Das Pupsen in der Ambulanz ist strengstens verboten!

In meinem kleinen Ambulanzzimmer riecht es, wie in einer schlecht geführten Bahnhofstoilette – WIE_DER_LICH! Der Grund dafür ist geschätzte 13 Jahre alt, weiblich – und pupst. Also – bläht. Gibt Gas ab. Furzt. Ganz wirklich – und zwar mitten in der Nacht!

Es ist 2.40 Uhr in der Früh (ist es eigentlich nicht IMMER 2.40 morgens…?) und während ich krampfhaft versuche, nicht vom Gestank betäubt mit dem Kopf auf die Tischkante zu schlagen, bin ich umringt von zwei Frauen und dem pupsenden Teenager.

*Pffffffttttttt*

Ich (angestrengt durch die Nase atmend): “Okay, die Damen – WER von ihnen ist schwanger?” So jedenfalls hat Ambulanzschwester Notfall es weiter gegeben, bevor sie mich kopfüber ins Zimmer geschubbst und anschliessend zügig die Tür hinter mir geschlossen hat.

Ich sende ein kurzes Stossgebet zum Himmel, das es nicht das gasende Kind sein möge – ich gestehe, nicht wegen des jugendlichen Alters, nein, um diese Uhrzeit fällt es mir  einfach extrem schwer, meine eigenen Körperfunktionen unter Kontrolle zu halten, wenn mir beim gynäkologischen Untersuchen ins Gesicht gefurzt wird.

*Pffftttttt*

Jesusmaria – noch ein bisschen und ich muss den Katastrophenschutz informieren….

Streng blicke ich die kleine Luftverpesterin an, welche lediglich sinnentleert zurückstarrt und erneut den ihren Musculus sphincter ani lockert

*Pfffffttttt*

Statt dessen antwortet Würtschinia Mompsel – so der Name auf dem roten Notfallschein vor meiner Nase – mit quiekendem Stimmchen: “Des bin isch!” Besagter Notfallschein setzt mich obendrein davon in Kenntnis, das die letzte Periode meiner Patientin gerade mal 4 Wochen her ist, und sie sich somit kaum weiter als in der frühesten Frühschwangerschaft befinden dürfte. Zustand nach gerade  stattgehabter Befruchtung sozusagen. Meine linkes Oberlid zuckt verdächtig, was es immer dann tut, wenn sich ein Sturm am Horizont zusammenbraut.

Ich (mit ein bisschen Tränen in den Augen ob der verpesteten Luft und der gestörten Nachtruhe): “Okay – und was haben sie so für Beschwerden?”

Frau Mompsel ist ein wirklich hübsch anzuschauendes Mädel – 19 Jahre alt, groß, schlank mit gelbgefärbtem Wallhalla-Haar, was jedoch der Tatsache keinerlei Abbruch tut, dass sich unter all dem Gelb ein wunderbar ebenmässiges Gesicht befindet. TopModel-Format sozusagen, wenn auch leider reichlich zugekleistert mit jeder Menge billigem Make-up. Und das allerhellste Licht auf dem Kuchen ist Würtschinnia leider auch nicht…

“Isch hend da so oin Teschd gmachd…!”

Bitte – WAS?

Gesagt habe ich nichts, aber die Fragezeichen über meiner gerunzelten Stirn waren wohl zumindest für die dritte Dame im Bunde gut wahrnehmbar.

“SIE HEDD DA SO OIN TESCHD GEMACHT!” brüllt sie mir freundlich ins Gesicht, jede einzelne Silbe nachdrücklich betonend. Der Teenie pupst bestätigend.

Ich (jetzt ziemlich wach): “Gut – und weiter?”

Verständnislos glotz Würtschie erst mich, und dann ihre persönliche Dolmetscherin an, die aber nur ratlos mit den Schultern zuckend zu mir blickt.

“Was moin sie?” fragt sie mich freundlich, dann, sich meiner Unfähigkeit ihre Sprache zu verstehen erinnernd “WAS MOIN…!”

“Ist schon gut” winke ich ab “DAS habe ich verstanden. Also – was ist denn das Problem, dass sie mitten in der Nacht – zu DRITT – hierher treibt? Schmerzen? Blutungen? Irgendwas?”

