem Dreiklang zerspringen.

Auf Mr. Pawlowskis Gesicht war die Sonne aufgegangen. Vollständig verpackt in diese wunderbar süsse Harmonie, dem auf und ab der Bassfolge, wog sein armer, ausgemergelter Körper sich sachte hin und her, und es schien, als bewege der Bogen die Hand des alten Meisters, nicht die Hand den Bogen.

Im dann folgenden Solo des kleinen Italieners waren die beiden Geigen nur als sachte, flatternde Tonabfolge im Hintergrund zu erahnen, während Luigi alles gab, was das kleine Piano zu geben bereit war. Leicht und mühelos flogen seine Finger über die Tastatur, fanden sicher immer den richtigen Ton, immer die richtige Stärke. Sein dunkelgelockter Schopf gab den Takt vor, brachte das kleine Italienerkinn zum vibrieren und das goldene Kreuz im Ausschnitt seines OP-Hemdes zum blitzen. Ehrfürchtig hielt ich die Luft an, während mir die Tränen, dicke Schlieren im Morgen-MakeUp hinterlassend, übers Gesicht rollten.

Nach der Reprise, in der jedes Instrument noch einmal alleine zeigen durfte, was es konnte, in der Luigi die Tasten liebkoste, und die Geigenbögen ihren Weg über die Seiten zogen, machten sich schließlich alle gemeinsam bereit für die Coda, das große Finale. Aufrecht standen die Geiger nun im Raum, wogen sich im Takt der Töne hin und her, während Luigi dem Piano weiter liebevoll das Ostinato-dummdummm entlockte, und ein letztes Mal zauberten ihre Bögen diese sehr hohen Töne, klar und rein wie Gletscherwasser.

Und dann, als versinke die Sonne hinter den Bergen, ein letzter Gruß majestätischen Goldes, dann feuriges Rot – und mit dem warmen Blau der heraufziehenden Nacht verklang der letzte Ton in den Weiten des OPs, so unwirklich und wunderbar, wie er gekommen war.

Der Applaus, der kurze Zeit später aufbrandete war ohrenbetäubend. Feierlich verneigt sich das Trio nach allen Seiten und selbst dem spröden Ben zuckte ein Lächeln über die Lippen. Dann schüttelten sich die Männer gegenseitig die Hände und klopften sich die Schultern wie alte Freunde, während das Publikum sich klammheimlich die Nasen putzte und die Tränen aus dem Gesicht wischte.

Acht Stunden später kam Luigi müde aus Saal V, Chirurgie geschlichen, mit dem Geigenkasten im Arm und Tränenflecken auf dem OP-Hemd.

…lass uns ruhig schlafen! Und unsern kranken Nachbar auch!

Es ist SO idyllisch. Waldlichtung, Sternenhimmel, im Gras zirpen die Grillen, als gäbe es kein Morgen mehr und die Luft atmet immer noch spätsommerliche Hitze aus. Mit einem tiefen Seufzer der Befriedigung räkel ich mich auf der Piknikdecke und denke, wie schön es doch sein kann.

“Weisst Du eigentlich, wie schön das hier ist?” murmel ich in schläfrigem Tran dem Kerl hinüber, der  – die Arme hinter dem Kopf verschränkt – die Sterne betrachtet. Grinsend dreht er den Kopf zu mir herüber, öffnet den Mund und….

…KLINGELT! *RIIIIIING* *RIIIIIING* *RIIIIIING*

Ich brauche qualvolle 5 Sekunden um festzustellen, dass nicht der Mann klingelt, sondern das Telefon, ich mitnichten auf sommerlicher Nachtwiese liege, sondern komplett angezogen im winzigen Dienstbett und alle Idylle somit nichts anderes war, als Nachttraum. Wunschtraum. NICHT die Realität.

“Jaaaaaa” raunze ich in den Hörer, und wische mir mit der freien Hand den Sabber von Backe. Wie spät ist es nur? Und warum zum Teufel habe ich schon wieder Dienst?

