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Angelina Jolie lässt sich vorsorglich die Brustdrüsen entfernen…

“Angelina Jolie lässt sich aus Angst vor Krebs beide Brüste amputieren!”

Dieser Satz geistert aktuell durch die weltweite Presse und viele werden – das Bild dieser sagenhaft schönen Frau vor dem geistigen Auge – erst einmal reflektorisch die Luft anhalten. Wie jetzt – Angelina Jolie OHNE BRÜSTE?

Nein! Denn was die Presse erst im Kleingedruckten preisgibt: Mrs. Pitt wird mitnichten brustlos durchs weitere Leben schreiten. Und da ich davon ausgehe, dass ein nicht geringer Anteil des Brangelina-Vermögens in eben jene Operationen eingeflossen ist, wird wahrscheinlich weder Laie noch Fachmann auf Anhieb erkennen, das die neuen Brüste nicht mehr die alten sind.

Und hier liegt jetzt nämlich auch der Fehler zumindest der deutschen Presse-Leute: Amputiert heisst in der Regel: Abgeschnitten, weggeworfen. Tutti-kompletti – und hinterher fehlt da eben etwas. Bei einer “beidseitigen, subkutanen Mastektomie”, also Entfernung des Brustdrüsengewebes OHNE die darüberliegende Haut sieht man aber hinterher nur unwesentlich mehr (bzw. weniger), als nach einer normalen Brustvergrösserung: Im Bereich der unteren Brustfalte, der Achsel oder der Brustwarze (je nachdem, wer den Eingriff durchgeführt hat!) wird ein Einschnitt gemacht, durch den man das komplette Brustdrüsengewebe entfernt. Anschließend wird (oft mit Hilfe eines zusätzlichen Muskels, der zumeist aus dem Rückenbereich mobilisiert und nach vorne gebracht wird) das nun fehlende Volumen aufgefüllt. Zusätzlich kann noch ein Implantat eingesetzt werden, welches den Aufbau vervollständigt.

Ordentliche Wundheilung und einen guten Operateur vorausgesetzt (und ich bin mir sicher, dass Angelina einen der Besten hatte) wird man zumindest im bekleideten Zustand quasi nichts mehr von dieser Amputation sehen.

Was die Massen in den nächsten Wochen jedoch nicht davon abhalten wird, mal genau hinzuschauen – arme Angelina…

Weshalb nun dieser Artikel? Nun, weil mir folgendes doch ein wenig sauer aufstösst: Mrs. Jolie hat sich für diesen Schritt entschieden, da ihre Mutter nach zehnjährigem Kampf im Alter von 56 Jahren an einem Mamma-Ca verstorben ist. So steht es im Interview geschrieben. Woraufhin die Tochter sich auf eine bekannte, Brust- und Eierstockskrebs hervorrufende Genmutation (BRCA1 und -2) untersuchen liess, welche tatsächlich positiv ausfiel.

Wieviele Frauen werden sich jetzt brustlos durch die nächsten Jahrzehnte wandern sehen, weil auch sie eine nahe Verwandte an den Brustkrebs verloren haben? UN_GLAUB_LICH viele! Dabei macht diese Genmutation gerade mal 8,5 – 10 Prozent an der Gesamtbrustkrebsrate aus. D.h. nicht jeder Fall von Brustkrebs in der Familie ist automatisch genetisch bedingt.

Dennoch bin ich sicher, das unfassbar viele Frauen in den nächsten Monaten aufgelöst bei ihren Gynäkologen verstellig werden, mit der Frage nach Testung auf o.g. Gendefekt. Der nicht gerade günstig zu bekommen ist, wenn man eben NICHT zu besagtem Risikokollektiv gehört. Und auch nicht immer wirklich sinnvoll…

Und gerade deshalb fände ich persönlich es besser, mit einem solchen, sehr öffentlichen Fall vorsichtiger umzugehen. Den Frauen zu sagen, das EINE Frau über 31 Jahren im engeren Verwandtenkreis (Mutter, Großmütter, Geschwister, Tanten. Nicht Cousine fünften Grades oder die Schwägerin der Nachbarin) noch lange kein Anzeichen für ein erhöhtes Risiko darstellt. Und das Amputation nicht gleich Amputation heisst.