Frau Mompsel schüttelt bei jeder Frage energisch den Kopf während die Dometscherin mich anschaut, als hätte sie erst gar nicht verstanden, was ich von ihr will. Die Kleine auf dem Stühlchen neben mir rülpst jetzt zur Abwechslung ein bisschen.

Ich bin ein klein wenig verzweifelt – so kommen wir weder weiter noch irgendwann zurück in unsere Betten – hilflos blicke ich mich nach meiner Ambulanzschwester um, doch die hat sich ja schon vor gefühlten Stunden klammheimlich aus dem Staub gemacht und sitzt jetzt garantiert irgendwo gemütlich Kaffee trinkend in der Ecke.

“Was kann ich für sie tun?” Versuche ich es jetzt mal mit einem neuen Ansazt. Wieder fragende Blicke zwischen den Frauen, dann taucht so etwas wie Erleuchtung in Frau Mompsel ebenmässigem Modelgesicht auf.

“Weisch du – ich wollde mol schaue lasse, ob s oi Jung odr oi mädle wird!”

“JUNG ODR MÄDLE…!” schallt es echogleich aus der Dolmetscherin Mund und sogar der kleine Pupser nickt jetzt eifrig mit dem Köpfchen. Da sind die drei Frauen sich jetzt mal tatsächlich einig.

Ich hole ein bisschen Luft. Nein – ich hole ganz viel Luft. Dann…

“Sie haben also KEINE Schmerzen?…”

*DreifachesKopfgeschüttel*

“…keine Blutung?…”

*Schüttel*

“…die letzte Periode war sicher vor 4 Wochen…”

*WildesNicken*

“…und sie wollen jetzt nur wissen, welches Geschlecht ihr Kind hat?”

“Abr noi – i will wisse, was s wird!”

Gut – das wir darüber geredet haben….

Energisch kritzel ich fünf Dinge auf meinen Notfallschein, stopfe den Durchschlag in einen hübschen Umschlag, den ich sorgfältig zuklebe, schreibe ordentlich leserlich den Namen von Frau Mompsels Gynäkologen drauf und überreiche ihn der überrascht dreinblickenden Frau feierlich.

“Hier bitte – gehen sie damit nächste Woche zum Frauenarzt, der kann dann alles weitere mit ihnen besprechen!

“Abr…!” protestiert das Würtschinia und reisst die babyblauen Augen ganz weit auf “was isch noh mid moim Uldraschall?”

“JA – ULDRA_SCHALL…!” echot es hinterher

“Tut mir leid! Aber der muss heute ausfallen. Und im übrigen – das Pupsen in der Ambulanz ist strengstens verboten!

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26 thoughts on “Das Pupsen in der Ambulanz ist strengstens verboten!

  1. ….buhaha…auf so ne geschichte hab ich schon lang mal wieder gewartet….*wieher*
    hat mir grade meinen abend versüßt!! :-))

    liebe grüße,
    heike

  2. Oh du arme! Ich durfte neulich selbst mal “Simulantenschwangere” spielen… hatte den ganzen Tag unerklärlche Bauchschmerzen ohne sonstige verdächtige Symptome, die diese erklären konnten. Fühlte sich irgendwie auch bissl wie Wehen an… Also bin ich dann abends, am Wochenende, doch noch zur Klinik gefahren, um Profimeinung einzuholen. Hab dann das volle Programm mit CTG und Ultraschall bekommen, inklusive Geschlechtsbestimmung – wobei ich gar nicht danach gefragt habe… Hab dann einen 1A “Simulantenschein” bekommen, wie ich ihn jetzt inoffiziell getauft habe, also den Entlassungsbrief mit der Formulierung “alles toll, alles prima, CTG totale Ebbe, Ultraschall absolut vorbildlich, wir konnten überhaupt gar nix besorgniserregendes finden.”… Irgendwie kam ich mir dann ziemlich doof vor, fast wie eine deiner Schwangeren aus deinen Geschichten *seufz*

  3. Gegen den Bahnhofstoilettengestank sollte es helfen, einige Streichhölzer anzuzünden. Alter Trick aus Zeiten, in denen das Klo noch auf halber Treppe war und von mehreren Mietparteien benutzt wurde.