“Josephine?”

Wer denn sonst?

“Jaaaaaa!” Erst jetzt bemerke ich, dass mir die Abhörmembran des Stethoskopkopfes noch an der Backe klebt. Ich ziehe ihn ab und werfe das Instrument genervt auf das Nachttischchen. Friedericke aus der Inneren hat schon recht – Stethoskope sind für operierende Völker nur schmückend Beiwerk.

“Notfall hier – also, in der Ambulanz. Und ich bins auch. Musst kommen!”

Und schon hat sie wieder aufgelegt, Lieblingsambulanzoberschwester Notfall. Hätte ruhig mal ein wenig mehr Information rüberwachsen lassen können. Muss ich rennen? Oder kann ich mir noch schnell einen Becher Atemschön zwischen den Zahnbelag kippen? Da die richtigen Notfälle der Gynäkologie, also die, bei denen es um Leben und Tod geht, beinahe ausschließlich im Kreißsaal stattfinden, beschließe ich eigenmächtig, die Umwelt nicht mit schlechtem Atem zu belästigen und kippe, nach einem schnellen Blick in den handtellergroßen Spiegel über winzigem Waschbecken, eine ordentliche Portion Mundspülung weg. Vor lauter Schreck über das rote Stethoskopmembrandruckmal auf meiner Wange schlucke ich die Hälfte der mintgrünen Flüssigkeit hinunter, was mir einen ordentlichen Hustenanfall beschert. Super, Josephine, nach all den Jahren bist du wahrhaftig ein wahres Ausbund an Professionalität.

In der Ambulanz steht Notfall schon vor der Tür zum gynäkologischen Untersuchungszimmer bereit und wedelt wild mit beiden Armen.

“Moin. Ich weiss, wo wir wohnen – was soll das Gewedel”

“Mir war danach. Was soll der Abdruck auf der Backe?”

“Mir war danach! Was gibt´s?”

“Schwanger. Von der Leiter gefallen.”

“JETZT?”

Ein knapper Blick auf die Uhr – 2.34 am Morgen! Schulterzuckend schiebt die alte Schwester mich in das Zimmerchen mit meiner Notfallpatientin, die gemütlich mit den Beinen baumelnd auf der Liege hockt und interessiert mein Ultraschallgerät betrachtet. Bei meinem Eintritt blickt sie zu mir hoch, legt den Kopf schief und fragt freundlich, mit der linken Hand auf das Gerät deutend: “Kann man damit sehen, was es wird?”

Eine knappe Dreiviertelstunde später liege ich wieder dort, wo alles angefangen hat – im Bett. Ohne Stethoskop, wohl gemerkt, das hat jetzt seinen eigenen Schlafplatz zwischen kuchengekrümelten Tellern und verrotzten Taschentüchern. Als ich meinen Kopf müde aufs muffig riechende Kissen bette, zuckt kurz die Frage durch mein Hirn, wann dieser Bezug wohl zum letzten Mal gewechselt worden sei, doch noch bevor auch nur der Hauch von Ekel in mir hochsteigen kann, bin ich eingeschlafen.

Das nächste Klingeln reisst mich dieses Mal aus traumlosem Schlaf – es ist 3.41 Uhr und der Kreißsaal ruft. Patientin mit Wehentätigkeit. Ich taumel über den Flur, in den Aufzug hinein und 4 Stockwerke tiefer wieder heraus, ohne auch nur ansatzweise richtig wach zu werden. Erst als mir Frau Öztürk ihren Wehenschmerz mit aller Wucht entgegen schreit und die zeitgleich platzende Fruchtblase mehrere Liter Wasser über meine Dienstschuhe ergiesst, bin ich halbwegs bei mir. Alles in allem verbringe ich etwa 20 Minuten mit Frau Öztürk und Baby Mohammed, dann suche ich mir ein paar neue Schuhe, entsorge die völlig durchnässten Socken, dusche mir die Vernixflocken aus den Zehenzwischenräumen und torkele zurück Richtung Bett.