Aber dann wäre die Schlagzeile ja nur halb so tragisch und keiner wollte sie mehr lesen…

Neulich in der Ambulanz

In der Ambulanz ist der Teufel los. Seit Dienstbeginn um 10 Uhr hab ich nun schon gefühlte 100 Frauen gesehen und geschallt, die Hälfte davon stationär aufgenommen, zwischendrin drei Geburten gemacht – und noch immer ist der Wartebereich rappelvoll.

Ich unternehme gerade den 5. Anlauf, mal eben zur Toilette zu gehen und danach vielleicht wenigstens einen Kaffee zu ziehen (Essen wird ohnehin gänzlichst überbewertet) als sich mir Ambulanzschwester Elvira (= Null Humor und ganz viel Haar auf den Zähnen) energisch in den Weg stellt.

“Josephine – du MUSST dir jetzt die beiden ****** (Korrekter Ausdruck: Angehörige einer Minderheitengruppe! Anm. d. Red.) anschauen. Die laufen nun schon seit Stunden alle fünf Minuten ins Aufnahmezimmer und schreien rum!”.
Übersetzt heißt das: Sie stören Elvira beim Pausen-Kaffee trinken, denn DEN gönnt sich Schwester E-Punkt in regelmäßigen Abständen (“ICH habe ein arbeitsrechtlich zugesichertes Anrecht auf Pause!” – wie schön! ICH auch, interessiert nur leider keinen…) – und das kann sie gar nicht ab!
Also nichts mit gekachelte Nebenräume – zurück ins Untersuchungszimmer, wo ein junges Ding, kaum älter als 14, neben seiner schwarzgelockten, verlebt aussehenden Endzwanziger-Schwiegermutter steht und betrübt drein schaut.
Wie so oft in dieser Konstellation übernimmt die Ältere ungefragt und ausschweifend das Wort: “Du, Frau (das bin ICH!) – die (mit dem Finger in den Brustkorb der jungen Frau pieksend) hat schwanger. Viiiieeel Blut in die Hose, oooooh, ganza viela Blut in die Hose – guckst du ob Baby ist gut?!”
Mit diesen Worten schubst sie die Kleine aufmunternd Richtung Untersuchungsstuhl, während sie mir mit der anderen Hand wild wedelnd Knäuel feuchtes Toilettenpapier unter die Nase hält.
“Daaaaa – guckst du, is` ganza viela Blut!” *wedel*

Danke auch – SO genau wollte ich es gar nicht wissen.

Ich: “Okay – eins nach dem anderen – SIE setzen sich jetzt da in die Ecke und warten, bis ich hier fertig bin und SIE (zum jungen Ding gewandt) ziehen vielleicht erstmal Rock und Unterhose aus, damit ich sie anständig untersuchen kann!
Die Kleine schaut mich mit großen Augen ein wenig sinnentleert an, dann rüber zur Schwiegermutter, die pronto dolmetscht, was ich will:

“DU – Hose aus! Frau will gucken ob Baby gut!”

Mit kurzen, knappen Ansagen kann das Mädel augenscheinlich mehr anfangen, als mit meinem umständlichen Gesabbel – folgsam schält sie sich aus ihrer Hose und setzt sich brav auf meinen Stuhl.
Kaum hab ich die Routineuntersuchung abgeschlossen (bei der mir noch nicht einmal ein einzelner Erythrozyt unter die Augen gekommen ist…) und den Vaginalschall eingestöpselt, geht es schon los – tatsächlich habe ich ja nur drauf gewartet:

SchwiegerMutter: “Ist die Baby gut???”

Ich: “Das Herz schlägt, alles okay!”

SM: “Ist Junge, ja? Du guckst ob ist die Junge?!”

Ich: “Nein, ganz sicher nicht!

SM (mit großen Augen): “Ist die Määäääädschen?????”

*tiefseufz*

Ich: “NEIN! Ich meine, ich weiss nicht, was es ist und ich werde auch garantiert nicht danach schauen! Das ist eine Notaufnahme und kein Baby-Kino!”

SM: “Kannst du Bild von die Gesicht? Und zeig ob ist die Junge? Alles okay? Ist schon groß, Baby – sag, ist die Baby schwer?”

Ich: “Ich schau jetzt nur, ob es irgendwo eine Blutung oder einen Bluterguss gibt!”

SM: “Bitttäää – sagscht du ist die Mädchen oder Junge? Und wieviel Monate ist Baby?”

