Friday, Freaky Friday…!

Es ist 7.50 Uhr an einem Freitagmorgen, als ich, gut gelaunt und frohen Mutes, den OP-Umkleideraum betrete und Zeuge eines seltenen Schauspiels werde…

Ich (verwundert): “Guten Morgen, Darling! Kann ich irgendwie behilflich sein?”

Vorsichtig ziehe ich die Tür hinter mir zu – nicht, dass noch irgendwer sonst sieht, was ich gerade sehe, nämlich: OP-Schwester Daria Linde, genannt “Darling”. Das allein ist jetzt tatsächlich kein Besorgnis erregender Anblick, denn Darling ist jung, hübsch und obendrein ordentlich gebaut: mit dem richtigen Mass weiblicher Rundung an den dafür vorgesehenen Stellen. An diesem Morgen jedoch steht sie – einbeinig mit rotbesocktem Fuss in ihrem gepunkteten OP-Schuh und einer Klein-Mädchen-Blumen-Unterhose unter grünen OP-Hemd herausspitzelnd – in der Umkleide unseres Operationstraktes, und hüpft im Kreis.

Ich (stirnrunzelnd): “Darling? Hast du heute Morgen irgendetwas schlechtes geraucht oder so?”

Darling schüttelt energisch den Kopf, während sie weiterhin konzentriert in dem kleinen Raum herümhöppelt. Einbeinig und im Uhrzeigersinn. Ich überlege gerade, ob dies ein Fall für den psychiatrischen Diensthabenden sein könnte, als sich die Tür hinter mir mit einem energischen Ruck öffnet und Ottilie, Oberschwester der Abteilung für operative Tätigkeit, das Set betritt.

Ottie (bellend): “MOIN, Josephine! Darling? Freaky Friday? Schon wieder?”

Freaky – WAS?

Entgeistert starre ich von Ottie zur immer noch hüpfenden Schwester hinüber, die – jetzt ein bisschen schwer atmend und mit kleinen Schweisströpfchen auf der Stirn – zustimmend nickt.

“…JA…” schnauft es angestrengt zwischen drei Hüpfern und einer halben Drehung “…Vollmond! UND Übi in Zwei UND Katha krank UND Pizza zum Mittag UND Messer im Urlaub!”

Ottie (verständnisvoll): “Jou – Freaky Friday. Ganz klar!”

Sprichts, sucht einen Stapel OP-Kleidung aus der Kammer zusammen und beginnt sich – seelenruhig pfeifend – aus ihrer Wäsche zu schälen, während das OP-Schwesterchen weiter entfesselt im Kreis hüpft – jetzt zur Abwechslung mal entgegen dem Uhrzeigersinn.

Ja, schlack noch eins – sind denn alle völlig verrückt geworden? Da…

“Mooooiiiiin!”

Erneut öffnet sich die Tür zur Umkleide und herein schneit Edda Lieblich, anästhesistische Assistenzärztin und offensichtlich bestens bekannt mit den Gepflogenheiten unseres OPs, denn mit einem Blick auf die hüpfende Schwester ruft die Gastante überrascht aus:

“Verdammt! Freaky Friday hatten wir doch erst letzten Monat?”

Ich glaub es ja nicht – habe ich irgendetwas verpasst? Ist das ein Anti-Gyn-Insider?

“Josephine” – Darling hat jetzt endlich das Gehüpfe eingestellt und wischt sich die Schweisstropfen mit einem Papiertuch vom Gesicht, welches Ottilie ihr hilfsbereit hinhält – “Josephine, sag nicht, du hast noch nie etwas vom “Freaky Friday” gehört.

Nee – habbisch nich…

Ich schüttel unwissend den Kopf, als Edda auch schon hilfsbereit fortfährt, die Stimme zu verschwörerischem Flüstern gesenkt: “Am Freaky-Friday geht immer ALLES schief!” Ernst schaut sie mich aus großen, rehbraunen Augen an, während Darling aufgeregt mit ihrer lila OP-Haube winkt “Alles geht da schief – ganz wirklich! ALLES! Und nur manchmal kann man es mit dem Anti-Freaky-Friday-Tanz noch in letzter Sekunde herum reißen!”

Ich werfe einen kurzen Blick auf die Display-Anzeige meines Diensttelefons – nein! Heute ist mitnichten der 1. April.