Als sich die Tür zum Aufzug in den 4. Stock öffnet, steht Luigi – gegen die Wand gelehnt, den Kopf zur Seite gerutscht – schnarchend in selbigem. Im Dienstzimmerstockwerk angekommen puffe ich ihn sacht in die Seite um ihn dann energisch aus dem Fahrstuhl zu ziehen und mit einen aufmunternden Schubs in die Richtung der Chirurgenunterkünfte zu bringen. Keine Ahnung, ob er dort ankommt, ich schaffe es ja kaum in mein eigenes Zimmer.

Als ich es glücklich erreiche, lasse ich mich – Bauch voran – einfach fallen, und weg bin ich.

Das nächste Zeitschlaffenster beträgt – nachträglich recherchiert – ganze 7 Minuten! Auf Station 8B ist Frau Bommel aus dem Bett gefallen, Schwester Elvira verlangt Unfallaufnahme.

“Von mir?” heule ich ins Telefon

“Von wem sonst? Der Papst kommt nicht, wenn ich ihn anrufe” faucht es erbarmungslos zurück.

Nachdem ich mich davon überzeugt habe, dass Bommel nichts lebensbedrohliches fehlt, sie statt dessen um eine beachtliche Beule reicher ist, ausserdem einen Wust an Zetteln ausgefüllt und unterschrieben habe, die mich bis an mein Lebensende in den Knast bringen können, lasse ich den Kopf auf die Schreibtischplatte fallen und schließe die Augen. Zwei Minuten….

“Josephine – das ist MEIN Platz!”

Unter Elviras eiskaltem Blick quäle ich mich stöhnend vom Stuhl.

“Und DA auch nicht – da will ich nachher noch Essen, und zwar OHNE deine Schuppen vom Tisch zu lesen!”

“Ich habe gar keine Schuppen!” murmel ich böse, räume aber dennoch den Platz am Schwestern-Ecktisch und trolle mich. Mit Elvira ist einfach nicht gut Kirschen essen.

Das Telefon klingelt in dieser Nacht noch weitere 12 Mal, 9 Mal davon muss ich wirklich raus, einmal den Kollegen Luigi wecken, zwei Mal hatte sich jemand verwählt, was ihn, bzw. sie fast das Leben kostet. Beim letzten Klingeln ist es 7.12 Uhr und die Nacht somit vorbei. Und noch während ich müde zu meiner Übergabe schlurfe, rotiert ein einziger Gedanke in meinem Kopf: zu alt! Ich bin zu alt für diesen Job…

Princess, they said…

Liebe Leute,

ich trau mich ja kaum noch in meinen eigenen Blog, weil ich weiss, dass viele von Euch treu und täglich nach neuen Beiträgen hier vorbei schauen. Und ganz ehrlich: ICH WILL JA AUCH! Schlicht: der Geist ist willig, aber der Tag hat leider nur 24 Stunden. Und die reichen aktuell nicht einmal für die lebensnotwendigen Dinge. Geschweige denn zum Schreiben. Keiner ist darüber unglücklicher als ich, ganz ehrlich! Dennoch bin ich vorsichtig zuversichtlich: demnächst kommen auch wieder bessere Zeiten.

Heute jedoch möchte ich einen Beitrag für einen lieben Bloggerkollegen und seine – nicht minder liebe ;) – Frau und Kollegin aus dem Reich der Veterinär-Medizin, verfassen:

Jana und Uwe, deren Gemeinschaftsblog FelixMaximus auch in meiner Linkrolle zu finden ist, haben nach Felix nun Nachwuchs Nummer zwei zu feiern:

INA! (By the way – sehr süßer Name!)

Leider kam Klein-Ina nicht ganz gesund zur Welt, sondern leidet an einer Herzerkrankung namens Wolff-Parkinson-White- oder kurz: WPW-Syndrom. Was das genau ist, erklärt Uwe allen, die es gerne wissen möchten, über diesen Link *KLICK* hier.