Ich (nicht genervt, neeeeeiiin, die Ruhe selbst): “Hören sie, ihre Schwiegertochter ist in der 15. SSW und alles andere wird ihnen gerne der Frauenarzt beim nächsten Termin mitteilen!”

Aber Schwiegermutter ist mitnichten gewillt, den Frauenarzt irgendwelche Sachen zu fragen, wenn doch hier schon eine akzeptable Ärztin im weißen Kittel und mit Ultraschallgerät im Gegenwert einer Mittelklasse-Limousine steht.

SM: “Frau, du kannscht machen die richtige Bild von Baby? 3D? Machscht du uns die Bild von die 3D? Und ob das wird die Junge oder Mädschen? Hm? Du Frau?!!!!” Dabei fuchtelt sie  mir noch ein bisschen mit dem feuchten Toilettenpapierknäuel vor der Nase herum. Nur um klar zu machen, wie ernst die Lage ist.

Es ist 19.50 Uhr an einem total bekloppten DienstTag und JETZT hab ich die Nase voll. Gestrichen. Eins-zwei-drei sitzt Schwiegermama laut zeternd und fluchend vor der Tür, während ich der immer noch sinnentleert dreinblickenden, angeheirateten Tochter mitzuteilen versuche, dass alles in Ordnung ist. Keine Blutung weit und breit. Ächt jetzt!

Das Mädel indes schaut mich nur weiterhin stumm an, nickt zweimal vage und steht dann auf. Bevor sie den Raum verlässt, dreht sie sich noch einmal zu mir um und meint nachdenklich:

“Ich bin mir ziemlich sicher, dass es ein Mädchen wird!”

Als die sich die Fahrstuhltür hinter den beiden Frauen schließt, kehrt endlich wieder Ruhe in meiner Ambulanz ein…

Duplizität der Ereignisse…

Kennt ihr das? Bestimmte Ereignisse geschehen gerne mal doppelt oder mehrfach – leider handelt es sich bei diesen duplizierten Geschehnissen jedoch eher seltener um Lottogewinne, reduzierte Markenjeans oder Lohnerhöhungen. Doppelt kommt die Schwiegermutter zu Besuch (Ostern UND Pfingsten), die Nebenkostennachzahlung (2008 UND 2009) sowie der Lippenherpes (rechts UND links).

Im Kreißsaal ist dieses Phänomen ebenfalls bekannt – immer zwei Blasensprünge, zwei Kaiserschnitten, zwei Nachblutungen. Oder mehr.

So auch hier – in (m)einem Dienst long, long time from now kommen um exakt 19 Uhr zwei Schwangere in meinen Kreißsaal gestiefelt, beides FrauVonSinnen-Patientinnen, beide am Termin und exakt beide im Zustand nach stattgehabtem Blasensprung. So weit, so unspektakulär.

FvS parkt die Damen in unterschiedlichen Kreißsälen am CTG, und erhebt (nacheinander versteht sich) den jeweiligen Muttermundsbefund: ihr werdet es erahnen: Gebärmutterhals (=Cervix) weich, 2 cm, Muttermund 2 Fi-du (=Fingerdurchgängig), Kopf schwer abschiebbar auf Beckeneingang. Bei BEIDEN Frauen…

23 Uhr, Josephine in der (Dienst)Kiste – Auftritt Diensthandy (Ring und so…)

FvS: “Kannst du mal kommen…?!”

Ich (total verstrahlt): “Kannnisch noch Hose anziehn…?”

FvS: “Sagen wir mal – zügig…!”

Wer mit morgendlichen Anlaufproblemen zu kämpfen hat, sollte es mal mit Adrenalin im Kaffee versuchen – nichts macht SO schnell SO wach. Sollte man eigentlich als Dosenmilch oder Brotaufstrich verbreiten – damit könnten Millionen gemacht werden! Note to self – Adrenalinmilch…

9,8 Sekunden später steh ich schwer atmend vor zwei leuchtendgrünen CTG-Streifen, auf denen dieselben unschönen Wehentäler verzeichnet sind, während mich FvS mit verschränkten Armen und ungeduldig wippendem Fuß vorwurfsvoll anstarrt.