“Sagt – habt ihr etwa gemeinsam komisches Zeug geraucht?” und tippe vielsagend mit dem Finger an die Stirn. “Was soll das mit “Übi in Zwei” und überhaupt?”

“GANZ einfach!” Mit wichtiger Miene baut sich die kleine OP-Schwester vor mir auf und hält mir die geschlossene Faust vor die Nase. Fast befürchte ich, jetzt für mein breites Unverständnis eines auf die Nase zu bekommen, als Darlings Zeigefinger in die Höhe schnellt:

Ers_tens – Übi operiert nie-niemals in OP II, seit ihn die kleine Roma damals wegen des Leberfleckes noch bis in die übernächste Generation verflucht hat! VOM OP-Tisch herunter!”

“Hihi” gluckst Ottie hinter mir vergnügt in sich hinein “das war wirklich eine Show…!”. Und auch Edda nickt nur vielsagend.

Ich (fassungslos): “Okay – es scheint noch mehr unglaubliche Dinge in diesem Haus zu geben, von denen ich noch nie gehört habe…”

Zwei_tens” fährt Darling ungerührt fort, während nun auch der Ringfinger nach oben ploppt “Katha ist NIE krank! NIEMALS NIE! Und jetzt schon den fünften Tag in Folge!”

“Katha” ist unsere allseits unglaublich beliebte, urologische Chefärztin, heisst eigentlich Dr. Katharina Gustafsson, wird aber – auf eigenen Wunsch hin – allseits nur beim Vornamen genannt, was ihrer Autorität jedoch keinerlei Abbruch tut. Und Katha ist schlicht NIE krank. Also – bis auf jetzt.

Drit_tens” – die OP-Schwester ist nicht mehr zu bremsen, ein dritter Finger schnellt vor meiner Nase empor “Pizza! Zum Mittag! Am Freitag!…”

…gibt es sonst nie. Ausser zu Silvester oder an drei-gestrichenen Feiertagen..

“….Uuuuuuund….”

…JETZT kommt es – vier Finger vor meinem schielenden Blick warte ich gespannt aufs Finale…

VIER_TENS….” Jubilierend bricht es aus ihr heraus “MESSER!HAT!URLAUB!”

Okay – jetzt habe auch ich es kapiert. Punkt eins bis drei ist – jede Einheit für sich genommen – schon bemerkenswert. Der Vollmond hingegen geht als klinischer Aberglaube durch – operieren ist Kunst und Künstler sind abergläubisch. Das ist einfach so. Aber das Oberarzt Dr. Messer, der Mann, von dem böse Zungen behaupten, er hätte die Geburt ALL seiner sieben Kinder schlicht ver-operiert, das der tatsächlich im URLAUB ist. Freiwillig! DAS hat die Welt noch nicht gesehen.

Ich (beeindruckt): “Whow – Ich bekomme gerade ein bisschen Angst…”

Darling (verschwörerisch): “Und ich erst…!”

Edda klappert nur nervös mit den Augen, während Ottie, den Trauermarsch pfeifend, die Umkleide verlässt…

————————to be continued———————————

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10 Gedanken zu “Friday, Freaky Friday…!

  1. Josephine, ich habe noch ein vollkommen unbenutztes Buch “Glücklich leben mit den Mondphasen” im Regal stehen – das könnte ich selbstlos zur Verfügung stellen, wenn es zur Aufklärung beitraen kann :-) Es (das Buch) ist ganz schick – mit Magnetdeckelverschluss, wahrscheinlich mit Mondmagnetismus gespeist!

  2. Upps, sollte ich damals etwa einen solchen Freaky Friday erwischt haben? Würde einiges erklären……
    Bin schon sehr auf die Fortsetzung gespannt.

  3. Mir erschließt sich jetzt immer noch nicht so ganz, weswegen man da im Kreis hüpfen muss, aber ich warte mal auf die Fortsetzung…

    (Übrigens, liebe Josephine, wollte ich dir DANKE sagen für die vielen tollen Geschichten, die du in den letzten Tagen so fleißig hier veröffentlichst!)

  4. Ich bin letzte Woche zufällig über eine Empfehlung für dein Buch auf deinem Blog gelandet und habe ihn regelrecht verschlungen. Gibt es eine Möglichkeit an das Passwort für die passwortgeschützten Beiträge zu kommen? Ich bin absolut begeistert von Materie und Schreibweise, es besteht akute Suchtgefahr.

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