Und dieser Link ist auch der Grund, für mein Post: Jeder, der ein krankes Kind hat, weiss, wie hilflos man sich im Moment der Diagnosenstellung fühlt. Und wie einsam. So, als wäre man auf der ganzen, verdammten Welt das einzige Eltern-Paar, denen das passiert. Und jeder, der in solch einer Situation dann gleichgesinnte, mitbetroffene Menschen gefunden hat, weiss auch, dass es dadurch nicht ungeschehen gemacht wird, aber vielleicht ein bisschen leichter. Geteiltes Leid und so…

Deshalb möchte ich helfen, Inas Geschichte weiter zu verbreiten, um somit Kontakt zwischen Jana und Uwe, sowie anderen, betroffenen Eltern und ihren Kindern herzustellen!

Euch, Jana, Uwe und Felix, wünsche ich an dieser Stelle alles, alles Liebe zu Prinzessin Ina – was für ein unglaublich süsses Mädchen :) Und das die Medikamente schnell und zuverlässig anschlagen und Ihr das Häschen bald mit nach Hause nehmen dürft!

Eure Josephine!

A-CHie und das Thermometer

*RING*

*RING*

“Josephine?”

“Hm?”

“Josephine – da klingelt etwas!”

“Hm-hm!”

“Dein Telefon klingelt!”

“Hmmmm…”

“JOSEPHINE!”

*brüll* JAAAHAAAA! Ich komme gleich! Ich muss schon seit drei Stunden pinkeln, wer auch immer anruft MUSS warten, sonst bekomm ich eine akute Überlaufblase!”

Jesses noch eins – nach 13 Stunden Dauerdienst müssen einem doch wenigstens mal zweieinhalb Minuten Ruhe gegönnt werden, um die 15 Tassen Kaffee des Tages auszuscheiden. Oder? ODER?

Unentwegt vor mich hin schimpfend ziehe ich die Hose meines Chirurgenpyjamas hoch und stürze nach der Händehygiene aus dem Toilettenräumchen – mittenmang hinein in OsoleMia, die, das Telefon wie schlechte Wurst mit spitzen Fingern von sich haltend, vor der Tür auf mich wartet.

“Chirurgie wars – stand zumindest auf dem Display!” muffelt sie schlecht gelaunt, drückt mir das Handy in die Hand und macht auf dem Absatz kehrt.

“DANKE!” rufe ich beleidigt hinterher “Fürs drangehen und so!”

“Ist nicht meine Aufgabe!” kommt es über die Schulter zurück, bevor die graulockige Hebamme im Kreißsaalstützpunkt verschwindet.

“Was für eine Laune…” murmel ich empört, während ich die Nummer des chirurgischen Kollegen ins Telefon hämmere. “Hallo? A-CHie? Josephine hier. Was gibt´s?”

Sprich schnell und mach´s kurz, denke ich mir mit einem kritischen Blick auf die Uhr. Dreiundzwanzig-Fünfundfünzig schon! Die Erfahrung lehrt: kommst du vor Mitternacht nicht ins Bett, klappt es danach auch nicht mehr.

Allgemein-CHirurg (A-CHie): “Hallo? Sind sie die Gynäkologin?”

Live und in Farbe, Schätzchen!

Ich (mittelprächtig frohgelaunt): “Jepp. Höchst selbst! Was darf´s denn sein?”

A-CHie (männlich, jung): “Also – ich habe da eine Patientin!”

Isses wahr?

Ich (ermutigend): “Uuuund?…”

A-CHie: “Sie ist schwanger!”

Ich (mässig interessiert): “Au-Ha!”

100 zu 1 und meine Oma obendrauf, dass er die Gute gerne nach Gyn-1 verlegen möchte…

A-CHie: “Ja. 19. SSW mit Gallensteinen. Zur Überwachung.”

Ich: “Das ist ja UNGLAUBLICH spannend! Wirklich! Aber vielleicht können wir mal eben zum Höhepunkt kommen?” Also – bevor der Morgen graut und ich immer noch am Handy festhänge?