Ich: “Waaaas???? ICH hab das CTG nicht gemalt!” menno

Die Hebamme wischt meinen Einwand mit einer ungeduldigen Handbewegung weg und schleift mich am Arm in den ersten Kreißsaal, wo Frau X gerade PDA-sei-dank-entspannt eine sinnbefreite Fernsehsendung anschaut. “Da – Du!” schnauzt FvS, während sie mir ungeduldig einen durchsichtigen Handschuh hinhält. Ich habe keine Ahnung, warum SIE jetzt schlechte Laune hat, immerhin bin ich aus schönstem REM-Schlaf geklingelt worden.?! Trotzdem tu ich, wie mir geheißen wird.

*** 23.04 Uhr *** Cervix verstrichen *** MM 6 cm *** Kopf fest auf Beckeneingang***

Muss ich es erzählen? Ja, sicher, Frau Y bietet EXAKT denselben Befund. Es ist zum in die Tischkante beißen…. Okay, hilft ja alles nichts – eine MBU muß her. Aber pronto. Die Frage ist nur – bei welchem Kind zuerst? Ich beschließe, dass es kein Luxus ist, meinen Hintergrund zu informieren – hier sind 4 Hände einfach zu wenig. Dr. O, meine allzeit bestens *huuuuust* gelaunte Oberärztin ranzt ein wenig einladendes “WAAAAAAAAAAS?!?!” in den Telefonhörer, kaum das es zum ersten Mal geklingelt hat. Darf das Telefon etwa IM Bett schlafen…?!

Ich berichte von meinem duplizierten Chaos – und ernte Unverständnis. Warum ich angerufen hätte? Nur um dich zu ärgern… Warum ich keine MBU gemacht habe und das sie derzeit keinesfalls zu kommen gedenke. Bitte-Danke-Aufgelegt.

Gerade noch sinniere ich ernsthaft über einen zweiten Anrufversuch nach, als FvS aus dem Kreißsaal brüllt: “JOSEPHINE – DER HAUSDIENST!!!!!!”

(Hausdienst ist die Hebamme im Hintergrund, die immer dann kommt, wenn es brennt. Und DIE kommt dann auch gleich, ohne diskutieren. DIE haben es gut, die Hebammen….! Anm.d.Red.)

HÄÄÄÄÄÄH? Frau Chaos auf der Leitung. Was macht der Hausdienst im Kreißsaal…??? Als ich fragend den Kopf zur Tür herausstrecke, sehe ich die Hebamme – schwer schnaufend – Frau Y IM Bett über den Gang schieben, während selbige (Frau Y nämlich) – völlig unbeteiligt, weil gut-sitzende-PDA-intus – wild auf ihrem Handy herum klöppelt.

Ich komplett verwirrt: “Frau von S – WAS machst du da, bitte?”

FvS schwitzend und schnaufend: “Frau Y ist VOLLSTÄNDIG – BECKENBODEN!!! Rate wer NOCH????”….

To make a long story short – der Hausdienst hat es dann nur noch zum Umbetten von Mutter UND Baby X geschafft – entbunden haben wir (FvS und ich) in Stereo und alleine – eine Frau auf dem Kreißbett, eine im normalen Bett daneben. Baby 1 geboren um 23.22, Nummero 2 um 23.23 Uhr!!!

Und hier endet die Duplizität nun endlich – 1 ist ein kerngesunder Junge, 2 ein nicht minder fittes Mädel. Hurra! Vorbei! Heldin und Hebamme nass geschwitzt aber glücklich. Bis zum nächsten Mal…

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(Okay, ich habe voraus gesetzt, dass ihr unsere Räumlichkeiten kennt – wir haben neben jedem Kreissaal einen Raum, wo die Frauen mit Familie nach der Geburt noch ein bisschen einkehren können. Dort wurde Baby Nummer 2 geboren. NATÜRLICH mit frischen Handschuhen und eigenem Zubehör…:))

The Return Of Chaos…

Ich schäm mich ja fast ein bisschen, dass ich wieder hier bin. Bzw. schäm ich mich, zum ZWEITEN MAL wieder hier zu sein, denn man könnte ja meinen, ich schließe dieses Blog alle paar Monate mal, nur um hinterher lesen zu können, WER mich alles vermisst hat…

Ächt jetzt: ICH FREU MICH wie Schokokuchen euch alle wieder zu haben und muß gestehen, dass es mich im vergangenen Jahr doch das ein oder andere Mal gejuckt hat, neues über all die HäsChen, Blümeleins und OsoleMias dieser Welt zu schreiben! Und ihr werdet nicht glauben, in wieviele Tischkanten ich gebissen habe, respektive wie oft mein Kopf auf eben selbiger gelandet ist *headshot*