    • das gilt aber nur für die guten alten Schwefelhölzern (das sind die, die üblicherweise von armen Mädchen – vorzugsweise in kalten Wintern (also jetzt!) – verkaufen)
      bei den heutigen “Sicherheitszündhölzern” ist der Reinigungseffekt eher begrenzt
      Liebe Josephine, da hilft nur eine andere Geruchsüberlagerung
      .. wie wär’s mit einer Prise Karbol? ;-)

      • Es funktioniert auch mit den heutigen Streichhölzern ganz gut. Ich muss zwar keine Toilette auf halber Treppe benutzen, aber mitunter öffentliche Toiletten. Um dabei nicht an dem Mief dort zu ersticken, wende ich das häufiger an.

  4. Oh Mann, bei dem Vornamen hab ich jetzt aber ein paar Anläufe gebraucht – also entweder habe ich Hunger, denn ich hab es mit “Wurst” assoziiert oder ich bin einfach müde – ich tippe auf Letzteres ;)

  5. Letzter Dienst in der Notfallpraxis Düsseldorf: ähnliches Szenario, 2 Damen, die mich erwartungsfroh anblickten mit der Frage: “ich hatte heute früh einen positiven Schwangerschaftstest und möchte wissen, ob ich denn nun wirklich schwanger bin.” “Okay, warum denn das?” Ja morgen ist doch Feiertag (es war der Mittwoch vor Himmelfahrt) und ich möchte wissen, ob ich heute Abend noch Alkohol trinken kann.”
    Die inzwischen entnervte Gynäkologin, also ich, hat dringend vom Alkoholkonsum abgeraten, damit dem werdenden Würmchen von Chantalle Jacqueline nixt passiert, und die Damen hinaus komplimentiert mit der Empfehlung das Rauchen auch zügig einzustellen. Anschließend habe ich ausgiebig gelüftet!

  6. Super Story, aber auch immer wieder traurig, wenn man sieht wie geistig eingeschränkt manche unserer Mitmenschen sind. Und die Pupsmaschine hätte ich rausgeworfen, um die Zeit hat ein 13 jähriges Kind im Bett zu sein. Aber leider muss ich feststellen, dass unsere ach so hochgelobte Zivilisation doch immer mehr “verfloddert”. Und bitte immer weiter schreiben ;-)

  7. Ich hatte mal o eine pupsende Chefin. Magersüchtig und der Darm voller Gas. Die pupste ca grässlich 30 mal am Tag und sass mir gegenüber.
    Sonst nur altgediente Amen im Büro, die nix sagten.
    Ich warf nach 6 Monaten das Handtuch und sagte auch warum. Sie behauptete sie merke ihre Pupserei nicht? Das kann doch nicht sein?

  8. So, jetzt muss ich mich outen. Ich lese deinen Blog seit einem halben Jahr ganz still und heimlich mit und muss dir jetzt einfach mal sagen, wie großartig ich die kleinen Geschichten aus dem Alltag finde! Ich hatte damals selbst ein FSJ gemacht (zuerst auf der Brustkrebsstation, dann auf der Wochen/ Neugeborenen) und es macht mir so viel Spaß, deine humorvollen Geschichten zu lesen!
    Mach weiter so! Liebe Grüße von einem ganz großen Fan ;)

  9. Und sowas bekomm ich mitten in der Nacht zu lesen. Jetzt bin ich auch wach….
    Also ich würde da jetzt mal groß auf Mangel an Erziehung und vorallem Wissen schließen….
    Ich weiß nicht wie ich reagiert hätte…aber Kopf trifft Tischplatte kritisch ist das naheliegenste.
    Ich habe höchsten Respekt vor Jedem, der die Geduld hat mit so einem “Notfall” mitten in der Nacht ruhig um zu gehen ohne dabei Worte zu benutzen wie: Bescheuert, komplett hirnverbrannt, strunz dumm (entschuldigung da kommt der Dialekt durch)….und ähnliches.

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