A-CHie: “Die Patientin hat 36,8 Temperatur.”

Ich (jetzt doch ein bisschen gespannt): “Uh-hu……..”

A-Chie: “….”

Ich (irritiert das stumme Telefon schüttelnd): “Hallo???” Kaputt oder was? Leitung unterbrochen?

A-Chie: “Hallo?”

Ich: “Oh – sie sind noch da. Ich dachte, die Leitung wäre unterbrochen. Was war jetzt mit der Temperatur?”

A-CHie: “36,8!”

Herrje noch eins – was ist das hier für eine komische Nummer? Schon wieder Vollmond?

Ich (ungnädig): “Und – weiter?”

A-CHie: “Äh – Grad Celsius…?”

Will der mich verschaukeln oder was?

Ich: “Nein – wo ist das Problem?”

A-CHie: “Ach so – ja, also: die Temperatur war heute Mittag noch 37,4!”

Ich: “Okaaaaaaaaaay…”

A-CHie: “Grad Celsius!”

Nee, is´ klar…

“Das ist schön!” rufe ich ins Telefon und hebe die Stimme am Ende des Satzes, wie man es mir in der Hundeschule für schwer erziehbare Welpen beigebracht hat. Denn diese Stimmerhebung – so zumindest hat uns Frau Klawitter, die Welpentrainerin, damals glaubhaft versichert – vermittele Selbstbewusstsein und Sicherheit bei gleichzeitig euphorisierender Wirkung. Und A-CHie-Boy da am anderen Ende der Leitung hört sich an, als könne er alles drei gut gebrauchen. “Sehr schön ist das! Weiter so!” Und schwinge fröhlich mein Stimmchen bis hinauf zum hohen C. Und sieh an – Frau Klawitters Trick scheint tatsächlich aufzugehen.

A-CHie: “Oh. Ja. Gut. Danke! Dann leg ich mal wieder auf!”

Ja, Junge, mach das mal!

Ich: “Alles klar! Und immer schön sauber bleiben”

Zwei Stunden später…

*RING*

Da ich es dank A-CHie und dem Geheimnis der gesunkenen Temperatur nicht mehr rechtzeitig ins Dienstbett geschafft hatte, kam natürlich postwendend um kurz nach zwölf eine ambulante Patientin zur Tür herein geschneit, und zwar mit der üblen Kombination Schwanger-Schmerzen-und-Bluthochdruck, welche mich geschlagene 2 Stunden auf Trapp gehalten hatte. Jetzt, wo es endlich ruhig zu werden versprach und ich eigentlich nur noch einen kurzen Blick auf die hoffentlich fertig bewerteten Laborparameter werfen will, klingelt erneut das Telefon sein blechernes Lied. Am anderen Ende der Leitung – ihr ahnt es schon – der Chirurg.

Ich (müde): “Jaaaaaaa….?”

A-CHie: “Ich nochmal – wegen der schwangeren Patientin…”

Ich gestehe – bin mässig interessiert. Wirklich. Nicht etwa, weil mir das Schicksal der Frau egal wäre, Gott bewahre, aber wenn die Jungs der Chirurgie schon Geld und Ehre für Frau Schwanger einkassieren, dann sollen sie sie doch bitteschön auch selbst behandeln. Oder schlafen lassen. Mich auch.

Ich: “Was ist denn mit der Patientin?”

A-CHie (flüstert verschwörerisch): “Sie ist weiter gesunken. Die Temperatur!”

Unfassbar – haben die da unten wirklich nichts anderes zu tun, als friedlich schlafenden Menschen im 5-Minuten-Takt Thermometer in die Ohren zu stecken.

Ich: “Wie tief?”

Er: “35,1 °C!”

Okay – das IST tief!

Ich: “Vielleicht solltet Ihr mal das Fenster schließen? Ihr eine Bettdecke reichen?”

Heissen Tee einflössen, Badewasser einlassen – jetzt sei doch auch mal kreativ, du!