Okay, genug der warmen Worte gewechselt und direkt hinein ins Klinikgetümmel, es gibt nämlich zwei neue Kollegen, die ihr UNBEDINGT kennen lernen müßt:

Da ist zum einen Rehlein. Klein, zart, lieb und keinen Tag älter als 12! Maximal 13. Rehlein kommt frisch von der Uni und ist HÖCHST motiviert. Doch – ganz ehrlich. Es gibt nur EIN Problem – sie will, das JEDER sie lieb hat. So geht das aber nicht nicht, denn Kliniken sind keine Wellness-Farmen, hier wird per se keiner lieb gehabt. Hier geht es eher zu wie auf Guantanamo – ihr erinnerte euch? Das Gefangenenlager mit Jack Nicholson vor der Tür? Aber Rehlein versteht das nicht und schaut z.B. mit großen, verständnislosen Augen dem wütenden Anästhesisten hinterher, der nicht wirklich einsehen will, warum er mitten in der Nacht aus dem Schlaf heraus in den Kreißsaal gerufen wurde, nur weil dieser Gyn-Zwerg meint, es könne “vielleicht demnächst eine Sectio” anstehen…

Ich: “Rehlein, du darfst den Sandmann erst anrufen, wenn du auch wirklich sectionieren WILLST!!!”

Rehlein (fast weinend): “Aber – aber ich dachte, dann kann er sich schonmal mental drauf einstellen und muß nicht so Hals-über-Kopf aus dem Bett fallen…?”

Ich: “Keiner will sich nachts im Dienst auf irgendetwas EINSTELLEN. Und schon gar nicht mental. Da will man schlafen und fertig!”

Rehlein: “Also ich fänd es schon sehr schön, wenn man mich nachts mental vorwarnen…!”

Rehlein findet ganz viele Sachen sehr schön – wenn man “ganz doll viel auf die Gebärende eingeht” z.B. Was ja prinzipiell tatsächlich gut und löblich ist. Kommt aber auch immer irgendwie auf die Situation an:

——- Kreißsaal, Erstgebärende in der Pressphase, Muttermund vollständig, Kopf auf Beckeneingang. CTG – na, geht so ———

Die Frau auf dem Bett kreischt und wütet, schreit nach Mama, Papa und dem Papst (Italienerin – die sind mit dem Mann in Rom irgendwie soooo dick….) und hat vor lauter Schreierei leider keine Zeit, ein bisschen zum Kind hin zu atmen. Während FrauVonSinnen verzweifelt versucht, stimmlich gegen diese italienische Fortissima anzukommen und ich schon die Kiwi (Hand-Saugglocke) aufs Bett geschmissen habe, macht Rehlein erstmal einen Balint-Real-Versuch: sie REDET mit der Frau! Wie das Kind den heißen soll??? – “Maaaaammmmaaaaaaaa!!!!!” – ob es wohl auch so schöne Haare wie die Mama hat, dass gebären irgendwie voll wild und anstrengend und das Wetter gerade so toll ist.

FvS schaut mich ein wenig spärlich an – ich kanns verstehen, denn bei all dem Gesabbel kommt in der Tat nichts mehr von dem bei der Patientin an, was ihr die Hebamme eigentlich dringend verklickern möchte.

Ich: “Rehlein – sei jetzt einfach mal still!”

Verdutzt unterbricht diese ihren Sermon, starrt mich erschrocken an – und fängt an zu weinen. Och nöööööö jetzt, Mensch, so GEHT DAS NICHT! So KANN ich nicht arbeiten!!! Während Rehlein mit rotgeränderten Augen tapfer schluckend in der Ecke steht, setze ich dann doch vorsichtig den Pümpel am Köpfchen des kleinen Verweigerers an und ziehe vorsichtig mit der Wehe am Plastikgriff. Ganz leicht und ohne Kraftanstrengung folgt mir der kleine Italiener nach draußen ins Licht der Kreißsaallampe, wo er sofort klar stellt, WER in Zukunft die Schreierei nach Mama, Papa und dem Papst übernehmen wird.

Mit Rehlein bin ich heute Nachmittag noch verabredet – wir wollen ihr einen dickeres Fell besorgen – bei Ebay oder so.

Und demnächst erzähl ich euch dann etwas über Fred vom Jupiter – meinen anderen, neuen Kollegen. Der im besten Fall ganz schön seltsam ist… :)

Waaaaaaah – wo kommt IHR denn schon alle her?????

Halt – es ist doch noch geschlossen! Wo kommt IHR denn alle her????

Jetzt wollte ich hier alles in aller Ruhe hübsch und ordentlich machen, dann ein wenig an einem kleinen, feinen Intro feilen und mich freundlich zurück melden – und dann seid ihr alle schon da? WIE GEHT DAS???

Sei es drum! Also hier das ImprovisationsIntro: Die Welt geht ja bekanntlich (mal wieder) unter und da dacht ich mir – kann ich auch noch ein bisschen Blog schreiben. Ist dann ja eh egal! Nun also mit neuem Design (ist okay so? Habt ihr mich überhaupt wieder erkannt?), neuen Geschichten und dem selben alten Job. Ich freu mich. In diesem Sinne: HELLO AGAIN! Eure Josephine Chaos :)

P.S.: Da es in der Vergangenheit doch immer mal wieder Diskussionen darüber gab, was man im Netz schreiben können darf/soll/muß oder eben nicht, gibt es als Neuerung Passwort-geschützte Artikel.

Nachtrag und Dienst und ein persönliches Wort an den KINDERDOC!!!!

Kleiner Nachtrag zu gestern: Vielen Dank an alle Kommentatoren, und nein, ich bin konstruktiver Kritik keinesfalls abgeneigt, schließlich seid ihr ja das beste Stimmungsbarometer, das Frau sich leisten kann. Und – sind wir doch mal ganz ehrlich – man hat ja doch einen Hang zum Exibitionismus, wenn man der blogschreibenden Gilde angehört, da sollte  man schonmal damit rechnen, das nicht jedem gefällt, was unter dem geöffneten Mantel zum Vorschein kommt… *ggg*

Elisabeths Einwand mit der Zigarette fand ich z.B. überraschend nachvollziehbar – werde es aber dennoch nicht ändern, da ich als ehemalige Ex-Raucherin noch heute in absoluten Stress-Situationen unglaubliche Gier nach einer Kippe bekomme. Und wenn schon ICH nicht darf, dann doch wenigstens meine Lieblingsprotagonistin :)

Und auf Adjektive steh ich einfach von Haus aus. Eine Freundin hat mal gesagt “Du bist Wort-Malerin – aber nicht die puristische Variante”. Recht hat sie - bei mir wird geklotzt und nicht gekleckert!

Heute nun wollte ich euch ein bisschen bespaßen, und - nach 10 Tagen Urlaub frisch zurück im Dienst – einige nette Anekdötchen zum Besten geben - aber was ist??? TOTE HOSE!!! Außer drei Frühschwangeren mit Übelkeit und Erbrechen bzw. profanem Scheidenpilz ist genau gar nichts los hier. Also gibt es keine zu schüttelnden Patienten und auch mein Schädel bleibt wohl für heute von einem direkten Tischkantenkontakt verschont!

Kurz vor Schluß noch ein persönliches Wort in eigener Sache an den Kinderdoc: lieber Kollege, da du mich ja hier in meinem Blog völlig freiwillig und ungezwungen angesprochen (=kommentiert) hast, gehe ich davon aus, das es NICHT in deiner Absicht liegt, das keiner meiner Kommentare in deinem Blog erscheint? Mag mich vielleicht dein Spam-Filter nicht? Gästebucheintrag funzt auch nicht… :(

Okay – demnächst bestimmt mehr – die Woche fängt gerade erst an, der nächste Dienst kommt (Dienstag) ganz sicher…!!!

Last Action Hero

Es war, als hätte sich die Welt vor Antritt meines Urlaubes gemeinschaftlich gegen mich verschworen – 3 Dienste, dreimal geballtes Chaos. Bitteschön – DAS muss für die nächsten 2 Wochen ausreichen…:

Freitag

der Dienst beginnt angenehm ruhig – und so verbringe ich die ersten Stunden des Tages mit oSoleMia und deren neuestem Spielzeug – dem iPhone! Soli ist zwar eine töffte Hebamme, aber von Technik-Eiern und kompatibler Software hat sie soviel Ahnung, wie der Psychosomatiker vom operieren. Und so zieht der Nachmittag vorüber mit dem Einrichten von iTunes-Konten, dem verballern von MasterGoldCard-Nummern (warum bin ICH eigentlich nicht Hebamme geworden???…) und auf der ersten Suche nach den neuesten Apps.