Ich höre es durch die Leitung hindurch in A-CHies Hirn arbeiten. Fast tut er mir ein bisschen leid – der Kleine muss Anfänger sein, denn jeder gestandene Aufschneider hätte seiner Krankenschwester schon bei der ersten Durchsage des Wertes erklärt, was genau sie mit solch unwichtigen Dingen wie Temperaturanzeigen auf Ohr-Messgeräten anstellen kann. Richtige Chirurgen wollen lediglich informiert werden, WANN die nächste OP läuft und WO es bis zu Beginn ebendieser Operation etwas kalorienreiches zu Essen gibt. Alles andere – Laborwerte, Ultraschall-Befunde, Konsilbögen – sind lediglich unnützes Beiwerk, mit denen höchstens Doppel-Links-Hand-Träger wie Internisten und Augenärzte ihr ödes Dasein verbringen.

Doch A-CHie ist anders. Noch. Er kümmert sich. Fast bin ich ein wenig Stolz auf den Kleinen.

“OKAY!” ruft er jetzt auch schon ins Telefon “Ich werde nach dem Fenster sehen. Super Idee, Josephine – danke!”

Und hat aufgelegt.

Um Vier Uhr Achtundreissig habe ich gerade Antibiotika an eine Frau mit akutem Harnwegsinfekt verteilt, als A-CHie zum dritten Mal telefonischen Support einfordert.

“Und?” frage ich interessiert, noch bevor er sich melden kann.

“34,6! Zweimal gemessen!”

“Ist sie tot?” nicht, dass wir wichtige Dinge aus dem Auge verlieren – manchmal neigt der Mensch dazu, im Tunnelblick ein wenig vom rechten Pfad abzukommen. Am anderen Ende der Leitung stutzt es hörbar.

“Ich meld mich wieder!” Und hat aufgelegt.

Zwei bange Minuten später folgt dann die prompte Entwarnung: “Schwester Ludovika sagt, vor drei Minuten hätte sie noch mit ihr gesprochen – schätze mal, sie lebt!”

Erleichtert atme ich auf.

“Und – Temperatur?”

“34,0!”

“Hast du ihr eine Dauermessung ins Ohr transplantiert?”

“Geht das?” Ich sehe sein überraschtes Gesicht bildlich vor mir und muss ein bisschen grinsen.

“Nee – war quatsch. Geh´ ins Bett!”

“Aber – wenn die Temperatur weiter fällt?”

“Hast du das Fenster geschlossen?”

“Ja!”

“Sie zugedeckt?”

“JA!”

“Sie lebt auch wirklich noch – du hast sie gesprochen?”

“JAAAA!”

“Gut – dann geh ins Bett!”

“Aber – das Kind?”

“Was soll mit ihm sein?”

“Wenn es – auch Untertemperatur hat?”

“Möchtest du ihm vielleicht auch ein Thermometer ins Ohr stecken?” So langsam ist es nicht mehr lustig. Vier Uhr Fünfundfünfzig – jetzt Bett oder nie mehr.

“Ja – GEHT DAS DENN???”

Kopf -> Tischkante!

Ich (böse): “A-CHie! Geh ins Bett! Und ruf mich NICHT WIEDER AN! Hörst du?”

Am anderen Ende schluckt es trocken – dann, nach einem zögerlich gehauchten “Ja” wird aufgelegt.

Müde schleppe ich mich zum Dienstzimmer und falle – verschwitzt und durchgearbeitet wie ich bin – in MEIN Bett, wo ich augenblicklich einschlafe und erst ZWEI Stunden später wieder aufwache. Halleluja! Ausgeruht ist anders.

Als ich mich gegen Acht Uhr auf den Weg zum Morgenrapport mache, kommt mir ein strahlender Luigi entgegen getänzelt und ruft gut gelaunt: “Morgen, Josephine! Na – Dienst gehabt?”

“Nein – ich mag einfach Krankenhäuser so gerne und habe mir jetzt im vierten Stock ein Apartment gemietet!”

Hier ist dein Schild!

“Haha – du bist lustig, Josephine. Weisst Du, was auch lustig ist? Wir haben heute Nacht Klein-ACHie veräppelt. Neuer Kollege. Frisch von der Uni, der Junge. Und dran bekommen haben wir ihn zusammen mit den Schwestern. Du wirst es nicht glauben, aber wir haben ihn ausprobiert – den…”

“…Temperatur-Gag!” vollende ich düster und schlage mir mit der Hand vor die platte Stirn. Natürlich – warum bin ich da nicht gleich drauf gekommen!

“Hey – wer hat dir das verraten?” Enttäuscht zieht Luigi einen Flunsch, der sogleich wieder verschwindet, als er sich seines unfassbaren Streiches erinnert “Super, oder? Ich verwette meinen Hintern, dass das ein Mörderspass war!”

“Ja. Mörderspass! Ganz großes Tennis!”

“AUA!” Empört reibt sich der kleine Italiener den schmerzenden Oberarm, dort, wo ich ihn mit aller mir noch zur Verfügung stehenden Kraft hingeboxt habe. “Wofür war DAS denn?”

“DAS wirst du schon noch herausfinden!”

 

Das Pupsen in der Ambulanz ist strengstens verboten!

In meinem kleinen Ambulanzzimmer riecht es, wie in einer schlecht geführten Bahnhofstoilette – WIE_DER_LICH! Der Grund dafür ist geschätzte 13 Jahre alt, weiblich – und pupst. Also – bläht. Gibt Gas ab. Furzt. Ganz wirklich – und zwar mitten in der Nacht!

Es ist 2.40 Uhr in der Früh (ist es eigentlich nicht IMMER 2.40 morgens…?) und während ich krampfhaft versuche, nicht vom Gestank betäubt mit dem Kopf auf die Tischkante zu schlagen, bin ich umringt von zwei Frauen und dem pupsenden Teenager.

*Pffffffttttttt*

Ich (angestrengt durch die Nase atmend): “Okay, die Damen – WER von ihnen ist schwanger?” So jedenfalls hat Ambulanzschwester Notfall es weiter gegeben, bevor sie mich kopfüber ins Zimmer geschubbst und anschliessend zügig die Tür hinter mir geschlossen hat.

Ich sende ein kurzes Stossgebet zum Himmel, das es nicht das gasende Kind sein möge – ich gestehe, nicht wegen des jugendlichen Alters, nein, um diese Uhrzeit fällt es mir  einfach extrem schwer, meine eigenen Körperfunktionen unter Kontrolle zu halten, wenn mir beim gynäkologischen Untersuchen ins Gesicht gefurzt wird.

*Pffftttttt*

Jesusmaria – noch ein bisschen und ich muss den Katastrophenschutz informieren….

Streng blicke ich die kleine Luftverpesterin an, welche lediglich sinnentleert zurückstarrt und erneut den ihren Musculus sphincter ani lockert

*Pfffffttttt*

Statt dessen antwortet Würtschinia Mompsel – so der Name auf dem roten Notfallschein vor meiner Nase – mit quiekendem Stimmchen: “Des bin isch!” Besagter Notfallschein setzt mich obendrein davon in Kenntnis, das die letzte Periode meiner Patientin gerade mal 4 Wochen her ist, und sie sich somit kaum weiter als in der frühesten Frühschwangerschaft befinden dürfte. Zustand nach gerade  stattgehabter Befruchtung sozusagen. Meine linkes Oberlid zuckt verdächtig, was es immer dann tut, wenn sich ein Sturm am Horizont zusammenbraut.

Ich (mit ein bisschen Tränen in den Augen ob der verpesteten Luft und der gestörten Nachtruhe): “Okay – und was haben sie so für Beschwerden?”