Währenddessen weht Solis Ertgebärende zwei Zimmer weiter friedlich von 3 auf 8 Zentimeter. Braves Mädchen.

Gegen 18 Uhr wird es eng im kleinen Besprechungszimmer – Frau von Sinnen stapft – mit grimmiger Miene und allen von-Sinnen-üblichen Überlebensutensilien bewaffnet – zur Tür herein, eine Schwangere mit Blasensprung im Schlepptau – die Nacht verspricht eine Kurze zu werden. Nachdem die Ambulanz dann doch noch voll läuft, ist es schließlich 0.30 Uhr, als mein Dienstbett und ich endlich zusammen finden. DOCH: zu früh gefreut, keine halbe Stunde später ein bimmelndes Telefon mit einer kleinlauten oSoleMia – das CTG sei schlecht, der Geburtsbefund seit zwei Stunden gleichbleibend, ob ich denn mal schauen könnte…?!

Nee, eigentlich gerade gar nicht, meine Augen sind müd und würden gerne nichts anderes mehr sehen, als die Augenlider von innen – aber wen interessiert das schon??? Im Kreißsaal liegt eine sich windende, schnaufende, heulende Frau elendsgleich auf dem ausladenden Kreis(s)bett, und ich denke wehmütig, wie gut es sich DA drauf wohl gerade schlafen ließe…?! Okay, zurück zum Tatort – Frau Z. ist eine durchaus hübsch anzusehende, barock gebaute Rothaarige, mit sympathischem Lächeln und myriaden von Sommersprossen, und sie lächelt immer noch, als sie mir zwischen zwei Wehen ein durchaus freundliches, aber geradezu gnadenlos endgültiges “Ich will jetzt einen Kaiserschnitt!!!” entgegen knallt. Ääääh – wie jetzt?? – Ja, sie hält es nicht mehr aus, die Schmerzen und so (Frau Z. hat quasi mit Aufnahme in den Kreißsaal die PDA verpaßt bekommen – auf höchstdringlich eigenen Wunsch wohl gemerkt – hätt ich sie doch nur gleich sektioniert…), und deshalb wolle sie jetzt und hier GLEICH einen Kaiserschnitt haben.

Okay, 1 Uhr morgens, Muttermund vollständig – schöne Nummer das. Soli steht mit verschränkten Armen und “SiehstDU!!!”-Blick neben mir, bescheinigt auf Nachfrage den fehlenden Geburtsfortschritt und ist leider in keiner Weise gewillt, mir zur Seite zu stehen. Wozu auch? Frau Z.s Entschluss steht bombenfest, und es gibt nichts frustraneres, als eine (wohlgemerkt: schmerzfreie!!!) Frau zur spontanen Entbindung zu zwingen. Geht hierbei auch nur die kleinste Kleinigkeit schief, steht man augenblicklich mit beiden Beinen in Teufels Küche. Und da will ich nicht hin. Nicht mitten in der Nacht, keinesfalls 4 Tage vor meinem wohlverdienten Urlaub! Also trommel ich “das Team” zusammen – Chef, Anästhesie, OP – den üblichen Verdächtigen eben, und keine Stunde später ist Frau Z. mittels “sanftem” *HUST* Kaiserschnitt von einer wirklich entzückenden, kleinen Tochter entbunden.

Das ich das Kind dabei quasi von Scheidenausgang wieder zurück in den Bauch ziehen mußte, macht mich wirklich wütend. Noch eine halbe, dreiviertel Stunde Mitarbeit und bisschen pressen – dann hätten wir Mutter und Kind dieses Rumgeschnippel ersparen können. Der Chef meint nur lapidar, ich solle mich nicht ärgern – so wäre es nunmal, und außer mir seien doch alle glücklich…?! Ich will aber AUCH glücklich sein *mitdemfußaufstampf*

Hätte ich zu diesem Zeitpunkt gewußt, WIE der Abend – nein, das ganze Wochenende noch weiter gehen würde, ich wäre augenblicklich SOWAS von glücklich gewesen… – aber so war ich zu jenem Zeitpunkt nur missmutig und müde.

Selber Tag, 4 Uhr morgens.

Ich hab kaum Geburt und Sectio eingegeben, und mein müdes Haupt auf weiches Kissen gebettet – Telefon!!! Kennt jemand den Film “Und täglich grüßt das Murmeltier”??? Dies ist mein ganz persönlicher Groundhog Day, ich schwöre!!!

Am Telefon Frau-von-Sinnen, im Hintergrund hör ich das metallische Schnorcheln des Sauerstoffgerätes – und Frau von S. muß schon gar nichts mehr sagen, im blinden Galopp schmeiß ich mich in Schuhe und Kittel, jage den Gang hinunter und die Station hinauf. Frau I. ist eine kleine, muckelige Frau, der riesige Bauch wippt mit jeder Wehe bedrohlich auf und ab, und scheint noch immer bis zur Klavicular zu reichen, obwohl das Köpfchen schon fast geboren ist. Frau I. schiebt wie der Teufel, die Skleren schimmern bereits in allen erdenklichen Rottönen (deshalb AUGEN ZU, Kopf auf die Brust uuuuuuuuund….), aber noch steht das Köpfchen wie festzementiert auf Beckenausgang.

Frau von S.´ Blick ignorierend schnapp ich mir die Dammschere und stell mich schonmal in Position. Nein, ich bin sicher kein Freund der prophylaktischen Episiotomie (=Dammschnitt), aber der hier sieht schon arg stramm aus…

Als hätten die Frau und Von Sinnen einen Pakt geschlossen, drückt Frau I. das Kind in der nächsten Wehe völlig schnittlos, dafür mit mächtig Karacho über den Damm und… – Fertig!!!! Nee, nicht so, wie ihr denkt. Turtlephänomen!!! Oder zu deutsch: Schulter steckt.

Der Alptraum eines jeden Geburtshelfers, wenn der Kopf nach Geburt nicht brav routierend das Nachdrehen der Schultern anzeigt, sondern wie festzementiert im Scheidenausgang pfropft und in jeder neuen Wehe scheinbar ins Innere der Scheide zurück gesaugt wird. Gruselig das, echt gruselig!!!

Es gibt extra Standards, wie man sich im Falle einer solch eingeklemmten Schulter zu verhalten hat, und dieses Programm beginnen wir jetzt gerade abzuspulen: Zuerst MacRoberts-Manöver: Die gestreckten Beine der Patientin werden einmal – übers Kreißbett hinaus – gen Boden geführt, und dann – gemeinschaftlich und parallel in einem Zug – bis quasi zu den Ohren gezogen. Schwangerschaftsgymnastik für Fortgeschrittene sozusagen – ich schwitze, was das Zeug hält, und dreiviertel davon ist der nackte Angstschweiß.

Nichts. Das immer blauer werdende Köpfchen steckt nach wie vor korkenähnlich in der Mutter, der Blick zur Uhr – wir haben 10 Minuten. Plus – Minus.

Zweites MacRoberts – selbes Procedere. “Bitte-bitte-bitte” kreist in meinem Kopf “bitte lass ihn drehen”…

Wir halten inne – und da – dreht er. Einmal um 180 ° von 9 auf 3 Uhr. Und propft weiter. Also auf ein drittes…! Dieses Mal scheint die Schulter gelöst, ein leichtes Absenken entwickelt die vordere Schulter, nach Anheben folgt die hintere ein wenig widerwillig – und dann ist er da. Und blau. Und schnauft nicht.

Wie heißt es schon so schön bei “House of God”? Wenn jemand einen Herzstillstand hat – erst einmal den eigenen Puls fühlen. Ich schnaufe selber mal tief und lege los. Wie im Film läuft das Schema durch – Neugeborene brauchen Wärme – frische Decke, Wärmebett – sie haben keine Probleme mit dem Herzen, sondern mit der Atmung – also Schnüffelstellung und Maske drauf. Schön abdichten – und parallel Anästhesie informieren.

Der kleine Wurm liegt schlappi vor mir als der Brustkorb sich unter meiner Beatmung zu heben und senken beginnt. 30 Sekunden, dann muß sich etwas getan haben – sonst folgt der nächste Punkt auf der Liste: Druckmassage. Doch so weit müssen wir gottlob gar nicht gehen – das Kindelein wird rosig, alles doch noch gut. Der erste Schrei macht mich jetzt wirklich glücklich. Ich bin klatschnass geschwitzt – und frage mich mal wieder, ob ich nicht doch langsam zu alt bin für das Spiel…?!

To be continued….