Frau Mompsel ist ein wirklich hübsch anzuschauendes Mädel – 19 Jahre alt, groß, schlank mit gelbgefärbtem Wallhalla-Haar, was jedoch der Tatsache keinerlei Abbruch tut, dass sich unter all dem Gelb ein wunderbar ebenmässiges Gesicht befindet. TopModel-Format sozusagen, wenn auch leider reichlich zugekleistert mit jeder Menge billigem Make-up. Und das allerhellste Licht auf dem Kuchen ist Würtschinnia leider auch nicht…

“Isch hend da so oin Teschd gmachd…!”

Bitte – WAS?

Gesagt habe ich nichts, aber die Fragezeichen über meiner gerunzelten Stirn waren wohl zumindest für die dritte Dame im Bunde gut wahrnehmbar.

“SIE HEDD DA SO OIN TESCHD GEMACHT!” brüllt sie mir freundlich ins Gesicht, jede einzelne Silbe nachdrücklich betonend. Der Teenie pupst bestätigend.

Ich (jetzt ziemlich wach): “Gut – und weiter?”

Verständnislos glotz Würtschie erst mich, und dann ihre persönliche Dolmetscherin an, die aber nur ratlos mit den Schultern zuckend zu mir blickt.

“Was moin sie?” fragt sie mich freundlich, dann, sich meiner Unfähigkeit ihre Sprache zu verstehen erinnernd “WAS MOIN…!”

“Ist schon gut” winke ich ab “DAS habe ich verstanden. Also – was ist denn das Problem, dass sie mitten in der Nacht – zu DRITT – hierher treibt? Schmerzen? Blutungen? Irgendwas?”

Frau Mompsel schüttelt bei jeder Frage energisch den Kopf während die Dometscherin mich anschaut, als hätte sie erst gar nicht verstanden, was ich von ihr will. Die Kleine auf dem Stühlchen neben mir rülpst jetzt zur Abwechslung ein bisschen.

Ich bin ein klein wenig verzweifelt – so kommen wir weder weiter noch irgendwann zurück in unsere Betten – hilflos blicke ich mich nach meiner Ambulanzschwester um, doch die hat sich ja schon vor gefühlten Stunden klammheimlich aus dem Staub gemacht und sitzt jetzt garantiert irgendwo gemütlich Kaffee trinkend in der Ecke.

“Was kann ich für sie tun?” Versuche ich es jetzt mal mit einem neuen Ansazt. Wieder fragende Blicke zwischen den Frauen, dann taucht so etwas wie Erleuchtung in Frau Mompsel ebenmässigem Modelgesicht auf.

“Weisch du – ich wollde mol schaue lasse, ob s oi Jung odr oi mädle wird!”

“JUNG ODR MÄDLE…!” schallt es echogleich aus der Dolmetscherin Mund und sogar der kleine Pupser nickt jetzt eifrig mit dem Köpfchen. Da sind die drei Frauen sich jetzt mal tatsächlich einig.

Ich hole ein bisschen Luft. Nein – ich hole ganz viel Luft. Dann…

“Sie haben also KEINE Schmerzen?…”

*DreifachesKopfgeschüttel*

“…keine Blutung?…”

*Schüttel*

“…die letzte Periode war sicher vor 4 Wochen…”

*WildesNicken*

“…und sie wollen jetzt nur wissen, welches Geschlecht ihr Kind hat?”

“Abr noi – i will wisse, was s wird!”

Gut – das wir darüber geredet haben….

Energisch kritzel ich fünf Dinge auf meinen Notfallschein, stopfe den Durchschlag in einen hübschen Umschlag, den ich sorgfältig zuklebe, schreibe ordentlich leserlich den Namen von Frau Mompsels Gynäkologen drauf und überreiche ihn der überrascht dreinblickenden Frau feierlich.

“Hier bitte – gehen sie damit nächste Woche zum Frauenarzt, der kann dann alles weitere mit ihnen besprechen!

“Abr…!” protestiert das Würtschinia und reisst die babyblauen Augen ganz weit auf “was isch noh mid moim Uldraschall?”

“JA – ULDRA_SCHALL…!” echot es hinterher

“Tut mir leid! Aber der muss heute ausfallen. Und im übrigen – das Pupsen in der Ambulanz ist strengstens verboten!